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Full text of "Katharina II, kaiserin von Russland im urtheile der weltliteratur"

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^ÄOAT    99/./ 


J^arbarü  CollrgE  ILibrarg. 

FROM  TUE  BEqpSST  01^ 

CHARLES    SUMNER,    LL.D., 
OF  BOSTON. 

(Clasa  of  18300 

"  For  books  relatisg  io  Folitiei  and 
Fine  Arta." 


16   A^JS^\, 


0 


KATHARINA  H. 

.     ■        KAISERIN  VON  RUSSLAND 

IM 

URTHEILE   DER   WELTLITERATUR 

VON 

B.  VON  B1LBA880FF, 

PROFESSOR  IN  ST.  PETERSBURG. 


AUT0AI8IRTE  IEBEKSETZUN6  A18  DEM  KU»8I»C11M. 


MIT  £INKM  VOKWORT  VON 

Db.  THEODOR  8CH1EMANN, 

K.  UMIVBBSITÄTS-PBOFESSOB  IN  BKRLIH. 


II.  BAND: 
DIE  LITERATUK  NACH  KATHAßlNA'S  TODE 

tl797-18»6). 


BERLIN  1897. 
JOHANNES    RADE. 

(STUHR'SCHE  BUCHHANDLUNG.) 


Siioo^  99/j 


Oruok  TOD  Uttigei  A  Wittis  io  Mpilf. 


IIb*   Histoire  ou  anecdotes  pour  la  rdvolntion  de  Bnssie  en  Tann^e 
1762.   (Par  Mr.  de  Rulhüre.)    Paris,  1797. 

Baron  Breteuil,  der  französische  Gesandte  am  Hofe 
Peters  III.,  verliess  St  Petersburg  zwei  Wochen  vor  der  Um-« 
ivälzung  vom  Jahre  1762;  Graf  Broglie  eriheilte  ihm  desshalb 
einen  ernstlichen  Verweis  und  fügte  hinzu:  „et  vous  laissez 
pour  Yoir  dömeler  cette  fus6e  un  secr6taire  ä  peine  en  ^tat, 
d'en  rendre  compte"  (Pariser  Archiv,  Russie,  v.  62,  pifece  41). 
Dieser  Secretar  war  ßulhifere,  den  Diderot  als  „un  homme  de 
beaucoup  d'esprit"  charakterisirte  (Diderot,  XVIII,  255). 

Rulhi^re  blieb  in  St.  Petersburg  15  Monate.  Er  kannte 
sehr  gut  den  Feldmarschall  Münnich  und  den  Feldzeugmeister 
Villebois,  war  bekannt  mit  der  Fürstin  Daschkow  und  dem 
Piömontesen  Odard,  mit  dem  Secretar  der  Wiener  Gesandt- 
schaft Agenfeld  und  mit  dem  Kammerdiener  der  Kaiserin, 
Michel.  Während  der  Tage  der  Revolution  verkehrte  er  viel 
auf  den  Strassen  und  Plätzen  St.  Petersburgs,  wo  er  mancherlei 
sehen  und  aus  dem  Munde  der  an  den  Vorgängen  selbst  Be- 
theiligten hören  konnte.  Endlich  hatte  er,  als  Secretar  der 
Gesandtschaft,  auch  Zutritt  zum  Gesandtschaftsarchiv,  dem 
ev  Informationen  über  die  seiner  Ankunft  in  Russland  voraus- 
gegangenen Zeiten  entnehmen  konnte.  Leider  beschrieb 
Rulhiöre  die  „Revolution  vom  Jahre  1762",  deren  Augenzeuge 
er  gewesen,  nicht  unmittelbar  nach  der  Umwälzung,  sondern 
«rst  nach  Verlauf  von  sechs  Jahren,  im  Jahre  1768.  Während 
^lieser  sechs  Jahre  waren  ihm  manche  Einzelheiten  entfallen, 
einige  Personen  stellten  sich  ihm  in  einem  anderen  Lichte  dar, 

Bilbasioff,  Katharina  II.  1 


—     2     — 

die  Unmittelbarkeit  des  Eindruckes  war  ihm  verloren  gegangen, 
und  das  Bedürfniss  einer  pragmatischen  Erklärung  der  Ge- 
fühle und  Aufregungen,  die  zu  der  Zeit  die  grosse  Masse  des 
Volkes  und  die  Einzelpersonen  beherrscht  hatten,  machte  sich 
geltend.  Als  Hauptübelstand  bei  Bulhiere  muss  bezeichnet 
werden,  dass  er,  anstatt  sich  darauf  zu  beschränken,  als  ein- 
facher Beobachter  eine  Schilderung  der  Vorgänge,  die  dann 
höchst  werthvoU  gewesen  wäre,  zu  geben,  vielmehr  als 
Historiker,  im  höheren  Sinne  dieses  Wortes,  sich  zu  präsentiren 
beabsichtigte.  Er  trug  seine  „Geschichte  der  russischen  Ee- 
volution  vom  Jahre  1762"  den  Mitgliedern  der  Akademie 
d'Alembert,  Diderot,  Frau  Geoffrin  und  Larochefoucauld,  und 
Allen,  die  sie  anhören  wollten,  vor,  und  brachte  begreiflicher- 
weise auf  seine  Zuhörer,  die  dem  Inhalte  seines  Vortrages, 
den  Thatsachen  selbst,  völlig  unbetheiligt  gegenüberstanden, 
einen  guten  Eindruck  hervor.  Anders  verhielt  sich  Katharina: 
nachdem  sie  von  dem  Werke  Rulhiere's  erfahren,  machte  sie 
die  grössten  Anstrengungen,  das  Manuscript  zu  vernichten. 
Interessante  Einzelheiten  hierüber  siehe  in  No.  1264.  So  las 
denn  Katharina  die  „Geschichte"  Rulhiere's  auch  gar  nicht* 
Die  Fürstin  Daschkow  aber  hat  sie  gelesen,  die  Irrthümer  und 
Ungenauigkeiten,  namentlich  die  sie  persönlich  betreffenden, 
notirt  (Archiv  des  Fürsten  Woronzow,  VII,  653),  und  kam  zur 
ITeberzeugung,  dass  der  mit  dem  russischen  Hofe  gut  vertraute 
Bulhi&re  dies  Buch  gar  nicht  geschrieben  haben  könne,  das 
sie  daher  als  ein  apokryphes  bezeichnete  (Archiv  des  Fürsten 
Woronzow,  XXI,  189). 

In  dem  Buche  Rulhifere's  begegnet  man  zwar  Irrthümem 
und  Ungenauigkeiten,  im  Allgemeinen  aber  ist  die  Geschichte 
der  zehn  Tage  recht  wahrheitsgetreu  erzählt^  und  einige  sehr 
werthvolle  Einzelheiten  werden  uns  hier  überliefert;  leider  aber 
giebt  Rulhifere  nicht  selten  auch  an  sich  wahren  Thatsachen 
eine  höchst  eigenartige  Färbung,  die  ganz  und  gar  nicht  der 


—     3     — 

Wirklichkeit  entspricht.  Ein  Vertrag  über  die  Thronfolge 
Katharinas,  im  Falle  dass  Peter  IIl.  kinderlos  sterben  sollte, 
ist  niemals  abgeschlossen  worden  (4);  Niemand  hat  anf  den 
St.  Petersburger  Strassen  roth  geschminkte  Bettler  gesehen 
(57)  und  er  selbst  hat  keine  „Beerdigungs-Procession"  am 
Palais  gesehen  (96);  nur  im  Scherze  hat  man  ihm  mittheilen 
können,  Katharina  beabsichtige,  im  Falle  des  Misslingens 
nach  Schweden  zu  fliehen  (81);  eine  unwahre  Darstellung  hat 
bei  Bulhi^re  *  die  Betheiligung  Michels  gefunden  (85),  und 
namentlich  auch  die  Odard's  (67,  77,  98,  151,  161);  nicht  be- 
dingungslos Glauben  darf  man  den  Abenteuern  Bressans 
schenken  (94)  und  des  valet  travesti  (113).  Aber  Alles,  was 
Rulhi^re  über  das  Gebahren  des  greisen  Grafen  Münnich  (32, 
116,  127,  130,  136),  über  die  zwei  Parteien:  Orlows  (53,  69, 
139)  und  der  Fürstin  Daschkow  (56,  66),  über  die  Ismaile wzer 
(89),  über  das  Manifest  (98),  über  Kronstadt  (117),  über  die 
Thronentsagung  (131)  u.  s.  w.  schreibt,  verdient  volle  Auf- 
merksamkeit. 

In  dem  gleichsam  die  Stelle  der  Vorrede  einnehmenden 
Briefe  Rulhiöre's  an  die  Gräfin  Egmont  vom  10.  Februar  1768 
ist  der  Gang  der  Arbeiten  des  Verfassers  und  das  ganze 
System  seiner  Geschichtserzählung  offen  dargelegt,  so  dass  der 
Leser  sich  davor  gewarnt  sieht,  allzuviel  Vertrauen  zu  hegen; 
in  dem  ebenfalls  an  die  Gräfin  gerichteten,  vom  25.  August 
1773  datirten,  die  Rolle  eines  Nachwortes  spielenden  Briefe, 
wird  dann  auf  einige  Beweisstücke  für  die  Darlegungen  der 
„Geschichte  der  russischen  Revolution  vom  Jahre  1762''  hin- 
gewiesen. 

Zwei  Ausländer,   die  nicht  Zeugen  der  Umwälzung  vom 
Jahre   1762   gewesen   sind,    haben    sich    in    ganz    entgegen- 
gesetztem  Sinne   über   das   Buch  Rulhi^re's    geäussert:    der 
•Franzose  Goebel  (No.  790)  findet,  das  Buch  sei  nichts  weiter 
als   „une   production  digne  d'un  imposteur   assez   maladroif' 


—     4     — 

(130);  der  Deutsche  Heibig  (No.  883)  dagegen  versichert,  das 
Buch  Rulhifere's  ,, enthält  Thatsachen  und  Genauigkeiten,  die 
Wenige  gewusst  haben"  (Xu).  Laveaux  lobt  ßulhiöre,  hat 
jedoch  sein  Buch  nicht  gelesen  (I,  212). 

Gleich  nach  dem  Tode  Katharinas  11.,  im  Jahre  1797, 
erschienen  acht  verschiedene  Ausgaben  der  „Geschichte" 
Bulhi&re's:  drei  in  französischer,  zwei  in  englischer,  zwei  in 
deutscher  und  eine  in  dänischer  Sprache;  in  russischer  Sprache 
existirt  bisher  keine  einzige,  obgleich  schon  M.-  N.  Longinow 
eine  genaue  üebersetzung  des  Buches  veranstaltet  hat  (Russkij 
Archiv,  1878,  IH,  6). 

Massen  (No.  841)  entschuldigt  folgendermaassen  sein  Still- 
schweigen über  die  Umwälzung  vom  Jahre  1762:  „Si  dans 
ces  Mömoires  on  ne  parle  plus  de  la  r6volution  de  1762,  c'est 
que  l'Europe  en  est  suüGsamment  instruite  par  Thistoire  qu'eu 
a  Iaiss6e  Bulhi^re,  et  qui  est  en  tout  conforme  k  ce  que 
tout  le  monde  sait  et  croit  maintenant.  Plusieurs  fois  j'en 
ai  entendu  raconter  les  d^tails  en  Bussie  par  des  gens  qui 
furent  du  nombre  des  acteurs;  et  ce  sont  k  peu  pr^s  les  memes 
que  ceux  que  j'ai  lus  depuis  dans  Rulhiöre  (I,  165)". 

Zur  Kritik  der  Erzählung  Eulhi^re's  vgl.  Swinton  (No.  809), 
wo  Richer  S6risy  versichert,  „que  Paul  tenait  beaucoup  de 
son  pöre  et  que  Catherine  et  le  beau  Soltikow  auraient  donnö 
le  jour  k  un  etre  plus  favoris^  de  dons  de  la  nature'^  Mehr 
ins  Einzelne  geht  die  kritische  Prüfung  von  Fortia  Piles 
(No.  857),  wobei  das  Buch  Rulhiöre's  genannt  wird  „un  monu- 
ment  de  m^chancetö,  d'audace  et  de  vanit6"  (37),  „un  libelle 
calomnieux"  (45)  u.  s.  w.  Auf  die  Mittheilungen  einiger 
Russen,  namentlich  Adadurow's  gründen  sich  die  Bemerkungen 
von  Andrö  (No.  891),  der  die  Vermuthung  ausspricht,  Rulhifere 
habe  sein  Buch  einzig  dem  französischen  Ministerium  zu  Ge- 
fallen geschrieben:  „il  fut  comme  la  renomm6e  qui  sort  du 
nuage;  il  avait  plus  vraies  qu'il  s'etait  hat6  de  voler  dans  sa 


—     5     — 

patrie  (390).  Trotz  abÄlligen  Urtheils  über  Rulhifere  läset 
Andr6  ihm  dabei  doch  wieder  Gerechtigkeit  wiederfahren:  „il 
accuse,  il  inculpe,  il  mele  le  vraisemblable  aux  faits  qu'il 
rapporte,  mais  avec  tant  d'esprit  et  d'art,  que"  u.  8.  w.  (391). 
In  welchem  Grade  die  Rulhifere^sche  Schrift  Alle  inter- 
essirte,  erhellt  aus  No.  885,  wo,  in  den  ,,  Souvenirs  du  comte 
de  *^"  erzählt  wird,  wie  Prinz  Heinrich  von  Preussen  bei 
seiner  Anwesenheit  in  Paris  im  Jahre  1788,  ohne  Vorwissen 
Grimm's,  „pendant  deux  matin^es"  von  Rulhiere  sich  dessen 
Geschichte  vortragen  liess,  „sans  que  Timp^ratrice  de  Russie 
ni  le  baron  de  Grimm  en  fussent  instruits,  qu'il  eüt  recherchö 
l'occasion  d'entendre  sur  son  compte  des  dötails  facheux  (89)". 
Mit  nicht  geringerem  Interesse  las  dies  Werk  ein  anderer 
Zeitgenosse,  Ludwig  XYI.,  wie  zu  ersehen  aus  den  „Notes 
sur  les  mömoires  de  feu  Mr.  Rulhifere,  6crites  de  la  main  de 
Louis  XVI.  sur  le  manuscript  en  velin"  (Archiv  des  Fürsten 
Woronzow,  XI,  491). 

776.   Katharine  II.  vor  dem  Eichterstahle  der  Menschheit.    Grössten- 
theilfl  Geschiebte.     St  Petersburg,  1797. 

Der  Titel  entspricht  dem  Inhalte.  Die  Aufgabe  des  Ver- 
fassers geht  ausschliesslich  dahin,  zu  zeigen,  „unter  welch 
einem  Gesichtspuncte  der  Menschenfreund  Katharinen  be- 
trachtet und  zu  prüfen,  ob  ihr  wohl  je  dieser  den  ßeynahmen 
der  Grossen  geben  kann"  (7).  Um  dieser  undankbaren  Auf- 
gabe zu  genügen,  wirft  der  Verfasser  einen  flüchtigen  Blick 
auf  die  wichtigsten  geschichtlichen  Vorgänge  während  der 
Regierungszeit  Katharinas  II:  die  Ereignisse  in  Polen  (8 — 12, 
22,  31—42),  die  beiden  türkischen  Kriege  (12—14,  16—17), 
die  schwedischen  Vorgänge  (17 — 31),  und  kommt  zur  Ueber- 
zeugung,  dass  „die  verewigte  Monarchin  wurde  vorzüglich  von 
der  Ruhmbegierde  beherrscht;  die  meisten  Thaten  und  Hand- 
lungen, die  sie  ausübte,  entsprangen  aus  dieser  Quelle''  (58). 
Darin  läge  noch  nichts  Schlimmes,  aber  Katharina  vernach- 


—     6     — 

lässigte  darüber  die  Interessen  des  Volkes,  namentlich  die 
der  Bauern  (50):  „Alle  Bürden  blieben  auf  den  Bauer  ge- 
wälzt; er  wurde,  wenn  die  Bekrutenzeit  kam,  zum  Soldaten 
genommen,  er  zu  den  Arbeiten  in  den  Minen  gebraucht,  er 
musste  alle  Hauptlasten  des  Staates  tragen  und  dabey  noch 
meistens  der  Aussicht  beraubt  bleiben,  seine  Ketten,  die  er 
als  Sklave  trug,  mit  der  Freiheit  vertauschen,  um  einst  in 
einen  bessern  Zustand  übergehen  zu  können'^  (51).  Dabei 
verwandte  Katharina  wenig  Aufmerksamkeit  auf  die  Ver- 
breitung von  Aufklärung,  auf  Volksbildung,  in  Folge  dessen 
die  Unwissenheit  dieselbe  blieb,  die  sie  früher  gewesen.  „Daher 
ist  auch  der  Busse  am  Ende  des  achtzehnten  Jahrhunderts 
fast  noch  ebenso  wild,  unaufgeklärt  und  ungebildet,  als  er  es 
am  Anfang  desselben  war^'  (54).  Daraus  erklärt  sich  auch 
der  Erfolg  Pugatschews:  das  Volk  warf  sich  ihm  in  die 
Arme,  in  der  Hofihung,  von  der  Leibeigenschaft  befreit  zu 
werden  (47). 

Leider  hat  der  Verfasser  zweierlei  Gewicht  und  zweierlei 
Maass:  er  rechtfertigt  den  Warschauer  üeberfall  auf  die 
Truppen  Igelstroms  (38)  und  geräth  in  Entsetzen  über  das 
von  Suworow  über  Praga  verhängte  Strafgericht,  mit  Berufung 
auf  die  Verse  Falck's: 

Und  vollends  schulgericht  zu  brennen  und  zu  sengen. 
Und  Städte  in  die  Luft  mit  Weib  und  Kind  zu  sprengen; 
Dazu  gebort  ein  Held,  wie  Souwarow  es  war  (40). 

Nicht  selten  widerspricht  er  sich  selbst:  es  sei  Aufgabe 
Gustavs  lU.  gewesen,  Katharina  die  Lehre  zu  geben,  „dass 
ein  für  seine  Unabhängigkeit  kämpfendes  Volk  im  Streite  mit 
Barbaren  nie  unterliegen  könne''  (30),  und  sechs  Seiten  weiter 
(30),  wo  die  polnischen  Vorgänge  besprochen  werden,  erweist 
sich  diese  Lehre  als  ganz  und  gar  nicht  stichhaltig.  Li  den 
Angelegenheiten  der  inneren  Verwaltung  blieb  Katharina  hinter 
Friedrich  11.   und  Joseph  II.  zurück  (58),    woher  denn,   un- 


—     7     — 

geachtet  sogar  der  berühmten  ^^Instruction''  (49,  55)^  in  Rass- 
land alles  beim  Alten  blieb:  ^^AUes  ging  auf  dem  despotisch- 
militärischen Fusse  fort  und  der  alte  Popanz  der  Regierungs- 
verÜEkssung,  bekam  der  schönen  Phrasen  und  Gemeinsprüche, 
mit  denen  die  Instruktion  zu  einer  neuen  Staatsverfassung 
abgefasst  war,  ungeachtet,  nur  einen  neuen  Rock,  bey  dem 
man  den  alten  Schnitt  behielt''  (51). 

Es  scheint  uns,  dass  die  Worte  Katharinas  selbst  als 
die  best^  Antwort  auf  das  von  dem  Verfasser  gefällte  „ürtheil" 
dienen  können:  „Je  n'ai  point  dit  ceci  pour  diminuer  rien  de 
la  distance  infinie  qu'il  j  a  entre  les  vices  et  les  vertus:  k 
Dien  ne  plaise!  tTai  seulement  voulu  faire  comprendre  que 
tous  les  yices  politiques  ne  sont  pas  des  vices  moraux  et  que 
tous  les  yices  moraux  ne  sont  pas  les  vices  politiques"  („In- 
struction", Kap.  VI,  §  56). 

Dies  Pamphlet  ist  in  gutem  Stile  geschrieben.  In  der 
Wiedergabe  der  geschichtlichen  Namen  treflfen  wii-  auf  die  un- 
möglichsten Willkürlichkeiten:  sogar  das  durch  die  Gefangen- 
nahme Kosciuszkos  berühmt  gewordene  Maciejowice  hat  sich 
in  „Maozwioz"  verwandelt.  Der  angegebene  Druckort  der 
Broschüre  ist  zweifellos  willkürlich  erfunden:  auch  sogar  unter 
Paul  I.  hätte  eine  solche  Broschüre  in  St.  Petersburg  nicht 
gedruckt  werden  dürfen. 

777.  Catharina  die  Zweite.  Darstellungen  aus  der  Grescbicbte  ihrer 
Regierung,  und  Anekdoten  von  ihr  und  einigen  Personen,  die 
um  sie  waren.    S.  1.,  1797. 

Die  Nachricht  von  dem  Tode  Katharinas  11.  gab  in  Deutsch- 
land Anlass  zu  einer  ganzen  Beihe  von  Schriften,  die,  in  Ge- 
mässheit  der  Bedingungen  des  Büchermarktes  „zur  Ostermesse" 
erschienen.  Vom  November  bis  zum  April  ist  nicht  viel  Zeit, 
und  neben  Werken  von  verhältnissmässigem  Werthe  traten 
auch  vollkommen  nichtige  und  geradezu  unsinnige  Machwerke 
ans  Licht.    Dieser  letzteren  Art  war  eine  Schrift,  deren  Heraus- 


—     8     — 

geber,  „J.  Fr.  Hammerich  in  Altona**,  sich  sogar  geschämt  hat, 
den  Druckort  anzugeben. 

Nach  einer  wortreichen  Vorrede  folgen  sieben  einzelne 
gleichermaassen  inhaltslose  kleine  Abhandlungen,  die  jedoch 
nicht  als  besondere  Kapitel  bezeichnet  sind:  1.  Peter  III.  und 
Iwan  III.  (15);  2.  Pugatschew  (99);  3.  G.  G.  Orlow  (132); 
4.  Potemkin  (165);  5.  Lanskoj,  Mamontow,  Subow  (224); 
6.  Lehranstalten,  Denkmal  Peters  I.  und  Zarskoje  Sselo  (236) 
und  7.  der  schwedische  Krieg  (258).  Wie  aus  diesedi  Inhalts- 
yerzeichniss  zu  ersehen,  ist  in  dem  ganzen  Buche  mit  keinem 
Worte  der  polnischen  oder  der  türkischen  Ereignisse  Er- 
wähnung geschehen,  abgesehen  von  allen  übrigen.  Aber  auch 
das,  was  erzählt  worden,  ist  in  falschem  Lichte  dargestellt: 
während  der  Zeit  der  Umwälzung  schwört  Katharina,  die  Frei- 
heiten des  russischen  Volkes  beobachten  zu  wollen  (44),  und 
die  Holsteiner  erbitten  sich  von  Peter  ITT.  die  Erlaubniss,  sich 
mit  den  Russen  schlagen  zu  dürfen  (52);  Iwan  III.  wird  ein- 
geschlossen in  das  „Mönchskloster  Iwerskoi,  das  auf  einer 
Insel  im  Waldaischen  See  nicht  weit  von  der  Strasse  von 
Petersburg  nach  Moskau  liegt"  (67);  Potemkin  bestrickt  Ka- 
tharina durch  klösterlich  phantastisches  Geschwätz  (171); 
Katharina  vereinbart  mit  dem  Senat  eine  besondere  Bedingung^ 
„durch  welche  sie  sich  verbindlich  gemacht  hatte,  keinen  Aus- 
länder zu  ihrem  Favorit  zu  erwählen'*  (231),  u.  s.  w.  Das 
ganze  Buch  ist  höchst  flüchtig  geschrieben ,  in  ganz  und  gar 
nicht  literarischer  Sprache,  wobei  noch  besonders  Fehler  her- 
vortreten, wie  „Lirivers"  anstatt  Dewjera  (50),  „Comolgori" 
anstatt  Cholmogory  (66),  „Zanskon-Selo"  anstatt  Zarskoje  Sselo 
(93),  „Sinavin"  anstatt  Sinowjew  (148)  u.  s.  w.  Der  Verfasser 
hat  sich  selbst  ausreichend  charakterisirt  durch  seine  Er- 
zählung von  der  ersten  Entlassung  von  Zöglingen  aus  dem 
Smolnaer  Institut:  „von  den  ersten  vierzig  bis  fünfzig  bürger- 
lichen Mädchen  erwählten  zwei  Drittheile  eine  ausschweifende 


—     9     — 

Lebensart  y  ein  Sechstheil  heirathete,  und  von  dem  übrigen 
Sechstheil,  das  wegen  Hässlichkeit  das  Handwerk  als  Lust- 
mädchen nicht  mit  Erfolg  treiben  konnte,  erreichten  nur  wenige 
ihren  Zweck  als  Gouvernanten  angestellt  zu  werden^'  (^^l)- 
Damach  freilich  gewährt  schon  kein  Interesse  mehr  das  Dr- 
theil,  das  der  Verfasser  über  Katharina  fallt:  ,Jhr  ganzes 
Leben  war  ein  seltsames  Gemisch  von  Güte,  Grossmuth  und 
Menschlichkeit  und  dann  wieder  von  kleinlicher  Eache,  Bar- 
barey  und  Despotismus;  dieser  letzte  war  nicht  von  der  schreck- 
lichen Art,  wie  der  mancher  ihrer  Vorfahren,  der  am  Morden 
Freude  gefunden  hätte,  aber  dennoch  schrecklich  genug,  um 
die  Menschheit  zu  bedauern,  die  unter  ihm  seufzte^'  (11). 

778.  Leben  Catharina  11.,  Kaiserin  und  Selbstherrscherin  aller 
Keassen  etc.  etc.  von  G.  Freiherr  von  Tannenberg,  Leipzig, 
1797. 

Baron  Tannenberg  hatte  „eine  lange  Reihe  von  Jahren** 
in  russischen  Diensten  gestanden,  war  Zeuge  gewesen  der 
Schlacht  bei  Kagul  (92),  war  in  St.  Petersburg  anwesend  ge- 
wesen bei  den  Festlichkeiten  zur  Vermählung  des  Grossfiirsten 
Paul  Petro witsch  mit  der  Prinzessin  von  Württemberg  (155), 
war  bekannt  „mit  vielen  Grossen",  und  war  glücklich  gewesen 
(„glücklich  war*')  in  ßussland.  Aus  dieser  Biographie  Katha- 
rinas n.  ist  zu  ersehen,  dass  der  Verfasser  Bussland  und  die 
Eussen  kennt,  welche  er  stets  mit  Vor-  und  Vatersnamen  be- 
zeichnet, wenngleich  er  dabei  mitunter  sich  versieht,  indem  er 
beispielsweise  die  Kaiserin  Anna  Iwanowna  „Anna  Petrowna" 
nennt,  oder  den  Alexander  Hjitsch  Bibikow  als  „Alexandro- 
witsch"  bezeichnet  (90,  127). 

Das  ganze  Werk  ist  in  71  Paragraphen  eingetheilt,  in 
denen  der  Verfasser  seine  Aufmerksamkeit  vorzugsweise  den 
äusseren  Verhältnissen  zuwendet;  die  inneren  Institutionen 
wurden  auf  nur  wenigen  Seiten  besprochen  (194),  und  voll- 
ständig unerwähnt  geblieben  sind  sogar  die  Arbeiten  zu  dem 


—     10    — 

Entwurf  des  Neuen  Gesetzbuches.  Gewidmet  hat  der  Verfasser 
sein  Werk  „Seiner  Kaiserlichen  Majestät  Paul  Petrowitsch" 
und,  da  er  nicht  die  Fähigkeit  besitzt  „den  Zaren  lächelnd 
die  Wahrheit  zu  sagen'S  hat  er  ganz  unnöthiger  Weise  seine 
Freiheit  des  Blicks  und  sogar  des  Ausdruckes  eingeengt  und 
begrenzt.  So  erweist  sich  Paul  schon  von  seinen  Kindesjahren 
an  als  überraschend  schön  und  erstaunlich  klug  (17,  86,  123), 
und  im  schwedischen  Kriege  hat  er,  obgleich  er  den  Feind 
überhaupt  gar  nicht  gesehen^  dennoch  bewiesen,  „dass  er  eine 
kriegerische  Seele  hatte  und  zum  Helden  geboren  war''  (220). 
Ebenso  genau  ist  es,  wenn  Katharina  schon  fast  in  den  Windeln 
ihre  zukünftige  Grösse  verräth  (8),  als  ausserordentlich  religiös 
bezeichnet  wird,  sowie  als  Freundin  der  Elisabeth  Petrowna 
und  ihre  Stütze  und  Helferin  in  Staatsangelegenheiten  (13); 
Peter  III.  gar,  den  Vater  Paul  Petrowitschs,  stellt  er  auf 
ein  hohes  Piedestal,  spricht  mit  Begeisterung  sogar  von 
der  Bückgabe  der  von  ihm  ja  gar  nicht  eroberten  Länder- 
gebiete (21)  an  Friedrich  II.,  und  errichtet  ihm  folgendes 
„Denkmal  Peters  III.:  Euhe  sanft,  grossmüthiger,  gütiger, 
menschenfreundlicher  Monarch!  Opfer  der  Ränkerei,  der  Bos- 
heit und  der  Rache!  Verfolgte,  gemisshandelte,  getödtete  Un- 
schuld! Du  wurdest  verfolgt  und  unterdrückt,  weil  du  das 
Gute  wolltest;  aber  bald  wird  dein  Name,  gleich  einem  Phönix, 
aus  deiner  Asche  auferstehen,  und  auf  einem  Monumente 
strahlen,  das  schöner  und  dauernder  als  dieses  ist.  Noch  vor 
dem  Ende  dieses  Jahrhunderts  ?drd  man  deine  Thaten  aus  der 
Vergessenheit  hervorziehen:  ihr  Glanz  wird  den  Glanz  vieler 
deiner  Vorfahren  übertreflfen  und  selbst  den  hellsten  derselben 
verdunkeln"  (54).  Den  Verfasser  charakterisiren  besonders 
scharf  die  der  Umwälzung  vom  Jahre  1762  gewidmeten  Para- 
graphen: „Ursachen  der  Revolution"  (25),  „Katharina  nach 
der  Revolution"  (29)  und  „Lage  Peters  III.  nach  seiner 
Entthronung"  (48).     Hier   begegnet   man   nur   einer   einzigen 


—    11    — 

interessanten  Einzelheit  (44).  Man  tri£Ft  bei  Tannenberg  auf 
mancherlei  Details,  die  Aufmerksamkeit  verdienen ,  so  bei- 
spielsweise über  Sztaray  (167),  über  Beiser  (193);  sehr  ver- 
ständig ist  die  Jesuitenfrage  behandelt  (124,  179);  interessant 
sind  seine  Aeusserungen  über  die  holsteinschen  Truppen  (35) 
und  über  die  deutschen  Historiker  (68).  Ganz  missverständlich 
aufgefasst  hat  der  Verfasser  die  polnischen  Angelegenheiten 
(70,  107). 

Das  Werk  Tannenbergs  ist  ins  Bussische  übertragen  worden. 
Die  Uebersetzung  ist  als  solche  recht  mangelhaft:  Schnee,  so 
heisst  es,  fiel  am  7.  August  in  St.  Petersburg  (148),  Mohilew 
wird  an  die  Stelle  von  Moskau  gesetzt  (160),  die  Türken  werden 
verwechselt  mit  Katharina  (162)  u.  s.  w.,  doch  sehr  interessant 
ist  diese  Uebex-setzung  durch  die  in  ihr  vorgenommenen  Ver- 
änderungen des  Textes:  Tannenberg  schrieb  zur  Zeit  Pauls  L, 
und  trat  daher  für  Peter  ni.  ein;  Timkowskij  übersetzte  zur 
Zeit  Alexanders  L,  und  ergriff  daher  Partei  fiir  Katharina  II. 
AUe  Paragraphen  über  die  Umwälzung  haben  weichen  müssen 
einer  Auseinandersetzung  über  die  Manifeste  Katharinas  (25 — 54), 
die  Lobpreisungen  Peters  IH.  für  seine  Ukase  (59)  und  Pauls 
für  die  gemeinsame  Beerdigung  seiner  Mtem  (248)  sind  ganz 
ausgelassen  u.  s.  w.  Man  darf  Timkowskij  dies  nicht  als 
Schuld  zumessen:  er  konnte  ja  wohl  im  Jahre  1804  nicht 
folgenden  Unsinn  übersetzen:  „Louise  —  Maria,  Prinzessin 
von  Baden  (EHisabeth  Alexejewna),  und  Juliana  Heinrica, 
Prinzessin  von  Sachsen -Coburg  (Anna  Feodorowna),  beide 
die  Zierde  und  Hoffnung  des  hohen  kaiserlichen  Hauses  aus- 
machen" (244). 

779.   Authenthic   memoire   of  the   life   and   reign  of  Catherine  II. 
£mpre88  of  all  the  Russias.    London,  1797. 

Ein  ziemlich  ins  Einzelne  gehender  Üeberblick  nicht  so- 
wohl über  das  Leben  als  über  die  Begierung  Katharinas,  wobei 
der  Orlows,  Potemkins  u.  s.  w.  aber  gar  nicht  erwähnt  wird; 


—     12     — 

besondere  Aufmerksamkeit  ist  zugewandt  den  Beziehungen  zu 
England,  auf  welchem  Umstände  auch  der  Werth  des  Buches 
beruht.  So  ist  das  die  bewaffiiete  Neutralität  betreffende 
Memoriel  des  Fürsten  Galizyn  herbeigezogen  (184),  und 
es  werden  Einzelheiten  mitgetheilt  über  die  Yermittelung 
Katharinas  zwischen  England  und  Holland  im  Jahre  1781 
(198)  u.  s.  w. 

Der  Verfasser  äussert  sich  folgendermaassen  über  Katha- 
rina: „The  was  a  woman  of  a  masculine  disposition,  found 
understanding,  and  great  ambition;  her  penetration  was  deep 
and  her  perseverance  astonishing^'  (5).  Zum  Beweise  hierfür 
werden  Briefe  an  D'Alembert  (26),  Voltaire  (89),  den  Papst 
(202),  Friedrich  11.  (216),  Elisa  von  der  Recke  (285)  angeführt, 
namentlich  aber  umfangi*eiche  Stellen  aus  der  „Instruction^^ 
(78—88).  Trotz  der  offenbaren  Sympathie  des  Verfassers  für 
die  Türkei,  rechtfertigt  er  Katharina  nicht  nur  hinsichtlich  des 
ersten  und  des  zweiten  Krieges,  sondern  auch  der  Annexion 
der  Krim  (210);  nicht  verstanden  hat  der  Verfasser  und  nicht 
gerechtfertigt  findet  er  die  Einmischung  in  die  Angelegenheiten 
Polens,  die  Theilungen  dieses  Landes  und  die  Grausamkeiten 
bei  der  Einnahme  Pragas.  Der  Verfasser  weiss  sogar,  dass 
auch  der  russische  Thronfolger  die  polnische  Politik  ßusslands 
nicht  gebilligt  hat:  „The  Grand  Duke  expressed  some  dis- 
approbation  of  the  business,  and  it  is  imagined,  that  from  that 
time  Her  Imperial  Majesty  vdshed  to  have  altered  the  line  of 
succession,  and  transfer  it  to  the  female  branch"  (279). 

Aehnlichen  Sinnlosigkeiten  begegnet  man  nicht  selten  neben 
vollkommen  wahren  Angaben.  So  wird  bei  Katharinas  Thron- 
besteigung, nach  „extraordinary  revolution'*  (20)  ihr  ausser  dem 
Sohne  auch  noch  eine  Tochter  zugeschrieben  (25);  die  Statt- 
halterschaften stellt  der  Verfasser  dar  als  „vice-royaltie6" 
(183)  u.  s.  w.;  aber  alle  Documente,  welche  er  anführt,  sind 
in  wörtlicher  genauer  Uebersetzung  mitgetheilt  (10,  26,  33,  72, 


—     13     — 

89,  95,  124,  131,  187,  207,  225,  239).  Unter  diesen  Documenten 
ist  auch  mitgetheilt  ein  Brief  Katharinas  11.  an  Misa  von  der 
Becke,  welcher  Brief  bei  uns  bisher  nur  als  Concept  veröfFent- 
licht  worden  ist  (Sammlung,  XXVII,  495),  wobei  die  russische 
historische  Gesellschaft  nicht  einmal  im  Stande  war  anzugeben, 
Yon  was  f&r  Werken  in  ihm  die  Rede  ist  In  gleicher  Weise 
hat  der  Verfasser  ein  interessantes  Dokument  gerettet  — 
„obolition  of  court  messages  on  familj  events  between  Sweden 
and  ßussia  (280)."  Zur  Zahl  der  vollkommen  neuen  Nachrichten 
muss  gerechnet  werden  seine  Erwähnung  der  Tragödie,  die  in 
Hamburg  nach  Veröffentlichung  des  Manifestes  über  die  Hin- 
richtung Miro¥dtschs  herausgegeben  wurde:  „Innocence  op- 
pressed,  or  the  death  of  Ivan,  emqoror  of  Russia,  a  tragedy 
by  L  E.  Talion,  dedicated  to  the  baron  de  Libenstein."  Diese 
Broschüre  ist  in  unserer  Oeffentlichen  Bibliothek  nicht  vor- 
handen. 

Das  Buch  ist  durch  zahlreiche  Druckfehler  verunstaltet, 
namentlich  bei  der  Wiedergabe  der  Eigennamen:  Gljebow  — 
Clebow,  Passek  —  Cassick  (7),  Wolkow  —  Walkow  (8), 
Wolkonskij  —  Wolonski  (117),  Perekop  —  Precup  (132)  u.  s.w. 
Dem  Buche  ist  beigegeben  „an  elegant  frontispiece^'  — 
Peter  III.,  auf  den  Knieen,  überreicht  Katharina  seinen  Degen; 
sie  ist  reitend  dargestellt,  ihr  Pferd  hält  ein  Stallknecht. 
Alle  befinden  sich  in  polnischen  Gostümen;  die  Gesichter  sind 
ganz  phantastisch  (Rowinskij,  11,  862,  No.  374;  III,  1774, 
No.  64). 

780.   Kurze  Übersicht  der  Geschichte  Katharina  der  Zweiten,  Kaiserin 
von  Rnssland,  von  Dr.  J.  Forster.    Halle,  1797. 

Die  Nachricht  von  dem  Tode  Katharinas  11.  brachte  in 
Deutschland  einen  grossen  Eindruck  hervor,  „da  Bussland  seit 
der  letzten  Hälfte  dieses  Jahrhunderts  den  Völkern  Deutsch- 
lands und  besonders  den  preussischen  Staaten  in  mancher 
Hinsicht  wichtig  geworden  ist"  (3).      Der  Verfasser  hat  eine 


—     14     — 

kleine  Broschüre  zusammengestellt,  um  darzulegen,  auf  welchen 
Wegen  Eussland  in  Europa  diejenige  Stellung  erreicht  hatte, 
die  es  zur  Zeit  des  Todes  Katharinas  einnahm. 

Die  Broschüre  ist  interessant  lediglich  als  Hinweis 
darauf,  welche  Thatsachen  aus  der  35jährigen  Begierungszeit 
Katharinas  in  Deutschland  als  besonders  vächtig  anerkannt 
wurden,  und  welche  erläuternde  Darstellung  sie  fanden.  Hier 
erfahren  wir  beispielsweise,  dass  die  Zusammenberufung  der 
Deputirten  zu  der  mit  der  Ausarbeitung  eines  Entwurfes  für 
das  neue  Gesetzbuch  betrauten  Commission  u.  a.  veranlasst 
worden  sei  durch  den  Umstand,  „dass  die  neuen  ausländischen 
Anbauer  bei  Saratof  gebeten  hatten  ihnen  Gesetze  und  Vor- 
schriften zu  geben  oder  zu  erlauben,  dass  sie  sich  eine 
Interims-Verfassung  durch  rechtsverständige  Personen  selbst 
gäben"  (20) ;  die  Institution  der  Gouvernements  wurde  hervor- 
gerufen durch  folgende  Erwägung:  „vorzüglich  fand  die  kluge 
Regentin,  dass  vielleicht  einmal  ein  Statthalter  einer  zu  grossen 
und  zu  volkreichen  Provinz  sich  leicht  empören  und  sich  vom 
Staatskörper  losreissen  könnte"  (25)  u.  s.  w.  Dem  Verfasser 
sind  bisweilen  sogar  rein  äusserliche  Thatsachen  unbekannt. 
So  fährt  Katharina  am  Tage  der  Umwälzung  vom  Jahre  1762 
aus  Oranienbaum  über  Ropscha  nach  St.  Petersburg  (13); 
Potemkin  schloss  sich  auf  dem  Lande  ein,  „und  fing  an  mit 
unglaublichem  Eifer  und  Erfolg  beinahe  den  ganzen  umfang 
menschlicher  Kenntnisse  zu  erlernen",  und  bereitete  sich  auf 
solche  Weise  vor  zu  der  Stellung  als  Favorit  (15,  26); 
Gustav  ni.  „durch  eine  Landung  unweit  Petersburg  die 
Hauptstadt  überrumpelt"  (27);  die  Grossfürsten  vermählen 
sich:  Alexander  mit  einer  Prinzessin  von  Sachsen-Coburg,  und 
Constantin  mit  einer  Prinzessin  von  Baden  (31). 

Der  taurischen  Reise  widmet  Dr.  J.  Forster  vier  Zeilen, 
und  bemerkt  dann:  „In  Kiew  legte  sie  den  Plan  zu  einer 
wichtigen  Entdeckimgsreise   in   den   nördlichen  Meeren  unter 


—  lo- 
dern Capitän  Mnlowski,  den  Georg  Forster,  als  Natur- 
forscher und  Geschichtsschreiber,  mit  vielen  Gehülfen  be- 
gleiten sollten:  welche  aber  wegen  des  gleich  darauf  aus- 
brechenden Türkenkrieges  unterbleiben  musste"  (27).  Damit 
erklaren  sich,  aller  Wahrscheinlichkeit  nach,  sowohl  das 
allgemeine  Ei^ebniss  der  Regierung  Katharinas  U.  —  „Ge- 
lehrsamkeit ^  Künste,  Handel,  Manufacturen,  Bergbau,  die 
Schifffahrt  und  allerlei  Gewerbe  nahmen  täglich  zu  und 
machen  das  grosse  Land  täglich  reicher^^  —  als  auch  die 
Hofl&iungen  auf  die  Zukunft:  „Paul  Petrowitsch,  der  jetzige 
Kaiser,  gibt  die  gegründeteste  Hoffnung  zu  einer  glücklichen 
Eegierung"  (32). 

781.   Portrait  de  fea  Sa  Majest^  Catherine  11,  imp^ratrice  de  toutes 
les  Bussies  (par  prince  de  Ligne).    1797. 

Eine  kleine  Broschüre,  ohne  Nennung  des  Namens  des 
Verfassers^  der  indessen  ohne  Schwierigkeit  aus  folgender  Stelle 
errathen  werden  kann:  „II  y  avait  dans  une  de  ces  lettres  k 
moi,  pendant  un  combat  naval  de  la  demiere  guerre  de  Suede: 
c'est  au  bruit  du  canon  qui  fait  trembler  les  vitres 
de  ma  residence,  que  votre  imperturbable  vous  6crit" 
(13).  Diesen  Ausdrücken  begegnet  man  in  den  an  den  Fürsten 
von  Ligne  gerichteten  Briefen  der  Kaiserin  (Sbomik,  XLII, 
81,  90).  In  der  Gesammtausgabe  der  Werke  des  Fürsten 
von  Ligne,  betitelt:  „M61anges  militaires,  litt^raires  et  senti- 
mentaires  du  prince  de  Ligne"  ist  dies  „Portrait"  abgedruckt 
in  Band  XX,  Seite  237. 

Eine  üebersetzung  dieses  „Portrait"  und  alle  Nachrichten 
über  dessen  Verfasser  s.  in  unserer  Abhandlung  „Fürst  de 
Ligne  in  Bussland",  und  namentlich  in  dem  Kapitel  „Fürst 
de  Ligne  und  Katharina  11"  in  der  Busskaja  Starina,  LXXTV, 
30.  Vgl.  L'Imp^ratrice  Catherine  et  le  prince  de  Ligne,  par 
Perey  (No.  1271). 


16 


782.   Anekdoten  aus  dem  Priyatleben  der  Kaiserin  Oatharina,  Pauls 
des  Ersten  und  seiner  Familie.    Hamburg,  1797. 

In  der  Vorrede  ist  gesagt:  „Diese  Anekdoten  sind  aus 
den  Papieren  eines  jungen  Polen  gezogen,  der  einige  Jahre 
unter  dem  von  dem  GrossfÜrsten  Paul  Petrowitsch  selbst 
kommandirten  Corps,  als  Inspectionsadjutant  diente^^  Dieser 
phantastische  „Inspectionsadjutant^'  dient  nur  als  Verwand 
für  die  Veröffentlichung  einer  Reihe  von  Erzählungen  er- 
fundener und  unmöglicher  Vorgänge. 

Alle  Erzählungen  sind  in  drei  Abtheilungen  gruppirt. 
Die  erste,  am  meisten  interessante  —  „Ueber  die  Handlungen 
und  Denkart  der  Kaiserin  Catharina  II."  —  ist  zugleich  auch 
die  am  wenigsten  phantastische.  Hier  wird  eine  Reihe  von 
Erzählungen  mitgetheilt  zum  Beweise  dafür,  dass  die  der 
Kaiserin  Nahestehenden  vor  ihr  die  wahre  Lage  der  Dinge 
verbargen,  und  sie  täuschten  (19),  in  Folge  dessen  dann  „der 
prächtige  Titel:  Selbstherrscherin  aller  Reussen  war  bei  der 
grossen  Katharina  sehr  oft  weiter  nichts  als  ein  Titel"  (24). 
Wir  finden  hier  auch  die  bekannte  Erzählung  von  Potemkin 
und  dem  persischen  Prinzen  (3 — 9)  und  andere  schon  sehr 
viel  mehr  phantastische  Begebnisse.  Die  zweite  Abtheilung 
—  „Pauls  des  Ersten  Charakteristik"  —  ist,  gegen  Erwarten, 
der  abgeschmackteste.  Während  der  Auslandsreise  der  Grafen 
Sjewernyje  schickt  der  „Inspectionsadjutant"  Paul  Petrowitsch 
in  die  Türkei  nach  Adrianopel,  wo  der  Grossfurst  alle  Scla- 
vinnen  loskauft,  und  nach  Konstantinopel  zu  einem  Besuche 
beim  Sultan.  Der  Verfasser  findet  eine  grosse  Aehnlichkeit 
heraus  zwischen  Paul  I.  und  Peter  d.  Gr.,  und  fügt  hinzu: 
„Nur  befleckt  keins  der  Laster  seines  grossen  Ahnherrn  die 
Tugenden,  die  er  mit  ihm  gemein  hat"  (79).  Auch  zur  Frage 
der  Thronfolge  hat  der  Verfasser  irgend  etwas  in  Erfahrung 
gebracht  (107),  und  erzählt  darauf,  da  er  mit  dem  russischen 
Leben   vollkommen   unbekannt   ist,   allerlei  Fabeln   über   die 


—     17     — 

Grossfürsten  Alexander  (120)  and  Konstantin  (182)  Pawlowitsch, 
wobei  der  Letztere  schliesslich  gar  zum  St.  Petersburger  Polizei- 
minister wird  (137).  In  dieser  Abtheilnng  werden  auch  die 
Anlässe  zu  der  Schlägerei  mitgetheilt,  die  zwichen  dem  jungen 
Fürsten  Schtscherbatow  und  dem  Sohn  des  Prinzen  Xaver 
von  Sachsen  auf  der  Paradetreppe  des  Theaters  stattgefunden 
hatte  (67 — 77);  Katharina  hat  an  Grimm  über  diese  Affaire 
unter  dem  Datum  des  12.  Juni  1 795  geschrieben,  jedoch  ohne 
Angabe  der  Motive  (Sammlung,  XXIU,  642).  Die  dritte  Ab- 
theilung —  „üeber  die  Vermählung  der  jungen  Grossfürstin 
Maria  Alexandra  Paulowna  von  Bussland  mit  Gustav  IV., 
Könige  von  Schweden"  —  hat  eine  unrichtige  Ueberschrift 
erhalten:  in  ihr  ist  nicht  sowohl  von  „Heirathsanträgen"  die 
Rede,  als  vielmehr  nur  vom  schwedisch -russischen  Kriege,  in 
welchem  Gustav  in.  in  der  Schlacht  bei  Kronstadt  eine  Nieder- 
lage erleidet  (164). 

Sogar  die  Zeitgenossen,  und  namentlich  auch  die  Deutschen 
(No.  840)  gaben  ihrer  Unzufriedenheit  mit  dieser  Broschüre 
Ausdruck  (541). 

7S3.   Eurzgefasste    Lebensgeschichte   Catharinas  U.,   Kaiserin   und 
Selbstherrscherin  aller  Beussen.    Petersburg,  1797. 

Eine  nicht  nur  kurze,  sondern  auch  recht  abgeschmackte 
Lebensbeschreibung  Katharinas.  Von  den  100  Seiten  sind 
die  ersten  39  ausschliesslich  der  Staatsumwälzung  vom  Jahre 
1762  gewidmet,  d.  h.  mehr  als  ein  Drittel  der  Broschüre;  aus 
den  übrigen  zwei  Dritteln  ist  das  Material  ebenso  ungleich- 
massig  vertheilt:  die  aller  wichtigsten  Vorgänge  werden  ganz 
mit  Stillschweigen  übergangen,  während  der  Verfasser  doch 
die  Begrüssungsrede  des  Senats,  vom  2.  September  1793,  in 
Anlass  des  Friedensschlusses  mit  der  Pforte,  in  wörtlicher 
Uebersetzung  wiedergiebt  (79). 

Der  Verfasser  ist,  wie  es  scheint,  ein  Deutscher,  und 
zwar   vielleicht   ein   Holsteiner  (31):   die   Erfolge    des   ersten 

Bilbsaaoff.  Kathaiina  IL  2 


—     18     — 

türkischen  Krieges  werden  erklärt  durch  die  Theilnahme 
zweier  „geborener  Deutschen",  Weismanns  und  Bauers  (42); 
bei  der  ersten  Theilung  Polens  wird  die  Antheilnahme  Oester- 
reichs  und  Preussens  ganz  verschwiegen  (45)  u.  s.  w.  Mit 
Recht  sieht  der  Verfasser  in  Katharina  die  directe  Nachfolgerin 
Peters  des  Grossen:  „Niemals  waren  noch  Peters  des  Grossen 
Entwürfe  so  glücklich  fortgesetzt,  zum  Theil  weiser  um- 
geschaffen, oder  so  sehr  zu  einer  kaum  gehoflften  Vollkommen- 
heit erhoben  worden,  als  durch  Catharina  II."  (50).  Dies 
wird  auf  den  übrigen  50  Seiten  in  kurzer  Erwähnung  der  ge- 
schichtlichen Ereignisse,  jedoch  keineswegs  immer  der  alier- 
wichtigsten,  näher  ausgeführt,  stets  begleitet  von  den  lautesten 
Lobeserhebungen.  Der  Verfasser  charakterisirt  folgender- 
maassen  seine  Gesichtspunkte  und  die  Aufgabe,  die  er  sich 
gestellt  hat:  „Catharina  11  besass  alle  Eigenschaften  einer 
grossen  Regentin  im  höchsten  Grade;  dass  Sie  aber  auch 
Fehler  gehabt  haben  möge,  ist  aus  dem  Grunde  zuzulassen, 
weil  sie  Mensch  war.  Doch  eine  einzige  von  ihren  vielen 
Tugenden  würde  vermögend  sein,  dieselben  von  der  Tafel 
wegzuwischen,  auf  die  sie  aus  Vermessenheit  eines  Profanen 
etwa  aufgezeichnet  werden  könnten.  Weit  entfernt  sey  diess 
von  jedem  derselben,  und  so  auch  von  mir.  Meine  Absicht 
war,  nur  ihr  thatenreiches,  unnachahmliches  Leben  in  Kürze 
zusammengezogen  der  Welt  vorzutragen,  und  dieses  glaube 
ich  in  so  weit  vollzogen  zu  haben,  bis  eine  geschicktere  Feder 
zu  Entwerfung  so  unzählbarer  Vollkommenheiten  angewendet 
wird"  (91). 

St.  Petersburg,  als  der  Ort  der  Herausgabe  der  Broschüre 
ist  mit  Absicht  und  Vorbedacht  fälschlicherweise  angegeben: 
im  Jahre  1797,  zur  Regierungszeit  Pauls  I.,  hätten  weder  die 
übermässigen  Verherrlichungen  Katharinas  noch  die  wahrheits- 
gemässen  Aeusserungen  über  Peter  III.  (3,  14,  31)  in  St.  Peters- 
burg gedruckt  werden  dürfen.     In  einer  zweiten  Ausgabe  der 


—     19     — 

Broschüre,  richtiger  als  „Titelaasgabe''  zu  bezeichnen,  eben- 
falls vom  Jahre  1797,  ist  „Augsburg"  als  Druckort  an- 
gegeben. 

784.  Vita  di  Caterina  Seconda,  imperatrice  di  Russia,  scritta  da 
Datfide  BertolotH,    S.  1.  et  a. 

Eine  kleine,  in  16  Paragraphen  eingetheilte  Lebens- 
beschreibung, die  gleichsam  nur  als  Erläuterung  dient  zu  dem 
grossen  gravirten  Portrait  nach  dem  Originalbilde  von  ßosselin 
(Rowinskij,  11,  799).  Diese  „Edition  de  luxe  —  in  folio",  auf 
dickem  Papier  und  in  grosser  Schrift  ist  ohne  Angabe  des 
Ortes  und  des  Jahres  des  Druckes,  und  auch  die  Seitenzahlen 
fehlen;  wahrscheinlich  (wie  aus  dem  Familiennamen  des  Ver- 
fassers zu  schliessen)  ist  sie  in  Italien  erschienen,  und  zwar 
im  ersten  Jahre  der  Regierung  Pauls  I.:  „le  succedette  al 
trono  Poalo  I.  suo  figlio",  jedoch  ohne  nähere  Angabe  des 
^Jetzt  glücklich  Begierenden"  oder  des  ^,in  dem  Herrn  Ent- 
schlafenen", Ausdrücken,  die  in  der  Litteratur  des  Westens 
nicht  üblich  sind. 

Es  ist  dies  eine  Ode  in  Prosa,  ein  Panegyrikus  auf  Ka- 
tharina, als  Frau,  Mutter  und  Herrscherin.  Der  Verfasser 
schildert  folgendermassen  die  äussere  Erscheinung  Katharinas: 
„Bella  nella  sua  gioventü,  Caterina  serbava  anco  a  settant' 
anni  qualche  avanzo  della  sua  prima  avvenenza;  il  dolce  e 
benigno  suo  tratto  inspirava  la  confidenza  e  la  gioja;  parea 
che  la  giovinezza,  la  serenitä;.  il  brio  le  danzassero  perpe- 
tuamente  all'  intomo." 

785.  Ueber  das  Leben  und  den  Charakter  der  EaiBerin  von  Rubs- 
land  Katharina  IT.  Mit  Freymüthigkeit  and  Unpartheylichkeit. 
[Seume,]    Altona,  1797. 

Der  anonyme  Verfasser  rühmt  sich,  ein  Landsmann  Ka- 
tharinas zu  sein:  „unser  Vaterland  darf  stolz  darauf  sein,  sie 
unter  seine  Kinder  zählen^'  (4),  und  er  wünscht  daher  um  so 
mehr,   eine  kurze   Geschichte   ihrer  Regierung   „mit  philoso- 


—     20     — 

phischem  und  kosmopolitischem  Sinne^'  (6)  darzustellen,  d.  h. 
über  sie  ,^ehr  kosmisch  als  historisch'^  (33)  zu  reden. 

Die  kosmopolitischen  Tendenzen  and  die  kosmischen  Er- 
wägungen des  Verfassers  äusserten  sich  als  Yollkommene  und 
bedingungslose  Rechtfertigung  dessen,  was  sich  ereignet  hatte. 
Die  Besitznahme  der  Krim  (55),  die  Theilung  Polens  (48,  79), 
sogar  die  Aufrechterhaltung  der  Leibeigenschaft  (93)  und  ebenso 
die  Staatsumwälzung  vom  Jahre  1762  (21),  alles  geschah  „zum 
Besten  der  besten  der  Welten'^,  um  so  mehr  als  ihm  Katharina  IT. 
selbst  als  das  Muster  einer  Herrscherin,  eines  Menschen  (21, 
26,  93,  138,  140),  und  sogar  einer  Frau  (141,  151)  erscheint. 
Das  ist  alles  recht  gut,  schlimm  ist  nur,  dass  die  äussere 
Form  der  Erzählung  buchstäblich  übereinstimmt  mit  der  in 
Nr.  789,  z.B.: 


Andrä: 
Das  Gewissensgericht  ist  aller- 
dings eine  sehr  wohlthätige  Er- 
scheinung. Den  Fremden,  welcher 
keinen  BegrifiP  davon  hat,  könnte 
der  Name  erschrecken,   indem    er 


Seume: 
Die  wohlthfttigste  Erscheinung  ist 
das  Gewissensgericht.  Den  Fremden, 
welcher  vielleicht  keinen  Begriff 
davon  hat,  könnte  der  Name  er- 
schrecken, indem  er  sich  eine  Art 


der  schlimmsten  Inquisition  darun- 
ter vorstellt    Es  ist  aber  ganz  etc. 


sich  eine  Art  der  schlimmsten  In- 
quisition darunter  vorstellt  Es  ist 
aber  ganz  etc. 

Bisweilen  wird  die  Erzählung  der  Thatsachen  in  kos- 
mische Betrachtungen  gehüllt  (75,  78,  87,  vergl.  Andrä  153  bis 
154);  hin  und  wieder  finden  sich  sogar  persönliche  ürtheile 
des  Verfassers  wörtlich  wiederholt  (108,  vergl.  Andrä  145), 
ganz  abgesehen  schon  von  den  Anekdoten,  deren  Wahl  und 
Erläuterung  bei  beiden  Autoren  vollständig  übereinstimmt 
(158—160,  vergl.  Andrä,  186—189)  u.  s-  w.  Beide  Werke 
sind  in  ein  und  demselben  Jahre  (1797)  gedruckt,  das  eine 
in  Halle,  und  das  andere  in  Altena;  wer  von  dem  andern  ent- 
lehnt hat,  und  ob  nicht  beide  Verfasser  aus  einer  gemeinsamen 
Quelle  geschöpft  haben  —  das  ist  eine  für  uns  völlig  be- 
deutungslose Frage. 


—     21     — 

Aus  der  Zahl  der  selbständigen  Theile  bemerken  wir  hier 
das  ürtheil  des  Verfassers  über  die  russischen  Truppen 
(52,  156)  und  als  etwas  Neues,  von  dem  wir  leider  nicht 
wissen,  woher  es  geschöpft  ist,  die  Notiz,  dass  gleich  nach  der 
Staatsumwälzung  vom  Jahre  1762  „an  den  Grenzen  bei  Reyal 
und  Kiga  waren  sogleich  die  thätigsten  Massregeln  ftir  die  neue 
Monarchie  genommen"  (29).  Als  Neuigkeit  tritt  uns  hier  auch 
entgegen  die  Erwähnung  eines  angeblich  allgemein  bekannten 
Historikers  Katharinas:  „Es  ist  in  Russland  bekannt,  dass  ein 
Mann  von  bewährter  Rechtschaffenheit,  von  gründlichen  ge- 
läuterten Kenntnissen  in  alter  und  neuer  Literatur,  von  dem 
feinsten  Geschmack,  und  desser  literarischer  Kredit  schon  unter 
seinen  Landsleuten  und  unter  den  Ausländem  fest  steht,  der 
überdies  in  den  wichtigsten  Geschäften  der  Kaiserin  oft  ge- 
braucht worden,  entschlossen  ist,  die  Geschichte  seiner  Mo- 
narchin ohne  Schmeicheley  der  Nachwelt  zu  geben"  (8). 

Als  Beispiele  wörtlich  übereinstimmender  Stellen  in  den 
Werken  von  Seume  und  von  Andrä  stellen  wir  hier  die  ent- 
sprechenden Seitenzahlen  zusammen:  53,  54 — 64,  65;  54 — 150; 
61—150;  63  —  150;  64—150,  151;  75—153;  78,  79  —  153; 
87—154;  97—149;  102—137;  107—89;  107,  108,  109—144, 
145,  146;  109,  110—100—101;  120,  121,  122,  123—146,  147, 
148;  128—178;  140—162;  146—184;  149—201;  150—200; 
158,  159—188,  159,  160—186,  187;  160—188. 

786.  Vita  e  gesta  di  Caterina  11,  imperatrice  di  tutte  le  Rassie.  2  v. 
Italia,  1797. 
Diese  tönende  Ueberschrift  —  vita  e  gesta  —  der  drei 
dünnen  Bändchen  hat  der  Verfasser  durch  passendere  Inhalts- 
angabe ergänzt:  „nella  quäle  si  descrivono  le  vittorie  delle 
armi  russe  contro  i  turchi;  le  conquiste,  le  bettaglie  navali, 
gli  aflfari  della  Pollonia,  i  viaggi  di  vari  sovrani,  ed  altri  avve- 
nimenti  del  presente  secolo".  Thatsächlich  ist  der  Verfasser 
aller  Wahrscheinlichkeit  nach  eine  Militärperson,   er  wendet 


—     22     — 

seine  Aufmerksamkeit  ansschliesslich  den  Kriegen  Katharinas 
zu,  berücksichtigt  nur  selten  nichtmilitärische  Angelegenheiten 
rein  äusserlicher  Natur,  und  schweigt  vollständig  über  die 
inneren  Vorgänge  des  Landes.  Für  militärische  Fragen  hat 
das  Werk  vielleicht  eine  gewisse,  wenn  auch  jedenfalls  nur 
geringe  Bedeutung;  sogar  die  Namen  von  Obersten,  die  sich 
durch  irgend  etwas  ausgezeichnet  habeu,  sind  in  ihm  aufge- 
führt (I,  124;  m,  153),  um  so  eher  also  auch  die  Kund- 
gebungen Tschemyschews,  Bulgakows,  Repnins  (II,  18;  III,  80, 
138)  —  aber  als  eine  historische  Leistung  entbehrt  es  jeder 
Bedeutung.  Es  bringt  ganz  und  gar  nichts  Neues,  selbst  auch 
da  nicht,  wo  man  von  dem  Verfasser  eingehendere  Mittheilungen 
hätte  erwarten  können,  wie  z.  B.  hinsichtlich  der  Reise  der 
Grafen  Sjewernyje  in  Italien  (11,  154). 

Der  erste  Band,  der  bis  zum  Jahre  1771  reicht,  ist  aus- 
schliesslich den  polnischen  Wirren  und  dem  türkischen  Kriege 
gewidmet;  der  zweite  —  dem  Frieden  von  Kutschuk  —  Kai- 
nardschi,  der  Theilung  Polens  imd  der  Besitznahme  der  Krim ; 
der  dritte  —  dem  zweiten  türkischen  Kriege,  dem  schwedischen 
Kriege  und  den  beiden  letzten  Theilungen  Polens.  Ganz  zu- 
fällig trifft  man  hier,  wahrscheinlich  in  Folge  dessen,  dass  dem 
Verfasser  gelegentlich  anderes  Material  in  die  Hände  gerathen, 
auf  eine  Notiz  über  die  Befreiung  der  braunschweigschen 
Familie  (II,  151)  und  dann  wieder  auf  ein  specielles  Verzeichniss 
der  Galeeren  und  eine  Aufzählung  sämmtlicher  Theilnehmer 
an  der  taurischen  Reise  (HE,  8).  Der  Verfasser  äussert  sich  mit 
grosser  Sympathie  über  Katharina.  Als  sie  noch  Grossfürstin 
war,  „durante  il  regno  delF  imperatrice  Elisabetta,  Caterina 
impiegö  il  suo  tempo  a  coltivar  lo  spirito,  e  si  applied  sopratutto 
alla  lettura  de'  migliori  libri  di  politica;  dotata  di  talenti  superiori, 
gli  perfezionö  coli'  abitudine  della  reflessione,riducendosi  in  grado, 
comme  TelBfetto  dimostrollo  chiaramente,  di  esser  capace  non 
solo  di  concepire,  ma  di  eseguire  ancora  le  piü  saste  idee"  (1, 6). 


—     23     — 

Zum  Schlüsse  seines  Werkes ,  nach  dem  Berichte  über 
den  Tod  Katharinas,  und  nachdem  er  dessen  Erwähnung  ge- 
than,  dass  sie  über  34  Jahre  lang  Kaiserin  gewesen,  gesteht 
der  Verfasser  zu,  dass  sie  regiert  habe  „con  tal  saviezza  e 
felicitä,  che  il  di  lei  regno  formerä  una  delle  epoche  piu 
brillante  dell'  impero  russo:  essa  consolidö  senza  dubbio  le  basi 
sulle  quali  Pietro  il  Grande  fondö  la  potenza  de'  suoi  stati; 
e  non  pid  negarsi  che  tutte  le  di  lei  imprese  e  stabilimenti 
formati  non  presentino  Timpronta  di  quella  grandezza  che 
caratterizza  le  opere  del  genio"  (III,  159).  In  allen  drei 
Bänden  stösst  man  auf  Ungenauigkeiten  und,  wie  es  scheint, 
Druckfehler.  So  beschliesst  Peter  III.  seine  Tage  in  Schlüssel- 
burg (1, 15);  Admiral  Tschitschagow  wird  „Schisgagott**  genannt 
(in,  103)  und  in  dem  Worte  „Koyeikau"  wird  man  wohl  nur 
mit  Schwierigkeit  den  Namen  Wojeikow  erkennen  (I,  9)  u.  s.  w. 

Jedes  Bändeben  ist  mit  einem  Kupferstiche  ausgestattet, 
von  denen  der  im  ersten  Bändchen  Katharina  II.  darstellt, 
der  im  zweiten  —  Paul  I.,  und  im  dritten  —  die  Kaiserin 
Maria  Feodorowna.  Alle  diese  Kupferstiche  sind  ganz  miss- 
lungen,  am  meisten  verfehlt  ist  jedoch  das  Porträt  Katharinas: 
ein  mangelhaftes  Bild  nach  der  von  Leberecht  gearbeiteten 
Medaille  (Rovinskij,  II,  842,  No.  278),  aber  ohne  das  Oval 
mit  der  lateinischen  Bundschrifb,  sondern  nur  mit  der  Unter- 
schrift: „Caterina  IL"  Wahrscheinlich  der  mangelnden  Aehn- 
lichkeit  dieser  drei  Porträts  wegen  ist  keines  derselben  im 
„Slowar  portretoff"  erwähnt. 

787.    Skizzen  aus  der  Regierung  Katharinas  der  Zweiten,  Kaiserin 
von  Russland.    Prag,  1797. 

Der  Tod  Katharinas  11.  rief  in  Europa  eine  grosse  Nach- 
frage nach  Biographien  von  ihr  hervor;  auf  dem  Büchermarkte 
wurden  Bücher  und  Broschüren  über  Katharina  zum  aller- 
gangbarsten  Artikel.  Der  Verfasser  der  vorstehenden  Broschüre 
hat  sie  im  Laufe  eines  Monates  verfasst,   und   schon  im  De- 


—     24     _ 

cember  1796  wurde  sie  gedruckt:  „Der  Krönungsact  des 
gegenwärtigen  Kaisers  wird  im  Jäner  1797  abgehalten"  (78). 
Auch  nur  aus  dieser  Ueberhastung  kann  man  sich  das  Er- 
scheinen einer  so  untergeordneten  und  formal  unsauberen 
Broschüre  erklären.  Es  sind  dies  „Skizzen"  nur  deshalb,  weil 
die  fliessende  chronologische  ErzShIung  rein  äusserlicher  Ehr- 
eignisse in  eine  Masse  kleiner  Bruchstücke  zerschlagen  ist, 
die  rein  mechanisch  durch  Striche  von  einander  geschieden 
sind.  So  ist  das  Aeussere  der  Erzählung  beschaffen;  ihrem 
Sinne  und  Inhalt  nach  ist  sie  eine  Art  panegyrische  Ode  in 
Prosa,  zur  Verherrlichung  Katharinas.  „Sie  brachte  den 
Regierungsplan,  den  Peter  der  Grosse  vorgezeichnet  hatte, 
dem  Vollzuge  immer  näher,  und  bewies,  dass  sie  dazu  Torher 
bestimmt  worden,  ein  mächtiges  Volk  zu  beherrschen"  (48), 
wobei  jedoch  weder  der  Plan  Peters  noch  auch  die  Art  und 
Weise  seiner  Verwirklichung  durch  Katharina  angedeutet 
werden.  Freilich,  in  Polen  und  der  Türkei,  in  der  Blrim  und 
in  Schweden,  am  Kuban,  in  Grusien  und  auf  dem  Mittelmeere 
triumphirt  Katharina  stets,  weil  sie  für  Recht  und  Wahrheit 
kämpft;  in  der  inneren  Politik  ist  ihre  Regierung  gekenn- 
zeichnet durch  segensreiche  Reformen,  und  sie  kommt  dem 
Kaiser  Alexander  II.  sogar  noch  um  hundert  Jahre  zuvor: 
„Die  Aufhebung  der  Leibeigenschaft  des  russischen  Land- 
mannes ist  eine  Wohlthat  der  Kaiserin,  die  der  Nation  stets 
unvergesslich  bleiben  wird,  dadurch  wurde  der  zahlreiche  und 
nützlichste  Theil  der  Landeseinwohner,  der  vorher  durch  den 
Druck  seiner  Herrn  einen  rohen,  wilden  und  hardnäckigen 
Charakter  überkam,  zu  guten  Bürgern  umgebildet"  (47). 

Der  Verfasser  verräth  seinen  Standpunkt  schon  von  der 
ersten  Seite  an,  indem  er  den  Tod  Peters  III.  folgender- 
maassen  darstellt:  „Eine  ausgebrochene  Empörung  gab  nun 
einleichtend  zu  erkennen,  dass  man  dem  Czar  weiter  unter- 
würfig zu  bleiben  nicht  gesonnen   war.     Seine    misslungenen 


—     25     — 

Yorkehrungen,  dem  Aufruhr  vorzubeugen  griffen  seine  Gtesund' 
heit  so  sehr  an,  dass  Er  mitten  in  den  innerlichen  Landes- 
unruhen starb''  (4).  Ueber  Katharina  freuten  sich  Alle,  auch 
schon  deshalb,  weil  sie  eine  Frau  war:  „Seit  diesem  Jahr- 
hundert waren  die  Bussen  gewohnt,  sich  der  Regierung  des 
weiblichen  Geschlechts  zu  unterzi^Len,  die  ihnen  behaglicher 
als  die  der  eingeborenen  Czaren  zu  seyn  schien"  (5).  Nach 
der  Enthüllung  des  Denkmals  Peters  des  Grossen  „die  Er- 
ziehung des  GrossfÜrsten  Paul  Petrovich  wurde  der  Oberauf- 
sicht des  Grafen  Niklas  Panin  anvertraut"  (35)  u.  s.  w.  Die 
Unwissenheit  des  Verfassers  kommt  namentlich  auch  in  der 
Wiedergabe  der  Eigennamen  zum  Ausdruck:  Jakutsk  — 
„Ikostk"  (14),  Gattschina  —  Kaschwin  (78),  Elphinstone  — 
„Elchnigsthon"  (23)  u.  s.  w. 

Der  Broschüre  ist  ein  Kupferstich  beigefügt:  Katharina, 
in  ganzer  Gestalt,  im  Purpurmantel,  an  einem  Tisch,  auf 
welchem  die  Krone  und  das  Scepter,  das  sie  mit  der  rechten 
Hand  fassen  will,  sich  befinden.  Die  Unterschrift  lautet: 
„Catharina  die  Ute,  Kaiserin  von  Bussland,  geb.  den  2.  Mai 
1729".  Nur  die  Unterschrift  giebt  Anlass,  in  der  dargestellten 
Persönlichkeit  die  Kaiserin  Katharina  zu  sehen. 

788.   Abriss  des  Lebenfi  und  der  Regierung  Kaiserin  Katharina  11. 
von  Bassland.  [Biester,]    Berlin,  1787. 

Eine  mit  Verständniss  zusammengestellte  Uebersicht  der 
Hauptmomente  der  Begierung  Katharinas  11.  Besonders  gut 
geschrieben  sind  die  ersten  sechs  Capitel,  bis  zum  Jahre  1774; 
die  übrigen  zwei  Capitel,  die  die  letzten  22  Jahre  der  Be- 
gierung umfassen,  stellen  sich  eher  nur  als  ein  kurzer  Ent- 
wurf dar,  wobei  viele  Ereignisse  und  Erscheinungen  nur  an- 
gedeutet sind.  Der  Verfasser  hat  die  Werke  Friedrichs  11. 
benutzt  (129,  133)  und  die  Briefe  Voltaires  (156),  sowie  die 
Werke  von  SpitÜer  (119,  122)  und  Struensee  (235);  die  von 
ihm  angezogenen  Citate  aus  russischen  officiellen  Documenten 


—     26     — 

(35,  37,  42,  51,  53,  62,  69,  94,  105,  155,  218,  249,  260,  274) 
sind  alle  wörtlich  genau.  Die  russische  Sprache  kennt  der 
Verfasser  nicht  (263),  die  von  ihm  angeführten  russischen 
Worte  sind  aber  richtig  wiedergegeben  (69,  70,  72,  91,  151, 
174,  196,  200,  216).  Besonders  wichtig  ist  das  Buch  infolge- 
dessen,  dass  der  Verfass*  Mittheilungen  der  Gräfin  Mellin, 
verwittweten  QeneraUn  Ulrici  benutzt  hat,  welche  die  Anhalt- 
Zerbster  Prinzessin  Sophie  Auguste  Friederike  persönlich  ge- 
kannt und  mit  ihr  correspondirt  hatte,  und  die  dem  Verfasser 
zwei  ihrer  Briefe,  aus  den  Jahren  1742  und  1789  mittheilte 
(300,  302).  Vielleicht  hat  der  Verfasser  von  dieser  Gräfin 
Mellin,  deren  Neffe  in  russischen  Diensten  stand,  auch  die  an 
anderer  Stelle  nicht  zu  treffenden  Einzelheiten,  die  er  über 
Iwan  III.  (11,  104)  über  dessen  Flucht  nach  Smolensk  (107), 
und  über  das  griechische  Project  (273)  mittheilt,  in  Erfahrung 
gebracht.  Der  Verfasser  giebt  auch  einige  unwahre  Gerüchte, 
die  in  damaliger  Zeit  umgelaufen  waren,  wieder,  so  z.  B.  über 
die  Anerkennung  Katharinas  als  „  Thronfolgerin  ^<  bei  ihrer 
Vermählung  im  Jahre  1745  (7);  über  die  türkische  Bekannt- 
machung anlässlich  der  Pest  (160),  über  die  Geldsendung  des 
Erzbischofs  Benjamin  von  Kasan  an  Pugatschew  (184),  und 
über  die  Frömmelei  Katharinas  (203).  Der  Verfasser  schildert 
Katharina  nach  der  Darstellung  von  Augenzeugen  (4,  201)  und 
der  Gesichtspunkt,  unter  dem  er  ihr  Wirken  betrachtete, 
kommt  in  folgenden  Worten  zum  Ausdruck:  „Hätte  Katharina 
den  äussern  Ruhm  verschmäht,  und  nie  einen  Krieg  geführt; 
oder  vielleicht  richtiger,  wäre  nie  Eigennutz  der  sich  unter 
Schmeichelei  verbarg,  ihrem  Throne  nahe  gekommen :  so  würde 
wahrscheinlich  die  Geschichte  nur  Eine  Stimme  haben  sie  als 
Muster  aller  Regenten  zu  preisen"  (235). 

Herrman  (No.  1024)  ist  unzufrieden  mit  dem  hier  be- 
sprochenen Werke ;  nach  seiner  Meinung  „Biester  ist  ein  sehr 
glimpflich  urtheilender  Verfasser  (V,  328). 


—     27     — 

Für  uns  sind  besonders  werthToU  drei  Anhänge:  1)  ,,Ueber 
das  Geburtsjahr  der  Kaiserin"  (292),  wo  das  Datum  der  Ge- 
burt genau  auf  den  2.  Mai  (21.  April)  1729  festgestellt  wird; 
2)  „Ueber  den  Geburtsort  der  Kaiserin"  (293),  wobei  Mit- 
theiluDgen  gemacht  werden  über  das  Schicksal  des  Hauses, 
in  dem  Katharina  geboren  worden,  und  3)  „Einige  kleine 
Anekdoten  von  der  Kaiserin"  (299),  namentlich  über  die 
beiden  vorerwähnten  Briefe  an  sie. 

789.  Katharina  die  Zweite,  Kaiserin  von  Rnasland  und  Selbst- 
hemcherin  aller  Reussen.  £in  biographisch -karakteristisches 
Gemftlde  von  H.  F.  Andrä,    Halle,  1797. 

Von  den  200  Seiten  dieses  Buches  sind  mehr  als  fünfzig 
Peter  III.  gewidmet;  auf  den  übrigen  ist  Katharina  IL  vor- 
zugsweise aus  dem  Gesichtspunkte  ihres  inneren  Wirkens, 
nicht  ihrer  äusseren  Bethätigung  dargestellt,  was  für  jene  Zeit 
vollständig  neu  war.  Der  Kriege  mit  der  Türkei,  mit  Polen 
und  Schweden  ist  kaum  Erwähnung  gethan,  und  das  ganze 
Buch  handelt  nur  von  den  inneren  Institutionen  des  Landes. 
In  die  erste  Linie  ist  gerückt  die  Commission  zur  Ausarbeitung 
eines  Entwurfes  f(ir  das  Neue  Gesetzbuch  (58—63,  179,  192), 
wobei  die  administrativen  und  gerichtlichen  Institutionen,  die 
später  ins  Leben  traten,  als  Resultate  dieser  Commission  hin- 
gestellt werden  (130 — 144);  Handel  und  Industrie  beanspruchen 
einen  ansehnlichen  Theil  des  Raumes  (108—129),  ebenso  end- 
lich die  Lehranstalten  zur  Förderung  der  aUgemeinen  Bildung, 
und  namentlich  das  Gadettencorps  für  die  Landtruppen  (66 
bis  90).  Es  erklärt  sich  diese  Darstellungsweise  aus  dem  für 
den  Verfasser  massgebenden  Gesichtspunkte:  „Das  beste 
Monument  errichten  sich  die  Regenten  durch  Wohlthaten  und 
weise  Regierung  in  den  Herzen  ihrer  Unterthanen"  (145). 
Der  Verfasser  hat  als  Quellen  Schriften  benutzt,  die  in  Russ- 
land herausgegeben  worden  (89,  154),  und  theilt  wenig  Neues, 
noch  Unbekanntes  mit.      Interessant  sind  seine  Mittheilungen 


—     28    — 

über  die  russischen  Schiffe  vor  Eonstantinopel,  gleich  nach 
dem  Friedensschlüsse  von  Eutschuk-Eainardschi  (65),  über 
den  Plan  zur  Anknüpfung  yon  Handelsbeziehungen  zu  Indien 
(121),  über  die  Streitigkeiten  zwischen  S.  G.  Tschemyschew 
und  G.  G.  Orlow  (197)  u.  a.  Originell  ist  die  Form  der 
Nachricht  über  die  Forderung  Choiseuls,  der  Türkei  gegen 
Bussland  aufzuhelfen,  trotz  der  Versicherungen  Vergennes', 
„dass  die  Türken  werden  geschlagen  werden^'  (58). 

790.   Fragmens  hifltoriques  sur  Pierre  III  et  Catherine  11  [par  Ooebel], 
Paris,  1797. 

Diese   anonyme   Broschüre   (Barbier,  No.  6338)   erschien 

einige  Wochen  nach  der  Herausgabe  des  Werkes  Ton  Bulhi^re 

(No.  775)   über   die   Bevolution   vom   Jahre  1762  (124),   und 

ihre  letzten  Seiten  sind  der  Kritik  der  „Anekdoten^'  gewidmet. 

Der  Verfasser  hatte  dem  Grafen  Münnich  nahe  gestanden  (16, 

21,  27),  in  dessen  Hause  er  mit  Bulhiere  sich  getroffen  hatte. 

Vom   Grafen   Münnich   konnte   er   freilich  viele    interessante 

Einzelheiten   über   die   Staatsumwälzung    erfahren;    „j'ai   6t6 

präsent   k  cette   catastrophe^^  (3);    ohne  Zweifel  hätte  er  ein 

interessantes  Buch  über  diese  Zeit   zusammenstellen   können, 

welches   er   auch   thatsächlich   schon   zu  schreiben   begonnen 

hatte  (26,  97,  102,  107,  124),  das  aber  nicht  im  Drucke  er- 

schienen  ist.     Es  ist  dies  auch  nicht  zu  bedauern,  wenn  man 

nach  dem  Inhalte  der  „Fragmens  historiques"  urtheilt.     Die 

Broschüre    ist    angefüllt   von    allerlei   Erzählungen    von    der 

romantischen   Liebe  Katharinas   und  Peters  (9),    der   Fürstin 

Daschkow  und  Panins  (61),  mit  Fabeln  vom  Kosaken  Jemeljan, 

dem  späteren  Pugatschew  (81),   von  der  Broschüre   „Opinion 

des  observateurs  ou  Pierre  HI",  gedruckt  in  der  Typographie 

der  französischen  Botschaft  (112)  durch  einen  gewissen  „nommä 

Brisse^S  ^^^  „ä.  la  vue  de  la  sentinelle  d'Oranienbaum'^  (114) 

getödtet    worden.      Die    Unterredung    zwischen    dem   Grafen 

Münnich   und  Panin   auf  Kamennyj  Ostrow  (68)  ist   offenbar 


—     29     — 

erfuuden;  die  Erzählung  Ton  ,,  Christas  und  den  12  Aposteln 
in  Eogerwiek"  (117)  beweist,  dass  der  Verfasser  weder  Euss- 
land  noch  die  Bussen  gekannt  hat. 

791.  Katharina  ü.,  Kaiserin  von  Bussland.  Chemnitz,  1797. 
Eine  kleine  Broschüre,  die  lange  Zeit  hindurch  bei  der 
deutschen  Lesewelt  grossen  Erfolg  gehabt  hat  Der  thatsäch- 
liche  Inhalt  der  Erzählung  gründet  sich  auf  No.  794  (40), 
wobei  die  Ereignisse  in  eine  deutsche,  oder  nach  Ansicht  des 
Verfassers  vielmehr  preussische  Beleuchtung  gestellt  sind:  „es 
war  gut  und  nützlich  flir  Russland,  dass  Peter  III.  mit  Preussen 
Frieden  machte"  (20).  Die  78  Seiten  der  Broschüre  sind  in 
sieben  Capitel  von  geringem  Umfange  eingetheilt:  1.  „Ka- 
tharinens  Abstammung,  Erziehung,  Bildung  und  Vermählung 
mit  dem  Grossfürsten  Peter"  (8);  2.  „Katharina  als  Gross- 
fftrstin"  (13);  3.  „Peters  Entthronung"  (18);  4.  „Katharinens 
Sicherheitsmassregeln"  (27);  5.  „Länder,  welche  durch  Ka- 
tharina erobert  worden"  (42);  6.  „Katharinens  Verdienste  um 
Russlands  inneren  Zustand"  (58);  7.  „üeber  Katharinens 
Charakter  und  häusliches  Leben"  (74).  Neues  enthalten  diese 
kleinen  Capitel  gar  nichts.  Originell  ist  nur  die  Art  und 
Weise,  wie  der  Verfasser  beispielsweise  die  Stellung  Katharinas 
zur  Frage  der  Leibeigenschaft  auffasste:  „Peter  der  Grosse 
hatte  schon  angefangen  das  Joch  der  Sclaverei  zu  erleichtern; 
Katharina  wünschte  dessen  angefangenes  Werk  zu  vollenden. 
Gern  hätte  sie  die  Leibeigenschaft  im  ganzen  Reiche  aufge- 
hoben, aber  sie  sah  bald,  dass  sich  einem  solchen  Vorhaben 
unübersteigliche  Hindemisse  entgegensetzen  würden;  dabei 
musste  sie  behutsam  zu  Werke  gehen  und  durfte  die  Grossen 
nicht  vor  den  Kopf  stossen.  Da  sie  an  eine  allgemeine  Per- 
sonalfreiheit nicht  denken  durfte,  so  beschloss  sie  die  Zahl  der 
Leibeignen  allmählich  zu  vermindern,  und  die  der  Freien  zu 
vermehren:  die  zwei  kräftigsten  Mittel,  die  sie  hierzu  wählte, 
waren   die   Vermehrung   der   Städte  und   die   Freiheitsbriefe, 


—     30     — 

welche  alle  verabschiedete  Soldaten  für  sich  und  ihre  Nach- 
kommen erhalten"  (59).  Noch  origineller  ist  die  nachstehende 
Auffassung  des  Verfassers:  „die  Pressfreiheit,  welche  sie  bald 
nach  ihrer  Thronbesteigung  erlaubte,  und  nur  in  einigen 
Stücken  hin  und  wieder  einzuschränken  für  nöthig  fand,  muss 
jeden  geneigt  machen,  diejenigen  Handlungen,  welche  Flecken 
auf  ihre  Denkart  zu  werfen  scheinen,  auf  eine  mildere  Art  zu 
erklären,  denn  nur  der  Böse  scheuet  das  Licht"  (76). 

Unter  dem  Einfluss  des  Jahres  1797  vergleicht  der 
anonyme  Verfasser  den  Eegierungsantritt  Katharinas  mit  der 
Erwerbung  der  Gewalt  durch  Napoleon,  damals  noch  einfach 
„Bonaparte".  „Sie  errang  sich  die  Herrschaft  mit  nicht 
mindern  Gefahren  —  auf  sie  wartete,  bei  etwas  wenigerem 
Glücke,  wo  nicht  der  Tod,  doch  ewige  Gefangenschaft  in 
Sibirien,  so  wie  auf  Bonaparten,  wo  nicht  die  Guillotine,  doch 
Cayenne"  (3).  Keiner  der  Franzosen,  und  noch  viel  weniger 
der  Deutschen,  hat  sich  zu  einer  solchen  Vergleichung  herbei- 
gelassen. 

Die  Broschüre  erlebte  drei  Auflagen  —  im  Jahre  1804 
und  sogar  noch  1823,  wobei  in  ihnen  aUen  ebenderselbe  „Bo- 
naparte" figurirte. 

792.   L'ombre  de  Catherine  II  aux  Champs  Eljs^es.    Kamschatka, 
1797. 

Von  allen  „Unterredungen  im  Reiche  der  Todten"  (No.  49) 
ist  nur  eine  für  uns  besonders  interessant:  hier  fuhrt  Katha- 
rina II.  ein  Gespräch  mit  Peter  dem  Grossen,  Ludwig  XVI, 
und  Friedrich  11.  Die  Broschüre  war  recht  verbreitet,  wurde 
mehrmals  unter  verschiedenen  Titeln  neugedruckt,  und  zwar 
stets  mit  falscher  Angabe  des  Druckortes:  weder  in  Kam- 
tschatka, noch  in  Moskau  oder  Paris  hätte  die  Schrift  heraus- 
gegeben werden  können. 

Nach  der  Absicht  des  Verfassers  und  dem  Zwecke,  den 
die  Broschüre  verfolgt,  kann  sie  nur  aus  der  Feder  eines  der 


—     31     — 

französischen  „6migr6s"  herstammen,  von  denen  im  Todesjahre 
der  Kaiserin  Katharina  das  südliche  Deutschland  überschwemmt 
war.  Der  Verfasser  hat  im  Auge,  zur  Bildung  einer  Coalition 
gegen  Frankreich,  in  der  dem  Kaiser  Paul  I.  eine  entschei- 
dende Rolle  gewahrt  sein  sollte,  die  Anregung  zu  geben.  Von 
den  drei  Gesprächen  ist  das  mit  Ludwig  XVI.  am  bedeut- 
samsten; in  der  Vorrede  yergiesst  Charon  Thränen  nur  über 
das  Schicksal  des  hingerichteten  Königs,  und  zum  Schluss 
wendet  sich  Friedrich  11.  an  Paul  I.  mit  der  Auflforderung, 
zum  Schutz  der  französischen  Monarchie  das  Schwert  zu  ent- 
blössen.  Ein  Russe  hat  die  Broschüre  jedenfalls  nicht  ge- 
schrieben: vom  Tode  Peters  I.  bis  zum  Tode  Katharinas  II. 
waren  nicht  „soixante  ans"  (17)  verflossen,  Moskau  ist  keine 
Wüste  (40),  im  Jahre  1762  hat  nicht  „Siewers"  (78)  Kron- 
stadt besetzt,  u.  s.  w.;  die  Erwähnung  des  Wortes  „knout" 
(35),  und  die  Entdeckung  des  „Feudalismus"  in  Russland 
(35)  u.  s.  w.  weisen  auf  einen  ausländischen  Ursprung  der 
Broschüre  hin;  und  eine  scharfe  Aeusserung  über  die  Demo- 
kratie giebt  Anknüpfung  zu  der  Vermuthung,  dass  die  Bro- 
schüre einen  der  französischen  Emigranten  zum  Verfasser  hat: 
„On  compte  dans  les  monarchies  les  renversements,  les.  change- 
ments  de  places  par  rögnes  ou  du  moins  par  ministres;  mais 
dans  le  regime  qu'il  plait  aujourd'houi  d'appeler  d^mocratie, 
c'est  par  individus,  c'est  par  jour  et  ce  sera  bientot  par  heure, 
qu'il  faudra  dater  ces  bouleversements  dangereux"  (30). 

Nach  den  der  Kaiserin  Katharina  in  den  Mund  gelegten 
Reden  zu  urtheilen,  hatte  der  Verfasser  eine  ausserordentlich 
hohe  Meinung  von  ihr;  nicht  nur  Friedrich  IL  oder  Ludwig  XVI., 
sondern  selbst  Peter  d.  Gr.  erkennen  ihre  Ueberlegenheit  be- 
reitwillig an;  sogar  Charon  spricht  zu  ihr:  „tu  resteras  tou- 
jours  un  Colosse  et  ta  stature  paraltra  d'autant  plus  gigantes- 
que  que  tu  vivais  dans  un  siöcle  de  Pygm^es"  (4).  Dem  Er- 
scheinen Katharinas  im  Reiche  der  Todten  war  ein  guter  Ruf 


—     32     — 

von  ihr  vorausgegangen,  und  Peter  d.  Gr.  spricht  zu  ihr:  „les 
divers  Souverains  ont  6i6  d'accord  pour  me  dire  que  tu  ma- 
vais  recommenc6  aupr^s  de  ce  peuple,  que  j'ai  tirä  de  la  bar- 
barie"  (19).  Katharina  selbst  spricht:  „Je  suis  mont6e  sur 
le  tröne  avec  audace,  je  m'y  suis  assise  avec  gräce  et  main- 
tenue  avec  grandeur"  (42).  Sie  erzählt  über  ihre  Thron- 
besteigung (74),  über  Polen  (49,  97),  über  die  taurische  Reise 
(94).  Interessant  ist  die  der  Kaiserin  Katharina  zugeschriebene 
Meinung,  die  der  Verfasser  über  das  Volk  hegt:  „Le  peuple 
—  c'est  un  enfant  incons6quent  et  capricieux,  destin^  k  rester 
toujours  en  tutelle,  et  dont  il  faut  faire  le  bien  pour  ainsi 
dire  en  döpit  de  lui;  un  souverain  doit  s'appliquer  sans  re- 
lache  ä  connaltre  les  interets  de  ses  sujets,  s'en  occuper  sans 
cesse  et  ne  le  consulter  jamais"  (65).  Katharina  äussert  sich 
folgendermaassen  über  die  Impulse  ihres  Handelns:  „Avide 
de  gloire,  insatiable  de  faire  parier  de  moi,  de  remplir  les 
gazettes,  d'etre  lou6e  par  les  ^crivains  les  plus  c616bres,  de 
fatiguer  enfin  la  renomm^e,  j'ai  pr6f6r6  la  guerre  k  la  paix, 
les  conquetes  aux  amöliorations,  le  commerce  k  Pagriculture, 
rinfluence  politique  k  la  tranquillitö  int^rieure"  (47). 

793.   Vita  e  fasti  di  Caterina  II  imperatrice  ed  autocratrice  di  tutte 
le  Russie  etc.  etc.    6  tom.    Lugano,  1797—1799. 

Es  ist  dies  in  Europa  das  erste,  nach  so  umfassendem 
Plane  über  Katharina  herausgegebene  Werk.  Nicht  alle  •sechs 
Bände  sind  Katharina  gewidmet:  der  ganze  erste  Band,  und 
mehr  als  die  Hälfte  des  zweiten  handeln  über  ihre  Vorgänger, 
von  Peter  d.  Gr.  an;  aber  vier  und  einhalb  Bände  sind  aus- 
schliesslich der  Kaiserin  gewidmet,  die  der  Verfasser  ausser- 
ordentlich hochstellt.  „La  donna  piü  grande  che  forse  e  negli 
antichi  e  ne'  modemi  tempi  abbia  onorato  il  trono,  e  che  si 
rinvenga  per  lo  splendore  e  l'eccelenza  del  suo  governo  na' 
fasti  deir  istoria,  lo  &  certamente  Caterina  II.'<  Es  ist  dies 
freilich  nur  eine  Compilation,  aber  eine  sehr   gewissenhafte. 


—    38    — 

„Gli  autori  —  so  spricht  der  YerÜEisser  —  de  quali  si  h  fatto 
uso  in  quest'  Istoria  sono  Galiforo,  Voltaire,  la  Storia  Bien- 
nale Inglese,  le  opere  postume  del  Be  di  Prussia,  Goxe,  le 
€lerch  e  TEv^que  due  autori  celebri  delF  Istoria  della  Bussia'^ 
(VI).  Der  Verfasser  natzt  überaus  sorgfältig  alle  diejenigen 
Hterarischen  Erscheinungen  aus,  in  denen  er  das  ihm  nöthige 
Material  finden  kann,  lässt  aber  leider  dabei  seine  Quellen 
ungenannt.    So  z.  B.  hat  er  in  Band  VI.  S.  151    einen   vom 

4.  Juni  1783  datierten  Brief  Katharinas  an  den  Papst  auf- 
genommen, den  er  der  soeben  im  Jahre  1799  herausgegebenen 
„Corrispondenza  di  lettere  tra  Caterina  11  e  il  signore  de' 
Voltaire^'  (Lugano)  entlehnt  hat,  und  wo  auch  der  Brief  der 
Kaiserin  an  Pius  VI.  (155)  abgedruckt  ist. 

Obgleich  er  seine  Quellen  nidrt  nennt,  ist  die  Darstellung, 
die  der  Verfasser  von  den  Thatsachen  giebt,  dennoch  eine 
recht  wahrheitsgetreue.  So  z.  B.  ist  er  der  einzige  yon  den 
Geschichtsschreibern  jener  Zeit,  der  dem  dänischen  Grafen 
Banzau  einen  gewissen  Antheil  an  der  Staatsumwälzung  vom 
Jahre  1762  nehmen  lässt  (VI,  141).  Diese  Nachricht  findet 
Tollständige  Bestätigung  in  „Life  and  times  of  H.  M.  Caroline 
Matilde  queen  of  Denmark  and  Norray,  by  sir  C.  F.  Lascelles 
Wraxall  (London,  1864,  3  vis.),  und  zwar  namentKch  in  Band  I. 

5.  235 — 238.  Der  Verfasser  hat  die  Geschichte  Katharinas 
mit  Liebe  studiert,  ist  den  Vorgängen  sorgfältig  gefolgt,  und 
hat  viel  gelesen.  Seine  Charakteristiken  der  an  den  geschicht- 
lichen Vorgängen  betheiligten  Zeitgenossen  Katharinas  sind 
sehr  treffend,  und  schildern  die  gegebene  Persönlichkeit 
meistens  sehr  wahrheitsgetreu.  So  äusserte  er  sich  beispiels- 
weise über  den  Fürsten  Potemkin  folgendermassen :  „Niuno 
perö  potea  stargli  a  confronto  per  Fattivitä»  dell'  immaginazione, 
e  la  disinvoltura  ed  agilitä  del  corpo,  per  il  che  nessun  peri- 
colo  infievoliva  il  suo  coraggio,  e  nessuno  ostacolo  era  capace 
d'indurlo  a  renunziare  a'  suoi  progetti;  ma  il  successo  sovente 

Bilbassoff,  Kctliarlna  H.  3 


—     34     — 

lo  disgustava  di  quanto  avea  intrapreso  .  .  .  Promotteva 
sempre,  monteneva  poco,  e  non  si  scordava  mai  di  miente  .  .  . 
Non  potea  dirsi  profondo  in  cosa  alcuna,  ma  parlava  bene  di 
tutto  (V,  229)."  Der  Werth  seiner  Charakteristiken  beruht 
damuf,  dass  sie  gleichsam  eine  Schlussfolgerang  bilden  aas 
den  von  ihm  mitgetheilten  Thatsachen.  üeber  Katharina 
äussert  er  sich  direct  folgen  dermaassen:  „Kistoria  de'  suoi 
fasti,  delle  sue  conquiste,  delle  sue  da  noi  descritte  vittorie 
&  piü  che  bastante  a  fame  conoscere  il  carattere  fondats  supra 
una  fermezza  d'animo,  e  una  regolaritä.  di  principi,  che  niente 
era  capace  di  scuotere  (VI,  125)." 

Das  ganze  Werk,  das  22,  auf  die  sechs  Bände  vertheilte 
Kapitel  umfasst,  leidet  an  dem  Mangel  eines  festen  Planes, 
und  das  gesammte,  sehr  uihfangreiche  Material  ist  ganz  un- 
systematisch durcheinander  geworfen.  Die  Instruction  der 
Commission  vom  Jahre  1767  ist  in  den  beiden  letzten  Bänden 
mitgeteilt  (V,  339;  VI,  1);  die  Briefe  Voltaires  sind  in  drei 
Bänden  abgednickt  (11,  289;  III,  169:  IV,  1);  obgleich  die 
Vorgänge  in  chronologischer  Beihenfolge  erzählt  werden,  sind 
auch  die  wenigen  Worte  über  die  Vermählung  und  den  Tod 
der  Grossfürstin  Natalia  Alexejewna  auf  zwei  Bände  vertheilt 
(III,  162;  IV,  80).  Besonders  sorgfaltige  Darstellung  haben 
die  Angelegenheiten  Polens  gefunden  (II,  203;  IV,  75;  1—106) 
und  die  beiden  türkischen  Kriege  (II,  235;  III,  1;  V,  3,  117, 
187).  Aus  dieser  Systemlosigkeit  erklären  sich  wohl  auch  die 
im  Texte  vorkommenden  Auslassungen  ganzer,  im  Inhalts- 
verzeichnisse angegebener  Partien  der  einzelnen  Kapitel,  wie 
z.  B.  die  „Storia  e  disgrazie  di  Bobrinski"  (Libro  XXII)  gar 
nicht  dargestellt  worden  sind.  Der  Verfasser  hat  zwei  der 
Kaiserin  Katharina  gewidmete  Sonette  der  Nachwelt  bewahrt, 
von  denen  das  eine  auf  die  im  Kubangebiet  und  der  Krim  be- 
freiten gefangenen  Christen  Bezug  hat  (11,  277)  und  das  zweite 
auf  den  Sieg  des  Grafen  A.  Orlow  bei  Tschesme  (III,  46). 


—     35     — 

Ein  jeder  Band  ist  am  Anfange  mit  einem  Bildniss  aus- 
gestattet —  „Catterina  IE.",  „Anna  I.  Iwanowna",  „Pugatchef ', 
„Paolo  L",  „Principe  Potemkin"  und  „Stanislao  Augusto"  — 
und  am  Schluss  enthält  der  erste  Band  —  eine  genealogische 
Tabelle  des  Hauses  Romanow,  in  der  jedoch  nur  die  Gross* 
försten  Alexander  und  Konstantin  aufgeführt  sind,  sowie  einen 
Kupferstich,  darstellend  die  Gründung  St.  Petersburgs;  der 
zweite  Band  —  einen  grossen  Kupferstich:  Katharina,  mit  der 
Krone,  auf  weissem,  von  Pagen  geführtem  Pferde,  reitend,  mit 
der  Kasanschen  Kathedrale  im  Hintergrunde;  der  dritte  — 
eine  Karte  des  europäischen  und  eine  des  asiatischen  Buss* 
land;  der  vierte  Band  —  eine  Karte  der  Kleinen  Horde  und 
der  Krim;  der  fünfte  —  eine  Karte  der  Moldau  und  der 
Walachei;  und  der  sechste  —  eine  Karte  Polens. 

794«  Vie  de  ELatharine  II,  Imp^ratrice  de  Bussle.  [J.  Castera,]  2  yoIs. 
Paria,  1797. 

Siehe  Nr.  839.     Unter  derselben  Ueberschrift,  aber  s,  1. 

erschien  in  demselben  Jahre  eine  zweite  Auflage  des  Werkes, 

und  im  Jahre  1798  —  „nouvelle  ödition,  k  Varsovie".     Auf 

Grund  dieser  letzteren  Ausgabe  wurde  dann  auch  eine  dänische 

Uebersetzung    veröffentlicht:   „Buslands   Kaiserinde   Katarine 

den  Andens  liv  og  levnet.     D.  Del.  Kjobenhavn,  1798,"  mit 

der  Notiz    auf   dem   Titel:    „Het    leven    van    Catharina  II., 

Kaizerin  van  Eussland.  Nit  het  Franch.  3  v.  Amsterdam  1799. 

795.  HistoriBch-Btatistisches  Gemälde  des  Russischen  Reichs  am  Ende 
des  achtzehnten  Jahrhunderts  und  unter  der  Regierung  Katha- 
rina der  Zweiten,  von  H.  Storch.    8  Bde.    Riga,  1797. 

Wichtiges  Auskunftsbuch  für  die  Kulturgeschichte  Buss- 
lands, gleichsam  eine  EJrgänzung  des  Werkes:  „Georgi,  Geo- 
graphisch-physikalische Beschreibung  des  Bussichen  Beichs, 
Königsberg,  1797."  Das  ganze  Werk  sollte  nach  dem  nicht 
vollständig  zur  Ausführung  gekommenen  Plane  in  drei  Theile 

zerfallen:  Bewohner,  Staatsorganisation  und  Verwaltung.     Die 

3* 


—     36     — 

Vorrede  zum  ersten  Bande  ist  datirt:  „Petersburg,  im  Oktober 
1796",  d.  h.  sie  ist  wenige  Tage  vor  dem  Tode  Katharinas 
geschrieben'.  „Wir  stehen  jetzt  am  Ende  dieses  Säkulums, 
und  es  muss  uns  lehrreich  und  interessant  sejn,  einen  Bück- 
blick zu  thun,  und  beyde  Standpunkte  zu  vergleichen.  Was 
war  Russland  am  Anfange  dieses  Jahrhunderts  und  was  ist 
es  jetzt?"  (VII).  So  wurde  der  Rahmen  des  Planes  vom  Ende 
der  XVin.  Jahrhunderts  bis  zu  dessen  Anfang  vorgeschoben; 
später  wurden  sogar  noch  die  Zeiten  vor  Gründung  des 
russischen  Reiches  in  diesen  Rahmen  mit  hineingezogen!  Der 
ganze  vierte  Band  ist  dem  russischen  Handel  vor  Peter  dem 
Grossen  gewidmet,  und  er  beginnt  mit  einer  umfangreichen 
Einleitung:  „Geschichte  des  Handels  in  denjenigen  Ländern, 
welche  jetzt  die  i-ussische  Monarchie  ausmachen,  bis  zur 
Gründung  derselben  im  Jahre  862."  Der  ganze  sechste  Band 
jedoch,  der  der  Geschichte  des  russisshen  Handels  von  1762  bis 
1800  gewidmet  ist,  schliesst  eine  Masse  höchst  werth vollen 
Materiales  für  die  Zeit  Katharinas  in  sich.  Aber  nur  Material, 
daher  wir  denn  dies  Werk  auch  nur  als  Auskunftsbuch 
charakterisiren  können.  Die  Schlussfolgerungen  des  Verfassers, 
sogar  die  statistischen,  müssen  stets  sorgfältig  geprüft  werden, 
infolge  des  originellen  Gesichtspunktes  des  Verfassers:  ,^jede 
Regierungsveränderung  in  monarchischen  Staaten  führt  immer 
einen  neuen  Zeitpunkt  für  die  Statistik  derselben  herbey" 
(m,  „Nachricht  an  dea  Leser"). 

Im  achten  Bande  hat  der  Verfasser  berechnet,  dass  während 
der  Regierungszeit  Katharinas  11.  Russland  526,012  Quadrat- 
werft Landes  mit  6,982,271  Bewohnern  neu  erworben  hat  (8). 

796.   Memoires  historiques  et  g^ographiques  snr  les  pajs  entre  la  mer 
Noire  et  la  mer  Caspienne,  [par  C.  Baert].    Paris,  1787. 

Das  Werk  setzt  sich  aus  drei  Theilen  zusammen:  1.  „De- 

scription  des  pays  situös  entre  la  mer  Noire  et  la  mer  Cas- 

pienne"  (9 — 60)  übersetzt  aus  dem  Englischen  und  fussend  auf 


—     37     — 

den  Forschungen  von  Güldenstädt;  2.  „Memoire  snr  le  cours 
de  TAraxe  et  du  Cyrus'*  (88 — 150),  wobei  der  Verfasser,  de 
Sainte-Croix,  die  sagenhaften  Nachrichten  der  Alten  mit  den 
neuesten  Entdeckungen,  bis  einschliesslich  Gmelin  (111)  zu- 
sammengestellt; und  3.  „Memoire  extrait  du  Journal  d'un 
Yoyage  fait,  aü  printemps  de  1784,  dans  la  partie  m6ridionale 
de  la  Russie  (1 — 96)  par  C.  Baert."  Im  ersten  Theile  bietet 
nur  die  Organisation  der  mosdokschen  Linie,  deren  Be- 
schreibung eine  ziemlich  detaillirte  ist,  einige  ergänzende  Züge 
zu  den  Auskünften,  die  im  „Historischen  und  geographischen 
Kalender  auf  das  Jahr  1779"  mitgetheilt  sind;  im  zweiten 
Theile  bietet  nicht  einmal  die  beigegebene  Karte  etwas  Inter- 
essantes oder  für  die  Epoche  E^atharinas  II.  Neues  dar,  was 
man  jedoch  durchaus  nicht  von  dem  dritten  Theile  sagen  kann, 
der  für  uns  am  wichtigsten  ist 

Als  der  GrossftLrst  Paul  Petro witsch,  unter  dem  Namen 
eines  Grafen  Sjewernyj  Bom  besuchte,  sprach  Baert  mit  ihm 
bereits  über  den  ihm  gemachten  Vorschlag,  den  Süden  Buss- 
lands zu  besuchen;  die  Beise  wurde  jedoch  erst  im  Frühjahr 
ausgeführt,  als  sich  die  Anschauung  der  Pforte  hinsichtlich 
der  Einverleibung  der  Krim  schon  vollständig  geklärt  hatte; 
Potemkin  gab  dem  Beisenden,  mit  Wissen  der  Kaiserin,  einen 
Kabinetcourier  als  Begleiter  mit  (2).  Aus  dem  Beiseberichte 
geht  hervor,  dass  der  Verfasser  mit  Ssestrenzewitsch-Bogusch, 
(5),  Balmin  (12,  13,  15),  Igelstrom  (17),  Bepnin  (40)  u.  a.  be- 
kannt war,  ebenso  auch  mit  Pallas  (45,  81).  Der  Vefasser 
führte  ein  Tagebuch  („il  a  öcrit  le  Journal")  und  stellte  danach 
seine  Beschreibung  des  südlichen  Busslands  zusammen,  be- 
ginnend mit  Kijew  (3),  von  wo  er  über  Krementschug  und 
Chersson  (11)  nach  der  Krim  (17 — 35)  gelangte,  sodann  über 
Taganrog  (36)  nach  dem  Kaukasus  (43 — 64),  und  von  dort 
weiter  über  Astrachan  (65)  und  Ssimbirsk  nach  Kasan 
(89,  92). 


—     38     — 

Der  Verüasser,  der  schon  viele  Eeisen  durch  Europa  ge- 
macht hatte,  ist  ein  guten  Beobachter,  dem  eine  Besonderheit 
der  Eleinrussen  aufgefallen  ist  —  ,,ils  sont  serfs  et  non  esclaves, 
comme  en  Bussie''  (6),  der  die  Stellung  der  Jesuiten,  die 
Ssestrenzewitsch  ad  mensam  Imperatricis  weihte  (5)  erkannt 
hat,  ebenso  wie  die  Untauglichkeit  der  französischen  „utchi- 
telles"  (Utschitel,  Hauslehrer)  (85).  Er  traf  während  seiner 
Beise  durch  Bussland  mit  mehreren  in  russischen  Diensten 
stehenden  Landsleuten  zusammen  (4,70).  Die  Beschreibung 
der  Krim,  die  er  drei  Jahre  vor  der  taurischen  Beise  Katha- 
rinas verfasst  hat,  ist  sehr  wichtig.  Bei  Besprechung  der  auf 
die  Vertreibung  der  Türken  aus  Europa  gerichteten  Be- 
strebungen Busslands  erwähnt  der  Verfasser  „une  carte  im- 
prim6e,  mais  qui  a  dispam  bientöt  apres,  oü  les  ^tats  du 
Türe,  en  Europe,  tout  marqu^s  des  couleurs  de  la  Bussie  (27). 
Der  Verfasser  zweifelt  weder  daran,  dass  Bussland  die  Türkei 
überwinden  werde,  noch  auch  daran,  dass  es  Busslands  Ver- 
derben sein  würde,  wenn  Preussen  oder  Schweden  mit  den 
Türken  sich  verbände,  was  bald  darauf  auch  wirklich  geschah, 
wenngleich  Bussland,  den  Voraussagungen  des  Verfassers  zu- 
wider, sowohl  die  Türken  als  auch  die  Schweden  geschlagen 
hat.  Mit  der  russischen  Sprache  unbekannt,  verzeichnete  der 
Verfasser  das,  was  man  ihm  mittheilte,  wobei  es  freilich  nicht 
ohne,  jedoch  leicht  corrigirbare  Fehler  abging,  wie  z.  B.  bei 
Erwähnung  der  russischen  Längenmasse:  eine  Werst  gleich 
500  Ssashen,  ein  Ssashen  gleich  16  Werschok  (7).  Der 
Neigung  des  Fürsten  Potemkin  zu  kirchlichen  Angelegen- 
heiten thut  der  Verfasser  ebenfalls  Erwähnung,  und  notirt 
hierzu:  „Le  g^n^ral  Ingeistrom,  qui  l'a  connu  fort  jeune,  me 
disait  quil  ne  serait  pas  surpris  de  le  voir  mourir  pa- 
triarche"  (17).  Die  Angabe:  Ssashen  gleich  16  Werschok 
gehört  ohne  Zweifel  dem  Verfasser  an,  aber  der  „Patriarch 
Potemkin*'  kann  auch  Igelstroms  Eigenthum  sein. 


—     39     — 

797.  D6claration  uniforme  des  trois  cours.  Ratisbonne,  1797. 
,,Eastache  comte  de  Schlitz  dit  Goertz,  ministre  d'6tat 
de  Sa  Majest^  le  Boi  de  Prasse  et  son  minitre  electoral  k  la 
diäte  d'Empire^'  legte  dem  Reichstage  in  ßegensburg  am  14. 
(25.)  Juli  1797  eine  Declaration  der  drei  Höfe  vor  über  „dis- 
solution  du  ßoyaume  de  Pologne^'  und  über  ,,ran6anti8sement 
de  ce  Corps  politique",  wobei,  „pour  mettre  la  Diäte  k  meme 
d'en  juger  avec  plus  d*6tendue",  beigefügt  waren  ,,le8  actes 
relatifis  k  cet  objet  important,  que  les  trois  cours  ont  conclus 
entre  elles."  Gerade  diese  Beilagen  haben  für  uns  einen  be- 
sonderen Werth:  1.  ,,D6claration  echang6e  entre  les  pleni- 
potentiaires  de  Sa  Majest^  rimp6ratrice  de  toutes  les  Bussies 
et  Tambassadeur  de  la  cour  de  Vienne,  comte  de  Gobenzl,  k 
Pötersbourg,  le  22.  D6cembre  1794"  (Martens,  II,  238).  Dieser 
Act  ist  bekannt  als  „Trait^  du  troisieme  partage  de  la  Pologne 
entre  la  Russie  et  TAutriche"  (Angeberg,  396).  2.  „Convention 
conclue  entre  Sa  Majest^  le  roi  de  Prusse  et  Sa  Majest6 
rimpÄratrice  de  Russie  k  St.  Pötersbourg  le  13.  (24.)  Octobre 
1795«  (Angeberg,  399;  Martens,  II,  266);  dabei  befindet  sich 
dann  noch  eine  „Remarque  additionelle",  die  sich  auf  die 
„dömarcation  du  Palatinat  de  Gracovie'^  bezieht,  die  am  10. 
(21.)  October  1796  „sous  les  auspices  de  la  cour  de  Russie" 
war  gestellt  worden  (Martens,  II,  279).  3.  „Convention  entre 
Sa  Majest^  le  Roi  de  Prusse  et  Sa  Majest^  TEmpereur  de 
Russie  au  sujet  des  affaires  de  Pologne,  conclue  k  St.  P^ters- 
bourg  le  15.  (26.)  Janvier  1797".  4.  „Acte  d'abdication  de 
Sa  Majest6  le  Roi  de  Pologne",  vom  14.  (25.)  November  1795, 
in  Grodno.  Bemerkenswert  erscheint,  dass  bisher  noch  keiner 
von  unseren  bekannten  Historikern,  die  sich  mit  der  Geschichte 
Polens  beschäftigt  haben  —  weder  Ssolowjew,  noch  Kosto- 
marow,  noch  Ilowajskij  —  diese  Thronentsagung  berührt  haben. 
„Elr  unterzeichnete  —  so  spricht  ein  Zeitgenosse  (No.  798)  — 
theils   mit  Unmuth,   theils   mit    thränender   Traurigkeit    und 


—     40     — 

selbst  nach  einigen  Ohnmächten  die  Verzichtnrkunde''  (37). 
Die  folgenden  zwei  Acte  betreffen  den  ,,Beitritt''  Oesterreichs 
zum  Vertrage  vom  15.  (26.)  Januar  1797. 

Graf  Goertz,  indem  er  alle  diese  Documente  dem  Reichs- 
tage vorlegte,  fährte  zugleich  in  den  Sprachgebrauch  der 
deutschen  Kanzleien  den  Ausdruck  „König  von  Preussen'^  an- 
statt der  bis  zur  ersten  Theilung  Polens  üblich  gewesenen 
Bezeichnung  „König  in  Preussen<<  ein. 

798.    Polens  Ende,  historisch,  statistisch  und  geographisch  beschrieben 
von  Sirisa,    Warschau,  1797. 

Ein  sehr  nützliches  Buch.  Es  zerfällt  in  drei  Theile: 
1.  „Königlich  preussische  zweymalige  Besitznehmung  yom  Jahr 
1793  und  1795"  (42),  2.  „Russisch  kayserliche  zweymalige 
Besitznehmung  vom  Jahr  1793  und  1795"  (277)  und  3.  „Oester- 
reichische  Besitznehmung  vom  Jahre  1795"  (445). 

Jeder  Theil  zerfällt  wiederum  in  zwei  ünterabtheilungen: 
„Statistische  Beschreibung"  d.  h.  Grenzen,  Lage,  Eintheilung, 
Gewässer,  Gebirge,  Wälder,  Bevölkerung,  Einkünfte,  Volks- 
bildung, Productivität  und  Handel;  „Geographische  Beschreib- 
ung", d.  h.  Eintheilung  in  Wojewodschaften,  Districte  und 
Communen,  in  den  Städten  und  den  Ortschaften  des  flachen 
Landes.  Leider  hat  der  Verfasser  diejenigen  Länder,  die 
Polen  bei  der  ersten  Theilung  einbüsste,  nicht  mit  in  den 
Eüreis  seiner  Darstellung  hineingezogen:  das  Bild  wäre  dann 
vollständiger  gewesen. 

Uns  kann  hier  freilich  nur  der  zweite  Theil  interessieren, 
der  die  Erwerbungen  Busslands  bei  der  zweiten  und  dritten 
Theilung  Polens  betrifft.  Die  Grenzen  der  bei  der  zweiten 
Theilung  in  Eussland  einverleibten  Länder  sind  hier  nicht 
nach  dem  Vertrage  vom  13.  Juli  1793  angegeben,  sondern 
nach  den  Feststellungen  der  Grenzcommission,  wie  sie  bei 
Sotzmann:  Grosse  Karte  von  Polen,  in  16  Blättern,  verzeichnet 
sind  (vgl.  Wolff,  Karte  des  ehemaligen  Königreichs  Polen  nach 


—     41     — 

den  Grenzen  von  1772,  mit  Angabe  der  Theilungslinien  von 
1772,  1793  und  1785.  Hamburg,  1872).  Den  Erwerbungen 
Busslands  nach  der  dritten  Theilung  sind  angefügt  „Die  Her- 
zogthümer  Kurland  und  Semgallen''  (^l^);  obgleich  der  Ver- 
fasser selbst  schreibt:  „Am  20.  März  1795  unterwarf  sich 
der  Land-  und  Bitterstand  der  beyden  Herzogthümer  Kur- 
land und  Semgallen  der  russischen  Kayserinn  freiwillig''  (34). 
üeber  di^  Einzelheiten  vergl.:  ^,Die  Einverleibung  Kur- 
lands" in  dem  „Buss.  Alterthum",  LXXXV,  1.  Die  sta- 
tistisch geographischen  Darstellungen  des  Verfassers  sind 
im  Allgemeinen  ausserordentlich  interessant  und  brauchbar; 
zu  ihrer  Zeit  haben  sich  polnische  Kritiker  über  sie  mit 
grossem  Lobe  ausgesprochen,  namentlich  auch  wegen  ihrer 
Genauigkeit,  so  z.  B.  im  Pariser  „Conservateur,  Journal  poli- 
tique,  philosophique  et  litteraire,  du  19.  Brumaire  an  VII" 
(9.  November  1797). 

Leider  kann  man  nicht  dasselbe  sagen  von  der  „Histor- 
ischen Einleitung",  die  äusserst  parteiisch  abgefasst  ist:  „6cri- 
vant  sous  Tinfluence  de  nos  vainqueurs  il  a  6t6  forc6  de  de- 
naturer  les  ^v^nements,  et  par  cela  seul  que  le  livre  paralt 
librement  dans  les  lieux  que  leurs  bayonnettes  oppriment" 
(Conservateur,  1.  c).  In  der  Constitution  vom  3.  Mai  1791 
sieht  der  Verfasser  die  „Verbreitung  des  französischen  Demo- 
cratismus  und  Jacobinismus"  (12);  der  Warschauer  Aufstand 
vom  6.  April  1794  ist  ihm  „ein  Beweis  des  Einflusses  der 
französischen  Demagogen  und  missverstandener  Freyheits- 
gefiihle"  (16);  er  vermuthet  sogar  im  Ernst,  dieser  Aufstand 
sei  hervorgerufen  worden  „von  den  Emissarien  der  Pariser 
Propaganda  durch  verführerische  Schriften  und  Vertheilung 
von  30  Millionen  Livres"  (19),  während  doch  in  ebendemselben 
Jahre  1794  die  französische  Bepublik  mit  Preussen  Unter- 
handlungen führte,  und  im  April  1795  den  Baseler  Vertrag  ab- 
schloss,  in  welchem  Polens  nicht  einmal  Erwähnung  geschieht! 


—     42     — 

Jedenfalls  ist  die  Vermathung  von  Zeitgenossen,  dass  der 
Verfasser  des  Buches  ein  Busse,  ungerechtfertigt:  die  Be- 
zeichnung „General  Suwarow"  (27)  liesse  sich  noch  allenfalls 
erklären,  wenn  auch  nicht  begründen,  aber  der  Ausdruck 
„russischer  General  Tormansow"  (18)  konnte  unmöglich  einer 
russischen  Feder  entstammen.  Die  unschicklichen  Lobpreis- 
ungen Stanislaus  Augusts  (37)*  können  gleichermaassen  nicht 
auf  russische  Nationalität  des  Verfassers  hinweisen« 

799.  Dem  Andenken  des  verewigten  Helden  Sr.  Erlaucht  des  Herrn 
Feldmarschals  Grafen  Rumjanzews  Sadonaiskoy,  gewidmet  von 
J.  G.  V.  B.    Riga,  1797. 

Graf  P.  A.  ßumjanzew  Sadunaiskij  wurde  geboren  gleich 
nach  dem  Tode  Peters  I.  und  starb  einen  Monat  nach  dem 
Tode  Katharinas  II.  Sein  Tod  brachte  grossen  Eindruck 
hervor,  als  dessen  schwacher  Widerhall  die  hier  erwähnte  Ode 
gelten  darf.  Der  Verfasser  äussert  die  Hoffnung,  dass  nicht 
die  Poesie,  sondern  die  Geschichte  die  Thaten  des  Helden 
schildern  werde: 

„Doch  mehr  als  Dichter  singen  können 

Spricht  der  Geschichte  Mnse  einst, 
Und  jeden  edlen  Tag  wird  sie  der  Nachwelt  nennen, 

Auch  angeschmückt  sind  seine  Thaten  schön." 

Am  8.  Dezember  1896  werden  hundert  Jahre  seit  dem 
Todestage  Bumjanzews  verflossen  sein. 

800.  Catarina  Segunda,  emperatriz  de  Rusia,  drama  heroyco  en  tres 
actos.    Par  don  L.  F.  ÖomeUa.    Madrid,  1797. 

Das  Drama  handelt  von  der  Heldenthat  des  Kapitäns 
Weymar  bei  der  Einnahme  Otschakows.  Von  geschichtlichen 
Persönlichkeiten  treten  hier  Katharina  und  „el  general  Po- 
temkin^'  auf,  aber  auch  ihnen  ist  ein  ganz  phantastischer 
Charakter  gegeben.  Die  Liebesintrigue  des  Kapitäns  Weymar 
und  des  Hoffräuleins  Sophie  rechtfertigt  nicht  alle  die  Un- 
gereimtheiten der   drei   Acte.     Die  Rede   Katharinas   an   die 


—     43     — 

Heldin  von  Otschakow  ist  eine  wahre  Mustersammlung  hohler 
Phrasen,  durch  welche  weder  Katharina  noch  die  Otschakow' - 
sehen  Helden  charakterisirt  werden: 

HijoB  mioB, 
Defensores  de  mi  Estado, 
Apoyos  de  mi  grandeza, 
No  puedo  manifestaroB 
Todo  el  placer,  todo  el  gozo, 
Que  eeik  mi  pecho  probando, 
AI  veroB  de  tantas  glorias 
Y  laureles  coronados. 

No  hay  Exemplar  en  la  hlBtoria, 
De  un  triunfo  tan  Benalado 
Como  el  vuestro.    No,  hijoB  mios, 
NingunaB  tropaB  pelearon 
Como  YOBOtraB;  ninganas 
Han  dado  k  su  Soberano 
La  grandeza  7  el  poder 
Que  aquel  qne  k  mi  me  habeiB  dado, 
En  la  toma  de  Oczakow  etc.  (5). 

801.   HiBtoire  de  la  r^yolution  de  Pologne  en  1794,  par  nn  temoin 
ocolaire  [le  g^neral  Zajaexek],    PariB,  an  V. 

Joseph  Sajontschek,  Jösef  Zajaczek,  1752 — 1826,  der 
unter  Anführung  Eosciuszkos  gekämpft  hatte,  trat  in  die 
französische  Armee  ein  und  wurde  1812  von  den  Bussen  bei 
Wilna  gefangen  genommen;  im  Jahre  1815  ernannte  ihn  der 
Kaiser  Alexander  I.  zum  Statthalter  des  Zarthums  Polen. 
Während  der  Zeit,  dass  er  in  französischen  Diensten  stand, 
veröffentlichte  er  in  Paris,  im  Jahre  1797,  eine  Darstellung 
der  polnischen  Revolution  vom  Jahre  1794,  an  der  er  selbst 
theilgenommen  hatte.  Katharina  kannte  ihn  nur  dem  Namen 
nach,  dessen  sie  in  einem  Briefe  vom  1.  Oktober  des  Jahres 
1794  erwähnt:  „Les  Polonais  ont  fait  imprimer  tout  au  long 
la  conversation  du  vertueux  Manstein  avec  Zaionczek  —  c'est 
un  chef  —  d'oeuvre  de  betise*'  (Sammlung,  XXIII,  614). 

Sehr  interessante  Schilderungen  der  Kriegsereignisse  des 
Jahres  1794,  denen  der  Verfasser  einleitungsweise  eine  Dar- 


—     44     — 

legung  seiner  Anschauungen  über  die  Theilungen  Polens  (8,  67), 
über  Stanislaus  August  (11),  die  Constitution  vom  3.  Mai  1791 
(28)  und  die  „royalistes  polonais,  qui  sont  les  plus  yils  de 
tous  les  royalistes  de  la  terre"  (65)  vorausgeschickt.  Der 
Charakter  Eoscinszkos  ist  sehr  gut  geschildert  (70);  sehr  in- 
teressant ist  der  Brief  des  Verfassers  an  Eosciuszko  über  die 
Stimmung  in  Warschau  (75).  Für  die  Kriegsgeschichte  des 
Jahres  1794  ist  dies  Werk  sehr  wichtig,  das  auch  vielfach 
zur  Erklärung  des  Pistorschen  Berichtes  beizutragen  geeignet 
ist  (No.  1077). 

Als  Beilage  sind  34  Documente  abgedruckt,  von  denen 
die  nachstehenden  für  uns  von  besonderem  Interesse  sind: 
„D6claration  du  roi  de  Prusse  ä  la  Di6te,  au  sujet  de  l'al- 
liance  projet^e  par  la  Russie  entre  eile  et  la  Pologne,  du 
12  Octobre  1788"  (195),  „Note  du  ministre  du  roi  de  Prusse 
sur  la  garantie  russe  de  la  Constitution  de  la  Pologne,  du 
19  Novembre  1788"  (200),  der  preussisch-polnische  Bündniss- 
vertrag vom  29.  März  1790  (204)  und  die  preussiche  Decla- 
ration  vom  16.  Januar  1793  (247),  als  zweifellose  Zeugnisse 
für  die  preussische  Politik.  Hier  sind  ausserdem  auch  einige 
Documente  der  russischen  Eegierung  veröffentlicht  (199, 
231,  249). 

802.  Anekdotor  om  Statsforandringen  i  Rasland  i  1762  af  Rulhür\ 
Ejobenhavn,  1797. 

Oversat  af  Fransk  No.  775. 

803.  Anekdoter  af  Keiserinde  Katharinas  11,  Paul  den  Forstes  og 
hans  Families  Privatleynet  Med  en  Anhang  om  den  onge 
Storfyrstinde  af  Bnsland  Maria  Alexandra  Paalovnas  Formae- 
ling  med  Gustav  IV  Konge  af  Sverrig.    Kjöbenhavn,  1797. 

üebersetzung  von  No.  782. 

804.  Conferences  de  Catfaarine  II  avec  Louis  XVI,  le  grand  Fr^deric 
et  Pierre-le-Grand  auz  Champs-Elysees.    Moscou,  1797. 

Eine  wörtliche  Wiedergabe  von  No.  792,  wobei  nur  die 

üeberschrift  verändert  worden  ist,  und  von  dem  aus  Semiramis, 


—     45    — 

act  I,  sc.  V  entlehnten  Motto  nur  die  folgenden  sechs  letzten 
Verse  abgedruckt  sind: 

Las  sauvages  humains  soumiB  an  frein  des  loix, 
Les  arts  dans  nos  cit^s  naissans  k  votre  yoix, 
Ces  hardis  monumeiiB  qne  Tunivers  admire, 
Les  acfilamations  de  ce  poissant  empire, 
Sovt  autant  de  t^moins,  dont  le  cri  glorieux 
A  d^posä  pour  vous  au  tiibanal  des  dieuz« 

Diese  ,,  mildernden  Umstände '^  vor  dem  Gerichte  des 
Minos  sind  hier  um  so  mehr  an  richtiger  Stelle  angeführt, 
als  nach  Katharinas  Worten,  ,,les  adulateurs  ont  souvent 
nomm6e  devant  moi  cette  S^miramis  la  Catherine  de  l'Asie'' 
(48).  Von  den  mit  Katharina  sich  unterredenden  Personen 
tritt  an  erster  Stelle  hervor  Ludwig  XVI.  —  ein  neuer  Be- 
weis zur  Bestätigung  unserer  Vermuthung  (No.  792)  hinsicht- 
lich des  Verfassers  der  Broschüre  und  des  Zweckes,  den  er 
verfolgte. 

805.  Besä  genom  P&len,  &ren  1793  och  1794.    Stockholm,  1796. 
Eine   Ueberzetzung    von  No.    744,    jedoch    mit    starken 

Kürzungen.  Die  Ueberschrift  ist  verändert,  doch  sehr  wenig 
passend:  der  Verfasser  erwähnt  mit  keinem  Worte  weder  des 
„Blutbades  von  Warschau",  noch  auch  Kosciuszkos,  was  seine 
Erklärung  findet  in  dem  Umstände,  dass  er  nicht  nur  Warschau 
sondern  überhaupt  Polen  bereits  ein  Jahr  vor  den  April-Er- 
eignissen verlassen  hatte,  und  das  Jahr  1794  figurirt  daher 
ganz  unmotivirter  Weise  auf  dem  Titel. 

806.  Beisen  und  merkwürdige  Nachrichten  zweier  Neufranken  durch 
Deutschland,  Kussland,  Polen  und  die  Oesterreichischen  Staaten. 
Aus  dem  Französischen.    2  Bde.    Leipzig,  1797. 

Eine  Uebersetzung  von  No.  754,  vollständig  und  sehr 
genau:  Bestushew-Rjumin  versetzt  sie  unrichtigerweise  in 
das  Jahr  1784,  in  welchem  auch  das  Original  noch  nicht  ein- 
mal verfasst  war;  er  erwähnt  dabei,  dass  ihm  das  Original 
nicht    bekannt    sei;    nach    seiner    Aeusserung,    diese    Reise- 


—     46    — 

beschreibung  sei  ,,nicht  uninteressant^'  darf  man  indessen  ver- 
muthen,  dass  ihn  auch  die  Uebersetzung  nicht  besser  bekannt 
gewesen  ist,  als  das  Original. 

807.   Katharina   IL      £iii    historischer   Versuch    in    nenn   Skizzen. 
Berlin,  1798. 

Diese  ^^historische  Studie^'  ist  abgedruckt  im  „Historisch- 
genealogischen Kalender ''  auf  das  Jahr  1798,  und  alle  neun 
„Skizzen^'  stellen  zwar  nur  eine  Compilation  dar,  aber  eine 
sehr  gelungene.  Der  Verfasser  hat  die  Werke  von  Rulhifere, 
Wraxall,  Bellermann,  Storch,  Coxe,  Hackert,  die  „Voyage  de 
deux  firan^ais^S  und  sogar  Cheraskow  benutzt  (35,  88,  43,  68, 
88,  97,  99,  131),  vor  Allem  aber  das  Werk  von  Müller 
(No.  723),  den  er  aber  nicht  nennt. 

Der  Verfasser  stellt  Katharina  überaus  hoch,  in  allen 
Beziehungen  höher  als  Christian  von  Schweden  (74)  und  be- 
wundert sie  vor  Allem  als  Deutsche  (7).  Nur  den  Deutschen 
Grimm,  der  20  Jahre  lang  mit  der  Kaiserin  correspondirt 
hatte,  erachtet  er  für  befähigt,  die  Geschichte  Katharinas  zu 
schreiben,  doch  f&rchtete  er,  der  hinfällige  Greis  werde  dies 
nicht  mehr  leisten  können;  aber  der  kleinlich  berechnete  Grimm 
verfasste,  nachdem  er  Katharina  um  11  Jahre  überlebt,  in  der 
Eigenschaft  eines  Bittschreibens  ein  „Memoire  historique,  sur 
l'origine  et  les  suites  de  mon  attachement  pour  Timperatrice 
Catherine  IE.,  jusqu'au  d6cfes  de  S.  M.  I. 

Den  Verfasser  der  Compilation  befremdeten  in  besonderem 
Maasse  drei  Ereignisse:  die  Moskauer  Pest  (56),  die  Aus- 
wanderung der  Kalmücken  (51)  und  der  Pugatschew'sche  Auf- 
ruhr (54),  und  diesen  Vorgängen  sind  mehrere  Seiten  gewidmet. 
Es  ist  nicht  bekannt,  woher  folgende  Nachricht  stammt:  „Der 
„Hamburgische  Correspondent"  war  die  Zeitung,  welche  die 
Kaiserin  ununterbrochen  las^'  (28).  Damals  war  dies  die  beste 
aller  deutschen  Zeitungen,  die  aus  aller  Welt  ihre  Corre- 
spondenzen  erhielt,  wie  jetzt  die  Times,  und  es  ist  sehr  wohl 


—     47     — 

möglich,  dass  die  Kaiserin  diese  Zeitung  las,  wenn  auch  nicht 
bestandig. 

Die  letzte  der  Skizzen,  die  neunte,  trägt  einen  besonderen 
Titel:  „Züge  aus  dem  Leben  einiger  berühmter  Männer  der 
Begierungszeit  Katharinas 'S  ^^^  schliesst  kurze  Charak- 
teristiken Rumjanzow's  (119),  Orlow's  (129),  Panin's  (130)^ 
Potemkin's  (131)  und  Suworow's  (137)  in  sich.  Während  den 
Charakteristiken  G.  A.  Potemkin's  und  des  Fürsten  A.  W.. 
Suworow  je  fünf  Seiten  gewidmet  sind,  dem  Grafen  N.  J.  Panin, 
anderthalb  und  dem  Fürsten  Orlow  nur  eine  balbe  Seite,  um- 
fasst  die  Charakteristik  des  Grafen  P.  A.  Rumjanzow  zehn 
Seiten.  Dazu  kommt,  dass  die  Biographie  Bumjanzow's  einen, 
abgesonderten  Artikel  bildet,  von  dem  Flügeladjutanten  Herrn 
J.  A  .  .  .  .  verfasst".  Bumjanzow  ist  für  den  Verfasser  ein 
„Vorbild  der  Helden,  die  Zierde  und  der  Stolz  seiner  Nation" 
(122);  viele  interessante  Einzelheiten  aus  seinem  Privatleben 
werden  hier  mitgetheilt,  namentlich  aus  der  allerletzten  Zeit.. 

Beigelegt  sind  der  Abhandlung  in  Kupfer  gestochene 
Porträts  Katharinas  II.,  Peters  HI.,  Pauls  I.,  des  Grafen 
A.  Orlow,  N.  J.  Panin's,  des  Fürsten  Potemkin  und  des. 
Fürsten  Suworow,  imd  fünf  Zeichnungen:  „L'imp6ratrice  allant 
k  Peterhoff",  „Emigration  d'une  peuplade  entifere  de  Cal- 
mouques",  „L'impöratrice  dans  l'institut  de  demoiselles", 
„Erection  de  la  statue  de  Pierre  le  Grand",  „Consecration  des. 
pavillons  turcs  sur  le  tombeau  de  Pierre  L",  „Scfene  de  la 
fete  de  Potemkin",  „Voyage  de  Timpöratrice  k  Cherson"  und 
„Suwarow  devant  Pragua",  fünf  Medaillen:  zu  Ehren  des 
Doctors  Asch,  „liberator  a  peste,  in  hello  Turcico  ad  Istrum,. 
1770";  zum  Gedächtniss  des  „freundnachbarlichen  und  ewigen" 
Friedens  mit  Schweden,  3.  August  1790;  zum  Gedächtniss  des 
Findelhauses,  1.  September  1763;  auf  den  Frieden  mit  der 
Türkei,  10.  Juli  1774,  und  zum  Gedächtniss  der  Enthüllung 
des  Monuments  für  Peter  I.;   ferner  ein   kleines  Bild:    „Diet 


—     48     — 

Fontanka  beim  kaiserlichen  Garten  in  Petersburg**,  und  eine 
allegorische  Daistellung  in  Anlass  des  Todes  Katharinas  11., 
wobei  Paul  I.  als  Sphinx  erscheint.  Mit  Ausnahme  der  Me- 
daillen sind  alle  Porträts  und  Zeichnungen  vollkommen  phan- 
tastisch, wobei  z.  B.  Katharina  in  Chersson  im  Monate  Mai 
im  Schlitten  fährt,  und  auf  der  Fontanka  Dreidecker- Schiffe 
fsGthren.     Vgl.  Eowinskij,  369. 

Diese  Abhandlung  erschien  in  demselben  Jahre  1798  auch 
in  der  französischen  Ausgabe  des  Kalenders  (No.  821). 

S08.  Voyage  en  Norv^ge,  en  Danemarck  et  en  Eussie  dans  les 
ann^es  1788—1791,  par  A.  SwinUm,  Traduit  de  Tanglais. 
Pariß,  1798. 

Uebersetzung  des  Werkes  No.  661.  Wichtig  nur  wegen 
der  Beilage:  Lettre  sur  la  Eussie,  par  Richer-S6risy  (11,  326). 
Der  Brief  ist  geschrieben  am  20.  Juli  1797,  und  adressirt  an 
den  Uebersetzer.  Der  Verfasser  hatte  versprochen  Memoiren 
über  Russland  zu  schreiben,  aber  sein  Versprechen  nicht  ge- 
halten, und  anstatt  dessen  diesen  Brief  verfasst,  in  dem  er 
ohne  alle  Ursache  über  Rulhifere  und  dessen  „Histoire  ou 
anecdotes  sur  la  rövolution  de  Russie  en  Fannie  1762"  her- 
fällt. Der  Verfasser  hatte  nicht  die  allermindeste  Kenntniss 
von  dieser  Staatsumwälzung,  und  nennt  sogar  die  Fürstin 
Daschkow:  „d'Achecoflf"  (344),  obgleich  er  sich  rühmt,  dass 
er  „les  prixipaux  personnages  qui  figurent  dans  cette  sc^ne 
sanglante"  (342)  gesehen  habe.  Folgende  Tirade  des  Ver- 
fassers über  die  russische  Sprache  soll  wohl  nur  als  Antithese 
dienen  zu  dem  Ausspruche  Rousseaus:  „La  langue  russe  semble 
etre  formte  pour  les  sentimens  voluptueux  et  doux;  si  eile  a 
beaucoup  d'irr6gularit6s  et  d'anomalies,  eile  est  accentuöe, 
brillante  d'images  et  de  tours  nombreux"  etc.  (343).  Das 
Portrat  des  Fürsten  Potemkin,  dieses  „Herkules  oder  Theseus 
mit  dem  Haupte  eines  Richelieu  oder  Mazarin  auf  den  mäch- 
tigen Schultern  eines  Wilden"  (345)  ist  lediglich  ein   hohler 


—     49     — 

Wortschwall.  Der  Verfasser  wagt  es  nicht,  Katharina  zu  be- 
schreiben, und  bringt  dies  in  folgender  Frage  zum  Ausdruck: 
„Qui  peindra,  en  traits  de  feu,  cette  femme,  dont  la  tete  et 
le  coeur  conqu6rait,  maltrisait,  civilisait  un  empire  immense, 
qui,  dans  ses  yastes  projets,  6x6cut6s  aussitot  que  form^s, 
donnait  et  brisait  k  son  gr6  les  couronnes,  et  devait,  si  la 
mort  ne  l'eüt  arret^e  dans  sa  course,  placer  son  petit-fils 
Constantin  sur  le  tröne  des  Ottomans?"  (346).  Der  ganze 
Brief  ist,  wie  es  scheint,  nur  zu  dem  Zwecke  geschrieben,  um 
der  sterbenden  Katharina  als  letzten,  an  den  Sohn  gerichteten 
Willen  die  Aufforderung  an  ihn  in  den  Mund  zu  legen,  er 
möge  den  Emigranten  (348),  zu  deren  Zahl  auch  der  Verfasser 
gehört.  Hülfe  leisten. 

809«  Züge  zu  einem  Gemftlde  des  Rassischen  Reichs  anter  der 
Regierang  von  Catharina  II.  gesammelt  (von  A.  B.  Bernhardt), 
2  Theile.    S.  1.,  1798. 

Bemhardi,  1756 — 1801,  aus  Freiburg,  kam  nach  ßuss- 
land  und  zwar  nach  Riga  im  Jahre  1786  als  Erzieher  der 
Kinder  einer  yerwittweten  Generalin  Naumhof,  in  welcher 
Stellung  er  auch  neun  Jahre,  bis  zum  Jahre  1795  blieb.  Mit 
der  Familie  Naumhof  reiste  er  nach  St.  Petersburg  und  nach 
Moskau.  Sofort  nachdem  er  nach  Freiburg  zurückgekehrt,  im 
Jahre  1796,  ging  er  daran,  seine  „russischen  Eindrücke"  zu 
Papier  zu  bringen,  und  veröffentlichte  anonym  zwei  „Sammel- 
bände" in  den  Jahren  1798  und  1799;  der  dritte,  letzte, 
Sammelband  wurde  erst  nach  seinem  Tode  im  Jahre  1807 
herausgegeben. 

Das  Werk  Bemhardi's  ist  sehr  geeignet,  mit  dem  inneren 
Leben  Busslands  während  des  letzten  Jahrzehnts  der  Regierung 
Katharinas  II.  sich  bekannt  zu  machen.  Alle  späteren  Ver- 
änderungen und  die  auf  die  Zeit  Pauls  L  sich  beziehenden 
Angaben  haben  in  den  Anmerkungen  ihren  Platz  gefunden 
(I,  116,  157,  246,  261).    Der  Verfasser  hat  sich  mit  der  ein- 

Bilb»88off,  EaUiirln»  H.  4 


—     50     — 

schlägigen  Literatur  wohl  vertraut  gemacht,  und  namentlich 
mit  den  Werken:  Snell,  Beschreibung  der  Russischen  Provinzen 
an  der  Ostsee,  Jena,  1 794  (29),  Storch,  Historisch-statistisches 
Gemälde  des  Bussischen  Reichs  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts, 
Riga,  1797  (31,  85),  Hupel,  Versuch  die  Staatsverfassung  des 
Russischen  Reichs  darzustellen,  Riga,  1793  (44,  50),  Herrmann, 
Statistische  Schilderung  von  Russland,  Petersburg,  1790  (51, 
'82),  Posselt,  Annalen  1792  (57),  Georgi,  Versuch  einer  Be- 
schreibung der  Residenzstadt  Petersburg,  Petersburg,  1790 
(93),  Merkel,  Die  Letten  vorztlglich  in  Liefland,  Leipzig,  1797 
(260)  u.  a.  Das  ganze  Werk  ist  in  folgende  15  Briefe  oder 
Capitel  eingetheilt:  1.  Postwesen  und  Perlustration  (geheime 
Durchsicht  der  Correspondenz)  (I,  1);  2.  Finanzen  (49);  3.  Cours 
und  Papiergeld  (81);  4.  Armee  (106);  5.  Officiercorps  (135); 
6.  Verwaltung  (181);  7.  und  8.  Livland  unter  russischer  Ver- 
waltung (222);  9.  Schulwesen  (II,  1);  10.  Cadettencorps  für 
Landtruppen,  Moskauer  Universität,  Lehrer  und  Erzieher  (61); 
11.  Leibeigenschaft  (117);  12.  Charakteristik  der  Russen  (176); 
13.  Adel  und  Geistlichkeit  (248);  14.  Lage  der  livländischen 
Bauern  (III,  1);  15.  Trunksucht  (30). 

Der  Verfasser  äussert  sich  mit  Begeisterung  über  das 
Findelhaus:  „Das  Findelhaus  ist  in  der  That  eine  schöne 
Anstalt  und  wird  in  mehr  als  einer  RiLcksicht  gut  verwaltet" 
(1,  69),  er  rühmt  die  Einrichtung  der  Gouvernements  (I,  183, 
185),  verurtheilt  das  System  der  staatlichen  Belohnungen,  be- 
sonders für  die  Theilung  Polens  (II,  253),  und  die  russische 
Censur,  die  jeden  Gedanken,  jede  Entwickelung  tödte  (II,  259), 
wobei  er  die  dem  Professor  Wolke  und  dem  Moskauer  Archi- 
varius  Stritter .  seitens  der  Censur  bereiteten  Plackereien  er- 
zählt (II,  261).  Einen  unangenehmen  Eindruck  macht  die 
allzu  übertriebene  Vorsicht  des  Verfassers,  die  ihn  veranlasst, 
die  Personen  nur  mit  dem  ersten  Buchstaben  ihres  Namens 
zu  bezeichnen  (I,  34,  42,  149,  220,  230,  260,  284,  301),  und 


—     51     — 

im  ganzen  Buch  ist  nur  der  russische  Kaufmann  Fatow  (I,  227) 
mit  seinem  vollen  Namen  benannt  worden. 

810.   Miranda,  Kdniginn  im  Norden.  Geliebte  Pansalvins.  Germanien, 
1798. 

In  dem  anonymen,  im  Jahre  1794  herausgegebenen  Romane 
Pansalvin  (Nr.  736),  der  dem  Fürsten  Potemkin  gewidmet  ist, 
tritt  Katharina  unter  dem  Namen  Miranda  auf.  Zum  Schlüsse 
des  Eomans  wird  folgendes  Versprechen  abgegeben:  „Die 
Lebensgeschichte  Mirandas  werden  wir,  vielleicht,  auch  mit- 
theilen. Da  wird  m^n  finden,  welch  eine  yerehrungswürdige 
Fürstin  sie  war.**  (406).  Nach  Verlauf  von  vier  Jahren,  im 
Jahre  1798,  erschien  der  der  Kaiserin  Katharina  gewidmete 
Roman  unter  dem  obigen  Titel. 

„Miranda*^  ist  eine  Nachahmung  des  „Pansalvin'^  Weder 
der  Ort  der  Handlung,  noch  die  Zeit,  noch  die  in  dem  Romane 
auftretenden  Personen  sind  näher  angegeben;  alles  ist  maskirt 
und  muss  seinem  Inhalte  nach  erst  dechiffrirt  werden.  Die 
Handlung  spielt  sich  im  Anfange  in  Preussen  (Sandland)  und 
Stettin  (Hofburg)  ab,  darauf  in  Russland  (Norden)  und  St.  Peters- 
burg (Pieroburg);  nur  drei  Jahre  können  genau  festgestellt 
werden:  1745  —  Jahr  der  Vermählung  Katharina  Alexejewnas 
und  Peter  Feodorowitschs  (68),  1791  —  Todesjahr  Potemkins 
(382)  und  1796  —  Todesjahr  Katharinas  (384).  Wir  geben  hier 
ein  Verzeichniss  der  handelnden  Personen,  mit  Angabe  der 
ihrer  „Rechtfertigung"  gewidmeten  Buchseiten:  Aura  — 
Elisabeth  Petrowna  (50,  78);  Pryssus  —  Friedrich  II.  (13,  14), 
Pierro  —  Peter  III.  (51,  287);  ülo  —  Iwan  III.  (86);  Artof — 
A.  P.  Bestuschew  —  Rjumin  (84,  198,  297),  Ranof  —  S.  W. 
Saltykow  (110,  156);  Laskow  —  Münnich  (123);  Perso  —  Graf 
Ponjatowski  (165);  Zadro  —  G.  G.  Orlow  (212,  225,  237); 
Passow  —  N.  I.  Panin  (221);  Wugo  —  Gräfin  Elisabeth  Wo- 
ronzow  (238,  244).  Die  Rolle  Passeks  bei  der  Staatsum- 
wälzung ist  zwei  verschiedenen  Personen  zugetheilt,  dem  Ra- 


—     52     — 

sukof  (222)  und  dem  Passaltow  (245).  Da  ,,Althau8<^  —  An-c 
halt  bedeutet,  so  ist  der  Vater  Eatharinas  der  Prinz  Friedrich 
▼on  Alihaus  (15),  mid  Eatharina  selbst,  als  Sophie  Angnste  — 
Auguste  von  Althain  (16).  Obgleich  auf  dem  Titel  Miranda 
als  „Geliebte  Pansalvins^'  bezeichnet  ist,  figurirt  dennoch  Potem- 
kin  in  dem  Boman  unter  dem  Namen  Powulzko  (310,  342, 
372,  382)  —  ein  sicherer  Hinweis  darauf,  dass  der  Eoman 
„Miranda'^  nicht  von  dem  Verfasser  des  Eomanes  „Pansalnn'* 
geschrieben  ist 

Der  ganze  Boman  zer&lit  in  drei  Theile  (3,  63,  227)  und 
34  Capitel,  von  denen  23  der  Liebesintrigue  des  Grafen  Uso, 
Adjutanten  des  Prinzen  Friedrich,  des  Vaters  Eatharinas  ge- 
widmet sind:  Uso  ist  in  Auguste  von  Althain  verliebt;  ihr 
E^ammerfräulin  Gräfin  Lira  liebt  den  Grafen  Uso;  zu  den  nächt- 
lichen, stillschweigenden  Zusammenkünften  erscheint  Lira,  die 
der  Graf  Uso  ktisst  und  umarmt,  Auguste  in  der  Lira  ver- 
muthend,  worauf  dann  Uso  in  der  der  Abreise  der  Sophie 
Auguste  nach  Bussland  vorausgehenden  Nacht  stillschweigend 
mit  der  Gräfin  Lira  sich  vermählt.  Ohne  die  Täuschung  zu 
errathen  reist  Uso  der  von  ihm  Geliebten  nach  Bussland  nach, 
dringt  bis  in  das  Palais  vor,  wo  man  ihn  jedoch  arretirt  und 
nach  Sibirien  verschickt.  Im  Jahre  1762  händigt  man  diesem 
Uso  darauf  im  Versehen  einen  Brief  Eatharinas  an  Bestuschew 
ein,  er  kehrt  nach  St.  Petersburg  zurück,  Eatharina  empfangt 
ihn  in  Audienz,  und  fragt  ihn  nach  der  Gesundheit  seiner 
Frau  (299,  334).  Uso  kehrt  in  seine  Heimat  zurück,  und  trifft 
auf  einem  seiner  Landgüter  mit  seiner  Frau  zusammen,  die 
ihm  die  ganze  Intrigue  erklärt.  Diese  Handlung  ist  plump 
selbst  für  solch  einen  Boman,  und  dennoch  ist  die  einfältige 
Erzählung,  ohne  Angabe  der  Quelle,  von  Laveaux  (Nr.  827) 
wiederholt  worden,  wobei  Uso  in  den  Grafen  B.  sich  ver- 
wandelt hat,  und  Lira  —  in  die  Comtesse  von  C.  (III,  5 — 44, 
78—90). 


—     53    — 

Irgend  welche  historische  Bedeutung  kann  dieser  Eoman 
f&r  sich  natürlich  nicht  in  Anspruch  nehmen.  In  ihm  sind 
für  uns  interessant  nur  die  von  dem  Verfasser  wiedergegebenen 
allgemeinen  ürtheile,  Meinungsäusserungen  und  Anschauungen 
der  europäischen  Gesellschaft  hinsichtlich  der  Personen  und 
Ereignisse  jener  Zeit.  So  ist  Katharina  als  Schönheit  dar- 
gestellt (16,  60,  291),  als  eine  Frau  mannhaften  Charakters: 
„ihr  entschlossener  Muth,  ihr  männlicher,  für  grosse  Thaten 
bestimmter  Geist  gaben  ihr  einen  entschiedenen  Werth*'  (280). 
Eine  Kaiserin,  welche  „an  Euhmbegierde,  an  Herrsch-  und 
Vergrösserungssucht  keinem  Menschen  der  Welt  nachstehe" 
(293),  wobei  als  das  Motiv  und  Ziel  allen  Strebens  der  Gross- 
fiirstin  die  Erringung  der  Krone  hingestellt  wird  (58,  73,  176). 
Das  Portrait  Peters  lU.  wird  also  gezeichnet:  „Pierro  ist  mehr 
klein  als  gross,  sein  Gesicht  hässlich,  seine  Augen  sind  klein 
und  widerlich"  (58),  seine  „jämmerlichen  Tändeleien"  (106), 
sein  Violinspiel  (173)  und  seine  Unzuverlässigkeit  (209)  werden 
geschildert  Die  Revolution  vom  Jahre  1762  ist  ziemlich  aus- 
führlich dargestellt  (225,  245,  333),  sogar  mit  der  Beerdigungs- 
procession  (235);  der  schwedische  Krieg  (304)  und  der  zweite 
türkische  Krieg  (366)  sind  nur  kurz  und  vollständig  unrichtig 
erzählt.  Von  den  handelnden  Personen  ist  noch  am  besten 
und  wahrsten  der  Graf  Stanislaus  Ponjatowski,  der  polnische 
König,  dargestellt  (165,  180,  292,  301,  349);  nicht  übel  ist  die 
Eegierungsform  in  Russland  geschildert  (306).  Der  im  Romane 
vorkommenden  Ungereimtheiten,  wie  der  Vergiftung  des  Fürsten 
Potemkin  durch  Katharina  (382),  was  auch  in  Nr.  1238  sich 
wiederfindet,  thun  wir  hier  weiter  nicht  Erwähnung  —  ihrer 
trifft  man  dort  gar  zu  viele. 

Dem  Roman  ist  ein  Kupferstich  beigegeben:  Peter  Hl. 
im  Kaiseromat  als  Schildwache  am  Kabinet  Katharinas,  die 
ihm  die  Krone  vom  Haupt  genommen  hat  und  sie  durch  einen 
Soldatenhelm  ersetzt;  durch  die  Thür  wird  diese  Scene   von 


—     54     - 

einer  männlichen  Figur  beobachtet  —  es  ist  dies  die  Dar- 
stellung des  Traumes,  der  dem  Kaiser  Peter  III.  erschienen  war. 
Der  St.  Petersburger  Kaufmann  WulflFert,  ein  grosser 
Biblioman,  versicherte,  der  Verfasser  des  Romans  sei  ein 
Schauspieler  der  St.  Petersburger  deutschen  Truppe  gewesen, 
ein  Herr  Älbrecht,  den  er  selbst  persönlich  gekannt  habe. 

811.  Friedrich  Wilhelms  des  IL  und  Katharinas  der  II.  letzte  Helden- 
thaten.  Nach  dem  Französischen  des  Boisay  d^ Anglas  wörtlich 
übersetzt    Paris,  1796. 

Francois-Äntoine  Boissy  d'Änglas,  1756 — 1826  eins  der 
bekannteren  Mitglieder  der  revolutionären  Regierung  in  Frank- 
reich, ein  recht  unfähiger  Mensch,  der  seine  politischen  Ge- 
sichtspunkte oft  gewechselt,  aber  immer  zum  Boyalismus  hin- 
geneigt hat,  hat  viele  Broschüren  geschrieben,  u.  a.  auch  die 
hier  angeführte,  die  in  der  St.  Petersburger  OelBFentlichen 
Bibliothek  nur  in  der  deutschen  üebersetzung  vorhanden  ist. 

Unter  der  Heldenthat  des  preussischen  Königs  Friedrich 
Wilhelm  II.  und  der  russischen  Kaiserin  Katharina  11.  ver- 
steht der  Verfasser  „die  endgültige  Vernichtung  Polens  durch 
die  letzte  Theilung*'  (7).  Der  Verfasser,  der  niemals  die  Grenzen 
Frankreichs  überschritten  hatte,  und  erst  kurze  Zeit  vor  der 
Revolution  aus  der  Provinz  nach  Paris  übergesiedelt  war,  er- 
zählt keine  neuen  Thatsachen  zu  seinem  Thema,  sondern  legt 
nur  die  Anschauungen  der  Mehrheit  der  Franzosen  über  die^e 
dritte  Theilung  dar.  Als  Stanislaus  August,  der  durch  Katha- 
rinas Einfluss  König,  geworden,  sich  endlich  entschloss,  sein 
Vaterland  von  dem  russischen  Joch  zu  befreien,  so  war,  wie 
der  Verfasser  sich  ausdrückt,  der  Versuch  zur  Lösung  dieser 
schwierigen  Aufgabe  ein  jedenfalls  würdigerer  Zeitvertreib  für 
einen  König,  als  „schönen  Frauen  nachzustellen,  Geister  zu 
beschwören  und  Fliegen  zu  fangen"  (7).  Er  erzählt  sehr  aus- 
führlich, wie  der  preussische  König  die  Polen  getäuscht  hat, 
indem  er  mit  ihnen  sogar  ein  Bündniss  gegen  Russland  ab- 


—     55     — 

schloss,  wie  seine  Agenten  Lucfaesini  (9),  Kalkstein  und  Ludwig 
von  Württemberg  (12)  die  Polen  in  der  fllr  sie  schwierigsten 
Minute  verliessen,  nachdem  sie  ihnen  yerrätherischerweise  ganz 
untaugliche  Gewehre  verkauft  (11),  wie  die  Polen  durch 
„kindische  Frechheiten"  sich  an  Katharina  zu  rächen  suchten  — 
das  Todtengeläute  der  Kirchenglocken  bei  Aufhebung  des 
st&ndigen  Raths  (conseil  permanent,  23)  u.  s.  w.  Das  War- 
schauer Blutbad  vom  6.  April  1794  ist  ziemlich  unparteiisch 
dargestellt,  ein  Blutbad  „wie  das  menschliche  Auge  es  noch 
niemals  gesehen",  wobei  die  Polen  in  „furchtbarer"  Weise 
sämmtliche  Bussen  niedermetzelten  (40,  41).  Auf  das  Blutbad 
folgte  die  Vergeltung:  die  Niederlage  und  die  Gefangennahme 
Kosciuszkos  (46),  die  Einnahme  und  Zerstörung  von  Praga  (47), 
und  endlich  die  letzte  Theilung  Polens  und  seine  endgültige 
Vernichtung  (48).  „Dies  waren  die  letzten  Heldenthaten 
Friedrich  Wilhelms  und  Katharinens.  Die  Nachwelt  mag 
diese  sogenannten  Heldenthaten  richten,  unsre  Zeitgenossen 
dürfen  nicjit''  (48). 

Es  ist  nicht  bekannt,  weshalb  in  die  Geschichte  dieser 
Heldenthat  „einige  Züge"  aus  der  Geschichte  der  Staatsum- 
wälzung vom  Jahre  1762  verflochten  sind,  welcher  Zusatz  den 
achten  Theil  der  ganzen  Broschüre  einnimmt  (16).  Auch  ist 
nicht  bekannt,  woher  der  Verfasser  die  Angabe  geschöpft  hat, 
Fürst  Potemkin  habe  Katharina  sogar  mit  dem  Heere  gedroht. 
„Er  sagte  ihr  ganz  unverholen,  dass  er  entweder  König  von 
Polen  oder  Gemahl  der  Kaiserin  seyn  wolle"  (15)  —  es  ist 
diese  Nachricht  wahrscheinlich  polnischen  Ursprungs. 

812.   Annalen   der  Begierung  Katharina  der  Zweiten,  Kaiserin  von 
Bassland.    I.  Band:  Gesetzgebung  [U.,  Storch].    Leipzig,  1798. 

Unmittelbar   nach   dem   Tode   Katharinas    erschienen   in 

Westeuropa  viele  „Lebensbeschreibungen"  von  ihr.  Der  russisch 

gewordene   Deutsche   Storch   missbilligt    dies:    „seiner   unvor- 

greiflichen  Meynung  nach,  ist  die  gegenwärtige  Zeit  noch  nicht 


—    56     — 

reif  genug,  um  eine  vollständige,  wahre  und  pragmatische  Ge- 
schichte dieser  Fürstinn  und  ihrer  Regierung  zu  liefern" 
(Vorrede);  er  setzt  indessen  in  diesem  Falle  keine  bestimmte 
Frist  fest,  doch  finden  manche  Nationalrussen,  dass  sogar  auch 
nach  hundert  Jahren  noch  es  zu  früh  ist,  eine  solche  Ge- 
schichte zu  schreiben.  Der  Verfasser  hat  sich  daher  dafar 
entschieden,  nur  eine  Anzahl  offizieller  Akten  in  deutscher 
üebersetzung  herauszugeben;  sie  sind  zwar  schon  tibersetzt 
und  gedruckt,  aber  systemlos,  und  in  verschiedenen  Werken 
zerstreut  (I\J);  tiberdem  hat  der  Verfasser  ein  jedes  Dokument 
mit  einer  „historischen  Einleitung"  versehen  (V).  Der  Ver- 
fasser hat  mit  der  „Gesetzgebung"  begonnen,  sich  aber  auch 
auf  sie  beschränkt:  ein  zweiter  Band,  der  die  „Geschichte  der 
innem  Reichsverwaltung"  (VI)  bringen  sollte,  ist  nicht  heraus- 
gekommen. 

Ausser  einer  „Allgemeinen  Einleitung"  (3)  enthält  der 
erste  Band  folgende  fünf  Akten:  1.  „Konstitutionsakte  für  die 
innere  Verwaltung  des  Reichs"  (23),  2.  „Grundgesetz  fär  die 
Verwaltung  der  Polizey  in  den  Städten"  (113),  3.  „Kon- 
stitutionsakte des  Adelstandes"  (129),  4.  „Konstitutionsakte 
des  Bürgerstandes"  (167),  5.  „Entwurf  und  Grundlage  einer 
neuen  allgemeinen  Gesetzgebung"  (193). 

Das  Storchsche  Werk  wurde  von  Gregorius  Glinka  ins 
Russische  übersetzt. 

813.    Vita  Catharinae  II  Russorum  Imperatricis  [J.  0.  Struve],  Franco- 
fiirti  ad  Moenum,  1798. 

Eine   kurze   Uebersicht   der   Regierung  Katharinas,    ein- 

theilt  in   14   Kapitel;    die   geschichtlichen   Ereignisse   werden 

hier  in  chronologischer  Reihenfolge,  ohne  alle  Erläuterungen 

dargestellt.     Der  Verfasser  verkündet  den  Ruhm  Katharinas: 

„Magnae  huic  Imperatrici  Russia   summum  debet,    ad   quem 

evecta  est,  splendorem.     In  subditorum  suorum  gratis  animis 

monumentum  sibi    exstruxit   aere   perennius,    et   per   Ventura 


—    57     — 

saecula  immortalis  Catharinae  laus  et  bonos  nomenque  mane- 
bunt"  (24).  Der  Verfasser,  Johann  Christian  von  Struve,  hat 
dies  sein  Erstlingswerk  seinem  Vater,  Anton  Sebastian,  der 
sich  bei  der  rassischen  Oesandtschaft  in  Regensburg  befand, 
gewidmet:  sein  zweites  und  sein  letztes  Werk  ist  unter  Nr.  847 
aufgeführt. 

814.  Besaltate  und  Meinungen  über  Preussens,  Englands,  Russlands 
und  Deutschlands  Interesse.  Nach  dem  Französischen  des 
Boissy  <P Anglas  wörtlich  übersetzt    Paris,  179S. 

Eins  der  vielen  politischen  Pamphlete  von  Boissy  d' An- 
glas (No.  811),  geschrieben  zum  Beweise,  dass  Oesterreich  das 
linke  Ufer  des  Rheins  an  Frankreich  abtreten  müsse.  Ohne 
das  allergeringste  Verständniss  und  völlig  sinnlos  lässt  sich 
der  Verfasser  hier  über  die  politischen  Ziele  und  Tendenzen 
Oesterreichs,  Englands,  Preussens  und  auch  Russlands  aus. 
Er  findet,  dass  Katharina  viel  besser  gethan  hätte,  ihre  Auf- 
merksamkeit der  Givilisirung  Russlands  zuzuwenden,  anstatt 
mit  der  Türkei  und  Polen  Kriege  zu  führen,  erkennt  dabei 
jedoch  an,  dass  aus  der  gegen  Frankreich  gerichteten  Coalition 
Katharina  den  Hauptgewinn  gezogen  habe.  Im  Allgemeinen 
ist  dies  eine  Broschüre  so  ungereimten  Inhalts,  dass  sie  gar 
keine  Aufmerksamkeit  verdient. 

815.  Monument  litt^raire  consacr6  aux  mänes  de  Tauguste  Cathe- 
rine U,  imp^ratrice  des  toutes  les  Russies.     1798. 

Eine  Sammlung  von  fünf  Oden,  geschrieben  von  franzö- 
sischen Emigranten,  und  in  Prachtausgabe  veröfifentlicht  jvon 
Dubrowskij,  in  Hamburg,  in  nur  dreissig  Exemplaren.  Premifere 
ode  (5),  par  J.  B.  Auguste  Le-Rebours,  avocat  g^n^ral  de  sa 
Majest6  le  roi  de  France  en  sa  cour  des  aides  de  Paris,  ist 
gewidmet  dem  Kaiser  Pauli.,  und  nach  dem  Jahre  1796  ge- 
schrieben, als  es  in  Frankreich  keinen  König  mehr  gab,  und 
nach  der  Flucht  des  Verfassers  aus  Paris;  seconde  ode  (23), 
par  Larcher-Samson,  officier  fran^ais  au  service  de  Russie; 


—     58    — 

troisieme  ode  (32),  par  TabW  Fitte;  quatrieme  ode  (49),  par 
Bertant  de  Haarlem,  und  cinquiäme  ode  (69),  par  Mademoiselle 
Mnrray.  Einer  jeden  Ode  sind  angeschlossen  „notes,  variantes 
et  additions." 

Das  Hauptziel  aller  ftlnf  Oden  geht  dahin,  Paul  I.  zu 
einem  Kriege  gegen  die  französische  Republik  zu  bewegen. 

816.  The  life  of  Catherine  II  of  RuBsia,  translated  from  the  French 
and  enlarged  with  explanatoiy  notes  and  brief  memoirs  of 
illufltrious  persona.    2  v.    London,  1798. 

Eine  Uebersetzung  von  No.  794.  Im  Laufe  zweier  Jahre, 
von  1798  bis  1800,  erschienen  in  England  fünf  Ausgaben  der 
Uebersetzung  des  Werkes  von  Castöra  über  Katharina,  und 
zwar,  mit  Ausnahme  der  hier  aufgeführten,  sämmtlich  in  drei 
Bänden.  Eine  dieser  Ausgaben  trägt  den  originellen  Titel: 
The  history  of  the  reigne  of  Peter  III  and  Catharine  11  of 
Russia.  Die  beste  Ausgabe  ist  die  Uebersetzung  von  H.  Hunter, 
und  zwar  nicht  sowohl  nach  der  Art  der  Uebersetzung,  als 
wegen  der  beigegebenen  Kupfer,  so  dass  die  Herausgeber  ihre 
Ausgabe  mit  Recht  bezeichnen  konnten  als  „embellished  with 
thirteen  portraits  and  a  view  of  the  fortress  of  Schliesselburgh." 

817.  Recueil  de  m^moires  et  autres  pi^ces  relatives  aux  aflPaires  de 
r£urope,  et  particuli^rement  Celles  du  Nord,  pendant  la  demi^re 
partie  da  XVIII  siöcle.  Par  le  baron  d^AJbedyhü,  Stockholm, 
1798. 

Diese  Sammlung  enthält  acht  Artikel,  von  denen  zwei 
auf  Russland  Bezug  haben:  1.  „Nouveau  memoire  sur  la  neu- 
tralitö  arm6e^'  —  eine  sehr  interessante  Denkschrift  über  die 
Entstehung  der  „bewafl&ieten  Neutralität*';  sie  ist  um  so 
wichtiger,  als  der  Verfasser  zu  jener  Zeit  Secretär  der  schwe- 
dischen Gesandtschaft  in  St.  Petersburg  war,  und  einige,  in 
besonderer  Anlage  abgedruckte  Documente  bewahrt  hat  (46), 
und  2.  „Lettre  h  Mr.***  en  date  de  St.  P6tersbourg  le  16. 
(27.)  Janvier  1780,  contenant  quelques  details  sur  les  aflfaires 


—     59     - 

et  les  personnages  les  plus  remarquables  de  la  Cour  de  Russie'^ 
(167),  wo  namentlich  die  Aeusserung  über  Panin  (179)  und 
die  Mittheilung  über  den  Protest  der  bourbonischen  Höfe 
gegen  die  den  Jesuiten  in  Weissrussland  gewährte  Zuflucht 
(184)  von  Interesse  sind.  Hier  finden  wir  auch  den  Schrift- 
wechsel Gustavs  III.,  vom  Januar  1789,  in  Änlass  der  Ge- 
rüchte, der  dänische  Hof  wünsche  mit  Katharina  in  Unter- 
handlung zu  treten  zwecks  Beendigung  des  schwedisch -russi- 
schen Ej-ieges.  Die  Gerüchte  erwiesen  sich  als  unbegründet. 
Albedyhll  hatte  sich  immer  im  diplomatischen  Dienste 
befunden  und  war  lange  Zeit  hindurch  schwedischer  Gesandter 
in  Kopenhagen.  Nach  dem  Tode  Gustavs  III.  büsste  er  seine 
Stellung  ein  und  lebte  in  beschränkten  Verhältnissen  —  ,Je 
vivotte  obscur^ment  dans  une  petite  ville  de  province,  au  beau 
milieu  de  neiges  et  des  gla^ons  de  la  Suade,  avec  une  pension 
de  200  B-dls,  sauf  les  deductions,  qui  la  reduisent  k  moins 
de  150  R-dls"  (269)  —  und  gab  das  genannte  Sammelwerk 
heraus,  um  seine  materielle  Lage  zu  verbessern.  Das  Werk 
ist  bezeichnet  als  „tome  premier",  doch  ist  kein  zweiter  Band 
erschienen. 

818.  Anectoter  utur  Eejsarinnan  Catharina  II"  och  Kejsaren  Paul  II  > 
jämte  Haas  Familles  Privatle&ad.    S.  1.,  1788. 

Obgleich  im  Titel  dessen  nicht  erwähnt  ist,    bringt  diese 

Publication  doch  nur  eine  wörtliche  üebersetzung  von  No.  782 

in  die  schwedische  Sprache. 

819.  Geheime  Lebens-  und  Begierungsgeschichte  Katharinas  der 
Zweiten,  Kaiserin  von  Russland.  Aus  dem  Französischen  von 
C.  mit  sechs  Porträts.    Paris,  1798. 

Eine  UebersetzuDg  des  Werkes  No.  794.  In  demselben 
Jahre  erschien,  ausser  einer  zweiten  Auflage  dieser  Üeber- 
setzung auch  noch  eine  neue  Üebersetzung  in  4  Bänden  unter 
dem  Titel:  „Leben  Katharinens  der  Zweiten**.  Beide  üeber- 
setzungen   wurden   in  Paris   herausgegeben.     In   Deutschland 


—     60     — 

ist  keine   einzige  Uebersetzung   des  Buches  von  Cast^ra   er- 
schienen. 

820.  Miranda,  Königin  van  Noorden,  beminde  van  Pansalvinus,  Vorst 
der  Duisternis.    Naar  het  Hoogduitsch.    S.  L,  1798. 

Eine  wörtliche  üebersetzung  von  No.  810.  Die  üeber- 
setzung  ist  in  zwei  Theile  getheilt,  und  in  der  Vorrede  zu 
dem  zweiten  Theile  äussern  die  Herausgeber  ihre,  der  unsrigen 
völlig  entgegengesetzte  Ansicht  über  diesen  „Roman":  „Dan 
dit  Werk  is,  buyten  allen  twyffel,  iets  meer,  dan  eene  ver- 
dichte Roman  —  eene  waare,  zeer  belangryke  en  merkwaardige 
Gesctiiedenis  vak  den  jongstvoorledenen  tyd,  di  aan  geheel 
Europa  niet  onbekena,  on  voor  hetzelve  ten  uittersten  belang- 
ryk  is,  ligt  hier  ten  grondslag"  (Voorbericht).  Die  Zeichnung 
ist  nach  demselben  Clichö  hergestellt,  doch  ist  unten  eine  Be- 
schreibung des  Bildes  angefügt:  „Ik  voelde  de  kroon  afoeemen, 
en  den  hoed  opzetten,  en  toen  ik  omkeek,  wierd  ik  in  de  half 
opene  deur  enn  Jongmanshoofd  gewaar,  die  deze  geheime  ex- 
peditie  met  een  zeker  genoegen  aanzag." 

821.  Catharine  II.  Essai  historique  de  sa  vie  en  neof  tableaux. 
Berlin,  1798. 

Eine  üebersetzung  von  No.  807.  Die  üebersetzung  war 
im  „Almanach  historique  et  gönöalogique  pour  Tannöe  com- 
mune 1798"  abgedruckt.  Die  üebersetzung  enthält  dieselben 
„portraits,  vues,  medailles  et  estampes,  dont  les  sujets  sont 
pris  du  regne  de  Catherine",  die  dem  deutschen  Originale  bei- 
gegeben sind. 

822.  Yiew  of  the  Russian  Empire  during  the  reign  of  Catharine  the 
Second  and  to  the  dose  of  the  present  centarj,  by  W.  Tooke, 
3  vis.     London,  1798. 

William  Tooke,  1744  —  1820,  kam  im  Jahre  1771    nach 

Russland,  und  war  im  Anfange  Prediger   in  Kronstadt,    und 

darauf,  seit  dem  Jahre  1774,  in  St.  Petersburg;  so  hat  er  die 

letzten  25  Jahre  der  Regierung  Katharinas  in  Russland  ver- 


—     61     — 

lebt:  jjl  have  passed  the  greater  pari  of  the  long  reign  of  the 
late  empress  in  her  dominions"  (V).  Er  war  Mitglied  der 
Akademie  der  Wissenschaften  und  der  freien  ökonomischen 
Oesellschafty  war  mit  den  Akademikern  befreundet,  benutzte 
die  Bibliothek  der  Akademie,  die  einzige  damals  in  St.  Peters- 
burg, und  verfasste  eine  Compilation  auf  Grund  der  Werke 
von  Pallas,  Georgi,  Lepechin,  Falk,  Storch,  Schlözer,  Hupel  u.  A. 
Er  selbst  bezeichnet  sein  Werk  als  Compilation:  „I  have  be- 
stowed  much  care  and  pains  in  the  compilations  of  this  work 
from  the  leamed  writers  abovementioned  and  other  authentic 
sources,  and  this  in  all  the  merit  to  which  I  pretend"  (V). 

Es  ist  dies  eine  sehr  sorgfältige  und  brauchbare  Compi- 
lation. Der  Verfasser  hat  das  umfangreiche  Material  gründ- 
lich durchforscht,  und  ein  vollständiges  Bild  der  Landwirth- 
schaft,  der  Industrie  und  des  Handels  Busslands  in  der  zweiten 
Hälfte  des  XVIII.  Jahrhunderts  nach  grossem  Maassstabe  ent- 
worfen. Das  in  drei  starken  Bänden  veröfifentlichte  Werk 
zerfällt  in  zwölf  Bücher.  Ihr  Inhalt  ist  der  folgende:  1.  „On 
the  natural  State  of  the  empire'^  —  Oberfläche,  Klima,  Boden, 
Meere  und  Flüsse  (I,  1);  2.  „historical  view  of  the  nations" 

—  Slawen,  Finnen,  Mongolen,  Tataren,  kaukasische  Völker 
(I,  307;  n,  1);  3.  physical  state  of  the  inhabitants"  —  Be- 
Tölkerung,  Fruchtbarkeit,  ärztliche  Fürsorge,  physische  Eigen- 
thümlichkeiten  (11,  125);  4.  „of  the  several  classes  of  the 
subjects*'  —  Adel,  Geistlichkeit,  Städter,  Bauern  (II,  289); 
5.  „the  govemment  of  the  Empire,  or  the  monarch"  —  Thron- 
folge, Titel,  Staatsgewalt,  Regierungsform  (11,  357);  6.  „forces 
of  the  Eussian  Empire"  —  Land-  und  Seemacht  (11,  447); 
7.  „revenues  of  the  Empire"  —  Kopfsteuern,  Domänen,  Zölle, 
Stempel-  und  Postgebühren,  Branntweinpacht  (II,  503);  8.  „the 
imperial  Colleges"  —  Reichsrath  und  Cabinet,  CoUegien,  Comp- 
toire  und  Canzleien  (11,  553);  9.  „erection  of  the  Viceroyalties" 

—  Gouvernements -Institution,   Statthalter,  Begierungs-   und 


—     62     — 

Pro vinzial- Institutionen,  Zünfte  und  Handwerker  (III,  1); 
10.  „productive  industry"  —  Jagd  und  Fischerei,  Vieh-  und 
Pferdezucht,  Landwirthschaft  und  Gartenbau,  Weinbau,  Wald- 
wirthschaft,  Seidenbau,  Bergbau  (III,  31);  11.  „manufactures 
and  trade''  —  Fabriken  und  Manufacturen,  Baumwolle,  Leder^ 
Porzellan,  Krystallglas,  verschiedene  Gewerbe  (III,  463);  und 
12.  „of  the  commerce  of  Eussia"  —  auswärtiger  Handel,  zu 
Wasser  und  zu  Lande;  innerer  Handelsverkehr,  Münzen,  Maasse 
und  Gewichte  (III,  559).  Zum  Schluss,  als  Beilage,  eine  kurze 
Auseinandersetzung  über  die  russische  Sprache,  das  russische 
Alphabet  und  das  Vaterunser  in  russischer  Sprache  (III,  689)* 
Das  wirthschaftliche  Leben,  die  Verwaltung  und  die  pro- 
ductiven  Kräfte  Russlands  haben  hier  eine  allseitige  Be- 
leuchtung erhalten,  wobei  die  zahlenmässige  Darstellung  an 
erster  Stelle  in  Anwendung  kommt.  Doch  waren  dem  Ver- 
fasser die  nöthigen  Zahlenangaben  nicht  immer  zugänglich. 
So  gelangte  er  nach  ausführlicher  Erörterung  der  Staatsein- 
nahmen zu  dem  Schluss:  ,^The  national  revenue  far  exceeds 
that  of  most  other  countries  in  Europe,  and  is  amply  sufficient 
not  only  to  answer  all  the  expences  of  govemment,  but  also 
to  afford  considerable  sums  for  the  benefit  and  embellishment 
of  the  empire,  though  the  late  empress  remitted  manj  taxes 
and  abülished  several  monopolies"  (11,  546);  über  die  Staats- 
ausgaben standen  dem  Verfasser  jedoch  keine  Zahlenangaben 
zu  Gebot  („Sammlung",  V,  224).  Es  unterliegt  keinem  Zweifel, 
dass  der  Verfasser,  wenn  er  mit  den  Staaisausgaben  näher 
bekannt  gewesen  wäre,  seine  Anschauungen  über  die  Staats- 
einnahmen verändert  hätte.  Dafür  bürgt  die  Geradheit  seines 
Charakters,  die  in  dem  von  den  „vassal  boors*'  handelnden 
Gapitel  sehr  deutlich  zum  Ausdruck  konmit;  es  heisst  dort 
über  sie:  „they  have  no  civil  liberty;  theire  children  belong 
not  to  them,  but  to  their  manorial  lord,  on  whose  will  they 
depend;    they  also,  with  their  children,  singly  or  in  families^ 


—     63     — 

may  be  alienated,  sold  and  exchanged;  they  possess  no  im- 
movable  property,  bat  they  themselves  are  treated  someümes 
as  the  movable,  sometimes  as  tbe  iminovable  property  of 
anoter"  (11,  336).  Der  Verfasser  siebt  in  Katharina  die 
Schöpferin  der  Macht  Russlands  (III),  die  eine  Folge  der 
ökonomischen  Entwiekelung  des  Landes  war:  im  Jahre  1768 
belief  sich  der  Werth  der  Ausfuhr  auf  nur  21  Millionen  Rubel, 
im  Jahre  1 793  dagegen  auf  63  Millionen,  d.  h.  binnen  25  Jahren 
hatte  sich  der  Export  verdreifacht  (III,  632). 

Leider  hatte  der  Verfasser  die  russische  Sprache  nur  bis 
zum  „Ye  Boy"  (I,  373)  oder  „Slatkoi  trava"  (III,  480)  er- 
lernt, infolgedessen  er  nur  üebersetzungen  benutzen  konnte, 
welcher  Umstand  ihm  auch  bisweilen  zu  Irrthümem  Anlass 
bot:  die  ganze  Erörterung  über  den  grossfürstlichen  Titel 
(11,  437)  fusst  auf  solch  einer  ungenauen  üebersetzung. 

Massen  (No.  841)  äussert,  das  Tooke'sche  Werk  sei  „une 
compilation  indigeste,  incorrecte,  inexacte  et  rebutante"  (146); 
Esneaux  und  Chennechot  (No.  937)  finden,  Tooke  sei  „le 
plus  bas  des  apologistes  du  gouvemement  de  Catherine" 
(V,  122). 

Tooke  hat  die  englische  Literatur  mit  noch  zwei  Werken, 
oder  richtiger:  Compilationen  bereichert,  die  zwar  von  Russ- 
land handeln,  sich  aber  auf  Eatharin  anicht  beziehen :  „Russia, 
or  a  compleat  historical  account  of  the  all  nations  which 
compose  that  empire."  3  vis.  London,  1780,  und  „History 
of  Russia  from  the  foundation  of  the  monarchy  by  Rurik,  to 
the  accession  of  Catharine  the  Second",    2  v.    London,  1800. 

823.    Vojages  et  aventurea  des  ^migr^  fran^ais,  depuie  le  14.  Juillet 
1798  jusqu'i  Tan  VIL    Par  L.  M.  H.     2  vis.    Paris,  1799. 

Schon  dieser  Haupttitel  lässt  voraussetzen,  dass  in  dem 
vorliegenden  Werke  Russlands  fiir  das  bezeichnete  Jahrzehnt 
Erwähnung  geschieht;   doch  ist  in  dem  Titel  weiter  noch  er- 


—     64     — 

wähnt,  dass  dies  Jahrzehnt  —  ,,^poque  de  lenr  ezpulsion  par 
diffSrentes  puissances  de  TEurope  dans  la  Volhinie,  le 
gouvernement  d' Archangel,  la  Sib6rie,  le  Eamtchatka^'  etc. 
lind  dass  in  den  beiden  Bänden  des  Werkes  ,yla  description 
historique  e  g^ographique  de  tous  ces  pays,  avec  des  obser- 
vations  sur  la  r6volution  de  la  Pologne"  enthalten  sei.  Der 
Titel  des  Werkes  entspricht  aber  durchaus  nicht  dem  Inhalte 
der  beiden  Bände.  Das  Interessanteste  in  ihnen  —  ,,ATentares 
des  6migr6s  frangais"  —  nimmt  nur  die  ersten  84  Seiten  des 
ersten  Bandes  ein,  wobei  auf  der  ersten  Seite  angegeben  sind: 
„Noms  de  plusieurs  de  ceux  qui  s'^taient  refugi^s  dans  la 
Volhinie,  dont  un  grand  nombre  avec  leurs  femmes"  (61)  und 
„Noms  de  quelques  femmes,  dont  les  maris  ont  6t6  tu^s,  et 
qui  ont  suivis  k  Eamtchatka  les  autres  6migr6s'<  (Ibid.)  — 
in  Summa  25  Familiennamen  yon  getödteten  oder  nach 
Kamtschatka  ausgewanderten  Personen,  ohne  Angabe  der 
Mörder,  und  andererseits  der  Gründe  der  Auswanderung  nach 
Kamtschatka.  Sodann  folgen:  Description  de  la  Volhinie 
(I,  1);  Dicouverte  et  histoire  du  Kamtchatka  (I,  17);  De- 
scription de  la  SibÄrie  (11,  1);  Description  du  gouvernement 
d' Archangel  (II,  132)  und  dabei  kein  Wort  über  die  Zeit 
Katharinas;  die  neueste  der  im  Werke  enthaltenen  Nachrichten 
ist  entlehnt  aus  Chappe  d'Auteroche  (II,  17). 

Dem  Werke  sind  vier  Karten  beigelegt:  1.  Carte  g6n6rale 
de  TEmpire  des  Busses,  contenant  la  Sib^rie  et  le  Kamtchatka 
(I,  17);  2.  Carte  de  la  Pologne  aujourd'hui  partag^e  entre  la 
la  Russie,  TEmpereur  et  le  roi  de  Prusse  (I,  1)  und  3)^Russie 
Blanche  ou  Moscovie.  Province  d' Archangel  et  Laponie  russe 
(n,  132),  und  vier  Zeichnungen:  1.  Coiffure  et  habillement 
d'hiver  des  Kamtchadales  (I,  31);  2.  Femme  Kamtchadale 
avec  ses  enfants  dans  son  habit  ordinaire  (11,  67);  3.  Supplice 
du  knout  ordinaire  (II,  92)  und  4.  Supplice  du  grand  knout 
(H,  99). 


—     65     — 

824.   Taurische  Reise  der  Kaiserin  von  Russland  Ka-tharinft  n.  [Von 
Dr.  Weücardt,]    Koblenz,  1799. 

Eine  sehr  interessante  Beschreibung  der  tavrischen  Beise. 
Der  Verfasser  hat  an  ihr  nicht  theilgenommen,  sondern  nach 
den  mündlichen  Elrzählungen  von  Augenzeagen  und  nach  den 
Aufzeichnungen  yon  Theilnehmem  an  der  Beise  dieselbe  be- 
schrieben (51,  87,  155),  und  zwar  war  er  far  diese  Arbeit 
wohlvorbereitet  (141).  Die  in  dem  Buche  dennoch  •  anzu- 
treffenden thatsächlichen  Unrichtigkeiten  können  ohne  Mühe 
aus  dem  der  Hauptsache  nach  auf  Grund  der  Quellen  des  Hof- 
Archivs  bearbeiteten  vortrefflichen  Werke  von  G.  W.  Jessipow: 
„Beise  der  Kaiserin  Eatherina  11.  in  Süd-Bussland,  1787.^' 
(„Kijewer  Alterthum",  XXXI,  175)  corrigirt  werden. 

Sogar  die  Voraussetzungen  des  Verfassers  erweisen  sich 
als  zutreffend:  „Die  Kaiserin  mochte  wohl  vermuthet  haben, 
die  Türken  werden  geschwinder  zur  Ejiegserklärung  erhitzt 
werden,  und  alsdann  wäre  es  eine  ihrer  grössten  Begeben- 
heiten gewesen,  nach  Ueberraschung  der  Festung  Oczakoff, 
oder  gar  nach  Einnahme  von  Constantinopel,  siegreich  nach 
Moskau  zurückzukehren"  (8).  Diese  Voraussetzung  findet  ihre 
vollständige  Bestätigung  in  dem  geheimen  Ukas  vom  16.  October 
1786  (Hauptarchiv  des  Ministeriums  des  Aeusseren,  565),  der 
bisher  nicht  veröffentlicht  worden,  und  nur  im  Auszuge  be- 
kannt ist  („Buss.  Archiv*',  1865,  741). 

Der  Anonymus  ist  wahrscheinlich  in  Bussland  gewesen. 
Es  dürfte  kaum  möglich  sein,  nach  fremdem  Munde  eine  so 
genaue  und  richtige  Beschreibung  zu  geben  von  der  „Smo- 
lenski* sehen  Grütze"  (34),  dem  „kleinrussischen  Borschtsch" 
(Suppe  von  rothen  Buben,  49),  den  Fruchtliqueuren  (59),  den 
Erdhütten  (126);  den  Sinn  der  russischen  Ausdrücke  hat  er 
vollkommen  richtig  aufgefasst,  und  erklärt  demgemäss  das 
Wort  „Saporoschez"  (d.  h.  ein  jenseits  der  Wasserfalle 
Wohnender)   aus  dem  Worte   „Parogi"   (die  Wasserfälle   des 

BllbftBBoff,  Katharina  IL  5 


—     66     — 

Dnjepr,  113),  und  erinnert  bei  dem  Namen  Potemkin  an  das 
Wort  „Potemki"  (Finsterniss,  115)  u.  s.  w.  Ueber  das 
russische  Volk  äussert  er  sich  ohne  die  im  Westen  üblichen 
Yorurtheile:  ,,üeberhaupt  ist  der  eigentliche  Busse  sehr  rein- 
lich in  seinen  Wohnungen'^  (21);  y,der  Handel  hat  sich  unge- 
mein vermehrt,  seitdem  der  Ort  in  russischer  Herrschaft  ist" 
(26)  u.  s.  w. 

In  der  Beschreibung  der  Reise  trifft  man  auf  Einzel- 
heiten, nach  denen  wir  vergeblich  in  den  officiellen  Berichten 
und  in  den  Aufzeichnungen  der  Theilnehmer  suchen  würden, 
wie  z.  B.  über  die  Feuersbrunst  in  Smolensk  (33),  die  Ver- 
brennung dreier  deutscher  Officiere  (43),  über  ein  misslungenes 
„Hurrah"  in  Kijew  (87),  über  Fadejew  (115),  über  den  Ta- 
pezirer  und  Gartenbauer  Hempel  (119),  über  die  Verfolgung 
der  Buchdruckereien  (203).  Selbstverständlich  jedoch  giebt 
der  Verfasser  auch  die  damals  allgemein  geglaubte  Nachricht 
von  den  „Decorationen"  bei  der  Vortiberreise  der  Kaiserin 
wieder  (35,  68,  145,  153,  184). 

Bei  Erwähnung  der  „Dnjepr-Flottille"  fügt  der  Verfasser 
hinzu:  „In  KieflF  schiffte  sich  einstens  ein  Grossfürst,  mich 
dünkt,  auf  dreyhundert  Fahrzeugen  ein,  um  Constantinopel  zu 
erobern.  Die  jetzige  SchiflEfahrt  gieng  eben  nicht  auf  Erobe- 
rung dieser  Hauptstadt  aus,  aber  doch  mochten  sich  manche 
schmeicheln,  dass  eine  solche  Eroberung  bald  nachfolgen 
könnte"  (84).  Ein  bestimmter  gefasster  Hinweis  hierauf 
wiederholt  sich  bei  Erwähnung  der  Stadtthore  von  Chersson 
(123).  Die  Schwierigkeiten  der  Besiedelung  von  Chersson  und 
der  Organisation  der  Verhältnisse  der  Krim  veranlassen  den 
Verfasser  zu  der  Bemerkung:  „Man  hat  also  wohl  Recht  zu 
sagen:  Eussland  darf  nur  noch  eine  Crimme  erobern,  um  sich 
ganz  zu  ruiniren"  (129).  Sehr  interessant  sind  seine  Mit- 
theilungen über  die  Art,  wie  der  Kaiserin  hinsichtlich  der 
Hungersnoth    vom   Jahre    1787    die   Augen    geöffnet    wurden 


—     67     — 

(186,  193,  195).  Der  von  dem  Verfasser  erwähnte  Brief 
Katharinas  (102)  ist  yollkommen  echt  („Russ.  Archiv",  1864, 
518;  1880,  HI,  844;  „Vorlesung«,  1868,  HI,  170;  Smirdin, 
UI,  844).  Die  im  Bache  vorkommenden  Ungenauigkeiten  lassen 
«ich  leicht  als  solche  feststellen:  der  künstliche  Schnee  (22) 
oder  die  Notiz  über  die  Chaussee  (179)  finden  in  Missverständ- 
nissen  ihre  Erklärung;  „Strufalow"  anstatt  Strekalow  schrieb 
der  Verfasser  aus  Ünkenntniss,  u.  s.  w. 

Auf  dem  Titel  heisst  es:  „aus  dem  Englischen  übersetzt«. 
Falls  dies  wirklich  eine  üebersetzung  ist,  so  ist  sie  jedenfalls 
nach  einer  Handschrift  angefertigt;  wahrscheinlicher  aber  ist, 
dass  der  Verfasser  durch  diese  Bemerkung  nur  seine  Anony- 
mität sicherer  zu  wahren  beabsichtigte. 

Auf  einem  von  mir  unlängst  erworbenen  Exemplare  be- 
findet sich  folgender  Vermerk:  „Ein  Geschenk  des  Verfassers 
Dr.  Weikardts  bey  meiner  Reise  von  München  durch  Heil- 
bronn. 1800".  Aus  den  vorerwähnten  Gründen  verdient  dieser 
Vermerk  die  vollste  Beachtung. 

825.  Briefe  während  des  Türkischen  Feldzugs  im  Jahre  1787  bis 
1789.  Aus  dem  Französischen  des  Prinzen  von  Ligne  übersetzt. 
Dresden,  1799. 

In  Dresden  waren  auch,  im  Jahre  1795,  die  „Mölanges 

militaires,  litt^raires  et  sentimentaires  du  prince  de  Ligne'S 

32  vis.,  herausgegeben  worden:  die  Briefe  über  den  zweiten 

türkischen  Krieg  sind  in  den  verschiedenen  Bänden  der  „M6- 

langes''  zerstreut.     Von  den  11  Briefen  sind  2  aus  Jelisawet- 

grad   datirt,    1   aas  Chotin,  4  aus  Otschakow,   1   aus  Jassy, 

1  aus  Semlin,  und  2  aus  Belgrad,  so  dass  auf  Russland  selbst 

nur  acht  dieser  Briefe  Bezug  haben.    Vergl.  „Fürst  de  Ligne 

in  Russland"  („Russ.  Alterthum",  LXXIII,  541). 

826.  Sorvey  of  the  Tnrkish  Empire,  in  which  are  considered  .... 
tfae  cause  of  the  decline  of  Tarkey,  with  a  deveiopement  of 
the  political  System  of  the  late  Empress  of  Bussia,  by  W.  EUm, 
London,  1799. 

5* 


—    68    — 

William  Eton  hatte  mehr  als  20  Jahre  in  der  Türkei 
und  in  Bassland  verlebt;  er  war  englischer  Consul  in  Eon* 
stantinopel,  hatte  alle  Provinzen  der  Türkei  bereist,  war  in 
Griechenland,  Armenien  und  der  Krim  gewesen,  war  auch  mit 
dem  Fürsten  Potemkin  gut  bekannt  („I  was  in  the  confidence 
of  the  late  Prince  Potemkin^')  und  versah  etwa  ftinf  Jahre  das 
Amt  eines  Secretärs  der  englischen  Gesandtschaft  in  St.  Peters- 
burg. Mit  den  besten  Werken  über  die  Türkei  hatte  er  sich 
vollkommen  vertraut  gemacht:  mit  denen  von  Porter,  Baron 
Tott,  Pejssonel,  Osson,  er  hatte  lange  unter  den  Türken  ge- 
lebt, sprach  türkisch,  wenigstens  stellt  er  eine  solche  Sprach- 
fertigkeit als  Bedingung  auf:  „tili  a  man  is  capable  of  con- 
versing  with  ease  among  the  natives  of  a  countrj,  he  can  never 
be  able  to  form  an  adequate  idea  of  their  policj  and  manners^^  (3). 
Nach  gründlichem  Studium  der  Türkei  und  der  Türken  ge- 
wann er  die  üeberzeugung  von  der  Notwendigkeit,  die  Türken 
aus  Europa  zu  vertreiben  (210,  373,  394),  obgleich,  seiner  An- 
sicht nach,  sein  ürtheil  über  sie  kein  strenges  ist:  „I  am 
sensible  that  I  may  be  accused  of  treating  the  Turks  too 
severely^'  (lY).  Als  Engländer  ist  er  der  Üeberzeugung,  dass 
die  Vertreibung  der  Türken  für  England  von  grösserem  Nutzen 
sein  würde,  als  für  Russland:  „the  expulsion  of  the  Turks  trom 
Europe  would  be  more  advantageous  to  Britain  tban  even  to 
ßussia"  (VIII). 

Da  er  lange  Jahre  in  St.  Petersburg  lebte,  dem  Fürsten 
Potemkin  nahe  stand,  und  die  Möglichkeit  hatte  sowohl  Ka- 
tharina zu  sehen,  als  auch  mit  ihren  Angelegenheiten  sich 
vertraut  zu  machen,  war  der  Verfasser  im  Stande,  von  der 
Kaiserin,  schon  nach  ihrem  Tode,  folgendes  Portrait  zu  ent- 
werfen: „As  a  sovereign  she  will  make  a  great  figure  in 
history.  Her  information  proceeded  from  an  extensive  and 
minute  acquaintance  with  the  present  and  past  state  of  nations, 
their  actual  and   relative   situations,   and   with   the   personal 


—     69     — 

character  and  private  interesta  of  Boyereigns  and  indiriduals; 
ahe  was  indefatigable  in  gaining  intelligence  and  making  parti- 
zans,  and  spared  neither  money  nor  means  to  sacceed;  she 
was  astonishingly  rieh  in  resources;  she  had  wonderful  talents 
to  combine  and  dednce,  ^o  as  to  foresee  with  certainly  futore 
events,  or  be  prepared  for  such  as  mere  accident  prodnces: 
it  was  thence  that  she  was  enabled  to  profit  bj  erery  fault 
or  misfortune  of  other  states,  as  well  as  of  what  inevitably 
foUowed  in  the  common  course  of  things;  her  projects  were 
always  vast,  their  object  her  own  glory;  her  perseverance  was 
inexorable;  Opposition  or  difficnlty  only  excited  greater  exer- 
tions  of  talent;  she  never  gave  up  one  single  pursuit  when  it 
was  known  to  the  world  that  she  had  determined  to  foUow  it, 
unlesB  it  could  appear  that  she  ceded  from  motives  of  gene- 
rosity,  and  not  from  compulsion  or  invincible  obstacle  success 
never  dazzled,  nor  danger  or  embarrassment  oppressed  her; 
on  all  occasions  she  had  equal  firmness,  conrage,  and  pre- 
sence  of  mind;  she  was  always  great'^  (^^7).  Trotzdem  ver- 
meidet der  Verfasser  jede  Parteilichkeit:  „It  is  only  in  foreign 
politics  that  she  appears  great,  and  because  there  only  she 
govemed  alone;  as  to  the  internal  govemment  of  the  impire, 
it  was  left  to  the  great  ofGcers,  and  they  inordinately  abused 
their  power  with  impunity"  (459). 

Man  stösst  in  diesem  Buche  auf  zahlreiche  interessante 
und  neue  Notizen,  so  über  den  ersten  türkischen  Krieg  (196, 
359),  namentlich  aber  über  die  Schlacht  bei  Tschesme  (90, 
363),  und  auch  über  den  zweiten  (93,  363,  380),  umsomehr 
als  der  Verfasser  z.  B.  ein  Augenzeuge  des  Sturms  auf  Otschakow 
gewesen  ist  (Xu,  96),  den  Bericht  von  Paul  Jones  über  die 
Liman-Eämpfe  gelesen  hat  („I  have  read^')  u.  s.  w.  Er  theilt 
Documente  mit,  die  über  die  Thätigkeit  solcher  Agenten  Ka- 
tharinas handeln,  wie  Sotiri  (364),  Lambro  Concioni  (378), 
Psaro  (364,  369),  spricht  von  den  Bestrebungen  der  Griechen, 


—     70     — 

den  Grossfärsten  Gonstantm  Pawlowitsch  zum  König  zu  er- 
halten (367,  370,  373,  375)  u.  s.  w. 

Eton  hat  in  der  Krim  gelebt  vor  ihrer  Einverleibung  in 
Bussland,  er  kannte  die  Tataren  der  Krim  während  der  Zeit, 
da  sie  noch  zu  der  Türkei  in  einem  Abhängigkeitsverhältniss 
standen,  Raubzüge  unternahmen,  plünderten,  sengten,  ihre 
Nachbarn  mordeten,  und  rechtfertigte  vollständig  die  Besetzung 
der  Halbinsel  und  ihre  Einverleibung  in  Bussland  (312).  „The 
empress  at  last  tired  out  bj  the  continual  alarms  they  oc- 
casioned,  and  determined  no  longer  to  suffer  her  subjects 
to  be  exposed  to  the  calamities  the  incursions  of  these  bar- 
barians  occasioned,  seized  on  the  Krim  and  Cuban  in 
1783"  (333). 

Der  Verfasser  spricht  von  dem  griechischen  Projecte: 
„The  empress  has  also  conceived  the  vast  and  generous  design 
of  delivering  Greece  from  its  bondage,  and  of  establishing  it 
under  a  prince  of  its  own  religion,  as  a  free  and  independent 
nation"  (406).  lieber  die  Beziehungen,  die  zwischen  Bussland 
und  England  bestanden,  s.  S.  379,  406  ff. 

Als  Anhang  sind  dem  Buche  beigefügt  „Miscellaneous 
Papers,  i.  e.  extracts  and  translations  from  original  documents" 
(504).  Diese  Documente  beziehen  sich  auf  Egypten,  Persien^ 
die  üeberfälle  gegen  die  Engländer  in  Indien,  China  und 
Japan,  die  Besetzung  der  Inseln  Lampedusa  und  Linosa  im 
Mittelmeere,  die  Angriffe  auf  die  türkische  Flotte  in  der  Meer- 
enge von  Konstantinopel,  und  endlich  auf  die  Land-  und  See* 
macht  Busslands  im  Jahre  1795. 

Eine  kurze  Besprechung  des  Werkes  s.  bei  Dohm,  I,  226. 

827.  Histoire  de  Pierre  III  empereur  de  Bussie  imprim^e  bot  tut 
manuscrit  trouv^  dans  les  papiers  de  Montmorin ,  ancien  mi* 
nistre  des  afiiures  ^trangöres  et  compos^  par  im  agent  secret 
de  Louis  XY  k  la  cour  de  P^tersbourg  suivie  de  rhistoire 
seeröte  des  amours  et  des  principaux  amants  de  Catherine  IX» 
Arec  figures.   [Par  J.  C.  Laveaux,]    8  r.    Paris,  1799. 


—     71     — 

Heibig  als  erster  hat  den  Verfasser  genannt  (S.  XIV)  und 
seine  Angabe  wird  vom  Herausgeber  bestätigt:  ,,c'est  le  re- 
cueil  des  observations  d'un  komme  d'esprit  et  de  distinction, 
que  Louis  XV  entretenait  secritement  k  la  cour  de  P^tersbourg; 
il  7  passa  plusieurs  ann^es  depuis  la  fin  du  rögne  d'Elisabeth 
jusqu'ä  la  mort  de  Louis  XV  (1),  und  bekannt  ist,  dass  von 
1761  bis  1773  Jean  Charles  Laveaux  ein  solcher  Agent  ge- 
wesen ist.  Der  anonyme  Verfasser  selbst  bezeichnet  sich 
mehrmals  als  Augenzeugen  (I,  204,  212,  214,  250),  spricht 
von  seiner  nahen  Beziehung  zu  Personen  jener  Zeit  (250,  272), 
liihrt  russische  Phrasen  an  (117,  276),  und  erklärt:  „Je  pein- 
drai  d'apr^s  nature  Pierre  HI,  Catherine,  ses  complices,  ses 
amants,  la  Russie  et  les  Busses,  tels  qu'ils  sont,  et  je  ne  les 
peindrai  ni  meilleurs  ni  plus  m^chans  que  je  ne  les  ai  vus; 
je  les  ai  fr6quent6s,  ^tudi^s,  analys^s  pendant  plus  de  dix 
ans''  (212).  Dennoch  äussert  sich  Graf  S6gur,  französischer 
Gesandter  am  Hofe  Katharinas,  folgendermassen  über  den 
Verfasser:  „L'auteur  de  l'Histoire  de  Pierre  in  aime  mieux 
critiquer  les  hommes  qui  ont  parlö  avec  justesse  de  la  Bussie, 
que  de  profiter  de  leurs  lumiöres",  er  sieht  in  dessen  Mit- 
theilungen „des  bruits  d'antichambre'',  stellt  seine  Schriften 
auf  eine  Stufe  mit  „ces  libelles,  qu'on  oSre  honteusement  aux 
passants  dans  les  rues'',  und  schliesst  nach  Hinweis  auf  einige 
üngenauigkeiten  mit  den  Worten:  „on  peut  juger  par  ce  trait 
de  l'exactitude  de  cet  auteur  et  de  la  confiance,  qu'il  doit 
inspirer  (Cast^ra,  I,  p.  VII).  Heibig  beschuldigt  ihn  des 
Plagiats:  Laveaux  habe  seine  in  der  „Minerva''  von  Archen- 
holz abgedruckte  Arbeit  über  Potemkin  paraphrasirt  (Heibig, 
Biographie,  XIV). 

Als  Hauptperson  der  „Histoire  de  Pierre  HI"  erscheint 
aber  nicht  Peter  III.,  sondern  Katharina  11.,  der  nicht  nur 
der  ganze  dritte  Band,  sondern  auch  ein  grosser  Theil  des 
ersten  und  des  zweiten  gewidmet  ist;  die  Geschichte  Peters  JH. 


—     72     — 

nimmt  nur  den  kleinsten  Theil  des  1.  Bandes  ein  (114 — 210). 
Wie  aus  dem  Kapitel  „Conspiration  contre  Pierre  DI.,  son 
dötronement  et  sa  mort"  (211)  hervorgeht,  war  der  Verfasser 
nicht  Augenzeuge  der  Bevolution:  Gregorius  Orlow  holt  hier 
Katharina  aus  Peterhof  ab  (256),  in  der  Kasanschen  Kathe- 
drale begrüsst  man  die  Thronbesteigung  Katharinas  mit  lautem 
Applaus  (258)  u.  s.  w.  Die  einzige  ToUkommen  originale  Nach- 
richt betriflft  die  Anwesenheit  Peters  III.  im  Seehofe  (278). 
Wie  es  scheint,  hat  der  Verfasser  den  Kaiser  Peter  III.  nur 
auf  der  Strasse  gesehen  (42,  46,  52,  76,  79,  116,  134,  159, 
188,  194,  288),  und  über  Katharina  aus  der  damaligen  Zeit 
nur  nach  Hörensagen  geschrieben  (50,  53,  116,  233,  259). 
Laveaux  erzählt  die  Geschichte  der  Abfassung  des  „memoire, 
publik  par  l'imperatrice,  pour  la  pr6tendue  justification  de  sa 
conduite'',  wobei  er  auch  Mr.  de  Villiers  als  den  Verfasser 
dieser  Denkschrift  bezeichnet  (214). 

Die  im  ersten  Bande  enthaltenen  „Eclaircissements  histo- 
riques,  notes,  anecdotes  et  additions^^  gehören  nicht  Laveaux 
an,  und  haben  mehr  auf  Katharina  II.  Bezug,  so  namentlich: 
„histoire  de  l'infortun^  prince  Ivan''  (80)  und  „histoire  de  la 
r^volte  de  Pougatschef  (255).  In  keiner  der  beiden  Erzäh- 
lungen findet  sich  irgend  etwas  Originales;  die  in  ihnen  an- 
geführten Manifeste  und  Ukase  waren  in  französischer  Sprache 
schon  lange  bekannt. 

Der  dritte  Band  bezieht  sich  vollständig  auf  Katharina  II. 
und  trägt  einen  besonderen  Titel:  „Histoire  secrfete  des  amours 
et  des  principaux  amants  de  Catharine  JI".  Er  beginnt  mit 
einem  unsinnigen  Roman  —  „Histoire  du  comte  de  B  .  .  ." 
(5 — 44,  78 — 90),  der  vollständig  aus  No.  810  entnommen  ist, 
stellenweise  sogar  in  wörtlicher  Uebersetzung.  Bei  Laveaux 
wird  ein  Detail  mitgetheilt  über  das  Gespräch  der  Naryschkin 
mit  Elisabeth  Petrowna  (54);  dies  Detail  findet  seine  Bestäti- 
gung  durch    den  Bericht  von  Champeaux  (Bilbassow,  Joanne 


—     73    — 

Elisabeth,  p.  115).  Die  Geschichte  Orlows  (91)  und  besonders 
Potemkins  (112)  berichten  über  viele  sehr  charakteristische 
Züge  und  Einzelheiten;  es  fällt  nicht  schwer,  sie  von  der  Lüge 
und  den  Erfindungen,  die  reichlich  vertreten  sind,  zu  sondern. 
Lassen  wir  auch  die  intime  Geschichte  bei  Seite,  so  treffen 
wir  im  3.  Bande  noch  auf  mancherlei  interessante  Nachrichten: 
so  über  das  russische  Heer  (219,  280),  über  den  „Fürsten- 
bund^<  (239),  über  die  taurische  Reise  (260),  und  namentlich 
über  Stanislaus  August  (270). 

Eünem  jeden  Bande  ist  ein  Kupferstich  beigelegt:  im 
1.  Bande  —  die  Scene  in  Bopscha,  im  2.  —  das  Strafgericht 
über  Pugatschew,  im  8.  —  die  Begegnung  mit  Potemkin  dar- 
steUend.  Dieser  Kupferstich  findet  sich  auch  in  der  hollän- 
dischen üebersetzung:  „Minnarijen  van  Gatharina  n,  Keizerin 
van  Bussland.  En  Geschiedenis  van  haare  voomaamste  min- 
naars.  Naar  het  fransch  door  Mr.  Joannes  van  der  Linden." 
Amsterdam,  1800. 

828.   La  BuBsie  officienBe.    Pur  Fr.  Barsa.    Paria,  1799. 

Der  Verfasser,  der  seine  Broschüre  vom  „29.  fructidor,  an 
7  de  la  B^publiqne  Frangaise"  datirt  hat,  beabsichtigte  Frank- 
reich durch  die  Darlegung  des  Geschickes,  das  zur  Zeit  Ka- 
tharinas über  Polen  hereingebrochen,  zu  warnen,  namenüich 
auch  vor  den  „phrases  perfides  que  le  g^nöral  Souworow  croit 
utiles  de  placer  dans  les  proclamations  au  Peuple  frangais^'  (3). 
EHir  diesen  Behuf  druckt  der  Verfasser  drei  Declarationen  der 
russischen  Gesandten  ab:  vom  18.  Mai  1792  (8),  vom  9.  April 
1793  (39)  und  vom  25.  Juli  1797  (58).  Diese  drei  Declara- 
tionen  sollen  als  Unterlage  und  zur  Rechtfertigung  dienen  für 
folgende  Schlussfolgerung  des  Verfassers:  „L'ambition  et  l'ava- 
rice  de  Bussie  sont  mextinguibles.  Elle  prit  une  partie  de 
la  Pologne,  parce  que  le  gouvemement  de  cette  puissance  ^tait 
r^publicain;  une  autre  partie  fiit  usurp^e,  parce  qu'elle  avait 


—     74     — 

Youlu  s'en  donner  au  monaxchique;  tont  fat  enfin  d^yor6,  sous 
le  pretexte  qu'elle  n'en  avait  aucun"  (71). 

829.  Vollstfindige  Bibliothek  korländischer  und  piltenscher  Staats- 
Bchriffcen  der  Zeitfolge  nach  aufgestellet  von  J.  C.  Sohwartz. 
Mitau  1799. 

Eine  überaus  nützliche  Sammlung  sämmüicher,  die  Ge- 
schichte Kurlands  aus  den  Jahren  1561  bis  1795  betreffender 
y^Staatsschriften^^  Hier  sind  nicht  nur  die  im  Druck  erschie- 
nenen ^  sondern  auch  handschriftliche  (183)  Documente  ab- 
gedruckt, wobei  der  Verfasser  sogar  solche  Ausgaben  angemerkt 
hat,  die  er  nicht  in  Händen  gehabt,  sondern  nur  in  anderen 
Werken  citiert  gefunden  hat  (161).  In  Summa  hat  er  283  Do- 
cumente zusammengebracht,  von  denen  die  letzten  176  auf 
die  Begierungszeit  Katharinas  Bezug  haben.  Hier  sind  sehr 
viele,  sehr  seltene  Werke,  die  sich  nicht  einmal  in  der 
St.  Petersburger  OeffenÜichen  Bibliothek  vorfinden,  aufgeführt. 

830,  Der  alte  Leibkutscher  Peters  des  Dritten.  Eine  wahre  Anekdote. 
Von  A.  V,  Kotxebue,    Leipzig,  1799. 

Nach  Ueberfiihrung  des  Sarges  Peters  III.  und  seiner 
nochmaligen  Beerdigung  zusammen  mit  Katharina  bildete  sich 
über  Kaiser  Paul  die  Legende,  dass  „treue  Diener  seines 
Vaters  sind  ihm  willkommen";  daraufhin  bittet  der  alte  Leib- 
kutscher Peters  IIL  um  Unterstützung  und  Paul  I.  lässt  ihm 
20,000  Rubel  auszahlen,  als  den  Betrag  seines  Gehaltes  während 
der  34  Jahre  der  Regierung  Katharinas,  zu  300  Bubel  für 
das  Jahr,  mit  den  aufgelaufenen  Züisen.  Die  kleine  Broschüre 
hat  flir  uns  nur  deshalb  Bedeutung,  weil  in  ihr  eine  Familien- 
ähnlichkeit constatirt  wird;  der  Leibkutscher  äusserte  sich 
folgendermassen  über  Paul:  „Als  ich  ihn  aber  erst  von  weitem 
sah,  als  ich  die  Züge  seines  Vaters  erblickte"  u.  s.  w.  (30). 
Derselbe  Hinweis  begegnet  uns  auch  schon  früher  (15). 
Noch  zu  Pauls  Zeiten  wurde  die  Broschüre  ins  Russische 
übersetzt. 


—     75     — 

831.  Th^ätre  de  rHermitage  de  Catherine  11,  compoB^  par  cette 
Princesse,  par  plusieors  personnes  de  sa  soci^t6  intime  et  par 
quelques  ministres  6trangers.  [Par  J.  Caetera.]   2.  v.   Paris,  1799, 

Es  ist  dies  nicht  ein  Neudruck  von  No.  536.  Der  Ver- 
feflser  äussert  sich  darüber  direct:  „Lorsqu'on  eut  jou6  un 
certain  nombre  de  ces  pifeces,  Catherine  fit  faire,  k  THermi- 
tage,  quelques  copies  de  cette  coUection;  et  c'est  une  de  ces  copies 
que  nous  poss^dons.'^  Diese  Ausgabe  ist  besonders  werthvoll 
deshalb,  weil  in  ihr  die  Verfasser  aller  19  Stücke,  die  in  diese 
Sammlung  aufgenommen  sind,  genannt  werden.  Die  Verfasser 
dieser  „Ermitage-Piöcen"  waren,  ausser  Katharina:  Graf  Ko- 
benzl,  SÄgur,  Fürst  de  Ligne,  A.  Dmitrijew-Mamonow,  Qraf 
Strogonow,  J.  Schuwalow,  D'Estat  (ein  Franzose,  der  im  Ca- 
binet  der  Kaiserin  diente)  und  Fräulein  Aufrene  (die  Tochter 
eines  der  Schauspieler).  Der  Prinz  von  Nassau -Siegen  lieferte 
auch  ein  „proverbe",  das  aber  von  S^gur  geschrieben  war, 
wie  Katharina  mittheilt:  „Monsieur  de  Nassau  a  6i€  ran^onn^ 
par  Sögur,  son  böte,  qui  a  livrö  pour  lui  un  proverbe"  „Samm- 
lung", XXIII,  468).  Nach  der  Mittheilung  des  Herausgebers 
sind  diese  Stücke  zu  Ende  des  Jahres  1787  und  im  Winter 
1788  aufgeführt  worden. 

Es  sind  hier  sechs  dramatisirte  Sprichwörter  von  Katha- 
rina abgedruckt  worden:  fünf,  die  auch  schon  in  der  Samm- 
lung No.  536  sich  vorfinden  —  wobei  das  erste  Stück  den 
Titel:  „Le  tracassier"  (I,  4)  erhalten  hat,  —  und  ein  sechstes: 
„Imitation  de  Schakespeare,  sc6ne  historique,  sans  observations 
d'aucune  r^gle  du  th^ätre,  tiröe  de  la  vie  de  Eurick"  (n,  369). 
Der  Herausgeber  begleitet  das  Stück  mit  folgender  Bemerkung: 
„Cette  pi&ce  a  6i6  compos^e  en  Busse  et  jou^e  dans  cette 
langue  par  des  acteurs  Busses,  sur  le  thöätre  de  l'Hermitage; 
apr^s  cela,  eile  fut  traduite  en  Frangais  sous  les  yeux  de  Ca- 
therine, qui  en  corrigea  la  traduction"  (Ibid.).  Zu  diesem 
Stücke  8.  auch  No.  687. 


—     76     — 

Hinsichtlich  der  Autorschaft  kann  ein  Zweifel  obwalten 
nur  bei  dem  Stücke:  y,L'In8oaciant,  com^die  en  trois  actes  et 
en  prose,  par  M.  Alexandre  Mamonof,  favori  de  Timpöratrice 
Catherine  IL"  (I,  359).  Unter  dem  Datum  des  17.  November 
1788  hat  Chrapowizkij  notirt:  „das  in  russischer  Sprache  ver- 
fasste  Sprichwort:  „Der  Unsinn  ist  zollfrei"  ist  von  mir  ab- 
geschrieben worden;  das  Stück  ist  angefangen  vom  Grafen 
A.  M.  Dimitrijew-Mamonow,  und  beendigt  von  Ihrer  Majestät 
—  er  war  träge  geworden,  und  führte  das  Stück  nicht  zu 
Ende"  (197).  Eine  Gomödie  in  drei  Acten  beansprucht  aber 
sehr  viel  mehr  Arbeit,  als  ein  dramatisirtes  Sprichwort. 

Das  in  No.  536  mitgetheilte  Bruchstück  aus  der  vor- 
erwähnten Comödie  ist  von  J.  S.  wörtlich  übersetzt  worden 
unter  dem  Titel:  „Der  Geist  Katharinas  der  Grossen",  11,  13. 

Dem  ersten  Bande  ist  ein  in  Kupfer  gestochenes  Porträt 
Katharinas  angefügt  (Rowinskij,  II,  849,  No.  317). 

832.  Catarina  Seganda  en  Cronstadt,  drama  herojco  en  dos  actos. 
Por  don  L.  P.  Gomeüa.    Madrid,  1799. 

Ebensowohl  der  Ort  der  Handlung,  Kronstadt^  als  auch 

die  handelnden  Personen  —  Stoffel,  Coulmin,  Ribas,  Fermer, 

Meknof,   und  Katharina   selbst  nicht  ausgeschlossen  —  sind 

vollkommene   Phantasiegebilde.      Katharina    begrüssend,    ruft 

das  Volk: 

Viva,  Viva  Catarina, 

Viva  de  Analt  la  princesa  (30). 

Dies  Drama  ist  ebenfalls  so  leer,  wie  das  erste  (No.  800)  — 
die  Person  Katharinas,  die  in  damaliger  Zeit  das  westliche 
Europa  sehr  interessirte,  rettete  wahrscheinlich  den  Verfasser. 

833.  L' Antidote  ou  les  Busses  tels  qn'ils  sont  et  non  tels  qu'on  les 
croit.    Lausanne,  1799. 

Ein  jedoch  nicht  vollständiger  und  zum  Theil  veränderter 
Abdruck  von  No.  147.    Der  zweite  Titel  lautet:  „Coup  d*oeil 


—     77     — 

BOT  r6tat  actnel  de  la  Russie,  ou  les  Basses  tels  qu'ils  sonU 
Par  im  ami  de  la  Verit6.** 

834.  Gorrispondenza  di  lettere  tra  Caterina  11  e  il  Signore  de 
Voltaire,  tal  qaale  ö  stata  publicata  a  Pietroburgo  nel  1797. 
Lugano,  1799. 

Eine  Uebersetzung  von  No.  459.  In  St.  Petersburg  ist 
diese  Correspondenz  in  französischer  Sprache  niemals  heraus- 
gegeben worden;  die  Ausgabe  vom  Jahre  1797,  auf  die  der 
Uebersetzer  sich  beruft,  ist  in  Genf  veranstaltet  worden,  wobei 
auf  dem  Titel  die  Bemerkung  beigefügt  ist:  „et  se  trouve  k 
St.  Pötersbourg".  Ausser  der  Correspondenz  selbst  ist  hier 
noch  abgedruckt:  „una  lettere  di  Caterina  II  a  ss.  Pio  VI^' 
(154)  Yom  30.  Januar  1782  („Sammlung'S  I,  516)  und:  „Saggia 
sopra  la  Legislazione^',  betreffend  die  Instruction  für  die  Com- 
mission  zur  Verfassung  eines  Entwurfes  des  neuen  Gesetz- 
buches (No.  629). 

835.  Raslands  Keiserinde,  Katarine  den  Andens  liv  oglevnet  Oversat 
af  det  Franske.    2  v.    Kj6benhavn,  1799. 

Uebersetzung-  von  No.  794. 

836.  Leibkuczer  Piotra  HL  Anekdota  prawdziwa  w  jednym  akcie. 
Przez  A.  von  Kotxebtte.    S.  1.,  1799. 

Uebersetzung  von  No.  880. 

887*  Geschichte  Peters  des  Dritten,  Kaisers  von  Rnssland.  Aus  der 
Handschrift  eines  geheimen  Agenten  Ludwigs  XY.  am  Hofe 
zu  Petersburg.  Begleitet  von  der  geheimen  Geschichte  Ratha- 
rinen  II  durch  den  Verfasser  der  Lebensgeschichte  Friedrichs  IL. 
Nach  der  Pariser  Original-Ausgabe.    S.  1.,  1799. 

Uebersetzung  von  No.  827. 

838.  Bemerkungen  auf  einer  Heise  in  die  südlichen  Statthalter- 
schaften des  russischen  Reichs  in  den  Jahren  1798  und  1794. 
Von  P.  S.  Palku.    2  Bde.    Leipzig,  1799. 

Peter  Ssemenowitsch  Pallas,  1741—1811,  Doctor  der 
Medizin,  Akademiker,  war  von  Katbarina  im  Jahre  1767  nach. 


—     78     — 

Rassland  berufen  worden.  Sie  schätzte  ihn  sehr  hoch,  und 
erwähnt  seiner  in  ihren  Briefen  stets  achtungsvoll  (Marcard,  309; 
Smirdin,  437;  „Sammlung",  XXIII,  141  ft).  Er  hat  viele  ge- 
lehrte Expeditionen,  vorzugsweise  naturhistorische,  durch  Buss- 
land unternommen,  und  seine  Werke  erschienen  auch  in 
russischer  Sprache.  So  sein  erstes  Werk:  „Beise  durch  ver- 
schiedene Provinzen  des  Bussischen  Beiches",  3  Bände, 
St.  Petersburg,  1771,  das  auch  in  russischer  Uebersetzung  in 
zwei  Auflagen  erschien.  Wie  in  sämmtlichen  Werken  des 
Akademikers  Pallas  trifft  man  jedoch  auch  in  dem  hier 
angeführten  nur  sehr  wenige  das  Culturleben  betreffende 
Notizen. 

839.   Histoire  de  Catherine  II,  imp6ratrice  de  Russie,  par  J.  OaaUra, 
4  vis.    Paris,  1800. 

Cast^ra  war  einer  jener  diplomatischen  Agenten,  deren 
Dienste  der  franösische  König  in  Anspruch  nahm  neben  denen 
seines  Ministeriums  des  Auswärtigen  (Boutaric,  1, 254).  Cast6ra 
lebte  lange  Zeit  hindurch  in  Polen,  war  in  Polnisch-Livland 
gewesen  (Saint -Sauveur  ä  Mr  le  comte  de  Maurepas,  du 
9.  f<6vrier  1748,  im  Pariser  Archiv,  Bussie,  carton  1748),  hatte 
St.  Petersburg,  Stockholm,  Kopenhagen  besucht  und  hatte, 
nach  seiner  Bückkehr  nach  Paris,  in  Folge  seiner  Stellung, 
die  Möglichkeit,  sich  mit  den  diplomatischen  Berichten  der 
französischen  Besidenten  sowohl  am  russischen,  als  an  andern 
Höfen  bekannt  zu  machen.  „J'ai  eu  des  mat^riaux  tr^8-pr6- 
cieux  et  que  le  plus  extraordinaire  concours  de  circonstances 
pouvait  seul  procurer  k  un  meme  öcrivain"  (I,  pr^face,  HL) 
und  er  hat  dieselben  sehr  ausgiebig  benutzt.  So  ist  die 
ganze  Mittheilung  über  Ssoltykow  (I,  158)  nach  dem  Be- 
richte des  französischen  Besidenten  in  Hamburg  verfasst; 
nachdem  Cast6ra  des  Vertrauens  Erwähnung  gethan,  das 
Katharina  dem  Grafen  A.  P.  Bestuschew^  dem  englischen 
Gesandten  Williams   und   dem  Grafen  Ponjatowski   schenkte, 


—     79     — 

f&gt  er  hinzu:  ^^un  6tranger  qui  se  trouvait  k  P^tersbourg 
disait;  en  faisant  allusion  k  ces  trois  hommes,  qu'elle  ne 
pouvait  manquer  d'etre  mal  conduite,  puisqu'elle  se  laissait 
diriger  par  la  fripponnerie,  la  folie  et  la  fatuitö"  (I,  191), 
was  der  Depesche  L'Höpitals  vom  14.  Mai  1758  entnommen 
ist:  ,,la  grande  duchesse  a  ^t6  tromp^e  et  s^duite  par 
trois  personnes  qui  sont  assur^ment  plus  criminelles  qu'elle, 
je  veux  dire  Mrs.  Bestucheff,  Williams  et  Poniatowski  —  ce 
trio  formait  un  £ripon,  un  fou  et  un  fat^^  (Pariser  Archiv, 
Bussie,  Yol.  56,  f.  165);  der  Ausdruck  Katharinas:  „il  j  a  peu 
de  femmes  aussi  hardies  que  moi;  je  suis  d'une  t^m6rit6 
eflfrenöe"  (I,  199)  ist  wörtlich  der  Depesche  L'Höpitals  vom 
1.  November  1757  entnommen  (Pariser  Archiv,  Bussie,  vol.  54, 
pifece  83);  die  Vorgänger  Pugatschews,  —  der  Schuhmacher 
aus  Woronesch,  Tschemyschew  und  Stepan  Malyj  (II,  298) 
—  sind  nach  der  Depesche  des  Herrn  Durand  an  den  Herzog 
d'Aiguillon,  vom  8.  März  1776,  namhaft  gemacht;  die  Vor- 
bereitungen der  schwedischen  Flotte  in  Earlskrona  (III,  259) 
sind  erzählt  nach  der  Instruction  des  Grafen  Montmorin  an 
den  Grafen  S6gur  vom  29.  Juni  1788  u.  s.  w.  Des  Verfassers 
Mittheilungen  werden  auch  durch  die  Berichte  der  ausländischen 
Minister  bestätigt:  so  die  Notiz  über  das  unpassende  Gespräch 
Peters  III.  mit  dem  französischen  Gesandten  (I,  289)  durch 
die  Depesche  des  Grafen  Mercy  d'Argenteau  an  den  Grafen 
Kaunitz  („Sammlung",  XVIII,  189);  die  Nachricht  von  den  Ver- 
handlungen Peters  III.  mit  Friedrich  11.  während  des  Sieben- 
jährigen Krieges  (I,  289)  durch  die  im  Berliner  Archiv  vor- 
handenen Depeschen;  die  durch  Wolkow  geführten  Verhand- 
lungen (ibid.  289) ;  endlich  durch  die  Memoiren  der  Daschkow 
(Archiv  des  Fürsten  Woronzow,  XXI,  41).  Bis  in  die  letzte 
Zeit  erschienen  die  Angaben  Castöras  über  den  „ministre  de 
Danemarck  ä  Pötersbourg,  le  comte  de  Eanzau  Aschberg" 
(I,  pr^face,  288)   zweifelhaft,   um   so  mehr,   als  Graf  Banzau 


—     80     — 

niemals  dänischer  Botschafter  (ambassadenr)  in  St.  Petersburg 
gewesen  ist;  das  jedoch  unlängst  herausgegebene  Werk :  ,,Life 
and  times  of  H.  M.  Caroline  Matilda  queen  of  Denmark  and 
Norway,  by  Sir  C.  F.  Lascelles  Wraxall,"  London,  3  vis.  ent- 
hält Mittheilungen  über  die  Betheiligung  des  dänischen  Grafen 
Banzau  an  der  Staatsumwäkung  vom  Jahre  1762  (I,  235). 
Man  darf  mit  Bestimmtheit  behaupten,  dass  Gast^ra  nicht 
bewusstermassen  erfundene  Daten  mittheilt,  und  wenn  er  sich 
versieht,  dies  nur  in  Folge  dessen  geschieht,  dass  er  selbst 
durch  das  unbegrenzte  Vertrauen,  das  er  besonders  zu  den 
diplomatischen  Schriftstücken  hat,  in  Irrthum  versetzt  worden. 

Cast^ra  begann  sein  Werk  noch  während  der  Zeit  des 
Lebens  der  Kaiserin  zu  schreiben,  und  gab  bald  nach  ihrem 
Tode,  im  Jahre  1797,  seine  „Vie  de  Catherine  11,"  in  zwei 
Bänden  (No.  794)  heraus;  darauf  arbeitete  er  länger  als  zwei 
Jahre  im  Archiv  des  Ministeriums  des  Aeusseren,  verwerthete 
die  Aufzeichnungen  und  Angaben  von  S^gur,  Laharpe,  Eos- 
ciuszko,  die  Mittheilungen  des  Seemanns  Herrmann,  des  Ar- 
tilleristen Tureau  und  anderer  Personen,  die  sich  in  russischen 
Diensten  befanden  hatten,  und  verfasste  im  Jahre  1800  seine 
vierbändige,  sehr  vollständige,  recht  wahrheitsgetreue  und  gut 
geschriebene  „Geschichte  Katharinas  II".  Sie  wurde  sofort 
in  die  englische,  deutsche,  holländische  und  dänische  Sprache 
übersetzt  und  begründete  in  der  westeuropäischen  Literatur 
diejenige  Auffassung  von  der  Kaiserin  Katharina  11.,  die  im 
wesentlichen  noch  bis  zur  Gegenwart  in  ihr  vorheiTscht.  Wir 
betrachten  also  hier  in  erster  Linie  das  Werk  vom  Jahre  1800, 
und  nicht  das  vom  Jahre  1797,  wie  es  sonst  unserem  Plane 
entsprechen  würde. 

Cast^ra  war  Ausländer;  dieser  Umstand  begründet  den 
hauptsächlichen,  wenngleich  unfreiwilligen  Mangel,  aus  welchem 
alle  Besonderheiten  dieser  „Geschichte"  sich  erklären,  ein 
Mangel,    den   Katharina    selbst    treffend    gekennzeichnet    hat 


—     81     — 

(„Sammlung",  XLII,  175,  187).  Wir  dürfen  auch  nicht  ver- 
gessen, dass  er  vor  hundert  Jahren  geschrieben  hat,  und  dass 
wir  auch  hundert  Jahre  nach  Cast^ra  noch  keine  wahre  und 
getreue  Geschichte  haben,  nicht  nur  von  Katharina  IL,  sondern 
sogar  auch  von  Peter  I.;  nur  wenn  wir  diesen  Umstand  in 
Betracht  ziehen,  wird  es  uns  möglich  sein,  uns  ein  richtiges 
Urtheil  über  die  „Geschichte"  Cast^ras  zu  bilden. 

Das  ganze,  aus  vier  Bänden  bestehende  Werk  zerfällt  in 
drei  ungleiche  Theile:  das  1.  Buch,  als  Einleitung,  ist  gewid- 
met einer  kurzen  Geschichte  Busslands,  bis  Elisabeth  Pe- 
trowna  sich  einen  Nachfolger  bestimmt  hatte;  das  2.,  3.  und 
4.  Buch  umfasst  die  Geschichte  Peters  III. ;  die  Bücher  5  bis 
12  enthalten  die  eigentliche  Geschichte  Katharinas  II.,  wobei 
die  gesammte  innere  Geschichte  unter  dem  Titel  „Tableau  de 
la  Bussie"  einer  besonderen  Beilage  zugetheilt  worden  ist. 
Der  Verfasser  hatte  offenbar  nur  eine  Darstellung  der  äusseren 
Geschichte  ins  Auge  gefasst,  und  zwar  ausdrücklich  Katha- 
rinas, und  nicht  Busslands.  Indem  der  Verfasser  vorzugsweise 
auf  die  Berichte  der  diplomatischen  Agenten  sich  stützt, 
wiederholt  er  deren  Irrthümer,  da  er  nicht  im  Stande  ist,  sie 
zu  corrigieren,  verhält  sich  aber  dieser  seiner  Hauptquelle 
gegenüber  recht  unparteiisch.  Nachdem  er  im  Pariser  Archiv 
des  Ministeriums  des  Auswärtigen  die  vom  20.  August  1767 
datirte  Instruction  des  Herzogs  Choiseul  ftLr  den  französischen 
Gesandten  in  Konstantinopel,  Vergennes,  aufgefunden,  schreibt 
Gast6ra  ein  Kapitel:  „Le  duc  de  Choiseul  vait  faire  armer 
les  Turcs  contre  la  Eussie  (11,  124),  und  giebt  einen  Auszug 
des  wichtigsten  aus  dieser  Instruction,  deren,  hundert  Jahre 
später,  Petrow  in  seinem  Werke:  „Der  türkische  Krieg  1769 
bis  1774"  nicht  einmal  Erwähnung  thut,  sogar  nicht  einmal 
in  dem  Kapitel  „Die  Intriguen  Prankreichs  in  der  Türkei" 
(I,  54):  bei  Gastöra  haben  diese  Intriguen  Sinn,  bei  Petrow 
dagegen  treten  sie  auf  wie  ein  deus  ex  machina.   Gastöra  be- 

Bllbaiioff,  Katharina  n.  6 


—     82     — 

leuchtet  unvergleichlich  viel  ernstlicher  und  gründlicher  die 
Bedeutung  Pugatschews  (11,  296),  als  Dubrowin  (I,  156)  mit 
der  dem  Pugatschew  zugeschriebenen  „Idee,  die  Jaizkischen 
Kosaken  zum  Kuban  oder  Terek  zu  entf&hren^^  Gast^ra  hat 
das  „Portrait  du  prince  Potemkin,  par  Sögur"  (III,  360;  IV, 
385),  abgedruckt,  während  wir  uns  mit  Excerpten  aus  den 
„M6moires  et  Souvenirs  de  S^gur''  begnügen,  und  in  Potemkin 
nur  einen  Abenteurer  und  Hazardspieler  erblicken  (Brückner, 
Potemkin,  243,  276).  Diese  Hinweise  bezeugen,  dass  es  eine 
Ungerechtigkeit  wäre,  mit  dem  Werke  Castöras,  der  hundert 
Jahre  vor  Petrow,  Dubrowin  und  Brückner  geschrieben,  allzu 
streng  ins  Gericht  zu  gehen. 

Gast^ras  ürtheile  über  die  Zeitgenossen  Katherinas  hier 
anzumerken,  kann  um  so  eher  unterbleiben,  als  man  sie  nach 
der  dem  IV.  Bande  angefügten  „Table  g^u^rale  et  raisonn6e 
des  matiöres'^  mit  Leichtigkeit  auffinden  kann.  Es  muss  je- 
doch erwähnt  werden,  dass  dies  Register  sehr  lückenhaft  ist: 
in  ihm  ist  z.  B.  der  Fürst  von  Ligne  nicht  genannt,  dessen 
Schriften  Cast6ra  benutzt  hat  (IV,  87),  ebenso  wenig  Pastukow 
(III,  197),  Schkurin  (II,  281),  Numsen  (III,  199)  u.  s.  w.;  bei 
einer  Anzahl  der  aufgeführten  Namen  femer  sind  die  Angaben 
unvollständig:  so  bei  Tschoglokow  (11,  148),  Gregorius  Orlow 
(III,  274)  u.  s.  w.  Sorgfältig  sind  dagegen  alle  diejenigen 
Stellen  mit  Seitenzahlen  angeführt,  wo  von  „dunklen  Thaten^' 
Katharinas  gehandelt  wird,  obgleich  diese  nicht  selten  voll- 
kommen auf  Erfindung  beruhen,  wie  z.  B.  die  Erzählung  von 
der  Einkerkerung  der  Frau  Witt  (III,  230),  wobei  er  auch 
den  französischen  Gesandten  in  Konstantinopel  nennt,  der  an 
dieser  Angelegenheit  mit  betheiligt  gewesen  sei  („Russ.  Alter- 
thum",  LXXm,  43). 

Eine  sehr  wahre  Bemerkung  gegen  Cast^ra  macht  Massen 
(I,  234),  obgleich  er  sonst  das  Verständniss  und  die  Begabung 
Cast^ras  anerkennt  und  sich  im  Allgemeinen  mit  grossem  Lobe 


—  sa- 
uber ihn  äussert  (I,  118,  149,  162).  Masson  hebt  den  Vorzug 
der  zweiten  Auflage  hervor,  „qui  a  feit  disparaltre  une  partie 
des  b^Yues  grossiöres  de  la  premi^re^',  und  fägt  hinzu:  „Je 
suis  loin  de  refuser  k  cet  ouvrage  les  61oges  qu'il  merite.  On 
7  trouve  des  feits  curieux,  des  anecdotes  piquantes,  des  points 
de  vue  nouveaux,  des  r6flexions  interessantes,  et  des  morceaux 
parfeitement  bien  Berits;  mais  tout  cela  ne  devrait  pas  s'in- 
tituler  »Vie  de  Catherine«'^  (in,  39).  Interessante  Bemer- 
kungen, auf  Qrund  von  Aeusserungen  Adadurows,  hat  Andr6 
(No.  891)  gemacht,  der  sich  über  die  Geschichte  Castöras 
folgendermassen  äussert:  „cette  histoire  est  plutöt  le  r^cit  le 
plus  recherch^  de  feiblesses  de  la  nature  humaine  dans  un 
grand  caract^re,  que  celui  des  actions  vraiment  helles  qui  en 
sont  des  6manations"  (391).  In  neuester  Zeit  hat  Herrmann 
(No.  1024)  zugestanden,  dass  „die  Nachrichten  Gast^ra's,  wo 
er  nicht  blossen  Gerüchten  Gehör  gibt,  wie  die  nicht  selten 
wörtlich  übereinstimmenden,  von  Kaumer  aus  dem  Pariser 
Archiv  mitgetheilten  Berichte  beweisen,  viel  zuverlässiger  sind, 
als  man  sonst  wohl  angenommen  hat'<  (Y,  707). 

Die  Bemerkungen  des  Grafen  M.  A.  Dmitrijew-Mamonow 
über  das  Werk  Cast^ras  sind  abgedruckt  im  „Kussischen  Archiv^', 
1877,  m,  389. 

840.  Denkwürdigkeiten  ans  dem  ablaufenden  Jahrhundert  bei  histo- 
risch-statistischer Darstellung  der  Kussischen  Monarchie  und 
der  merkwürdigen  Bevolutionen  in  Frankreich  und  Polen  zu 
politisch-  und  kriegerischen  Seflexionen.    Berlin,  1800. 

Das  ganze  Werk  zerfällt  in  zwei  Theile:  „Erster  Ab- 
schnitt über  den  Verlauf  bis  Ende  1789,  in  Briefen  abgefasst", 
und  solcher  Briefe  zählt  man  34,  die  das  Jahrzehnt  1780  bis 
1790  umfassen,  und  „Zweiter  Abschnitt  über  zweckmässige 
Begebenheiten  von  1790  bis  zur  Mitte  1800"  (423),  eingetheilt 
nach  den  Jahren  in  zehn  Kapitel.  In  beiden  Theilen  werden 
die  Ereignisse  in  ihrem  allgemeinen  Zusammenhange  erzählt. 


—     84     — 

ohne  Theilnng  nach  Ländern  oder  0-egenständen,  wobei  im 
ersten  Theile  die  Darstellung  der  allgemeinen  Geschichte  vor- 
wiegt, im  zweiten  Theile  dagegen  die  der  französischen 
Revolution, 

Der  anonyme  Verfasser  ist  Preusse,  wenn  auch  vielleicht 
nicht  von  Geburt,  so  doch  nach  seinen  Gedanken,  Anschauungen 
und  Gefühlen:  ihm  sind  sogar  kleine  Details  vom  preussischen 
Hofe  bekannt  (271,  288,  434),  er  rechtfertigt  Preussen  auch 
hinsichtlich  des  Vertragsbruches  (446),  empfiehlt  allen  euro- 
päischen Staaten  die  Tendenzen  des  Grafen  Hertzberg  (454) 
und  sieht  im  Baseler  Vertrage  „ein  nachahmungsvolles  Bei- 
spieP'  (510).  Katharina  ist  eben  dadurch  gross,  dass  sie  „sich 
bemühte*',  Friedrich  II.  nachzueifern  (269,  543),  obgleich,  wie 
er  sich  ausdrückt,  Friedrich  zwar  als  der  „Grosse",  Katharina 
aber  als  die  „Grösste'*  zu  bezeichnen  sei:  „man  darf  sie  mit 
allem  Bechte  als  die  Grosse,  in  ihrer  Art  als  die  Grosseste 
auspreisen"  (545).  Seine  Nachrichten  schöpft  der  Verfasser 
vorzugsweise  aus  „Hamburger  politisches  Journal"  (310,  335, 
363,  408,  431,  543)  und  aus  dem  „Magazin  für  die  neue 
Historie"  von  Büsching  (274,  541),  wobei  jedoch  der  Verfasser 
sein  Material  nicht  beherrscht:  über  die  von  Katharina  be- 
rufenen Componisten,  über  Manfredini  und  Galuppi  Buranello 
(249,  250)  spricht  er  sehr  viel  ausführlicher  als  über  Peter  HI. 
(235)  oder  über  die  Umwälzung  vom  Jahre  1762  (239).  Bis- 
weilen tritt  die  Unwissenheit  des  Verfassers  offen  zu  Tage: 
so  erklärt  er  zweimal  (369,  483)  die  bekannte  ,Joyeuse  entröe", 
und  beide  Mal  unrichtig;  er  weiss  nicht,  dass  die  Tschesmesche 
Seeschlacht  bei  Tschesme  stattfand  (260).  In  Bussland  ist  er 
niemals  gewesen,  und  die  russische  Sprache  kennt  er  nicht 
—  potaky,  denuscha  (344),  Fotanka  (349)  —  obgleich  er 
Vilakiva  Lukky  (1 23)  kennt,  femer  den  Grafen  Bulgakow  (299), 
Kalischeff  (309),  die  Insel  Feodomisii  (394)  u,  s.  w.  Die  An- 
schauungen  des  Verfassers   spiegeln   sich  in   seinem  Urtheile 


—    85     — 

über  die  Ursachen  der  französischen  Kevolation:  ,,E8  scheint 
kein  ganz  unrichtiger  Schluss,  wenn  man  die  Aufwiegelung 
der  Gemüther  dem  Anstiften  einer  gewissen  Menschenklasse 
beimessen  wollte,  die  einer  zutreffenden  wichtigen  Finanz- 
Modalität  entgegen  zu  arbeiten  die  Gelegenheit,  und  dabei  den 
eignen  Selbstgenuss  zur  Absicht  gehabt,  um  solchen  aus  dem 
Taumel  einer  Revolution  an  sich  zu  ziehen"  (417). 

Der  Verfasser  beginnt  die  Geschichte  Busslands  mit 
Burik  (44),  erzählt  kurz  auf  200  Seiten  die  äusseren  Vorgänge 
der  Begierungszeiten  der  Fürsten  und  Zaren,  bis  Katharina  11. 
(245),  über  die  er  sich  ausführlicher  verbreitet,  ohne  jedoch 
auch  hier  irgend  etwas  Neues  mitzutheilen.  Er  wiederholt  die 
Ungereimtheiten  seiner  Vorgänger,  so  z,  B.  über  die  Theil- 
nahme  Panins  in  der  Angelegenheit  der  Thronentsagung 
Peters  III.  (242),  giebt  sorgfältige  Auszüge  aus  den  Doku- 
menten (277,  293,  301,  309,  323,  331,  375,  445,  505),  und 
schaltet  nur  selten  Bemerkungen  ein,  in  der  Art  der  nach- 
stehenden über  den  Monolith  zum  Denkmal  Peters  I. :  „Hiebei 
bemerken  den  Fehler,  dass  der  ungeheure  Felsen  so  ganz  roh 
mit  schweren  Kosten  in  die  Stadt  geschleppt  worden,  anstatt 
er  auf  der  Stelle  hätte  zu  der  proportionirlichen  Grösse  be- 
arbeitet werden  können"  (276). 

Das  Thatsächliche  der  Begierungsgeschichte  Katharinas  11. 
hat  der  Verfasser  jedenfalls  sehr  viel  vollständiger  zur  Dar- 
stellung gebracht,  als  die  Geschichte  Polens  für  denselben 
Zeitraum.  So  z.  B.  erwähnt  er  an  vielen  Stellen  der  Consti- 
tution vom  3.  Mai  1791  (446,  457,  471,  498),  ohne  doch  nur 
mit  einem  Worte  ihr  Wesen  und  ihren  Inhalt  zu  charakte- 
risiren. 

Indessen  sind  wir  dem  Verfasser  dennoch  zur  Dankbar- 
keit verpflichtet:  er  zuerst  hat  den  Brief  der  Kaiserin  an  den 
polnischen  König  Stanislaus-August,  mit  der  „Einladung"  nach 
Grodno,  zum  Abdruck  gebracht  (503). 


—     86     — 

Die  Urtheile  des  Verfassers  über  Katharina  11.  (246,  541) 
sind  völlig  werthlos. 

841«  M^moires  secrets  bot  la  Rassie,  et  particaliörement  sor  la  fin 
du  rögne  de  Catherine  n  et  sor  celui  de  Paul  I  [par  Masson]. 
Paris,  1800. 

Massen,  1762 — 1807,  ein  aus  der  Schweiz  gebürtiger 
Franzose,  kam  im  Jahre  1786  nach  Bussland,  und  wurde  als 
Lehrer  im  Artilleriecorps  angestellt;  im  Jahre  1789  wurde  er 
Adjutant  des  Präsidenten  des  Eriegskollegiums,  N.  J.  Ssaltykow, 
zugleich  dessen  Secretär  und  Erzieher  seiner  Kinder,  der 
Altersgenossen  der  Grossftirsten  Alezander  und  Konstantin 
Pawlowitsch.  Von  dieser  Zeit  an  lebte  Masson  im  Palais,  bei 
seinem  Chef,  traf  häufig  mit  den  jungen  Grossftirsten  zu- 
sammen, und  wohnte  unter  einem  Dach  mit  Katharina,  die 
ihm  Vertrauen  schenkte:  zu  Anfang  des  Jahres  1795  wurde 
Masson  nach  Bayreuth,  Stuttgart  und  Karlsruhe  gesandt,  um 
dort  die  Geburt  der  Grossf&rstin  Anna  Pawlowna  anzumelden, 
und  am  Schlüsse  desselben  Jahres  wurde  er  zum  Secretär  des 
Grossfursten  Alexander  Pawlowitsch,  des  Lieblings  Katharinas 
ernannt.  Masson  war  verheirathet  mit  der  Tochter  eines  liv- 
ländischen  Barons  Kosen,  wodurch  er  mit  den  Familien  Besbo- 
rodko,  Tamara,  Sievers,  Essen  und  Üngem-Stemberg  verwandt 
wurde.  Sein  älterer  Bruder,  Premier-Major  Iwan  Jakowlewitsch 
Masson,  kämpfte  in  den  Armeen  Potemkins  und  Subows,  ward 
von  ihnen  ausgezeichnet,  erhielt  das  Georgskreuz,  den  goldenen 
Degen  und  wurde  zum  Obersten  befördert;  er  war  verheirathet 
mit  der  Nichte  Melissinos,  der  Tochter  des  Generals  Lrmann. 
Generalgouverneurs  von  Sibirien.  So  konnte  denn,  nach  seinen 
persönlichen  Verhältnissen  und  verwandtschaftlichen  Beziehungen, 
der  Verfasser  der  Memoiren  wohl  Vieles  erfahren,  und  war 
selbst  Zeuge  vieler  Vorgänge.  Nachdem  er  in  Russland  mehr 
als  zehn  Jahre  verbracht,  sprach  er  das  Russische  zwar  nicht, 
doch  war  er  (I,  167,  269)  mit  dieser  Sprache  immerhin  soweit 


—     87     — 

vertraut,  dass  ihm  der  Unterschied  zwischen  einem  ükas  nnd 
einem  Gesetz  bekannt  war  (I,  81).  Als  gebildeter  Mann  von 
grosser  Beobachtungsgabe  machte  er  über  Alles,  was  er 
während  seines  Aufenthaltes  am  Hofe  sah  und  hörte,  Auf- 
zeichnungen (pröface,  XXXI);  leider  aber  musste  er  einen 
grossen  Theil  dieser  seiner  Papiere  verbrennen:  im  Jahre  1796 
liess  Kaiser  Paul  I.  die  beiden  Massons  ausweisen  und  durch 
Gensdarmen  ins  Ausland  geleiten,  was  den. Verfasser,  da  er 
eine  Durchsuchung  befürchtete,  veranlasste,  alle  seine  Papiere 
zu  verbrennen,  und  darunter  namentlich  auch  sein  Tagebuch. 
Die  Einzelheiten  seiner  Verhaftung  und  Ausweisung  erzählt 
der  Verfasser  in  den  Memoiren  (II,  206),  und  in  den  von  ihm 
besonders  herausgegebenen:  „Lettres  d'un  fran^ais  k  un  alle- 
mand  ....  suivies  d'un  precis  historique  de  la  d6portation  et 
de  r^xil  de  l'auteur",  etc.  Coblence,  1802.  Gegenwärtig  wäre 
es  völlig  zwecklos,  Vermuthungen  anzustellen  über  die  Nie- 
mandem, selbst  nicht  Paul  I.  bekannten  Anlässe  zu  dieser 
Ausweisung  („Euss.  Alterthum",  XV,  551  ff.);  flir  uns  ist  nur 
von  Bedeutung,  dass  die  Ausweisung  erst  nach  dem  Tode 
Katharinas  erfolgte.  Dieser  Umstand  ist  sehr  wichtig.  In 
unserer  geschichtlichen  Literatur  treffen  wir  auf  folgendes  ür- 
theil  über  die  Memoiren  Massons:  „Das  ganze  Buch  ist  reich- 
lich in  Galle  getaucht,  und  athmet  fast  in  jedem  Worte  das 
GeftLhl  persönlicher  Beleidigung,  die  dem  Verfasser  wider- 
fahren; die  Vorgänge  und  Persönlichkeiten  sind  nach  dem 
Wesen  der  Thatsachen  und  Charaktere  zwar  nicht  direct  ent- 
stellt, aber  doch  in  eine  einseitige  Beleuchtung  gerückt,  und 
mit  übermässig  scharfen  Zügen  gezeichnet;  die  Anschauungen 
des  Verfassers  und  die  von  ihm  ausgesprochenen  Urtheile  sind 
offenbar  extremster  Natur,  Ton  und  Sprache  sind  voll  Bitter- 
keit, und  von  Leidenschaft  eingegeben^'  („Russ.  Alterthum'^, 
XVI,  385).  Leider  wird  dies  über  Massen  gefällte  strenge 
ürtheil  durch  nichts  bewiesen,  und  der  Leser  kann  sich  diese 


—     88     — 

Beschuldigungen  nur  aus  Censur-Bücksicliten  erklären.  Der 
jjMercure  de  France",  ein  Journal  aus  der  Zeit  des  Verfassers 
der  Memoiren,  beschränkte  sich  auf  die  Bemerkung,  ,,ramour 
du  scandale"  habe  die  Feder  des  Verfassers  gefiihrt.  In  beiden 
Fällen  aber  könnte  sich  dies  nur  beziehen  auf  Paul  I.,  nicht 
aber  auf  Katharina  11.,  welche  allein  uns  interessirt,  und  vor 
Allem  nicht  auf  das  russische  Volk.  Der  Verfasser  bekennt 
selbst,  dass  er  (}em  russischen  Volke  sehr  geneigt  ist:  „Je 
me  sens  moi-meme,  je  l'avoue,  une  grande  prövention  en  faveur 
des  Kusses;  eile  m'est  inspir^e  par  leurs  bonnes  qualit^s,  par 
l'hospitabilitö,  l'estime  et  l'amiti^,  qu'ils  m'ont  accord^s  pendant 
dix  ans"  (pröface,  XXXTT).  Wenn  der  Verfasser  den  Zweck 
verfolgte  und  Anlass  dazu  hatte,  Paul  I.  „anzuschwärzen",  so 
erscheint  es  sehr  wohl  möglich,  dass  er  gerade  von  diesem 
Gesichtspunkte  aus  bemüht  gewesen,  Katharina  IL  über  die 
Gebühr  weisszuwaschen ,  und  es  würde  dann  für  uns  daraus 
eine  Gefahr  von  ganz  anderer  Seite  her  erwachsen.  Auf  sie 
muss  daher  auch  besondere  Auj&nerksamkeit  verwandt  werden. 
„Je  n'6cris  que  ce  que  j'ai  vu,  entendu,  senti  ou  6prouv6 
moi-meme."  Leider  hat  der  Verfasser  weitaus  nicht  alles  das- 
jenige beschrieben,  was  er  gesehen,  oder  worüber  er  gehört; 
wenigstens  theilt  er  uns  nicht  eingehende  Nachrichten  mit  über 
das  letzte  Jahrzehnt  Katharinas,  von  1786  bis  1796,  während 
welcher  Zeit  er  in  St.  Petersburg  lebte.  Er  theilt  verhältniss- 
mässig  überhaupt  nur  sehr  wenig  über  Katharina  mit,  und 
von  den  drei  Bänden,  oder,  genauer,  von  den  17  Kapiteln, 
sind  nur  folgende  drei  Katharina  gewidmet:  1.  Anwesenheit 
Gustavs  IV.  in  St.  Petersburg  (I,  1);  2.  Katharina  11.  (I,  57) 
und  3.  Das  Favoriten thum  (I,  133).  Für  die  Epoche  Katha- 
rinas sind  femer  wichtig  folgende  Kapitel:  7.  Der  National- 
charakter (n,  43);  8.  Die  Religion  (11,  85);  9.  Die  Frauen- 
Regierung  (II,  107);  10.  Die  Erziehung  (11,  151);  11.  Die 
Franzosen  und  Schweizer   in  Russland  (11,  197)   —   obgleich 


—     89     — 

dies  11.  Elapitel  nicht  von  Masson  verfasst  ist,  sondern  nur 
nach  seinen  Aufzeichnungen  und  Notizen;  12.  Der  persische 
Krieg  (in,  1);  13.  Finanzen  (HI,  49);  14.  Die  Kosaken  (III,  102). 
Am  Schluss  des  dritten  Bandes  sind  dann  noch  ,,Anecdotes 
historiques''  abgedruckt,  in  denen  Katharinas  öfters  Erwähnung 
geschieht. 

Zieht  man  in  Betracht,  dass  Masson  Franzose  war,  so 
wird  man  erstaunen  müssen  über  seine  Beurtheilung  Katharinas, 
die  er  höher  stellt  als  Ludwig  XIY. :  „La  g^nörositö  de  Cathe- 
rine, l'6clat  de  son  rfegne,  la  magnificence  de  sa  cour,  ses  In- 
stituts, ses  monuments,  ses  guerres,  sont  pour  la  Bussie  ce  que 
le  siöcle  de  Louis  XIV  fiit  pour  TEurope;  mais  Catherine  fiit 
personeUement  plus  grande  que  ce  prince.  Les  fran^ais  firent 
la  gloire  de  Louis;  Catharine  fit  celle  des  russes:  eile  n'eut 
pas  comme  lui  Tavantage  de  r^gner  sur  un  peuple  perfectionn^, 
et  d'etre  environnöe  de  grands  hommes.  H  en  rösulte  que 
tout  ce  qu'elle  a  fait  est  ä  eile,  surtout  le  bien.  EUe  parais- 
sait  foncierement  humaine  et  g6n6reuse:  tous  ceux  qui  Tont 
approch^e  T^prouverent;  tous  ceux  qui  Tont  connue  de  pr^s 
^taient  enchant^s  des  charmes  de  son  esprit;  tous  ceux  qui 
l'enyironnaient  6taient  heureux.  Son  activit^,  la  rögularitä  de 
son  genre  de  vie,  sa  mod^ration,  son  courage,  sa  constance, 
sa  sobri6t6  meme  sont  des  qualitös  morales  qu'il  serait  trop 
injuste  d'attribuer  k  Thypocrisie"  (I,  84).  Masson,  obgleich 
Franzose,  stellt  unsere  Volkslieder  den  französischen  an  Werth 
gleich:  „On  y  trouve  souvent  une  sensibilitö  exquise,  et  une 
m^lancolie  touchante  qui  vous  charme  et  vous  attendrit;  je 
ferai  connaitre  un  jour  des  morceaux  en  ce  genre,  qui  ne  le 
cödent  point  k  ce  que  la  France  a  produit  de  plus  dölicat" 
(n,  144).  Wo  und  wann  nur  immer  möglich,  betont  Masson 
die  hervorragenden  Eigenschaften  der  Bussen:  „L'arm6e  russe, 
par  la  beaut6,  la  simplicit6  et  la  commodit^  de  son  habille- 
ment,  adapt^  au  climat  et  au  g6nie  du  pays,  offirait  un  modele 


—     90    -- 

k  suivre.    Aussi  le  soldat  russe  se  croyait-il,  non  sans  quelque 
fondement,  bien  supörieur  k  ses  voisins"  (I,  242). 

Die  Memoiren  Massons  als  Quelle  für  die  Geschichte  Ka- 
tharinas erscheinen  eher  parteiisch,  als  feindselig  und  miss- 
günstig. Man  macht  Massen  bisweilen  die  Erzählung  von  Vor- 
gängen zum  Vorwurf,  die  er  als  Augenzeuge  beschreibt  (I,  78, 
118,  122,  158,  165,  231,  242,  322),  bisweilen  auch  An- 
schauungen,  die  er  als  Schweizer  zum  Ausdruck  bringt  (I,  184, 
230).  Man  trifft  bei  Masson  freilich  auf  Ungenauigkeiten  und 
Unrichtigkeiten;  sie  zu  bezeichnen  oder  gar  sie  zu  widerlegen 
wäre  jedoch  jetzt  eine  undankbare  und  vollkommen  überflüssige 
Arbeit.  Nützlicher  dürfte  es  sein,  hier  auf  die  positiven  Ver- 
dienste des  Verfassers,  als  einer  Quelle  für  die  Geschichte 
Katharinas  hinzuweisen.  So  hat  er  das  letzte  Briefchen  der 
Kaiserin  an  den  Grafen  Kobenzl,  datirt  vom  4.  November  1796, 
aufbewahrt  (I,  60);  seine  Mittheilungen  zur  Thronfolgefrage 
sind  höchst  interessant  (I,  38,  64,  67,  152,  177,  226,  227); 
er  beschreibt  zeitgenössische  Carricaturen  (I,  123,  166),  die 
bei  Rowinskij  nicht  erwähnt  werden  u.  s.  w.  Viele  seiner  Mit- 
theilungen, die  uns  vollkommen  unwahrscheinlich  vorkommen, 
wie  z.  B.  die  über  Kobenzl  (I,  97,  125),  werden  durch  solche 
zuverlässige  Zeitgenossen,  wie  Sternberg  (No.725)  bestätigt,  u.  s.w. 
Doch  sei  hier  nochmals  bemerkt,  dass  Masson  hinsichtlich  Ka- 
tharinas eher  zu  nachsichtig  war,  als  zu  streng;  so  z.  B.  stellt 
er  bei  Besprechung  der  Gorrespondenz  Katharinas  mit  Voltaire 
die  Briefe  der  Kaiserin,  sogar  ihrem  Stile  nach  höher,  als 
diejenigen  Voltaires  (I,  92,  122).  Wir  nehmen  hier  keinen 
Bezug  auf  die  Nachrichten  Massons  über  Paul  I.,  nicht  nur 
deshalb,  weil  dies  ausserhalb  unserer  Aufgabe  liegt,  sondern 
auch  weil  der  Verfasser  selbst  in  erster  Linie  das  russische 
Volk  und  Katharina  ins  Auge  gefasst  hat:  „Ce  n'est  point  un 
voyage  que  j'6cris,  mais  le  r^sultat  d'un  long  s6jour  en  Bussie. 
Mon  but  est  de  livrer  au  public  des  remarques  et  des  anec- 


—     91     — 

dotes  plus  interessantes  sur  un  pays  et  sor  une  nation  qui 
m^ritent  d'etre  bien  connus,  et  qui  sont  dignes  d'un  meilleur 
gouvemement.  J'espöre  laisser  ä  rhistorien  quelques  matöri- 
aux  sur  le  rögne  le  plus  brillant  des  demiers  sifecles  et  sur 
le  caract^re  de  la  femme  la  plus  puissante  et  la  plus  c^lebre, 
qui  ait  occup^  un  tröne  depuis  S^miramis"  (pröface  XXVil), 
Der  Verfasser  meinte  es  ganz  aufrichtig,  als  er  schrieb:  ^^Je 
croirai  d'ailleurs  bien  m^riter  de  la  nation  russe,  en  usant  de 
ma  liberte  pour  la  venger  autant  que  je  puis;  en  ayant  le 
courage  de  publier  ce  que  les  honnetes  gens  pensent,  et  en 
livrant  k  Tindignation  de  TEurope  ceux  qui  sont  les  fl^aux  et 
la  honte  de  ThumanitÄ"  (Idem,  XXXV). 

Eine  Ergänzung  zur  Charakteristik  des  Verfassers  und 
seines  Werkes  bietet  die  heftige  Polemik  zwischen  Masson  und 
Eotzebue:  ^yüne  ann6e  m^morable  de  la  vie  d'A.  de  Eotzebue'^ 
(2  V.,  Berlin,  1802).  ,,Lettres  d'un  fran^ais  k  un  allemand, 
servant  de  r6ponse  k  Mr.  de  Eotzebue  et  de  Supplement  aux 
Memoires  secrets  sur  la  Kussie'^  (par  Masson),  Basle,  1802, 
und  „E6ponse  courte  et  honnete  d' Auguste  de  Eotzebue  ä  un 
gros  libelle  malhonnete  de  Mr.  de  Masson".  Berlin,  1802. 

Unsere  Bemerkungen  beziehen  sich  auf  die  Londoner  Aus- 
gabe vom  Jahre  1802,  als  die  vollständigere. 

842.  Biographie  Peters  des  Dritten,  Kaisere  aller  Reussen;  zur  un- 
partheyischen  Ansicht  der  Wirkung  der  damaligen  Revolution, 
und  zur  Berichtigung  der  Beurtheilung  des  Charakters  *Catha- 
rinens  11.    Von  Herrn  von  Saldem,    Petersburg,  1800. 

„Nach  dem  Französischen  (No.  864)  übersetzt,"  wobei  sowohl 
das  Jahr  als  der  Ort  des  Druckes  falsch  angegeben  ist. 

848. «Memoire,  ou  pr^cis  historique  sur  la  neutralit^  arm^e  et  son 
origine,  suivi  de  piöces  justificatives,  par  Mr.  le  comte  de  Ooertx, 
Basle,  ISOl. 

Johann  Eustachius  Graf  von  Schlietz-Goertz  war  im  Jahre 

1774  in  Kussland  aus  Anlass  der  Vermählung  des  Grossfiirsten 


—     Vi     — 

Vv-*jisuir#*r.     jLtr.iiAmÄ   itü^ür   iLi   ittör  viiiZ-  xnt  'var   £La 

/IXVrr,  a.4.ti  ^.*ai  Izsi-i-z^     T'-Tt  r*b!ri  Aiii  X:^  ^?<^  jubl 
r^v^   iiiit    i-t»T    T-,«rl!»«^i-*r   r»*^Li*«:ir:fi   »rrf*  ticl    d*ai 

r*ry,r,it  SATJi^  *5:.i  wrsri*:  ha  filz-ei^i-ec  Jilie.  oli:-*  ^^ss«»  des 
V*riah*5^^*T^.    iL.    ^x^lI^just  XLevtr^^^zzz^  T^rifäiLÜ::   ..The 

ir^^r'u  uj  z  GerrLÄa  Loblenuki^--  J>.=.i:::^  1792.  l*m  J^Jire 
^MJkr^r^f  ffTViLifiL,  ein*:  fratzöäi^-he  Aa-zabe  der  BroscLöre«  aber, 
u^,:,  At4^\j^  Ae\  Xtrbkh^Thz  «ime  ^tion  bies.  mal  M>i§i:ee*'  (5\ 
Zq  d^:r  ZfrX  al^  füe  bewaffoete  Neaträlitäi  betreffende  Deda- 
fh^tiou  ta*kS3A\4si*  wurde,  befand  sich  der  Verlaäser  in  St.  Peters- 
\f*ifyi.  HtiuA  in  freundschaftlichem  Verhältniss  zn  dem  Grafen 
N.  L  Paniß,  ond  war,  so  scheint  es,  wohl  in  der  Lage, 
Einzi^ihdten  über  die  Entstehung  dieser  Declaration  xu  wissen. 
Kr  erzählt,  der  englLsche  Gesandte  Harris,  der  bemüht  ge- 
we^^t^m,  eine  en^isch -russische  Annäherung  zu  erzielen  (14), 
baF>e,  ohne  VorwLssen  Panins,  durch  Vermittelung  des  Fürsten 
Potemkin  (20 j  gearbeitet,  zwei  geheime  Audienzen  bei  der 
Kaif^erin  erlangt  (22),  und,  in  Ausnutzung  der  Caperung  zweier 
runninch^r  Handelsschiffe,  der  „Concordia^'  und  des  „Saint- 
Ni<xJaii",  durch  die  Spanier  (28),  es  ausgewirkt,  dass  in  Eron- 
Htadt  eine  russische  Flotte  gegen  Spanien  ausgerastet  wurde. 
Als  Panin  hiervon  erfuhr,  beantragte  er  „ponr  contre-miner 
les  d6marches  du  Chevalier  Harris'^  (37)  bei  Katharina  eine 
majestätischere  Massregel  —  die  bewaffiiete  Neutralitat.  „Tels 
furent  dans  le  moment  le  motif  et  l'occasion  qui  inspirörent 
au  comte  Panin  la  premi^re  id^e  de  la  neutralit^  arm6e^'  (33); 
ffCe   fut  Mr.   Panin   seul   qui   congut  Tidöe   de  la  neutralit^ 


—    93    — 

arm^e,  lui  seul  qni  d^cida  rimp^ratrice  k  la  mettre  en  ex6- 
cntion"  (38). 

Katharina  selbst  hat  diese  Erzählung  von  Panin,  als  den 
Urheber  der  bewafl&ieten  Neutralität,  widerlegt.  Als  sie  in 
No.  547  las,  diese  Idee  gehöre  Friedrich  11,  an,  schrieb  die 
Kaiserin  hinzu:  „Cela  n'est  pas  vrai.  La  neutralit^  arm^e 
est  sortit  du  cerveau  de  Catherine  11  et  de  nulle  autre.  Le 
comte  Besborodko  peut  attester  cela,  parceque  cette  id6e  partit 
comme  par  inspiration  de  la  bouche  de  cette  Impöratrice  un 
matin.  Le  comte  Panin  n'en  voulait  pas  entendre  parier, 
parce  que  ce  n'^tait  pas  lui  qui  Pavait  imagin^,  et  on  eu 
beaucoup  de  peine  k  la  lui  faire  comprendre;  ce  fiit  Bacounin 
qui  en  fut  chargö,  et  enfin  il  y  mis  la  main.'< 

Doch  hat  auch  Dohm,  II,  104  (No.  905)  die  Erzählung 
noch  wiederholt,  und  in  letzter  Zeit  ist  sie  namentlich  durch 
Bergbohm:  „Die  bewaflEaete  Neutralität",  Berlin  1884,  ver- 
treten worden.  Auch  ist  das  Märchen  in  Alexander  Brückners 
Bilderbuch  „Katharina  11."  (Onckens  Allgemeine  Geschichte 
in  Einzeldarstellungen,  m.  Abth.  X.  Band)  wiederholt  worden. 
Professor  Th.  Martens  gebührt  die  Ehre,  auf  Grund  archivaler 
Quellen  dies  Märchen  kategorisch  und  gründlich  widerlegt  zu 
haben  (X,  297).  Bei  P.  Fauchille:  „La  diplomatie  fran^aise 
et  la  ligue  des  neutres  de  1780".  Paris,  1893  geschieht  des 
Märchens  überhaupt  nicht  Erwähnung.  Zum  ersten  Male  finden 
wir  diese  falsche  Nachricht  in  einer  Depesche  des  sardinischen 
Eesidenten  de  Parello  (No.  1204).  Graf  S.  E.  Woronzow  er- 
klärt folgendermassen  den  Ursprung  der  bewaffiieten  Neutralität: 
„Vous  savez  que  les  principes  de  neutralit6  arm6e  ont  6t6  en- 
fant6s  k  Paris,  produits  chez  nous  pp^r  les  Prussiens  et  couch6s 
sur  le  papier  par  le  döfunt  Bacounine"  (Archiv  des  Fürsten 
Woronzow,  IX,  133). 

In  der  Beilage  zu  dieser  Broschüre  (61)  sind  17  Documente 
abgedruckt,  darunter:    „La  döclaration  de  Timpöratrice"  (67). 


—     94     — 

Documente  des  Moskauer  Hauptarchivs  des  Ministeriums  des 
Aeusseren  sind  veröffentlicht  in  der  Abhandlung  ^^Die  be- 
waflBiete  Neutralität  im  Seekriege". 

844.  A  coUection  of  pablic  acta  and  papers  relating  to  the  prin- 
ciples  of  Armed  Neutrality,  bronght  forward  in  the  years  1780 
and  1781.    London,  1801. 

Eine  sehr  verdienstvolle  Sammlung  aller  Documente,welche 
die  Principien  der  bewaffneten  Neutralität  betreffen.  Als  echter 
Engländer  erklärt  der  Herausgeber,  dass  er  Documente  gesammelt 
habe,  „on  which  ihis  Country  (England)  as  a  belligerent  Power, 
rests  its  Pretensions  to  exercise  the  Bight  of  searching  Neutral 
Ships,  and  of  confiscating  all  such  contraband  Articles  or 
Enemy's  Property  as  may  be  found  on  board  (advertisement).*' 

Im  Jahre  1801  wurde  im  Parlamente,  in  der  Presse  und 
in  der  Gesellschaft  die  Frage  der  „maritime  rights  of  neutral 
nations^'  verhandelt;  der  englische  Herausgeber,  bestrebt  diese 
Rechte  auf  nichts  zu  reduciren,  beginnt  seine  Documente  mit 
dem  mittelalterlichen  „Consolato  del  Mare"  (die  Capitel  27ä 
und  287),  auf  Grund  dessen  die  gehässige  Praxis  geübt  wurde: 
„voile  ennemie  confisque  navire  ami",  und  fiihrt  dann  alle 
Documente  auf,  die  von  der  bewaffneten  Neutralität  Eatha* 
rinas  II.  ausgegangen  sind.  Diese  Veröffentlichung  ist  die 
einzige  in  dieser  Art  existirende;  sie  giebt  ein  überaus  voll- 
ständiges Bild  von  der  Bedeutung  der  russischen  Declaration 
vom  Jahre  1780. 

Von  den  39  Documenten,  die  hier  gesammelt  sind,  be- 
ziehen sich  auf  die  bewaffnete  Neutralität,  streng  genommen,, 
nur  folgende  dreizehn:  Die  an  den  Londoner,  VersaiUer  und 
Madrider  Hof  gerichtete  Declaration  der  russischen  Kaiserin 
vom  März  1780  (79);  Erklärungen,  eingefordert  seitens  des 
schwedischen  Hofes  hinsichtlich  der  vom  russischen  Hofe  be- 
antragten gegenseitigen  Beschützung  der  Schiffahrt  ihrer  Unter- 
thanen,    vom  April  (83);  Antwort   des   russischen  Hofes  (85); 


—     95     — 

Antwort  des  spanischen  Königs  auf  die  Declaration  der 
rassischen  Kaiserin,  vom  18.  April  (89);  Antwort  des  gross- 
britannischen  Hofes,  vom  23.  April  (92);  Antwort  des  franzö- 
sischen Königs,  Yom  25.  April  (94);  Convention,  abgeschlossen 
zwischen  den  Königen  von  England  und  von  Dänemark,  vom 
4.  Juli  (97);  die  an  den  Londoner,  den  Versailler  und  den 
Madrider  Hof  gerichtete  Declaration  des  dänischen  Königs, 
vom  8.  Juli  (101);  die  Convention  über  die  bewafi&iete  Neu- 
tralität, abgeschlossen  am  28.  Juni  1780  zwischen  der  russischen 
Kaiserin  und  dem  dänischen  Könige,  angenommen  vom  schwe- 
dischen Könige  und  von  den  Generalstaaten  (106);  Separat- 
artikel zu  dem  vorstehenden  Vertrage  (118);  Declaration  des 
schwedischen  Königs  an  die  Höfe  yon  London,  Versailles  und 
Madrid,  vom  21.  Juli  (127);  Antwort  des  Londoner  Hofes  auf 
die  Declaration  des  dänischen  Königs,  vom  25.  Juli  (130),  und 
Antwort  des  Londoner  Hofes  auf  die  Declaration  des  schwe- 
dischen Königs,  vom  3.  August  (132).  Von  allen  diesen  Docu- 
menten  ist  in  unserer  historischen  Literatur  bisher  nur  die 
berühmte  Declaration  Katharinas  H.  vom  28.  Februar  (11.  März) 
1780  veröffentlicht  worden  (Martens,  IX,  307),  wo  auch  aus- 
fuhrlich die  Anlässe,  die  sie  hervorgerufen  hatten,  angegeben 
sind  (Ibid.,  259).  Das  neueste  Werk  hierüber  ist:  Bergbohm, 
Die  bewaffnete  Neutralität,  Berlin,  1884. 

Von  andern  Documenten  wird  u.  a.  der  4.  Artikel  des 
englisch -russischen  Vertrages  vom  14.  März  1793  (142)  an- 
geführt, der  die  Bestimmungen  der  bewafiEheten  Neutralität 
abändert  (Martens,  IX,  360),  indessen  ist  das  über  ihn  Gesagte 
nicht  ganz  genau. 

Der  Herausgeber  spricht  sich  nicht  darüber  aus,  wodurch 
sein  Werk  sich  von  der  „Sammlung  von  Staatsschriften,  die 
während  des  Seekrieges  von  1776 — 1783  öffentlich  bekannt 
gemacht  worden  sind,''  von  Hennings,  Hamburg,  1784  unter- 
scheidet.    Erst  nach  Verlauf  von  hundert  Jahren  wurden  die 


—     96     — 

Declaration  der  bewafi&ieten  Neutralität,  sowie  ihre  veranlassen- 
den Ursachen  und  ihre  Folgen  der  Gegenstand  eingehender 
Forschung;  und  fanden  eine  wissenschaftliche  Darstellung  in 
zwei  bemerkenswerthen  Werken:  C.  Bergbohm,  Die  bewaflEnete 
Neutralität,  Berlin,  1884,  und  P.  Fauchille,  La  diplomatie 
fran^aise  et  la  ligue  des  neutres  de  1780.  Paris,  1893.  Das 
Werk  des  französischen  Gelehrten  wird  besonders  interessant 
dadurch,  dass  der  Verfasser  russische  Archive  benutzt  hat. 

845.  Kurze  Darstellang  des  durch  Ruflsland  im  Jahre  1780  gegrün- 
deten Systems  der  bewaffneten  Neutralität,  von  A.  Kopeix, 
Prag,  1801. 

Martin  Kopetz,  Professor  der  Prager  Universität,  hatte 
es  auf  sich  genommen,  bis  zu  einem  gewissen  Grade  die  wichtige 
Frage  des  internationalen  Seerechts  aufzuklären  zu  eben  der- 
selben Zeit,  da  die  nördlichen  Staaten  sich  zur  Vertheidigung 
der  Freiheit  der  neutralen  Schifffahrt  verbunden  hatten,  — 
unmittelbar  nach  dem  Abschluss  der  nordischen  Convention 
vom  Jahre  1800,  durch  welche  Russland,  Dänemark,  Schweden 
und  Preussen  den  Vertrag  über  die  bewaffnete  Neutralität  er- 
neuert hatten,  und  vor  der  St.  Petersburger  Convention  vom 
17.  Juni  1801.  Seine  Auseinandersetzungen  sind  gründlich, 
seine  Bemerkungen  sehr  treffend  und  überzeugend. 

Ausgehend  vom  Naturrecht,  äussert  der  Verfasser,  nach 
Darlegung  der  Prinzipien,  die  in  den  fünf  Artikeln  der  Acte 
vom  28.  Februar  1780  zum  Ausdruck  kommen,  ihnen  liege 
der  Satz:  „frey  Schiff,  frey  Gut"  zu  Grunde,  und  streitet  die 
Möglichkeit  des  Nachweises  ab,  die  Acte  erkenne  die  Regel 
an:  „verfallen  Schiff,  verfallen  Gut"  (62).  Der  Verfasser  führt 
alle  Verträge  an,  in  denen  der  Prinzipien  der  freien  Schiff- 
fahrt Erwähnung  geschieht,  bemerkt  alle  Abweichungen  von 
diesen  Prinzipien  und  entwirft  in  solcher  Weise  ein  vollstän- 
diges Bild  dieser  Frage  im  XVIII.  Jahrhundert,  indem  er  dabei 
stets  flir  die  bewaffnete  Neutralität  eintritt. 


—    97     — 

Später,  nach  der  St.  Petersburger  Convention  vom  Jahre 
1801  y  nach  Erlass  der  österreichischen  Anordnung  vom 
7.  August  1803,  und  besonders  nach  Abschluss  der  anglo- 
schwedischen  Convention  vom  25.  Juli  1803,  veröflfentlichte  der 
Verfasser  eine,  neue  Broschüre,  in  welcher  er  gleichfalls  das 
System  der  bewaffneten  Neutralität  vertheidigte  („Vergleichung 
des  Systems  der  bewaffneten  Neutralität  mit  der  nordischen 
Konvention  v.  J.  1800  und  der  Petersburger  Konvention  v.  J. 
1801."    Prag,  1804). 

846.  Letters  of  SulpiciuB  on  the  Northern  Confederacy.  [Lord 
QranPtUe.]    London,  1801. 

Fünf  Briefe,  die  in  der  Londoner  Zeitung  „The  Porcupine" 
in  der  Zeit  vom  3.  November  1800  bis  zum  28.  Januar  1801 
erschienen  waren,  und  dann  in  besonderer  Broschüre  heraus- 
kamen, mit  einer  Beilage,  „containing  the  treaty  of  Armed 
Neutrality  together  with  other  documents  relative  to  the  sub- 
ject.''  Ein  sehr  interessantes  Pamphlet  zur  Aufhellung  der 
Geschichte  der  bewaffneten  Neutralität  sowohl  während  der 
letzten  Regierungsjahre  Katharinas  —  Art.  IV  des  anglo- 
russischen  Vertrages  vom  Jahre  1794  (41)  —  als  in  den  ersten 
Jahren  nach  ihrem  Tode. 

847.  Beise  eines  jungen  Enssen  von  Wien  über  Jassy  in  die  Grimm 
and  ausführliches  Tagebuch  der  im  Jahre  1793  von  St  Peters- 
burg nach  Constantinopel  geschickten  Russisch -kaiserlichen 
G^esandtschaft.    Von  [Siruve],    (jk>tha,  1801. 

Der  Titel  entspricht  nicht  vollständig  dem  Inhalte:  es  ist 
dies  eine  Beschreibung  der  Reise  der  feierlichen  Gesandtschaft 
Golenitschew-Kutusows  nach  Konstantinopel  (60 — 314),  ein- 
geleitet durch  einen  kurzen  Bericht  über  die  Reise  eines  Mit- 
gliedes dieser  Gesandtschaft  aus  Wien  nach  der  Krim  (1 — 59). 

Das  Buch  ist  in  ziemlich  ungeordnetem  Zustande  ver- 
öffentlicht, ohne  Inhaltsangabe.  Es  zerfällt  in  sieben  Kapitel: 
1.  Reise  von  Wien  nach  Jassy  (1);    2.  Reise  nach  der  Krim 

BllbasBoff,  EAfharina  IL  7 


—     98     — 

und  durch  diese  Halbinsel  (11);  3.  Reise  nach  St  Petersburg 
durch  Polen  (47);  4.  aus  St.  Petersburg  nach  Konstantinopel 
(60);  5.  Eonstantinopel  und  erste  Audienz  des  ausserordent- 
lichen Botschafters  (163);  6.  besondere  Merkwürdigkeiten  Kon- 
stantinopels (193),  und  7.  Abreise  aus  Konstantinopel  und 
Fahrt  nach  St.  Petersburg  (216). 

Wer  ist  der  Verfasser  dieser  Beisebeschreibungen?  Die 
Eeise  von  Wien  nach  der  Krim  hat  mit  der  Gesandtschaft 
nichts  gemein:  der  Verfasser  reiste  im  August  1791  aus  Wien 
ab;  nach  Verlauf  eines  Jahres,  im  August  1792,  traf  er  in 
St.  Petersburg  ein,  und  „nach  einigen  dahin  abzielenden 
Schritten"  (58)  „glückte"  es  ihm,  der  Gesandtschaft  zugetheilt 
zu  werden,  welche  650  Personen  zählte  (129);  seine  Ernennung 
erfolgte  von  Seiten  des  Auswärtigen  CoUegiums  (59).  Eins  ist 
ofiFeubar:  der  Verfasser  ist  kein  Russe  (19,  175,  210,  291). 
Von  Nichtrussen  befanden  sich  bei  der  Gesandtschaft:  der 
Marschall  der  Gesandtschaft,  Baron  Korfif  (156),  der  Rath 
Pisani  (279),  der  Secretär  ftlr  die  orientalischen  Sprachen 
Sanetti,  der  CoUegienassessor  Jos.  Christ,  von  Struve  und  zwei 
Uebersetzer:  Wottom  und  Reimers.  Wahrscheinlich  waren 
ausserdem  noch  andere  Ausländer  bei  der  Gesandtschaft; 
zweifellos  ist  nur  dies  Eine:  von  den  Russen  hat  Niemand 
Beschreibungen  dieser  Gesandtschaftsreise  verfasst ,  ihre 
Autoren  sind  vielmehr  die  beiden  Deutschen  Struve  und 
Reimers;  das  dem  Kaiser  Alexander  H.  gewidmete  und  auf 
Staatskosten  veröffentlichte  Werk  von  Reimers  ist  unter  dem 
Druck  der  Censur  verfasst  und  daher  unfrei  gehalten. 

Aus  Wien  reiste  der  Verfasser  über  den  Schauplatz  des 
soeben  beendigten  Krieges  durch  Jassy  (6),  Bendery  (13), 
Chersson  (14);  in  der  Krim  besuchte  er  Perekop  (17),  Simfero- 
pol  (19,  36),  Bachtschissaraj  (24),  Sewastopol  (30),  Ssudak  (33), 
Theodosia  (36),  Tschatyrdag  (38)  und  Kertsch  (43).  Seine 
flüchtigen  Bemerkungen   sind    zum   Theil   höchst   interessant. 


—     99     — 

Er  beschreibt  ausführlich  das  Begräbniss  des  Fürsten  Potemkin 
in  Jassy;  erzählt,  der  Verstorbene  habe  den  Marschallsstab  in 
der  Hand  gehabt  (10);  in  Simferopol  sah  er  S.  S.  Shegulin, 
den  Verwalter  des  Taurischen  Gebietes  (19),  und  traf  in  Du- 
bossary  mit  Eachowskij  zusammen  (49).  Auf  der  Bückreise 
aus  der  Krim  nach  St.  Petersburg  durch  Polen  machte  er 
sehr  interessante  Beobachtungen  über  den  Unterschied  zwischen 
den  russischen  und  den  polnischen  Ansiedelungen  (50);  sehr 
interessant,  als  ein  Bild  aus  dem  Leben,  ist  die  Beschreibung 
des  Festes  in  Kuskowa,  beim  Grafen  Scheremetjew  (53). 

Dieser  ausführliche  Bericht  über  die  Gesandtschaft  vom 
Jahre  1793  ist  die  einzige  nichtofQcielle  Quelle  über  sie.  Der 
Verfasser  theilt  die  ausführliche  Reiseroute  mit  (77),  sah  den 
Grafen  P.  A.  Rumjanzow  in  Ssisora  (87),  besuchte  Fokschany 
(94),  Bukarescht  (100),  Ruschtschuk  (108),  Schumla  (119), 
Adrianopel  (129),  Burgas  (144),  San  Stefano  (158),  beschrieb 
ausführlich  die  Audienz  (173),  die  Feier  des  Namenstages  der 
Kaiserin  sowohl  in  Jassy  (8)  als  in  Konstantinopel  (181), 
wessen  auch  Katharina  erwähnt  („Sammlung'^  XXIU,  600). 
Aus  der  Beschreibung  ist  zu  ersehen,  dass  unsere  Gesandtschaft, 
die  gemäss  dem  an  den  Senat  gerichteten  Ukas  Tom  26.  Ja- 
nuar 1793  gebildet  worden  (Archiv  des  Senats,  Band  174, 
Blatt  42;  Vollständige  Sammlung  der  Reichsgesetze,  No.  17,098), 
sich  sehr  viel  besser  führte,  als  die  türkische,  die  den  Zorn 
Katharinas  erregt  hatte.*) 

H.  V.  Reimers  (No.  856)  schreibt  über  dies  Werk:  „Das 
kleine  Bändchen  liest  sich  zwar  mit  Vergnügen;  allein  es 
kommen  in  demselben  nicht  nur  mehrere  Unrichtigkeiten  vor, 
sondern  es  sind  auch  von  den  Orten,  über  welche  die  Gesandt- 


*)  „Sammlang",  XLII,  230.  Dies  Schreiben  ist  sehr  nacblSssig  heraus- 
gegeben; dasselbe  ist  in  das  Jahr  1792  verlegt,  während  dessen  in 
St  Petersburg  doch  gar  kein  türkischer  Gesandter  gewesen  ist,  und  Fürst 
Wolkonskij  ist  als  Michail  Nikobyewitsch  benannt,  anstatt  Nikititsch. 


—     100    — 

Schaft  ihren  Weg  nahm,  verschiedene  durchaus  ganz  falsch 
benannt.  Der  Verfasser,  Christian  Ton  Struve,  ohne  dessen 
Yorwissen  das  Buch  erschien,  ist  ganz  unschuldig  daran,  da 
es  desselben  Absicht  nie  war,  seine  Briefe,  die  er  von  der 
Beise  seinen  Verwandten  nach  Deutschland  schrieb,  zum  Druck 
zu  befördern"  (I,  Vorbericht,  HI).  Es  muss  hierzu  jedoch 
erwähnt  werden,  dass  Reimers  keine  Beweise  für  das  Vor- 
kommen von  üngenauigkeiten  und  Unrichtigkeiten  bei  Struve 
beigebracht  hat. 

Das  Buch  wurde  auch  ins  Französische  übersetzt  (No.  861), 
gleichfalls  ohne  Nennung  des  Verfassers. 

848.  L'ange  gardien  de  Catherine  II.  Vision  de  Fan  1801.  St-P^ters- 
bourg,  1801. 

Eine  sehr  poetische  Vision.  Der  Verfasser  besuchte  in 
der  Peter-Pauls-Kathedrale  das  Grabmal  Katharinas,  das  von 
ihrem  Schutzengel  gehütet  wird;    der  Engel  verkündete  ihm: 

Je  suis  son  ange.    Au  pied  de  son  tombeau 
J'entends  sa  voiz,  qui  b6nit  la  Bussie. 

Der  Verfasser  wendet  sich  an  den  Engel  mit  der  Bitte  (4): 

Bends-nous  plutöt  son  äme! 
Anime,  ^chauffe  un  peuple  de  sa  fläme! 
Bends-nous  sa  voiz,  qui  89ut  trente  ans  porter 
L'amour  aux  coeurs  et  vaincre  et  pardonner. 

Weiter,  in  der  sich  entspinnenden  Unterredung,  werden 
die  wichtigsten  Thaten  Katharinas  aufgezählt,  welche  höher  als 
alle  ihre  Zeitgenossen,  Friedrich  11.  und  Joseph  11.,  und  in 
ihren  seelischen  Eigenschaften  Marcus  Aurelius  gleich  ge- 
stellt wird. 

849.  Czaar  Peter  de  Derde.    Treurspel  door  A.  Kraft   Amsterdam, 
1801. 

Im  Vorwort  theilt  der  Verfasser  mit,  dass  seine  erste 
Tragödie   „Alonzo"  grossen   Erfolg   gehabt,   in   der   „Vader- 


—     101     — 

landsche  Bibliötheek"  sehr  gelobt  worden  sei,  und  dass  er 
hoflFe,  diese  seine  Tragödie,  in  flinf  Acten  und  in  Versen,  werde 
eine  ebensolche  Aufnahme  finden.  Die  Hoffnungen  des  Ver- 
fassers erfüllten  sich  —  die  Tragödie  erlebte  mehrere  Auf- 
lagen, ungeachtet  dessen,  dass  unter  den  handelnden  Personen 
u.  a.  auch  folgende  auftreten:  Panin,  Begent  von  Busland, 
Novogorod,  Aartsbischop  u.  s.  w.  Der  letzte  Act  der  Tragödie 
spielt  in  Mopsa,  anstatt  Bopscha,  und  endet  mit  dem  Verse 
Peters: 

Ik  veTgeef  bet  u  . . .  d  Gk>d!  ontfang  mijn*  geest  (112). 

Katharina  erscheint  nur  in  zwei  Scenen  des  vierten  Acts, 
und  hält  nur  einen  langen,  jedoch  farblosen  Dialog,  der  mit 
folgenden  Versen  beginnt: 

Doorlucbte  yriendenrei!    Beschermers  yan  de  kroon! 

Van  vaderland,  van  wet,  van  Grodsdienst,  en  den  troon  (78). 

850«  Teatro  deir  Eremitaggio  di  Caterina  11,  Imperatrice  delle  RuBsie, 
compoBto  da  questa  Principessa  et  da  alcnni  distinti  personaggi 
della  Sua  Corte.    Arezzo,  1801. 

Der  Titel  ist  nur  eine  Uebersetzung  desjenigen  von  No.  831, 
doch  ist  aus  der  ganzen  Sammlung  einzig  nur  die  com6die- 
proverbe  des  Grafen  S6gur  „L'enl^vement"  (11,  173)  auf- 
genommen, unter  dem  Titel:  „H  Bapimento,  commedia  in  un 
atto  in  prosa^',  wobei  die  handelnden  Personen  italianisirt  sind. 

851.  Histoire  de  TEmpire  de  Russie,  sous  le  rögne  de  Catherine  11 
et  &  la  fin  da  diz-hnitieme  siöcle.  Par  M.  Tooke.  2  vis.  Paris, 
1801. 

Eine  fast  wörtliche  uebersetzung  von  No.  822:  „traduite 
de  l'anglais  sur  la  deuxi^me  6dition,  par  M.  S  ,  .  .  avec  les 
corrections  de  M.  Smirnove,  aumönier  et  secr^taire  de  l'ambas- 
sade  de  Bussie  k  Londres,  et  revue  par  M.  Leclerc,  ancien 
capitaine  au  service  de  France."  Die  Correcturen  Smimows 
imd  Leclercs   beziehen   sich   meist   auf  eine   genauere  Tran- 


—     102     — 

scription  russischer  Worte  (Avis  sur  Torthographie  des  mots 
russes,  I,  XYII),  und  auf  die  Correctur  des  Originals  in  solchen 
Fällen,  in  denen  die  Fehler  und  Ungenaifigkeiten  durch  eine 
falsche  Uebersetzung  bedingt  wurden,  wie  wir  dies  schon  bei 
der  Besprechung  des  Originals  erwähnt  haben.  A.  J.  de 
Bassinet,  commandeur  honoraire  de  l'Ordre  de  Malte,  als 
Herausgeber  der  französischen  Uebersetzung,  hat  sie  dem  Kaiser 
Alexander  I.  gewidmet.  In  der  Widmung  wird  Katharinas  in 
folgenden  Worten  Erwähnung  gethan:  „Tous  les  chapitres  de 
cet  ouvrage  sont  comme  le  d6p6t  des  grandes  vues  legislatives, 
des  sages  principes  d'administration  de  votre  auguste  Aleule. 
C'est  par  eile  que  la  Nation  Russe  est  arriv6e  k  cette  existence 
politique  qui  maintient  en  Europe  cet  6quilibre  de  puissance 
garant  de  toute  autorit^,  6cueil  de  toute  ambition"  (VI). 

852«  Politique  de  toos  les  cabinets  de  TEurope  pendant  les  rögnes 
de  Louis  XV  et  de  Louis  XVI,  augment^e  de  notes  et  com- 
mentaires  par  L.  G.  Segtsr,  ex-ambassadeur.  3  vb.  Paris,  ISOl. 

Unter  diesem  Titel  wurden  im  Jahre  1793  „les  manu- 
scripts  trouv^s  dans  le  cabinet  de  Louis  XVI"  herausgegeben ; 
der  vormalige  französische  Gesandte  am  Hofe  Katharinas, 
Graf  S^gur  (No.  927)  hat  zu  ihnen  seine  Anmerkungen  ge- 
macht, die  besonders  hinsichtlich  Russlands  interessant  sind, 
dem  ganze  Artikel  gewidmet  sind  (I,  365,  383).  Sehr  inter- 
essant ist  das  Memoire  de  Mr.  Vergennet  sur  la  porte  Otto- 
mane (in,  105),  noch  interessanter  aber  ist  für  uns  die  An- 
merkung, die  S6gur  zu  ihm  macht  (III,  154).  In  den  drei 
Bänden  findet  sich  zerstreut  eine  grosse  Zahl  für  uns  höchst 
interessanter  Nachrichten  über  Polen  (I,  157,  190;  III,  129), 
über  Schweden  (I,  259;  11,  57),  über  N.  J.  Panin  (I,  113, 
321,  329),  über  G.  G.  Orlow  (I,  311,  318).  Russlands  ge- 
schiebt  häufig  Erwähnung  (I,  269)  und  a.  a.  0.  ygl.  das  In- 
haltsverzeichniss ;  über  Katharina  schweigt  das  Werk  voll- 
ständig. 


—     103     — 

853.   Denkwürdigkeiten  aus  der  Lebensgeschichte  des  kaiserl.  Rassi- 
schen Staatsraths  M.  A.  Weikard.    Leipzig,  1802. 

Weikard,  Jegor  Adamo witsch,  1742 — 1803,  war  Leibarzt 
der  Kaiserin  Katharina  11.  vom  Jahre  1784  an,  in  welchem 
Jahre  er  nach  Bussland  kam  (230,  240).  Seine  Denkwürdig- 
keiten sind  sishr  interessant,  namentlich  für  die  letzten  zehn 
Jahre  der  Regierung  Katharinas.  Der  Verfasser  hat,  sehr 
gegen  seinen  Wunsch,  sich  selbst  als  einen  kleinlichen,  zänki- 
schen, anmassenden  und  misstrauischen  Menschen  charakteri- 
sirt,  —  ihn  verfolgen  Alle,  und  erweisen  ihm  nicht  genügend 
Achtung;  er  ftihlt  sich  gekränkt,  wenn  er  vor  den  Truppen 
der  französischen  Sepublik  fliehen  muss.  Jeder  Wink  eines 
kleinen  deutschen  Prinzen  wird  sorgfältig  in  den  Denkwürdig- 
keiten als  geschichtliches  Ereigniss  vermerkt;  eine  Einladung 
zum  iVühstück  wird  mit  allen  Details  beschrieben.  Nach 
diesen  Denkwürdigkeiten  müsste  man  sich  die  Ansicht  bilden, 
Weikard  sei  eine  medizinische  Berühmtheit,  der  klügste  Mann 
von  der  Welt,  der  mit  Verachtung  auf  alle  übrigen  Sterblichen 
herabsieht. 

Die  Denkwürdigkeiten  sind  nicht  übel  geschrieben,  aber 
nachlässig  herausgegeben;  sogar  ein  Inhaltsverzeichniss  fehlt. 
Das  Werk  hat  den  folgenden  Inhalt:  1.  Geburt.  Knaben- 
alter (1);  2.  Jünglingsalter,  üniversitätsjahre  (68);  3.  Physikat 
zu  Bruckenau  (127);  4.  Medizinisch -praktische  Laufbahn  in 
Fuld  (169);  5.  Laufbahn  in  Bussland  (217);  6.  Beise  nach 
Gherson  und  Ausreise  Bussland  (367);  7.  Aufenthalt  in  Frank- 
furt, Mainz,  Aachen  (390),  und  8.  Badkur.   Fehden  (513). 

Ln  5.  und  6.  Kapitel  wird  vorzugsweise  über  Bussland 
und  Bussen  gesprochen  —  über  Olssu^ew  (233,  250),  Potem- 
kin  (252,  521),  besonders  viel  über  Lanskoj  (261),  über  Ssobo- 
lewskij  (262),  Bresinskij  (284,  288),  Chrapowizkij  (382),  um- 
ständlich wird  erzählt  über  die  Elrankheit  und  den  Tod 
Lanskojs    (276),    über    die    Beziehungen    des    Verfassers    zu 


—     104     — 

Zimmermann  (171,  253,  283,  305,  309),  über  die  taurische 
Reise  (367)  und  es  werden  zahlreiche  Briefe  Katharinas  mit- 
getheilt  (283,  285,  288,  313,  334,  336,  337,  355,  359,  361, 
362,  363,  364,  372),  grösstentheils  eigenhändige. 

Sehr  interessant  ist  die  erste  Audienz,  zu  deren  Anfang 
Katharina  sich  folgendermassen  äusserte:  „Ich  muss  Ihnen 
zwar  gestehen,  dass  ich  eben  keine  grosse  Dinge  auf  Aerzte 
halte.  Man  gab  mir  in  meiner  Jugend  Moli^re  zu  lesen  und 
jene  Ideen  von  Aerzten  sind  mir  ziemlich  hangen  geblieben'^ 
(245).  Die  Audienz  schloss  mit  folgendem  Dialog:  „Ich  sprach 
von  einem  ganz  neuen  philosophischen  Werke  von  Herrn 
Herder  über  die  Geschichte  der  Menschheit.  —  Wer  ist  dieser 
Herder?  —  Es  ist  ein  Geistlicher  in  Weimar.  —  Ein  Geist- 
licher! Da  kann  es  schon  keine  philosophische  Arbeit  seyn. 
Ist  der  Mann  Philosoph,  so  kann  er  nicht  Geistlicher  sejm, 
und  ist  er  Geistlicher,  so  kann  er  nicht  als  Philosoph  be- 
stehen. Freilich  kann  das  übersinnliche  Unwesen,  welches  von 
Manchen  heutiges  Tages  für  Philosophie  hergegeben  wird, 
besser  mit  Geistlichen,  Juden  und  Heiden  bestehen;  nur  mit 
dem  gesunden  Menschenverstände  will  es  sich  nicht  vertragen^' 
(246).  Solche  Stellen  finden  sich  mehrfach  in  den  Denkwürdig- 
keiten. Sehr  charakteristisch  ist  die  Nachricht  von  dem  chirur- 
gischen Institute,  das  die  Deutschen  Kelchen  und  Weikard 
für  „deutsche  Zöglinge'^  bestimmt  hatten;  in  der  Sitzung  einer 
besonderen  Commission,  unter  dem  Präsidium  von  Sawadowskij, 
hielt  ein  russischer  Arzt  in  lateinischer  Sprache  einen  Vortrag, 
in  welchem  er  den  Vorschlag  machte,  „aus  dem  für  Deutsche 
errichteten  Institute  eine  ganz  russische  Nationalakademie  zu 
bilden'^  Hierzu  bemerkt  der  Verfasser:  „Es  ist  schon  so  die 
Sitte  der  Menschen,  dass  der  als  Sklav  unter  despotischen 
Erziehern  aufgewachsene  Mann,  auch  sogleich  wieder  Despot 
wird,  sobald  er  etwas  zu  befehlen  bekommt.  Graf  Schwallow 
sagte  oft:    un  excellent  esclave  devient  un  excellent  despote. 


—     105     — 

Zum  Beweise,  dass  niedrige  Seelen  zu  Sklaven  und  Despoten 
die  tüchtigsten  sind''  (295).  Weikard,  nachdem  er  lange  in 
Bussland  gelebt,  glaubte  den  Süssen  folgendermassen  charak- 
terisiren  zu  können:  y,Der  Busse  ist  gelehrig,  begreift  es  bald, 
seinen  Herrn  zu  verstehen,  wenn  dieser  auch  nur  wenige  Worte 
vorzubringen  weiss"  (239). 

Ausser  dem  5.  und  6.  Kapitel,  die  Bussland  gewidmet 
sind,  trifft  man  auch  in  den  übrigen  E^apiteln  auf  viele,  für 
uns  sehr  interessante  Bemerkungen,  z.  B.  das  folgende  Urtheil 
über  Katharina:  „Catharina  II  war  freylich  ein  Weib,  hatte 
vielleicht  mehr  Verstand,  mehr  politische  Gewandheit  und  Ver- 
schmitztheit, als  alle  jetzlebende  Kaiser,  Könige  und  Fürsten, 
sammt  ihren  Ministem  zusammengenommen.  Aber  es  hätte 
doch  grosser  Muth  dazu  gehört,  sie  zur  Ehegemahlin  haben 
zu  wollen''  (116).  Interessant  sind  femer  seine  Aeusserungen 
über  Ssestrenzewitsch  und  Jankowski  (170),  über  Beniowski 
(440)  und  Tschernyschew,  den  Grafen  Iwan  (456);  bemerkens- 
werth  ist  die  Ansicht  Strekalows  über  den  Conseil  Katharinas 
(477),  und  die  Meinung  des  Verfassers  über  die  Theilung 
Polens:  „wirklich  war  man  am  Ende  froh,  nur  einen  geringen 
Antheil  von  diesem  Baube  zu  erhalten,  und  schämte  sich  nicht" 
(473).  Als  der  Händler  Weihnacht  der  Kaiserin  vorschlug, 
„eine  grosse  schön  gemalte  Wachtparade  von  Herzog  Karl  von 
Württemberg"  zu  kaufen,  antwortete  sie:  „Geht  mir  weg  mit 
dieser  Charlatanerie"  (399).  Solche  kleine  aber  charakteristische 
Bemerkungen  trifft  man  zahlreich  in  diesen  Memoiren.  Im 
Allgemeinen  muss  man  anerkennen,  dass  die  von  Weikard 
mitgetheilten  Thatsachen  bedingungslos  Glauben  verdienen; 
seine  ürtheile  aber  dürfen  nur  mit  grosser  Vorsicht  auf- 
genommen werden. 

Die  Erzählung  Weikards  von  dem  im  Kexholmschen  Ge- 
fangniss  eingeschlossenen  Staatsverbrecher  (440)  stimmt  in 
vielen  Stücken  zusammen  mit  der  Mittheilung,  die  der  Graf 


—     106     — 

de  Vezet  in  seinen  noch  nicht  veröffentlichten  Memoiren  über 
einen  Franzosen  macht,  der  sich  für  Iwan  VI.  ausgegeben 
hatte,  sodann  auf  Verlangen  des  russischen  Gesandten  Fürsten 
Barjatinskij  durch  den  Polizeilieutenant  Le  Noir  war  verhaftet 
und  nach  St.  Petersburg  transportiert  worden.  „Einem  Bussen 
liegt  nichts  so  nahe  am  Herzen,  als  ein  günstiger  Blick  oder 
gute  Aufnahme  am  Hofe;  Ungnade  tödtet  ihn.  Der  Russe 
wurde  krank,  wenn  einmal  seine  Kaiserin  ihn  nicht  freundlich 
angesehen  hatte;  er  wurde  recidiv,  wenn  sie  während  seiner 
Krankheit  nicht  von  ihm  gesprochen,  oder  bey  Andern  sich 
um  sein  Befinden  erkundigt  hatte.  In  diesem  Punkte  habe 
ich  nur  von  jeher  eine  antirussische  Denkungsart  gehabt"  (241). 
Indessen  trifft  man  in  Weikards  Denkwürdigkeiten  auf  zahl- 
reiche Stellen,  welche  beweisen,  dass  eine  ganz  ähnliche 
„Denkungsart"  in  Deutschland  sehr  viel  mehr  entwickelt  war 
als  in  Russland.  „An  jedem  Orte  in  dem  lieben  Deutschland 
liess  man  mich  es  fühlen,  wie  wenig  ein  Mann  geachtet  würde, 
der  nicht  zu  einem  deutschen  Fürstenhofe  verbunden  war"  (504). 
Bei  der  Leetüre  der  Denkwürdigkeiten  Weikards  darf  man 
nicht  vergessen,  dass  seine  üebersiedelung  nach  Russland  aus- 
schliesslich um  materieller,  mit  ihr  verbundener  Voriheile 
willen  erfolgte.  Der  Verfasser  spricht  ausfuhrlich  von  dem 
Befehle  Katharinas,  lür  ihn  ein  Haus  zu  kaufen  (247),  und 
vergisst  nicht  zu  erwähnen,  dass  er  in  einem  Viergespann  ge- 
reist sei  (299)  u.  s.  w.  Sogar  an  die  Meldung  des  Todes  der 
Kaiserin  knüpft  er  eine  Notiz  desselben  Charakters:  „Es  starb 
auch,  seitdem  ich  in  Heilbronn  war,  die  Kaiserin  Katharina 
von  Russland.  Ihr  Nachfolger  ernannte  mich,  bey  der  ersten 
grossen  Beförderung,  zum  Staatsrathe"  (509). 

854.   Histoire  de  la  vie  de  Pierre  III,  Empereur  de  toutes  las  Rnssies, 
par  M.  de  Saidem.    Metz,  1802. 

Der  Holsteiner  Saldern,  „qui  joignit  la  grossi^ret^  d'un 

paysan  holstenois  k  la  p6danterie  d'un  professeur  allemand" 


—     107     — 

(Rulhifere,  H,  308),  lebte  lange  in  St.  Petersburg,  verkehrte  in 
der  höchsten  Gesellschaft  und  bei  Hofe;  im  Jahre  1771  war 
er  schon  russischer  Gesandter  in  Warschau,  und  nach  der 
ersten  Theilung  Polens  wurde  sein  Name  in  den  Zeitungen 
Europas  vielfach  genannt,  aber  in  solchem  Sinne,  dass  Katha- 
rina sich  in  einem  Briefe  an  Frau  Bjelke  hierzu  folgender- 
massen  äussert:  „H  n'y  a  personne  qui  peut  mieux  savoir  que 
M.  de  Saldem  s'il  m^rite  ce  que  les  gazettes  ont  d^bit^  k  son 
sujet  —  j'en  appelle  k  son  conscience  („Sammlung^',  XIII,  406). 
In  seinen  Briefen  ebenso  wohl  als  in  seinen  Depeschen  er- 
scheint er  weniger  als  ein  Mann  von  grosser  Geschäftsgewandt- 
heit, als  vielmehr  als  ein  falscher  Charakter;  er  besass  Ver- 
stand, dieser  Verstand  stand  aber  unter  der  Leitung  eines  bös- 
artigen Gemüthes.  In  dem  uns  hier  beschäftigenden  Buche 
hat  Saldem  sich  ganz  in  seiner  Eigenart  gegeben:  es  ist  ganz 
aus  Lüge  und  Fälschung  zusammengesetzt.  Das  von  dem 
Herausgeber  unterzeichnete,  von  Lobsprüchen  auf  den  Verfasser 
überfliessende  Vorwort  ist  von  Saldern  selbst  geschrieben  (119); 
die  Versicherung,  der  Verfasser  habe  ausdrücklich  die  Be- 
stimmung getroffen,  das  Buch  solle  erst  nach  dem  Tode  Ka- 
tharinas gedruckt  werden,  ist  gleichfalls  eine  Unwahrheit,  denn 
mehr  als  einmal  wird  in  ihm  der  im  Jahre  1797  heraus- 
gegebenen „Histoire"  von  J.  Rulhifere  (No.  775)  Erwähnung 
gethan.  Auf  dem  Titel  ist  gesagt,  das  Buch  sei  speciell  der 
Darstellung  der  Staatsumwälzung  gewidmet  —  prÄsentant  les 
causes  de  la  r6volution  arrivöe  en  1762  —  während  doch  der 
Verfasser  zu  dieser  Zeit  sich  in  Berlin  befand,  was  bezeugt 
wird  durch  eine  Notiz  Katharinas  vom  2.  Juli  1762  („Samm- 
lung", XLVni,  8).  Man  könnte  nun  denken,  der  Verfasser 
habe  über  die  Staatsumwälzung  nach  den  Mittheilungen  min- 
destens von  Augenzeugen  der  Revolution,  wenn  auch  nicht 
von  direct  an  ihr  Betheiligten,  geschrieben:  nur  bei  ihm  ge- 
schieht Erwähnung  der  Verhaftung  des  Grafen  S.  K.  Woronzow 


—     108     — 

(79),  die  durch  einen  Brief  Woronzows  selbst  bezeugt  wird 
(Archiv  des  Fürsten  Woronzow,  VIII,  5);  aber  die  ganze  Er- 
zählung ist  von  so  groben  Fehlem  angefüllt,  dass  eine  solche 
Annahme  nicht  die  mindeste  Wahrscheinlichkeit  für  sich  hat: 
G.  Q.  Orlow  holt  Katharina  aus  Peterhof  ab  (76),  Katharina 
bekleidet  sich  mit  der  Uniform  Buturlius  „pour  cacher  sa 
grossesse"  (78),  das  Nachtquartier  wird  nach  Zarskoje  Sselo 
Terlegt  (86),  der  verhaftete  Peter  III.  wird  nach  Oranienbaum 
geführt  (93),  als  Tag  der  Thronentsagung  wird  der  2.  Juli 
(96,  105)  genannt,  und  sogar  der  Tag  der  Revolution  wird 
unrichtig  angegeben  als  „le  18.  Juin,  vieux  style,  ou  le  29., 
nouveau  style"  (74, 82, 103).  Das  ganze  uns  hier  beschäftigende 
Werk  charakterisirt  sich  durchweg  als  ein  Panegyrikus  auf 
Peter  in.  und  ein  schmutziges  Pamphlet  auf  Katharina.  Weshalb? 
Katharina  erwähnt  in  ihren  Briefen  häufig  Saldems,  be- 
zeigt Theilnahme  sowohl  ftir  ihn  persönlich  als  für  seine 
Verwandten  (Vorlesungen,  163,  11,  165;  „Achtzehntes  Jahr- 
hundert", m,  273;  „Sammlung",  X,  249,  292;  XIH,  90,  99, 
132,  354,  361,  379;  XX,  228;  LVU,  517;  LXII,  510)  und 
erst  vom  Anfang  des  Jahres  1774  an  hört  jede  Erwähnung 
seiner  Person  in  den  Briefen  Katharinas  auf:  in  Depeschen 
vom  Februar  1774  theilen  ausländische  Diplomaten  mit,  dass 
Saldem  „voulait  faire  associer  le  grand  duc  ä  Tempire"  und 
dass  Katharina  „dit  qu'elle  voulait  qu'on  lui  conduisit  ce  mi- 
serable, c'est  k  dire  Saldem,  la  corde  au  cou"  (Grimblot,  277). 
Heibig  (No.  894)  äusserte  sich  folgendermassen  über  das  Buch: 
„In  diesem  Buche  hat  der  Verfasser  die  Wahrheit  oft  verfehlt, 
und  sich  nur  von  seinem  Hasse  gegen  die  Kaiserin  bemeistem 
lassen,  der  eine  Folge  seiner  unbefriedigten  Leidenschaften, 
des  Stolzes  und  des  Geizes  war"  (254). 

855.  Lettres  d*un  Fran^ais  &  un  Allemand,  servant  de  r^ponse  ä 
Mr.  de  Kotzebue  et  de  Supplement  aux  »M^moires  secrets  aur 
la  Kossiec.    Par  C.  F.  Ph.  Massoiu    Basle,  1802. 


—     109     — 

Der  Streit  Massons  mit  Kotzebue  gewährt  kein  besonderes 
Interesse,  aber  in  den  Ergänzungen  zu  No.  841  trifift  man  auf 
bemerkenswerthe  Einzelheiten.  Diese  „Ergänzungen''  sind  in 
die  Polemik  hineingemischt,  und  in  Folge  dessen  durch  das 
ganze  Buch  zerstreut,  als  Beweismittel,  geeignet  Massen  zu 
stützen,  wenn  auch  nicht  gerade  dazu  ausreichend,  Eotzebue 
zu  widerlegen. 

Wir  notieren  hier  zuvörderst  zwei  Bemerkungen  hinsicht- 
lich Katharinas:  über  die  Doppelseitigkeit  ihrer  Persönlichkeit 
(179)  und  ihr:  „Praschai,  droug  moi.  Bog  stoboiou"  (260),  und 
eine  in  Anlass  ihres  Todes:  „son  empire  immense  6isit  en 
pleurs''  (275).  Einige  neue  kleine  Züge  zu  den  Biographien 
der  Grafen  Rumjanzow,  Repnin,  Besborodko  (131),  Nik.  Ssal- 
tykow  (195),  Kostoptschin  (295)  und  des  Baron  Nikolai  (210) 
finden  wir  hier,  sowie  eine  interessante  Einzelheit  über 
A.  D.  Lanskoj  (162)  und  eine  nicht  minder  interessante  Er- 
klärung der  umlaufenden  Fabeln  von  der  taurischen  Reise  (167). 
Aufklärung  wird  hier  auch  gegeben  über  die  Punkte  in  dem 

Familienroman  K ky  —  la  princesse  Alexandra  Wla- 

dimirowna  Kaslowsky  (238).  Zur  Charakteristik  des  Verfassers 
vergl.  S.  199. 

856.    August  Lndwlg  Schl5zers  öffentliches  und  Privatleben,  von  ihm 
selbst  heschrieben.    Göttingen,  1802. 

Das  vielleicht  einzig  dastehende  Beispiel  einer  Autobio- 
graphie, die  den  Verfasser  in  einem  sehr  abstossenden  Lichte 
erscheinen  lässt.  Pekarskij  in  seiner  „Geschichte  der  Aka- 
demie der  Wissenschaften'^  hat  vorsichtig  aber  eingehend. 
Schritt  für  Schritt,  alle  seine,  sogar  gegen  solche  Personen, 
wie  Nowikow,  gerichteten  Beschuldigungen  und  Verleumdungen 
widerlegt  (I,  667);  durch  die  von  Kenewitsch  besorgte  üeber- 
setzung  der  Autobiographie  von  Schlözer  ins  Russische  hat 
der  Herausgeber  wesentlich  zu  der  Möglichkeit  beigetragen, 
sich  von  dem  Verfasser  eine  richtigere  Anschauung  zu  bilden. 


—     110    — 

Wir  treffen  in  dem  Buche,  ausser  den  Angelegenheiten  und 
den  Persönlichkeiten  der  Akademie,  nur  auf  kleine,  die  ausser- 
akademische  Welt  betreffende  Bemerkungen.  In  erster  Linie 
ist  hier  zu  nennen  die  Mittheilung  über  den  Druck  des  Mani- 
festes Yom  28.  Juni  1762  (108). 

857.  £xamen  de  trois  onvrages  sar  la  Rossie,  par  Tauteur  du  Voyage 
de  deux  Fran9aiB  au  nord  de  TEurope  [Comte  Fortia-Pil^]. 
Paris,  1802. 

Der  Verfasser  der  „Reise**  (No.  754),  Fortia  de  Pilfes,  der 
die  Jahre  1791  und  1792  in  Russland,  vorzugsweise  in  St.  Peters- 
burg verlebt  hat,  kritisirt  hier  drei,  Russland  betreffende  Werke: 
1 .  „Voyage  philosophique,  politique  et  litt^raire  fait  en  Russie 
pendant  les  ann^es  1788  et  1789,  traduit  du  hoUandais  par 
le  citoyen  Chantreau."  Paris,  1794  (No.  724).  Der  Kritiker 
kommt  zur  Ueberzeugung,  „que  Tauteur  a  voyagö  en  Russie 
Sans  sortir  de  Paris"  (3),  wobei  er  nachweist,  dass  ganze  Stellen 
wörtlich  aus  Coxe  (483)  entlehnt  sind  (25,  33).  2.  „Histoire 
ou  anecdotes  sur  la  r6volution  de  Russie  en  1762,"  par  M.  Rul- 
hiere.  Paris,  1797  (No.  775).  Der  Kritiker  findet,  dass  das 
ganze  Buch  Rulhiöres  nur  als  ein  „monument  de  mechancet6, 
d'audace  et  de  vanitö"  (37)  bezeichnet  werden  kann,  und  ein 
„libelle  calomnieux"  (45)  darstellt,  —  und  3.  „Mömoires  secrets 
sur  la  Russie,  et  partculi^rement  sur  la  fin  du  regne  de  Ca- 
therine IL  et  sur  celui  de  Paul  I."  Paris,  1807  (No.  841). 
Das  Werk  Massons  gefällt  dem  Kritiker  ganz  und  gar  nicht, 
da  „au  travers  de  quelques  d^tails  curieux  percent  Tinjustice 
et  la  malignitö  les  moins  öquivoques"  (59);  es  sei  dies  „un 
ouvrage  presqu'entiferement  compos6  de  diatribes  et  de  calom- 
nies"  (81),  und  schliesslich  erscheint  ihm  der  Verfasser  als 
Jacobiner  (105).  Indem  er  die  Kritik  dieser  drei  Werke 
unternimmt,  stützt  sich  Fortia  de  Piles  auf  Auskünfte,  die  er 
aus  Russland  und  von  Russen  erhalten  hat,  daher  denn  seine 
Bemerkungen    einen    gewissen   Werth   für   sich  in   Anspruch 


—   111    — 

nehmen  können.  So  sind  z.  B.  seine  Mittheilungen  über  Orlow 
(50),  über  die  französische  Revolution  (69),  über  die  Theilung 
Polens  (71)  und  einige  andere  recht  interessant.  Bei  Uebung 
der  Kritik  verfällt  der  corrigirende  Kritiker  aber  mitunter 
selbst  in  Irrthümer.  Biron  war  nicht  in  Beresow,  sondern  in 
Sibirien,  in  Pelym,  u.  s.  w. 

Cbantreau  und  Sulhi^re  waren  schon  im  Grabe;  nur 
Massen  hat  „Un  mot  k  l'auteur  de  TEkamen  de  trois  ouvrages 
sur  la  Sussie*'  (255)  als  Antwort  veröffentlicht;  er  spricht  sich 
gleichfalls  gegen  Chantreau  aus,  vertheidigt  Rulhi^re,  und  be- 
weist schliesslich  hinsichtlich  seiner  „M^moires^^,  dass  der 
Bjitiker  Graf  Fortia-Pil^s  „porte  sur  des  opinions  et  non  sur 
les  choses^'  (260)  und  vertheidigt  natürlich  die  von  ihm  ver- 
tretenen Gesichtspunkte. 

Dem  Werke  ist  ein  Personen-  und  Sachregister  angehängt. 

858.  Lobrede  auf  Catharina  die  Zweyte,  von  Nikolai  Karamsvn. 
Aus  dem  BoBsischen  übersetzt  von  J.  Richter.    Biga,  1802. 

Eine  musterhafte  üebersetzung  hinsichtlich   der  Sprache 

sowohl  als  der  sachlichen  Genauigkeit,  trotz  der  Ungenauigkeit 

der  Wiedergabe  des  Titels:  das  Original  trägt  die  üeberschriffc: 

„Historische  Lobrede  auf  Katharina  II/<  (Werke  Karamsins, 

Ausgabe   vom  Jahre  1820,  VIII,   1).     Die   üebersetzung  ist 

Alexander  L  gewidmet.     Der  Uebersetzer  hat  die  Benutzung 

seiner  Arbeit  durch  eine   specielle  Inhaltsangabe   erleichtert, 

sowohl  der  „Einleitung"  (9)  als  der  drei  Theile:  1.  „Catharina 

als  Siegerin"  (23),  2.  „Catharina  als  Gesetzgeberin"  (64)  und 

3.  „Catharina  als  Schöpferin  wohlthätiger  Anstalten  und   als 

Mutter  ihrer  Unterthanen"  (160). 

859.  Geheime  Nachrichten  über  Russland  unter  der  Begierung  Catha- 
rinens  11  und  Pauls  I.  Ein  Gemälde  der  Sitten  des  Peters- 
burger Hofes  gegen  das  Ende  des  achtzehnten  Jahrhunderts. 
2  Bde.    Paris,  1802. 

Eine  Üebersetzung  von  No.  841.  Der  ungenannte  Ueber- 
setzer macht  zu  einer  Stelle  des  Originals  folgende  Anntkerkuug: 


—     112     — 

„Die  grosse  Gunst,  in  welcher  der  alte  Fürst  Betzkoi  bey  Ca- 
tharinen  stand,  die  Ehrfurcht,  welche  sie  ihm  bewies,  und  die 
Nachsicht,  mit  welcher  sie  sich  seinen  Grillen  unterwarf,  waren 
Ursache,  dass  man  am  russischen  Hofe  einem  Gerücht  Glauben 
beymass,  nach  welchem  dieser  Günstling  der  Vater  der  Kai- 
serin war.  Mehrere  Umstände  trugen  dazu  bey,  diese  Sage 
glaublich  zu  machen.  Die  Hofleute  hatten  ausgerechnet,  dass 
Betzkoi,  als  ein  junger  schöner  Mann,  auf  seinen  Reisen  sich 
einige  Zeit  an  dem  Zerbster  Hofe  aufgehalten  hatte,  und  dass 
diese  Epoche  gerade  in  das  Jahr  vor  der  Geburt  Catharinens 
fiel"  (II,  171).  Eben  dieselbe  Nachricht  hat  nach  Verlauf  von 
einigen  Jahren  N.  J.  Gretsch  in  seinen  „Memoiren"  mit  einigen 
Abänderungen  wiederholt:  „Die  Mutter  Katharinas  verbrachte 
einen  grossen  Theil  ihrer  Zeit  im  Auslande,  in  Vergnügungen 
und  Zerstreuungen  aller  Art  Während  ihrer  Anwesenheit  in 
Paris,  im  Jahre  1728,  machte  sie  Bekanntschaft  mit  einem 
jungen  Manne,  der  der  russischen  Gesandtschaft  angehörte: 
Iwan  Iwanowitsch  Bezkoi,  ausgezeichnet  durch  Schönheit,  Geist 
und  Bildung.  Katharina  hatte  grosse  Aehnlichkeit  von  Bezkoi. 
Die  Monarchin  verkehrte  mit  ihm  als  mit  ihrem  Vater"  (335). 
Beide  Erzählungen  werden  durch  die  Thatsachen  (No.  1241) 
widerlegt  und  als  unsinnig  charakterisirt.  Der  Eine  schickt 
Bezkoi  zu  der  Fürstin  nach  Zerbst,  wo  er  aber  im  Jahre  1728 
gar  nicht  gewesen  ist;  der  Andere  versetzt  die  Fürstin  nach  Paris, 
wo  sie  in  diesem  Jahre  ebenfalls  nicht  war,  und  beide  machen 
Bezkoi  zum  Fürsten,  welchen  Titel  er  jedoch  niemals  geführt  hat. 
In  demselben  Jahre  1802  erschien  ein  deutscher  Nach- 
druck dieser  Uebersetzung,  aber  ohne  Angabe  des  Druckortes 
und  mit  verändertem  Titel:  „Geheime  Nachrichten  von  Russ- 
land,  insbesondere  von  dem  Regierungs-Ende  Catharine  II  und 
von  der  Thronbesteigung  Pauls  I.  Ein  Sittengemälde  von 
St.  Petersburg  zu  Ende  des  XVIII.  Jahrhunderts.  Aus  dem 
Französischen.'«     3  Bde. 


—     113     — 

Die  deutsche  Uebersetzung  des  Massonschen  Baches  er- 
lebte mehrere  Anf lagen  (No.  995,  1067),  in  allen  jedoch  ist 
die  vorerwähnte  Anmerkung  wiederholt  (No.  1260). 

860.  Travels  in  the  Crimea.  A  histoiy  of  the  embassy  from  Peters- 
burg to  Constantinople,  in  1793.  Bj  a  secretarj  to  the  Bossian 
embassy.    London,  1802. 

Uebersetzung  von  No.  847.  Der  Verfasser,  Struve,  wird 
irrthümlicher  Weise  als  Gesandtschafts-SecreHlr  bezeichnet. 

861«  Yoyage  en  Krimpe  suivi  de  la  relation  de  rambassade  envoyäe 
de  P^tersbonig  k  Constantinople  en  1793.    Paris,  1802. 

Auf  dem  Titel  wird  der  Verfasser  nicht  genannt,  aber 
hinzugefügt:  „traduit  de  Tallemand  par  L.  H.  Delomarre", 
Es  ist  dies  eine  wörtliche  Uebersetzung  von  No.  847. 

862.  Secret  memoirs  of  the  Court  of  Petersbouig,  particularlj  to- 
wards  the  end  of  the  reign  of  Catherine  IT  and  the  commence- 
ment  of  that  of  Paul  I.  Translated  j^om  the  French.  3  y. 
London,  1802. 

Uebersetzung  von  No.  841.    Diese  englische  Uebersetzung 

«rlebte  drei  Auflagen.    Gleichzeitig  mit  der  englischen  erschien 

auch  eine  dänische  Uebersetzung:    „Maerkvaerdige  Anecdoter 

om  Eejserinde  Catharina  den  Anden,  Kaiser  Paul  den  Forste, 

den  nu  regierende  Eeiser  Alexander  og  de  fomemste  Personer 

ved  deres  Hof.   Oversat  af  Fransk  ved  Johan  Werfel."  Kjoben- 

havn,  1802. 

863.  Yoyage  k  Pötersbourg,  ou  nouveauz  mdmoires  sur  la  Eussie, 
par  Mr.  de  la  MeaselUre.    Paris,  1803. 

Der  Graf  Frottier  de  la  Messeliöre,  „Edelmann  der  Ge- 
sandtschaft, Chevalier  de  la  Messeliöre"  (Archiv  des  Fürsten 
Woronzow,  ni,  223,  236),  kam  nach  Bussland  im  Gefolge  des 
Oesandten  L'Höpital,  und  hat  ungefähr  zwei  Jahre  in  Buss- 
land gelebt,  vom  21.  Juni  1757  (119)  bis  zum  März  1759  (248), 
und  diktierte  im  Jahre  1772  (108),  kurze  Zeit  vor  seinem 
Tode  (316)  seine  russischen  Beiseerinnerungen  als  Skizze,  die 

Bil bassoff,  KathArinn  n.  8 


—     114     — 

er  als  „Projection  vague  d'anecdotes  diverses"  (314)  betitelte. 
Diese  Skizze  sollte  dann  weiter  ausgeführt  werden.  Infolge 
des  Todes  des  Verfassers  wurde  diese  „Projection"  in  der 
Gestalt,  in  der  sie  aus  dem  Diktat  hervorgegangen  war,  heraus- 
gegeben, ihr  jedoch  eine  „Lettre  du  citoyen  Jouyneau-Desloges" 
(309),  seines  Freundes,  beigefügt,  in  welcher  einige  Einzelheiten 
über  den  Verfasser  sowohl,  als  Nachrichten  über  Bussland, 
nach  mündlichen  Äeusserungen  desselben,  mitgetheilt  waren. 
Als  Vorwort  dient  ein  „Tableau  historique  de  la  Bussie  jus- 
qu'en  1802"  (1)  par  Musset  Pathay. 

In  allen  drei  Theilen  des  Werkes  äussern  sich  die  Sym- 
pathien des  Verfassers  für  Bussland,  und  namentlich  auch  für 
Katharina.  In  dem  Vorworte,  das  im  Jahre  1802  geschrieben 
worden,  heisst  es:  „Jetons  un  voile  sur  quelques  vices  de  cette 
imp^ratrice,  qu'elle  a  plus  que  rachet6s  par  ses  grandes  qua- 
lit^s.  La  malignitö  de  plusieurs  historiens  a  fidMement  re- 
cueilli  quelques  aventures  galantes.  De  toutes  les  vices  des 
souverains,  le  libertinage  est  le  moins  nuisible  aux  sujets, 
quand  il  n'entraine  pas  les  dilapidations  et  l'^puisement  du 
trösor  public,  et  Cath6rine  II  est  de  ce  cotö  k  Tabri  de  toute 
accusation''  (53).  Messeliöre  erwähnt  häufig  Katharinas  (122, 
214 — 217,  231),  bewundert  „la  force  d'äme  qui  la  caract^rise" 
(226),  und  schreibt  ihr  folgendes  Bekenntniss  zu:  „Je  ne  sais 
pas  ce  qui  peu  m'arriver,  mais  je  veux  etre  une  femme  extra- 
ordinaire,  et  j'ai  le  pressentiment,  que  TEurope  un  jour  par- 
lera  long-temps  de  moi"  (320).  Katharina  erwähnt  in  ihren 
Memoiren  (No.  1059)  Messelieres  überhaupt  gar  nicht,  der  doch, 
vrie  er  erzählt,  dem  Grafen  Ponjatowski  einen  sehr  wichtigen 
Dienst  erwiesen  hat  (215),  und  ein  ähnliches  Bekenntniss  er- 
scheint, eben  zu  jener  Zeit,  nach  der  Verhaftung  Bestushews 
(223)  und  vor  der  Entfernung  des  Grafen  Ponjatowski  (232), 
höchst  unwahrscheinlich.  Die  Äeusserungen  des  Verfassers 
über  den   russischen  Soldaten  (116),   über   die   französischen 


—     115     — 

Hanslehrer  (124),  über  die  Tabaksdose  Bestushews,  ,,que  nons 
avons  toujonrs  appelö  la  politique"  (126)  u.  a.  sind  nnr  anf 
Gerüchte  begründet  Entsprechend  der  Aufgabe  der  Gesandt- 
schaft, die  den  Wunsch  gehegt  hatte,  Bussland  der  franzö- 
sischen Politik  dienstbar  zu  machen,  erscheint  dem  Ver&sser 
alles  Eussische  in  rosigem  Lichte,  und  sogar  „les  chemins  de 
la  Bussie  sont  tres-ais^s  et  bien  entretenus"  (119). 

Der  Verfasser  hat  mit  seinem  Buche  Glück  gehabt  so- 
wohl in  Frankreich  als  in  Bussland:  die  Pariser  Ausgabe 
seiner  „Voyage  k  Petersbourg"  ist  eine  sehr  sorgfältige,  und 
in  Moskau  ist  eine  vollkommen  genaue  üebersetzung  seiner 
Memoiren  erschienen  mit  vortrefflichen  Anmerkungen,  die  die 
Bedeutung  dieser  Aufzeichnungen  sachlich  erläutern  („Bussisches 
Archiv",  1874,  I,  952). 

864.   Zimmermanns  YeihSltnisse  mit  der  Kaiserin  Catharina  IL  and 
mit  dem  Herrn  Weikard,  von  Markard.    Bremen,  1803. 

Der  Altersgenosse  von  Katharina,  Johann  Georg  Bitter 
von  Zimmermann,  1728 — 1795,  von  Geburt  Schweizer,  Doctor 
und  Philosoph,  hat  ungefähr  sieben  Jahre  lang  mit  der 
Kaiserin  correspondirt,  die  ihn  als  Schriftsteller  und  prak- 
tischen Arzt  sehr  schätzte.  Er  litt  an  Hypochondrie,  und  war 
krankhaft  von  sich  eingenommen.  In  Deutschland  genoss  er 
grosses  Ansehen,  nicht  nur  wegen  seiner  guten  Diagnosen,  son- 
dern auch  als  tiefer  und  origineller  Denker.  Er  lebte  vor- 
zugsweise in  Hannover,  als  grossbritanischer  Leibarzt.  Von 
seinen  philosophischen  Schriften  erfreuten  sich  besonderer  Be- 
rühmtheit zwei,  die  er  noch  als  junger  Mann  geschrieben,  und 
später  umgearbeitet  hatte:  „Ueber  die  Einsamkeit^'  (Leipzig, 
1784)  und  „Vom  Nationalstolze'*  (Leipzig  ^  1789);  die  erste 
Schrift  wurde  in  viele  Sprachen  übersetzt,  und  darunter  auch 
in  die  russische.  Katharina,  die  damals  durch  den  Tod 
Lanskojs  in  Betrübniss  versetzt  war,  las  das  Werk  „üeber 
die  Einsamkeit''  im  Original  („Sammlung",. XXIII,  243),  und 


—     116     — 

übersandte  dem  Verfasser  einen  kostbaren  Bing  und  eine 
Medaille  mit  ihrem  Bildniss,  nebst  einem  Brief,  in  dem  es 
hiess:  ,,in  Dankbarkeit  fiir  die  schönen  Bezepte,  die  Sie  der 
Menschheit  in  Ihrem  Buche  ,über  die  Einsamkeit'  verordnet 
haben'^  (62).  Von  da  ab,  zu  Anfang  des  Jahres  1785,  be- 
gann eine  Gorrespondenz,  die  bis  zum  Jahre  1791  andauerte. 
Katharina  hatte  zuerst  aus  den  Briefen  G.  G.  Orlows,  im 
Jahre  1780,  von  Zimmermann  erfahren,  der  den  Fürsten 
Orlow  von  Ems  nach  Pyrmont  begleitet  hatte  (14);  mehrmals 
forderte  die  Kaiserin  Zimmermann  auf,  nach  St.  Petersburg 
zu  kommen,  er  lehnte  jedoch  diese  Einladungen  stets  ab 
(„Sammlung^',  XXIII,  343).  Nach  Berlin  kam  Zimmermann 
einige  Tage  vor  dem  Tode  Friedrichs  11.,  und  veröffentlichte 
darauf  eine  Schrift:  „üeber  Friedrich  den  Grossen  und  meine 
Unterredung  mit  ihm  kurz  vor  seinem  Tode"  (Leipzig,  1788). 
Sowohl  diese,  als  andere  Broschüren  von  ihm  über  Fried- 
rich n.  schadeten  ihm  sehr  in  der  öffentlichen  Meinung 
Deutschlands,  und  er  starb  im  Jahre  1795,  seinen  Buhm 
überlebend. 

Zimmermann  empfahl  Katharina  Äerzte,  und  mit  Dank 
gab  sie  ihnen  Anstellung  (89,  91  ff.),  da  Bussland  damals  an 
geschickten  Aerzten  Mangel  litt  („Sammlung"  XXVII,  371; 
XLII,  273).  Im  Jahre  1786  verlieh  die  Kaiserin  ihm  den 
Wladimir-Orden  (388). 

Im  Anhange  sind  30  Briefe  abgedruckt,  und  darunter 
21  Briefe  von  Katharina  an  Zimmermann.  Leider  ist  hier 
nur  ein  Theil  der  Briefe  abgedruckt  (301),  und  zwar  nur  ein 
kleiner  Theil.  Dies  erklärt  sich  durch  den  Charakter  der 
durch  die  erbitterte  Polemik  zwischen  den  beiden  Deutschen 
hervorgerufenen  Veröffentlichung:  im  Jahre  1802  waren  die 
„Denkwürdigkeiten  aus  der  Lebensgeschichte  des  Kaiserlich- 
Bussischen  Staatsraths  Weikard  (No.  853)  im  Druck  erschienen, 
in  welcher  Schrift  der  Verfasser  über  Zimmermann  herfallt; 


—     117     — 

sein  Freund  Markard  gab  darauf  das  uns  hier  beschäftigende 
Werk  im  Jahre  1803  als  „Vertheidigungsschrift"  heraus,  und 
veröffentlichte  demgemäss  im  Anhange  nur  diejenigen  Briefe, 
deren  er  für  den  bezeichneten  Zweck  bedurfte.  Das  ganze 
Buch  ist  angeftLUt  Yon  kleinlichem  leeren  Geschwätz  und 
Klatsch,  so  dass  es  unangenehm  ist,  darin  zu  lesen.  Die 
beiden  Streitenden  gingen  so  weit,  dass  sie  Katharina  in  ihr 
Gezänk  einweihen  wollten,  die  Kaiserin  wies  aber  Beide  schroff 
damit  zurück:  dem  Doctor  Weikard,  der  sich  ihr  gegenüber 
in  Schmähungen  über  Zimmermann  ausgelassen  hatte,  schickte 
sie  seinen  Brief  zurück,  nach  Hinzuftlgung  der  Bemerkung: 
„Die  Herren  Gelehrten  thäten  wohl,  wenn  sie  das  Zanken  und 
Schelten  beyseiten  lassen  wollten;  denn  dabei  ist  wenig  Ehre 
zu  verdienen"  (245);  und  Zimmermann  antwortete  sie:  „Mais 
qu'est  ce  que  cet  inimitiö  de  Weikard!  j'ai  envie  de  prendre 
cela  pour  un  badinage"  (341). 

Die  nichtigen  Zwecke,  die  Markard  mit  seinem  Buche 
verfolgte,  übten  die  Wirkung,  dass  Niemand  es  las,  so  dass 
schon  im  Jahre  1808  die  Correspondenz  Katharinas  mit  Zim- 
mermann von  dem  Buche  ganz  abgetrennt  und  in  einer  Sonder- 
ausgabe veröffentlicht  wurde  (No.  888).  Für  uns  hat  nur  die 
Correspondenz  selbst  ein  Interesse:  Markard  ist  niemals  in 
Sussland  gewesen,  und  war  nicht  im  Stande,  die  Beziehungen 
Katharinas  zu  Zimmermann  richtig  zu  beleuchten;  jedoch  trifft 
man  auch  im  Texte  seiner  „Vertheidigungsschrift"  auf  man- 
cherlei kleine  Aeusserungen  und  Hinweise,  die  Bückschlüsse 
gestatten  auf  die  Anschauungen,  die  die  deutsche  Gesellschaft 
zu  einer  gewissen  Zeit  hinsichtlich  Russlands  hegte. 

Sehr  umständliche  Mittheilungen  über  das  Markard'sche 
Buch  finden  sich  in  der  Abhandlung  von  Brückner:  „Katha- 
rina n.  in  Correspondenz  mit  dem  Doctor  Zimmermann,''  im 
„Russischen  Alterthum",  LIV,  271.  Die  Correspondenz  Katha- 
rinas  mit  Zimmermann  wurde   ins  Russische   übersetzt  unter 


—     118    — 

dem  Titel:  ^^Philosophische  Correspondenz  der  Kaiserin  Katha- 
rina n.  mit  dem  Dr.  Zimmermann."  St.  Petersburg,  1803; 
einige  Briefe  Katharinas  an  Zimmermann  sind  auch  über- 
gegangen in  die  Sammlung:  ^^Correspondenz  der  Kaiserin  Katha- 
rina n.  mit  verschiedenen  Personen."  St.  Petersburg,  1807. 
Auch  in  den  „Archives  littöraires"  1804,  HI  finden  wir 
Briefe  Katharinas  an  Zimmermann.  Höchst  interessante  „Briefe 
Zimmermanns  an  Hu&agel  über  seine  russischen  Beziehungen" 
sind  herausgegeben  von  W.  Stricker  in:  „Blätter  der  Erinne- 
rungen an  W.  F.  Hu&agel".    Frankfurt  1851. 

865.  Reise  der  kaiserlich-mssiBchen  ausserordentlichen  Gresandtschaft 
an  die  Ottomanische  Pforte  im  Jahre  1793.  Von  H.  von  Reimers. 
3  Thle.    Petersburg,  1803. 

Eine  Prachtausgabe  „auf  kaiserliche  Kosten".  Der  Ver- 
fasser ist  einer  der  acht  „Secrötaires-interpretes  aus  dem 
Reichscollegio"  (I,  8),  die  zur  Gesandtschaft  beordert  waren; 
er  hatte  viele  Reisen  gemacht  durch  Europa  (I,  20,  33,  59), 
hatte  an  einer  Hofcour  in  Versailles  theilgenommen  (16),  kannte 
mehrere  Sprachen,  das  Russische  aber,  obgleich  er  das  Gegen- 
theil  behauptet  (I,  145),  war  ihm  nicht  geläufig:  er  schreibt 
„Podaroschnaja"  (22,  25,  29),  „Kübitke"  (18,  34,  46,  90,  109), 
und  vermochte  nur  anzugeben,  dass  „Tschomowoda  bedeutet 
schwarzes,  trübes  Wasser"  (I,  146). 

Dieselbe  Gesandtschaft  hat  auch  Struve  beschrieben 
(No.  847),  aber  nur  Reimers  giebt  eine  merkwürdige  Auf- 
klärung darüber,  wie  diese  Gesandtschaft  in  Konstantinopel 
zugleich  den  Zweck  verfolgte,  die  zweite  Theilung  Polens  der 
Türkei  gegenüber  zu  decken:  „Russlands  feine  Politik  ver- 
zögerte daher  die  Abschickung  einer  feierlichen  ausserordent- 
lichen Gesandschaft  an  die  Pforte  anderthalb  Jahre  nach  Ab- 
Schliessung  des  Congresses  zu  Jassy  so  schlau  bis  zu  den 
kritischen  Augenblick,  da  der  Ambassadeur  (in  Warschau), 
Herr  von  Siewers,  nach  Grodno  zum  Reichstag,  um  dort  den 


—     119     — 

Plan  unserer  grossen  Kaiserin  durchzusetzen,  abging.  Der 
Glanz  einer  prachtvollen  ausserordentlichen  Gesandschaft  und 
eine  Menge  prächtiger  Geschenke,  um  mit  diesen  den  Diwan 
zu  blenden,  sollten  die  Pforte  vergessen  machen,  dass  die 
Macht  ihres  nunmehr  ausgesöhnten  Feindes  durch  den  Besitz 
neuer  ansehnlicher  und  fruchtbarer  Provinzen  einen  grossen 
Zuwachs  bekomme"  (1,  137). 

Für  uns  hat  besonderes  Interesse  die  Beschreibung  der 
Reise  aus  St.  Petersburg,  über  Schklow  (27),  Mohilew,  Njeshin 
(33),  Chorol  (35),  Erementschug  (36)  zum  Sammelplatze  der 
ganzen  Gesandtschaft,  Elisawetgrad  (38).  Im  AUgemeinen 
constatirte  diese  Reisebeschreibung  materielle  Erschöpfung  und 
Hungersnoth  in  ganzen  weiten  Gebieten  (I,  24,  30),  und  un- 
ergründlichen Schmutz  auf  den  Strassen.  Die  Bewohner  von 
Elisawetgrad  vermochten  nur  auf  Stelzen  die  Strassen  zu  über- 
schreiten, und  der  Verfasser  nahm  hiefür  „die  breiten  Schultern 
seines  Bedienten"  (I,  39)  in  Anspruch.  Bei  Dubossary  wurde 
der  Regen  einem  Adler  verderblich:  „Einem  jungen  Adler 
hatte  der  Regen  die  Flügel  so  durchnässt  und  ihm  das  Fliegen 
so  erschwert,  dass  unser  Wegweiser  ihm  zu  Pferde  nachsetzte 
und  ihn  bei  seinem  niedrigen  schwerfälligen  Fluge  bei  den 
Flügeln  erwischte"  (I,  53).  Nachrichten  dieser  Art  trifft  man 
in  diesem  Werke  übrigens  nur  selten.  Ueber  die  bekannte 
eigenartige  Hommusik  schreibt  der  Verfasser:  „Einen  Menschen 
blos  in  der  Absicht  zu  unterhalten,  um  sein  ganzes  Leben 
lang  nur  einen  Ton  auf  seinem  Hörn  anzugeben,  lässt  sich 
allenfalls  in  den  Ländern  ausführen,  wo  Leibeigenschaft  ist; 
wo  diese  nicht  stattfindet  wäre  dies  zu  kostspielig"  (I,  15). 

Jenseits  der  Grenzen  Russlands  sah  der  Verfasser  den 
Ort,  an  dem  Potemkin  gestorben  (I,  87)  und  den  Schauplatz 
des  Kampfes  bei  Fokschany  (I,  116);  von  Ausländem  sah  er 
in  Russland  den  Grafen  d'Artois  in  St.  Petersburg  (I,  216) 
und  den  Grafen  von  Choiseul-Gouffier  in  Elisawetgrad  (I,  39). 


—     120     — 

866.  Der  Todtentanz   bei  Ismael.     Geschichte   einer  Bluthochseit, 
nebst  dem  Leben  des  Bräutigams.    St  Petersburg,  1803. 

Eine  sinnlose  und  alberne  Biographie  Suworows,  bei 
welcher  sämmtliche  Namen  völlig  verändert  sind:  Katharina  IE. 
heisst  hier  „Miranda"  (89),  Joseph  11.  —  „Ismael"  (230), 
Friedrich  II.  —  „Alfred"  (88),  Peter  in.  —  „Pirano"  (88), 
Pugatschew  —  „Posniew"  (139),  Polen  —  „Podalien"  (95), 
die  Krim  —  „Cantaurea"  (221),  Warschau  —  „Wirsa"  (300), 
die  Weichsel  —  „Wachsa"  (315),  Grodno  —  „Gamau"  (333), 
die  Türken  heissen  „Oihonier"  (103),  die  Kosaken  —  „Kaskier" 
(121)  u.  s.  w.  Der  Sturm  auf  Ismail  bildet  keineswegs  den 
Hauptgegenstand  der  Erzählung,  und  nimmt  von  den  370  Seiten 
des  Buches  nur  einige  wenige  in  Anspruch;  der  Verfasser  er- 
klärt hier:  „Die  Feder  vermag  es  nicht  alle  die  Greuel-  und 
Jammerscenen,  die  sich  hier  ereigneten,  zu  schildern"  (261). 

Das  Buch  ist  selbstverständlich  nicht  in  St.  Petersburg 
herausgekommen,  und  wahrscheinlich  auch  nicht  im  Jahre 
1803;  Suworow  starb  im  Jahre  1800,  und  das  Buch  erwähnt 
seines  Todes  nicht  einmal. 

867.  Katharina  IT.,  Kaiserin  von  Bussland.    ChemnitE,  1804. 

Die  „Gallerie  aller  merkwürdigen  Menschen,  die  in  der 
Welt  gelebt  haben"  erschien  in  einzelnen  Heften  in  Chemnitz; 
ein  jedes  dieser  Hefte  enthält  je  eine  Biographie.  Das  13.  Heft 
ist  Katharina  II.  gewidmet. 

Von  den  kurzen,  populär  erzählten  Biographien  der  Samm- 
lung ist  diese  jedenfalls  die  beste:  die  Lebensbeschreibung 
Katharinas  ist  wahrheitsgetreu,  genau,  gerecht,  die  Darstellung 
und  Sprache  ist  einfach,  allgemeinverständlich  und  correct. 
Nach  mündlicher  Ueberlieferung  heisst  es  hier  über  Perard: 
„Ihr  vorzüglichster  Lehrer  war  der  französische  Hoi^rediger 
von  Perard,  ein  heller  Kopf,  der  mit  nicht  gemeinen  Kennt- 
nissen zugleich  die  Eigenschaften  eines  gebildeten  artigen  Hof- 
manns verband"  (9).     Der  Verfasser  spricht  die  Kaiserin  frei 


—     121     — 

von  der  Schuld  an  der  Katastrophe  vom  6.  Juli  1762.  „Ihre 
ganze  Begierung,  ihr  Benehmen  gegen  ihre  Günstlinge,  von 
denen  sie  manches  duldete,  hat  bewiesen,  dass  sie  einer  solchen 
Handlung  gegen  Peter  nicht  fähig  gewesen"  (25)  und  beglück- 
wünscht Russland  zu  ihrer  Thronbesteigung:  „Ohne  sie  würde 
Russland  in  Hinsicht  auf  die  Ausdehnung  seiner  Gränzen, 
seiner  Kultur,  seines  ganzen  Zustandes  nicht  das  sein,  was  es 
ist"  (26).  Der  Verfasser  wendet  seine  Aufmerksamkeit  in 
erster  Linie  den  inneren  Angelegenheiten  zu,  und  nennt  dabei 
Katharina  die  „Wohlthäterin"  Russlands,  vergleicht  sie  mit 
Peter  dem  Grossen^  und  fügt  hinzu:  „Dabei  hatte  sie  auch 
Peters  I.  Kraft  nicht:  sie  musste  behutsam  zu  Werke  gehen 
und  durfte  die  Grossen  nicht  vor  den  Kopf  stossen"  (59).  Auf- 
merksamkeit verdienen  die  Beurtheilung  des  „umständlichen" 
Manifestes  (38),  die  Aeusserung  über  die  Einberufung  der  De- 
putirten  der  russischen  Lande  (62),  die  Charakteristik  Potem- 
kin8(76),  die  Vergleichung  Katharinas  mit  Heinrich  IV.  (74),  u.a. 
Fehler  und  Versehen,  namentlich  auch  grössere,  haben  wir 
nicht  bemerkt.  Die  Angabe,  dass  Katharina  am  5.  Juni  den 
Thron  bestiegen  (18),  beruht  wahrscheinlich  nur  auf  einem 
Druckfehler,  indem  an  anderer  Stelle  der  Tag  richtig  als  der 
9.  Juli  n.  St.  bezeichnet  wird  (51);  den  Familiennamen  Talysin 
richtig  wiederzugeben,  ist  sehr  schwierig. 

Die  ganze  Biographie  zerfällt  in  sieben  Theile:  1.  Her- 
kunft, Elrziehung  und  Bildung  der  Prinzessin  Sophie  Auguste, 
und  ihre  Vermählung  mit  dem  russischen  Grossfürsten  Peter 
Fedorowitsch  (8);  2.  Katharina  als  Grossflirstin  (13);  3.  Ab- 
setzung Peters  UI.  (18);  4.  Besitznahme  vom  Throne  (27); 
5.  Landerwerbungen  (42);  6.  Verdienste  der  Kaiserin  um  die 
inneren  Angelegenheiten  (58),  und  7.  Charakter  und  häusliches 
Leben  Katharinas  (47);  der  Verfasser  trägt  indessen  Bedenken, 
eine  ausgeführte  Charakteristik  Katharinas  zu  entwerfen:  „Man 
findet  in  Katharinens  Charakter  so  viele  einander  widersprechend 


—     122     — 

scheinende  Züge,  dass  es  schwer  ist,  über  sie  ein  Urtheil  zu 
faUen«  (76). 

S6S.   Potemkin.    Ein  interessanter  Beitrag  zur  Regierongsgeschichte 
Katharinas  der  Zweiten.    Leipzig,  1804. 

Im  Laufe  von  vier  Jahren,  1797 — 1800  erschien  in  dem 
von  dem  bekannten  damaligen  Publizisten  Ärchenholz  heraus- 
gegebenen Hamburger  Journale  „Minerva"  eine  sehr  umfang- 
reiche Abhandlung  über  „Potemkin  den  Taurier",  vierzig,  in 
113  Paragraphen  eingetheilte  Kapitel  umfassend.  Der  Name 
des  Verfassers  war  nicht  genannt,  doch  gilt  jetzt  als  sicher, 
dass  die  Abhandlung  von  dem  sächsischen  Residenten  am 
St.  Petersburger  Hofe,  Heibig,  dem  Autor  von  883  und  894 
verfasst  worden  ist.  Diese  in  der  „Minerva"  abgedruckte  um- 
fangreiche Abhandlung  liegt  dem  hier  zu  besprechenden  Werke 
zu  Grunde,  doch  hat  der  Verfasser  noch  einige  in  den  Jahren 
1800  bis  1804  erschienene  Werke  über  Katharina  benutzt; 
er  erklärte:  „auch  ist  hierbei  der  Anstrich  von  Leidenschaft 
verwischt  worden,  mit  welchem  man  so  oft  Potemkins  Thaten 
geschildert  hat"  (Vorrede),  doch  ist  es  ihm  dennoch  nicht  ge- 
lungen, dem  Einfluss  dieser  „Leidenschaft"  sich  zu  entziehen. 

Für  uns  ist  hier  nicht  sowohl  Potemkin  wichtig,  als  viel- 
mehr Katharina.  Da  sind  denn  von  Interesse  die  Mittheilungen 
über  die  Antheilnahme  Potemkins  an  der  Bevolution  vom  Jahre 
1762  (10),  welche  Thatsache  mehrfach  von  Katharina  selbst 
bezeugt  wird  (Jacob,  16;  Archiv  des  Fürsten  Woronzow,  XXV, 
423;  „Sammlung",  Vn,  109,  110,  113,  115).  Potemkin  kannte 
die  Schwachheit  Katharinas,  und  wusste  dieselbe  sehr  wohl 
auszunutzen:  „ihren  Lieblingsgedanken,  die  Welt  glauben  zu 
machen,  dass  sie  allein  und  ganz  ohne  alle  Theilnahme  irgend 
eines  ihrer  Minister  regiert"  (28);  er  war  bemüht,  „die  schon 
an  sich  wenig  zärtlichen  Gesinnungen  Katharinens  gegen  ihren 
Sohn  noch  mehr  zu  vermindern"  (29).  Die  Nachricht,  Potem- 
kin habe  seine  Wohnung  im  Schlosse  beibehalten,  „und  räumte 


—     123     — 

dem  Grafen  Sawadowsky  nicht  die  Zimmer"  (42)  wird  aus 
anderen  Quellen  bestätigt  („Russisches  Archiv",  1867,  1207). 
„In  einem  Hause  neben  dem  Pallaste  des  Enees  Wäsemsky 
befanden  sich  die  Gefängnisse  der  geheimen  Eanzlei,  die 
Peter  IH  abschaffte  und  die  Katharina  ü  in  ihren  Wirkungen 
im  Geheimen  wieder  herstellte"  (66).  Der  Verfasser  corrigirt 
bisweUen  Andere:  „Es  ist  unbegründet,  wenn  einige  Schrift- 
steller behaupten^  Katharina  und  Stanislaus  Augustus  hätten 
sich  im  Jahre  1764  in  Riga  gesprochen"  (17).  Die  taurische 
Reise  Katharinas  wird  vom  Verfasser  dargestellt  als  „thea- 
tralisches Maschinen  werk,  durch  dessen  F^erie.sich  niemand 
täuschen  liess,  als  die  Kaiserin"  (115),  wobei  „Getreidesäcke 
mit  Sand  gefüllt  waren"  (116);  Katharina  hatte  ihre  Freude 
an  „der  travestirten  leichten  Cavallerie,  die  aus  sechs  Regi- 
mentern umgekleideter  Husaren  bestand"  (123),  „den  Gebäuden 
die  waren  nur  Bilder"  (125)  u.  s.  w.  Thatsächlich  war  Katha- 
rina in  Begeisterung  über  all  das  von  ihr  Gesehene  (Smirdin, 
m,  342;  „Russisches  Archiv",  1864,  966;  1867,  1235;  „Samm- 
lung", XV,  95;  XXm,  408);  doch  nicht  Katharina  allein: 
auch  E.  A.  Tschertkow  („Russisches  Alterthum",  XV,  33),  und 
K.  G.  Rasumowskij  (Wassiltschikow,  I.  370)  und  Fürst  De- 
Ligne  (De-Ligne,  HI,  43),  sowie  S6gur  (S6gur,  HE,  195)  waren 
erstaunt  über  die  Erfolge,  die  Potemkin  erzielt  hatte.  Fügt 
man  hierzu  noch  zwei  Bemerkungen  über  die  Stellung,  die  die 
Favoriten  einnahmen  (15,  32),  so  ist  damit  auch  alles  dasjenige 
angefiihrt,  was  der  Verfasser  über  Katharina  bringt. 

Potemkin  ist  in  den  dunkelsten  Farben  gezeichnet  als 
„der  Schrecken  Katharinens  und  das  Unglück  vieler  Millionen 
Menschen"  (13),  sogar  als  Mörder  des  Fürsten  P.  M.  Golizyn 
(87),-  wobei  ganz  unglaubliche  Details  beigebracht  werden 
(„Russisches  Archiv",  1864,  423).  Bis  zu  welchem  Grade  der 
Verfasser  den  Fürsten  Potemkin  gar  nicht  verstanden  hat,  ergiebt 
sich  aus  seiner  Betheuerung:  „Wäre  Potemkin  leben  geblieben^ 


—     124     — 

so  würde  er  nie  in  die  Theilung  Polens  gewilligt  haben"  (196), 
während  doch  Potemkin  sich  schon  1790  für  eine  zweite 
Theilung  Polens  ausgesprochen  hat  (y^Histor.  Zeitschrift" 
XXXIX,  237;  „Russisches  Archiv"  1865,  730).  Ein  zuktinf- 
tiger  Biograph  Potemkins  wird  nicht  wenig  Unsinn  und  Wider- 
sprüche des  Verfassers  (72,  111,  186,  204)  zu  widerlegen 
haben,  doch  wird  er  hier  auch  viele  wahre  Nachrichten  finden, 
wie  z.  B.  die  Aeusserung  Potemkins  über  den  „Gore  Bogatyij" 
(„traurigen  Helden",  172),  die  bei  Chrapowizki  (250)  ihre  Be- 
stätigung findet.  Bisweilen  wird  auch  zu  einer  wahren  Nach- 
richt, wie  z.  B.  zu  der  über  das  Gebahren  Potemkins  beim 
Sturm  auf  Otschakow  (160)  von  dem  Verfasser  eine  unrichtige 
Erklärung  gegeben  („Odessaer  Almanach"  auf  das  Jahr 
1839,  68). 

Heibig,  der  selbst  stets  in  Geldnöthen  gewesen,  hält  in 
allen  seinen  Werken  genaue  Abrechnung  über  jede  Kopeke; 
so  sammelt  er  denn  auch  in  dieser  seiner  Schrift  sorgfältig 
alle  Nachrichten  über  die  von  Potemkin  bezogenen  Summen 
(62,  84,  92  ff.).  Da  er  die  Russen  hasste,  sucht  Heibig  sie 
selbst  da,  wo  er  lobt,  den  Ausländem  gegenüber  niedrig  zu 
stellen,  wie  z.  B.:  „Tschitschakoff  erlernte  in  seiner  frühesten 
Jugend  das  Seewesen  in  England.  E}r  war  brauchbar,  musste 
aber,  als  Admiral,  Greigh  und  Kruse  an  Talenten  und  Kennt- 
nissen nachstehen"  (147).  Diese  zwei  charakteristischen  Züge 
Helbigs  —  sein  Interesse  für  Geldangelegenheiten  und  die 
Sucht  zur  Verkleinerung  der  Bussen  —  kamen  auch  in  diesem 
Werke  zu  vollem  Ausdruck. 

Da  Potemkin  sein  Hauptthema  bildet,  so  erwähnt  der 
Verfasser  nur  ganz  nebenher  der  allgemeinen  politischen  Fragen 
und  Vorgänge  dieser  Zeit.  So  spricht  er  u.  A.  von  dem 
griechischen  Projecte  (49,  51,  57),  über  die  Krim  (53,  72), 
über  die  bayrische  Nachfolge  (56),  über  die  Anwesenheit  des 
.preussischen  Prinzen  in  St.  Petersburg  (59),  über  die  bewaff- 


—     125     — 

nete  Nentralität  (60),  über  das  Bündnisss  der  dentschen  Fürsten 
(92),  über  den  türkischen  Krieg  (139,  153),  wobei  direct  be- 
merkt wird,  dass  von  diesem  Ejdege  „nur  das  wird  erzählt, 
wo  Potemkin  selbst  zugegen  war"  155),  xmd  über  den  schwe- 
dischen Krieg  (145,  180). 

Die  allgemeine  von  Potemkin  gehegte  Anschauung  weicht 
sehr  ab  von  der  Ansicht  Helbigs  über  ihn:  „Es  ist  wahr,  dass 
dieser  merkwürdige  Mensch  mehr  berühmt,  als  gross  gewesen 
ist;  aber  es  lässt  sich  auch  in  seinem  Leben  unmöglich  ver- 
kennen, dass  er  dazu  bestimmt  war,  etwas  mehr  zu  sein  und 
zu  leisten,  als  der  gewöhnliche  Schlag  der  Menschen"  (Vor- 
rede). Der  Verfasser  erkennt  an,  dass  „noch  ist  es  der  Ge- 
schichte zu  neu,  um  ganz  wahr  über  ihn  zu  urtheilen",  und 
ftgt  hinzu:  „doch  wird  er  der  Gerechtigkeit  der  richtenden 
Nachwelt  nicht  entgehen"  (Ibid.). 

Das  ürtheil  über  Potemkin  ist  bis  auf  die  Gegenwart 
noch  immer  nicht  gesprochen,  doch  liegen  bereits  zahlreiche 
und  genügend  glaubwürdige  Zeugenaussagen  vor,  die  es  mög- 
lich machen,  sich  über  ihn  ein  Urtheil  zu  bilden.  So  hatte 
der  Verfasser,  als  er  das  Werk  Helbigs  benutzte,  nicht  seine 
f&r  die  Kritik  sehr  wichtigen  Berichte]  unter  Händen.  Aus  den 
von  Herrmann  herausgegebenen  Berichten  Helbigs  (VII,  102) 
widerlegt  sich  z.  B.  folgende  Angabe  des  Verfassers:  „Viele 
Grossen  des  Hofes  standen  hinter  Potemkins  Stuhle  und 
warteten  ihm,  gleichsam  als  dem  Landesherm,  auf'  (204). 
Seine  Versicherung,  zwischen  dem  Grafen  Dmitrijew-Mamonow 
und  Potemkin  habe  Feindschaft  bestanden  (163),  worauf  auch 
in  den  Denkwürdigkeiten  des  Fürsten  Golizyn  („Kussisches 
Archiv",  1874, 1,  1329)  Hindeutungen  sich  finden,  wird  durch 
eine  ganze  Beihe  von  Mittheilungen  in  den  Memoiren  Gar- 
nowskijs  („Russisches  Alterthum",  XV,  696;  XVI,  207,  400) 
widerlegt.  Gegenwärtig  ist  eine  überaus  grosse  Zahl  von 
Briefen  Katharinas  an  Potemkin  veröffentlicht  worden,  die  es 


—     126    — 

gestatten,  die  Beziehungen,  die  hinsichtlich  der  Staatsangelegen- 
heiten zwischen  ihnen  bestanden,  mit  ausreichender  Sicherheit 
festzustellen.  Leider  interessiren  sich  die  Biographen  Potem* 
kins  gerade  filr  diese  Angelegenheiten  am  allerwenigsten,  und 
ziehen  es  vor,  seine  Figur  im  N6glig6,  im  Schlafrock,  „sans 
culottes''  zu  zeichnen,  wie  ihn  die  Zeitgenossen  darzustellen 
liebten  („Russisches  Alterthum^',  XXU,  382;  „M^moires  du 
prince  Stanislaw  Poniatowski",  in  der  „Revue  des  Revues", 
1895,  15.  August,  S.  292).  Von  der  „Lebensbeschreibung  des 
Generalfeldmarschalls  Fürsten  Gregorius  Alexandrowitsch 
Potemkin  des  Tauriers",  St.  Petersburg,  1811  an  bis  zum 
„Potemkin^^  A.  Brückners  wiegt  in  allen  von  ihm  handelnden 
Schriften  die  Darstellung  des  „Potemkin  in  N^glig^'^  vor  der 
des  Staatsmannes  Potemkin  vor.  Fürst  de  Ligne,  der  mit 
Potemkin  nahe  bekannt  gewesen,  äusserte  sich  treffend  hierzu: 
„II  y  a  des  lecteurs  qui  veulent  savoir  tout,  jusqu'i  Töglise, 
ou  Ton  a  6t6  baptis^,  le  nom  de  la  nourrice,  et  voir  ensuite 
ce  qu'on  appelle  les  h^ros  en  robe  de  chambre^'  (De-Ligne,  IH, 
pröface).  Einem  zukünftigen  Biographen  Potemkins  wird  die 
Aufgabe  zufallen,  seine  Verdienste  um  das  Heer  und  die 
Flotte  Russlands,  seine  administrative  Bethätigung  zur  Culti- 
virung  des  Südens  des  Reiches  und  seine  staatsmännischen 
Gesichtspunkte  hinsichtlich  der  türkischen  und  polnischen  An- 
gelegenheiten zur  Darstellung  zu  bringen,  mit  einem  Worte: 
über  das  Wesen  und  den  Sinn  der  an  Potemkin  gerichteten 
Worte  Katharinas:  „ohne  Dich  bin  ich  wie  ohne  Hände"  — 
Licht  zu  verbreiten  („Sammlung",  XXVII,  392),  und  die 
Aeusserung  A.  M.  Turgeniews,  der  Ruhm  Katharinas  sei  mit 
dem  Tode  Potemkins  verblasst,  auf  ihren  wahren  Werth  zu 
prüfen  („Russisches  Alierthum",  LXII,  210). 

Ausser  der  von  dem  Neffen  Potemkins,  dem  Grafen 
A.  N.  Ssamojlow  verfassten  panegyrischen  Biographie:  „Leben 
und  Wirken  des  Generalfeldmarschalls  Fürsten  G.  A.  Potemkin"^ 


—     127     — 

abgedruckt  im  „Russischen  Archiv"  für  das  Jahr  1867,  giebt 
es  in  der  russischen  Literatur  nur  noch  A.  G.  Brückners: 
„Potemkin",  St.  Petersburg,  1891,  in  welchem  Werke  mit  er- 
staunlichem Fleiss  die  verschiedenartigsten  Potemkin  betreffen- 
den Nachrichten  ohne  kritische  Sichtung  und  Prüfung  neben 
einander  zusammengestellt  sind,  ohne  Bücksicht  darauf,  dass 
sie  häufig  einander  widersprechen,  oder  gar  sich  gegenseitig 
aufheben  und  vernichten.  Der  Verfasser  hat  seine  Aufmerk- 
keit  jener  soeben  charakterisirten  intimsten  Seite  des  Lebens 
Potemkins  zugewandt,  der  unter  seiner  Feder  uns  als  Aben- 
teurer, Höfling  und  Glücksritter  erscheint;  er  gesteht  ihm 
sogar  nicht  zu,  dass  er  „Patriot^'  gewesen. 

869.   !^loge   historique   de  Catherine  11,   Imp6ratrice  de  toutes  les 
Buflsies.    Par  Mr.  d*  Hannenaen,    Paris,  1804. 

Harmensen,  gentilhomme  de  cour  au  service  de  sa  Majest^ 
le  Roi  de  Su6de",  hat  seine  Lobschrift  auf  Katharina  ihrem 
Neffen,  dem  Kaiser  Alexander  I.  gewidmet,  welcher  „du  haut 
d'un  si  beau  tröne  ^tonne  ddjä.  les  nations  par  sa  sagesse^'  (54)^ 
der  aber  schwerlich  zufrieden  sein  konnte  mit  einer  solchen 
Schrift,  namentlich  nachdem  die  bereits  im  Jahre  1802  ins 
Deutsche  übersetzte,  und  daher  für  den  Schweden  Harmensen 
vollständig  zugängliche  Karamsin'sche  „Historische  Lobrede 
auf  Katharina  11.''  vorausgegangen  war. 

Es  ist  dies  ein  eigenartiger  Schwede:  er  verehrt  ßossuet 
(9,  26,  34),  hasst  die  „französischen  Philosophen''  (31)  und 
kennt  nicht  einmal  die  schwedische  Geschichte  (44).  Er  ge- 
steht zwar  zu,  dass  ein  „!^loge  historique"  Kenntnisse  und 
Talent  beansprucht  (4),  entschliesst  sich  aber  doch,  das  Eine 
sowie  das  Andere  durch  leeres  Geschwätz  zu  ersetzen,  wobei 
er  seine  Beden  der  Esserin  Katharina  in  den  Mund  legt 
(35,  38,  42).  Die  ganze  Broschüre  umfasst  nur  54  Seiten^ 
von  denen  die  ersten  24  über  Peter  I.  handeln,  der  nach 
Voltaire  dargestellt  ist. 


—     128     — 

870.   Djaryusz  podr627  Stanis^awa  Augusta  Kröla  na  Ukrainf,  w 
Bokn  1787,  przez  Adama  Narusxetctexa,    Warszawa,  1805. 

Der  Coadjutor  des  Bischofs  von  Smolensk,  später  Bischof 
Yon  Luzk  und  Brest,  Adam  Namschewitsch,  hatte  soeben  im 
Jahre  1786  den  7.  Band  seiner  „Hystoryi  narodu  polskiego" 
yeröffentlicht,  als  er  am  12.  Febmar  1787  mit  Stanislaus- 
August  nach  Eanew  aasreiste,  wo  der  König  mit  der  auf  dem 
Dnjepr  nach  der  Krim  sich  begebenden  Kaiserin  Katharina 
zusammentreffen  wollte.  Die  Reise  des  Königs  dauerte  f&nf 
Monate,  und  erst  am  11.  Juli  kehrte  er  nach  Warschau  zurück; 
für  diese  ganze  Zeit  hat  Naruschewitsch,  ohne  seinerseits 
irgend  welche  Reflexionen  anzustellen,  täglich  Alles  einfach 
beschrieben,  was  er  gesehen,  und  mit  wem  er  zusammen- 
getroffen. Es  ist  dies  ein  sehr  langweiliges,  aber  sehr  genaues 
Reisetagebuch,  das  uns  viele  interessante  und  wichtige  Einzel- 
heiten aufbewahrt  hat.  Für  die  taurische  Reise  Katharinas 
ist  seinerzeit  nichts  Aehnliches  geleistet  worden;  in  der  Suite 
der  Kaiserin  hat  Niemand  die  Rolle  eines  russischen  Narusche- 
witsch  gespielt.  Jetzt,  nach  Verlauf  von  hundert  Jahren,  ist 
man  gezwungen,  mit  unglaublicher  Mühe  aus  verschiedenen 
Nachrichten  aller  Art,  vorzugsweise  nach  archivalischen  Quellen, 
eine  „Beschreibung  der  Reise  Katharinas  11.  nach  dem  süd- 
lichen Russland,  im  Jahre  1787"  zusammenzustellen,  wie  dies 
G.  W.  Jessipow  gethan  hat  in  seiner  im  „Kijewer  Alterthum" 
für  die  Jahre  1890  und  1891  a\)gedruckten  Arbeit.  Das  Werk 
Jessipows  stellt  eine  gründliche,  sehr  werthvoUe  Untersuchung 
dar,  während  bei  Naruschewitsch  in  erster  Linie  nur  der  un- 
mittelbare Eindruck  wiedergegeben  wird. 

Für  uns  hat  nur  Bedeutung  die  über  die  Begegnung 
Stanislaus  Augusts  mit  Katherina,  die  auf  dem  Dnjepr,  bei 
Kanew,  am  6.  Mai  (25.  April)  stattfand,  berichtende  Ein- 
tragung des  Tagebuches  (279).  Ueber  dies  Zusammentreffen 
besitzen  wir  nicht  nur  Berichte  von  Augenzeugen  („Der  Sohn 


—     129     - 

des  Vaterlandes",  1843,  No.  3;  Memoiren  S6gurs,  St.  Peters- 
burg, 1865),  sondern  auch  von  Katharina  selbst  („Vorlesungen", 
1863,  m,  167;  „Eussisches  Archiv",  1864,  518;  1878,  III, 
139;  1888, 1,  2;  „Sammlung",  XV,  91;  XXTTT,  408;  XXVn, 
407);  aus  allen  diesen  Mittheilungen  ist  zu  ersehen,  dass  die 
Erzählung  Naruschewitschs  vollkommen  genau  und  wahrheits- 
getreu sind.  Man  hat  daher  keinen  Anlass,  auch  hinsicht- 
lich der  übrigen  Angaben  Naruschewitschs  irgend  welches 
Misstrauen  zu  hegen.  Solcher,  fiir  uns  in  Betracht  kommen- 
der Aufzeichnungen  finden  sich  im  Tagebuche  zwar  nur  wenige, 
aber  doch  einige.  Vor  der  Begegnung  bei  Kanew  besuchten 
den  polnischen  König:  der  russische  Gesandte  Stackeiberg 
(209,  239),  Potemkin  (209),  Rumjanzow  (236),  Schuwalow 
(239,  268),  Besborodko  (240),  Ssaltykow  (263),  Bibikow  (264), 
Naryschkin  (265)  u.  A.,  ferner  ausländische  Personen  aus  der 
Suite  Katharinas:  der  Prinz  von  Nassau  (209,  247),  der  Spanier 
Miranda  (237)  und  der  Fürst  de  Ligne  (261).  Kamen  die 
Ausländer  ausschliesslich  aus  Gründen  der  Höflichkeit,  so  er- 
schienen dagegen  die  Russen  zum  Zweck  von  Unterhandlungen 
über  die  bevorstehende  Zusammenkunft,  wie  z.  B.  unter  dem 
15.  April  folgende  Notiz  verzeichnet  ist:  „Po  obiedzie  przybyi 
z  listem  do  kröla  od  Potemkina  officer  rossyiski  polak  Krzy- 
zanowski,  ktory  okdo  wieczora  byl  expedjowany**  (273).  Von 
sonstigen  interessanten  Nachrichten  verdient  Aujfmerksamkeit 
die  Mittheilung  über  den  Eid  Victor  Ssadkowskis  in  Tultschino 
(„Vorlesungen",  1865,  2,  Vermischtes,  21),  „mai^cy  iuryzdyk- 
cya  nad  cerkwiami  Dyzunickiemi  w  Polszcze  i  Litwie"  (304), 
der  später  eine  hervorragende  Rolle  spielen  wird;  die  ihm  am 
28.  Juni  seitens  des  Königs  erwiesene  Ehrenbezeigung  (474)  u.  a. 
Das  Tagebuch  Naruschewitschs  bringt  auch  eine  neue 
Angabe.  Dnser  Marine-Archiv  enthält  ein  „Verzeichniss  der 
Schiffe,  die  am  7.  April  1787  in  Kijew  sich  befanden",  mit 
Angabe  der  Namen  der  Fahrzeuge,  ihrer  Commandeure  und 

Bilbassoff,  Katharina  n.  9 


—     130     — 

der  Passagiere,  wobei  das  Schiff,  das  den  Fürsten  Potemkin 
und  die  Gräfinnen  Branicki  und  Skawronski  an  Bord  hatte, 
und  das  von  dem  Kapitän-Lieutenant  Adolf  von  Sacken  kom- 
mandirt  wurde,  unbemannt  geblieben  ist.  Naruschewitsch  bringt 
nun  in  seinem  Tagebuche  ein:  „Nazwiska  galer  Flotty  Impe- 
ratorowey  leymoici,  porz^dek  wedlug  ktörego  i^na  i  osoby 
na  nich  znaydi^ce  si^^'  (289)  und  in  ihm  heisst  es  unter  No.  10: 
„Boh.  Xi^z^  Potemkin,  Grafinie  Skowro^ska,  Branicka  z 
m^zami<<,  d.  h.  das  Schiff  führte  den  Namen  „Bug'^ 

Einige   Details   s.  bei   „Niemcewicz,   Pami^tniki    czasöw 
moich",  Paryz,  1848,  S.  121. 

871.  Quelques  fleon  &  rhomme  regrett^.  Po^me  biographiqae  et 
philoBophiqne  snr  8.  £.  Mr.  le  oomte  Valerien  Zonboff  Par 
Moussard.    St-P^tersboaig,  1805. 

Graf  Valerien  Alexandro witsch  Subow,  1771 — 1804,  er- 
freute sich  der  besonderen  Zuneigung  Katharinas,  die  für  ihn 
sorgte,  wie  eine  Mutter.  In  ihren  Briefen  an  ihn  („Russisches 
Archiy'S  1886,  I,  269)  und  in  ihren  Aeusserungen,  die  sie 
anderen  Personen  gegenüber  machte  über  „dies  echte,  wahre 
Kind''  („Sammlung^',  XLII,  24,  28),  über  seine  „belle  et  bonne 
äme''  (Ibid.,  326)  und  darüber,  dass  in  seinem  23.  Lebensjahre 
„sa  r^putation  militaire  est  faite''  (Ibid.,  XXIII,  615;  „Russi- 
sches Archiv",  1878,  ICE,  217),  zeigt  sich  Katharina  von  einer 
sehr  anziehenden  Seite.  Als  Subow  im  Kampfe  gegen  die 
Polen  ins  Bein  verwundet  war,  war  Katharina  aufrichtig  be- 
kümmert „wegen  dieses  Unglücks",  das  die  „gottlosen  Polen" 
verschuldet  („Russisches  Archiv",  1886,  I,  272),  und  war  un- 
säglich erfreut  durch  die  Nachricht  von  der  Einnahme  Derbents 
durch  Subow  (Ibid.,  274),  welche  Festung  20  Jahre  vorher  ftLr 
Katharina  ein  solcher  Gegenstand  des  Schreckens  geworden 
war,  dass  sie  auf  den  betre£fenden  Bericht  die  Worte  ge- 
schrieben hatte:  „der  Teufel  selbst  hat  uns  nach  Derbent 
geschickt"   („Sammlung",   XXVII,   59).     Bald    darauf  starb 


—     181     — 

Katharina,  und  Paul  I.  beorderte  die  Regimenter  aus  dem 
Kaukasus  zurück,  ohne  Subow  davon  auch  nur  vorher  in 
Xenntniss  gesetzt  zu  haben.  Verabschiedet  und  in  Ungnade 
beim  Kaiser  lebte  Subow  sodann  in  Kurland,  als  Derschawin 
ihm  poetischen  Trost  zusprach,  indem  er  ihn  hinwies  auf  das 
Beispiel  Suworöws,  der  im  Glück  wie  im  Unglück  stets  die 
gleiche  Seelenstärke  und  Grösse  bewahrt  habe. 

Alexander  I.  berief  Subow  wieder  zur  Thätigkeit,  doch 
starb  er  bald  darauf,  am  21.  Juni  1804. 

Von  alledem  ist  in  dem  „po^me  biografique^'  nichts  gesagt. 
Der  Verfasser  bekennt  selbst:  „Je  n'ai  point  connu  Zouboff"(X), 
—  er  hatte  ihn  nur  einmal  zufällig  im  kaiserlichen  Sommer- 
garten gesehen.  Das  Gedicht  ist  der  Gräfin  Maria  Fedorowna 
Subow,  verwittweten  Gräfin  Potocki,  geborenen  Fürstin  Ljubo- 
mirski  gewidmet,  die  im  Jahre  1805,  als  das  Gedicht  im 
Druck  erschien,  bereits  im  Begriff  war,  eine  dritte  Ehe  mit 
Th.  P.  Uwarow  einzugehen.  Dem  VerÜEksser,  einem  eifrigen 
Boyalisten  (II),  ist  es  sogar  unbekannt,  dass  Graf  W.  A.  Subow 
in  der  Coalition  als  Volontär  gedient  hat.  In  seinem  „Dis- 
cours pr^liminaire^'  kennzeichnet  sich  der  Verfasser  überhaupt 
als  unwissend  und  sogar  als  thöricht.  Im  „Sommaire  des 
mati^res  contenues  dans  le  poöme^^  ist  ein  „portrait  de  Cathe- 
rine" versprochen;  dies  „Porträt"  lassen  wir  hier  folgen: 

„U6clat  a  dans  Zonboff  une  henreuse  origine: 
II  parait  aux  regards,  montr6  par  Catherine, 
Dont  Tep^e  et  la  plume  ont  brill6  qaarante  ans; 
La  gloire  de  son  sexe  et  Tappoi  des  talents. 
La  merveille  d'un  trdne  environn^  de  charmes: 
Qui  fit  aimer  les  arts,  s'illustra  par  ses  lois; 
Qui  int,  par  le  g^nie,  autant  que  par  les  armes, 
L'arbitre  de  TEurope  et  Texemple  des  rois"  (3). 

872.   M^moures  sar  la  r^yolation  de  la  Pologne,  trouy^  4  Berlin. 
[Par  de  Piator,]    Paris,  1806. 

Jacques   de  Pistor  (Jakow  Matwejewitsch),  ein  französi- 
scher Offizier,  der  im  Jahre  1771  in  russische  Dienste  getreten, 


-     182     — 

findet  sich  im  Jahre  1792  in  den  Registern  der  ukrainischen 
Armee  als  Generalquartiermeister  verzeichnet  (,,Sammlung^', 
XL VII,  243,  267).  Mit  dem  General  M.  W.  Kachowskij  traf 
Pistor  im  Jahre  1792  in  Polen  ein,  und  befand  sich  am  6. 
(17.)  April  1794  in  Warschau.  Im  Jahre  1796,  während  seiner 
Anwesenheit  in  St.  Petersburg,  verfasste  Pistor  sodann  ein 
„Mömoire  sur  la  rövolution  qui  s'est  faite  k  Varsovie  le  6. 
(17.)  avril  1794  et  sur  les  mesures  qui  ont  6t6  prises  de  notre 
part  pour  la  pr6venir"  und  legte  es  Katharina  vor,  begleitet 
von  einem  besonderen  Briefe,  in  dem  es  u.  A.  heisst:  „Ayant 
6crit  ce  Memoire  uniquement  k  Tusage  de  Votre  Majest6 
Imperiale,  je  Tai  6crit  frauchement,  en  indiquant  les  fautes 
commises  de  notre  part".  Kostomarow  (I,  XII)  schreibt  hierzu: 
„In  seiner  Darstellung  (der  Revolution)  ist  Pistor  bestrebt, 
sich  als  ausgezeichneten  Kenner  des  Kriegswesens  zu  geben, 
und  alle  Misserfolge  den  Fehlem  der  russischen  Generale  zu- 
zuschieben". Dennoch  enthält  die  Arbeit  Pistors  viele  inter- 
essante Einzelheiten,  und  sie  ist  für  die  Kriegsgeschichte  des 
Jahres  1794,  vom  ersten  Auftreten  Kosciuszkos  in  Erakau  an, 
sehr  wichtig.  Hier  finden  wir  eine  ausführliche  Darstellung 
der  Schlacht  bei  Raclawice,  des  Warschauer  Aufstandes,  der 
Schlacht  bei  Szczekoczny,  und  der  ersten  Zeit  der  Belagerung 
von  Warschau,  bis  zu  der  Zeit,  da  Pistor  wieder  in  die  Ukraine 
abgesandt  wurde. 

Diese  Schrift  ist  ins  Polnische  übersetzt  worden  (No.  1077), 
wobei  auch  der  räthselhafte  Zusatz  auf  dem  Titel:  „trouvös 
k  Berlin"  seine  Aufklärung  findet. 

Beigelegt  ist  den  „M6moires"  ein  umfangreicher  „Plan  de 
la  ville  de  Varsovie"  und  eine  Karte  „Partie  du  thöätre  de  la 
guerre  en  Pologne  de  Tannöe  1794"  —  wichtig  deshalb,  weil 
wir  in  ihnen  die  Hilfsmittel  besitzen,  die  den  russischen  Auto- 
ritäten damals  zu  Gebote  standen. 


/ 


—     133     — 

S73.  Demetrius,  the  Impostor.  A  tragedj  by  Alex,  Sawnarokove, 
Translated  irom  the  Ruesian.    London,  1806. 

Eine  Uebersetzung  von  „Demotrius,  der  Usurpator,  Tra- 
gödie in  fünf  Acten'S  Moskau,  1771.  Das  Stück  war  in 
Moskau  im  Jahre  1771  aufgeführt  worden.  Das  „Dramatische 
Wörterbuch"  vom  Jahre  1787  theilt  mit,  bei  der  Aufführung 
dieser  Tragödie  sei  das  Theater  niedergebrannt;  bald  darauf 
starb  der  Moskauer  Schauspieler  Kaligraf,  der  die  BoUe  des 
Demetrius  gespielt  hatte,  durch  Selbstmord.  Zwei  Verse  dieser 
Tragödie  sind  unter  die  bildliche  Darstellung  Demetrius  des 
Usurpators  gesetzt:  „Ich  bin  gewohnt  des  Schreckens,  in 
Frevelmuth  entbrannt,  blutbefleckt  und  zu  jeder  barbarischen 
That  bereit".  Vielleicht  hat  die  Feuersbrunst  des  Moskauer 
Theaters  damals  dazu  Anlass  gegeben,  dass  Ssumarokow  seine 
Pläne  dafür  entwarf,  „wie  das  Moskauer  Theater  gebaut  werden 
müsse".  Er  bereitete  Katharina  damit  grosse  Langeweile.  In 
einem  Briefe  der  Kaiserin  an  M.  N.  Wolkonskij  heisst  es: 
„BiS  vergeht  kein  Posttag ,  dass  Ssumarokow  mich  nicht  mit 
«inem  Briefe  bombardirt,  und  zu  mancher  Post  erhalte  ich 
deren  gar  zwei"  („Achtzehntes  Jahrhundert",  I,  77). 

874.   Potemkin  de  Taurier.   Naar  het  HoogduitBch.    Deventer,  1806. 
Uebersetzung  von  No.  868. 

S75«  M^moires  particuliers,  extraits  de  la  correspondance  d*un  voja- 
geur  avec  feu  Afr.  Garon  de  Beaumarchais,  aar  la  Pologne,  la 
Litfauanie,  la  Roasie  Blanche,  P^tersbouxg,  Moscou,  la  Crim^e  etc. 
Publica  par  M.  D.  [Mehee  de  la  Touche].  2  via.   Hambourg,  1807. 

Der  mit  einer  reichen  Polin  verheirathete  Prinz  von  Nassau- 
Siegen  war  Besitzer  grosser  Ländereien  in  Polen  („Nowoje 
Sslowo",  1894,  Nr.  3  u.  4)  und  hatte  den  Plan,  polnische  und 
russische  Waaren,  namentlich  SchiflFbauholz,  über  die  Wasser- 
strasse des  Dnjestr  nach  dem  Schwarzen  Meere  gehen  zu 
lassen,  und  von  dort  weiter  nach  Marseille  zu  verschiffen 
(Aragon,  57).     Er  interessirte  an  diesem  Unternehmen  einen 


—     134     — 

in  damaliger  Zeit  bekannten  Kapitalisten,  den  französischen 
Armeelieferanten  Beaumarchais,  den  berühmten  Verfasser  von 
„Le  barbier  de  Seville"  und  von  „Le  mariage  de  Figaro", 
entlehnte  von  ihm  eine  grosse  Summe,  zahlte  aber  nicht  ein- 
mal die  Zinsen  davon.  Da  der  Prinz  von  Nassau-Siegen  da- 
mals in  russischen  Diensten  stand,  so  schickte  Beaumarchais 
einen  seiner  Agenten  nach  Polen  und  Bussland,  um  sich  mit 
der  Lage  des  Unternehmens  vertraut  zu  machen,  und  wegen 
Zahlung  der  Gelder  einen  Prozess  zu  führen.  Dieser  Agent 
verbrachte  ungefähr  acht  Jahre  auf  seinen  Fahrten  (11,  164) 
und  schrieb  an  seinen  Patron  beständig  Briefe;  Auszüge  aus 
diesen  Briefen  für  die  letzten  drei  Jahre,  vom  18.  Oktober  1788 
bis  zum  15.  Juli  1791  bilden  den  Inhalt  des  uns  hier  be- 
schäftigenden Werkes. 

Beaumarchais  starb  im  Jahre  1799,  nnd  die  Briefe  sind 
erst  im  Jahre  1807  herausgegeben.  Dieser  Umstand  hat  auf 
den  Inhalt  der  Veröffentlichung  Einfluss  geübt.  In  dem  vom 
8.  Januar  1789  aus  Mohilew  datirten  Briefe  polemisirt  der 
Verfasser  gegen  das  Werk  Bulhi^res  (No.  775),  obgleich  dieses 
doch  erst  1797  im  Druck  erschienen  ist  (I,  86);  in  dem  Briefe 
vom  15.  Juli  1791  spricht  der  Verfasser  von  der  Begeisterung 
der  Polen  über  die  Constitution  vom  3.  Mai  1791  und  fügt 
dazu  die  prophetischen  Worte:  „il  est  k  craindre,  que  tout 
ce  vacarme  n'aboutisse  qu'ä,  un  arrangement  humiliant  entre 
la  cour  de  Bussie  et  les  principaux  m^contens,  ou  peut-etr& 
m^me  au  partage  d6finitif  de  ce  qui  reste  k  la  malheureuse 
r^publique"  (II,  160).  Aus  dergleichen  Hinweisen  geht  hervor, 
dass  der  Herausgeber  die  Briefe  nicht  nur  „verkürzte"  (Pr6- 
face,  VII),  sondern  sie  auch  vervollständigte.  Sehr  verdächtig 
erscheint  daher  auch  folgende  Aeusserung  des  Verfassers  über 
die  russische  Armee:  „qui  est  excellente:  il  me  parait  cepen- 
dant  impossible  que  Tarm^e  russe  sa  maintienne  en  cet  ötat, 
si  l'empire  avait  k  soutenir  une  guerre  un  peu  longue  coutre 


—     135     — 

mie  pnissance  redoutable'^  (II,  33).  Diese  Bemerkung  ist  im 
Vorwort  besonders  hervorgehoben,  da  diese  Zeilen:  „pourraient 
rassurer  ceux  qui  craignent  ou  feignent  de  craindre  que  la 
gaerre  actuelle  avec  la  Russie  ne  tire  en  longueur  (Pröface,  IX). 
Eis  scheint  somit,  dass  diese  Zeilen  erst  im  Jahre  1807  hinein- 
geschoben worden  sind. 

Der  Verfasser  ist  ein  gebildeter  Mann  von  Beobachtungs- 
gabe. Für  den  Grafen  von  Anhalt  verfasste  er  das  nach- 
stehende Distichon  f&r  den  Giebel  des  Eadettencorps: 

His  colit  ingennas,  generosos  in  aedibns,  artes, 

Spes  patriae,  nova  gens,  auspicie,  Bubsus,  Anhalt  (II,  97). 

Zu  der  Angabe,  wie  Katharina  durch  die  Minister  betrogen 
worden,  fugt  der  Verfasser  folgende  Bemerkung:  „D'aprfes  cet 
öchantillon  de  la  mani^re  dont  on  instruit  les  princes  du  v6ri- 
table  6tat  des  choses,  vous  jugez  de  quel  oeil  Timpöratrice  a 
vu  et  du  voir  le  tableau  trac4  par  Tabb^  Chappeau,  de  la  mis^re 
de  certains  paysans  russes;  et  cela  vous  donne  la  clef  de 
l'aigreur  avec  laquelle  cette  princesse  lui  a  r^pondu  dans  un 
ouvrage  anonyme,  intitul6:  T Antidote,  ouvrage  dans  lequel  le 
pauvre  abb6  re^oit  une  infinite  de  d^mentis,  qu'en  conscieuce 
il  ne  möritait  pas"  (II,  70).  Er  erlernte  die  russische  Sprache 
(I,  48,  61),  und  vermochte  sich  schliesslich  in  ihr  auszudrücken 
(I,  92,  155)  und  sogar  die  Scheltworte  eines  Geistlichen  zu 
Papier  zu  bringen  (II,  117).  Einige  Zeit  diente  der  Verfasser 
bei  Passek,  in  Mohilew,  wo  er  die  Stelle  eines  „secrötaire  des 
affaires  6trang^res  pour  le  departement  de  la  Russie  Blanche'^ 
(I,  193)  einnahm.  Längere  Zeit  lebte  er  auch  in  Schklow  und 
St.  Petersburg;  auch  Moskau  und  Tula  hat  er  besucht. 

Alles  Thatsächliche  hat  der  Verfasser  in  seinen  Briefen 
vollkommen  wahrheitsgetreu  dargestellt.  In  Mohilew  machte 
er  die  Bekanntschaft  der  Gräfin  Mellin  und  schreibt  unter  dem 
19.  Januar  1789:  ,,Son  man  fait  en  ce  moment  la  guerre  aux 
Turcs;   il  vient  d'etre  nomm6  g6n6ral-lieutenant"  (I.  97),  was 


—     136     — 

hinsichtlich  des  Grafen  Boris  Petrowitsch  Mellin  vollkommen 
zutreffend  ist.  In  Schklow  lernte  er  einen  Italiener  kennen: 
„il  se  nomme  Pierre  Ferrieri,  il  est  Tain^  de  trois  frferes  et 
tous  au  Service  de  Russie,  dans  la  partie  diplomatique'^  (I,  206). 
Thatsächlich  war  Peter  Alexandrowitsch  Ferrieri  Consul  in 
Smyma  und  in  Salonichi  („Sammlung",  XLII,  135;  LXn,381), 
und  seine  Brüder  Karl  in  Syrien  und  Vicentius  in  Porto 
Ferrajo  (AUg.  Ges.-Sammlung,  No.  16044).  Ob  er  von  den 
Eadziwills  in  Wilna  (I,  31)  spricht,  oder  vom  Cafö  Henri  in 
St.  Petersburg  (II,  53,  55),  —  seine  Angaben  sind  immer 
genau  und  zuverlässig.  Giebt  er  jedoch  nur  Gehörtes  wieder, 
oder  macht  er  Schlüsse  nach  Analogien,  so  macht  der  Ver- 
fasser in  seinen  Briefen  oft  Fehler,  und  stellt  mitunter  recht 
ungereimte  Behauptungen  auf.  So  versichert  der  Verfasser 
allen  Ernstes,  „qu'il  n'y  a  pas  l'expression  par  laquelle  on 
rend  en  Russie  le  mot  »ordre«;  on  ne  sait  pas  ce  que  c'est 
que  l'ordre  qui  doit  regner  dans  une  maison,  dans  un  Eta- 
blissement quelconque"  (I,  69).  „Le  cabinet  de  Timpöratrice 
—  c'est  TautoritE  qu'exerce  en  France  l'intendant  de  la  liste 
civile"  (II,  29). 

Der  erste  Theil  der  Briefe  ist  vorzugsweise  dem  Leben 
in  Mobile w  gewidmet,  der  zweite  —  dem  in  St.  Petersburg, 
wobei  im  ersten  Theile  sich  sehr  interessante  Bemerkungen 
über  Schklow  finden  (I,  64),  sowie  über  Soritsch  (I,  66,  200; 
II,  10,  142),  der  Katharina  nicht  anders  nannte  als  „sa  dame" 
(I,  67),  und  im  zweiten  Theile  —  über  Moskau  (11,  67,  75) 
und  Tula,  „wo  Stahlsachen  producirt  werden,  die  man  als 
englische  verkauft**  (11,  77).  Seine  Beschreibungen  sind  immer 
charakteristisch  und  treffend:  so  seine  Bemerkungen  über 
Passek  bei  Maria  Ssergijewna  Ssaltykow  (I,  76,  90),  über  die 
Durchreise  Potemkins  nach  der  Einnahme  von  Otschakow 
(I,  170),  über  die  weissrussischen  Jesuiten  (I,  189)  u.  s.  w.  — 
es  sind  dies  alles  Bilder  nach  der  Natur;  während  doch  seine 


—     137     — 

Nachrichten  über  Passek  (1, 83)  und  über  Peter  m.  (I,  85,  188) 
jeder  Begründung  entbehren.  Den^  ältesten  Ferrieri,  mit  dem 
er  in  Schklow  bekannt  wurde,  charakterisirt  er  als  „une  esp6ce 
de  charlatan  assez  dröle,  qui  est  de  l'ignorance  la  plus  grasse^' 
{I,  206,  208),  und  berichtet  „nach  dessen  eigenen  Worten" 
vollkommen  wahrheitsgetreu  über  seine  Handlungsweise,  wegen 
deren  er  seines  Postens  enthoben  worden,  und  die  Anlass  dazu 
gab,  dass  Katharina  in  einem  an  J.  A.  Bulgakow  gerichteten, 
Yom  2.  Oktober  1786  datirten  Bescripte  den  Befehl  gab: 
„allen  Consuln  einzuschärfen,  dass  sie  sich  auf  Angelegen- 
heiten, die  ihr  Amt  nicht  berührten,  nicht  einlassen  dürften 
(Bytschkow,  33);  speciell  über  Ferrieri,  seine  „Apothekerrech- 
nungen", schrieb  Katharina  an  den  Fürsten  Potemkin  unter 
dem  3.  Januar  1791  („Russisches  Alterthum",  XVII,  645; 
„Sammlung",  XLII,  134). 

Der  zweite  Theil  bietet  weniger  Interesse  auch  schon  des- 
halb, weil  der  Verfasser  hier  nicht  über  Thatsachen  berichtet, 
sondern  über  seine  Ansichten  und  Meinungen  über  das  Heer 
(ü,  32),  die  Finanzen  (45),  die  Polizei  (52),  die  Schulen  (67), 
die  Freimaurer  (119)  u.  s.  w.  Doch  auch  hier  triflFt  man  auf 
interessante  Mittheilungen,  z.  B.  über  die  Theater  (131),  wobei 
er  sich  als  Verfasser  des  folgenden  Epigramms  auf  Katharina, 
als  die  Autorin  von  „Zarewitsch  Iwan"  und  „Oleg"  erweist: 

Un  jonr,  un  plaisant  du  parterre, 
Assistant  4  riwan  Tzar^witch,  pr^tendit 

Qne  Ton  ne  ponvait  plas  mal  faire. 
L'auteur,  piqu^,  promit  de  prouver  le  contraire. 

H  Ta,  mon  Dfeu,  fait  comme  il  i*avait  dit  (188). 

In  St.  Petersburg  sah  er  das  Marmorpalais,  „qui  est  un 
chef-d'oeuvre  de  mauvais  goüt"  (EL,  71);  er  las  die  (russische) 
„St  Petersburger  Zeitung",  „qui  se  tirent  k  plus  de  cent 
mille  exemplaires"  (II,  140),  mit  welcher  Angabe  er  oflFenbar 
nur  die  Prahlerei  irgend  eines  seiner  Bekannten  wiedergab. 
Derselben  Herkunft  ist  seine  Erzählung  über  die  Winterreise 


—     138    — 

der  Kaiserin  aus  St.  Petersburg  nach  Moskau:  „des  tonneauz 
goudronn^s  et  pleins  de  matiöres  combustibles,  ^taient  allum6s 
de  distance  en  distance,  assez  k  propos  pour  que  Tair  en  füt 
ÄchauffÄ  tout  le  long  de  sa  route"  (II,  70).  Seinen  Äeusse- 
rungen  über  die  Bohheit  der  russischen  Geistlichen  (11, 22, 117) 
kann  man  Glauben  schenken,  infolge  der  offenbaren  Thatsäch- 
lichkeit  des  Erzählten.  So  z.  B.  war  ein  Pope  mit  einem 
Bauer  in  Schlägerei  gerathen;  man  trennte  sie,  und  es  ent- 
spann sich  zwischen  dem  Verfasser  und  dem  Popen  „une  con- 
yersation  en  latin:  le  pretre  me  barbouilla  des  phrases  latines 
avec  plus  de  facilitö  que  je  ne  l'eusse  attendu  de  son  6tat 
d'ivresse.  Je  voulus  savoir  le  sujet  de  sa  quereile.  H  me 
dit  que  son  adversaire  6tait  un  dourak  (fou)  qui,  apr^s,  Tavoir 
engag^  k  boire,  ayait  youIu  lui  faire  payer  sa  part,  et  que 
cela  lui  6tait  impossible,  puisqu'il  n'avait  pas  d'argent.  J'offris 
d'^teindre  la  querelle  en  en  faisant  cesser  la  cause.  Mon 
homme  accepta  sans  fa^on  un  demi-rouble  que  je  lui  pr^sentai. 
Sur  ces  entrefaites,  le  paysan  qui  s'ötait  battu  avec  lui  voulait 
s'en  aller,  et  ne  pouvant  le  faire  en  conscience,  aprös  ayoir 
battu  un  pretre,  sans  en  avoir  au  pröalable  obtenu  le  pardon, 
vint  lui  baiser  la  main,  en  lui  disant:  vinavat  (je  suis  coupable). 
Alors  mon  ivrogne,  sans  avoir  besoin  d'autre  satisfaction,  le 
baisa  sur  la  bouche,  et  lui  donna  par  dessus  le  march^  sa 
bönödiction,  de  quoi  je  fiis  fort  6difi6"  (11,  28). 

Der  Verfasser  erwähnt  häufig  Katharinas  (I,  83,  107, 
128,  189)  und  stets  mit  dem  Ausdruck  vollkommener  Hoch- 
achtung. Auf  die  russische  Literatur  kommt  er  ebenfalls  zu 
sprechen,  erwähnt  jedoch  hier  nur  Lomonossows,  als  eines 
„homme  sup6rieur'',  und  bezeichnet  ihn  als  eine  E^rscheinung, 
die  eine  Ausnahmestellung  einnehme,  „le  grand  homme,  qui 
sous  le  nom  de  Catherine  11,  gouveme  une  partie  de  TEurope 
et  trouve  encore  du  temps  pour  ^crire  k  Voltaire  et  faire  des 
comödies  russes  et  fran^aises^'  (II,  138). 


139 


876.   Histoire  de  Fanarchie  de  Pologne  et  du  d^membrement  de  cette 
R^publique.    Par  Gl.  Rulhüre.    4  vis.    Paris,  1807. 

Im  Jahre  1768  hatte  Rulhi^re,  als  Augenzeuge,  die  Revo- 
lution vom  Jahre  1762  (No.  775)  beschrieben  und  in  demselben 
Jahre  wurde  ihm,  wie  es  in  der  „Notice  sur  Rulhifere"  heisst, 
aufgetragen,    „pour    Finstruction    du   dauphin,    Thistoire   des 
troubles  de  Pologne"  zu  verfassen  (XI).    Er  war  kein  Historio- 
graph,   sondern  nur  „employ6  sur  Tötat  du  d6partement  des 
affaires  ^trang^res  dans  la  classe  des  öcrivains  politiques"  (XII). 
Der  Verfasser  starb  im  Jahre  1791,  ohne  sein  Werk  beendet 
zu  haben,  und  der  Dauphin,  f&r  den  es  unternommen  worden, 
war  bereits  seit  1774  französischer  König  als  Ludwig  XVI.; 
es  ist  daher  nicht  zutreffend,  dass  „diese  Geschichte  in  buch- 
stäblichem Sinne  ad  usum  delphini  bestimmt  war"  (Earejew,  85). 
Mehr   als   zwanzig  Jahre   hat   der  Verfasser  an   seiner  „Ge- 
schichte der  polnischen  Wirren"  gearbeitet,  und,  anstatt  die 
ihm  gestellte  klare  und  bestimmte  Aufgabe  zu  erfüllen,  eine 
„Histoire  du  despotisme  de  Russie  et  de  l'anarchie  de  Pologne", 
wie  er  selbst  anfänglich  sein  Werk  betitelt  hatte  (LX),   ge- 
schrieben.   Indem  er  die  „polnischen  Wirren"  zu  dem  „russi- 
schen Despotismus"  in  Beziehung   setzte,   hat  der  Verfasser 
seine  Aufgabe  zwar  zeitlich  begrenzt,  sie  aber  dabei  inhaltlich 
wesentlich  erweitert,  dadurch,  dass  er  zu  der  Behandlung  der 
ihm  nur  ungenügend  bekannten  polnischen  Verhältnisse  noch 
die  Darstellung  des  bezeichneten,  ihm  völlig  fremden  russischen 
EHementes  hinzufügte.     Seine  Aufgabe  gewann  dadurch,  nach 
dem  Bekenntniss  des  Verfassers  selbst,  „une  extreme  ^tendue" 
(1,  8)  und  überstieg  offenbar  die  Kräfte  des  Verfassers,  der 
sich  denn  auch^  genau  genommen,  auf  die  Geschichte  Polens, 
von  der  Thronbesteigung  Katharinas  bis  zur  ersten  Theilung 
beschränkt  hat.     Von  den  15  Büchern,  in  welche  das  Werk 
zerfällt,   sind  die  letzten  11   Bücher  der  russisch -polnischen 
Geschichte  der  Jahre  1762  bis  1773  gewidmet,  und  die  ersten 


—     140     — 

vier  Bücher  bilden  gleichsam  nur  die  Einleitung  zur  Geschichte 
dieser  zwölf  Jahre. 

Der  Verfasser  kannte  weder  Polen  noch  ßussland;  er  hat 
zwar  einige  Zeit  in  Bussland,  oder  genauer:  in  St.  Petersburg 
und  in  Moskau  gelebt,  ist  aber  niemals  in  Polen  gewesen  (XV). 
Im  Jahre  1776  verbrachte  er  je  einige  Monate  in  Wien, 
Dresden  und  Berlin,  um  Material  f&r  sein  Werk  zu  sammeln; 
das  wichtigste  Material  aber,  das  ihm  zu  Gebote  stand,  waren 
die  diplomatischen  Berichte  der  französischen  Agenten.  „De 
longs  voyages  entrepris  k  dessein  de  connaitre  par  moi-m^me 
presque  toutes  les  cours,  les  souverains  et  les  ministres  ^jue 
j'aurai  k  peindre,  mes  liaisons  personnelles  avec  les  chefs  des 
factions  oppos^es,  la  communication  des  m^moires  les  plus 
sürs,  et  des  innombrables  relations  envoy^es  de  tous  les  pays 
au  minist^re  de  France,  m'autoriseront  k  parier  avec  certitude 
de  la  plupart  des  6v^nemens,  des  intrigues  et  des  caract6res'< 
(I,  9).  In  seiner  „Geschichte  der  polnischen  Anarchie"  be- 
schäftigt sich  der  Verfasser  mehr  als  dies  nöthig  gewesen 
wäre,  mit  Russland.  „L'empire  de  Bussie  ayant  eu  sur  la 
destin^e  de  Polonais  une  si  fatale  influence;  Thistoire  des  czars 
et  Celle  meme  de  leur  cour  etant  devenue  dans  les  demiers 
malheurs  de  cette  B^publique  une  partie  ins^parable  de  son 
histoire,  il  m'a  paru  important  de  bien  connaitre  le  g^nie  de 
cette  cour  et  les  moeurs  de  ce  peuple.  Apr6s  avoir  ^tudi6 
Tun  et  Tautre  dans  ses  deux  capitales,  et  soignement  com- 
parÄ  ce  qu'il  fut  autrefois  et  ce  qu'il  est  aujord'hui.  Tun  sur 
d'excellentes  relations  d'anciens  ambassadeurs,  Fautre  sur  mes 
observations  personnelles,  j'ai  trouv6  tout  ce  qu'on  dit  com- 
mun^ment  k  ce  sujet,  meU  de  beaucoup  d'erreurs  et  de  men- 
songes"  (I,  70). 

Dies  sind  die  Mittel  des  Verfassers,  und  dies  ist  sein  Plan. 
Ihn  zu  controliren,  ist  sehr  schwer,  da  er  niemals  auf  seine 
Quellen  hinweist,  und  überhaupt  alle  Anmerkungen  vermeidet. 


—     141     — 

Dennoch  aber  treten  in  seinem  Werke  sichtbar  hervor  die 
Spuren  sowohl  seiner  „liaisons  personnelles,  —  Mr.  de  Knip- 
hausen  m'a  dit'^  (IV,  238),  als  auch  der  „communication  des 
mÄmoires",  —  so  bringt  er  ein  Excerpt  aus  der  „Vie  de  Du- 
mouriez"  (IV,  222),  die  erst  im  Jahre  1795  herausgegeben 
wurde;  namentlich  aber  das  Archiv  des  Ministeriums  des 
Aeussem  hat  er  in  umfänglichstem  Maasse  benutzt,  und  dabei 
den  Berichten  der  französischen  Agenten  unbedingten  Glauben 
geschenkt  (11,  38,  62;  m,  143,  305;  IV,  74).  Hinsichtlich 
des  Planes  seires  Werkes  muss  bemerkt  werden,  das»  der 
Verfasser  dem  wahren  Gedanken  der  Beeindussung  der  pol- 
nischen Angelegenheiten  durch  Russland  eine  missbräuchliche 
Anwendung  gegeben,  und  vielen  Episoden  Raum  gewährt  hat, 
die  zur  Geschichte  Polens  in  gar  keiner  Beziehung  stehen. 
Dieser  Art  sind  die  Episoden  über  das  griechische  Project 
(m,  163,  296,  345),  über  Stepan  Malyj  (III,  305),  über  den 
Peloponnes  (III,  319),  über  die  Dardanellen  (HI,  458),  über 
die  kleine  Tatarei  (IV,  7),  über  Friedrich  II.  (IV,  138)  und 
über  den  Fürsten  Kaunitz  (IV,  169).  Da  er  zur  Ueberzeugung 
gelangt,  dass  Fürst  Kaunitz  „est  un  homme  tr^s  difficile  ä 
connaltre  et  k  peindre"  (Ibid.,  170),  widmet  der  Verfasser  der 
Charakteristik  desselben  30  Seiten,  und  vergleicht  ihn  dabei 
auch  noch  mit  Friedrich  11.  Ziemlich  eingehend  behandelt 
der  Verfasser  den  ersten  türkischen  Krieg,  auf  seinen  ver- 
schiedenen Theatern,  ohne  diejenigen  Ereignisse,  die  auf  Polen 
Einfluss  geübt  haben,  von  denjenigen  Vorgängen  zu  scheiden^ 
die  mit  diesem  Lande  gar  nichts  zu  schaffen  haben. 

Nachdem  der  Verfasser  den  grössten  und  besten  Theil 
seines  Lebens  dem  Studium  der  russisch-polnischen  Beziehungen 
gewidmet,  kannte  er  dennoch  weder  die  russische  noch  die 
polnische  Sprache  auch  nur  soweit,  dass  er  eine  einigermassen 
leidliche  Transcription  der  russischen  Worte  hätte  vornehmen 
können  —  „pagonissa**  (I,  76),  „slavec"  (I,  82),  oder  im  Stande 


—     142     — 

gewesen  wäre,  polnische  Namen  richtig  wiederzugeben  — 
„Ledukoski"  (I,  119,  125),  „Moraski"  (ü,  217),  „Dzirzanouski" 
(in,  61),  „Kaminiek"  (IH,  172,  224),  „Petrikaw"  (IV,  95); 
Graf  Branicki  ist  in  einen  „Bran^ki**  verwandelt  (11,  206;  m, 
42,  74;  IV,  225,  235)  u.  s.  w. 

Der  Verfasser  tritt  für  Polen  ein,   und  äussert  sich  als 
Gegner  Busslands.     Man  kann  nicht  gerade  sagen,  dass  der 
Verfasser  alles  Polnische  lobt,  jederfalls  aber  darf  man  sicher 
sein,    dass   er   alles   Bussische   tadelt.     So   ist   der  Verfasser 
gegen  das  „liberum  veto,  cette  foUe  loi  de  l'unanimit^^^  (I,  5. 
43;  n,  223),  er  beschönigt  nicht  die  schlechten  Eigenschaften 
Stanislaus   Augusts   (I,  250;   11,  231)  u.  s.  w. ;   aber   er  hegt 
unbedingten  Hass   gegen   die  Bussen  und  Bussland,   welches 
„non  seulement  avait  perdu  sa  libert6,  mais  eile  en  avait  perdu 
jusqu'au  sentiment;  le  Souvenir  m6me  en  est  totalement  eiFac^ 
de  sa  memoire"  (I,  71).     Er  hatte  Peter  DI.  noch  als  Gross- 
fbrsten   gesehen,   und    bezeichnet   ihn  als  „sans  figure,   sans 
esprit,  sans  courage''  (I,  245);  als  Kaiser  kam  er  ihm  vor  wie 
„un  prince  en  dÄmence"  (I,  275),    „un  insensö"  (I,  281).     In 
Katharina   als   Grossfürstin    sah   er  „rhöritifere"  (I,  306)   des 
russischen  Thrones,  in  der  Kaiserin  „femme  singuliöre,  dont 
les   grandes   qualit^s  se  trouv^rent  malheureusement  alt6r6es 
par  rhabitude   des   petites    intrigues;    alti^re,    s^duisante   et 
dissimul^e,  qui  sut  avec  une  adresse  surprenante  conduire  les 
esprits  de  ce  peuple  ob6issant,  feroce  et  superstitieux;  parais- 
sant  aimer  la  gloire  et  donnant  tout  k  la  renomm6e,  mesurant 
tout  sur  sa  fiertö;  jamais  abattue  par  les  revers,  souvent  em- 
port^e  par  les  succ^s;   combl6e  enfin  de  tous  les  pr^sens  de 
la  nature  et  de  la  fortune,  mais  recevant  trop  ais6ment  Tem- 
preinte  de  tous  les  vices  de  son  peuple"  (I,  338).    „Catherine 
n'avait  pu  parvenir  ni  &  se  faire  aimer  du  plus  grand  nombre 
de  ses   sujets,   ni   k  leur  faire  prendre  aucun  int6rgt  k  ses 
desseins"  (LH,  107).     Er  sah  und  beobachtete  Katharina  im 


—     143    — 

Laufe  einer  längeren  Zeit,  und  theilt  dennoch  viele  ungereimte 
Gerüchte  über  ihre  Beziehungen  zu  Poniatowski  mit  (I,  254, 
259;  n,  252),  bringt  sogar  Bruchstücke  aus  einem  Briefe  an 
seinen  Vater  (I,  261),  und  von  ihm  an  Katharina  (11,  285), 
erzählt  ausführlich  von  dem  Wunsche  der  Moskauer,  die 
Kaiserin  abzusetzen  und  Paul  Petrowitsch  auf  den  Thron  zu 
bringen  (III,  108),  glaubt  an  die  Vergiftung  Krim-Girej's 
(in,  121)  und  spricht  im  Ernste  von  den  zu  General-Lieute- 
nants ernannten  Elephanten  (DI,  130).  Der  Verfasser  kannte 
G.  G.  Orlow,  er  kannte  aber  nicht  die  Geographie  Busslands, 
und  erklärte  die  im  Jahre  1767  unternommene  Reise  der 
Kaiserin  nach  Kasan  mit  ihrem  Wunsche,  „un  nouveau 
royaume  vers  les  plaines  d'Astracan^^  ftir  Orlow  zu  begründen 
(H,  285). 

Ueber  die  Bussen  äussert  sich  der  Verfasser  folgender- 
massen:  „Leur  antique  pauvretö  et  le  faste  asiatique,  les 
superstitions  judalques  et  la  licence  la  plus  effr6n6e,  la  stu- 
pide ignorance  et  la  manie  des  arts,  l'insociabilit^  dans  une 
cour  galante,  la  fiert6  d'un  peuple  conquerant  et  la  fourberie 
des  esclaves;  des  academies  chez  un  peuple  ignorant;  des 
ordres  de  chevalerie  dans  un  pays  oü  le  nom  meme  de  Thon- 
neur  est  inconnu;  des  arcs  de  triomphe,  des  troph6es  et  des 
monumens  de  bois;  Timage  de  tout  et  rien  en  röalit^;  un 
sentiment  secret  de  leur  faiblesse  et  la  persuasion  qu'il  ont 
atteint  dans  tous  les  genres  la  gloire  des  peuples  les  plus 
üameux^'  (III,  129).  Hinsichtlich  des  provinzialen  Bussland 
führen  wir  hier  nur  zwei  Beispiele  an:  im  Archangelschen 
Gouvernement  erscheinen  bei  den  Eltern  eines  jeden  neu- 
geborenen Knaben  20  Mädchen  zur  Dienstleistung  „sans  aucun 
autre  salaire,  que  la  promesse  de  Tepouser  un  jour"  (111,^31); 
in  Sibirien  „dans  une  peuplade  nomm6e  la  ville  de  Tomsk'^ 
wurde  ein  zufällig  dorthin  gebrachtes  Messer  als  ein  solches 
Wunderding  angestaunt,  dass,  „par  une  deliberation  publique'^ 


—     144     — 

68  mitten  in  der  Stadt  an  einen  Baum  gebunden  wurde  ,ypour 
I'usage  commun  de  tous  les  habitans"  (III,  133).  Damit  je- 
doch nicht  genug:  der  Verfasser  hat  selbst  in  St.  Petersburg 
gelebt,  versichert  aber  dennoch,  dass  die  Newa  das  Meer  gar 
nicht  erreicht  (III,  127).  üeber  die  russischen  Staatsmänner 
äussert  er  sich  mit  der  grössten  Strenge:  bei  dem  Fürsten 
Repnin  entdeckt  er  „un  caractere  altier  et  föroce"  (II,  145, 
270,  427);  Georg  Eonisskij  „6tait  un  Busse  ignorant,  sans 
esprit  toujours  ivre"  (II,  479);  Fürst  Wolkonskij  ist  ein 
„seigneur  timide  et  fain^ant^'  (III,  276);  alle  jungen  Offiziere 
sind  unbedingt  ,joueurs  et  d6bauch6s"  (11,  321),  sogar  Graf 
Bumjanzow  ist  ihm  „une  r^putation  ^quiyoque'^  (IV,  46).  Aus- 
nahmen werden  nur  zugelassen  hinsichtlich  der  Ostseeprovin- 
zialen  in  ihrer  Eigenschaft  als  Nichtrussen:  so  bei  Kaiserling 
(II,  23,  149,  220)  und  Stackeiberg  (IV,  254,  257). 

Der  Verfasser  ist  Katholik  und  zugleich  „philosophe", 
Mitglied  der  Pariser  Akademie.  Daraus,  aller  Wahrscheinlich- 
keit nach,  erklärt  sich  seine  Stellung  zur  Dissidentenfrage 
(I,  38;  II,  280,  321,  324,  478).  Man  darf  dabei  auch  nicht 
ausser  Acht  lassen,  dass  nach  Ansicht  des  Verfassers  „les 
anciens  czars  se  montr^rent  plus  d'une  fois  dispos^s  k  embrasser 
la  religion  romaine"  (III,  143). 

Fünf  Bücher  von  den  15,  ein  Drittel  des  Werkes,  sind 
dem  ersten  türkischen  Kriege  gewidmet.  Wie  in  den  übrigen 
zehn  Büchern  den  Polen  der  Vorzug  gegeben  wird  vor  den 
Russen,  so  in  diesen  fünf  Büchern  —  den  Türken.  Wie  sich 
der  Verfasser  zu  diesem  Kriege  der  Kaiserin  gegen  den  Sultan 
verhält,  geht  aus  folgenden  Zeilen  hervor:  „Le  sultan,  toujours 
juste,  toujours  appliquö,  avait  appelö  son  peuple  önerve  et 
amolli  k  une  guerre  n^cessaire,  et  qui  plus  tard  eüt  6t^  plus 
dangereuse  encore;  Catherine,  au  contraire,  entrain^e  d'impru- 
dence  en  imprudence  par  ses  passions  personnelles  et  par 
toutes   les   fautes   de  son  conseil  et  de  ses  ministres,   avait 


—     145     — 

eDgag6  dans  une  guerre  injuste  un  peuple  appauvri,  epais^,  k 
qui  le  repos  6tsM  n^cessaire''  (III,  284).  Dieser  Krieg  war, 
nach  Bulhiäre,  nicht  sowohl  fiir  die  Türkei  gefahrvoll  und 
schwierig,  als  vielmehr  f&r  Russland  (TII,  107,  120).  Die 
Türkei  war  vollkommen  kriegsbereit  (III,  166),  in  Bassland 
aber  erhielt  das  Heer  weder  Verpflegung,  noch  Sold  (III,  147); 
das  Offiziercorps  war  völlig  uniähig:  „La  plupart  de  colonels 
^taient  des  jeunes  gens  parvenus  par  la  faveur  et  qui  ne  con- 
naissaient  encore  que  le  Service  du  palais  dans  les  r^giments 
des  gardes;  presque  tous  les  officiers  subalternes  6taient  n^s 
dans  l'esclavage;  le  corps  de  Tartillerie  6tait  plein  de  jeunes 
gens  prot^^s  du  favori,  et  qui  devaient  leurs  emplois  et  leur 
avancement  k  la  recommandation  des  femmes'^  (IQ,  161).  Der 
Obercommandirende,  Fürst  Galizyn,  ist  Generallieutenant  ge- 
worden ausschliesslich  par  son  Service  k  la  cour  (DI,  162), 
ein  .schwacher  und  ganz  unbedeutender  Mensch,  dem  der 
Orossvezier  Mechmed-Emin  gegenübersteht,  ein  Tscherkesse 
von  Geburt,  von  Profession  Seiden waarenhändler,  „n'ayant 
jamais  eu  aucune  sorte  de  commandement,  n'ayant  aucune 
id6e  de  la  guerre^^  (III,  215,  217).  Während  der  ganzen 
Dauer  des  Krieges  sind  die  Bussen  in  beständiger  Gefahr,  und 
beständig  stösst  man  auf  Phrasen  folgender  Art:  „Farm^e  russe 
4tait  dans  un  extreme  perii^^  (Ibid.,  247),  „l'imp^ratrice  6tsii 
dans  les  plus  cruelles  alarmes^^  (Ibid.,  307),  „Situation  p6ril- 
leuse  des  Busses"  (Ibid.,  420),  und  doch  werden  die  Türken 
von  den  Bussen  geschlagen,  und  diese  erringen  Siege,  aber 
freilich  „faciles  conqugtes"  (Ibid.,  273).  Sogar  der  Bericht 
über  die  Schlacht  bei  Tschesme  beginnt  mit  der  Phrase:  „le 
vaisseau  russe  6tait  jonch^  de  morts"  (III,  444).  Und  all 
diese  Lüge  und  Fälschung  der  Wahrheit  soll  ihre  Becht- 
fertigung  finden  in  der  Phrase:  „le  czar  est  cent  fois  plus 
despote  que  le  grand  seigneur"  (III,  285).  In  dieser  Be- 
ziehung kann  der  Bericht  über  die  Belagerung  und  Einnahme 

BilbasBOff,  Katharina  U.  10 


—     146     — 

von  Bendery  (IV,  41,  67,  76)  als  Muster   der  Ungereimtheit 
dienen. 

Der  Verfasser  hat  „les  t^moignages  irrecusables^'  (IV,  150) 
gesammelt  dafür,  dass  nicht  Friedrich  11.  es  war,  der  zu  der 
Theilung  Polens  die  Anregung  gegeben,  und  ist  dafür  auch 
von  Dohm  (I,  444)  gelobt  worden.  Was  sind  dies  aber  für 
Zeugen?  Preussische  Hofleute:  „le  baron  de  Eniphausen,. 
M.  Sandos  et  M.  C^sar,  secr6taires  du  prince  Henri''  (Ibid.,  210). 
Die  historischre  Kritik  bildet  indessen  die  schwächste  Seite  an 
dem  ganzen  Werke.  Er  erwähnt  des  eigenhändigen  Briefes 
Katharinas  an  Kaiserling  „pleine  d'invectives  contre  les  d^faut» 
oorporels  de  l'ölecteur  de  Saxe"  (II,  149). 

Die  Darstellung  wird  beeinträchtigt  durch  Einschiebung^ 
zahlreicher  verschiedenartiger  Beden  (I,  175;  11,  478;  III,  198,. 
356,  414,  426;  IV,  38,  47,  58,  81);  sogar  während  des  Sturme» 
auf  Bendery  halten  die  Soldaten  Beden  an  ihre  Offiziere  (IV,  73). 
Die  eigene  Darstellung  Bulhi^res  bricht  mit  dem  12.  Buche 
ab  (IV,  82);  in  den  übrigen  Büchern  wird  von  den  Heraus- 
gebern nur  eine  Zusammenstellung  der  Aufzeichnungen  und 
Notizen  des  Verfassers  gegeben,  und  ganze  Seiten  des  Buches 
sind  hier  gar  nicht  von  Rulhifere  geschrieben  (Ibid.,  155),  und 
namentlich  vom  Ende  des  13.  Buches  an  (Ibid.,  198)  ist  der 
ganze  übrige  Theil  des  Werkes,  das  14.  und  15.  Buch,  durch- 
weg nur  nach  den  von  Bulhiöre  hinterlassenen  Bemerkungen 
und  Auszügen  zusammengestellt. 

Das  Werk  hat  mehrere  Auflagen  erlebt;  die  letzte  und 
zugleich  beste  ist  im  Jahre  1862  veranstaltet  worden  durch 
Christian  Ostrowski,  der,  von  Feindschaft  gegen  Russland  be- 
seelt, versichert,  Kaiser  Alexander  I.  habe  den  Besitzer  der 
Handschrift  Rulhi^res  bestochen,  und  das  Manuscript  sei  in 
russischem  Sinne  „corrigirt^^  worden;  man  habe  darauf  das 
Manuscript,  „embelli  de  cette  maniöre",  bereits  zu  drucken 
begonnen,   Napoleon  I.  jedoch  habe  befohlen,   die  schon   ge- 


—     147     — 

dmckten  Bogen  der  y,corrigirten<<  Ausgabe  zu  yernichten,  und  so 
sei  dann  die  Ausgabe  Tom  Jahre  1807,  die  unserer  Besprechung 
zu  Grunde  liegt ,  erschienen.  Bei  dem  Zusammentreffen  in 
Tilsit  habe  Alexander  deshalb  Napoleon  gegenüber  sich  tadelnd 
geäussert:  „Dans  leur  entrevue  de  Tilsit,  le  tzar  Alexandre 
reprocha  tr^s-virement  &  l'empereur  fran^s  d'aroir  fait  im- 
primer  un  liyre  qui  lui  appart^nait,  ,,et  qu'ilavaitpay^,  disait-il, 
assez  eher  pour  avoir  le  droit  d'en  disposer  k  son  gr6"  (XII, 
ed.  1862).  Diese  Nachricht  erscheint  uns  im  höchsten  Grade 
verdächtig;  doch  wenn  sie  auch  begründet  wäre,  würde  sie  wohl 
den  Kaiser  Alexander  I.  charakterisiren,  aber  in  keiner  Weise 
das  Werk  Bulhiäres  berühren,  das  im  Jahre  1810,  also  noch  zur 
Zeit  Napoleons,  Tom  Institut  de  France  als  ein  der  Prämiirung 
unwürdiges,  zurückgewiesen  wurde.  Schon  im  Jahre  1789 
tadelte  der  Akademiker  Chabanon  Bulhi^re  wegen  seiner  Partei- 
nahme filr  die  Polen  und  seines  Hasses  gegen  die  Eussen 
(Ferrand,  y.  I,  p.  XI).  Es  ist  begreiflich,  dass  Ostrowski  un- 
geachtet dessen  für  Rulhi^re  als  Schriftsteller  und  Historiker 
sich  begeistert,  und  verkündet,  dass  sein  Werk  „vivra  aussi 
longtemps  que  la  nation,  dont  eile  retrace  la  gloire  et  les 
malheurs^';  mit  diesem  Ausspruch  ist  durchaus  nicht  einver- 
standen Flassan,  „Histoire  de  la  diplomatie  fran^se'^,  VI,  523). 
Vollkommen  unverständlich  aber  ist,  wie  das  Werk  Rnlhi^res 
in  der  russischen  Literatur  als  ein  „berühmtes^'  hat  anerkannt 
werden  können  (Karejew,  84).  Für  die  Charakteristik  Rulhi^res 
ist  sehr  wichtig  No.  667. 

Im  folgenden  Jahre,  1808,  wurde  No.  885  veröffentlicht, 
welches  Werk,  nach  den  Worten  der  Herausgeber,  als  „Supple- 
ment k  THistoire  de  l'anarchie  de  Pologne^'  zu  betrachten  sei. 

877.   De  la  politiqae   et  des  progrös  de  la  puissance  rosse.    Par 
[Andre  iTÄrbeües],    Paris,  1807. 

Eüne  von  den  Broschüren,  durch  welche  Napoleon  seinen 

Feldzug  gegen  Russland  vorbereitete:  „ün  grand  capitaine  et 

10* 


—     148      - 

des  arm^es  incomparables  peuvent  faire  un  moment  trembler 
le  colosse  hyperbor^en;  mais  il  n'y  a  que  Tunion  sincöre  des 
^tats  dn  continent  et  le  rötablissement  d'un  meilleur  systöme 
politiqne,  oü  les  nations  puissent  d^sormais  trouver  la  paix 
et  la  s^cnrit^'^  (114).  Dabei  wird  in  der  Broschüre  dargelegt, 
Bassland  bedrohe  Alle,  und  zwar  wird  zam  Erweise  dessen 
vorzugsweise  die  Geschichte  der  Regierung  Katharinas  11. 
herangezogen:  sie  bemächtigte  sich  Kurlands  (28)^  sie  hat 
Polen  getheilt  (32,  83),  hat  die  Krim  an  sich  gerissen  (59), 
Schweden  bedroht  (73),  die  Türkei  niedergedrückt  (43,  92), 
Orusien  occupirt  (101)  und  gefährdet  Persien  u.  s.  w.  That- 
sachen  werden  nicht  mitgetheilt:  „Qu'est-il  besoin  de  les  rap- 
peller? Hs  sont  gravis  dans  la  memoire  de  tous  les  contem- 
porains'^  (33).  Daraus  folgt:  „Le  regne  de  Catherine  fut  une 
sörie  de  fourberies,  de  violences,  et  de  crimes  politiques,  dont 
aucun  prince  ni  aucun  peuple  n'avait  donn4  Tid^e^^  (87). 
Peters  I.  und  Pauls  I.  geschieht  nur,  um  dem  Anstände  zu 
genügen,  Erwähnung,  Alexander  I.  aber  wird  als  der  Erbe  der 
ehrgeizigen  Pläne  seiner  Grossmutter  hingestellt  (110). 

878.  Coup  d*oeil  rapide  sur  les  causes  reelles  de  la  decadence  de  la 
Pologne.    Par  KomarxMoaki.    Paris,  1807. 

Der  Titel  der  Broschüre  entspricht  nicht  ihrem  Inhalte: 
sie  handelt  nicht  von  dem  Niedergange  Polens,  sondern  von 
dessen  Theilungen,  als  deren  Urheberin  Katharina  hingestellt 
wird.  Für  uns  ist  die  Broschüre  nur  dadurch  wichtig,  dass 
der  bekannte  Brief  Katharinas  an  den  Grafen  Stanislaus  Pon- 
jatowski,  vom  2.  August  1762,  in  ihr  seine  erstmalige  Er- 
wähnung findet  (118). 

879.  Catherine  II,  impdratrice  de  Bussie.    Tragödie  en  cinq  acte«, 
par  M.  G***.    Paris,  1807. 

Eine  nicht  zutreffende  üeberschrift  —  die  Tragödie  be- 
handelt die  Thronbesteigung  Katharinas,  und  ihre  Handlung 
bezieht  sich  auf  die  letzten  zwei  Wochen  des  Lebens  Peters  m. 


—     149     — 

Am  besten  ist  der  Charakter  N.  J.  Panins  gezeichnet:   nach- 
dem Passek  bereits  verhaftet  worden, 

„De  Catherine  on  a  Tordre,  dit-il,  k  prendre; 
D'ailleurs,  il  est  trop  tard,*  demain,  il  faat  attendre'^  (S5). 

Die  Rollen  der  Fürstin  Daschkow,  Basomowskijs,  der 
Orlows,  sind  richtig  vertheilt,  und  die  ersten  vier  Acte  hin- 
durch verläuft  die  Handlung  ziemlich  übereinstimmend  mit  den 
geschichtlichen  Thatsachen,  der  Schluss  jedoch  ist  frei  erftinden: 
Peter  ni.  wird  in  einem  Scharmützel  zwischen  den  holsteinschen 
und  russischen  Truppen  tödtlich  verwundet.  Orlow  berichtet 
darüber  an  Katharina: 

C'^tait  trop  peu,  madame,  au  czar,  de  sa  defense; 

De  sa  retraite  encore  Pierre  fondait  Bur  nouB. 

Ce  fdt  notre  devoir  de  parer  k  ses  coupa 

Lee  tours,  les  man  brillants  d*im  chateau  de  plaisance, 

Ont  devant  nos  soldats  fait  peu  de  r^sistance: 

Nul  ne  voulait  du  csar  Stre  le  meurtrier, 

L*objet  6tait  rempli  d'en  faire  un  priBonnier; 

Mais  malgr^  le  respect,  sans  vouloir  se  d6mordre, 

Frappant,  tuant,  sur  tons  il  tombait  en  d^rdre; 

C*e8t  alors,  au  milien  de  ce  combat  sanglant, 

Qu*an  trop  foneste  coup  vient  loi  percer  le  flanc. 

L'empereur  devant  vous  a  d(§8irä  parattre; 

Conduit  par  noB  Boldats,  pr^  ces  lieux  il  doit  etre  (50). 

Peter  HL  wird  auf  einec  Bahre  herbeigetragen,  und  Katharina 

setzt    sich    mit    dem    sterbenden   Kaiser  auseinander.     Peter 

äussert  seine  Reue  und  stirbt.    Katharina  tritt  an  die  Kampe 

und  declamirt: 

Toi,  qui  connaiB  les  coeurs,  divinit^  Bupr^me, 
Ciel!  pour  juger  le  mien,  je  Tinvoqae  toi  mSme, 
Si  contre  Tempereur  j'ai  conspir^  Ba  mort! 
Tromp6  par  ses  conseils,  bouIb  auteors  de  Bon  sort, 
Je  n'euB  d'autre  int^r^t  et  n'euB  point  d*aatre  envie, 
De  mon  fils  et  de  moi  que  de  sauver  la  vie. 
Oai,  je  lui  montrerai  des  exemples  fameux; 
Du  grand  Pierre  imitant  les  efibrtB  g^n6reuz, 
Je  veux  porter  Fempire  k  Ba  plus  haute  gloire, 
Je  fixerai  Bon  nom  au  temple  de  Memoire  (58), 


—     150     — 

und  80  geht  es  noch  weiter  mit  prophetischer  Verkündigung 
ihrer  zukünftigen  grossen  Thaten. 

Einer  Tragödie  ist  man  geneigt,  vieles  zu  verzeihen:  Paul 
Petro witsch  war  im  Jahre  1762  bereits  acht  Jahre  alt,  und 
nicht  sechs;  N.  J.  Panin  war  nicht  Graf,  —  und  verschiedene 
andere  kleine  Irrthümer. 

830.  A  tour  round  the  Baltic,  thro' the  Northern  countries  ofEurope, 
particularlj  Copenhagen,  Stockholm  and  Petersburgh.  B7 
N.  WraxaU.    London,  1807. 

Siehe  No.  262.  Es  ist  hier  nur  die  Ueberschrifb  verändert. 
Von  den  fünf  englischen  Ausgaben  dieses  Werkes  ist  eine  in 
Wien  erschienen,  im  Jahre  1797. 

881.  Voyage  en  Pologne  et  en  Allemagne,  fait  en  1793  par  im 
Livonien,  oü  Ton  trouve  des  d^tails  trös-^tendus  sur  la  revo- 
Intion  de  Pologne  en  1791  et  en  1794.  Tradnit  de  TAllemand. 
2  vis.     Paris,  1807. 

Eine  üebersetzung  von  No.  744,  aber  abgeändert  den 
„Polonais  r6fugi4s  parmi  nous'^  zu  Gefallen.  Die  Polen,  denen 
die  üebersetzung  in  der  Handschrift  mitgetheilt  worden  war 
„ont  trouv4  plusieurs  d^tails  hasard^s  et  en  ont  trouv^  quel- 
ques-uns  de  calomnieux  —  la  plupart  de  ceux-ci  ont  6t6  sup- 
primös"  (VJLL).  Wie  ungenau  die  üebersefeung  selbst  ist,  lässt 
sich  schon  aus  den  unter  No.  744  mitgetheilten  Excerpten  er- 
sehen; beispielsweise  führen  wir  hier  zwei  Stellen  an:  die  des 
deutschen  Textes  unter  I,  56  und  11,  37,  die  in  der  franzö- 
sischen üebersetzung  unter  I,  42  und  I,  116  sich  finden. 
Ausserdem  ist  die  üebersetzung  mit  Anmerkungen  ausgestattet, 
die  den  ausschliesslichen  Zweck  verfolgen,  die  Russen  anzu- 
schwärzen und  die  Polen  reinzuwaschen.  So  ist  der  Aeusse- 
rung  des  Verfassers  über  die  schlimme  Lage  der  Bauern  in 
Polen,  Eussland  und  Livland  die  nachstehende  Bemerkung 
angefiigt:  „Le  paysan  russe  est  encore  plus  malheureux  que 
n'^tait    le    polonais,    par    la    facilit6   qu'ont   ses   mattres   de 


—     151     — 

Tarracher  ä  sa  famille  et  k  son  pays,  et  de  le  vendre  comme 
une  pi^ce  de  b6taiP'  (I,  150);  der  Notiz  über  die  Bestechlich- 
keit und  die  Käuflichkeit  der  Polen  soll  durch  nachstehende 
Bemerkung  die  Schärfe  benommen  werden:  y,On  se  rappeile 
que,  plus  haut,  Tauteur  a  peint  les  nobles  polonais  comme 
g4n6ralement  spirituels  et  cultiv^s  par  une  öducation  brillante^' 
{I,  275),  wobei  jedoch  die  Seitenzahl  flir  dies  „plus  haut"  nicht 
angegeben  wird,  wie  denn  auch  der  Verfasser  Aehnliches  über- 
haupt gar  nicht  geäussert  hat. 

Der  üebersetzer  hat  den  ersten  Band  mit  einer  „Intro- 
iluction"  yersehen,  und  dem  zweiten  Bande  ein  „Supplement" 
angefügt  (11,315);  beide  diese  Zusätze  sind  abgefasst  in  einem 
<j^eiste,  der  dem  der  übersetzten  „Beisebeschreibung"  direct 
entgegengesetzt  ist.  Dank  dieser  Tendenz  der  üebersetzung 
macht  die  französische  Ausgabe  der  „Reisebeschreibung" 
durchaus  nicht  den  Eindruck,  den  das  deutsche  Original 
hervorruft.  Aufmerksamkeit  verdient  eine  Besonderheit  des 
Terfassers:  die  Verantwortung  flir  die  Theilungen  Polens, 
namentlich  für  die  erste,  schreibt  er  Preussen  zur  Last  Auf 
4len  Zusammenkünften  in  Neuss,  im  Jahre  1769,  und  in  Neu- 
stadt, im  Jahre  1770,  wurden  die  endgiltigen  Abmachungen 
über  die  erste  Theilung  getroffen,  worauf  „le  roi  de  Prusse 
•envoya  son  fröre  le  prince  Henry  ä  St.  P^tersbourg,  qui  fit 
<entendre  ä  Catherine  que  si  eile  se  refusait  au  partage,  eile 
^urait  ä  combattre  trois  ennemis  au  lieu  d'un"  (XXII). 

Ealinka  (No.  1133)  erzählt,  in  demselben.  Jahre  1807  sei 
:auch  jene  „tlömaczenie  francuzkie  wydane  Brukseli"  (LVIII) 
erschienen;  uns  ist  sie  nicht  bekannt. 

882 .  Voyage  en  Syrie  et  en  Egypte  pendant  les  ann^s  1 788, 1 784  et  1785. 
Accompagnä  ...  de  consid^rations  sur  la  guerre  des  Bosses  et 
des  Turks,  publi^s  en  1788.   Par  M.  Vohey.   2  v.   Paris,  1807. 

EHir  uns  ist  nur  der  Nachdruck  dieses  Werkes,  No.  504,  von 
Interesse.   In  zweiter  Ausgabe  erschien  das  Buch  im  Jahre  1825. 


—     152    — 

88S.    Biographie  Peter  des  Dritten.   Von  [G.  A.  W.  HeUng].    2  Thle. 
Tübingen,  1808. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes  ist  der  Secretär  der  sächsi- 
schen Gesandtschaft,  Heibig,  der  vom  Jahre  1787  bis  1796 
in  St.  Petersburg  gelebt  hat.  Katharina  kannte  ihn  und  war 
ihm  feindlich  gesinnt  („Sammlung",  XXIII,  651,  674)  seit  dem 
Jahre  1789,  nachdem  sie  bei  geheimer  Durchsicht  von  Post- 
correspondenzen  („Perlustration'^)  Eenntniss  genommen  hatte 
von  einem  über  Sacken  ausgesprochenen  ürtheile,  das  man 
unrichtigerweise  ihr  zugeschrieben  hat  (Chrapowizkij ,  812). 
Das  sächsische  Ministerium  schätzte  die  einsichtigen  und  wahr- 
heitsgetreuen Berichte  Helbigs  sehr  hoch,  und  als  er,  auf  Ver- 
langen Katharinas,  aus  St  Petersburg  abberufen  werden  musste, 
ernannte  man  ihn  zum  Secretär  in  Berlin,  wo  er  auch  bald 
zum  Legationsrath  befördert  wurde.  Er  starb  im  Jahre  1818 
als  sächsischer  Besident  in  der  Freien  Stadt  Danzig. 

Das  zweibändige  Werk  Helbigs  stellt  bis  zum  gegen- 
wärtigen Augenblick  die  einzige  und  die  beste  Biographie 
Peters  III.  dar;  er  hat  sorgfältig  da«  einschlägige  Material 
gesammelt,  und  hat  die  Mittheilungen  solcher  Personen  be- 
nutzt, die  Peter  gekannt  und  ihm  gedient  hatten,  und  Zeugen 
seines  Lebens  und  seiner  Regierung  gewesen  waren.  „Ich 
habe  einen  grossen  Theil  der  langen  Zeit  meines  Aufent- 
haltes in  Bussland  dazu  angewendet,  die  wichtigsten  umstände 
aus  der  Lebens-  und  Begierungs- Geschichte  Peters  IIL  zu 
sammeln  |und  aufzuklären^'  (III).  Den  besten  Beweis  hierf&r 
liefern  deine  Untersuchungen,  die  er  in  Oranienbaum  und  in 
Bopscha  angestellt  hat  (11,  144,  152,  168).  Er  hat  viele,  ihm 
durch  [Zeitgenossen  und  Zeugen  der  Ereignisse  mitgetheilte 
Nachrichten  aufbewahrt,  darunter  einige,  durch  welche  die 
Memoiren  Katharinas  vollständig  bestätigt  werden  (No.  1059), 
die  jedoch  in  damaliger  Zeit  Niemandem  bekannt  waren 
(I,  57,  96;   II,  180).     Er  hat  als  Erster  die  Bevolution  vom 


—     153     — 

Jahre  1762  in  ihren  Hanptzügen  (II,  111 — 114)  vollkommen 
wahrheitsgetreu  beschrieben;  er  bezeugt ,  wenn  auch  mit  dem 
Ansdmck  des  Missbehagens,  dass  die  Staatsumwälznng  „bey 
der  unbegreiflichen  Euhe  der  EJinwohner  der  Residenz''  (11,117) 
sich  vollzogen  hat.  Ihm,  als  einem  Anhänger  Peters  III., 
theilte  man  aber  auch  viel  Unwahres  mit;  über  die  Befürch- 
tungen Katharinas  (11,  159),  über  die  Handlungsweise  des 
Fürsten  Trubezkoj  (11,  174),  über  das  Monument  Peters  DI, 
(11,  192),  über  die  Eisenst&be  in  den  Fenstern  des  Winter- 
palais (II,  203)  u.  s.  w. ;  gleich  den  üebrigen  schreibt  auch  er 
der  Beerdigungsprocession  eine  Bedeutung  bei  (11,  117).  Er 
rechtfertigt  jedoch  Peter  lH.  nicht:  „Es  ist  gewiss,  dass  der 
Kaiser  selbst  sehr  Schuld  daran  war,  dass  die  Empörung  durfte 
gewagt  und  vollendet  werden''  (11,  105). 

Der  Biograph  Peters  lH.  lässt  Katharina  Gerechtigkeit 
widerfahren  und  nimmt  sie  den  schweren  Beschuldigungen  der 
Zeitgenossen  gegenüber  in  Schutz  (11,  162).  Freilich  war 
Katharina  für  ihn  nur  „eine  vollendete  Schauspielerin^'  (11, 96), 
Peter  verhielt  sich  gnädig  gegen  sie  (11,  72\  und  nicht  für  sie 
war  das  Haus  bestimmt,  das  er  in  der  Schlüsselburger  Festung 
erbauen  Hess  (11,79,118);  doch  erwähnt  er  delicat  der  Krank- 
heit der  Kaiserin  im  April  1762  (II,  83,  94),  und  schiebt  in 
Allem  die  Schuld  eher  den  Anhängern  Katharinas  zu,  als  ihr 
persönlich.  Zwei  von  ihm  mitgetheilte  Nachrichten  sind  voll- 
kommen unwahr:  die*  eine,  aus  Büchern  stammende ,  über 
Katharina,  als  Thronfolgerin  (I,  49),  und  die  andere,  nach 
mündlichen  üeberlieferungen,  über  die  Verbrennung  der  Papiere 
im  Krasnyj  Kabatschok  (II,  134).  Die  Nachricht  von  dem  Er- 
scheinen Po  temkins  (II,  155)  bedarf  noch  der  Bestätigung;  die 
Mittheilung  über  den  Burgunderwein  (II,  165)  mehr  als  wahr- 
scheinlich gleichfalls. 

Jedem  der  beiden  Bände  sind  am  Schlüsse  Beilagen  an- 
gefügt, die  namenÜich  für  diese  Zeit  sehr  wichtig  und  werth- 


-      154     — 

Toll  sind;    die  Dmckwerke,  die  Helbig  benutzt  bat,  bat  er 
Torber  einer  Kritik  unterworfen  (Vorrede). 

SHi^  Polens  ünteigBog.  Ein  diankteriBtiBehes  Gemilde  dieaer  Adels* 
NstioiL  Zur  riehtigeo  Bemtheiliiog  der  neuesten  JEte^olntion  und 
ihrer  Folgen  herftosgegeben.  (Ton  J.  G.  KattlfuMs.]  Colin,  1808. 

„Die  gedankenlose  Menge,  die  nur  an  der  Oberfläcbe  der 
Dinge  Uebt,  scbreibt  Polens  Tbeilong  den  drei  tbeilenden 
Mäcbten  zo«  Nicbt  der  Busse,  der  Preusse,  der  Oesterreicher, 
die  Nation  selbst  bat  sieb  Temiebtet^'  (3).  Dies  ist  der  grund- 
legende Gesicbtspunkt  des  VerCassers,  eines  belesenen,  mit  der 
polniscben  Geschiebte  sebr  gut  yertrauten  Mannes.  Er  kannte 
diese  Gescbicbte  nicht  nur  nacb  den  Werken  Yon  Naruscbe- 
witscb  (8,  15,  92)  oder  Czacki  (58),  sondern  auch  nacb  denen 
von  Pjassezki,  Eochowski,  Sawadski  (29),  Fredro  (24,  31)  und 
Eoscbucbowski  (32).  Der  Yerüeisser  ist  zwar  Deutseber  — 
„eine  Ursacbe  der  Nicbtcivilisirung  Polens  war  der  Hass  g^en 
alles  Deutsche'^  (88)  —  und  Protestant,  aber  ein  Mann  von 
Becbtsgef&bl  und  Duldsamkeit;  er  acbtet  die  Katholiken,  aber 
hasst  die  Jesuiten  (78,  84,  95). 

Die  Broschüre  ist  in  einzelne  Kapitel  getbeilt.  Besonders 
interessant  sind  folgende  yier:  1.  „Regierung  des  Staats'^  (14), 
—  die  polnischen  Magnaten  yemichteten  die  oberste  Staats- 
gewalt, die  Königswahl  und  das  liberum  reto  untergruben  die 
Regierung;  2.  „Staatsrerwaltung'^  (39)  —  Polen  kannte  keine 
geordnete  Staats wirthschaft,  und  im  Jahre  1790  erreichten 
die  Einnahmen  des  Königreichs  die  Höhe  von  nur  18^2  Mil- 
lionen polnischen  Gulden,  d.  h.  drei  Millionen  Rubel  (51); 
3.  „Trauriger  Zustand  der  Gerechtigkeitspflege''  (54),  wobei 
der  Verfasser  das  Werk  von  Czacki,  „0  litewskich  i  polskich 
prawach'',  Warszawa,  1800,  über  das  er  sich  mit  grossem 
Lobe  ausspricht,  benutzt  hat;  über  dies  Werk  äussert  der 
Verfasser:  „die  polnische  Nation  kann  darauf  stolz  sein''  (58), 
und  4.  „Religion.  Priester.  Jesuiten"  (69),  wo  von  dem  Antrage 


—     155     — 

Zamoyskis,  die  Polen  von  dem  päpstlichen  bürgerlichen  Joche 
zu  befreien  (76),  von  dem  Conflicte  Sigismund- Augusts  mit 
dem  Papste  Paul  IV.  (96),  und  ausführlich  über  die  Dissi- 
denten berichtet  wird. 

Die  Eönigswahl  und  das  liberum  veto  tragen  die  Schuld 
am  Untergänge  Polens  (28).  In  beiden  diesen  Anlässen  „der 
kleine  Edelmann  nahm  das  G^ld  der  Crossen,  der  Grosse  das 
Geld  fremder  Mächte  —  und  beide  verkauften  das  Vater- 
land<<  (185).  Originell  ist  das  Urtheil  des  Verfassers  über 
Stanislaus- August:  ,,1791  hätte  er  sterben  sollen  und  die 
Nachwelt  würde  ihm,  als  einem  seltenen,  aber  unglücklichen 
Könige,  ihre  Hochachtung  nicht  versagt  haben.  Von  1792 
gab  er  sich  der  Verachtung  aller  Zeiten  Preiss.  Wer  so 
handelt,  wie  Stanislaus  von  1792  an,  wer  auf  die  Art  wie  er, 
lebend  den  Thron  verlassen  kann,  der  hatte  nie  verdient  ihn 
zu  besteigen^'  (l^^)* 

Der  Verfasser  spricht  sich  dahin  aus,  dass  bei  der  ersten 
Theilung  Polens  Friedrich  IL  „seine  Grenzen  erweitem  musste, 
um  stärker  zu  werden'^  ^^^  Katharina  11. ,  „um  der  civili- 
sirten  Welt  näher  zu  kommen^'  (l^l)*  üeber  das  Verhältniss 
Russlands  zu  Polen  nach  der  Theilung  heisst  es:  „Gleich  nach 
der  Theilung  gab  Bussland  ihr  eine  Constitution,  die  etwas 
Neues  war,  ohne  etwas  Besseres  zu  sein,  und  die  ganz  dahin 
arbeitete,  die  Nation  in  ihrer  EjrafUosigkeit  zu  erhalten  und 
zu  bestärken.  Von  jetzt  wurde  der  russische  Minister  in 
Warschau  Regent  von  Polen,  und  Polen  völlig  eine  russische 
Provinz"  (153). 

Die  Broschüre  wurde  verö£Fentlicht  in  einem  Umschlage 
von  feuerrother  Farbe,  mit  der  Aufschrift:  „Erster  Feuerbrand 
aus  Polen." 

Im  ,^ücherverzeichnis8  von  L.  F.  Maskes  Antiquariat", 
Breslau,  1868,  ist  angemerkt,  der  Verfasser  der  Broschüre 
sei:    Johann   Georg  Kaulfiiss.     Kostomarow    bezeichnet    das 


—     156     — 

Schriftcheu  als  „ausserordentlich  einsichtig,  in  wenigen  Worten 
hat  der  Verfasser  es  verstanden,  sehr  viel  Wahres  zu  sagen" 

(I,  xni). 

885«   Lettres  particuliöres  du  baron  de  Viom^nil  sur  les  affaires  de 
Pologne  en  1771  et  1772.    Paria,  1808. 

Eine  höchst  interessante  Sammlung  zeitgenössischer  Docu- 
mente  hinsichtlich  der  Eonföderirten  und  der  ersten  Theilung 
Polens;  die  Herausgeber  nennen  ihr  Buch  „une  coUection  pour 
serrir  k  Thistoire  du  temps  et  de  supplöment  k  l'Histoire  de 
Tanarchie  de  Pologne"  (No.  876).  Sie  sind  überzeugt,  die 
wichtigsten  Dokumente  hinsichtlich  der  ersten  Theilung  Polens 
mtLssten  am  preussischen  Hofe  aufbewahrt  sein,  „puisque 
c'ötait  lui  qui  arait  provoqud  le  partage"  (XI). 

Die  eigenen  Briefe  Viom^nils,  „officier  g6n4ral  envoyö 
par  la  France  pour  diriger  les  Operations  militaires  des  con- 
f§d6r4s"  sind  abgedruckt  nach  den  Mittheilungen  über  seine 
Vorgänger  de  Taul6s  (4)  und  Dumouriez  (19),  zusammen  mit 
einem  Schreiben  Bellecours  (No.  295),  aber  ohne  „dötails  qui 
ne  pouraient  int^resser  que  lui  seul"  (67)  und  ohne  „Souvenir 
du  comte  de  *  *  *  sur  le  premier  d^membrement  de  la  Pologne, 
en  1772"  (87).  Ausser  den  zwölf  Briefen  ViomÄnils,  vom 
81.  Dezember  1771  (149)  bis  zum  29.  April  1772  (255)  sind 
hier  noch  zehn  Dokumente  abgedruckt,  von  denen  am  meisten 
Interesse  darbietet  das  „Journal  du  si^ge  du  chäteau  de  Cra- 
covie^  par  Mr.  de  (}alibert,  officier  fran^ais  au  service  des 
conf6d6r6s  de  Pologne,  du  2  f§vrier  au  22  avril  4772"  (267). 
Am  folgenden  Tage,  28.  (12.)  April,  wurden  bekanntlich 
von  Suworow  die  Uebeifgabebedingungen  Krakaus  unter- 
schrieben (262). 

Es  ist  dies  ein  reiches  Material  f&r  die  Geschichte  unseres 
Krieges  mit  den  Konföderirten.  In  seinem  ersten  Berichte 
theilt  Viom^nil  mit,  er  habe  bei  den  Konf5derirten  gefunden 
„des  troupes  ruin^es,  indisciplinöes,  sans  consistance  et  sans 


—     157     — 

ordre;  les  soldats  point  pay^s,  presque  nus,  mal  nourris,  mal 
arm^s,  et  encore  plus  mal  exercös^'  (155);  im  Journale  Galiberts 
ist  direct  gesagt:  ,yles  officiers  polonais  sont  autant  k  redouter 
que  nos  ennemis'^  (298). 

Antoine  Charles  du  Houx,  baron  de  Viom^nil,  bekamiter 
Boyalisty  wurde  am  10.  August  1791  beim  AngrifiF  auf  die 
Tuilerien  verwundet,  und  starb  an  dieser  Wunde  im  Februar 
des  Jahres  1793.  Im  Jahre  1791,  in  einem  vom  8.  März 
datirten  Briefe,  machte  G-rimm  Katharina  den  Vorschlag,  seinen 
Bruder  in  russische  Dienste  zu  nehmen,  „le  cadet  de  Viom^nil, 
qui  a  le  grand  cordon  rouge'^  („Sammlung^',  XXXIII,  350), 
und  dies  kam  auch,  wie  es  scheint,  zu  Stande,  wenigstens 
schrieb  Katharina  im  August  1794  an  Grimm:  „Je  pense  que 
tout  ce  qui  regarde  M.  de  Viomönil  est  arrang6  depuis  tr^s 
longtemps'^  (Ibid.,  XXIQ,  606).  Des  Verfassers  des  hier  be- 
sprochenen Werkes  geschieht  in  den  Papieren  kein  Mal  Er- 
wähnung. 

886.  D^Alembert  k  Fr^d^ric  11  sur  le  demembrement  de  la  Pologne. 
Pr^diction  accomplie  d*an  contemporain  temoin  ocnlaire  des 
deux  premien  goavemementB  saxons  en  Pologne.  Amsterdam, 
180S. 

Aus  der  Correspondenz  D'Alemberts  mit  Friedrich  n. 
sind  hier  aus  No.  547  diejenigen  13  Briefe  abgedruckt,  in 
denen  Polens  Erwähnung  geschieht.  In  seinem  Briefe  vom 
8.  März  1772  spricht  sich  D'Alembert  folgendermassen  über 
die  polnischen  Konföderirten  aus:  „8i  les  conf6d6r6s  se  |)laig- 
nent  k  tort  ou  k  droit,  d'gtre  opprim6es  par  la  Bussie,  j'entends 
d'un  autre  cöte  cent  mille  paysans  et  d'ayantage  qui  se  plaig- 
nent,  ou  qui  peuvent  se  plaindre,  non  k  tort,  mais  k  tr^s 
grand  droit,  d'etre  opprim6s  de  temps  imm^morial  par  ces 
mSmes  conföd^r^s,  et  tant  que  ces  demiers  sont  oppresseurs, 
je  ne  yerrai  dans  leurs  ennemis  qu'un  mattre,  qui  rend  k  son 
valet  de  chambre  les  coups  de  bäton  que  celui-ci  donne  aux 


—     158     — 

laquais^'  [XIV,  169).  Nach  neun  Monaten,  am  20.  November 
1772,  Bchreibt  er  dann  wieder:  ,,Je  viens  de  recevoir  la  belle 
m6daille  que  Votre  Majest^  m'a  fait  l'honnear  de  m'envoyer 
et  qui  a  pour  objet  les  nouveaux  6tats  qu'EUe  vient  d'acqu^rir. 
La  legende  Regno  Redintegrato  pronve,  que  Yotre  Majest^ 
n'a  fait  que  rentrer  dans  des  possesions  qui  Lui  ont  appar^ 
tenu  autrefois"  (XIV,  195).  Daraus  folgert  der  Herausgeber, 
„que  le  reproche  fait  au  philosophe,  de  s'etre  abaiss6  au  role 
d'un  vil  adulateur,  est  absolument  faux*<  (XOII). 

Auf  diese  Correspondenz  folgt  in  dem  Buche  eine  Ab- 
handlung „Sur  le  d6membrement  de  la  Pologne'S  geschrieben 
nicht  später  als  im  Jahre  1776  von  einem  Franzosen,  der  in 
Polen  länger  als  40  Jahre  gelebt  hatte,  und  Augenzeuge  der 
ersten  Theilung  gewesen  war.  Nach  Hinweis  auf  die  äusserst 
gedrückte  elende  Lage  der  Bauern  (24,  44)  und  den  unsinnigen 
Besitzstand  der  „fainÄants  priviWgiÄs"  (32),  vertheidigt  der 
Verfasser  nicht  nur  die  erste  Theilung  —  „ce  n'est  plus  une 
injustice  atroce,  commise  par  les  cours  spoliatrices,  c'est  une^ 
dömarche  que  la  balance  politique  a  rendue  nÄcessaire"  (90)  — 
sondern  spricht  noch  sein  Bedauern  aus,  dass  Polen  nicht 
vollständig  getheilt  worden :  „la  position  des  affaires  de  l'Europe 
est  teile,  que  les  cabinets  de  Vienne,  de  P6tersbourg  et  da 
Berlin  ont  taii  une  faute  consid^rable  de  n'avoir  pas  fait  le 
partage  entier  de  la  Pologne,  pour  6teindre  jusqu'au  nom 
meme  de  la  nation^'  (1^8). 

Bei  Erwähnung  Russlands  (72)  äussert  der  Verfasser,  er 
sehe  in  dessen  Einäuss  auf  die  polnischen  Angelegenheiten 
eins  der  Motive  zur  Theilung:  „Le  second  motif  politique  qui 
peut  avoir  servi  k  d&terminer  au  d^membrement  est  la  trop 
grande  influence  que  la  cour  de  P^tersbourg  avait  pris  dans 
les  affaires  de  la  Pologne.  Les  nouvelles  loix  qu'elle  venait 
de  dicter  par  la  force;  les  violences,  qu'elle  exergait;  ses 
troupes    r6pandues    sous    diff(6rents    pr6teztes    dans    tout    le> 


—     159    — 

royaume,  n'offraieot  aux  cabinets  de  l'fiurope  d'autre  perspec- 
tiye  qu'un  nouvel  aggrandissement  des  forces  d'un  empire, 
devenu  ddjä  formidable  et  qui  en  subjaguant  la  Pologne,  ou 
Tayant  pour  alli^e  soumise  k  ses  volontös,  pouyait  se  mettre 
dans  une  position  capable  de  faire  trembler  TAllemagne  pour 
sa  libert6'<  (84). 

Es  ist  bemerkenswerth,  dass  der  Herausgeber  im  Jahre 
1808  keinen  Anstand  nahm,  ein  so  tendenziöses  Buch  ,,&  Son 
Altesse  Monseigneur  le  prince  Joseph  Ponjatowsky,  ministre 
de  la  guerre  du  grand-duch6  de  Varsovie^'  zu  widmen. 

Janssen  (No.  1118)  bezieht  sich  auf  dies  Buch,  als  eine 
ernst  zu  nehmende  Quelle  (9). 

887«  Vie  du  prince  PotemkiD,  feld-mar^chal  au  service  de  RoBsie 
sous  le  r^gne  de  Catherine  11  (par  Mme.  CeretiviÜe),  Paris, 
1808. 

In  einer  Compilation,  „redig^e  d'apr^s  les  meilleurs 
ouvrages  allemands  et  firan^ais  qui  ont  paru  sur  la  Russie  & 
cette  epoque'S  darf  man  keine  neue  Nachrichten  und  neue 
Thatsachen  suchen,  sondern  nur  die  Entwickelung  besonderer 
Gesichtspunkte.  In  dieser  Beziehung  täuscht  die  Verfasserin 
der  Compilation  auch  nicht  die  Erwartungen  des  Lesers:  die 
Beleuchtung,  die  sie  ihrem  Stoffe  giebt,  ist  neu,  die  auf- 
gestellten Gesichtspunkte  sind  originell. 

Nach  dem  Tode  Peters  des  Grossen  trat  eine  Periode 
weiblicher  Herrschaft  ein  —  es  war  dies  ein  grosses  Glück 
für  Russland,  da,  nach  dem  treffenden  Ausdrucke  Montesquieus, 
während  der  weiblichen  Herrschaft  das  Land  verwaltet  und 
regiert  wurde  durch  Männer,  die  sämmtlich  aus  der  Zucht 
und  Schule  Peters  hervorgegangen  waren,  und  die  von  ihm 
eingeschlagene  Richtung  weiter  verfolgten.  Zur  Zeit  der 
Thronbesteigung  Katharinas  II.  waren  sämmtliche  „Petrowzen^^ 
schon  ausgestorben;  es  traten  neue  Leute  auf.  Das  Schick- 
sal der  Epoche  Katharinas  hing  von  ihnen  ab.     Zum  Glück 


—     160    — 

befand  sich  unter  diesen  neuen  Leuten  auch  Potemkin.  ,,Cet 
homme  eztraordinaire  prenait  si  peu  de  peine  k  dissimuler 
ses  vices,  et  tout  ce  qui  6manait  de  lai  avait  un  caract^re  si 
frappant,  que  de  son  yiyant,  et  pendant  les  premiöres  annöes 
qui  ont  suivi  sa  mort,  on  n'a  parl^  que  de  ses  d^fauts,  sans 
faire  aucune  mention  de  ses  hautes  qualit^s.  Ce  n'est  pas 
ainsi  que  la  posterit6  prononcera  sur  son  compte,  et,  osant 
anticiper  sur  son  arret,  ce  n'est  pas  ainsi  que  nous  le  juge- 
rons  nous-memes"  (292).  Die  Erwartungen  der  Verfasserin 
haben  sich  jedoch  nicht  erfbUt.  Nach  hundert  Jahren  ist  in 
St.  Petersburg  ein  Specialwerk  veröffentlicht  worden,  in  welchem 
der  Nachweis  geführt  wird,  dass  Potemkin  —  „mehr  Aben- 
teurer war,  als  Patriot,  mehr  Höfling  als  Staatsmann,  mehr 
Hasardspieler  als  Held<<  (Brückner,  „Potemkin'^,  276).  Man 
muss  jedoch  bemerken,  dass  der  Verfasser  dieses  letzteren 
Buches,  nach  seinem  eigenen  Geständniss,  ein  gründliches 
Werk  über  den  Fürsten  Potemkin  zusammenzustellen,  „nicht 
im  Stande  war,  und  auch  nicht  den  Willen  dazu  hatte^'.  Wie 
die  Verfasserin  die  Persönlichkeit  Potemkins  auffasste,  dafür 
bringen  wir  hier  nur  ein  Beispiel:  „Potemkin  n'aima  qu'une 
femme  dans  sa  yie:  cette  femme  fut  la  plus  grande  de  son 
temps.  II  Taima,  non  en  esclave,  mais  en  amant  indöpendant 
qui  se  platt  k  Clever,  k  embellir,  k  faire  admirer  l'objet  de 
ces  affections;  et  cette  passion  qu'il  eut  pour  eile  fut  toujours 
mel6e  k  Famour  de  son  pays.  Ce  demier  sentiment  fut  par 
dessus  tout  la  vertu  caract6ristique  de  Potemkin.  Cet  homme 
c^lfebre  ne  perdit  jamais  de  vue  la  gloire  du  nom  russe, 
et  l'idöe  de  faire  de  la  Russie  la  puissance  dominante  de 
TEurope"  (293). 

Das  ganze  Werk  zerfällt  in  sieben  Kapitel:  1.  Geburt 
und  Erhöhung  (1);  2.  sein  Einfluss  auf  die  Staatsangelegen- 
heiten und  die  Erwerbung  der  Krim  (31);  3.  Vorbereitung 
zum   Kriege    mit    der   Türkei   (94);    4.   taurische   Reise   und 


—     161     — 

zweiter  türkischer  Krieg  (136);  5.  Lage  Russlands  und  Ein- 
nahme Otschakows  (180);  6.  Krieg  mit  Schweden  und  der 
Türkei;  Unterwerfung  Bessarabiens  und  der  Moldau;  Einnahme 
von  Ismail  (219);  7.  das  Potemkin-Fest;  Friedensschluss  mit 
der  Türkei;  Tod  Potemkins  (262).  Das  Buch  ist  geschrieben 
unter  dem  starken  Einflüsse  der  damals  vollständigsten  Bio- 
graphie Potemkins,  die  im  Journal  ^.Minerva''  erschienen  war, 
und  im  Jahre  1804  als  Material  f&r  das  Werk  No.  868  ge- 
dient hatte.  Eine  russische  üebersetzung  des  Buches  erschien 
zu  St.  Petersburg  im  Jahre  1811,  in  zwei  Theilen.  Doch  steht 
diese  Üebersetzung  sehr  viel  niedriger  als  das  Original:  vieles, 
sehr  Charakteristisches  ist  ausgelassen;  E^zelnes  ist  auch  neu 
hinzugefügt,  so  z.  B.  das  Manifest  vom  8.  April  1783  (I,  52), 
das  Manifest  vom  7.  September  1787  (I,  135),  das  Manifest 
vom  13.  August  1790  (II,  65),  die  Ceremonie  der  Begräbniss- 
feier des  Fürsten  Potemkin  (11,  125).  Beigelegt  sind  der 
üebersetzung  viele  Zeichnungen  und  Pläne  der  Schlachten, 
jedoch  mit  französischen  Aufschriften,  wodurch  allein  schon 
bezeugt  wird,  dass  es  sich  hier  nicht  um  ein  Originalwerk 
handelt,  sondern  um  eine  üebersetzung,  was  aber  im  Buche 
verschwiegen  ist.*) 


*)  Die  scharfe  AeasBeraiig  des  Grafen  Seamoilow  Über  eine  übei^ 
setzte  Biographie  Potemkins  („Russisches  ArchiV,  1867,  S.  584)  bezieht 
sich  nicht  auf  die  hier  erwähnte,  im  Jahre  1811  herausgegebene  Üeber- 
setzung: Seamoilow  weist  direct  hin  auf  die  Ungereimtheit  der  Verleihung 
einer  „Nowgoroder  Statthalterschaff'  an  Potemkin,  wovon  in  unserer 
Üebersetzung,  in  der  die  Notiz  des  Originals:  „ELatherine  lui  donna  le 
riebe  gouvemement  de  Novogorod'^  (44)  ausgelassen  ist  (I,  23)  —  nichts 
sich  vorfindet  Ausserdem  ist  die  Abhandlung  Ssamoilows  schon  vor  dem 
Jahre  1811,  in  dem  die  Üebersetzung  erschien,  verßisst  worden,  sodass 
der  Tadel  Ssamoilows  sich  nicht  auf  sie  beziehen  kann.  Die  3.  An- 
merkung, als  spätere  Einschiebung,  kann  keinen  Anhalt  bieten  zur  Fest- 
stellung der  Zeit  der  Abfassung  der  Biographie  (,.Bu8sisches  Archiv'^ 
1867y  S.  579).  Die  Bemerkung  des  Herrn  Brückner  kann  sich  nicht  auf 
die  uns  hier  vorliegende  Üebersetzung  beziehen  (S.  4,  Anm.  1). 
Bilbftssoff,  KAthorina  U.  11 


162 


888,  Correspondance  originelle  et  trea  interesssuite  de  Fimperatrice 
de  Bussie  Catharina  II  avec  le  Chevalier  de  Zimmermann. 
Breme,  1808. 

Da  No.  864  keine  rechte  Verbreitung  gefunden  hatte,  ent- 
schied sich  der  Herausgeber  dafiir,  die  Briefe  Katharinas  II. 
vor  der  „unverdienten  Vergessenheit"  zu  bewahren,  und  liess 
sie  in  einer  besonderen  Broschüre  erscheinen,  unter  Bei- 
behaltung der  Seitenzahlen  nach  Markard ,  doch  hat  er  leider 
alle  Briefe  Katharinas  verstümmelt.  Der  Brief  vom  11.  Oktober 
z.  B.  ist  ganz  mit  Punkten,  die  Auslassungen  markiren,  über- 
säet, was  durch  Anmerkungen  erklärt  wird:  „Einige  gar  zu 
starke,  zwar  durch  den  damaligen  Krieg  entschuldigte  Aus- 
drücke, bleiben  hier  lieber  weg"  (375),  oder:  „Es  folgt  hier  eine 
Stelle  politischen  Inhalts,  die  ich  wegzulassen  mehrere  Gründe 
finde,  hauptsächlich  auch  weil  darin  von  noch  lebenden  Per- 
sonen mit  starken  Ausdrücken  gesprochen  wird"  (380).  Die 
Briefe  Zimmermanns  werden  nicht  beigebracht,  wodurch  das 
Verständniss  der  Antwortbriefe  Katharinas  erschwert  wird;  fast 
alle  Eigennamen  sind  durch  Punkte  ersetzt,  zahlreiche  Briefe 
sind  willkürlicher  Weise  ganz  weggelassen  (387),  und  endlich 
enthält  der  letzte  Brief  mehr  Punkte  als  Text.  Es  ist  dies, 
mit  einem  Worte,  eine  ganz  unbrauchbare  Ausgabe,  durch  die 
sowohl  Katharina  als  Zimmermann  in  falschem  Lichte  dar- 
gestellt werden,  aber  auch  Markard,  indem  der  Herausgeber 
erklärt,  er  drucke  die  Correspondenz,  „comme  eile  est  publice 
et  om6e  'de  remarques  par  H.  M.  Marcard". 

889.   Tlomaczenie  z  Franzuzkiego  Historyi  bezrz^u  Polski.    Dzieio 
poimiertne  Rulhiera.     Warszawa,  1808. 

Uebersetzung  von  No.  876.  Diese  Ausgabe  wurde  nicht 
zu  Ende  geführt,  und  es  erschien  nur  der  erste  Band,  der 
gegenwärtig  eine  bibliographische  Seltenheit  darstellt.  Das 
Exemplar  der  St.  Petersburger  Kais.  Oeflfentlichen  Bibliothek 
stammt  aus  dem  Staatssecretariat  des  Zarthums  Polen. 


—     163     — 

890.   Keijsarinnan  Catariaa  ILs  Lefveme,  utgivet  af  Elmen,   Stock- 
holm,  1809. 

Das  ganze,  aus  zwei  Theileii  bestehende,  in  sechs  Hefte 

zerfallende  Werk  ist  seinem  Inhalte  nach  französischen  Quellen 

entlehnt,  vorzugsweise  der  No.  841.     Bisweilen  übersetzt  der 

Verfasser  wörtlich,  so  z.  B.  die  ganze  Notiz  über  Odard  (I,  70) ; 

bisweilen  auch  nimmt  er  erhebliche  Aenderungen  Yor,  wie  z.  B. 

bei  Darstellung  des  Todes  Peters  III.  (I,  105).    Der  Verfasser 

war   mit  der  russischen  Sprache  nicht  bekannt,   wo  er  aber 

russische  Worte  anführt,  werden  sie  stets  richtig  wiedergegeben: 

Eljätva  (96),   pismo  (98)   u.  s.  w.;    daneben   freilich   ist   das 

Preobrashenskische  Regiment   stets   unrichtig  mit  dem  Worte 

„Preobaginsky"  bezeichnet   (I,  49,  79)   und   einmal   heisst  es 

anstatt  „Peter  III."  ganz  unpassend  „Paul  L"(I,32).  Bobrinskij 

wird    von    dem  Verfasser    stets    nur   „Basili   Gregorowitsch" 

genannt. 

Der  Verfasser  rechtfertigt   den  Favoritismus  Katharinas 

mit  der  folgenden  historischen  Notiz:    „Elisabet  af  England, 

Maria  af  Scottland,  Christina  af  Sverige,  alla  Ryska  Kejsarinnor, 

och  deflesta  Fruntimmer  som  berott  af  sig  sjelfva,  hafva  haft 

gunstlingar  eller  älskare"  (I,  86,  not.  3).     Bei  biographischen 

Mittheilungen  über  einzelne  Personen  wiederholt  der  Verfasser 

gewöhnlich  die  Ausdrücke  seiner  französischen  Originale;    so, 

„Teplow  war  naturlig  son  af  Teofil,  Ärke  —  Biscop  af  Nov- 

gorod,    och   en   ringa   arbetskarls   hustru"  (I,  not.  14);    doch 

wissen  wir  nicht,  woher  folgende  Details  über  Bressan  stammen : 

„fordom  Perukmakare,  fodd  i  Moraco  och  naturaliserad  Frans- 

man"(I,  81);  oder  über  Sawadowskij :  „Zavadovsky  var  endast 

nyttjad  som  sufflör  vid  Hof-Teatern,  d&  Fält-Marskalken  Ro- 

manzow  antog  honom  tili  sin  Sekreter  och  Adjutant"  (II,  48, 

not.  4).     Nur  über   schwedische  Angelegenheiten  würde   man 

bei  Elm6n   neue  Mittheilungen   suchen   dürfen:    so   über  den 

Besuch  Gustavs  III.  in  Russland,  den  Krieg  von  1789 — 1791 

11* 


—     164     — 

und  den  Aufenthalt  Gustavs  IV.  in  St.  Petersburg.  Leider 
aber  macht  der  Verfasser  gerade  über  diese  Angelegenheiten 
gsx  keine  Mittheilungen,  wahrscheinlich  in  Folge  der  eigen- 
artigen Verhältnisse  der  schwedischen  Censur.  So  geht  er^ 
nachdem  er  des  schwedischen  Krieges  kaum  nur  Erwähnung 
gethan  (11,  10),  sofort  zur  Heirath  Mamonows  (11,  18)  über,, 
und  erwähnt  nur  ganz  beiläufig  des  Friedensvertrages  von 
Werelä  (H,  71). 

Es  muss  hier  auch  noch  hingewiesen  werden  auf  die  höchst 
unpraktische  Paginirung  des  Werkes,  die  wahrscheinlich  auch 
den  Schweden  damals  Unbequemlichkeiten  gemacht  hat:  nicht 
nur  die  beiden  Theile,  sondern  sogar  alle  sechs  Hefte  be- 
ginnen mit  Seite  1,  so  dass  in  jedem  Theile  eine  und  dieselbe 
Seitenzahl  dreimal  vertreten  ist.  Die  Anmerkungen  gar  sind 
ganz  ohne  aUe  Paginirung  gedruckt,  und  zwar  nach  Theilen 
geordnet,  nicht  aber  nach  Heften. 

891.  Pierre-le-Grand,  par  Charles  Denina,  traduit  par  J.  F.  Andr^^ 
avec  des  notes  relatives  auy  calomnies  r^pandues  dans  divers 
ouvrages  frant^ais  contre  rimp^ratrice  Catherine  II.  Paris, 
1809. 

Ein  merkwürdiges  Buch:  es  ist  von  der  russischen  Censur 
gebilligt,  dem  Kaiser  Alexander  I.  gewidmet,  und  dennoch 
wird  nicht  nur  die  Revolution  von  1762  ganz  frei  beurtheilt^ 
sondern  auch  der  gewaltsame  Tod  Peters  III.  und  Paul  Petro- 
witschs  gebilligt.  Der  Verfasser  hatte  während  der  Jahre 
1769  und  1770  länger  als  ein  Jahr  in  St.  Petersburg  zu- 
gebracht, stand  in  nahem  Verkehr  mit  Woronzow  und  Ada- 
durow,  kannte  Schtscherbatow  und  Potemkin  (352,  371,  879, 
387,  392,  395,  398)  und  begründete  auf  deren  Erzählungen 
seine  kritischen  Bemerkungen  zu  den  Büchern  von  Kulhi^re 
und  Cast6ra,  die  er  hier  ausschliesslich  ins  Auge  gefasst  hat 
(390,  391).  Der  Verfasser  ist  Imperialist,  sogar  Napoleonist: 
,je  ne  sais  quel  est  celui  qui  a  dit  le  premier,  qu'il  ne  fallait 


—     165     — 

pour  le  repos  des  penples  que  deux  grandes  puissances;  je 
«erais  tent6  de  croire  qu'il  avait  raison^'  (882).  Es  gefSallen 
ihm  daher  ungemein  alle  die  grandiosen  Pläne  Katharinas, 
mit  Einschlnss  der  Vertreibung  der  Türken  aus  Europa:  „si 
le  comte  Orlow  avait  su  m6nager  I'esprit  des  grecs,  c'en  ätait 
fait  de  l'empire  Türe  en  Europe"  (380).  Die  Theilung  Polens 
erscheint  ihm  gleichfalls  natürlich  und  unyermeidlich :  ,,Le 
partage  de  la  Pologne  est  un  de  ces  6ven6ments  que  les  poli- 
tiques  ayaient  pr6yu  depuis  longtemps.  L'abbö  de  Mabli  fut 
«ngag^  k  donner  un  plan  de  Constitution  pour  ce  pays;  mais 
quand  tous  les  abb^s  du  monde  se  seraient  r^unis  pour  üetire 
une  Constitution,  pour  sauyer  la  Pologne,  ils  n'y  auraient  pas 
rÄussi"  (381).  Der  Verfasser  rechtfertigt  auch  die  Leibeigen- 
schaft: „il  est  dangereux  de  sortir  rapidement  d'un  gouyeme- 
ment  despotique  pour  se  jeter  dans  la  monarchie;  ü  faut  pr^- 
parer  les  esprits  k  passer  du  sentiment  de  la  crainte  k  cehii 
de  rhonneur  comme  le  dit  Montesquieu'^  (377). 

Am  ausführlichsten  behandelt  der  Verfasser  die  Beyolution 
yom  Jahre  1762.  Gemäss  den  Angaben  Adadurows,  Woron- 
zows  und  Schtsoherbatows  schreibt  der  Verfasser  dabei  der 
Fürstin  Daschkow  eine  Hauptrolle  zu:  „belle,  yiye,  sensible  et 
g6n6reuse,  eile  rcQoit  la  oonfidence  de  sa  soeur,  que  dans  trois 
jours  eile  sera  Imp^ratrice;  la  jeune  princesse  6coute,  s'^tonne, 
admire  et  se  tait  —  eile  a  d^jä  con^u  le  projet  le  plus  hardi, 
«Ue  se  retire  pour  Texöcuter^*  (393).  üeber  den  Tod  Peters  III, 
führt  der  Verfasser  die  eigenen  Worte  Adadurows  an:  „Dans 
«et  6y6nemeut  tragique  Tlmp^ratrice  fut  passiye,  comme  eile 
l'ayait  6t6  dans  la  r^yolution  qui  la  suit  sur  le  tröne.  II  ne 
46pendait  pas  plus  d'elle  de  r^gner  que  de  conseryer  la  yie 
k  son  man.  Les  conjur6s  ou  quelques-uns  d'entre  eux,  le 
sacrififerent  k  leur  süretö  personneUe"  (394).  Dies  bestätigten 
ihm  auch  Fürst  Potemkin,  Fürst  Schtscherbatow  u.  a.,  mit 
denen  er  hierüber  sprach  (395). 


—     166     — 

Hat  er  aber  auch  thatsächlich  mit  ihnen  sich  unterredet? 
Im  Jahre  1809  waren  alle  die  von  ihm  genannten  Personen 
bereits  im  Grabe  ^  und  konnten  sogar  auch  dagegen  nicht 
protestiren,  dass  z.  B.  der  Verfasser  bei  Erwähnung  Adadurows 
ihn  niemals  anders  nennt  als  „comte  AdadouroflF"  (353,  394), 
und  den  Namen  des  Fürsten  Schtscherbatow  —  „Sch6r6batof" 
schreibt  (371,  395).  Der  Verüasser  giebt  jedoch  Anlass  zu 
noch  ernstlicherem  Verdacht:  die  Zeit  seiner  Anwesenheit  in 
St.  Petersburg  hat  er  mit  ziemlicher  Genauigkeit  angegeben: 
,  j'ai  demeurö  plus  d'un  an  k  P6tersbourg,  de  69  ä  70"  (388); 
dennoch  schreibt  er*  solchen  Unsinn :  „Je  Tai  vu  cette  admi- 
rable  hörolne,  Catherine  11,  quand  sur  un  rocher  immense, 
suivie  d'une  cour  qui  l'adorait  en  face  de  tout  un  peuple 
prosternö  k  son  passage,  eile  6rigeait  k  son  auguste  6poux,  k 
ce  Czar  si  justement  proclam^  le  Grand,  ce  vaste  rocher  d'oü 
s'61feve  sa  statue"  (352).  Der  Felsblock  wurde  auf  dem  Senats- 
platze am  24.  September  1770  abgeladen,  und  erst  im  Jahre 
1772  auf  dem  für  das  Denkmal  bestimmten  Platze  aufgestellt, 
wobei  gar  keine  Feierlichkeit  stattgefunden  hat,  und  Niemand, 
Andr6  nur  ausgenommen,  hat  Katharina  11.  zur  Gemahlin 
Peters  I.  gemacht.  Aehnliche  Details  finden  sich  weder  bei 
Carburi  (No.  331),  noch  im  Kammerfurier- Journal  auf  das 
Jahr  1770. 

In  der  „Notice  d'un  ouvrage  intitul^,  dans  la  traduction 
frangaise,  Pierre-le-Grand"  (s.  a.  et  1.)  erklärt  Denina,  das 
Original  sei  im  Jahre  1796  nach  St.  Petersburg  geschickt 
worden,  um  dort  der  Kaiserin,  welche  „Fr6d6ric  II  n'aimait 
pas**  (6),  vorgelegt  zu  werden,  Katharina  aber  starb,  ohne  das 
Gedicht  gelesen  zu  haben  (21),  wie  sie  denn  überhaupt  „ne 
lisait  pas  Titalien". 

Derselbe  Denina  ist  auch  Verfasser  eines  „Essai  sur  la 
Tie  et  le  rfegne  de  Fr6d6ric  II.,  roi  de  Prusse,  pour  servir  de 
pr^liminaire  a  Tödition  de  ses  oeuvres  posthumes**,  Berlin,  1788^ 


■—     167     — 

über  welche  von  Katharina  ihre  bekannten  Bemerkungen  ge- 
macht wurden  (Chrapowizkij,  476;  „Russisches  Archiv",  1878, 
II,  284). 

892,  Lettera  of  the  Swedish  Court  written  chief  ly  in  the  early  part 
of  the  reign  of  Gastavus  III,  to  which  is  added  an  appendix 
with  some  interesting  anedotes  of  the  court  of  St  Petersburg, 
during  the  visit  of  the  Duke  of  Sudermania  and  the  present 
King  of  Sweden  to  the  Russian  Capital.    London,  1809. 

Die  acht  und  zwanzig  Briefe  der  königlich-schwedischen 
Familie  und  dem  schwedischen  Hofe  nahestehender  Personen 
aus  den  Jahren  1768  bis  1779,  sind  für  uns  von  keiner  Be- 
deutung; für  uns  hat  nur  die  „Beilage'^  ein  Interesse  (257). 
Es  sind  gegenwärtig  viele  Documente,  die  sich  auf  des  schwe- 
dischen Thronfolgers,  nachherigen  Königs  Gustav  IV.  Braut- 
werbung um  die  Grossfiirstin  Alexandra  Pawlowna  beziehen, 
bereits  herausgegeben  worden.  Abgesehen  von  den  Papieren 
des  Budbergschen  Familienarchivs  („Sammlung"  IX,  195)  und 
den  Dokumenten  des'  Pawlowsker  Palais  („Russ.  Alterthum", 
IX,  277),  sind  viele  Nachrichten  über  dies  Ereigniss  veröflfent- 
licht  im  „Archiv  des  Fürsten  Woronzow"  (Vm,  143;  XII,  170; 
XVin,  317  flf.),  im  „Russischen  Alterthum"  (V,  462),  im 
„Russischen  Archiv"  (1876,  I,  403),  in  der  „Sammlung"  der 
Russischen  historischen  Gesellschaft  (XVI,  295,  507,  524), 
u.  s.  w.  Vollkommen  neue,  über  das  in  den  Briefen  Katha- 
rinas IL  und  Maria  Fedorownas  Mitgetheilte  hinausgehende 
Nachrichten  zu  dieser  Angelegenheit  lassen  sich  nur  von 
schwedischer  Seite  erwarten,  nicht  von  russischer.  Der  Ver- 
fasser jedoch  hat  nur  Nachrichten  veröffentlicht,  die  er 
„through  the  communication  of  a  friend,  whe  resided  some 
time  at  Petersburg",  erhalten  hat  (257);  es  erweist  sich,  dass 
es  sich  hier  nur  um  eine  wörtliche  Wiedergabe  des  von 
Massen  (No.  841)  in  seinem  Werke:  „Söjour  du  roi  de  Sufede 
k  P^tersbourg"  (I,  1—54)  Mii^etheilten  handelt.     So  z.  B.: 


168 


I,  13: 
Des  sa  premi^re  enixevue   avec 
lui,  eile  en  parut  eDchant^e  et  pres- 
que  amureuse  elle-meme  (ce  farent 
868  propres  termes). 

I,  25: 
Elle  se  leva,  b^gaya,  se  trouve 
mal,  et  ressentit  m§me  une  Ugöre 
atteinte,  avant  coureur  de  celle  qui 
la  mit  au  tombeau  quelques  semai- 
nee  aprös. 


p.  268: 
At  their  first  interview  she  ap- 
peared  'enchanted   and   almost  (as 
she  Said  afterwards)  in  love  with 
him  herseif. 

p.  274: 
She  rose,  attempted  to  speak;  but 
her  tongue  failed  her,  she  nearlj 
fainted,  and  even  had  a  slight  fit, 
the  precursor  of  that  which  carried 
her  off  a  few  weeks  after  this. 


Es  ist  sehr  wohl  möglich,  dass  die  englische  Ausgabe 
diejenige  Redaction  der  Erzählung  wiedergiebt,  die  Massen 
mit  seinen  Eeflexionen  nur  verschönert  und  ausgeschmückt 
hat;  jedenfalls  aber  darf  man  ihr  nicht  viel  Vertraaen  schenken: 
Eussen  thun  dieser  Details  nicht  Erwähnung,  weder  Panin, 
noch  Bostoptschin,  Sawadowskij  od.  a. 

898«  Anecdotes  rörande  f.  d.  Konunges  vistande  i  Petersburg'är  1796, 
och  hans  felslagna  Förmftlning  med  Storfustinnan  Alexandra. 
Stockholm,  1809. 

Diese  ^^Anecdoter'^  sind,  nach  Versicherung  des  Verfassers, 
,^krifu  är  1800^';  sie  haben  für  uns  nur  Interesse  durch  das 
Urtheil,  das  der  Verfasser  über  die  Grossfbrstin  Alexandra 
Pawlowna  fällt  Die  Broschüre  ist  bereits  vor  dem  30.  April 
1809,  der  Thronentsetzung  Gustays  IV.,  die  damals  ganz 
Schweden  in  Aufregung  verseste,  veröffentlicht  worden,  denn 
in  ihr  ist  mit  keinem  Worte  dieses  Ereignisses  erwähnt;  zur 
Zeit  Gustavs  IV.  wäre  es  unmöglich  gewesen,  sich  ungestraft 
über  die  Grossfürstin  Alexandra  Pawlowna  lobend  zu  äussern, 
weshalb  der  Verfasser,  um  sich  zu  decken,  die  Notiz:  „öfver- 
sättning  frän  Franskan''  hinzufügte,  obgleich,  soweit  bekannt, 
in  französischer  Sprache  etwas  Aehnliches  nicht  erschienen  ist. 
Der  Verfasser  zeichnet  die  Grossfürstin  folgendermassen:  „wid 
i^ordon  ärs   älder  var  hon  redan   stör   och   fullkomnad;    hon 


—     169     — 

bade  ett  adelt  och  majestätligt  utseende,  mildradt  af  alla 
liennes  älders  och  hennes  kons  behag,  regoliera  drag,  ea 
bländande  hy,  en  panna  d&r  uppriktigbetens  och  oskuldens 
gudomliga  stämpel  var  inpräglad;  blonda  b&r,  som  alltid 
syndes  ordnade  af  föemes  hand^  besknggade  detta  vackra 
hufnid"  (18). 

Der  Misserfolg  der  Brautwerbung  wird  aus  der  Con- 
fessioDsfrage  erklärt,  wobei  ein  angeblich  von  Markow  in  den 
Ehecontract  hineingesetzter  Artikel  angeführt  wird:  ^yattPrin- 
sessan  skulle  ha  sitt  särskilta  Eopell  och  EVästerkap  i  Kongl. 
Palastset  och  yissa  forbindelser  af  Sverige  emot  Frankrike, 
som  man  h&Uit  ganska  bemliga^'  (24),  Der  Verfasser  der 
Broschüre  schreibt  die  Hauptschuld  an  dem  Misserfolge  den 
Würdenträgem  Katharinas  zu :  ,,Detta  felslagna  giftermäl  har 
i  sanning  f5rlöjligat  de  Kyske  Ministrama  och  det  mäste  varit 
mycket  forödmjukande  för  den  gamla  Eejsarinnan,  att  hon  lätit 
nyttja  sä  eländiga  medel^'  (32). 

894.   RofiffischeGünBÜmge  [von  G.A.W.  von  ^eZ&i^].  Tübingen,  1809. 

Das  ganze  Buch,  das  110  Biographien  „russischer  Günst- 
linge^' in  sich  schliest,  war  you  uns  für  das  „Bussische  Alter« 
thum^'  L  ff.  übersetzt  worden,  wobei  in  der  Vorrede  zu  der 
Uebersetzung  auf  die  Bedeutung  des  Yerfasse^rs  und  seines 
Werkes  hingewiesen  war;  in  den  Anmerkungen  zu  einer  jeden 
Biographie  sind,  soweit  möglich,  alle  Quellen  zur  kritischen 
Beurtheilung  der  Mittheilungen  des  Verfassers  angegeben.  Das 
Gesagte  zu  wiederholen,  liegt  hier  kein  Anlass  vor,  doch  muss 
des  Schicksales  dieser  Uebersetzung  erwähnt  worden. 

Von  den  110  Biographien  nahmen  die  ersten  62  den 
ganzen  Aprilband  des  „Bussischen  Alterthum^'  vom  Jahre  1886 
ein,  die  Censur  jedoch  verbot  den  ganzen  Band.  Der  Bedacteur 
M.  J.  Ssemewskij  wandte  sich  an  den  Minister  des  Innern, 
Graf  D.  A«  Tolstoj,  Präsident  der  Akademie  der  Wissenschaften, 


—     170     — 

der  darauf  mit  der  UebersetzuDg  sich  bekannt  machte,  und 
das  E^cheinen  des  Bandes  genehmigte,  zugleich  aber  die  Be- 
daction  verpflichtete,  in  jeden  folgenden  Band  des  Joumales 
nur  je  einige  Biographien  aufzunehmen,  und  die  Censur  anwies, 
die  Uebersetzung  streng  zu  überwachen.  So  ist  es  denn  ge* 
kommen,  dass  die  Uebersetzung  der  ersten  62  Biographien 
genau  und  vollständig  ist,  die  der  übrigen  48  aber  —  völlig 
untauglich.  Der  Uebersetzer  gestattete  freilich  keinerlei  Ver- 
änderungen des  Textes,  und  noch  viel  weniger  irgend  welche 
Zusätze,  konnte  aber  nicht  verhindern,  dass  die  Censur  ganze 
Stellen  strich,  und  dadurch  den  Text  verunstaltete,  und  durfte 
andererseits  auch  nicht  den  Bedacteur  mit  der  Censur  dadurch 
in  offenen  Conflict  bringen,  dass  von  der  Fortsetzung  des 
Druckes  der  Uebersetzung  ganz  Abstand  genommen  wurde. 

895.  Jacob  Johann  Graf  Sievers.  Eine  Vorlesung  am  Geburtsfeste 
Sr.  Majestät  des  Kaisers,  gehalten  von  Fr.  Rambach,  Dorpat, 
1809. 

Graf  Jacob  Jefimo witsch  Sievers  starb  am  10.  Juli  1808; 
nach  fünf  Monaten,  am  12.  Dezember,  hielt  Friedrich  Ram- 
bach, Professor  der  Finanz-  und  Handelswissenschaften  an  der 
Universität  Dorpat,  vor  den  zum  allergrössten  Theile  aus  dem 
Ostseegebiete  stammenden  Studenten  dieser  Hochschule  seine 
Rede  über  den  „berühmten  Ostseeprovinzialen".  Sehr  viel 
später  bewies  auch  Blum  (No.  1045),  wie  schwierig  es  ist, 
von  J.  Sievers  zu  sprechen,  ohne  in  einen  panegyrischen  Ton 
zu  verfallen,  Rambach  aber  sprach  am  noch  frischen  Grabe 
und  widmete  seine  Rede  der  an  K.  Hinzel  verheiratheten 
Tochter  des  Grafen. 

Der  Verfasser  berichtet,  Graf  Sievers  habe  „gegen  200 
eigenhändige  Briefe  der  unsterblichen  Gatharina  an  ihn'^  ver- 
brannt (15),  und  theilt  folgende  Einzelheiten  hierzu  mit:  „Einige 
Tage  liess  er  sich  durch  seinen  Kammerdiener  eine  Ghatouille 
angefüllt  mit  Briefen  der  Kaiserin  an  sein  Bett  bringen,  und 


—     171     — 

vor  seinen  Augen,  bis  auf  wenige,  die  sich  noch  in  den  Händen 
der  Familie  befinden,  dem  Feuer  übergeben.  Ein  Gerücht 
sagt,  dass  er  schon  früher  einmal,  bald  nach  dem  Tode  der 
Monarchin,  eine  ähnliche  Anzahl  eigenhändiger  Schreiben  der- 
selben auf  gleiche  Weise  vertilgt  habe"  (62)  wodurch  auch 
die  bei  Blum  angegebene  Zahl  400  ihre  Erklärung  findet  (IV,  650), 
Man  kann  dieser  Angabe^Glauben  schenken:  Rambach  schrieb, 
als  noch  der  Bediente  des  Grafen  Sievers,  der  unfreiwillige 
Theilnehmer  an  der  Verbrennung  der  Briefe,  am  Leben  war, 
und  die  Verwandten  des  Grafen,  sein  Bruder  Peter  und  Pro- 
fessor HeiTmann,  theilten  ihm  solche  Familiennachrichten  mit, 
die  sich  noch  frisch  im  Gedächtniss  der  Lebenden  erhalten 
hatten.  Der  vom  Verfasser  öfters  erwähnte  „Augenzeuge" 
(39,  47,  48)  war  eben  der  genannte  Professor  Hermann  (75), 
Der  biedere,  rechtliche  Sievers  erfreute  sich  immer  allgemeiner 
Hochachtung:  die  Nowgoroder  Bauern  empfingen  ihren  ge- 
liebten Gouverneur  im  Jahre  1799  mit  Salz  und  Brod  (39), 
und  sogar  die  Polen  schützten  und  bewahrten  zur  Zeit  der 
Wirren  sein  Eigenthum  (55).  Katharina  schätzte  ihn  hoch 
und  hatte  Vertrauen  zu  ihm.  Zum  ersten  Male  sah  sie  Sievers 
und  sprach  mit  ihm  in  Biga,  im  Jahre  1764  (34);  gemäss 
seinen  Rathschlägen  und  unter  seiner  Mitwirkung  begründete 
sie  die  Statthalterschaften  (44),  eröfinete  die  Assignationen- 
Bank  (50),  hob  die  Folter  auf  (41,  43),  dessen  sie,  mit  Bezug- 
nahme auf  seine  Worte,  im  §  123  der  berühmten  Instruction 
Erwähnung  that  Etagen  gegen  Sievers  überwies  sie  zur  Ent- 
scheidung an  ihn  selbst  (45).  Als  Katharina  später  den  Grafen 
Sievers  erneut  zum  Staatsdienst  berief  und  ihn  zum  Gesandten 
beim  Könige  vom  Polen  und  bei  der  polnischen  Republik  er- 
nannte, Hess  sie  sich  dadurch  leiten,  dass  Sievers,  als  er  in 
seiner  Jugend  in  England  gelebt,  sich  mit  dem  Grafen  Ponia- 
towski  befreundet  hatte,  der  später  als  Stanislaus-August  pol- 
nischer König  wurde. 


—     172 

In  der  Beilage  ist  ein  vom  Grafen  J.  Sievers  zusammen- 
gestellter „Pr6cis  sur  la  famille  des  Sievers  de  Bauenhof  et 
des  comtes  de  ce  nom"  (64)  abgedruckt. 

896«  Ryska  KejsarmDan  Catharina  II'b  historia  af  J.  Castera,  Öfver- 
sftttning.    Stockholm. 

Eine  üebersetzung  von  No.  794. 

897«  Histoire  de  Pugatschew,  par  Adelaide  Horde,  ^I^ve  du  Conser- 
vatoire.    2  vis.    Paris,  1809. 

Es  ist  dies  ein  höchst  ungenirtes  Plagiat  —  ein  Nachdruck 
von  No.  270.  Die  kurze  ,,pr6face''  schliesst  folgendermassen : 
Cet  ouvrage  ^crit  en  russe,  et  fait  pour  les  Busses,  m'a  sembl^ 
m6riter  d'etre  plus  g6n6ralement  connu,  et  je  Tai  traduit  en 
frangais"  (VIII). 

Wie  das  Vorwort  verändert  ist,  so  ist  auch  der  Text 
selbst  bedeutend  verkürzt,  wobei  auch  „les  notes  historiques 
et  politiques^^  des  Originals  in  Wegfall  gekommen  sind,  und 
die  Erzählung  selbst  in  48  Kapitel  getheilt  ist,  —  21  im 
ersten  Theile  und  27  im  zweiten. 

898.  M^moires  et  actes  autentiques  relatife  aox  n^gociations,  qui  ont 
pr^c^d^s  le  partage  de  la  Pologne,  tir^s  du  portefeuille  d*uii 
ancien  Ministre  du  18-^me  siöcle.    [Ooertx.]    S.  1.,  1810. 

Eine  Sammlung  von  34  Documenten,  die  auf  den  Friedens- 
schluss  zwischen  Russland  und  der  Türkei  Bezug  haben,  da- 
tirend  aus  der  Zeit  vom  Januar  1771  bis  zum  Juni  1774'. 
Von  den  34  Documenten  wird  nur  in  11  derselben  die  erste 
Tlieilung  Polens  erwähnt,  und  in  der  Ueberschrifb  der  Samm- 
lung wird  Polen  wahrscheinlich  nur  zu  dem  Zwecke  genannt, 
um  Leser  damit  anzuziehen.  Wer  hätte  sich  im  Jahre  1810 
wohl  für  die  Präliminarien  des  Friedens  vonEutschuk-Kainardschi 
interessirt?  während  die  polnische  Frage  zu  dieser  Zeit  von 
Napoleon  I.  bereits  auf  die  Tagesordnung  gesetzt  war. 

Diese  Documentensammlung  ist  sehr  wichtig  für  die  G-e- 
schichte  des  ersten  türkischen  Krieges.     Sie  beginnt  mit  einem 


—     173     — 

Briefe  N.  J.  Panins  an  den  Fürsten  Golizyn  in  Wien,  in 
welchem  es  heisst,  dass  ,,rimperatrice,  ayant  adopt^  pour 
maxime  constante  de  ne  Youloir  aucun  agrandissement  k  ses 
Etats''  Yor  Anknüpfimg  irgend  welcher  Friedensverhandlungen 
als  unerlässliche  Bedingung  die  Forderung  der  Freilassung 
Obrjeskows  stellte  (9).  Im  „Exqos6  confidentiel  des  intentions 
de  rimpöratrice  sur  sa  pacification  avec  les  turcs,  communiqu6 
au  prince  de  Lobkowitz'^  sind  nachstehende  drei  Friedensbe- 
dingungen aufgestellt  und  eingehend  erörtert:  1)  ,,Diminuer 
les  facilit6s  de  la  Porte  ä  attaquer  l'Empire  de  toutes  les 
Russies^';  2)  ,,Un  d^dommagement  raisonnable  ä  la  Bussie  pour 
les  frais  d'une  guerre'^;  3)  ,,Affiranchis  de  leur  entrayes  le 
commerce  et  les  liaisons  imm^diates  entre  les  sujets  des  deux 
Empires^'  (24).  In  dem  Vorschlage  des  Fürsten  Eaunitz  sind 
folgende  Bedingungen  aufgeführt:  1)  „la  possession  de  la  yille 
et  du  territoire  d'Asow";  2)  „Celle  de  deux  Cabarda";  3)  la 
commerce  et  la  libre  navigation  sur  la  Mer  Noire";  4)  „Un 
dödommagement  sufßsant  en  argent  comptant  pour  les  fraix 
de  la  guerre"  (83).  Diese  zwei  Vorschläge  wurden  seitens  der 
Vertreter  Oesterreichs  und  Russlands  (116,  157)  und  in  dem 
Schriftwechsel  der  Monarchen  debattirt. 

Folgende  Briefe  Katharinas  sind  bereits  in  der  letzten 
Zeit  herausgegeben  worden:  a)  der  an  Friedrich  IE.  vom  De- 
zember 1770  (107)  —  in  der  „Sammlung"  XX,  284,  wo  der 
Brief  mit  dem  Datum  des  9.  Dezember  versehen  ist;  b)  „Re- 
flexions de  Sa  M.  le  roi  de  Prusse,  le  15  Janvier  1771  (129) 

—  Ibid.,  291,  wo  dies  Schriftstück  als  ein  dem  Briefe  des 
Königs  beigelegtes  „Memoire"  bezeichnet  ist;  c)  an  Fried- 
rich n.  vom  15.  Januar  1771  (136)  —  Ibid.  297,  jedoch  be- 
zeichnet mit  dem  Datum  des  19.  Januar;  d)  an  Friedrich  II. 
vom  26,  Mai  1774  (242)  —  Ibid.  343,  doch  mit  dem  Datum 
des  28.  Mai;  und  e)  an  Joseph  IL  vom  26.  Mai  1774  (253) 

—  Ameth  (1).     Im   dritten   Briefe    (vom   15.  Jan.)   schreibt 


-     174     - 

Katharina  an  Friedrich  II.:  „Je  joins  ici  une  copie  de  la  lettre 
du  comte  Panin  au  prince  Galitzine"  („Sammlung",  XX,  304), 
die  Coqie  selbst  aber  findet  sich  nicht  in  der  Ausgabe  der 
Russischen  historischen  Gesellschaft,  während  dieser  wichtige- 
Brief  in  der  uns  hier  vorliegenden  Documentensammlung  voll- 
ständig abgedruckt  ist  (153). 

Am  18.  Oktober  1771  sprach  Fürst  Kaunitz  zum  Fürsten 
Golizyn:  „Ma  cour  ne  pourra  pas  prendre  sur  eile  de  coo- 
p^rer  le  nouveau  plan  de  pacification  k  moins  que  la  cour  de 
P^tersbourg  ne  lui  donne  des  assurances  bien  positives  au 
pröabable,  comme  quoi  qu'elle  ne  d^sire  point,  ni  ne  d^sirera 
jamais  d'assujetir  la  Pologue  k  aucun  d^membrement,  ni  pour 
son  propre  avantage,  ni  pour  celui  de  qui  que  ce  soit"  (85)  — 
eine  kategorische  Aeusserung  gegen  die  Theilung  Polens ;  wozu 
Fürst  Kaunitz  noch  hinzufügte:  „bien  entendu  neanmoins,  que 
L  L.  MM.  II.  comptent  de  revendiquer  les  13  villes  du  comitat 
de  Zips"  —  eine  directe  Erklärung  für  eine  Theilung,  wie 
Fürst  Golizyn  hierauf  auch  hinwies:  „cette  prise  de  possession 
des  villes  de  Zips  aurait  6galement  Tair  d'un  d^membre- 
ment"  (86).  Auf  Grund  dieses  Gespräches  haben  preussische 
Historiker  eine  Zeitlang  die  Ansicht  verfochten,  die  erste  An- 
regung zur  Theilung  Polens  sei  von  Oesterreich  ausgegangen. 

Der  Frage  der  Theilung  Polens  sind  in  dieser  Sammlung 
einige  Documente  gewidmet,  jedoch  nur  selten  vollständig, 
sondern  meist  nur  in  beiläufiger  Erwähnung  (85,  99,  102,  160, 
175,  186,  200,  205,  217),  da  die  Hauptfrage  stets  der  russisch- 
türkische Frieden  bleibt. 

Im  Titel  des  Werkes  ist  gesagt,  dass  diese  Documente 
,,sonttir6sduportefeuille  d*un  ancien  ministre  du  XVIII.  si6cle*\ 
Die  Vermuthung  erscheint  berechtigt,  dass  dieser  „ancien 
ministre"  für  seine  Veröffentlichung  die  Mitwirkung  irgend 
eines  russischen  Beamten  herangezogen  hat,  und  zwar  deshalb, 
weil  alle  Dokumente,  mit  Ausnahme  nur  der  Briefe  Katharinas, 


-       175     - 

richtig  datirt  sind  —  in  der  „Sammlung"  sind  sie  abgedruckt 
nach  den  im  Berliner  Archiv  aufbewahrten  Originalen,  und 
mit  dem  Tage  der  Unterschrift  Katharinas  datirt,  während  in 
der  uns  hier  beschäftigenden  Publication  diese  Briefe  um 
einige  Tage  früher  datirt  sind,  offenbar  nach  den  Concepten, 
da  dem  Beamten  der  Tag  der  Unterschrift  nicht  bekannt  war. 
Beer  ist  daher  im  Irrthum,  wenn  er  äussert,  dass  diese  Doku- 
mente „aus  dem  preussischen  Archive*^  herstammen  (III,  Vor- 
rede). Gegenwärtig  nimmt  man  an,  der  Herausgeber  dieser 
Sammlung  sei  der  Graf  Goertz  gewesen,  preussischer  Gesandter 
am  russischen  Hofe  in  den  Jahren  1779  bis  1786  (Dohm, 
I,  453;  Smitt,  Le  partage  de  la  Pologne,  80;  F.  v.  S.,  die 
Theilung  Polens,  33). 

Die  Ausgabe  ist  äusserst  nachlässig  veranstaltet.  Damit 
die  russisch-türkische  Frage  in  den  Vordergrund  gestellt  erscheint, 
sind  die  Dokumente  nicht  chronologisch  geordnet,  —  man 
muss  mit  den  Seiten  100 — 145  beginnen,  und  erst  dann  auf 
S.  1  u.  ff.  übergehen  (Dohm,  I,  453). 

Das  Buch  ist  ins  Polnischo  übersetzt   worden  (No.  953). 

8^.  A  Winter  in  Edinburgh,  or  the  Bussian  brothers.  A  novel,  in 
three  volumes,  by  H.  Scott,    London,  1810. 

Es  ist  hier  das  Schicksal  eines  der  phantastischen  Grafen 
Ssoltykow,  Alexej,  der  einen  Winter  in  Edinburg  verbracht 
Latte,  erzählt.  Katharinas  geschieht  nur  im  Anfange  des 
Bomans  Erwähnung  (I,  8,  13,  63),  beständig  mit  dem  Epi- 
theton „graceful^^     Der  Roman  hat  für  uns  keine  Bedeutung. 

900.  Reise  von  Buckarest,  der  Hauptstadt  in  der  Wallachei,  über 
Giurgewo,  Bustschuk,  durch  Oberbulgarien,  bis  gegen  die 
Gränzen  von  Bumelien,  und  dann  durch  Unterbulgarien  über 
Silistria  wieder  zurück,  im  Jahre  1789.  Vom  bairischen  Major 
von  Qugomos.    Landshut,  1812. 

Fast  sechs  Jahre  lang,  mit  Unterbrechungen,  hatte  Alexan- 
der I.  mit  der  Türkei  Krieg  gef&hrt,  und  im  Mai  1812  war 


—     176    — 

der  Bukarester  Frieden  bereits  unterschrieben,  als  der  bay- 
rische Major  und  Eammerherr  auf  den  Gredanken  kam,  seine 
Beisebeschreibung  herauszugeben  ,,zur  Eenntniss  der  Gegenden 
des  wirklichen  Kriegsschauplatzes  der  Russen  und  Türken  an 
den  beiden  Ufern  der  unteren  Donau,  nebst  Berichtigung  der 
verschiedenen  Meinungen  über  Politik,  die  Sitten,  den  Earakter 
und  die  militärische  Organisation  der  Muselmänner  und  einem 
durch  Thaten  des  Krieges  Tom  Jahre  1789  auf  den  Ausgang 
des  wirklichen  Krieges  hindeutenden  Anhange.^^ 

Vom  Norember  1789  an  feinden  in  Schumla,  wo  der  Gross- 
Tezir  stand,  Friedensverhandlungen  statt;  dort  befeuiden  sich 
in  diesem  Anlass  die  russischen  Bevollmächtigten  „Oberst- 
leutenant  von  Parozzi"  und  „Graf  von  Melissino",  und  die 
österreichischen  —  Baron  von  Stürmer  und  Baron  von  Wallen- 
burg.  Der  Verfasser  brachte  Depeschen  aus  Bukarest  über 
Ruschtschuk  nach  Schumla,  und  kehrte  von  da  über  Silistria 
wieder  zurück,  welche  Reise  vom  19.  Mai  bis  zum  12.  Juli  1790 
dauerte.  Irgend  etwas  Wichtiges  konnte  der  Verfasser  auf 
dieser  Reise  freilich  weder  sehen  noch  sonst  in  Erfahrung 
bringen,  doch  hat  er  Alles  sorgfältig  aufgezeichnet,  sogar  das, 
was  ihm  seine  Führer  erzählten  (28),  und  was  er  sah  (37), 
wobei  er  auch  mancherlei  Ungereimtheiten  registrirte  (15,  19, 
22,  83),  indem  er  sich  nicht  selten  auf  die  Angaben  der  Land- 
polizisten verliess  (56).  „A  vol  d'oiseau"  hat  er  Schurscha  (10), 
Ruschtschuk  (16),  Schumla  (87)  und  Silistria  (91)  beschrieben; 
nach  Hörensagen  sind  von  ihm  der  Sultan  und  der  Grossvezir 
charakterisirt,  und,  ohne  dabei  auf  einer  solideren  Grundlage 
zu  fussen,  die  Janitscharen  (163)  und  die  türkische  Artillerie  (65) 
beschrieben.  Zur  Charakteristik  des  Verfassers  genügt  es,  die 
lange  Auseinandersetzung  zur  Vergleichung  der  Türken  mit 
den  Römern  zu  lesen  (38 — 41).  Mit  den  Russen  vergleicht  er 
die  Türken  in  folgender  Weise:  „Unmöglich  ist  es  also,  dass 
man  die  Türken  als  die  tapferste  Nation,  und  als  jene,  welche 


—     177     — 

die  meisten  militärischen  Tugenden  besitzt,  halten  kann  — 
Was  ist  denn  der  Kusse?  Ist  je  der  Türke  tapferer  gewesen, 
als  der  Moskovite?  Wer  besitzt  mehr  militärische  Tugend, 
jener,  der  beym  geringsten  Widerstand  staubaus  macht,  keine 
Ordre  mehr  hört  und  selbst  seinen  Bruder  umbringt,  wenn 
er  ihn  in  der  Flucht  einhalten  will,  oder  der,  welcher  wie  ein 
Busse,  selbst  bei  dem  augenscheinlichen  Tode  nicht  weicht, 
wenn  ihm  nicht  sein  kommandirender  Offizier  retiriren  heisst^'  (44). 
Die  Beilage  bringt  eine  ausführliche  Beschreibung  der 
Schlacht  bei  Fokschany,  vom  21.  Juli  1789  (Petrow,  II,  34) 
mit  einem  schön  ausgefbhrten  „Plann  der  am  1.  August  1789 
gegen  die  Türken  gewonnenen  Schlacht  bey  Foczan  in  der 
Wallachey",  und  dazu:  „Ordre  de  bataille". 

901.   Les  Bosses  en  Pologne.   Tablean  historique  depuis  1762jusqu*ä, 
nos  Jon».    Par  A.  de  Chaxet,    PaiiS)  1812. 

Im  Juni  1812  überschritt  Napoleon  den  Njemen  auf  dem 
Marsche  nach  Moskau,  und  im  September  erschien  das  hier 
angeführte  Pamphlet.  „Tant  que  Tempereur  Alexandre  a 
consery^  des  relations  amicales  a^ec  la  fVance,  on  devait 
s'abstenir  de  retracer  les  torts,  les  fautes,  j'ai  presque  dit  les 
crimes  des  Busses  en  Pologne;  mais  aujourd'hui''  ...  ist  es 
gestattet,  jeden  beliebigen  Unsinn  über  Bussland  zu  drucken 
(„Avant-propos").  Der  Zweck  der  Broschüre  ist  mit  aus- 
reichender Deutlichkeit  bezeichnet:  „Braves  Polonaisl  combi^d 
votre  sort  est  chang6  en  un  moment!  Les  Busses  vous  avaient 
apport^  la  desolation,  la  misfere,  la  famine  et  la  mort  — 
Napol6on  tous  donne  un  rang  politique  et  one  existence  du- 
rable;  tous  6tiez  esclayes  d'un  peuple  esclaye  —  tous  §tes 
les  alli6s  et  presque  les  concitoyens  de  la  grande  nation. 
Meritez  de  si  grands  bienfaits;  Totre  triomphe  dopend  de  Totre 
pers^vörance,  NapolÄon  vous  Ta  dit"  (40) 

Die  Broschüre  ist  herausgegeben  mit  einer  üebersetzung 
ins   Polnische,    „texte   en   regard^^,    indessen,    da   es   in   den 

BilbasBoff,  Katharina  U.  12 


-^     178     — 

Pariser  Druckereien  an  polnischer  Schrift  fehlte,  ohne  Unter- 
scheidung der  Nasallaute  und  ohne  die  übrigen  besonderen 
Zeichen  dieser  Schrift.  Und  zu  dieser  Sonderbarkeit  macht 
der  Herausgeber  dann  noch  folgende  Bemerkung:  „Tlomacz 
przymuszony  iest  niektore  zrobie  odmieny  w  ortografij  polskiey 
dla  dopelnienia  niektorych  liter  brakuioncych  w  drukarni  fran- 
cuskiey  (Przedmowa)." 

902.  Wesentliche  Betrachtungen  oder  Geschichte  des  Krieges  zwischen 
den  Osmanen  und  Bussen  in  den  Jahren  1768  bis  1774  von 
Besmi  Achmed  Efendiy  aus  dem  Türkischen  übersetzt  und  durch 
Anmerkungen  erläutert  von  H.  F.  von  Diex.    Halle,  1813. 

Achmed  Efendi,  der  wegen  seiner  Kenntniss  des  Gewohn- 
heitsrechtes den  Beinamen  Resmi  erhalten,  war  Vertreter  der 
Türkei  in  Wien,  im  Jahr  1757,  und  darauf,  im  Jahre  1763, 
in  Berlin;  später  war  er  Hofmarschall  am  Hofe  des  Sultans, 
Marineminister,  und  zuletzt  Kiaga-Bey,  d.  h.  erster  Minister 
nach  dem  Grossvezir.  In  dieser  Eigenschaft  begleitete  er  den 
Grossvezir  zum  ersten  türkischen  Ejdege,  verfasste  seit  1769 
die  officielle  Beschreibung  der  Kriegsereignisse,  imd  unter- 
schrieb als  BeToUmächtigter,  den  Friedensvertrag  von  Kutschuk- 
Kainardschi.  Seine  „Wesentlichen  Betrachtungen"  verfasste 
er  im  Jahre  1776  (33),  also  unter  dem  noch  frischen  Eindruck 
des  von  ihm  Gesehenen  und  Gehörten.  Seine  „Gesandschaft- 
lichen  Berichte"  (BerUn  1809)  aus  Wien  und  Berlin  lassen 
Beobachtungsgabe,  Bildung  und  Verstand  erkennen;  in  seinen 
J.Wesentlichen  Betrachtungen"  machen  sich  Ironie,  scharfer 
Spott  und  originelle  Anschauungen  bei  aller  Geradheit  des 
Charakters  bemerkbar,  was  dann  auch  Anlass  dazu  gab,  dass 
er  alle  seine  amtlichen  Stellungen  einbüsste.  Die  letzten 
Jahre  seines  Lebens  verbrachte  er  in  der  Einsamkeit,  von 
Allen  vergessen.  Er  starb  im  Jahre  1787,  erblindet.  Für 
die  militärische  Geschichte  des  ersten  türkischen  Krieges  ist 
sein  Werk   eine   höchst   werthvoUe  Quelle.     Der  Name  Diez 


-     179     - 

bürgt  für  die  Genauigkeit  der  Uebersetzung;  hinsichtlich  der 
Anmerkungen  und  Erläuterungen  Diezs  darf  man  nicht  ausser 
Acht  lassen,  dass  ihm  die  russischen  Quellen  nicht  zugänglich 
waren. 

Nach  einem  kurzen  Vorwort  „Einleitung  erklärt  die 
Ursachen,  welche  die  Entstehung  des  erwähnten  Krieges  ver- 
anlasst haben''  (61);  eine  besondere  Beilage  hierzu  ein  „An- 
hang meldet  die  Sachen,  die  in  Beziehung  auf  die  schlechten 
Maasregeln  zum  Vorschein  gekommen  sind''  (79).  Darnach 
zerfällt  das  ganze  Werk  in  sechs  Kapitel:  1.  Erstes  Kapitel 
erklärt  des  Muchsin  Zadö's  Absetzung,  des  Hamsa  Pascha's 
sonderbares  Betragen  während  des  Wezirats  von  einem  Monat 
und  des  Emin  Pascha's  Ernennung  zum  Gross wezirat  und 
seinen  Ausmarsch  zum  Kriege  mit  der  heiligen  Fahne"  (93); 
an  dies  erste  Kapitel  schliesst  sich  eine  Vollendung  des 
ersten  Kapitels,  erklärt  die  Handlungen  des  Bostantschi  Aly 
Pascha  (120);  2.  Zweytes  Kapitel,  erklärt  die  Begebenheiten 
zur  Zeit  des  Wezirats  des  Chalil  Pascha  und  die  Niederlage 
zu  Kartal  (127),  mit  einer  kleinen  Einschaltung  (147), 
3.  Drittes  Kapitel,  erklärt  die  Begebenheiten  aus  der  Zeit  des 
Grosswezirats  des  Silichdar  Muhammed  Pascha  (164);  4.  Viertes 
Kapitel  erklärt  die  Vorfälle  aus  dem  ersten  Jahre  des  Wezi- 
rats des  Muchsin  Zadö  Muhammed  Pascha  (175)  mit  kleinem 
Anhang  (199);  5.  Fünftes  Kapitel,  erklärt  eie  Begebenheiten 
des  Jahres  1773  aus  der  Zeit  des  Grosswezirats  des  Muchsin 
Zad^  (218);  6.  Sechstes  Kapitel,  erklärt  die  Begebenheiten  des 
Jahres  1774  unterm  Grosswezirat  des  Muchsin  Zadfe"  (225), 
gleichfalls  mit  einem  kleinen  „Anhang"  (239).  Sodann  „Be- 
schluss  erklärt  die  ungeziemlichen  Dinge,  welche  nach  ge- 
schlossenem Frieden  und  nach  geschehener  Auswechselung  der 
Gesandten  durch  die  Widersetzlichkeit  der  Einwohner  der 
Krimm  zum  Vorschein  gekommen  sind"  (250).  Den  Schluss 
des  Werkes  bildet  dann  die  ftlr  uns  in  erster  Linie  interessante 

12* 


-        180     — 

„Vollendimg^'  (279),  die  ausdrücklich  dem  russischen  Hofe  ge* 
widmet  ist,  zur  Beleuchtung  aller  der  Massregeln,  durch  welche 
Russland  „das  Eriegsglück  auf  seine  Seite  lenkte'^  Der  Ver- 
fasser weist  darauf  hin,  dass  die  Russen  schon  seit  lange  sich 
zum  Ejiege  mit  der  Türkei  vorbereitet  hatten,  nicht  nur  an 
der  Donau  und  in  der  Ejdm,  sondern  auch  in  G-rusien  und 
Morea  (287),  und  betont  femer  die  taktische  Ueberlegen- 
heit  der  Russen  (302).  Dazu  kämmen  dann  noch  zwei  zu- 
fällige Umstände,  die  den  Russsen  sehr  zu  statten  kamen; 
der  Aufstand  Ali-Beys  von  Egypten  (294)  und  die  Thatsache, 
dass  den  russischen  Thron  inne  hatte  „eine  listige  und  unter- 
nehmende Kaiserin,  die  von  der  im  vorigen  Jahre  verstorbenen 
Maria  Theresia  die  Kunst  erlernt  hatte,  die  Männer  zu  be- 
zaubern, und  der  es  beschieden  war,  die  Orlows  und  Rum- 
janzow  auf  ihrer  Seite  zu  haben.^'  (283). 

Interessant  ist  folgende,  vom  Verfasser  mitgetheilte  neue 
Nachricht:  auf  dem  Gongresse  zu  Fokschany  liessen  die  russi- 
schen Bevollmächtigten,  Orlow  und  Obrjeskow,  die  Vertreter 
Oesterreichs  und  Preussens  nicht  zur  Antheilnahme  zu  (179). 
Auch  in  No.  876  wird  dieser  interessanten  Thatsache  erwähnt 
(IV.  25). 

90S.   Anna  Petrowna,  fille  d'Elisabeth,  imp^ratrice  de  Bassie.  Histoire 
vöritable,  publice  par  Mme.  de  R.  [Barne],   2  vis.   Paris»  1818. 

Madame  de  Rome,  n6e  Mlle.  Mam6  de  Morville  (Qu6rard, 

VII,  135)  ist  sogar  unsicher  hinsichtlich  der  Namensbezeichnung 

des  Vaters  der  Heldin  ihres  Romans,  und  nennt  sie  im  zweiten 

Theile:  „Anna  Paulowna"  (II,  44).    Die  Geschichte  der  Tara- 

kanow   hat  hier   eine  ganz  eigenartige  Darstellung   erfahren: 

aus  S.t.  Petersburg  wird  sie  zur  Einkerkerung  im  Kreml  nach 

Moskau   geschickt     Durch   die   Tochter    des   Commandanten 

jedoch  befreit,  lebt  sie  darauf  in  der  Krim  und  in  Ghersson, 

wo  Joseph  der  IL  sie  im  Jahre  1787  der  Kaiserin  Katharina  11. 

vorstellt,  mit  der  Bitte,  ihre  Vergehungen  ihr  zu  verzeihen. 


—     181     — 

„Un  intercesseur  tel  que  Votre  Majest^  est  hien  oertain 
d'obtenir  gräce  au  justice  pour  ceux  pn'il  honore  de  sa  pro- 
tection imperiale' ^  (II,  257),  spricht  Katharina  und  schenkt 
der  Tarakanow  20.000  Rubel. 

Peter  HI.  wollte  den  „priv6  de  la  raison"  Iwan  III.  mit 
der  Tarakanow  verheirathen  (I,  205,  218,  215);  bei  der  Be- 
erdigung Elisabeth  Petrownas  „le  clerg6  s'empare  de  Toffirande, 
pos^e  sur  une  table  placöe  assez  pr6s  du  lit;  cette  offi-ande, 
qn'on  renouvelle  chaque  jour,  consiste  en  un  certain  nombre 
de  plats  ou  bassins  d'orfövrerie,  remplis  d'alimens  cuits" 
<I,  201> 

Katharina  hat  hier  eine  sympathische  Darstellung  ge- 
funden. In  beiden  Theilen  wird  sie  dargestellt  als  „resclave 
couronn^e  de  l'ambitieux  Orlow"  (I,  112),  der  ihr  immer  das 
ßchreckbild  einer  Empörung  vor  Augen  hält,  und  sie  durch 
diesen  Betrug  beherrscht.  Alexej  Orlow  freilich  handelte  nach 
ihren  Befehlen,  „mais  il  est  certain  aussi  qu'il  les  a  outre- 
pass^''  (II,  128);  sie  sprach  ihr  Bedauern  aus  hinsichtlich 
4er  Tarakanow  (II,  182)  und  verzieh  ihr  schliesslich. 

904.   Histoire  de  Catherine  II,  imp^ratrice  de  Bussie,  et  de  Paul  I, 
son  filB,  par  F.  Attguü.    Paris,  1813. 

Es  ist  dies  ein  Nachdruck  aus  Levesque  (No.  ^27),  was 
auch  im  Titel  angegeben  ist:  „extrait  des  tomes  V  et  VI  de 
THistoire  de  de  Eussie  par  M.  Charles  Levesque^'.  Der  Re- 
gierung Katharinas  sind  die  ersten  143  Seiten  gewidmet.  Die 
Auswahl  der  Seiten  ist  nach  der  Ausgabe  vom  Jahre  1812 
vorgenommen,  und  zwar  äusserst  nachlässig. 

Das  Buch  kann  als  Zeugniss  daf&r  angef&hrt  werden,  dass 
das  französische  Publicum  in  damaliger  Zeit  aus  der  ganzen 
Oeschichte  Russlands  nur  für  Katharina  11.  und  Paul  I.  Inte- 
resse hatte,  weil  diese  einen  gewissen  Einfluss  auf  die  Ge- 
schicke Frankreichs  geübt  hatten;  damit  man  nicht  alle  acht 
Bände  des  Werkes  von  Levesque  zu  kaufen  brauchte,  wurde 


—     182     — 

durch  irgend  einen  nicht  weiter  bekannten  Auguis  ein  „extrait" 
aus  diesem  Werke  veranstaltet. 

905.  Denkwürdigkeiten  meiner  Zeit,  oder  Beiträge  zur  Geschichte 
vom  letzten  Viertel  des  achtzehnten  und  vom  Anfang  des  neun- 
zehnten Jahrhunderts,  1788  bis  1806,  von  C.  W.  von  Dohm^ 
5  Bde.    Hannover,  1814. 

Christian  Wilhelm  Dohm,  1751 — 1782,  trat  auf  Andringen 
des  preussischen  Ministers  Hertzberg,  den  Katharina  hasste 
(„Sammlung",  XXIII,  380;  XXVII,  425;  „Archiv  des  Füi-sten 
Woronzow",  XVI,  255,  258,  262;  XXVIII,  77,  81,  82)  und 
als  „tres  grossier  pom^ranien*'  bezeichnete  („Sammlung",  512)^ 
im  Jahre  1779  in  das  Departement  des  Aeussem  als  Kriegs- 
rath,  geheimer  Secretär  und  Archivarius;  im  Jahre  1783  war 
er  schon  Geheimrath,  und  im  Jahre  1786  bevollmächtigter 
Minister  am  kurkölnischen  Hofe;  er  war  preussischer  Gesandter 
auf  dem  Friedenscongress  von  Rastatt,  Administrator  in  Gos- 
lar, und  später,  im  Jahre  1804  wurde  er  Präsident  der  Do- 
mänenverwaltung im  vormaligen  kurmainzischen  Bezirke. 
Während  seiner  dienstlichen  Thätigkeit  machte  der  Verfasser 
beständig  Aufzeichnungen:  er  führte  zwar  kein  regelmässiges 
Tagebuch,  notirte  jedoch  alles  Interessantere,  und  führte  in 
freierer  Zeit  einzelne  Episoden  auch  vollständiger  aus.  Im 
Jahre  1807,  nach  dem  Tilsiter  Frieden,  war  er  zwar  nicht 
mehr  preussischer  Unterthan,  doch  verliess  er  den  Dienst  erst 
1810,  wegen  zerrütteter  Gesundheit,  und  beschäftigte  sich  dann 
mit  der  Ordnung  seiner  „Denkwürdigkeiten  meiner  Zeit", 
deren  erster  Band  im  Jahre  1814  erschien,  während  der 
fünfte  und  letzte  im  Jahre  1819  herausgegeben  wurde. 

Der  von  uns  wiedergegebene  Haupttitel  des  Dohmschen 
Werkes  weist  auf  die  Absicht  des  Verfassers  hin,  die  Zeit 
vom  Jahre  1778  bis  zum  Jahre  1806  zu  behandeln;  thatsäch- 
lich  aber  hat  er  in  allen  fünf  Bänden  nur  die  neunjährige 
„Geschichte  der  letzten  Periode  Friedrich  des  Zweiten,  Königs 


—     183     — 

von  Preussen,  1778 — 1789",  zur  Darstellung  gebracht,  wobei 
der  Verfasser  vorzugsweise  die  deutsch-preussischen  Interessen 
im  Auge  hatte:  „Meine  Erzählungen  werden  vorzüglich  auf 
die  Angelegenheiten  Deutschlands*  und  Preussens  und  deren 
gegenseitiges  Einwirken  gerichtet  sein"  (Vorrede,  XXIX).  Auf 
Bussland  und  Katharina  nimmt  der  Verfasser  daher  nur  inso- 
weit Bezug,  als  sie  zu  dem  Leben  und  der  Thätigkeit  Fried- 
richs n.  flir  die  bezeichneten  neun  Jahre  in  Verhältniss  ge- 
standen haben.  Dennoch  sind  seine  Denkwürdigkeiten  für 
uns  von  grossem  Werth,  da  er  viele  persönliche  Erinnerungen 
und  mündliche  Ueberlieferungen  aufbewahrt,  mit  den  Staats- 
männern seiner  Zeit  stets  Beziehungen  unterhalten  und  über 
deren  Anschauungen  und  Meinungen  berichtet  hat.  So  schreibt 
der  Verfasser  das  „griechische  Project"  dem  Grafen  Münnich 
zu,  und  bemerkt:  „Diese  Umstände  sind  nur  durch  Dr.  Büsch- 
ings  mündliche  Erzählung  bekannt,  der  sie  vom  Feldmarschall 
Münnich,  dessen  Vertrauen  er  genoss,  selbst  erfahren  hatte" 
(II,  15).  Wichtige  Nachrichten  hat  der  Verfasser  auch  von 
dem  Grafen  Görtz  erhalten,  der  lange  Zeit  hindurch  preussischer 
Gesandter  in  St.  Petersburg  gewesen  war  (II,  XIV,  105),  und 
vieles  hat  er  von  dem  preussiscben  Minister  Hertzberg  gehört 
(II,  125),  und  von  Personen,  die  zu  Hanois,  dem  englischen 
Gesandten  in  St.  Petersburg,  in  Beziehung  gestanden  hatten 
(II,  106);  der  Verfasser  hat  selbst  die  Zeichnung  für  die 
Medaille  auf  die  Einnahme  Konstantinopels  gesehen  (II,  16)  u.  s.  w. 
Dazu  hatte  der  Verfasser,  als  Archivar  des  Departements  des 
Aeussem  die  Möglichkeit,  mit  den  Documenten  zur  Geschichte 
der  ihn  interessirenden  Fragen  sich  bekannt  zu  machen  (Vor- 
rede, XIV). 

Bei  der  Leetüre  der  fünf  Bände  der  „Denkwürdigkeiten" 
Dohms  gewinnt  man  die  Anschauung,  dass  der  durch  allerlei 
kleinliche  deutsche  Angelegenheiten  in  Anspruch  genommene 
Verfasser  sich  durch  eine  überaus  beschränkte  Weltanschauung 


-     184     — 

kennzeichnet.  Weit  angelegte  Pläne  und  im  voraus  bereits 
ins  Auge  gefasste  grosse  politische  Unternehmungen  will  er 
nicht  gelten  lassen;  sogar  bei  Friedrich  II.  erkannte  er  sie 
nicht  an,  so  sehr  er  ihn  auch  verehrte:  .,Weit  aussehende,  in 
die  ferne  Zukunft  reichende  und  fUr  verwickelte  mögliche  Um- 
stände berechnete  Pläne  im  Voraus  zu  machen,  und  sich  viel 
mit  ihnen  zu  beschäftigen,  scheint  nach  Allem,  was  wir  von 
Friedrich  wissen,  nicht  in  seinem  Charakter  gewesen  zu 
seyn"  (I,  443).  Zu  solchen  Plänen  hat  der  Verfasser  über- 
haupt nicht  Vertrauen,  und  sucht  sie  als  zufallige  Einfälle 
oder  aus  irgend  welchen  persönlichen  Regungen  herzuleiten. 
So  erklärt  der  Verfasser  die  polnische  Frage  und  die  türkischen 
Kriege  aus  dem  Bestreben  Katharinas,  die  Aufmerksamkeit 
der  russischen  Gesellschaft  abzulenken:  „Sobald  Katharina  IL 
den  Thron  bestiegen  hatte,  suchte  sie  die  Art,  wie  dies  ge- 
schehen war,  möglichst  bald  dadurch  in  Vergessenheit  zu 
bringen,  dass  sie  ihr  Volk  in  lebhafte  Bewegung  nach  Aussen 
setzte,  ihm  hohen  Ruhm  als  würdiges  Ziel  seiner  Thätigkeit 
zeigend,  imd  ihrem  Reiche  einen  Glanz  verschaffte,  der  zuvor 
nicht  gesehen  war"  (IV,  261).  Damit  erklärt  der  Verfasser 
auch  das  griechische  Project  Katharinas  (II,  8). 

Nicht  beiläufig,  sondern  in  sachlich  gebotenem  Anlass 
erwähnt  der  Verfasser  Katharinas  nur  zweimal:  zur  ersten 
Theilung  Polens  und  zum  Friedensvertrage  von  ^Teschen.  Der 
Verfasser  ist  überzeugt,  „dass  die  Idee  der  Theilung  Polens 
vom  Wiener  Kabinet  ausgegangen  sey"  (I,  16)  und  widmet 
der  Entlastung  Friedrichs  11.  eine  besondere  Untersuchung: 
„Ueber  die  erste  Theilung  Polens  und  Friedrichs  Antheil  an 
derselben"  (I,  433).  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  betrachtet 
er  die  Mittheüungen  von  Coxe  (446),  Wraxall  (448),  Görtz  (453), 
Dumouriez  (461),  und  kommt  zu  dem  Schluss,  „dass  Friedrich 
zwar  der  thätigste  Beförderer  der  Theilung  Polens  gewesen 
sey,  aber  dass  keineswegs  er  die  erste  Idee  derselben  gegeben 


--     185     — 

habe^'  (513).  Eine  weitere  Stütze  seiner  Ansicht  findet  der 
Verfasser  in  der  Mittheilung  des  Grafen  Görtz  (Q,  XLI). 
Im  Uebrigen  sucht  der  Verfasser  Friedrich  II.  nicht  zu  recht- 
fertigen^ sondern  ist  nur  bemüht^  seine  polnische  Politik  zu 
erklaren  (IV,  266). 

Dem  Teschener  Vertrage  ist  ein  besonderes  Kapitel  ge- 
widmet: ,, Unterhandlungen  des  Friedens  und  dessen  Abschluss 
zu  Teschen^^  (I,  194),  wobei  der  Verfasser  die  Bedeutung  des 
russischen  Vertreters  Fürsten  Bepnin  herabgesetzt  („Sammlung^S 
LXV),  und  den  französischen  Bevollmächtigten  Baron  Breteuil 
die  erste  Rolle  spielen  lässt.  Diesen  ganz  unbegründeten 
Standpunkt  hat  der  Verfasser  selbst  bei  der  Darstellung  der 
Verhandlungen  des  Herzogs  Karl  mit  dem  Grafen  Bumjanzow 
wieder  aufgegeben  (III,  41).  Der  Verfasser  ist  äusserst  unzu- 
frieden mit  der  Einmischung  Katharinas  in  dis  deutschen  An- 
gelegenheiten, und  schreibt  die  Schuld  hierfür  Oesterreich  zu: 
„Der  Wiener  Hof  war  es,  der  Russlands  Vermittelung  zuerst 
anrief  (I,  246). 

Sehr  interessant  sind  die  Einzelheiten  über  den  von  Fried- 
rich II.  geplanten  russisch-preussisch-türkisch-polnischen  Bund ; 
yergl.  auch  Laveaux  (in,  172)  und  Archenholtz  (Minerva, 
1797,  III,  230).  Friedrich  II.  war  überzeugt,  dass  eine  De- 
fensiv-AUianz  und  gegenseitige  Garantie  des  jetzigen  Besitz- 
standes zwischen  Russland,  ihm  selbst,  der  Pforte  und  Polen 
das  zweckmässigste  Mittel  seyn  dürfte,  dem  jetzt  im  östlichen 
Europa  bestehenden  Zustande  Dauer  zu  geben,  und  die  Ruhe 
gegen  jede  Unterbrechung  auf  lange  Zeit  zu  sichern  (I,  400). 
Es  ist  dies  eine  sehr  wichtige  Stelle  zur  Klarlegung  der  Be- 
ziehungen Friedrichs  zu  Katharina. 

Der  Verfasser  hat  Katharina  niemals  gesehen  und  urüieilt 
über  sie  nach  ihren  Thaten  und  nach  den  Aeusserungen 
dritter  Personen.  Er  beschuldigt  Katharina  des  Strebens  nach 
der   Herrschaft  über   den   Norden,   und   beweist   dies   damit, 


186     — 

dass,  als  der  Grrossfiirst  Paul  Petrowitsch  im  Jahre  1782 
Europa  unter  dem  Namen  eines  „Grafen  vom  Norden*^,  comte 
de  Nord  bereiste^  und  Einige  diesen  Titel  für  sehr  anspruchs- 
voll erklärten,  Katharina  bemerkt  habe:  „Warum  sollte  mein 
Sohn  nicht  den  Namen  eines  Landes  ftihren,  dessen  bey 
weitem  grössten  Theil  er  zu  beherrschen  bestimmt  ist.  Das 
Wenige,  was  daran  noch  fehlt,  kann  er,  wenn  es  ihm  beliebt, 
leicht  noch  hinzufügen"  (IV,  262).  Persönlich  war  der  Ver- 
fasser überzeugt,  ,,da8s  Catharina  auf  den  ihr  von  schmeichel- 
haften Zeitgenossen  beigelegten  Namen  der  Grossen  bey  der 
Nachwelt  nicht  Anspruch  machen  dürfe"  (I,  410).  Ueber  seine 
persönliche  Meinung  von  Katharina  s.  11,  7,  8,  51,  104.  Mit 
Befriedigung  und  wiederholt  erwähnt  er  der  Abneigung  Maria- 
Theresias  gegen  Katharina  (I,  196,  395),  erklärt  ihre  Anhäng- 
lichkeit an  den  Fürsten  Potonkin  durch  ihre  „Schamlosigkeit" 
und  Schwachheit  (I,  408),  und  zählt  die  Favoriten  auf,  welche 
diese  Monarchin  mehr  oder  weniger  unumschränkt  beherrschten" 
(IV,  466).  Besonders  antipathisch  ist  dem  Verfasser  der  Fürst 
Potemkin,  desser  er  oft  Erwähnung  thut  (I,  406,  408,  589; 
II,  5,  78,  108)  und  dem  er  eine  besondere  Untersuchung 
widmet  —  „Ueber  den  Fürst  Potemkin"  (I,  585).  Seiner  Dar- 
stellung nach  war  „dieser  unwissende  und  keine  Staatsver- 
hältnisse kennende  Potenkin"  (II,  5)  der  Ansicht,  dass  „Russ- 
land müsse  durchaus  ein  asiatischer  Staat  seyn"  (II,  78). 

Der  Verfasser  lässt  sich  über  das  griechische  Project  aus 
(II,  5,  16,  22,  108),  das  er  dem  Grafen  Münnich  zuschreibt, 
diesem  „Eugen  des  Nordens",  wie  ihn  Friedrich  11.  nannte 
(II,  13),  und  für  den  namentlich  Voltaire  eintrat  (11,  17). 
Der  Verfasser  ist  ungehalten  über  alle  Anhänger  dieses  Pro- 
jectes:  „dass  der  russische  Despotismus  wahrscheinlich  nicht 
milder  sein  werde,  als  der  türkische  fiel  Niemanden  ein" 
(II,  16).  Der  Verfasser  bemüht  sich,  sogar  die  Idee  der  be- 
waffneten Neutralität  als  auf  Zufälligkeit  beruhend  darzustellen, 


187     — 

wobei  er  sie  N.  J.  Panin  zuschreibt,  und  Katharina  für  die 
Verwirklichung   dieses  Gedankens   lobt  (100,    110,    115,  116). 

Der  Verfasser  kannte  weder  Russland  noch  die  Russen. 
Ueber  die  Beziehungen  Russlands  zu  Polen  schreibt  der  Ver- 
fasser: „Catharina  behandelte  Polen  völlig  wie  eine  russische 
Provinz,  ohne  die  Vortheile  einer  solchen  zuzugestehen,  welche 
für  den  harten  Druck,  den  das  Land  litt,  einigermassen  hätten 
entschädigen  können^'  (IV,  263).  Die  Siege  der  Russen  im 
ersten  türkischen  Kriege  erklärt  der  Verfasser,  der  bereits 
nach  dem  zweiten  Kriege  schrieb,  als  nur  auf  Glück  beruhend 
(II,  4,  15,  39).  Er  hasst  Russland  sosehr,  dass  er  sogar  das 
tatarische  Regime  in  der  Krim  höher  stellt  als  das  russische 
(U,  71),  und  über  die  Regierung  Katharinas  ein  ausserordent- 
lich hartes  Urtheil  fällt. 

Sehr  interessant  ist  des  Grafen  Görtz  „Memoire,  remis 
k  S.  A.  R.  Msgr.  le  prince  de  Prusse  ä  Narva  lors  de  son 
voyage  k  la  Cour  de  Russie"  (II,  XXI).  Ueber  die  Anwesen- 
heit Josephs  II,  in  Russland  (I,  422;  II,  XIV),  und  die  des 
preussischen  Kronprinzen  werden  interessante  Einzelheiten  mit- 
getheilt.  Die  Mittheilung  über  die  Anwesenheit  Johanna- 
Elisabeths  in  Russland  (II,  7)  ist  vollkommen  unwahr.  „Stechiof" 
(I.  227)  ist  identisch  mit  Alexander  Stachijew,  bevollmächtigtem 
Minister  in  Konstantinopel  von  1775  bis  1781. 

906.   Katharinens    der    Grossen   Verdienste    um    die    vergleichende 
Sprachenkunde^  von  Fr.  Adelung.    St.  Petersburg,  1815. 

Eine  Recension  von  No.  492.    Adelung,  der  der  Akademie 

der  Wissenschaften  einen  besonderen  Bericht  über  die  „Rapports 

entre  la  langue  sanscrit  el  la  langue  russe"  eingereicht  hatte, 

ist   für  das  Wesen   der   Frage   ein   vollkommen   competenter 

Richter.     Er  theilt  u.  a.  mit,  dass  Katharina,  noch  als  Oross- 

fürstin,  einen  Pastor  der  britischen  Colonie  in  St.  Petersburg, 

Dumaresque,  dazu  angeregt  habe,  ein  solches  vergleichendes 

Wörterbuch  zusammenzustellen  (23).    Diese  Nachricht  verdient 


—     188 

Glauben:  als  Dumaresque,  Pastor  der  anglicanischcn  Kirche, 
Doctor  der  Theologie,  Ehrenmitglied  der  Akademie  der  Wissen- 
schaften (Pekarskij,  1, 388),  aus  St.  Petersburg  abreiste,  schrieb 
Katharina  unter  dem  Datum  des  17.  Mai  1767  an  N.  J.  Paain: 
„Ordnen  Sie  an,  dass  man  sich  fbr  Dumaresque  interessirt, 
damit  ihm  von  der  englischen  Begierung  eine  möglichst  gute 
Stelle  gegeben  wird;  wie,  und  wann  dies  zu  geschehen  hat, 
das  überlasse  ich  Ihrem  Ermessen  („Lesefrüchte'S  1868,  II,  20; 
„Sammlung'^  X,  191).  Selbstverständlich  konnte  aber  Katha- 
rina für  ein  solches  Wörterbuch  nur  sich  interessiren,  jedoch 
keinen  thätigen  Antheil  nehmen  an  seiner  Zusammenstellung 
(41,  42). 

907.  Ode  to  Her  Imperial  Majesty  Catherine  the  Great,  presented 
bj  the  Chief  national  school  at  St  Petersburgh,  on  the  daj  of 
Her  most  gracious  visit,  January  the  21,  1785.    London,  1815. 

Der  Besuch  Londons  durch  Alexander  I.  im  Jahre  1814 
rief  dort  Interesse  wach  an  allem  Bussischen;  als  Beweis 
hierfür  kann  die  vorstehend  aufgeführte  Uebersetzung  einer 
ganz  unbedeutenden  russischen  Ode  dienen.  Die  Uebersetzung 
ist  dem  Priester  an  der  russischen  Gesandtschaft  in  London, 
Smirnow,  der  bei  der  Arbeit  Mithilfe  geleistet,  gewidmet. 

Die  Broschüre  ist  mit  einem  Bilde  des  Denkmals  Peters 
des  Grossen  geschmückt. 

908.  Historia  öfver  kriget  emelian  Sverige  och  Byssland  ären  1788, 
1789  och  1790.   Författad  af  G.  von  SehanU,   Stockholm,  1817. 

Ein  speciell  militärisches  Werk,  besonders  wichtig  des- 
halb, weil  der  Verfasser  als  Feld-Landmesser  beim  Ingenieur- 
Corps  (tillförordnad  secreterare  yid  kongl.  Ingen.  Corpsens 
Fältmätnings-Brigad)  zum  Eriegsarchiv,  das  von  ihm  auch 
ausgiebig  benutzt  worden  ist,  Zutritt  hatte.  Er  hat  solche 
Documente,  ProtocoUe  und  Aufzeichnungen  verwerthet,  die 
auch  bis  zur  Gegenwart  noch  nicht  veröffentlicht  worden  sind, 
so  z.  B.:    „Sämling  af  Manuscripter  rörande  särskilta  Krigs- 


—     189     — 

förrättningar  under  alla  Erigsären,  Passage- Journal  förd  under 
Gheneralen  Grefve  MeijerfeltSy  General-Krigs-Bätts  ProtocoUer'^ 
u.  s.  w.  In  der  Beilage  theilt  der  Verfasser  ausführliche  Ver- 
zeichnisse der  Land-  und  Seetruppen  mit,  von  denen  für  uns 
besonders  interessant  ist  No.  S:  ^Förteckning  pä  Byska  Flottan 
och  dess  Ohefer  är  1790'S  welches  Register  offenbar  of&ciell 
ist,  da  die  Namen  der  Schiffe  und  ihrer  Commandeure  voll- 
komm€n  richtig  angegeben  sind.  Es  versteht  sich  von  selbst, 
dass  alle  Eriegsereignisse  hier  ausschliesslich  nach  schwedischen 
Quellen  dargestellt  sind. 

Nach  kurzer  Erwähnung  der  Ureachen  des  Erieges  und 
der  Stellung  der  dänischen  Regierung  zu  ihm  (58)  macht  Ver- 
fasser vor  Allem  über  die  Vorbereitungen  zum  Eriege  und 
die  Befestigung  Sweaborgs  (11)  Mittheilungen,  und  erzählt 
dann  die  Eriegsereignisse  fortschreitend  von  Jahr  zu  Jahr 
in  einzelnen  nur  locker  zusammenhängenden  Notizen,  indem 
er  manchen  Episoden  nur  einige  wenige  Zeilen  widmet  (I,  157). 
Im  ersten  Jahre  sind  die  Campagnen  der  Jahre  1788  und  1789 
erzählt,  und  zwar  der  „Felttoget  är  1789^*  (83)  mit  besonderer 
Ausführlichkeit;  der  ganze  zweite  Band  ist  dem  „1790  ärs 
Felttog'^  (3)  gewidmet;  eine  Beilage  bringt  den  interessanten 
,,Berättelse  öfver  Retraitten  fr&n  Wiborg"  (II,  138).  Ein  be- 
sonders  grosses  allgemeines  Interesse  nehmen  fär  sich  in  An- 
spruch die  „Anmärkningar  rörande  kriget  mellan  Sverige  och 
Rysslaad  ären  1788,  1789  och  1790"  (11,  146).  üeber  die 
Maskerade  der  schwedischen  Truppen  für  den  Anfang  des 
Erieges  (I,  17)  und  den  Anjalabund  (I,  37)  macht  der  Ver- 
fasser keine  Mittheilungen,  da  er  über  Erscheinungen  dieser 
Art  in  den  Papieren  des  Sjriegsarchivs  keine  Auskunft  fand. 
Ausserdem  muss  bemerkt  werden,  dass  die  Elreignisse  des 
Landkrieges  bei  Schantz  eine  ausführlidiere  und  eingehendere 
Darstellung  gefunden  haben  als  die  des  Seekrieges,  wie  z.  B. 
das  Treffen   bei   dem   Flecken   Eyro   (I,    95),   das   bei   Poro- 


—     190     — 

salmi  (I,  101),  beim  Flusse  Kymmene  (I,  136)  u.  s.  w. 
Bei  der  Erzählung  von  dem  plötzlichen  üeberfall  auf  die 
russische  Truppe  bei  Pardakoski,  am  4.  April  1790,  theilt  der 
Verfasser  die  nachstehende  bekannte  Einzelheit  mit:  ., Surprisen 
af  attacken  vid  Pardakoski  var  sä  stör,  att  Bysska  Befälhaf- 
varen  Öfterste  Lieutenanten  Petrovitz  med  dess  Officerare,  som 
suto  och  Spelte  kort,  mäste  lemna  bordet  med  alla  spel- 
penningame  pä,  och  knappt  hunno  taga  sina  värjor,  f6r  att 
undkomma'  vära  Troupper,  som  voro  mästare  af  stallet''  (II,  14). 
Hinsichtlich  des  Ueberfalls  des  Herzogs  von  Südermann- 
land auf  Tschitschagow  in  Reval  ist  sehr  wichtig  das:  „ünder- 
dänigste  Promemoria,  pä  de  efterrättelser  om  Ryska  Flottan,  dem 
jag  tili  underdänigste  följe  af  en  den  22  sistledne  Januarii,  mig 
tillkommen  nädig  befallning,  kunnat  mig  förskaffa^^  (11,  193). 

909.  Regni  di  Catcrina  Seconda  e  Paolo  Primo.  Notizie  racolte 
per  la  storia  dei  regni  di  Caterina  Seconda  e  Paolo  Primo. 
Illustrate  da  interessanti  note.    Milano,  1818. 

Auf  dem  der  kaiserl.  Oeffentlichen  Bibliothek  in  St.  Peters- 
burg gehörenden  Exemplare  befinden  sich  zwei,  den  Verfasser 
dieser  anonymen  Broschüre  betreffende  handschriftliche  Be- 
merkungen. Die  erste  derselben,  die,  wie  aus  der  Handschrift 
hervorzugehen  scheint,  von  dem  Fürsten  A.  B.  Lobanow- 
Rostowskij  herrührt,  lautet  (russisch):  „Im  Familienarchive  der 
Herzöge  Serra  Caprioli  in  Neapel  befindet  sich  eine  hand- 
schriftliche Copie  dieses  Werkes,  mit  der  Notiz  auf  dem  Um- 
schlage: Opera  scritta  dal  Conte  Locatelli,  Veronese  e  vile 
mercenario,  confidente  politico!  Man  vermuthet,  dass  diese 
Notiz  von  dem  Herzog  Serra  Caprioli,  vormaligen  Gesandten 
Neapels  in  St.  Petersburg  gemacht  ist.  Im  Tagebuche  Rostop- 
tschins  ist  unter  dem  24.  Dezember  1799  folgender  mündlicher 
Befehl  des  Kaisers  Paul  verzeichnet:  „Donner  de  Targent  k 
Locatelli,  et  s'en  servir  d'un  espion".  Reichsarchiv,  X,  498". 
Die  zweite  Bemerkung,  von  der  man  nicht  weiss,  wer  sie  ge- 


—     191     — 

schrieben  hat,  lautet:  „Äutore  die  queste  notizie  fu  Giuseppe 
Locatelli,  d'origine  bergamasca,  gia  impiegato  presse  la  lega- 
zione  Veneta  a  Pietroburgo;  e  che  come  pratico  della  Russia 
accompagnö  il  Corpo  Italiano  nella  spedizione  del  1812,  d'onde 
tomö  non  senza  essere  stato  in  grande  pericolo  di  perdersi. 
Appena  publicato  il  presente  libro,  venne  da  Torino  a  Milano 
il  Ministro  die  Russia  ivi  residente,  et  attenne  dal  Governo 
Austriaco  di  quel  tempo  che  ne   fasse  proibita   la  vendita". 

Beide  Bemerkungen  beziehen  sich  auf  ein-  und  dieselbe 
Persönlichkeit,  Joseph  Locatelli,  gebürtig  aus  Verona,  „berga- 
masco"  (die  „bergamasci**  sind  die  Hanswurste  und  Narren 
der  italienischen  Lustspiele;  doch  sei  dabei  bemerkt,  dass 
in  Bergamo  der  Name  Locatelli  im  17.  Jahrhundert  Be- 
rühmtheit erlangte  durch  einen  sehr  angesehenen  Arzt,  Er- 
finder eines  besonderen  Balsams).  In  Russland  war  ein  anderer 
Locatelli,  GioTanni  Battista,  1715 — 1785,  Schauspieler,  Sänger 
und  Entrepreneur,  Inhaber  eines  Privattheaters  in  Moskau, 
wo  er  auch  starb,  sehr  bekannt.  Katharina  erwähnte  seiner 
in  ihrer  Correspondenz  („Russisches  Archiv",  1370,  1155; 
1886,  m,  38;  Bytschkow,  103). 

Die  Broschüre  setzt  sich  aus  drei  Theilen  zusammen: 
„Alcuni  cenni  soll'  oriejine  e  progressive  incivilimento  de' 
Russi,"  die  als  Einleitung  dienen  (III — VIII);  worauf  dann 
„Caterina  Seconda"  folgt  (1)  und  endlich  „Paolo  Primo"  (19). 
Die  ganze  Geschichte  Katharinas  ist  auf  18  Seiten  erzählt, 
und  enthält  sehr  zahlreiche  Unrichtigkeiten.  So  sind  die 
Panins  aus  Italien  hergeleitet:  „I  conti  Panini,  e  non  Panin 
come  abusivamente  vengomo  chiamati,  discendono  da  una 
nobile  famiglia  della  Toscana"  (12);  die  Finanzen  Russlands 
werden  gerettet  durch  den  Marquis  Maruzzi  in  Venedig,  dem 
Katharina  eigenhändig  geschrieben  habe:  „Ce  n'est  pas  seule- 
ment  k  mon  Empire,  monsieur  le  marquis,  que  vous  venez  de 
rendre  le  plus  important  service,  mais  k  toute  la  Chretiennet6" 


—     192     - 

(79).  Woher  stammt  dieser  Brief?  Bisher  ist  nur  ein  vom 
29.  Januar  1769  datirtes,  von  Katharina  nur  unterschriebenes, 
an  den  bei  der  Bupublik  Venedig  accreditirten  Marquis  Maruzzi 
gerichtetes  Rescript  bekannt  geworden  (^^Sammlung^S  ^i  l^)- 

Die  Broschüre  enthält  in  grosser  Zahl  alle  möglichen 
unsinnigen  Nachrichten.  So  stirbt  der  Fürst  Potemkin  durch 
Gift,  das  von  P.  A.  Subow  gesandt  war:  ,,Potemkim  avea 
recevuto  in  dono  dal  principe  Zoubow  una  elegante  e  magni- 
fica  casseta  ripiena  di  preziosi  Elizir  e  altre  cose  occorenti 
aila  circonstanza.  Di  questo,  Potemkim  se  ne  servi,  lontano 
de  qualsivoglia  sospetto,  e  mori'<  (7),  wobei  erwähnt  wird,  dass 
Subow  dies  gethan  habe  „non  senza  intelügenza  di  Caterina^^ 
Das  Project  der  Elhe  der  OrossfÜrstin  Alexandra  Pawlowoa 
mit  dem  Könige  Gustav  IV.  habe  sich  zerschlagen  infolge  der 
Forderung  Katharinas:  „La  permanenza  d'una  guardia  russa 
in  Stockholm  per  la  securezza  e  maggior  splendore  di  essa^' 
(39).  Polen  ging  zu  Grunde  durch  die  Intriguen  Subows 
(5)  u.  s.  w.  Der  zweite  über  Paul  I.  handelnde  Theil  der 
Broschüre  ist  interessanter  als  der  erste;  es  finden  sich  in 
ihm  auch  einige  Nachrichten  über  Katharina. 

Beigelegt  sind  zwei  Porträts  in  Kupferstich:  „Catterina  11. 
Imperatrice  di  tutte  le  Bussie'^  in  vollkommen  phantastischer 
Darstellung,  und  „Paolo  I.  Imperatore  di  tutte  le  Russie'^ 

910.  Anekdoten  und  Charaktenäge  des  FeldmArachalLs  Grafen 
P.  A.  Rumftnzow  Sadunaiskoi,  nebst  einem  kurzen  Abriase 
seines  Lebens  und  Schriftwechsel  mit  Katharina  der  Grossen, 
so  wie  einigen  andern  Briefen.  Ans  dem  Russischen  übersetst 
von  Fr.  ArM.    Dorpat,  ISIS. 

„Die  Thaten  grosser  Männer  err^en  allgemeines  Interesse, 
am  lebhaftesten  aber  das  des  Vaterlandes.  Jeder  Zug  aus 
ihrem  Leben  ist  ein  Blick  in  ihren  Charakter,  jede  ihrer 
Aeusserungen  verbreitet  Licht  über  ihre  Handlungen,  enthüllt 
die  Vorzüge  ihres  Geistes,  ihre  Talente  und  Tugenden.    Grosse 


—     193     — 

Muster  entwickeln  den  Keim  der  Grösse"  (Vorrede).  Dies 
waren  die  Anlässe  dafür ,  dass  Fr.  Artzt  die  im  Jahre  1803 
in  Moskau  herausgegebene  ^^Lebensbeschreibung  des  Grafen 
Peter  Alexandro witsch  Sadunaiskij"  aus  dem  Russischen  über- 
setzte. 

Das  Buch  zerf&Ut  in  drei  Theile:  1.  „Kurze  Schilderung 
der  Thaten  und  des  Charakters  des  Grafen  Rumänzow  (1), 
2.  Anekdoten  und  einige  Züge  zur  Beleuchtung  des  Lebens 
und  Charakters  des  Grafen  Rumänzow"  (17),  wo  wir  60  Nach- 
richten zusammengestellt  finden,  und  u.  a.  erzählt  wird  über 
die  Abscha£fung  der  „spanischen  Reiter",  bei  welcher  Gelegen- 
heit Rumjanzew  zu  den  Truppen  sprach:  „Nicht  spanische 
Reuter,  sondern  Feuer  und  Schwerdt  ist  euer  wahrer  Schutz" 
(25)  und  3.  „Schriftwechsel  des  Grafen  Rumänzow  mit  der 
Kaiserin  Katharina  der  Grossen,  nebst  einigen  anderen 
Briefen"  (72),  enthaltend  15  Documente,  darunter  sieben  Briefe 
und  Rescripte  Katharinas:  sechs  an  den  Grafen  P.  A.  Rum- 
janzew (76,  92,  102,  113,  130,  133)  und  einen  an  den  Fürsten 
M.  N.  Wolkonskij  (118)  gerichteten;  alle  diese  Documente 
waren  schon  ins  Deutsche  übersetzt  in  Heidekes  „Russischer 
Merkur",  6.  Stück,  806.  Die  erwähnten  Briefe  Katharinas 
sind  auch  schon  in  Russland  herausgegeben  (Smirdin,  III,  255, 
260,  265,  400;  „Sammlung",  XIII,  349,  365,  374;  „Allgem. 
Gesetzsammlung",  No.  17,287;  „Correspondenz",  68,  149). 

911.   Les  raines  oa  s^jour  de  rimp^ratrice  Catherine  II  ä.  Tzarscoe- 
C61o,  par  Mme.  A.  de  Stoinine,    Moscou,  1818. 

Im  Titel  ist  gesagt,  dies  Gedicht  sei  eine  „imitation  de 
Dergeavin"  —  freilich  nicht  nach  dem  kunstvollen  Bau  der 
Verse,  sondern  in  Nachahmung  seiner  Schmeichelei,  deren  er 
sich  erst  später  zu  enthalten  begann,  nachdem  er  die  Ueber- 
zeugung  gewonnen,  dass  Katharina  „das  Reich  verwaltete  mehr 
nur  nach  ihren  eigenen  Gesichtspunkten  als  nach  den  Grund- 
sätzen der  heiligen  Wahrheit"  („Dershawins  Werke",  Ausgabe 

Bilbassoff,  Katharina  U.  13 


—     194 

vom  Jahre  1871,  VI,  654).  Anna  Pawlowna  Swinin,  Gattin 
des  Begründers  der  „Vaterländischen  Memoiren",  besang  in 
ihren  Versen  Zarskoje  Sselo,  wohin 

les  rois 
Semblaient  venir  prendre  lex  loix. 

Sie  nannte  ihr  Gedicht  „Ruinen",  obgleich  es  deren  in  Zarskoje 
Sselo  gar  nicht  gab,  um  damit  hinzuweisen  auf  das  nach  dem 
Tode  Katharinas  geänderte  staatliche  Regime,  das  die  Dichterin 
offenbar  nicht  billigte: 

Helafl!  eile  n'est  plus  aa  monde 
Les  feux  ne  brillent  plus  dans  Tonde 
Tant  retentit  de  tristes  accens, 
On  n*entend  que  g^missemenB, 
La  terreur  met  tont  aux  alarmes. 

912.  Les  trois  dömembrements  de  la  Pologne,  poor  faire  suite  aux 
r^yolutions  de  Pologne  de  Rulhiöre,  par  Ferrand,  2  vis.  Paris, 
1820. 

Das  Ferrand'sche  Werk  bringt  in  der  gesammten  west- 
europäischen Literatur  zum  ersten  Male  eine  vollständige  Dar- 
stellung der  drei  Theilungen  Polens,  bei  umfassender  Aus- 
nutzung der  diplomatischen  Depeschen  der  französischen 
Agenten  in  St.  Petersburg,  Warschau,  Wien  und  Eonstanti- 
nopel.  Dem  Verfasser,  der  das  Amt  eines  Ministers  bekleidet 
hatte,  stand  der  Zutritt  zum  Pariser  Archiv  des  Auswärtigen 
offen,  und  er  schöpfte  seine  Nachrichten  aus  derselben  Quelle, 
zu  der  auch  wir  noch  unsere  Zuflucht  nehmen.  Documente 
aller  Art,  die  in  der  „Gazette  de  Leyde"  bereits  waren  ab- 
gedruckt worden,  dienten  ihm  als  Leitfaden  für  die  Benutzung 
der  bezeichneten  Depeschen.  Die  Polen  schätzen  dies  Werk 
sehr  hoch,  wenigstens  erschien  im  Jahre  1865,  nach  dem 
„letzten"  Aufstande,  in  Paris  eine  neue,  von  Ostrowski  vor- 
züglich besorgte  Ausgabe  desselben,  die  von  uns  hier  auch 
benutzt  ist. 


—     195     — 

Das  Werk  ist  auf  breiter  Grundlage  entworfen,  —  es  ist 
dies  nicht  nur  eine  Geschichte  der  drei  Theilungen  Polens, 
sondern  ihrer  gesammten  Epoche,  vorzugsweise  fUr  die  Vor- 
gänge in  Russland,  Preussen  und  Oesterreich,  soweit  die  ge- 
schichtliche Entwickelung  dieser  drei  Staaten,  nach  Ansicht 
des  Yeifassers,  Einfluss  übte  auf  ihr  Yerhältniss  zu  Polen. 
Der  Verfasser  verl&sst  sich  dabei  nicht  auf  den  Leser,  —  weder 
auf  seine  Bekanntschaft  mit  den  Thatsachen,  noch  auch  auf 
sein  politisches  ürtheil,  —  sondern  erzählt  Alles  ab  ovo:  nach- 
dem er  in  völlig  verfehlter  Weise  des  Auftretens  Pugatschews 
im  Jahre  1771  Erwähnung  gethan  (I,  284),  beginnt  der  Ver- 
fasser mit  flüchtiger  Erzählung  der  Geschichte  der  donischen 
Kosaken  seit  dem  Ende  des  16.  Jahrhunderts  (I,  298)  und  bis 
zur  Hinrichtung  Pugatschews.  Das  dreibändige  Werk  zerfällt 
in  15  Theile  (livres)  und  eine  Einleitung,  in  der  ausser  den 
,;principales  ^poques  de  Thistoire  de  Pologne^'  auch  die  ersten 
Schritte  der  Oonföderation  von  Bar  erzählt  sind  (I,  56).  Die 
ersten  sechs  Theile  sind  der  ersten  Theilung  gewidmet;  der 
siebente  —  einem  allgemeinen  Ueberblick  über  das  Jahrzehnt 
1778—1788  (ü,  141);  flinf  Bücher,  8.— 12.,  dem  vierjährigen 
Reichstage  und  der  zweiten  Theilung;  das  13.  und  das  14.  Buch 

—  dem  Aufstände  und  der  dritten  Theilung  (III,  175);  das 
1 5.  einem  allgemeinen  Bückblick  auf  das  in  den  vorausgehen- 
den 14  Büchern  Dargestellte  (III,  259). 

Gegenwärtig  hat  das  Werk  Ferrands  alle  Bedeutung  ver- 
loren (Kostomaro w,  I,  IV;  Beer,  I,  Vorrede,  III),  im  Jahre 
1820  aber  stellte  es  eine  hervorragende  literarische  Erscheinung 
dar.  Die  Leser  Westeuropas  (in  Russland  war  das  Buch  ver- 
boten) wurden  hier  zum  ersten  Male  bekannt  gemacht  mit 
ausführlichen  Auszügen  aus  den  Depeschen  der  französischen 
Diplomaten  über  den  ersten  türkischen  Krieg,  über  die  Be- 
ziehungen Russlands  zu  Polen,  über  Katharina  im  Allgemeinen, 

—  und  gerade  für  die  hier  in  Betracht  kommende  Periode, 

18* 


—     196     — 

1771  —  1794,  verhielt  sich  die  französische  Diplomatie  Buss- 
land  gegenüber  mit  grosser  Feindseligkeit,  in  Folge  dessen 
die  franzosischen  Agenten  allen  möglichen  Unsinn  berichteten, 
und  zwar  nicht  nur  Klatschereien,  sondern  directe  Erfindungen, 
um  Bussland,  die  Bussen,  und  namentlich  Katharina  damit 
anzuschwärzen.  Inest  man  die  Ferrand'sche  „Campagne  de 
1771"  (I,  305),  so  durchblättert  man  damit  gleichsam  die  ent- 
sprechenden Bände  des  Pariser  Archivs.  Leider  beherrschte 
der  Verfasser  gar  nicht  die  historische  Kritik,  und  glaubte 
naiv  an  jeglichen  Unsinn.  In  Anlass  der  Ernennung  Saldems 
für  Warschau  wird  in  Kürze  dessen  Biographie  mitgetheilt,. 
und,  als  Beispiel  für  dessen  Einfluss  auf  N.  J.  Panin,  Fol- 
gendes erzählt:  „Saldem  se  laissa  aveugler  par  l'ambition  au 
point  de  möditer  une  rövolution  en  faveur  du  grand  duc;  il 
avait  d6jä  compos6  V6cnt  que  le  jeune  prince  devait  publier 
en  montant  sur  le  trone;  il  fit  plus:  il  le  montra  k  Panin, 
tant  il  6tait  sür  de  son  ascendant  sur  lui"  (I,  154).  Der  Ver- 
iasser  legt  an  Alles  den  Massstab  seiner  Depeschen,  und  histo- 
rische Tbatsachen  ausserhalb  des  Bahmens  dieser  seiner 
Quellen  existiren  für  ihn  gar  nicht.  Da  er  den  Depeschen 
der  französischen  Besidenten  unbedingt  Vertrauen  schenkt,, 
lässt  sich  der  Verfasser  durch  ihre  Dünkelhaftigkeit  anstecken. 
„La  France,  en  envoyant  k  la  conf6d6ration  une  vingtaine 
d'officiers  de  choix,  lui  rendait  sans  doute  un  veritable  Ser- 
vice" (II,  2),  und  diese  kindliche  Naivetät  wiederholt  sich 
mehrmals  (III,  263).  Auf  Dünkel  beruhen  auch  verschiedene 
„reflexions"  des  Verfassers  (I,  174,  217),  die  bisweilen  recht 
naiv  sind  (II,  220).  Diesen  seinen  Beflexionen  legt  der  Ver- 
fasser nicht  selten  mehr  Bedeutung  bei  als  den  Documenten^ 
durch  die  sie  hervorgerufen  worden  (I,  217;  11,  206;  III,  254). 
Zur  Beurtheilung  des  Werthes  und  der  Bedeutung  dieser  Be- 
flexionen mag  das  nachstehende  Beispiel  einer  solchen  dienen: 
„8i   les  Turks   eussent  repris  Tavantage,  si  Pulavski,   Sawa,. 


—     197     — 

Dumourier  et  surtout  Oginski,  eussent  r^ussi  dans  leurs  entre- 
prisesy  il  est  certain  que  le  d^membrement  n'aurait  pas  eu  lieu^' 
(I,  125). 

Für  alle  drei  Theilungen  macht  der  Verfasser  in  erster 
Linie  Preussen  verantwortlich  (I,  88;  II,  29).  „La  Prussa 
4tait  la  plus  coupable  aux  yeux  des  Polonais,  et  sera  toujours 
regard^e  comme  teile  par  la  justice  de  Fhistoire"  (III,  252). 
Der  erste  Gedanke  der  Theilung  gehört  dem  Prinzen  Heinrich 
von  Preussen  (I,  90,  102).  Ungeachtet  dessen  aber,  dass  der 
Verfasser  dem  Beweise  dieser  Behauptung  ein  besonderes 
Capitel  widmet  —  L'id6e  du  dömembrement  appartient  au 
prince  Henri  de  Prasse  (I,  89)  —  versichert  er  an  einer  an- 
deren Stelle,  Katharina  habe  dem  Prinzen  Heinrich  darüber 
folgende  Mittheilung  gemacht:  „Le  trait^  de  1764  conduisit 
Catherine ;  malgr^  eile,  au  d^membrement  de  la  Pologne. 
Lorsqu'elle  fit  au  prince  Henri  les  premi^res  propositions,  eile 
ne  songeait  qu'ä,  donner  k  Fr^d^ric  un  dMommagement  qui 
Tattachät  encore  plus  ä  eile"  (III,  275).  Solchen  Wideraprüchen 
begegnet  man  bei  dem  Verfasser  häufig;  sie  erklären  sich  da- 
durch, dass  er  seinen  Stoff  nicht  beherrschte,  und  daher  voll- 
ständig abhängig  war  von  seinem  Materiale  —  nicht  er  be- 
herrscht das  Material,  sondern  dieses  ist  Herr  über  ihn.  In 
mancher  fElr  ihn  wesentlichen  Frage  gelangt  er  bisweilen  bis 
ziemlich  nahe  an  die  Wahrheit,  doch  ist  es  ihm  kein  Mal 
gelungen,  wirklich  „den  Stier  an  den  Hörnern  zu  fassen". 
Nirgends  spricht  er  es  direct  aus,  dass  die  Polen  selbst  die 
Grundursache  der  Theilung  ihres  Landes  waren,  doch  kommt 
er  diesem  Gedanken  wohl  ziemlich  nahe:  „Le  premier  dömem- 
brement  d^composa  la  Pologne;  mais  avant  cette  d^composition 
topographique,  la  Pologne  en  ^prouvait,  depuis  longtemps,  une 
politique  et  morale.  Elle  avait  fait  un  premier  pas  dans  la 
d6com Position  politique,  du  moment  que,  par  Jalousie  contre 
l'autoritö,  eile  avait  affaibli  son  gouvernement;  eile  en  fait  un 


198 

de  plus,  quand  eile  tol6ra,  ou  meme  d^sira  que  des  princes 
^trangers  pretentissent  k  gtre  les  chefs  de  ce  gouvernement 
affaibli.  Enfin,  ce  gouvernement  poavait  tronver  des  moyens 
de  restauration  dans  les  diätes  animöes  d'un  bon  esprit;  eile 
ae  priva  encore  de  ce  moyen,  ou  plutot  eile  se  pr6munit  16ga- 
lement  contre  lui,  en  donnant  k  un  insens^  ou  k  un  factieux 
le  droit  de  rompre  ou  de  paralyser  une  di^te'<  (III,  265). 

Der  Minister  Ludwigs  XYIII.,  der  auf  Befehl  des  Königs 
zum  yyAkademiker^'  gewählte  Ferrand,  hat  sich  weder  die 
Rolle  Russlands  in  der  Geschichte  der  Theilungen  Polens  noch 
die  Bedeutung  Katharinas  11.  klar  gemacht.  Er  erkennt  an, 
dass  Katharina  ,yUne  grande  place  dans  Thistoire  par  F^clat 
de  son  regne ,  par  les  grandeurs  de  ses  entreprises,  par  son 
amour  meme  pour  la  c^l^brit^'^  einnahm  (I,  86);  hinsichtlich 
der  polnischen  Theilungen  ,4^  ^^^^  stabil  dans  l'opinion 
g^n^rale  que  Tinter^t  de  la  Russie  lui  d^fendait  de  con- 
sentir  au  d^membrement,  meme  en  j  prenant  sa  part'^ 
(II,  50);  er  rechtfertigt  Katharina,  „qui  ne  formait  ses  röcla- 
mations  qu!k  titre  d'indemnit^s  pour  les  d6penses  de  tout 
genre  qu'elle  avait  faites  en  Pologne  depuis  longtemps,  et 
notamment  pour  l'entretien  des  troupes  russes  presque  tou- 
jours  stationn^es  dans  ce  royaume  pendant  les  deux  demiers 
r^gnes,  et  appel^es,  sous  le  r^gne  actuel,  par  le  roi  lue  m§me; 
comme  les  faits  6taient  vrais  et  notoires,  il  faut  convenir  que 
les  demandes  de  la  Russie  paraissent  n'etre  pas  fonciferement 
aussi  injustes  que  Celles  des  deux  autres  cours^'  (11,  46);  in 
den  von  Polen  erworbenen  Landestheilen  verfuhr  Russland 
„milder<<  als  Preussen  und  Oesterreich:  .,Nous  devons  k  la 
verit6  de  Thistoire  d'observer  ici,  que  la  conduite  de  Catherine 
dans  les  provinces  qu'elle  s'appropriait,  fut  beaucoup  plus 
douce  que  celle  de  ses  deux  copartageants^'  (11,  31).  Auch 
die  Zeitgenossen  waren  sich  des  Unterschiedes  bewusst  zwischen 
dem  Verhalten  Russlands  zu  den  Theilungen,  und  demjenigen 


—     199     — 

Preussens  und  Oesterreichs :  „L'6v6que  de  Kamienieg  6tait 
surtout  ti;fe8  anim6  contre  la  Prusse  et  T Anstriche  —  il  met- 
tait  quelque  diff^rence  entre  alles  et  la  Rassle,  persuadö  qua 
celle-ci  ne  se  pretarait  pas  volontairement  au  partage^'  (II,  36). 
Trotz  aller  dieser  Hinweise  ist  das  ganze  Werk  Ferrands 
wesentlich  gegen  Russland  gerichtet,  sogar  in  denjenigen  Fällen, 
wo  es  sich  um  Oesterreich  und  Preussen  handelt.  Das  erste 
Capitel  des  ersten  Buches  führt  den  Titel:  „Intrigues  des  trois 
cours  relatives  au  d6membrement''  [(I,  61),  doch  wird  in  ihm 
von  der  Begegnung  Friedrichs  II.  mit  Joseph  II.  geredet; 
Friedrich  Wilhelm  brach  den  mit  Polen  abgeschlossenen  Ver- 
trag, die  Schuld  daran  aber  wird  Katharina  zugeschrieben  — 
„Catherine  entreprend  d'armer  la  Prusse  contre  la  Pologne" 
(II,  52).  Nur  von  den  Misserfolgen  und  den  Niederlagen 
Russlands  macht  der  Verfasser  Mittheiluug:  „Revers  des 
armöes  russes  (I,  147),  Pimbarras  de  Catherine  (II,  160),  Faib- 
lesse de  moyens  de  Catherine,  epuisement  de  l'empire  russe, 
Emigration  de  Ealmouks  (I,  284,  287,  292),  Embarras  de 
Catherina  (11,  25),  Mauvais  Etat  de  la  flotte  et  de  l'armEe 
russe  (11,86),  Agitation  intErieure  de  la  cour  de  Russie  (II, 
118),  Conduite  de  Catherine  en  Sufede  (II,  195),  Tentatives  de 
Catherine  pour  faire  rEvolter  les  Grecs  non-unis  (II,  249), 
composition  du  parti  russe  (11,  260),  Intrigues  du  parti  russe 
(II,  290),  Catherine  fait  former  le  complot  de  Targowiga" 
(III,  55)  u.  s.  w.  Die  in  den  angegebenen  Capiteln  über  den 
Zustand  Russlands  und  über  Katharina  gefällten  Urtheila 
widersprechen  den  thatsächlichen  Verhältnissen  —  das  „er* 
schöpfte"  Russland,  bei  schlechtem  Zustande  der  Armee  und 
der  Flotte,  bei  „bedrängter  Lage'^  Katharinas  erringt  ein& 
ganze  Reihe  von  Siegen  zu  Wasser  und  zu  Lande,  schliesst 
vortheilhafte  BViedensverträge  und  erwirbt  Länder  und  Rechte  — 
und  stellte  die  russisch-polnischen  Beziehungen  in  einem  völlig 
falschen  Lichte  dar,  aber  sie  brachte  Eindruck  hervor,    und 


-     200       - 

diente  nicht  selten  noch  in  viel  späteren  Zeiten  den  Schrift- 
stellern als  Leitfaden,  indem  sie  aus  Ferrand  nicht  nur  das 
Nachrichtenmaterial  entlehnten,  sondern  sich  anch  seiner  Be- 
urtheilnng  der  Verhältnisse  anschlössen.  Die  Feindseligkeit 
Ferrands  gegen  Katharina  findet  ihre  Erklärung  zum  Theil  in 
seinem  royalistischen  Standpunkte,  von  welchem  aus  er  der 
russischen  Kaiserin  ihre  „Theilnahmlosigkeit''  gegenüber  der 
französischen  Bevolution  nicht  verzeihen  konnte;  der  preusische 
König  Friedrich- Wilhelm,  ,Je  seul  souverain  qui  signait  la 
coalition  contre  la  France  avec  des  intentions  droites'^  (IH, 
114),  wird  von  diesem  Gesichtspuncte  aus  daher  auch  stets 
in  einem  sehr  viel  günstigeren  Lichte  dargestellt,  ungeachtet 
sogar  des  Baseler  Vertrages.  Sogar  die  recht  unschuldigen 
gegen  Preussen  und  Oesterreich  sich  richtenden  Sarkasmen 
der  Neujahrs-AImanache  finden  scharfen  Tadel  seitens  des 
Verfiissers  (I,  147),  während  er  doch  das  einer  Depesche  des 
französischen  Re^denten  entnommene  unschickliche  ürthefl 
Maria-Theresias  über  Katharina  wiedeigiebt  (I,  133). 

Ferrand  hat  sein  Werk  über  ,.die  drei  Theilungen  Polais" 
geschrieben  ..pour  £sure  suite  aus  Revolutions  de  Pologne  de 
Rulhiore**  ^Xo,  ST6>,  doch  ist  dies  nur  in  rein  äusserlicher  Hin- 
sicht zu  verstehen:  Ferrand  beginnt  von  dem  Zeitpunkte«  bei 
dem  Ruihiere  stehen  geblieben«  und  benuut  für  einige  Zeit 
die  v.a  vliesem  gesammelten,  aber  n».vh  nicht  beÄrbeiteten 
Materialien.  Die  Aehr.i;chkeit  zwischen  beiden  Schrittsteilem 
besteht  nur  daria.  liass  Kide  äb^r  Polen  geschrieben  haben: 
ab^r  weder  hinsichtlich  der  Er^ründurg  des  Gegenstandes, 
r.x-i  der  leiteni-rn  Gesiehtspancte,  nxh  auch  scgar  der  Fcrm 
der  rjLT^tellung  war  Ferrand  eia  F.rtset-ier  Ton  Ruiniere*  der 
in  Rns-sli-:;  ireleb:  LiS*  in  P:Ier»  ^-*rsen  ist  :ini  «üe  Poles 
^ksLrn:  hit,  wis  Al^es  aia  von  Femnd  nicht   s;igefli  kann. 

Inf:l^e  der  T:Il<:i-i>en  UnSekÄnntschjÄ  Färrin-is  nl: 
F:Ien  n-i  Kn<^>Iinl  nrft  nrin  Sei  in:s  a;i.'h  UnzeninizkeiiÄÄ 


—     201     — 

und  üurichtigkeiten,  die  Zeugniss  ablegen  für  seinen  Mangel 
an  Verständniss  hinsichtlich  des  Wesens  der  Sache.  In  seinen 
ürtheilen  über  den  König  Stanislans-Augnst  und  dessen  Be- 
ziehungen zu  Katharina  (I,  89,  186)  schreibt  der  Verfasser 
dem  Könige  das  zu,  wessen  die  polnischen  Magnaten  seitens 
der  Polen  selbst  beschuldigt  wurden  (III,  173);  ihm  fehlt  jedes 
Verständniss  sowohl  für  das  Wesen  der  Deportation  der  Polen 
nach  Sibirien,  obgleich  er  oft  davon  redet  (II,  38,  53),  als 
für  die  Dissidentenfrage,  namentlich  für  Victor  von  Sluzk  (II, 
250),  für  die  Bedeutung  Danzigs  (11,  270;  III,  45),  und  für  die 
Stellung  der  russischen  Gesandten  in  Warschau ,  die  Ferrand 
stets  nur  nach  Anleitung  der  Depeschen  der  französischen 
Residenten  charakterisirt,  wie  z.  B.  den  Herrn  von  Stack el- 
berg  (11,  34).  Die  Depeschen  haben  zwar  zur  Belebung  der 
Erzählung  beigetragen,  aber  von  unkundiger  Hand  ohne  alle 
Kritik  gewählt  und  ausgenutzt,  haben  sie  in  vielen  Fällen  der 
historischen  Wahrheit  nur  zum  Schaden  gereicht  (I,  295,  298, 
307,  318,  313;  II,  24,  27,  40,  86,  115,  121).  Die  Mittheil- 
ungen über  Pugatschew  schliessen  z.  B.  mit  folgendem  Excerpt 
aus  einer  Depesche:  „Persoune  ne  paralt  s'occuper  du  grand 
duc.  Si  l'imp^ratrice  n'est  pas  aim^e,  il  faut  que  son  fils  soit 
peu  estim^;  car  malgr^  l'indisposition  g^n^rale  que  Ton  remar- 
que  contre  la  märe,  on  ne  vante  point  les  qualit^s  du  fils. 
II  parait  qu'on  en  esp^re  peu;  et  c'est  peut-etre  une  des  causes 
qui  s'opposent  k  une  r6volution,  ou  qui  la  retardent"  (I,  305). 
Der  Verfasser  versteht  es  nicht,  diese  Depeschen  zu  verwerthen 
und  richtig  zu  benutzen  selbst  wenn  sie  für  ihn  höchst  werth- 
volle  Nachrichten  enthalten,  wie  z.  B.  die  über  die  Lage  der 
Polen  in  Krakau  (II,  11),  welche  Mittheilungen  der  Depesche 
durch  den  Verlauf  der  militärischen  Operationen  vollkommen 
bestätigt  werden. 

Seinen  eigenen  Reflexionen  legt  der  Verfasser  einen  höheren 
Werth  bei  als  den  von  ihm  in  ungeschickter  Weise  benutzten 


—     202     — 

Documenten.  Den  Protest  Stanislaus-Augusts  gegen  die  De- 
claration  der  drei  Mächte  (II,  23)  theilt  er  nicht  im  Wortlaut 
mit,  und  in  allen  drei  Bänden  sind  nur  fiinf  Documente  in 
den  Text  aufgenommen  (HI,  91,  97,  99,  233,  234).  Wo  der 
Verfasser  aber  die  Documente  anführt,  da  geschieht  dies  stets 
wahrheitsgetreu  und  mit  Genauigkeit.  Man  wird  daher  das 
Ton  ihm  angegebene  Datum  des  Briefes  Katharinas  11.  an  den 
Admiral  Nolse  (I,  312)  mit  Vertrauen  als  das  richtige  aner- 
kennen können;  dieser  Brief  ist  bei  uns  ohne  Datum  yeröffent- 
licht  („Sammlung^S  XDI,  250).  Ganz  unbekannt  geblieben 
ist  dem  Verfasser  ein  sehr  wichtiges  Document:  der  Brief 
Katharinas  11.  an  Stanislaus  August,  vom  2.  Dezember  1794, 
welches  Schreiben,  das  bereits  in  den  „Denkwürdigkeiten^^ 
(No.  840)  veröffentlicht  war,  ftlr  die  Reise  des  Königs  nach 
Grodno  von  grosser  Wichtigkeit  wurden  (DI,  136,  139). 

Kostomarow,  der  das  Werk  Ferrands  streng  verurtheilt, 
hat  doch  die  Bedeutung  der  „Beilagen^^  vollkommen  anerkannt 
(I,  rV).  Thatsächlich  trifft  man  in  den  „Pifeces  Justificatives" 
auf  Documente,  die  auch  gegenwärtig  noch  von  Werth  sind. 
Kaiinka  (No.  1133)  begründet  seine  Verurtheilung  des  Ferrand- 
schen  Werkes  damit,  dasselbe  habe  auf  die  Polen  selbst,  die 
ihm  vertrauten,  einen  sehr  schlechten  Einfluss  geübt:  „i  jefli 
kogo  ksi^ka  ta  w  bl^d  wprowadzila  to  chyba  samychze  Pola- 
köw,  ktörzy  ni^  dodö  dlugo  zaspakajali  si^,  niebaczac  ze  nikomu 
tyle  CO  nam  samym  ne  zalezj  na  poznaniu  zupefai^j  prawdy 
o  upadki  Polski"  (CCXXI). 

913.   M^moires  du  duc  de  Lauxun.    Paris,  1821. 

Armand-Louis  de  Gontaut-Biron,  ducdeLauzun,  1 747 — 1 793, 
der  letzte  Don-Juan  des  XVIII.  Jahrhunderts,  hat  seine  Me- 
moiren bis  zum  Jahre  1783  fortgeführt.  Es  ist  dies  nur  die 
Erzählung  einer  langen  Reihe  von  Liebesabenteuern  eines  vor- 
nehmen und  reichen,  von  Madame  Pompadour  erzogenen  und 


-     203 

von  Maria  Antoinette  ausgezeichneten  Lebemannes.  ^^Cette 
s^rie  de  bonnes  fortunes  racont^es  sur  le  mSme  ton,  et  od 
rinconstance  essaie  parfois  k  faux  des  notes  de  la  sensibilit^, 
finit  par  ennuyer,  par  d6gouter  meme"  (Sainte-Beuve,  „Cau- 
series  du  Lundr',  IV,  218).  Ein  solches  Liebesverhältniss 
brachte  den  Verfasser  in  Beziehung  zu  russischen  Persönlich- 
keiten und  sogar  zu  Katharina. 

Die  Fürstin  Isabella  Czartoryski,  geborene  Gräfin  Flem- 
ming,  1743 — 1835,  die  Gemahlin  des  Fürsten  Adam-Kasimir, 
1713 — 1723,  spielte  in  Warschau,  infolge  der  Schwacheit  des 
russischen  Gesandten  Fürsten  Bepnin  eine  hervorragende  Rolle. 
Die  Fürstin  machte  dem  Verfasser  der  Memoiren  hierüber 
folgende  Mittheilung:  „Le  prince  Repnine  fut  amoureux  de 
moi,  et  mal  rcQu.  Les  troubles  qui  d^chirärent  mon  infortunö 
pays  lui  donnferent  bientot  occasion  de  me  prouver  k  quel 
point  je  lui  6tais  ch^re.  Mes  parents  et  mon  mari  irritörent 
fortement  Pimp^ratrice  en  s'opposant  toujours  k  ce  qu'elle  vou- 
lait.  Le  prince  Repnine  regut  contre  eux  les  ordres  les  plus 
s^yferes;  les  princes  Czartoryski  continu^rent  k  etre  coupables, 
et  k  n*etre  jamais  punis.  L'imp^ratrice^  indign^  que  ses 
ordres  n'eussent  pas  6i6  ex6cut6s,  ordonna  au  prince  Repnine 
de  faire  arreter  les  princes  et  de  faire  confisquer  leurs  biens. 
Elle  lui  mandait  que  sa  vie  röpondait  de  son  ob^issance.  Les 
princes  ^taient  perdus,  si  le  prince  Repnine  n'eut  pas  eu  le 
g^n^reux  courage  de  lui  d^sob^ir  ...  Je  fus  bientot  le  seul 
bien  qui  restät  au  prince  Repnine:  il  perdit  son  ambassade, 
ses  pensions,  la  faveur  de  Tlmpöratrice"  .  .  .  (147).  Während 
der  Auslandsreise  des  Fürsten  Repnin  mit  der  Fürstin  Czar- 
toryski, im  Jahre  1773,  hatte  der  Fürst  Repnin  mit  dem  Ver- 
fasser eine  Auseinandersetzung  (164),  die  finedlich  endete,  wo- 
bei Fürst  Repnin  ihm  bekannte,  dass  er  dem  Willen  Katha- 
rinas gegenüber  ungehorsam  gewesen  (166). 

Im  Jahre  1774  entwarf  der  Verfasser  ein  Memoire  über 


—     204     — 

die  polnischen  Angelegenheiten,  das  von  Stackeiberg  an  Katha- 
rina übersandt  wurde  (182);  in  Warschau  traf  er  darauf  mit 
Stackeiberg  zusammen  (193)  und  erhielt  von  Katharina  einen 
Brief:  „L'imp6ratrice  approuvait  mes  propositions,  m'6crivait 
une  lettre  pleine  de  bont^,  et  m^euYoyait  des  pouvoirs  fort 
6tendus"  (201).  Die  Vorschläge  hatten,  wie  es  scheint,  ein 
Bündniss  zwischen  Russland  und  Frankreich  zum  Gegenstande 
(193,  215),  doch  bemerkt  der  Verüetsser,  dass  Marie- Antoinette 
die  Wichtigkeit  eines  solchen  nicht  begreifen  konnte  (215,  219, 
222),  —  sie  verhielt  sich  zu  ihm  ganz  ebenso  wie  zu  dem 
Plane  „de  mettre  M.  le  comte  d'Artois  sur  le  tröme  de  Po- 
logne"  (218).  Etwas  später,  im  Jahre  1772,  „l'imp^ratrice 
me  faisait  les  propositions  les  plus  glorieuses  pour  entrer  k 
son  Service'^  (223);  im  Jahre  1777  „la  guerre  paraissait  in^- 
vitable  entre  la  Russie  et  la  Turquie",  und  der  Verfasser  be- 
absichtigte „d'aller  servir  comme  volontaire  dans  Tarm^e 
russe"  (281).  „J'^crivis  k  l'imp^ratrice:  j'en  regus,  courrier 
par  courrier,  la  r^ponse  la  plus  aimable.  Elle  me  proposait 
le  t^ommandement  d'un  corps  de  troupes  l^g^res  ä  cheval,  que 
j'acceptai"  (282).  Alle  diese  Absichten  verwirklichten  sich 
nicht,  und  der  Verfasser  hat  in  Russland  niemals  gedient. 

Die  Mittheilungen  des  Verfassers  hinsichtlich  der  polnischen 
Angelegenheiten  erweisen  sich  im  Allgemeinen  als  ziemlich 
zuverlässig  (Leonard  Chodzka,  „La  Pologne  pittoresque  et 
illustr^e);  in  Betreff  Russlands  können  wir  hier  nur  bezeugen, 
dass  weder  in  den  Papieren  Katharinas,  den  herausgegebenen 
sowohl  als  den  noch  nicht  veröffentlichten,  in  den  Archiven 
befindlichen,  noch  auch  im  Pariser  Archive  wir  irgend  welche 
Spuren  einer  Correspondenz  des  Verfassers  mit  der  Kaiserin 
haben  auffinden  können. 

Die  Memoiren  unterliegen  einer  sehr  eingehenden  kritischen 
Prüfung  in  dem  Werke  von  Gaston  Maugras:  „Le  Duc  de 
Lauzun  et  la  cour  intime  de  Louis  XV",   Paris  1893.     Der 


—     205     — 

erste  Band  flihrt  bis  zum  Jahre  1774;    ein  zweiter  Band   ist 
noch  nicht  erschienen. 

914.  Paramythia,  or  mental  paBtdmes,  belog  original  auecdotes,  col- 
lected  chiefly  during  a  long  resideuce  at  the  coort  of  Rossia, 
by  the  author  [Withfort].    London,  1821. 

Die  griechische  naQUfivd-ia  bedeutet  keineswegs  ,,mental 
pastimes^',  sondern  stellt,  streng  genommen,  eine  ^^demonstratio 
argumentorum  rei  propositae"  dar;  der  Verfasser  ist  sich  dessen 
sehr  wohl  bewusst,  und  daher  dient  bei  ihm  jede  Anekdote 
(scarp)  nur  zur  Rechtfertigung  und  zum  Beweise  einer  be- 
stimmten Maxime  (indroduction).  Der  grösste  Theil  der  von 
ihm  gesammelten  Anekdoten  bezieht  sich  auf  Paul  I.  uud  Ale- 
xander I.,  und  nur  eine  Minderzahl  derselben  auf  Katharina  II. 
Das  Buch  bringt  zwar  keine  neue,  damals  noch  unbekannte 
Anekdoten,  doch  ist  es  sehr  nützlich  zur  Controle  solcher 
Werke,  wie:  I.  S.,  „Der  Geist  Katharinas  der  Grossen,  der 
weisen  Mutter  des  Vaterlandes,  oder  Charakterzüge  und  Anek- 
doten, die  die  grossen  Tugenden  dieser  unsterblichen  Monarchin 
darstellen"  (russisch)  2  Theile,  St.  Petersburg,  1814;  P.  Ssu- 
marokow,  „Gharakterzüge  Katharinas  der  Grossen",  (russisch) 
St.  Petersburg,  1819,  u.  s.  w. 

Nach  der  Form  der  Erzählung  muss  man  annehmen,  dass 
der  Verfasser  dieser  Anekdotensammlung  kein  Anderer  ge- 
wesen ist,  als  der  englische  Gesandte,  sir  Charles  Withfort, 
der  im  Jahre  1893  in  St.  Petersburg  war,  als  die  Nachricht 
von  der  Hinrichtung  des  Königs  Ludwig  XVI.  anlangte  (98). 
Nicht  Alles  hat  er  selbst  gesehen.  Vieles  hat  man  ihm  mitge- 
theilt;  aber  Alles,  was  er  aufgezeichnet  hat,  findet  sich  auch 
in  russischen  Publicationen,  wenn  auch  in  anderer  Darstellung. 
Seine  Anekdote  von  der  Greisin  (55)  findet  sich  z.  B.  auch 
in  dem  vorerwähnten  Buche  „Der  Geist  Katharinas  der 
Grossen"  (11,  16);  ebenso  seine  Anekdoten  vom  Grafen  Stro- 
gonow  (83),   von  Ssamoilow  (95),  und  von  Naryschkin  (101). 


—     206     — 

Nur  die  Anekdote  vom  Sohne  Elphinstones  (65)  trifiFt  man  in 
keiner  früher  herausgegebenen  Sammlung  dieser  Art. 

915.  Exil  et  captivit^  du  comte  de  Benyowski,  rMig^  et  mis  en 
ordre  par  Mr.  Paul  de  P ,  .  ,    Paiifl,  1821. 

In  dem  Werke:  „Histoire  des  prisonniers  cWebrs"  ist 
über  die  Verbannung  und  die  Gefangenschaft  des  Grafen 
Beniowski  in  den  Hauptzügen  nach  No.  659  berichtet,  freilich 
mit  einigen  Abkürzungen,  die  ihre  Erklärung  finden  durch 
den  Wunsch  des  Herausgebers,  „les  M^moires  de  Monsieur 
de  Benyowski"  zu  drucken:  „purgÄs  de  placages  qui  les  d6- 
parent*'  (in). 

Ein  schöner  Kupferstich,  das  Porträt  Beniowskis,  ist  dem 
Buche  beigelegt. 

916.  Bibliotheque  Kusse,  par  M.  Fursi-Laisne-MelanshOy  conteuMit 
les  instructions  de  Catherine  II  pour  r^ducation  de  ses  petits- 
fils  Alexandre  et  Constantin,  au  mar^chal  prince  Nicolas  de 
SoltykofiP.    Meulan,  1821. 

Eine  Uebersetzung  des  vom  13.  März  1784  datirten,  an 
den  Grafen  N.  J.  Ssaltykow  gerichtdten  Dkases,  und  der  ihm 
angeschlossenen  Anweisungen  (Smirdin,  I,  199;  „Sammlung,^' 
XXVII,  301.  Als  Motto  sind  die  Worte  Katharinas  gewählt: 
„Ein  gesunder  Leib  und  eine  dem  guten  zugewandte  Geistes- 
richtung bilden  den  ganzen  Inhalt  der  Erziehung'^  („Sammlung^' 
ibid.,  302),  was  folgendermassen  übersetzt  ist:  „le  but  de  toute 
bonne  6ducation  consiste  k  affermir  la  sant6  ou  les  forces 
physiques,  et  k  diriger  le  plus  puissamment  possible  vers  le 
bien   des   penchans   du  coeur   et  les   facultas  de  Täme'^  (19). 

Die  Beilagen  enthalten:  „Memoire  du  g6n6ral  Laharpe" 
(74),  „Tableau  des  Ätudes  de  Grands-Ducs  (108)  vom  Jahre 
1790,  „Esquisses  sur  la  vie  du  pr.  N.  Soltykoff"  130,  nach 
Swinin,  und  „Lettres  des  monarques  Kusses  au  pr.  Soltykoff 
(147),  mit  einer  Uebersetzung  von  fünf  Briefen  Katharinas 
an  N.  J.  Ssaltykow. 


—     207     — 

917.  Lettres  de  rimp^ratrice  de  Rassie  et  de  Mr.  de  Voltaire.  (Edition 
Tonquel).    Paris,  1821. 

Nachdmck  von  No.  459,  mit  einigen  Erläuterungen  und 

Anmerkungen. 

918.  Djmitr  Samozwaniec,  tragediia  w  V  actacb,  Dayznakomitsza  z 
dziek  niesmiertelnego  Soumorokof,    Wilno,  1821. 

S.  No.  873.     Diese  Tragödie  ^^okazana  raz  pierwszy  na 
teatrze  wiledskim  30  Czerwca  1821  roka''. 

919.  Kysska  Gunstlingar.  £n  tafla  af  Rysska  Hofvete  och  Cabi- 
nettets  historia  under  odertonde  seclet.    Stockholm,  1821. 

üebersetzung  von  No.  894. 

920.  Pr^cis  historique  de  la  guerre  des  Turcs  contre  les  Kusses, 
depuis  rannte  1769  jasqu'4  Tann^e  1774,  tir6  des  annales  de 
rhistorien  tarc  Vassif-Efendi,  par  P.  A.  Cauasin  de  Pereeval. 
Paris,  1822. 

Eine  ausserordentlich  wichtige,  aus  dem  türkischen  Lager 
stammende  Quelle  für  die  Geschichte  des  ersten  türkischen 
Krieges.  „J'avais  accompagnÄ  l'armÄe",  schreibt  Vassif-Efendi, 
„depuis  le  commencement  de  1184  (1770),  comme  employ^ 
dans  les  bureaux  .  .  .  c'est  moi-m^me,  quie  ai  6crit  presque 
tous  les  rapports  secrets  adress^s  au  Sultan  par  le  grand- 
vizir',  (XI).  Er  hat  unter  den  türkischen  Truppen  die  Zu- 
rückwerfung Kaplan-Qirejs  vom  Pruth  mitgemacht  (104);  er  war 
femer  Secretar  des  Rels-Efendi  Abderasak  bei  den  Friedens- 
verhandlungen vom  Jahre  1772  (224)  u.  s.  w.  Mit  einem 
Worte,  er  ist  Augenzeuge  der  Ereignisse,  und  mitbetheiligt 
an  ihnen,  dabei  ein  vollkommen  wahrheitsgetreu  schildernder 
Schriftsteller.  Bei  Darstellung  der  Ereignisse  des  Jahres  1769, 
auf  Grund  ihm  vorliegender  prahlerischer  und  unwahrer  Be- 
richte, giebt  er  z.  B.  der  Meldung  von  der  Vertreibung  der 
Russen  von  Chotin  die  folgende  Form:  „Abaza-Mohamed-Pacha 
chargea  les  Russes  et  leur  tua  beaucoup  de  monde;  mais  jl 
perdit  lui-meme  tous  ses  bagages  et  un  grand  nombre  de  ses 


—     208     — 

soldats'*  (23).  Leider  hat  er  die  Kriegsereignisse  erst  nach 
Verlauf  von  30  Jahren  beschrieben,  bereits  zu  der  Zeit,  da 
„Bonaparte  actuellement  premier  consul  des  Fran9ais"  war  (243), 
und  daher  ist  Vieles  seinem  Gedächtniss  entfallen;  überdem 
sind  ihm  seine  Notizen  und  Memoiren  verloren  gegangen; 
,,Le  proces  verbal  de  mon  entretien  avec  Romanzoff  et  Obres- 
koff  fut  brül6  dans  un  incendu.  C'est  d'apr^s  un  Intervalle 
de  trente  ans  que  je  le  r^dige  de  memoire  aussi  fid^lement 
que  je  le  puis.  Dieu  connolt  ce  qui  peut  m'etre  ^chapp^  de 
contraire  k  la  v6rit6"  (21ö).  Doch  selbst  auch  nach  30 
Jahren  erinnerte  er  sich,  dass  Bumjanzew  ihm  „une  voiture 
appel6e  Kaliska"  gab  (211). 

Am  interessantesten  f&r  uus  sind  die  Friedensverhand- 
lungen mit  dem  Grafen  Orlow  in  Fokschany  (201),  mit  dem 
Grafen  Rumjanzew  in  Bukarest  (211),  und  zuletzt  in  Kainardshi 
(271).  Wir  stossen  hier  auf  interessante  neue  Züge.  So  z.  B.: 
„La  nidesse  de  caract^re  d'Osman-Efendi  6tait  la  principale 
cause  de  la  rupture  du  congr^s  pr&s  de  la  ville  de  Fokchan. 
.  .  .  Son  humeur  bisarre  rebata  d^s  le  premier  abord  les 
pl^nipotentiaires  russes  qui  se  demand^rent  Tun  k  l'autre  s'ils 
avaient  affaire  k  un  fou"  (209).  Für  die  Kriegsgeschichte  trifft 
man  hier  auf  interessante  und  vollständig  neue  Angaben. 
So  z.  B.  über  die  Belagerung  von  Chotin  (49),  über  die  Wunde 
Hassan-Paschas  (50),  über  den  Verlust  von  Galatz  (70),  über 
die  Expedition  nach  dem  Archipelagus  (85),  über  die  Pest  (124), 
über  die  Krim  (165,  188)  u.  v.  a.  Als  Hauptursache  der 
Niederlage  der  Türken  wird  der  völlig  ungeordnete  Zustand 
der  Intendantur  bezeichnet  —  sowohl  die  Mannschaften  als 
die  Pferde  mussten  häufig  Hunger  leiden  (34,  41,  57,  136). 
Ueber  die  Expedition  nach  dem  Archipelagus  setzte  man  die 
Türken  warnend  in  Kenntniss,  aber  sie  waren,  aus  Unwissenheit, 
überzeugt,  ,q,u'il  6tait  impossible  qu'une  escadre  russe  püt 
venir  de  P6tersbourg  dans  la  M6diterran6e"  (87).     Der  Ver- 


—     209     — 

fasser  äussert  sich  ausführlich  zur  Verleihung  des  Titels  „Sa- 
dunaiskij^'  an  den  Grafen  Rumjanzew  (175)  und  spricht  sich 
über  den  Frieden  von  Kutschuk-Kainardshi  folgendermassen 
aus:  yyQuoique  les  conditions  de  cette  paix  fiissent  toutes  k 
Tayantage  de  la  Russie,  la  Porte  se  trouva  n^anmoins  heureuse 
d'acheter  k  ce  prix  la  traquillit^  dont  eile  ayait  besoin'^  (273). 

921.  Pr^cis  des  ^v^nemens  militaires  de  la  premiSre  guerre  des 
Busses  contre  les  Turcs,  sous  le  r^ne  de  rimp^ratrice  Cathe- 
rine.   Par  le  colonel  Boutourlin.    P^tersbourg,  1822. 

Eine  militärische  Publication,  ohne  Vorwort  und  Inhalts- 
verzeichniss,  mit  scbai-fer  Eüntheilung  des  Stoffes  nach  Jahren, 
von  Januar  bis  zum  Januar,  und  beginnend  mit  den  Worten 
„Campagne  de  1769''  (5),  obgleich  der  Krieg  schon  im  Jahre 
1868  begann.  So  ist  das  Aeussere  des  Werkes  beschaffen; 
die  innere  Bedeutung  desselben  wird  durch  die  ersten  drei 
Zeilen  charakterisirt:  ,,La  gueiTe  qui  ^clata  k  la  fin  de  Fannie 
1768,  entre  la  Russie  et  la  Porte,  fut  preparöe  par  les  intri- 
gues  de  la  France"  (5).  Nachdem  der  Verfasser  seine  Anti- 
pathie gegen  die  Franzosen  mit  solcher  Deutlichkeit  zum  Aus- 
druck gebracht,  giebt  er  fünf  Zeilen  weiter  folgende  Aufklär- 
ung über  den  Anlass  zum  Eriege :  „ün  parti  russe  en  pour- 
suivant  les  Polonais  coof^d^r^s,  avait,  par  une  fatale  erreur, 
p^n^tr^  sur  le  territoire  ottoman  et  j  avait  brül6  le  bourg  de 
Balta"  (5).  Hier  beruht,  nach  dem  Zeugniss  eines  anderen 
militärischen  Schriftstellers,  eines  Kapitäns,  ein  jedes  Wort 
auf  Irrthum  (Petrow,  I,  68).  ungeachtet  dessen  hat  ein  dritter 
Militärschriftsteller,  ein  Oberst,  sich  folgendermassen  über  den 
Verfasser  geäussert:  „D.  P.  Buturlin,  1790 — 1846,  ist  einer  der 
angesehensten  Russischen  Militärschriftsteller"  (Leer,  I,  546). 

Die  Broschüre  ist  nach  den  Jahren  in  fünf  Kapitel  ein- 
getheilt:  1.  „Campagne  de  1769"  (5);  2.  „Campagne  de  1770" 
(37);  3.  „Campagne  de  1771"  (63);  4.  „Campagne  de  1773" 
(85)  und  5.  „Campagne  de  1774"  (109).     Ein  Jahr,  1772,  ist 

BilbaiBoff,  KftttutriDft  U.  14 


—     210     — 

ganz  ausgefallen:  „Fannie  1773  s'^tait  pass6e  en  n^gotiations'^ 
(85).  Ein  anderer  Oberst  jedoch  hat  über  die  „Campagne  des 
Jahres  1772^'  geschrieben^  welche  Darstelliing  die  grössere 
Hälfte  eines  ganzen  Bandes  Ällt  (Petrow,  IX,  1—234). 

922.  Anekdoter  om  Fürst  Potemkin,  Förra  Delen.   Stockholm,  1822. 
Ein   zweiter  Band   ist,  wie  es  scheint,  nicht  erschienen. 

Für  die  Zeit  der  Veröffentlichung  ist  dies  die  vollständigste 
Sammlung  von  Nachrichten  über  den  Fürsten  Potemkin.  Der 
Verfasser  hat  weniger  die  Nummern  706  und  736,  als  viel- 
mehr die  No.  868,  „interressanta  boken"  (Förord)  benutzt; 
ihm  ist  jedoch  No.  668  unbekannt  geblieben.  Die  Sammlung 
enthält  82  Nachrichten  über  den  Fürsten  Potemkin,  wobei  im 
Anfange  ziemlich  vollständige  Nachrichten  über  sein  Geschlecht 
mitgetheilt  werden  (7);  über  Katharina  werden  nur  allgemein 
bekannte  Thatsachen  erzählt  (15,  21,  30  ff.),  und  nur  bei  Dar- 
legung der  Anlässe  zu  dem  schwedisch-russischen  Kriege  (293), 
äussert  sich  der  Verfasser  mit  besonderer  Strenge  über  die 
Kaiserin. 

923.  Graf  Rasomowsky,  oder:  Nicht  alles  ist  falsch,  was  glänzt 
Russisches  Sittengemälde  in  vier  Abtheilungen.  Von  Dr.  Oeorg 
ReinJbeek,    Coblenz,  1822. 

In  Nekrologe  des  Grafen  Cyrill  Grigorjewitsch  Rasumows- 
kij,  1728 — 1803,  fielen  dem  Verfasser  besonders  zwei  Züge 
aus  seinem  Leben  auf:  der  Graf  hielt  offene  Tafel,  und  zahlte 
die  Kartenschulden  seines  Secretärs.  In  der  Biographie  dieses 
Mannes,  der  19  Jahre  lang  Präsident  der  Akademie  der 
Wissenschaften,  und  22  Jahre  General-Feldmarschall  und 
kleinrussischer  Hetmann  gewesen,  ungeachtet  dessen,  dass 
ihm  jegliche  Wissenschaft  fremd  war,  und  er  auf  militärischem 
Gebiete  gar  nichts  geleistet,  war  es  freilich  schwierig,  inter- 
essantere Züge  zu  verzeichnen.  Da  Graf  Rasumowskij  sowohl 
sein  rapides  Ayancement  als  seinen  colossalen  Eeichthum 
„seinem  älteren  Bruder  verdankte",  dem  Favoriten  Ellisabeth 


—    211     — 

Fetrownas,  fiel  es  ihm  eben  leicht,  Gelder  auszugeben,  die  ihm 
ohne  Anstrengung  zugefallen.  Anstatt  einer  Parodie  auf  solche 
zwei  Züge  eines  russischen  Grosswürdenträgers  hat  der  Ver- 
fasser auf  sie  ein  Drama  geschrieben,  da  er  diese  Züge  aus 
dem  Leben  eines  General-Feldmarschalls,  Hetmanns  und  Präsi- 
denten der  Akademie  der  Wissenschaften  für  des  ewigen  Ge- 
dächtnisses würdig  erachtete:  „An  diesen  Zügen  eines  gross- 
müthigen  ächtfürstlichen  Charakters  bildete  sich  nur  das  Ge- 
mälde des  Lebens  in  einem  ächtrussischen  grossen  Hause, 
und  es  dünkte  mir,  dass  ein  solches  Gemälde  in  lebendiger 
dramatischer  Darstellung  besonders  für  Deutschland  nicht  ohne 
Interesse  seyn  dürfte'^  (^37).  Das  Drama  kam  in  Berlin  zur 
Aufiiihrung,  hatte  jedoch,  sehr  zur  Verwunderung  des  Ver- 
fassers (141),  keinen  Erfolg;  auch  zu  St.  Petersburg  wurde 
m  in  Scene  gesetzt,  darauf  jedoch  verboten,  „weil  die  Züge 
aus  einer  bekannten,  noch  fortlebenden  russischen  Familie, 
nämlich  der  Grafen  Basumowsky,  entlehnt  seyen'^  (1^^)*  Hier- 
über äussert  der  Verfasser  mit  Recht  sein  Befremden:  „was  es 
doch  nicht  für  Gründe  zu  Verboten  geben  kann!" 

924«  Pr^cis  des  ^v^nements  militaires  de  la  2«  guerre  contre  les 
Turcs,  80U8  le  rögne  de  rimp^ratrice  Catherine.  Par  le  colonel 
Boutourlin,    Petersburg,  1822. 

Eine  Fortsetzung  der  Broschüre  No.  921,  zussmmenge- 
stellt  nach  demselben  Plane  und  in  derselben  Form  der  Dar- 
stellung. Das  Schriftchen  zerf&Ut,  nach  den  Jahren,  in  fol- 
gende fünf  Kapitel:  1.  „Campagne  de  1787"  (5);  2.  „Campagne 
de  1788"  (13);  3.  „Campagne  de  1789"  (31);  4.  „Campagne 
de  1790"  (55)  und  5.  „Campagne  de  1791"  (77). 

925.  Kazanie  na  pogrzebie  xi^cia  Adama  Ozartoryskiego,  miane  przez 
J.  P.   Worantexa.    Krokow,  1828. 

Am  22.  April  1823  fand  in  der  Warschauer  katholischen 

Kirche  zum  heil.  Kreuze  die  Leichenfeier  statt  am  Sarge  des 

89jährigen  Fürsten  Adam  Kasimir  Czartoryski;  die  Grabrede 

14* 


—     212    — 

hielt  der  Bischof  von  Krakau,  Woronitsch.  Fürst  Adam  Ka- 
simir, 1733 — 1823,  hatte  als  junger  Mann  St  Petershurg  be- 
sucht, und  sich  dort  mit  dem  Grossfursten  Paul  Petrowitsch 
befreundet^  der  ihm  versprochen  hatte,  seine  Kanditatur  für 
den  polnischen  Thron  zu  unterstützen,  und  ihm  am  Tage 
seiner  Thronbesteigung  den  Andreas-Orden  verliehen  hatte. 
Katharina,  von  dem  Wunsche  beseelt,  dem  Grafen  Stanislaus 
Poniatowski  zum  polnischen  Throne  zu  verhelfen,  musste  auf 
die  Ansicht  des  Fürsten  Adam  Rücksicht  nehmen  („Archiv 
des  Fürsten  Woronzow",  XXV,  424 ;  „Sammlung",  XLVm,  300 ; 
„Lesefrüchte",  1893,  ü,  92);  N.  J.  Panin  legte  der  „persön- 
lichen Bitte  des  Fürsten  Adam"  grossen  Werth  bei  („Samm- 
lung", LI,  403),  N.  W.  Repnin  jedoch  argwöhnte  in  ihm  einen 
Kandidaten  auf  den  polnischen  Thron  —  ,je  lui  crois  quel- 
qu'idöe  de  royaut^  en  tete"  (Ibid.,  419).  Bei  der  Wahl  eines 
Kanditaten  zum  Kron-Hetmann  („Sammlung",  LVII,  265),  bei 
der  Einberufung  des  Reichstags  („Russisches  Alterthum", 
in,  478)  hatte  Katharins  stets  Anlass,  den  Fürsten  Adam  im 
Auge  zu  behalten*  In  den  letzten  Jahren  ihrer  Regierung 
hatte  Katharina  wiederum  mit  dem  Fürsten  Adam  zu  schaffen 
in  Anlass  der  Sequestration  seiner  Güter  („Russisches  Archiv", 
1873,  2262),  der  Ausweisung  seines  Agenten  („Sammlung", 
XLII,  252),  und  auch  wegen  seiner  Kinder  („Sammlung", 
XVI,  143),  denen  sie  43,  566,  früher  sequestrirte  Leibeigene 
wieder  zurückgab  („Russ.  Archiv,  1873,  2315).  Einer  seiner 
Söhne,  Fürst  Adam  Georg,  war  „Freund"  des  Grossfiirsten 
Alexander  Pawlowitsch  und  russischer  Minister  des  Aeussem 
zur  Zeit  der  Regierung  Alexanders  I.  Der  Kaiser  schätzte 
seinen  Vater  sehr  hoch,  und  besuchte  den  alten  Fürsten  Adam- 
Kasimir  im  Jahre  1805  in  Pulawy  und  1818  in  Sjenjawy. 

Fürt  Adam -Kasimir  ist  der  hervorragendste  Pole  der 
zweiten  Hälfte  des  XYIU.  Jahrhunderts.  Er  hat  das  Cadetten- 
corps  begründet,   in   welchem   Kosciuszko,   Makronowski  und 


—     213     — 

Njemzewitsch  erzogen  worden,  er  arbeitete  in  der  ünterrichts- 
commission,  hat  für  die  Reform  des  Gerichtswesens  gewirkt, 
hat  theilgenommen  an  dem  vierjährigen  Reichstage,  der  von 
Vielen  auch  der  „constituirende^^  genannt  wird,  hat  die  Con- 
stitution vom  3.  Mai  1791  ausgearbeitet,  alle  seine  Güter  ver- 
loren, und  seine  Söhne  Russland  als  Geissein  ausgeliefert  .  .  . 
Der  Redner  zu  seiner  Leichenfeier  zeichnete  das  innere  Bild 
des  verstorbenen  Fürsten  Adam  Czartoryski.  „M^  obszern^y 
nauki  i  wiadomoäci,  wymowny  znawca  tylu  i^zykow,  upragniony 
wszystkich  wspoleczeiistw  ozywca,  tylu  obcych  kraiöw  i  ludöw 
przenikly  badacz,  nashichal  si^  piewnie  i  napatrzy)  owych 
chwalcöw  i  udawcöw  cnoty,  poiyczana  iey  szat^  dumnie 
potrz^saiacych"  (5).  Er  war  ein  Mann  geraden  Charakters: 
„CO  w  sercu,  to  w  uäciech"  (8);  durch  seine  Arbeiten  für  die 
Volksbildung:  „niemych  mowiö,  agluchych  slyszeß nauczyl"  (11). 

926«   Deox  nouvelles.   Eliza  Tarrakanoff,  nouvelle  russe.   Par  M.  Hyp- 
poliU  Bonneüier.    Paris,  1828. 

Die  Legende  von  der  Tarakanow,  verziert  mit  romanhaften 
Details,  erschien  dem  Verfssser  zur  Schaffung  einer  „nonvelle 
russe' '  nicht  genügend,  und  er  schob  in  seine  Erzählung  noch 
die  Darstellung  des  Schicksals  Peter  Romanows  hinein,  „d'un  fils 
illegitime  de  Charles  Ulric  de  Holstein  et  de  la  plus  laide  de 
toutes  les  femmes  de  la  cour  (20).  Der  Verfasser  selbst  erkennt 
diese  Einschiebung  als  ganz  unpassend  an:  „Le  personnage  de 
Romanoff  n'est  pashistorique;  une  infirmit^,  dont  Pierre  m  6tait 
affligö,  le  rendait  inhabile  k  la  reproduction"  (Ibid.).  Dennoch 
spielt  Peter  Romanow  in  der  ganzen  Erzählung  eine  erste  Rolle 
und  drängt  durch  seine  Person  die  Elisabeth  Tarakanow  ganz 
in  den  Hintergrund.  Bei  einer  solchen  Disposition  der  Erzäh- 
lung schwanden  die  letzten  Spuren  eines  thatsächlichen  Bildes 
der  Tarakanow,  und  es  ergab  sich  als  Resultat  ein  ganz  phan- 
tastisches Märchen. 

Der  Verfasser  unterbricht  mehrmals  seine  Erzählung,  um 


—     214    — 

eine  Charakteristik  Katharinas  zu  geben.  Wir  lassen  hier, 
als  Beispiel,  eine  dieser  Einschiebungen  folgen:  ^^Catherine  II* 
sur  le  tröne  invoquait  k  son  aide  le  d^mon  destmcteur  de  la 
politique;  et  le  g^nie  malfaisant,  sensible  k  ses  priores,  lui 
communiquait  sa  sinistre  inteUigence:  Tinjustice,  Tambition^ 
ringratitude,  la  trahison  et  le  meurte  en  sont  les  facultas  pre- 
miferes;  Catherine  les  exer^ait  toutes.  Le  sang  de  Pierre  m 
et  du  prince  Iwan  teignait  encore  les  marches  de  son  tröne; 
c'6tait  trop  peu,  il  fallait  exterminer  un  peuple  assez  audacieux 
pour  refuser  d'etre  esclave:  les  Polonais  devaient  etre  ^cras^s 
sous  leurs  chalnes'^  (48).  Solcher  Charakteristilcen  finden  sich 
hier  mehrere  (7,  10,  49,  107). 

927.   M^moires  ou  Souvenirs  et  anecdotes,  par  Mr.  le  comte  de  Segur, 
8  vis.    Paris,  1825. 

Louis  Philippe,  comte  de  Sfegur,  1753 — 1830,  verlebte  in 
Russland  mehr  als  vier  Jahre,  vom  März  1785  bis  zum  Sep- 
tember 1798;  als  französischer  bevollmächtigter  Minister  in 
St.  Petersburg,  als  „ministre  de  poche'*  Katharinas,  verkehrte 
er  viel  mif  ihr,  begleitete  sie  auf  ihren  Reisen,  nahm  an  den 
Eremitagen- Versammlungen  theil,  hatte  Gelegenheit,  sie  nicht 
nur  als  Kaiserin  genau  kennen  zu  lernen,  sondern  auch  von 
ihrer  rein  menschlichen  Seite,  und  hat,  lange  Jahre  nach  dem 
Tode  Katharinas,  sie  in  seinen  Memoiren  gerecht  und  wahr- 
heitsgetreu gezeichnet.  Diese  seine  Schilderung  erschien  im 
Jahre  1825,  und  war  die  erste  in  Europa  veröffentlichte  Schrift^ 
in  der  Katharina  in  anziehendem  Lichte  dargestellt  war,  als 
weise  Monarchin,  und  als  bezaubernde,  aufgeklärte  und  kluge 
Frau.  Die  Memoiren  S^gurs  sind  eine  sehr  wesentliche  und  wich- 
tige Quelle,  die  bis  zur  Gegenwart  im  Westen  nicht  nach 
Gebühr  geschätzt  worden  und  in  Russland  vollkommen  unbe- 
kannt geblieben  ist.  Bruchstücke  aus  diesen  Memoiren,  die 
im  „Sohn  des  Vaterlandes^'  (russische  Zeitung)  und  in  den 
.»Vaterländischen  Memoiren"  (russische  Monatsschrift)  im  Jahre 


—     215     — 

1827  abgedruckt  worden,  und  gar  die  als  besonderes  Buch 
(russisch)  veröffentlichten  „Memoiren  des  Grafen  S6gur  über 
seinen  Aufenthalt  in  Russland  während  der  Regierung  Katha- 
rinas n."  (St.  Petersburg,  1865)  geben  eine  vollständige  falsche 
Anschauung  von  S^gur  und  seinen  Memoiren;  die  allervdch- 
tigsten  Stellen  sind  hier  ausgelassen,  Vieles  ist  gemildert, 
Anderes  wieder  verstümlnelt,  so  dass  diese  russischen  Ueber- 
setzungen  nicht  dasjenige  Bild  von  Katharina  wiedergeben, 
das  S6gur  entworfen  hat.  Diese  üebersetzungen  haben  in 
solcher  Weise  sowohl  dem  Grafen  S6gur,  als  der  Kaiserin 
Katharina  nur  zum  Schaden  gereicht. 

Nachdem  Katharina  soeben  erst  von  der  Ernennung  des 
Grafen  S6gur  erfahren,  schrieb  sie  unter  dem  3.  Februar  1785 
an  Joseph  11.:  „M.  de  S^gur  court  jour  et  nuit  pour  se  häter 
de  venir  ici;  ä  en  juger  par  la  c6Uni6  de  son  voyage,  il  doit 
porter  avec  lui  plus  de  contrebande  en  politique,  qu'en  mar- 
chandises"  (Ameth,  247).  Scharfsinnig  zwar,  aber  inhaltlich 
unrichtig  —  S^gur  beeilte  sich  keineswegs:  er  reiste  zunächst 
nach  Berlin,  wo  Friedrich  II.  ihm  gegenüber  sein  ürtheil  über 
die  Revolution  von  1762  aussprach  (II,  136),  sodann  begab 
er  sich  nach  Warschau,  wo  er  mit  Stanislaus- August  (III,  161) 
und  mit  dem  russischen  Gesandten  Stackeiberg  (11,  171,  174) 
Bekanntschaft  machte.  Er  erschien  in  St  Petersburg,  wohl 
verti-aut  bereits  mit  der  Rolle,  die  Katharina  im  Jahre  1762 
gespielt  hatte  (11,  75,  206),  und  mit  der  polnischen  Frage 
(n,  140,  148,  171,  176).  Bald  nach  der  Ankunft  S6gurs 
äusserte  sich  Katharina  über  ihn,  als  den  besten  der  Fran- 
zosen —  „assurement  s'est  ce  qui'l  y  a  eu  de  mieux  jusqu'ici 
dans  ce  pays  de  chez  vous  („Sammlung*',  XXTTI,  337);  il  est 
difficile  d'etre  plus  aimable  et  d'avoir  un  meilleur  esprit;  au 
m6rite,  k  Tesprit,  aux  talents,  aux  connaissances,  il  Joint  la 
noblesse  du  sentiment  et  l'amabilit^  (Ibid.,  342);  sie  verglich 
ihn,  als  Dichter,  mit  Voltaire:  „depuis  que  Voltaire  est  mort,. 


—     216     — 

le  Premier  pofete  de  la  France,  sans  contredit,  c'est  le  comte 
de  S6gur<'  (Ibid.,  342).  Aus  den  Memoiren  S^gors  selbst,  noch 
mehr  aber  aus  den  eigenen  Briefen  Katharinas  (Bytschkow, 
142,  149;  Blum,  ü,  478;  „Russ.  Archiv",  1866,  71;  1872, 
2068,  2085;  Chrapowizkij,  459;  „Sammlung",  XXTTT,  XLII, 
XLYII,  nach  dem  Register)  ist  zu  ersehen,  wie  hoch  sie  ihn 
schätzte  und  wie  sehr  sie  sich  flir  ihn  interessirte;  am 
3.  April  1787  ratifizirte  sie  den  Handelsvertrag  mit  Frankreich 
(„AUg.  Gesetzsammlung",  No.  16,489).  Sogar  als  S^gur,  als 
Patriot,  im  Jahre  1790  nach  Frankreich  abreiste,  schrieb 
Katharina  noch  über  ihn:  ,je  suis  persuad^e,  que  ses  intentions 
sont  bonnes;  il  a  Täme  noble,  il  est  instruit  et  6clair^,  mais 
je  doute  qu'il  rÄussisse"  („Sammlung",  XXTTT,  485),  und  erst 
später,  als  S6gur  die  „verhasste"  Republik  anerkannte,  mochte 
sie  von  ihm  gar  nicht  mehr  hören:  „pour  de  Philippe  S^gur 
il  ne  faut  plus  en  parier"  (Ibid.,  568). 

In  den  Memoiren  S6gurs  stossen  wir  auf  eine  Masse  der 
interessantesten  Details  über  Katharina,  den  Hof,  die  russische 
Gesellschaft,  das  russische  Volk,  die  productiven  Kräfte  des 
Landes,  den  Handel,  Krieg  und  Kriegswesen,  die  Städte  u.  s.  w. 
Seine  Schreibweise  charakterisirt  sich  beispielsweise  aus  seinem 
hier  folgenden  Urtheil  über  das  russische  Volk:  „Le  peuple 
russe,  v^g6tant  dans  Tesclavags,  ne  connalt  pas  le  bonhenr 
moral;  mais  il  jouit  d'une  sorte  de  bonheur  mat6riel:  car  ces 
pauvres  serfs,  certains  d'etre  toujours  nourris,  log^s,  chauflF6s 
par  le  produit  de  leur  travail  ou  par  leurs  seigneurs,  et  6tant 
k  Fabri  de  tous  besoins,  n'6prouvent  jamais  le  tourment  de 
la  misere  ou  Tefiroi  d'y  tomber;  funeste  plaie  des  peuples  po- 
lic^s,  mille  fois  plus  heureux  cependant,  parce  qu'ils  sont 
libres"  (II,  283). 

Die  Uebersetzer  der  „Memoiren  des  Grafen  S6gur"  äussern 
die  Meinung,  er  verfuge  über  eine  nur  „recht  oberflächliche 
Bildung"  (5),  und  sei  ein  Mensch  „nicht  ganz  ohne  Verstand"  (8), 


—    217     — 

welches  ürtheil  freilich  nur  aus  Furcht  vor  der  Censur  so  ge- 
flJlt  wurde. 

928«  Levensgeschiedenissen  van  gevallene  vorstengunstelingen,  Staats- 
dienaren  en  yeldheeren.  Door  C.  J.  WagenseiL  Leeuwarden, 
1825. 

Eine  Sammlung  von  18  kurzen  Biographien,  in  welchen 
der  Verfasser  nach  seinem  Bekenntniss  im  „Vorberigt",  „suum 
cuique"  wollte  zu  Theil  werden  lassen.  Von  russischen  Staats- 
männern finden  wir  hier  nur  „Alexis  Petrowitz,  Graav  van 
Bestuschef-Riumin"  (130),  der  denjenigen  Personen  zuge- 
rechnet wird:  „en  wel  deels  door  trotschheid,  listige  treken, 
hebzucht,  aanmatigingen,  eerzucht,  despotisme,  volksverdruk- 
king,  wreedheid  en  wraakgierigheid/'  Als  Quelle  hat  dieser 
Skizze  ausschliesslich  das  Werk  No.  894  gedient. 

929«  M^moires  de  Michel  Oginahi  snr  la  Pologne  et  les  Polonais, 
depuis  1788  jusqu'ji  la  fin  de  1815.    4  vis.    Paris,  1826. 

Graf  Michael  Oginski,  1765 — 1833,  der  nach  einander 
ünterschatzmeister  flir  Lithauen,  polnischer  Minister  und 
russischer  Senateur  gewesen,  hat  umfangreiche  Memoiren  für 
die  ersten  27  Jahre  seiner  politischen  Bethätigung  hinter- 
lassen. Er  hat  sie  im  Jahre  1815  (I,  17)  verfasst  auf  Grund 
von  Aufzeichnungen,  die  er  seit  dem  Jahre  1788  gemacht, 
und  nach  Copien  aller  derjenigen  Documente,  die  durch  seine 
Hände  gegangen  waren.  Diese  Memoiren  sind  höchst  inter- 
essant und  wichtig.  Man  stösst  in  ihnen  auf  Fehler,  doch 
sind  es  grösstentheils  nur  ganz  geringfügige,  im  Wesentlichen 
jedoch  werden  die  Hauptereignisse  wahrheitsgetreu  dargestellt. 
Manche  verhalten  sich  zu  diesen  Memoiren  wie  es  scheint  nur 
deshalb  mit  Misstrauen,  weil  ihr  Verfasser  vollständig  auf- 
richtig war.  Ek  selbst  erzählt  ausführlich,  dass  er,  da  er 
weder  der  Conföderation  von  Targowicz  beitreten,  noch  auch 
die  Constitution  vom  3.  Mai  1791  verfechten  wollte,  im  Sommer 
des  Jahres   1792  nach  Altwasser  in  Schlesien  sich  entfernte 


—     218     — 

(I,  191);  nach  einem  Jahre,  1798,  zog  er  sich,  da  er  nicht 
auf  dem  Reichstage  von  Grodno  Sievers'  Partei  halten  wollte, 
aus  Grodno  auf  sein  Gut  zurück  (I,  266).  Die  Polen  werfen 
ihm  vor,  dass  er  sich  den  „Märtyrer-Heldenthaten  für  das 
Vaterland"  entzogen  habe  (Lelewel,  „Trzy  konstitucije",  21); 
die  Russen  sehen  darin  nur  seinen  Wunsch,  die  beiden  Rollen 
eines  „polnischen  Patrioten  und  eines  Dieners  der  russischen 
Regierung"  mit  einander  in  Einklang  zu  setzen  (Üowajskij, 
„der  Reichstag  zu  Grodno",  89).  Es  ist  dies  freiUch  ftir  die 
Charakteristik  des  Verfassers  sehr  wichtig,  und  es  muss  dieser 
Gesichtspunkt  auch  als  zuverlässiger  Wegweiser  dienen  bei 
Benutzung  der  Memoiren^  in  denen  zahlreiche  wichtige  That- 
sachen  mitgetheilt  werden,  neben  den  Urtheilen  und  Reflexio- 
nen des  Verfassers,  die  für  den  Historiker  ja  nicht  die  ge- 
ringste verbindliche  Kraft  haben.  Für  die  Epoche  Eatha- 
rinas  sind  diese  Memoiren  besonders  wichtig  hinsichtlich  zweier 
geschichtlicher  Episoden:  des  Reichstages  zu  Grodno  und  der 
Wilnaer  Revolution  vom  Jahre  1794. 

Ein  Spezialist,  der  Verfasser  des  grundlegenden  Werkes: 
„der  Reichstag  zu  Grodno  im  Jahre  1793",  D.  Ilowajskij, 
fällt  ein  sehr  strenges  Urtheil  über  Graf  Oginski,  indem  er 
ihn  des  „Mangels  an  Gewissenhaftigkeit"  beschuldigt,  dennoch 
aber  nutzt  er  seine  Memoiren  aus  (115),  mitunter  sogar  ohne 
Nennung  der  Quelle  (111,  173,  207).  Nur  vier  Beispiele  für 
die  „ünzuverlässigkeit"  des  Verfassers  der  Memoiren  werden 
von  ihm  angeführt:  Oginski  habe  sein  Project  nicht  am  17. 
sondern  am  24.  Juli  eingebracht  (89)  —  eine  Ungenauigkeit, 
die  ohne  Schwierigkeit  sich  daraus  erklärt,  dass  die  Memoiren 
erst  nach  22  Jahren  verfasst  worden  sind;  die  übrigen  drei 
UnZuverlässigkeiten  (25,  47,  90)  sollen  darin  begründet  sein, 
dass  der  von  Oginski  mitgetheilten  Thatsachen  in  den  Be- 
richten von  Sievers  nicht  Erwähnung  geschieht,  eine  sehr 
leichtsinnige  Schlussfolgerung,  die  von  Ilowajskij  selbst  wieder- 


—     219     — 

legt  wird:  auf  Grund  der  zufälligen  Aufzeichnungen  Ochozkis 
glaubt  er  an  die  Intriguen  der  französischen  Marquise  Lully 
(17),  obgleich  ihrer  weder  in  den  Berichten  von  Sievers,  noch 
in  den  Memoiren  von  Oginski  erwähnt  wird.  Unbegründet  er- 
scheint uns  auch  der  Vorzug,  den  Herr  Ilowajskij  den  Be- 
richten an  die  Kaiserin  vor  dessen  Noten  an  den  Reichstag 
ertheilt:  Oginski  bringt  die  Note  vollständig  (I,  273),  Herr 
Ilowajskij  nur  im  Auszuge  (107),  und  überdem  in  ungenauer 
üebersetzung:  „les  6conomies  royales"  —  „Tafelgüter"  (108); 
Oginski  druckt  den  sehr  wichtigen  Brief  von  Sievers  an 
Tyschkewitsch  vollständig  ab  (298),  Ilowajskij  nur  in  kurzer 
Umschrift  (173).  Und  dabei  ist  Ilowajskij  selbst  ungehalten 
über  Sievers,  dads  er  „den  zum  Reichstag  versammelten  Polen 
fast  jede  patriotische  Regung  abspricht",  wobei  er  diesem 
seinem  Unwillen  in  folgender  Form  Ausdruck  verleiht:  „Die 
Geschichte  kann  nicht  vollständig  eine  solche  Meinung  thei- 
len"  (119). 

Für  die  Geschichte  der  Wilnaer  Revolution  sind  die 
Memoiren  von  Oginski  gleichfalls  eine  unschätzbare  Quelle 
(I,  416).  Uns  ist  diese,  durch  die  sehr  viel  lauteren  Vor- 
gänge in  Warschau  ganz  in  den  Schatten  gerückte  Episode 
vollständig  unbekannt  geblieben.  Wir  vermerken  hier  nur 
dies  eine  folgende  Zeugniss  Oginskis:  „Ce  fut  le  12  du  mois 
d'aoüt  que  les  Russes  entr^rent  ä  Wilna,  et  on  leur  doit 
rendre  la  justice  qu'ils  n'y  ont  pas  commis  les  exces  dont  on 
les  a  accus^s"  (I,  495). 

Der  Verfasser  theilt  ausserordentlich  interessante  Details 
mit  über  seine  Begegnungen  mit  Russen.  In  Amsterdam, 
wo  der  Verfasser  eine  Anleihe  für  Polen  abschloss,  wurde 
auch  wegen  einer  russischen  Anleihe  verhandelt,  „je  fus  ac- 
cus6  d'avoir  cherchö  k  retarder  ou  meme  a  faire  manquer  la 
n6gociation  d'emprunt  pour  la  Russie"  (I,  81).  In  Mohilew,  bei 
Passek,  machte  er  Bekanntschaft  mit  dem  auf  der  Durchreise 


—     220     — 

nach  Jassy  jene  Stadt  passirenden  Fürsten  Potemkin,  „qui 
^mbitionnait  d^etre  roi  de  Pologne^^  (^^8).  Nach  seinem  Ur- 
theile  ist  der  Fürst  —  „favori  de  la  fortune,  dont  T^ducation. 
iivait  6i6  n6gligöe  et  qui  avait  peu  d'instruction ,  mais  dont 
le  coup  d'oeil  6tait  tres  juste  et  dont  le  tact  et  le  g6nie 
^tonnaient  tout  ceux  qui  l'approchaient"  (T,  148).  In 
St-  Petersburg  bemerkte  er  sehr  bald  „quelle  diflFörence  Ton 
faisait  entre  les  d^lögu^s  de  la  conföd^ration  de  Targowica, 
qu'on  semblait  ^viter,  et  les  Polonais  que  des  affaires  parti- 
culi^res  avaient  forcös  de  venir  dans  la  capitale  et  auxquels 
on  faisait  un  recueil  T^ritablement  amical  et  distingu^^'  (206). 
Fürst  Subow  wollte  nicht  einmal  den  Gedanken  an  eine  zweite 
Theilung  Polens  gelten  lassen:  y^Otez  yous  bien  cette  id^e  de 
la  tete,  dit  le  prince  Zouboff  avec  humeur;  il  n'y  a  que  les 
ennemis  de  la  Russie  qui  puissent  d^biter  des  contes  de  cette 
nature"  (208).  In  Grodno  traf  er  häufig  mit  Sievers  zu- 
sammen, ,,qui  ötait  brusque,  empörte,  violent  et  fid^le  obser- 
Yateur  des  ordres  qu'il  recevait,  mais  qui  dans  le  fond  avait 
le  coeur  bon,  et  aurait  d^sir6  faire  le  bien,  si  cela  avait  6t6 
€n  son  pouvoir"  (309,  337).  In  Warschau  wurde  er  mit  dem 
Baron  Igelström  bekannt,  den  er  sehr  viel  geringer  schätzte, 
als  Sievers  —  „Igelström  me  fit  bien  voir  que  nous  n'avions 
pas  gagn6  au  change'^  (337). 

Die  Memoiren  schliessen  viele  wichtige  Mittheilungen  in 
sich,  deren  Bewahrung  wir  ausschliesslich  dem  Grafen  Oginski 
verdanken.  Nur  bei  ihm  erfährt  man  etwas  über  eine  solche 
Perfidie,  wie  die  „communication  confidentielle"  von  Lucchesini, 
„que  la  Russie  avait  propos^  au  roi  de  Prusse  de  le  mettre 
en  possession  de  la  Grande- Pologne,  s'il  voulait  rester  neutre 
dans  la  guerre  contre  les  Turcs^'  (I,  62).  Katharina  hat  nur 
zwei  auf  Oginski  bezügliche  Briefe  geschrieben,  die  ihrem  In- 
halte nach  ganz  entgegengesetzt  sind:  einen  an  Passek  ge- 
richteten, vom  Jahre  1793,  über  die  Aufhebung  der  Beschlag- 


—     221     — 

nähme  der  Oginskischen  Güter,  welcher  Brief  noch  immer 
nicht  veröfifentlicht  worden,  und  der  nur  nach  seinen  Memoiren 
(I,  214)  bekannt  ist,  und  einen  zweiten  an  Repnin,  vom 
Jahre  1796,  über  den  Verkauf  seiner  sequestrirten  Güter,  zur 
Bezahlung  der  Schulden  („Sammlung"  XVI,  532).  Nur  bei 
ihm  liest  man  eine  gewissenhafte  Schätzung  des  Bankrotts 
der  Warschauer  Banquiers  vom  Jahre  1792  (I,  237),  einen 
Bückblick  auf  die  Politik  Gustavs  III.  unmittelbar  nach  dem 
Frieden  von  Werelä  (83),  eine  Aeusserung  Igelströms  über 
die  zweite  Theilung  (262)  u.  a. 

In  den  Memoiren  sind  wir  nur  auf  zwei,  die  Epoche 
Katharinas  betreffende  Naivetäten  gestossen,  nicht  etwa  von 
ihm  gemeldete  Thatsachen,  sondern  politische  Ansichten  des 
Verfassers,  die  er  freilich  mit  vielen  seiner  Zeitgenossen  ge- 
theilt  hat  So  war  er  überzeugt,  dass  —  „si  on  avait  presse 
les  Operations  de  la  diöte  et  proclam6  la  Constitution  du 
3  mai  1791  dixhuit  mois  plus  tot,  la  Pologne  6tait  sauv^e'^ 
(I,  51).  Die  zweite  Naivetät  trägt  ganz  denselben  Charakter: 
der  Tod  Leopolds  habe  es  Katharina  möglich  gemacht, 
Preussen  von  Polen  abzuziehen  —  „si  le  rfegne  de  Leopold 
avait  6t6  prolongö,  l'Europe  aurait  evit^  de  grandes  calami- 
t6s"  (I,  170),  aber  auch  in  diesem  Falle  war  er  nur  das  Echo 
der  öffentlichen  Meinung,  wie  er  denn  beifügt:  „Fopinion 
g6n6rale  porte  k  croire".  Der  Verfasser  sucht  im  Uebrigen 
stets  nach  Möglichkeit  den  preussischen  König  zu  entschuldi- 
gen, sogar  hinsichtlich  der  ersten  Theilung  (I,  30);  sogar  das 
Verhalten  des  preussischen  Königs  im  Jahre  1792  hat  in 
dieser  Hinsicht  die  Stellung  des  Verfassers  nicht  zu  beein- 
flussen vermocht  (I,  176). 

Es  muss  hier  hervorgehoben  werden,  dass  wir  uns  bei 
der  Besprechung  der  Memoiren  Oginskis  ausschliecslich  auf 
die  im  ersten  Bande  behandelte  Epoche  Katharinas  IL  be- 
schränkt haben.     In   den    übrigen   Bänden    sind   noch   viele 


—     222     — 

Documente  abgedruckt  (III,  315,  372;  III,  47,  77,  82,  87,  S.) 
und  eine  grosse  ZaM  Mittheilangen  über  die  Beziehungen  des 
Verfassers  zu  Alexander  I.,  betreffend  die  Organisation  Polens 
(II,  369;  m,  39,  70,  73  sqq.).  „Je  tenais  un  Journal,  dans 
lequel  je  notais  exactement  et  avec  tous  les  d6tails  ueces- 
saires,  tout  ce  que  j'avais  dit  ou  que  j'avais  entendu  dire  k 
Fempereur  r6lativement  k  la  Pologne  et  aux  Polonais^'  (III,  81), 
was  diesen  Mittheilungen  einen  besonderen  Werth  verleiht.  In 
der  Beilage  zum  lY.  Bande  sind  abgedruckt:  „Charte  con- 
stitutionelle  du  royaume  de  Pologne'^  und  sechs  Documente, 
die  auf  Polen,  bis  zum  Anfange  des  Jahres  1826,  Bezug 
haben. 

930.  M^moires  de  M.  de  Falekenskiold,  officier  g^n^nü  au  service  de 
S.  M.  le  roi  de  Danemark,  k  r^poque  du  miniBtöre  et  de  la 
catastrophe  du  comte  de  Straen«6e.    Paris,  1826. 

Der  reiche  Däne  Falckensciold  hatte  sich  dem  Eriegs- 
berufe  gewidmet,  während  des  Siebenjährigen  Krieges  in  den 
Reihen  der  französischen  Armee  gefochten,  wo  er  bei  KQoster- 
kamp  schwer  war  verwundet  worden,  —  und  im  ersten  tür- 
kischen Kriege,  in  russischen  Diensten,  wo  er  fQr  Larga  das 
Georgenkreuz  erhalten.  Unmittelbar  nach  dieser  Auszeich- 
nung wurde  er  nach  Kopenhagen  abberufen,  fiel  dort  in  Un- 
gnade, und  unterlag,  infolge  einer  Hofintrigue,  einer  fünigäh- 
rigen  Festungshaft.  Vom  Jahre  1780  an,  war  er  aus  Däne- 
mark ausgewiesen,  und  lebte  darauf  vorzugsweise  in  Lausanne. 
Im  Jahre  1787  erhielt  er  seitens  der  russischan  Regierung 
eine  Aufforderung  zum  Eintritt  in  ihre  Dienste,  der  dänische 
Hof  widersetzte  sich  jedoch  seinem  Wunsche,  nochmals  für 
Russland  gegen  die  TtLrken  zu  kämpfen.  In  Lausanne  ordnete 
er  seine  Memoiren,  in  denen  er  auch  viel  über  Russland 
spricht. 

Vorzugsweise  über  den  ersten  türkischen  Krieg  berichtet 
er  in  seinem  „Consid^rations  sur  les  campagnes  des  Russes 


—     223     — 

contre  les  Furcs  durant  les  annÄes  1769  et  1770".  Seine 
Kenntnisse  wurden  in  der  russischen  Armee  sehr  geschätzt. 
„J'avais  la  commission  particulifere  de  faire  lever  les  positions 
de  rannte;  les  cartes  de  campagne  de  1770,  qui  furent  en- 
Yoy^es  k  Timpöratrice  et  rendues  publiques,  sont  mon  ou- 
yrage"  (3).  Militärische  Spezialisten  werden  mit  Interesse  die  Be- 
merkungen des  Ausländers  über  diesen  Krieg,  an  dem  er  theil- 
genommen,  lesen,  und  die  Yon  ihm  mitgetheilten  Details  über 
den  Kriegsplan  (42),  über  Ghotin  (61),  über  Larga  (77)  und 
den  Kagul  (82)  verwerthen,  sowie  seine  Aeusserungen  über  die 
Mängel  der  russischen  Truppen  (41,  59,  64,  70,  81,  92). 
üeber  die  russischen  Soldaten  schreibt  der  Verfasser:  „Le  soldat 
russe  ne  m'a  point  paru  fort  robuste;  j'ai  les  trouv6s  fort 
Sujets  aux  rhumes,  k  Töpuisement  et  aux  dyssent^ries;  mais 
on  trouve  en  lui  de  bonnes  qualit^s:  il  ne  döserte  pas,  il  est 
patient  dans  la  misöre,  ferme  dans  le  poste  od  il  est  plac6; 
il  suit  bien  TofQcier  qui  le  guide"  (26).  Er  charakterisirt  die 
Personen,  mit  denen  er  zusammengetroffen  ist;  die  Gebrüder 
Panin  (29,  35),  die  Gebrüder  Tschemyschow  (31),  Potemkin 
und  den  Fürsten  Golizyn  (33),  Kamenskij  und  den  Fürsten 
Repnin  (34),  Bauer  (35),  Rennenkampf  (36),  Fabriziano  (36, 
67),  Soritsch  (74),  den  Prinzen  von  Braunschweig  (87)  u.  A. 
über  den  Grafen  Rumjanzew  äussert  er  sich  folgendermassen: 
„C'ötait  un  homme  de  beaucoup  d'esprit  naturel,  mais  de  peu 
d'instruction;  entet^  de  ses  opinions,  fort  portö  ä  la  Jalousie, 
incertain  et  ind^termin^  dans  les  ordres  qu'il  donnait,  par  la 
crainte  de  se  compromettre''  (34),  doch  erzählt  er  selbst  die 
Potsdamer  Scene  Yom  Jahre  1776  (69).  Seine  Bemerkungen 
über  die  Ukraine  (6,  11,  17),  über  das  Resultat  des  Kampfes 
bei  Tschesme  (41),  über  die  Pest  (71),  sind  sehr  interessant. 
Aufmerksamkeit  erregt  die  Erzählung  des  Verfassers  über  die 
Verwendung  eines  fremden  Kopfes:  die  Türken  hatten  dem 
gefallenen  Oberst   des  St.  Petersburger  Regiments   den  Kopf 


—     224     — 

abgeschlagen,  und  mit  sich  genommen:  y,on  porta  le  corps  dans 
le  camp  poxir  lui  rendre  les  demiers  devoirs  et  Ton  y  ajnsta 
une  tete  ötrangfere  pour  sauver  Thonneur  du  r6giment:  le 
colonel  6tait  brun,  la  tete  adaptöe  6tait  blonde"  (57)  —  es  ist 
jedoch  diese  Erzählung  wohl  mehr  nur  interressant,  als  glaub- 
würdig. In  dem  Kapitel  „De  la  n^gociation  entre  le  Dane- 
mark et  la  Bussie  concemant  le  Holstein"  ist  die  vortheil- 
hafte  Lage  Holsteins  gut  erörtert  (104),  und  die  Arbeiten 
Asseburgs  (105),  Banzaus  (108)  und  Ostens  (112)  werden 
kritisch  gewürdigt  Interessant  ist  die  Satire  auf  Orlow  (122), 
und  die  Mittheilung  über  die  Gonferenzen  der  Feinde  Buss- 
lands bei  Banzau  (113). 

Die  „Guere  de  1788  entre  la  Sufede  et  la  Bussie"  (301) 
bietet  nichts  Interessantes,  und  sogar  auch  die  Aeusserung 
über  den  Prinzen  von  Nassau  kann  nicht  dafür  gelten. 

Wie  aUe  Verfasser  von  Memoiren  spricht  auch  Herr  von 
Falckensciold  viel  von  sich  selbst,  überall  sein  Ich  in  den 
Vordergrund  schiebend  (41,  43,  51,  68,  73,  87,  91,  122,  309); 
seine  Beobachtungen  aber  entsprechen  meist  der  Wirklichkeit, 
und  seine  ürtheile  sind  gerecht.  „La  plupart  des  accl6siasti- 
ques  en  Bussie  ne  savent  ni  lire,  ni  6crire"  (9).  „Ce  que 
les  moeurs  russes  ont  de  vicieux  est  le  rösultat  du  despotisme 
sans  bornes  du  gouvernement,  de  Tesclavage  du  cultivateur 
et  surtout  de  la  servitude  domestique"  (14).  „Les  diverses 
opinions  qu'on  s^est  formöes  de  la  Bussie  sont  fort  exag6r6es. 
On  exag^re,  quand  on  soutient  que  la  Bussie  m^nace  l'Europe 
enti^re  d^un  joug  prochain  —  les  forces  de  cet  empire  sont 
bien  moins  formidables  que  ne  le  croient  ceux  qui  avancent 
cette  opinion;  on  exagfere  aussi  en  afiirmant  que  les  Busses 
ne  sauraient  s' Clever  k  un  grand  degr6  de  prosperit^,  de  civili- 
sation  et  de  puissance"  (15),  und  noch  viele^ndere  scharf- 
sinnige und  treffende  Bemerkungen  finden  sich  in  diesen  Denk- 
wi^rdigkeiten. 


—     225     — 

Alle  Bemerkungen  des  Verfassers  speciell  über  das  russische 
Heer  finden  sich  übersetzt  bei  Herrmann,  V,  600. 

93L  0  tempsl  o  meurs!  Com^die  en  trois  actes,  composde  en  1772, 
par  rimp^ratrice  Catherine  II,  et  traduite  de  russe  en  fran^ais 
par  M.  Leclerc    Paris,  1826. 

Eineüebersetzung  aus  dem  Russischen  von  ,,0  Zeit !  Komödie 
in  3  Acten,  verfasst  in  Jarosslawl  im  Jahre  1772",  St  Peters- 
burg (Ssopikow,  5525).  Die  Broschüre,  „imprim^e  pour  la 
soci^t^  des  bibliophiles  frangais,  en  25  exemplaires",  hat  den 
Schein  der  Mystification  durch  Weglassung  der  Notiz  „verfasst 
in  Jarosslawl"  vermieden.  Katharina  ist  nur  im  Jahre  1767 
in  Jarosslawl  gewesen,  und  zwar  nur  während  der  Dauer  von 
vier  Tagen,  vom  9.  bis  zum  13.  Mai  (Sammlung,  X,  189 ff.), 
wobei  sie  auch  die  Bemerkung  machte,  dass  „die  Jarosslawe- 
rinnen  zwar  von  Gesicht  hübsch,  nach  ihrer  Taille  und  ihrer 
Kleidung  aber  einer  »mappamonde«  ähnlich  seien"  (ibid.,  190); 
im  Jahre  1772  hat  Katharina  sich  gar  nicht  von  St.  Peters- 
burg entfernt  („Kammerfourier-Journal",  1772).  Im  Jahre  1773, 
28.  Januar,  wurde  „0  Zeit!"  im  „Kleinen  Theater"  des  Winter- 
palais in  Gegenwart  von  Katharina  und  257  Personen  des  Hofes 
(ibid.,  1773)  zum  ersten  Male  von  „Kavalieren  und  Fräulein" 
aufgeführt.  Die  Komödie  gefiel  damals  dem  Publikum;  später 
aber,  im  Jahre  1791,  vnirde  sie  „trocken  aufgenommen" 
(Chrapowizkij ,  355).  Nowikow  war  in  BegeisteruDg  über  die 
Komödie,  und  widmete  der  Verfasserin  bekanntlich  das  Jour- 
nal „Der  Maler".  I^i  der  vom  12.  April  1772  datirten 
Widmung  ist  gesagt,  die  dreimalige  Aufführung  habe  allemal 
einen  starken  Eindruck  gemacht;  das  Stück  ist  also,  bevor 
es  auf  der  Hofbühne  gespielt  wurde,  im  Jahre  vorher  be- 
reits auf  einer  Privatbühne  aufgeftihrt  worden.  Es  muss 
hierbei  erwähnt  werden,  dass  dies  Stück  auch  jetzt  noch 
auf  der  Bühne  des  Alexandra-Theaters  in  St.  Petersburg  auf- 
geführt wird. 

Bllbassoff,  EaUiarina  U.  15 


—     226     — 

932»    Die  Einnahme  von  Chozjm.   Erzählung  von  Ernst  Wodomerma, 
Coburg,  1826. 

Es  ist  dies  nicht  eine  „Erzählung",  sondern  ein  „Roman**, 
aber  nicht  einmal  ein  „historischer";  die  Belagerung  und 
Capitulation  von  Chotin  dienen  hier  nur  dazu,  den  Titel  effect- 
Yoll  zu  machen.  Ein  grosser  Theil  des  Romans  ist  der  tau- 
rischen  Reise  und  namentlich  der  Begegnung  Katharina' s  mit 
Joseph  n.  gewidmet,  wobei  der  Verfasser  ausführlich  die 
Bilder  der  nicht  existirenden  Städte  und  Dörfer  (74,  88)  er- 
klärt, für  welche  Potjemkin  den  Titel  „Tawritscheskij"  („Der 
Taurier")  erhielt:  „Potemkin  hatte  für  seinen  monarchischen 
Betrug  den  Ehrennamen  Tauritschefsky  erhalten"  (232).  Bei 
der  ersten  Begegnung  Katharina's  mit  dem  Grafen  Falcken- 
stein  (131)  war  auch  Ssuworow  anwesend  (120).  Dort  ist  auch 
die  höchst  phantastische  Geschichte  Pugatschew's  erzählt  (99). 
Die  Reise  nach  der  Krim  fand  im  Jahre  1787  statt  (2),  und 
in  demselben  Jahre,  im  Sommer,  begann  auch  der  zweite 
türkische  Krieg  (236).  Nach  Chersson  kommt,  zum  Empfange 
Katharina's,  die  Zarin  von  Imeretien  (12)  mit  zwei  Töchtern; 
der  Vater  der  älteren  ist  der  Chan  der  Krim,  Girej  (189),  und 
sonstiger  weiterer  Unsinn. 

Die  Intrigue  des  Romans  ist  auf  Liebe  aufgebaut,  in 
Chotin  aber  führt  ein  Sohn  des  Prinzen  von  Koburg  in  Un- 
freiheit ein  gequältes  Dasein,  und  der  Pascha  von  Chotin  er- 
kauft um  das  Leben  dieses  Sclaven  die  Unthätigkeit  der  öster- 
reichischen Armee. 

933.   L*ombre  Immortelle  de  Catherine  11  au  tombeau  d* Alexandre  I. 
Par  Mlle.  M.  A.  Le  Normand.    Paris,  1826. 

Die  zu  ihrer  Zeit  vielberufene  Wahrsagerin  Lenormand, 

1772—1843,  hatte  einige  Werke  veröflFentlicht,  in  denen  die 

politische  Zukunft  einzelner  Nationen   und   der   ganzen  Welt 

vorausgesagt  war.    Diese  Bücher  bilden  eine  wahre  Blumenlese 

thörichter   Phrasen,    reich    verbrämt  mit    zahllosen   Punkten 


—     227     — 

und  Ausrofungszeichen.     So  beschaffen  ist  auch  die  uns  hier 
vorliegende  Broschüre. 

Der  Name  Eatharina's  dient  hier  nur  zur  Verzierung  des 
Titels.  Der  Broschüre  ist  eine  Zeichnung  beigelegt,  Katha- 
rina am  Sarge  Alexander's  darstellend;  beide  Personen  er- 
scheinen hier  in  ganz  phantastischer  Gestalt. 

934.   Elatharina  11.,  Esserin  von  Rassland.    Gotha,  1827. 

In  Deutschland  wurde  ein  „Deutscher  EJhrentempel"  heraus- 
gegeben, in  dessen  achten  Band  auch  Katharina  II.  als  „die 
Tochter  eines  edlen  deutschen  Fürstenstammes''  aufgenommen 
worden.  Als  die  Tochter  eines  kleinen  deutschen  Prinzen 
unterschied  sie  sich  in  nichts  Yon  Hunderten  von  Prinzessinnen 
in  ähnlicher  Lage,  aber  „in  den  Hallen  eines  Tempels  der 
Ehre"  finden  nur  hervorragende  Persönlichkeiten  ihren  Platz, 
und  darum  ist  die  kurze  Biographie  Katharina's  in  panegy- 
rischem Tone  abgefasst.  Wir  würden  hier  vergeblich  nach 
neuen  Thatsachen  suchen  oder  gar  nach  neuen  Gesichts- 
punkten; aber  sogar  auch  an  den  wesentlichen  biographischen 
Angaben  fehlt  es.  „Sie  wollte  Grosses,  sie  wollte  Gutes,  und 
das  was  sie  wollte,  hat  sie  auf  eine  ruhmwürdige,  und  für  ihr 
Volk  unvergessliche  Weise  erreicht  (5).  Es  war  der  volle  Auf- 
gang einer  strahlenden  Morgenröthe,  welche  einen  noch  herr- 
licheren Tag  verkündigt.  Europa  wandte  mit  Neugierde  seine 
Blicke  hin,  aber  zugleich  auch  mit  Erstaunen,  wie  von  dorther, 
wo  es  nur  noch  Unwissenheit  vermuthet  hatte,  Licht  und  Auf- 
klärung erscheinen  könne  (8);  Katharina  zeichnete  sich  durch 
eigene  Thätigkeit  in  Staatsgeschäften,  neben  dem  grossen 
Friedrich,  auf  das  Vortheilhafteste  vor  allen  andern  damaligen 
Grossen  Europa's  aus"  (13)  u.  s.  w.  Mit  solchen  allgemeinen 
Lobeserhebungen  ist  die  ganze  Biographie  angefüllt.  Wenn 
hin    und   wieder    auch    irgend   welche   Thatsachen   angeführt 

werden,   um   den  Lobeserhebungen   als  Unterlage  zu  dienen, 

15» 


—     228     — 

wie  z.  B.  die  Absendung  eines  Handelsschiffes  in  die  Häfen 
des  Mittelländischen  Meeres  (11),  so  stammen  diese  vorzugs- 
weise aus  Büsching's  „Magazin  f&r  die  neue  Historie  und 
Geographie"  (IX,  165).  Besondere  Unrichtigkeiten  oder  auch 
nur  kleinere  Versehen  stossen  uns  hier  nicht  auf. 

935.  Delia,  nouyelle  rnsse,  Par  Mme.  L.  de  Saint- Ouen.   Paris,  1827. 

Fürst  Daschkow,  als  Kurier  mit  der  Nachricht  von  einem 
über  die  Türken  erfochtenen  Siege  unterwegs,  hatte  auf  einer 
der  Stationen,  während  der  Zeit  des  Umspannens  der  Pferde, 
eine  16jährige  Bäuerin,  die  schöne  Julia,  geheirathet,  war 
aber  dann,  seine  junge  Frau  zurücklassend,  nach  St.  Peters- 
burg weitergeeilt.  Der  Fürst  hatte  seine  Stationen-Heirath 
ganz  vergessen,  und  die  stolze  Fürstin  E.  B.  Daschkow  will 
von  dieser  „m6salliance"  nichts  hören.  Als  Beschützerin  der 
Verlassenen  erscheint  Katharina:  nach  ihrer  Entscheidung  darf 
die  Ehe  nicht  geschieden  werden;  aber,  in  Berücksichtigung 
der  Ungleichheit  der  gesellschaftlichen  Stellung  gestattete 
Katharina  dem  Besten,  mit  seiner  bäuerlichen  Frau  nicht  zu 
leben,  verpflichtete  ihn  aber,  ihr  auf  einem  der  fürstlichen 
Güter  Unterhalt  zu  gewähren  als  einer  „Fürstin  Daschkow". 
Hier  bildet  Julia  ihren  Geist  und  ihr  Herz  mit  Hilfe  einer 
Mme.  Belmont  aus;  Fürst  Daschkow  verliebt  sich  nach  Jahres- 
frist in  eine  schöne  junge  Wittwe,  „la  comtesse  Obalinska", 
über  die  ganz  Moskau  von  Sinnen  ist;  er  ist  bereit  sie  zu 
heirathen,  Katharina  aber  ist  unbeugsam  (66,  143,  151),  und 
verbietet  die  neue  Ehe,  da  die  erste  Frau  am  Leben.  Zum 
Glück  für  den  Fürsten  Daschkow  ist  „la  comtesse  Obalinska" 
identisch  mit  Julia,  Fürstin  Daschkow. 

936.  II  poema  tartaro  di  Oio-BaHsta  CosH  con  in  fine  le  annota- 
zloni  per  gli  occorenti  Btiariinenti.    2  v.    Bmsselles,  1829. 

Siehe  No.  765. 


229 


937.  Histoire  philosophique  et  politique  de  BuBsie,  depuis  les  temps 
les  plus  recul^s  jasqu'^  nos  joors.  Pax  Esneaux  et  Chenneehot, 
5  vis.    Paris,  1830. 

Von  den  fünf  Bänden  dieser  Geschichte  ßusslands,  von 
Rnrik  bis  zum  Jahre  1829,  ist  ein  ganzer  Band  (IV,  245 — 503; 
V,  1 — 186)  Katharina  II.  gewidmet.  Die  ersten  zwei  Bände 
sind  von  Esneanx  allein  herausgegeben,  und  erst  vom  dritten 
Bande  an  tritt  Chenneehot  als  Mitarbeiter  ein;  so  ist  es  denn 
nicht  bekannt,  wem  die  der  Begierungszeit  Eatharina's  II.  ge- 
widmeten Kapitel  angehören,  um  diese  Kapitel  richtig  be- 
greifen und  die  ürtheile  der  beiden  Verfasser  würdigen  zu 
können,  ist  es  nothwendig  im  Äuge  zu  behalten,  dass  sie  in 
der  ganzen  russischen  Geschichte  bis  zu  Katharina  einschliess- 
lich nur  „une  s^rie  de  trames  perfides,  de  violences  atroces, 
de  meurtres  sous  tous  les  prötextes  et  sous  toutes  les  formes^' 
erblicken  (IV,  291),  aber  nach  ihrer  Ansicht  „ceci  n'est  pas 
particulier  k  la  Bussie.  Ce  n'est  pas  une  seule  dynastie,  ce 
ne  sont  pas  toutes  les  dynasties  d'une  seule  nation  qui  ont 
donn6  le  scandale  de  ces  forfaits  dans  la  personne  de  ceux 
que  Tadulation  salue  du  titre  d' Augustes.  Quoi  qu'on  ait  dit 
du  dösordre  des  r^publiques,  on  n'y  voit  point  le  sang  ni  le 
poison  couler  ä  Toccasion  de  Fölection  d'im  consul  ou  d'un 
archonte.  Je  ne  sais  pas  de  plus  fort  argument  k  Tappuis  de 
Topinion  que  les  formes  constitutionelles  favorisent  la  stabilit^ 
des  trones  autant  que  la  f61icit6  des  peuples"  (IV,  292,  293). 

Bei  der  Darstellung  der  Regierungszeit  Katharina's  11. 
sind  die  Verfasser  an  ihre  Aufgabe  ausserordentlich  naiv  her- 
angetreten: auf  Grund  der  Berichte  von  Cast^ra  (IV,  298, 
331,  370,  386  flf.),  Eulhifere  (IV,  305,  337,  377;  V,  39  flf.), 
Massen  (IV,  318,  410;  V,  21  flf.)  u.  Anderen  spinnen  sie 
ihre  Erzählung  ohne  jegliche  Kritik  fort  und  gerathen  dabei 
zuweilen  sogar  in  Widersprüche;  und  da  es  sich  hier  um 
eine  „histoire   philosophique   et   politique^'   handelt,   so   über- 


—     230      - 

schütten  sie  die  Erzählung  stellenweise  mit  moralischen  Sen- 
tenzen und  politischen  Betrachtungen  sui  generis.  So  erzählen 
sie  z.  B.,  dass  der  zweite  Türkenkrieg  vom  Fürsten  Potjemkin 
nur  deshalb  hervorgerufen  worden  sei,  damit  er  den  Orden  des 
hl.  Wladimir  erhielte,  und  sprechen  sich  bei  dieser  Gelegen- 
heit gleich  über  den  Krieg  im  Allgemeinen  aus:  ,,Et  Topinion, 
lächement  compiice  des  6carts  les  plus  r^pr^hensibles  de  la 
puissance,  ne  ränge  pas  encore  cela  parmi  les  crimes!  Pleine 
d'horreur  pour  le  sc6l6rat  qui  ne  tue  qu'un  homme,  eile  re- 
specte,  eile  admire  meme  celui  qui  en  tue  cent  mille"  (V,  63). 
Von  allen  Fragen  der  Epoche  Eatharina's,  hat  die  polnische 
Frage  die  meiste  Aufmerksamkeit  der  beiden  Verfasser  erregt 
(IV,  340,  344,  354,  392,  419,  485;  V,  17,  82,  92,  101,  103), 
wobei  sie  natürlich  auch  die  Dissidenten-Frage  nicht  über- 
gangen haben  (IV,  398,  424).  Die  Hauptschuldige  an  dem 
Untergange  Polens  ist  natürlich  Katharina  — :  Alle  sind 
schuld,  mit  alleiniger  Ausnahme  der  Polen,  „mais  la  princi- 
pale  part  de  crime  et  de  honte  revient,  sans  contredit,  k 
Catherine.  Ce  fut  eile  qui  congut  toutes  les  perfidies,  ex6cuta 
toutes  les  violences:  les  polonais  eussent  peut-etre  lass^  ou 
fl^chi  Tempereur  et  le  roi  de  Prusse;  mais  ils  ne  purent  tenir 
contre  une  persistance  de  femme  ambitieuse  et  despote  par 
caractere  autant  que  par  position"  (V,  103).  Nachdem  die 
Verfasser  verschiedene  Nachrichten  über  den  Grafen  Stanislaus 
Ponjatowskij,  den  Orlow  „un  mauvais  comödien"  (IV,  393)  ge- 
nannt habe,  und  darunter  auch  Unrichtiges  (IV,  375)  mitge- 
theilt,  fällen  sie  endlich  auch  ihr  eigenes  Urtheil  über  ihn 
(V,  102),  das  jedoch  aus  Gemeinplätzen  besteht. 

Am  wenigsten  ernst  ist  die  Elriegsgeschichte  behandelt. 
Die  Verfasser  sprechen  von  den  russischen  Siegen  mit  Miss- 
vergnügen, fast  mit  Aerger  (IV,  470),  erblicken  in  jedem  Siege 
ein  „oeuvre  de  la  fortune**  (IV,  473),  schreiben  dem  Grafen 
Rumjanzow  „une  r6putation  fort  öquivoque"  zu  (IV,  472),  er- 


—    231     — 

zählen  jeden  Unsinn  über  Ssnworow  nach  (V,  99),  sind  über 
die  Einnahme  Otschakows  nnznfrieden  (Y,  74),  erweisen  sich 
in  der  Geschichte  des  schwedischen  Krieges  als  völlig  un- 
wissend (V,  72)  und  erlauben  sich  schliesslich,  über  die 
russische  Kriegsmacht  eine  wissentliche  Lüge  auszusprechen: 
„Les  6tats-majors  russes,  dit  ä  ce  sujet  le  cölöbre  g^n6ral 
anglais  Wilson,  sont  les  plus  mal  organis^s  de  toute  la 
chrötient6,  et  Forganisation  du  d6partement  militaire  est 
vicieuse  en  proportion"  (V,  166).  Wer  ist  dieser  Wilson,  und 
worüber  hat  er  geschrieben?  Wilson  war  zur  Zeit  Katha- 
rina's  nicht  in  Bussland,  und  die  russische  Armee  jener  Zeit 
hat  er  weder  gesehen  noch  gekannt.  Er  war  während  des 
Feldzuges  von  1812  in  Eussland,  nahm  an  dem  Brückzuge  der 
französischen  Armee  Theil,  wohnte  sogar  der  Einnahme  von 
Paris  bei,  und  gab  im  Jahre  1817  in  London  ein  „Sketch  of 
the  military  and  political  power  of  Bussia  in  the  year  1817" 
heraus,  von  dem  noch  in  demselben  Jahre  eine  französische 
Uebersetzung  erschien:  „Puissance  politique  et  militaire  de  la 
Eussie  en  1817".  Somit  haben  die  Verfasser  ein  Urtheil  aus 
dem  Jahre  1817  —  ob  es  gerecht  ist  oder  imgerecht,  das 
bleibt  sich  gleich  —  auf  die  Armee  Katharina' s  angewandt  und 
dabei  dem  Leser  das  Werk  verheimlicht,  dem  sie  dieses  Ur- 
theil entnommen  haben. 

Die  Charakterbilder  der  „Katharina'schen  Adler"  —  der 
Fürstin  Daschkow  (IV,  258,  270,  332),  des  Grafen  G.  G.  Orlow 
(IV,  269,  297,  391),  des  Grafen  N.  J.  Panin  (IV,  271,  280, 
299,  322,  389),  des  Fürsten  Potjemkin  (V,  22,  69,  74)  — 
sind  vollkommen  schablonenhaft.  Aufmerksamkeit  verdient  nur 
das  „Projet  de  Constitution  aristocratique  redigö  pas  Panin" 
(IV,  322)  —  besonders  deshalb,  weil  es  M.  A.  von  Wisin  Ver- 
anlassung gab,  in  seinen  „Memoiren"  das  Schicksal  des  Projects 
ausführlich  zu  erzählen  (Buss.  Bibliothek,  Bd.  IX,  Leipzig  1859). 
Ueber  diese  Frage  sind  in  den  letzten  Jahren  zwei  verschiedene 


—     232     — 

Ansichten  ausgesprochen  worden  (Bilbassow  im  II.  Bande  der 
„Gesch.  Katharinas",  und  Tschemulin,  „Das  Reichsraths-Pro- 
ject",  im  Journal  d.  Min.  der  Volksaufklärung,  1894,  März). 

Die  Verfasser  nennen  Katharina  gar  nicht  anders  als 
„astucieuse"  (IV,  357;  V,  87).  „Catherine  conserva  jusque 
dans  sa  veillesse  des  traits  d'une  v^ntable  beaut6"  (V,  135); 
,Jamais  couronne  ne  coiffa  mieux  une  tete  que  la  sienne" 
(V,  136);  , Jamals  femme  n'aurait  6t6  plus  aflfable,  plus  douce, 
plus  affectueuse"  (V,  137).  Das  bezieht  sich  auf  das  Aeussere 
der  Kaiserin;  über  ihre  inneren  Eigenschaften  heisst  es: 
„Projetant  beaucoup,  eile  ex^cuta  peu,  acheya  moins  encore, 
et  Tavenir  sembla  prouver  qu'except6  dans  ce  qui  int^ressait 
son  amour-propre,  satisfaite  de  l'honneur  de  l'entreprise,  eile 
d^daignait  celui  du  succfes,  ou  manquait  de  la  persistance 
d'esprit  nöcessaire  pour  le  m6riter"  (IV,  312);  „Catherine  fat 
humaine,  comme  eile  fat  philosophe,  comme  eile  fut  liberale; 
eile  affecta  toutes  les  vertus  nobles,  mais  eile  n'en  eut 
röellement  aucune,  quoique  la  grandeur  de  ses  id^es  ait 
d6guis6  k  des  yeux  peu  p^n^trants  la  petitesse  de  son  äme 
et  la  söcheresse  de  son  coeur"  (V,  140);  „Catherine  eut  moins 
le  göut  des  lettres  que  l'ambition  de  la  c616brit6  qu'elles 
procurent.  C'est  une  chose  6tonnante  que  les  rapports  de 
caract^re  et  de  göuts  qu'elle  eut  avec  Fr6d6ric,  k  qui  cepen- 
dant  eile  fut  inferieure  sous  tous  les  rapports"  (V,  152). 

In  Folge  des  Mangels  jeglicher  Kritik  finden  sich  in  dem 
vorliegenden  Werke  wichtige  üngenauigkeiten,  die  vermerkt 
werden  müssen:  über  den  Eid  Bressant's  (IV,  282),  über  loann 
Antonowitsch  (328),  über  Ponjatowskij  in  Riga  (375),  über 
Wissotskij  (388),  über  Paul  Petrowitsch  (437),  über  die  Mittel 
der  Bank  (442),  über  Sawadowskij  (V,  26),  über  Mansur  (68), 
über  die  russische  Geschichte  en  allemand  (153),  über  das 
verloren  gegangene  Regiment  (165).  Es  giebt  deren  noch 
mehr;  wir  haben  nur  die  wichtigsten  angeführt.   So  sind  z.  B. 


—     233     — 

die  Angriffe  auf  die  taurische  Beise  (V,  64,  144)  doch  allzu 
allgemein  und  verbraucht,  als  dass  es  sich  lohnt,  bei  ihnen 
zu  verweilen.  Wir  vermögen  nicht  anzugeben,  woher  die 
folgende  Nachricht  stammt:  „Timpöratrice  semblait  vouloir 
s'arroger  le  monopole  de  la  gloire  litt^raire  dans  tout  son 
empire;  du  moins  la  vit-on  rappeler  de  Turin,  oü  il  6tait  son 
ministre,  et  disgracier  le  russe  Beloselskol,  dont  tout  le  crime 
6tait  de  cultiver  avec  succ^s  la  poösie*'  (V,  155).  Fürst 
Alexander  Michailowitsch  Bjelosseljskij  bat  im  Mai  1792  um 
eine  Erhöhung  seines  Qehalts  als  Gesandten  in  Turin;  Katha- 
rina schrieb  in  diesem  Anlasse:  „Ich  bitte  Seiner  Durchlaucht 
zu  schreiben,  dass  er  die  Füsse  nach  der  Decke  strecken  und 
weiter  an  eine  Zulage  zu  seinem  Gehalte  nicht  denken  solle, 
über  welche  Bericht  zu  erstatten  das  Collegium  nicht  mal  zu 
denken  wagt"  (Russ.  Alterthum,  XIV,  453).  Zwei  Jahre 
später,  im  März  1794,  schrieb  Graf  F.  W.  Eostoptschin  aus 
Petersburg:  „le  pauvre  B61oselsky  perdit  sa  place  sans  le 
douter  le  moins  et  au  moment  oü  il  voulait  y  retoumer" 
(Kuss.  Archiv,  1878,  I,  293).  Die  litterarischen  Arbeiten  des 
Fürsten  konnten  in  keiner  Weise  als  Vorwand  für  seine  Ab- 
berufung dienen.  Sein  Stück  „Olinjka  oder  die  erste  Liebe'^ 
wurde  auf  der  Bühne  dargestellt  und  im  Jahre  1791  gedruckt, 
und  seine  „Dianologie"  wurde  noch  früher,  im  Jahre  1790, 
in  Dresden  herausgegeben  (Bantysch-Kamenskij,  I,  70).  Wahr- 
scheinlich war  Katharina  mit  seiner  Dienstleistung,  vielleicht 
mit  seinen  Berichten  unzufrieden  (Russ.  Archiv,  1877,  VI,  369). 
Eine  Kritik  des  vorliegenden  Werkes  ist  in  der  „Revue 
Encyclop^dique",  XL,  473,  abgedruckt. 

988.   M^moires  du  baron  Orimm,  agent  secret  k  Paris  de  Timp^ra- 
trice  de  Russie.    2  vis.    Paris,  1830. 

Melchior  Grimm,  1723 — 1807,  hat  niemals  seine  Memoiren 

geschrieben.     Ein  Jahr  nach  seinem  Tode  wurde  eine  Skizze: 

„Le  baron  de  Grimm,  par  J.  N.  Meister"  verfasst  (Toumeux, 


—     234     — 

I,  4),  die  überhaupt  die  einzige  Quelle  für  die  Lebensgeschichte 
Grimm' s  bildet.  Was  seine  Beziehungen  zu  Russland  anbe- 
langt,  so  sind  sie  in  dem  von  Grimm  verfassten  ,,M6moire 
historique  sur  l'origine  et  les  suites  de  mon  attachement  pour 
l'impöratrice  Catherine  II,  jusqu'au  döces  de  Sa  Majestö  Im- 
periale" (Sammlung,  11,  325)  dargelegt. 

Die  Unechtheit  der  vorliegenden  Memoiren  wird  am  besten 
durch  die  Beziehungen  Grimm' s  zu  Katharina  erwiesen.  Diese 
Beziehungen  haben  wir  in  dem  Aufsatze  „Katharina  II.  und 
Grimm"  eingehend  untersucht  (Buss.  Alterthum,  LXXVII,  257). 
In  den  vorliegenden  zwei  Bänden  nehmen  diese  Beziehungen 
gerade  12  Seiten  ein  (11,  231 — 244),  von  denen  zehn  dem  Nach- 
drucke eines  Briefes  Grimm's  an  Mme.  Geoflfrin,  vom  10.  No- 
vember 1773,  aus  St.  Petersburg,  gewidmet  sind  (11,  233—243). 
In  der  Darstellung  aber  findet  sich  folgender  Unsinn:  „une 
d^putation  des  grecs  des  familles  les  plus  distingu^es  s'^tait 
rendue  k  St.-P6tersbourg  et  avait  salu6  du  nom  d'empereur 
d'Orient  le  plus  jeune  des  grands-ducs"  (EL,  244)  —  also  eine 
Deputation  soll  im  Jahre  1773  den  Grossfürsten  Konstantin 
Pawlo witsch  begrüsst  haben,  der  erst  1779  geboren  wurde! 
Ausserdem  wird  Russland  nur  drei  Male  erwähnt:  1.  in  An- 
lass  des  Briefes  Katharina's  an  Ssumarokow  vom  15.  Februar 
1776  (Sammlung,  XTTI,  17),  wobei  die  Scene  des  Zomausbruches 
folgendermassenerzählt  wird:  „la  salle  est  ouverte  et  le  rideau 
lev6;  Belmontia  paralt:  Tirascible  Sumarokoff  s'6lance  sur  le 
th^ätre,  se  pr^cipite  sur  Tactrice,  et  la  jette  dans  la  coulisse" 
(n,  53)  — :  Hier  haben  die  Fälscher  den  Entrepreneur  Bel- 
monti  in  eine  Schauspielerin  Belmontia  verwandelt  I  —  2.  Bei 
der  Besprechung  der  Unterhandlungen,  die  mit  Bezug  auf  die 
„Geschichte"  Rulhifere's  (No.  775)  geführt  worden  sind  (11,  95, 
146),  und  3.  bei  Erwähnung  des  Ankaufs  der  Bibliothek  Vol- 
taire's  (11,  368),  wobei  ein  Brief  Katharina's  an  Mme.  Denis 
angeführt  wird  (Sammlung,  XXVII,  156). 


—    235     — 

Dem  ist  entgegenzuhalten,  dass  von  allen  Ausländem 
Grimm  am  meisten  und  am  längsten  sich  der  Aufmerksamkeit 
Eatharina's  erfreute,  und  dass  er  sie  natürlich  besser  als  alle 
Anderen  kennen  musste;  rühmt  er  sich  doch  selbst,  dass  er 
sogar  das  Geheimniss  der  Begierungsthätigkeit  Eatharina's 
kannte!  Er  schrieb  an  Mme.  Necker:  „H  n'y  a  peut-etre  que 
moi  au  monde  qui  sache  distinctement  le  secret  du  rägne  de 
Catherine,  employ^  tout  entier  ä  miner  les  bases  du  despotisme 
et  k  donner  avec  le  temps  ä  ses  peuples  le  sentiment  de  la 
libert^"  (Eevue  d.  d.  Mondes,  XXXVIII,  86).  Grimm  Utt  in 
der  That  keinen  Mangel  an  Material  für  seine  Memoiren, 
aber  dieses  Material  war  den  unwissenden  Herausgebern  des 
Torliegenden  Werkes  nicht  bekannt. 

Die  Unwissenheit  der  Herausgeber  überschreitet  jedes 
Mass.  Nehmen  wir  z.  B.  die  polnische  Frage,  so  heisst  es 
bei  ihnen:  der  letzte  polnische  König  Stanislaus  August, 
1732 — 1798,  „avait  servi  honorablement  sous  Charles  Xu,  roi 
de  Su6de" ;  sogar  die  erste  Theilung  Polens  ist  den  Fälschern 
unbekannt  — :  „Stanislaus- Auguste  abdiqua  en  1793,  epoque 
fatale  du  premier  partage  de  la  Pologne"  (11,  243)!! 

Diese  Fälschung  hatte  keinen  Erfolg,  und  im  Jahre  1834 
erschienen  deshalb  die  „Nouveaux  m^moires"  (No.  960),  bei 
denen  jedoch  nur  das  Titelblatt  neu  ist  (Titelausgabe). 

939*   Pamigtniki  Jana  Küinskiego,  szewca,  a  razem  pulkownika  20  re- 
gimenta.    Warszawa,  1830. 

Diese  Broschüre  erschien  nicht  einfach  „in  Warschau", 
sondern  „w  oswobodzoney  Warszawie",  und  ist  mit  dem  Motto: 
Czytajcie  dzieje  wlasne  i  uczice  si§  milowaö  Ojczyzn^"  versehen. 

Der  Schuhmacher  Jan  Kilinskij,  aus  Posen  gebürtig,  kam 
im  Jahre  1780  nach  Warschau;  er  war  ein  wohlhabender 
Mann  und  hatte  in  Warschau  zwei  steinerne  Häuser  auf  der 
Donau-Strasse ;  im  Jahre  1790  wurde  er  zum  Rathmann  er- 
wählt (radnym  w  magistracie)  und  genoss  allgemeine  Achtung 


—     236     — 

(130).  Im  Jahre  1794  nahm  er  thätigen  Antheil  an  dem  Auf- 
.  stände,  besonders  an  der  Verfuhrung  der  Bürger  und  Hand- 
werker (46).  Nach  der  Gefangennahme  Eostjuschko's  (Eo- 
sciuszko's)  sandte  Wawshezkij  den  Jan  Eilinskij  nach  Posen  in 
seine  Heimathstadt:  ^^abym  si^  podi^  zrobiö  rewolucy^  w 
samym  Poznaniu'^  (75).  Als  er  diesen  Auftrag  ausführte,  wurde 
er  von  den  Preussen  verhaftet  und  etwa  einen  Monat  in 
Preussen  im  Gefängniss  gehalten  (114).  Aus  der  preussischen 
Gefangenschaft  gerieth  er  in  die  russische  und  wurde  gemein- 
sam mit  Ignatij  Potozkij,  Sakrewskij  und  Anderen  nach  Peters- 
burg übergeführt  (117),  wo  er  in  der  Festung  gefangen  ge- 
halten wurde  (121).  Wann  und  durch  wen  er  befreit  wurde, 
wird  nicht  gesagt. 

Die  Memoiren  Kilinskij 's  bestehen  aus  vier  Theilen:  „Nay- 
perwszy  Polz^tek  zamyslu  mego  do  rewolucyi  Warszawskiey 
w  roku  1794"  (7);  hier  werden  die  kleinsten  Einzelheiten  der 
Vorbereitung  zum  Aufstande  erzählt,  wobei  natürlich  der  Ver- 
fasser als  die  Hauptperson  erscheint:  er  übertölpelt  Igel- 
ström (13),  reizt  das  Volk  durch  die  Erzählung  von  Schreckens- 
thaten  auf  (30)  —  kurz  ist  überall  dabei,  so  dass  am  Ende 
ohne  ihn  die  Revolution  gar  nicht  stattgefunden  hätte;  2.  „Nie- 
sszcz^sliwy  i  smutny  dla  mnie  przypadek  dostania  sie  w  niewol^ 
prusk^  roku  1794"  (74);  hier  wird  nur  enthüUt,  dass  er  „Pul- 
kownik  regimentu  dwudziestego"  gewesen  sei  (86);  3.  „Pow- 
töma  niewola  w  ten  sam  tydzieü  i  transport  do  Petersburga" 
(115);  hier  wird  ein  geschmackloses  Verhör  erzählt,  das  der 
Fürst  Repnin  mit  ihm  angestellt  haben  soll  (123);  4.  „In- 
kwizycye  z  Jana  Kiliüskiego  z  rewolucyi  Warszawskiöy  roku 
1795  dnia  12  miesi^ca  Lutego  w  Peterburgu  miane,  w  nay- 
sciäleyszöm  i  nayniewygodnieyszem  wi§zieniu  odprawione"  (130). 
Dies  ist  der  interessanteste  Theil  der  Broschüre,  indem  auch 
noch  dazu  erklärt  wird,  auf  welche  Weise  Kilinskij  Oberst 
geworden  war  (170).     Hier  sind  noch  zwei  Skizzen  hinzugefügt, 


—     237     — 

die   sich    nicht   auf  Eilinskij    beziehen:    1.   Tlömaczenie    si^ 

1.  W.  Zakrzewskiego  b.  prezydenta  M.  S.  Warszawy  w  Peter- 
burgu"  (177)  —  eine  Anzeige  die  am  19.  Januar  1795  an 
den  Generalgouvemeur  Grafen  Ssamoilow  geschickt  wurde,  und 

2.  y^Bozmowa  Imperatora  Pawla  I-go  z  Tadeuszem  Eoäciuszko 
w  wi^zieniu  w  Peterburgu"  (195). 

Es  ist  zweifellos,  dass  diese  Memoiren  von  Eilinskij  selbst 
geschrieben  sind  — ,  dies  sieht  man  aus  dem  durchaus  nicht 
schriftgewandten  Stile  und  aus  der  Behandlung  der  Sprache, 
in  der  die  Partikel  wi§c  bis  zur  Unmöglichkeit  vorherrscht,  — 
und  dass  sie  für  die  Topographie  des  Aufstandes  sehr  wichtig 
sind.  Er  hat  einige  unscheinbare  Details  aufgezeichnet,  die 
indess  helfen,  den  Weg  des  Rückzuges  der  Russen  aus  War- 
schau aufzuhellen.  Eostomarow  hat  den  Memoiren  Eilinskij 's 
einige  Scenen  und  thatsächliche  Angaben  entnommen  (II,  454) 
und  nennt  ihn  „einen  der  Urheber  (winownik)  des  Aufstandes  vom 
Jahre  1794"  (VI),  worin  man  ihm  unmöglich  beistimmen  kann. 

Njemzewitsch  (No.  987),  der  Balinskij  gut  kannte,  sagt  von 
ihm,  dass  er  nicht  wie  ein  Obrist,  sondern  wie  ein  Schuster 
geschrieben  habe:  „H  a  6crit  Thistoire  de  sa  vie,  trhs  curieuse 
par  sa  nalvit^  et  peignant  bien  les  moeurs  de  notre  peuple. 
Le  style  n'en  6tait  pas  d'un  colonel,  mais  bien  d'un  cordon- 
nier"  (135).  In  der  polnischen  Ausgabe  der  Memoiren  Njem- 
zewitsch's  (No.  1008)  ist  dies  ausgelassen,  aber  die  Nachricht  bei- 
behalten worden,  dass  Eilinskij  sich  auch  wie  ein  Schuster  zu 
betrinken  pflegte:  „Szkoda,  ie  Eiliiisky  juz  b§d^c  pulkownikiem 
zachowal  natogi  dawnego  stanu  swego  upijal  si§,  i  raz  powad- 
ziszy  si§  z  pulkownikiem  Granowskim,  wskoczil  na  w6z,  kazal 
stanze  pod  broni^  puikowi  swemu  i  uderzyc  na  pulk  przeciw- 
nika  swego,  sam  z  dobyta  szabl^  zach^caj^c  do  boju.  Z  trud- 
no§ci^  przyszJo  nam  upami^tac  go"  (277).  Als  ungebildeter 
und  zügelloser  Mensch  hat  er  „na  sessyach  Bady  najwy^szej 
ktörej   byi   czlonkiem,   czeäci6j    szkodzil  jak  pomagal"   (275) 


—     238     — 

Diese  Broschüre  wurde  1860  in  den  y,Pamiftnik&ch  z 
osmnastego  wieku"  (I,  173)  nachgedruckt,  wobei  in  der  Vor- 
rede eine  Charakteristik  des  Verfassers  gegeben  ward,  die  voll- 
kommen unrichtig  ist.  Die  Memoiren  Eilinskij's  wurden  auch 
insBussische  übersetzt  in  dem  ,,Russ.  Alterthum^',  LXXXIH,  92, 
wobei  indess  der  Uebersetzer  sich  als  ebenso  unwissend  er- 
wiesen hat,  wie  der  Schuhmacher  Kilinskij. 

940.  Der  Sturm  von  Ismail.  AIb  Probe  und  Ankündigung  einer 
neuen  Lebensgeschichte  des  Feldmarschalls  Suworow.  Von 
Fr,  V,  Smitt.     Wilna,  1830. 

Zuerst    ist   dieser   „Sturm  von   Ismail"   im   „Sohne   des 

Vaterlands",  1825,  September,  abgedruckt   worden.     Hier  ist 

derselbe  bedeutend  yeryoUständigt,    hauptsächlich   aus   einem 

Artikel,    der    in    der   „Oesterreichischen    Militär- Zeitschrift", 

1828,  Heft  8,  erschienen  ist. 

941.  Danilowna,  opera-comique  en  trois  actes.  Paroles  de  MM.  Viai 
et  Paul  Duport    Paris,  1880. 

Dies  ist  ein  französischer  Protest  gegen  die  russische  Leib- 
eigenschaft, wobei  „raction  a  lieu  sous  le  rögne  de  Catherine  IE". 
In  der  Zahl  der  handelnden  Personen  ist  Katharina  nicht  zu 
finden^  aber  in  allen  drei  Acten  wird  Ton  ihr  gesprochen,  und 
im  dritten  Acte  wird  ein  Brief  von  ihr  verlesen,  durch  den 
die  Kaiserin  die  berühmte  Schauspielerin  Danilowa,  die  Leib- 
eigene eines  russischen  Grafen,  der  natürlich  in  sie  verliebt 
ist,  in  die  Zahl  der  Staatsdamen  auftiimmt  (67).  Die  Libret- 
tisten  versichern,  dass  die  Danilowa  eine  historische  Persön- 
lichkeit sei:  „il  y  eut  k  S.  P6tersbourg,  au  commencement  de 
si6cle,  une  jeune  artiste,  nomm^e  Danilowa,  que  plusieurs 
Frangais,  qui  ont  voyag6  en  Russie  k  cette  öpoque,  se  sou- 
viennent  d'y  avoir  connue;  eile  ötait  esclave  de  la  couronne"  (2). 
Li  dem  „Biographischen  Lexicon"  ist  eine  Marja  Danilowa, 
1798—1810,  angeführt,  welche  Tänzerin  und  Schülerin  des 
Balletmeisters  Didlot  gewesen  ist  (Sammlung,  LX,  188). 


—    239     — 

942*  Den  rassiske  Prindsesse  Katinka  Tarrakanof,  eller:  Keiserinde 
EliBabeths  natnrlige  Dotters  Skjaebne,  en  paa  historiske  Rilder 
gmndet  Fortaelling  af  Carlo  Minona,    Ejebenhavn,  1830. 

„Efter   det  Tydske",   wird   auf  dem  Titel  bemerkt,   wir 

vermögen  indess  das  Original  nicht  anzugeben. 

943«  De  onde  Lifkoetsier  van  Peter  den  Derden,  toonelspel.  Naar 
het  Hoogdnitsch  van  A.  van  Kotxebue.    Amsterdam,  1830. 

Eine  Uebersetzung  von  No.  830. 

944.  Polens  Schicksale  seit  1763  bis  zu  dem  Augenblicke,  wo  es 
sich  für  unabhängig  erklärte.     Paris,  1831. 

Der  Verfasser  dieser  Broschüre  sah  voraus,  „dass  das  ge- 
wagte Unternehmen  der  Polen,  am  Ende  des  vorigen  Jahres, 
eine  Menge  Schriften  erzeugen  v^ürde"  (Vorwort),  die  gleich 
den  schon  erschienenen  Broschüren  „alle  zu  Polens  Gunsten 
sprechen"  würden  (ibid.).  Da  an  dem  „Elende"  Polens  ausser 
Eussland  auch  Oesterreich  und  Preussen  „schuldig"  seien,  so 
habe  man  begonnen,  viele  deutsche  Broschüren  in  Prankreich 
zu  drucken  —  „mehrere  kleinere  Schriften,  welche  an  dem 
Orte,  wo  der  Verfasser  lebt,  wider  Recht,  Billigkeit  und  Klug- 
heit confiscirt  werden  soUten". 

Broschüren  über  Polen  sind  in  jenem  Jahre  in  der  That 
viele  erschienen,  z.  B.  „Resultate  des  "Wiener  Congresses  in 
Bezug  auf  Polen*',  „Ueber  die  polnische  Frage",  „Polen  wie 
es  war  und  ist",  u.  a.  m.,  und  alle  sind  sie  nach  ein  und 
derselben  Schablone  verfasst  worden:  mit  sichtbarer  Theilnahme 
für  die  Polen  wird  die  Geschichte  des  Falles  Polens  flüchtig 
nach  den  bekannten  Werken  erzählt;  von  einer  Kritik  oder 
von  neuen  Daten  ist  in  diesen  Broschüren  natürlich  nichts  zu 
finden.  Der  Verfasser  der  vorliegenden  Broschüre  renommirt 
gewissermassen  mit  dem  Mangel  der  Kritik;  so  schreibt  er 
z*  B.  bei  der  Charakteristik  Igelström's:  „Igelström  war  hart, 
wie  sein  Vorgänger,  aber  auch  noch  stolz  und  übermüthig; 
er  begleitete  jedes  Wort   mit   wildem   Blick    und   Ton.     So 


—     240     — 

schildert  ihn  Oginski,  anders  jedoch  Seume"  (51).  Der  Ver- 
fasser konnte  also  nicht  entscheiden,  wer  Igelström  richtiger  ge- 
schildert habe,  Oginskij  (No.  929)  oder  Seume  (No.  785).  Obgleich 
er  ein  Anhänger  Polens  ist,  kennt  er  häufig  nicht  einmal  die 
Namen  der  polnischen  Parteiführer,  und  Bshewusski  nennt  er 
z.  B.  „Rzuoski"  (43). 

In  der  vorliegenden  Broschüre  ist,  zum  Unterschiede  von 
der  Masse  ähnlicher  Druckschriften,  Katharina  in  ein  besseres 
Licht  gestellt,  natürlich  nur  relativ,  als  ihre  Verbündeten. 
Das  ganze  Uebel  der  Dissidenten-Frage  wird  den  Jesuiten  zur 
Last  gelegt  (10),  und  Katharina  wird  als  Vertheidigerin  der 
Glaubensduldsamkeit  dargestellt;  mit  Bezug  auf  die  Constitution 
vom  3.  Mai  1791  wird  ihr  im  Vergleich  zu  der  Hinterlist 
Friedrich  Wilhelm's,  der  sich  von  seinen  Worten  losgesagt  habe, 
ihre  Geradheit  als  Verdienst  angerechnet  (44)  u.  s.  w.  Bei 
der  Schilderung  des  Sturmes  auf  Praga  führt  der  Verfasser  zu 
Gunsten  Ssuworow's  mildernde  Umstände  an :  „Indessen  er  ist 
weniger  anzuklagen,  als  das  Verhängniss.  Unter  seinen  Truppen 
gab  es  einige  Bataillone,  die  in  der  Charwoche  aus  Warschau 
getrieben  worden  waren  und  hier  Verrath  und  Meuchelmord 
rächen  wollten,  den  man  an  ihren  Kameraden  geübt  hatte. 
Ihre  Stimmung  hatte  sich  dem  ganzen  Heere  mitgetheilt.  Der 
Kampf  war  im  Angesichte  der  Stadt,  aus  der  sie  verjagt 
worden  waren.  So  fand  sich  bei  vielen  eine  Erbitterung,  die 
im  gewöhnlichen  Kriege  kaum  glaublich  ist^'  (62). 

Die  Broschüre  besteht  aus  19  Capiteln;  auf  die  Epoche 
Katharina's  beziehen  sich  jedoch  nur  die  ersten  neun.  In 
allen  Broschüren  jener  Zeit  werden  die  Theilungen  Polens  er- 
wähnt, und  es  findet  sich  deshalb  in  ihnen  stets  auch 
der  Name  Katharina's  II.,  aber  nur  beiläufig,  in  aller  Kürze 
angeführt;  nichtsdestoweniger  hat  die  Masse  dieser  Broschüren 
zu  einem  und  demselben  Zwecke,  „zu  Polens  Gunsten",  das 
Bild  Katharina's   in   der   bekannten   Beleuchtung    dargestellt, 


—     241     — 

indem  sie  sie  bald  als  Hauptschuldige,  bald  nur  als  Mitschid- 
dige,  immer  aber  als  Schuldige  am  Untergänge  Polens  gezeichnet 
haben.  Nur  in  dieser  Hinsicht  haben  diese  Broschüre  denn  auch 
für  uns  ein  gewisses  Interesse. 

Nicht  so  für  die  Zeitgenossen:  die  erste  Auflage  der  Tor- 
liegenden  Broschüre,  die  in  2000  Exemplaren  gedruckt  worden 
ist,  wurde  in  einigen  Wochen  ausverkauft,  und  die  Zeitungen 
urtheilten  lobend  über  sie.  „Das  »Morgenblatt»,  der  »Eremit«, 
die  »Mitternacht-Zeitung«,  die  »Abendzeitung«  u.  s.  f.  rühmten 
alle  den  Zweck  wie  die  Ausführung"  —  so  verkündet  wenig- 
stens der  Verfasser  in  dem  Vorworte  zu  einer  anderen  Schrift, 
die  er  in  demselben  Jahre  1831  herausgab:  „Der  Freiheits- 
kampf der  Polen  gegen  die  Russen,  Altenburg,  3  TL" 

945«   Pr6cis  historiqne  du  partage  de  la  Pologne,  par  M.Brougham, 
tradnit  de  TAnglaiB  par  A.  Glapier.    Marseille,  1836. 

Henry  Brougham  and  Vaut,  1778 — 1866,  ist  der  bekannte 
Redner  und  Publizist,  einer  der  Begründer  des  Journals 
„Edinburgh  Review",  Mitglied  des  Parlaments  und  seit  1830 
Lord-Kanzler.  Als  gebildeter  Jurist,  talentvoller  Schriftsteller 
und  fleissiger,  ehrlicher  Mann  stand  er  lange  Zeit  an  der  Spitze 
der  liberalen  Partei,  und  England  verdankt  ihm  viele  Bills. 
In  den  letzten  zwanzig  Jahren  seines  Lebens  änderte  er  seine 
Politik  vollkommen,  und  sowohl  die  Whigs  als  auch  die  Tones 
sagten  sich  von  ihm  los.  Im  Jahre  1823  sprach  er  sich  gegen 
die  Heilige  Alliance  als  eine  unnütze  Vertheidigerin  des  Christen- 
thums  aus,  das  von  Niemandem  angegriffen  werde;  dabei  donnerte 
er  gegen  die  Russen,  als  die  geschworenen  Feinde  der  Freiheit 
Aber  im  Jahre  1850  begrüsste  er  Nikolai  L  als  den  Retter 
der  Civilisation!  Sein  ganzes  Leben  hindurch  hat  er  gegen 
den  Sclavenhandel  geeifert,  gegen  die  Ausbeutung  der 
Neger,  und  doch  sprach  er  sich  im  Kriege  der  Nordamerika- 
nischen Vereinigten  Staaten  um  die  Unabhängigkeit  derselben 
f&r  die  Südstaaten  aus. 

BilbasBoff.  Katharina  H.  16 


—     242     — 

Im  Jahre  1829  erschien  in  der  „Edinburgh  Review"  ein 
Aufsatz  über  die  Theilung  Polens  ohne  Unterschrift  des  Ver- 
fassers. „Quoique  Tarticle  ne  soit  pas  sign^,  les  renseigne- 
ments  que  j'ai  recueillis  sur  son  auteur  m'ont  paru  assez  cer- 
tains  pour  pouvoir  Fattribuer  au  cöl^bre  M.  Brougham"  (2). 
Zwei  Jahre  darauf,  im  Jahre  1831,  kam  in  Marseille  die  Tor- 
liegende  üebersetzung  dieses  Aufsatzes  heraus,  also  noch  zu 
Lebzeiten  Brougham's,  und  er  hat  nicht  dagegen  protestirt, 
dass  ihm  die  Verfasserschaft  zugeschrieben  wurde,  obgleich 
dieser  Artikel  über  Polen  in  der  Gesammtausgabe  seiner  Werke : 
„Critical,  historical  and  miscellaneous  works,  10  v.,  London, 
1857,"  nicht  enthalten  ist;  letzteres  mag  sich  daraus  erklären, 
dass  Brougham  in  seinen  letzten  Lebensjahren  seine  Ansichten 
über  die  russische  Politik  radical  geändert  hatte. 

Der  Aufsatz  Brougham's  ist  eine  rein  pubHcistische  Lei- 
stung. Seine  Kenntnisse  Polens  beschränken  sich  auf  das,  was 
er  den  Werken  Rulhiöre's  (No.  876)  undFerrand's  (No.  912)  ent- 
nommen hat;  seine  Urtheile  sind  grösstentheils  Gemeinplätze, 
aber  seine  Verdicte  sind  immer  scharf  und  seine  Charakterzeich- 
nungen unbarmherzig.  Die  erste  Theilung  Polens  wird  von 
ihm  als  „le  comble  de  Tinjustice  et  de  Tefironterie  humaine" 
(79)  gekennzeichnet,  wobei  natürlich  Katharina  als  „le  premier 
autheur"  (89),  „la  plus  criminelle"  hingestellt  ist  (88);  um  seine 
Verachtung  gegen  Katharina  auszudrücken,  nennt  er  sie  „cette 
femme"  (55).  In  seinen  Charakteristiken  verfährt  er  ^schab- 
lonenmässig,  aber  er  drückt  sich  dabei  kurz  und  rücksichtslos 
aus,  meist  mit  zwei  drei  Worten,  z.  B.:  Drewitz  heisst  „tete 
f6roce"  (47),  Fürst  Potjemkin  „chef  de  bandits"  (102),  Rshewus- 
skij  und  Potozkij  nennt  er  „les  infames  apostats"  (122),  Stanis- 
laus  August  „aussi  lache  que  vil"  (126),  Paul  Petrowitsch  „un 
fou  brutal**  (143)  u.  s.  w.  Als  Publicist  erzählt  er  keine 
Thatsachen,  sondern  würdigt  sie  nur,  wobei  er  von  dem  Grund- 
satze ausgeht,  dass  „le  gouvemement  de  la  plupart  des  nations 


—     243     — 

est  incontestablement  mauvais"  (97).  Die  Thatsachen  sind 
unter  seiner  Feder  nicht  mehr  zu  erkennen.  So  lautet  z.  B. 
der  Bericht  über  das  Warschauer  Blutbad  vom  6.  April  1 794 
folgendermassen;  „Le  17  avril  Farm^e  de  Eosciusko  marcha 
contre  la  gamison  russe  de  Varsovie,  et  forga  Igelstrom,  son 
commandant/d'evacuerla  place;  apr6s  une  r^sistance  obstin^e 
de  trente-six  heures,  le  g6n6ral  russe  se  retira  avec  deux 
miUe  blessös"  (139).  Der  endgiltige  Untergang  Polens  ent- 
lockt dem  Verfasser  folgende  Tirade.  „Sa  chute  accusera 
^temellement  la  sc616ratesse  de  la  Eussie,  la  perfidie  de  la 
Prusse,  la  vile  accession  de  TAutriche,  et  la  stupide  inertie  de 
toute  FEurope"  (146).  Als  Publicist  konnte  er,  als  er  von 
Polen  sprach,  nicht  umhin  Irlands  zu  gedenken,  aber  ihm, 
dem  Engländer,  gereicht  es  zur  grossen  Ehre,  dass  er  die  Ver- 
gewaltigungen der  Irländer  durch  die  Regierung  von  Gross- 
britanien  ehrlich  verurtheilt  (92). 

Der  Uebersetzer  hat  seine  Uebersetzung  gerade  im  Jahre 
1831  herausgegeben,  um  „röveiller  Tindignation  publique  contre 
un  acte  qui  a  port^  au  plus  haut  degr^  la  violation  de  tous 
les  principes  de  morale  et  de  justice"  (3).  In  einem  besonderen 
„Appendice"  führt  der  Uebersetzer  die  Geschichte  der  pol- 
nischen Wirren  bis  zum  Jahre  1830  fort  und  theilt  sogar  das 
Manifest  Nikolai's  I.  vom  26.  December  1830  mit  (268). 
Ausserdem  hat  der  Uebersetzer  den  Text  des  Originals  mit 
Anmerkungen  versehen,  die  übrigens  nicht  besonders  gewich- 
tig sind. 

Dem  Buche  sind  zwei  „Notices,  par  Mr.  Toulouzan"  bei- 
gelegt, und  zwar  über  die  beiden  Tschartoryshskij :  „sur  le 
prince  Adam-Casimir  Czartoryski"  (273),  den  bekannten  „Möcöne 
Polonais",  und  seinen  Sohn,  „sur  le  prince  Adam-George 
Czartoryski"  (295),  den  Freund  Alexanders  I.  und  Minister 
der  Auswärtigen  Angelegenheiten  in  Bussland. 


16* 


—     244     — 

946.  Polen,  wie  es  war  und  ist  Zur  Verbreitung  näherer  Kunde 
der  Beschaffenheit  und  Verfassung  Polens  und  zur  Bestimmung 
und  Berichtigung  der  Urtheile  über  die  politische  Lage  des- 
selben.   Hamburg,  1831. 

Siehe  No.  944.  Der  Verfasser  erkennt  an,  dass  die  Con- 
föderation  von  Bar  und  die  ersten  Wirren  znr  Zeit  Katha- 
rina's  durch  die  pobiischen  Bischöfe  heraufbeschworen  worden 
seien:  ,,Der  Fanatismus  der  Bischöfe  zu  Erakau  und  Wilna 
war  die  Hauptveranlassung  des  Bürgerkrieges"  (7).  Die  Haupt- 
ursache aller  Uebel  in  Polen  seien  die  inneren  Zwistigkeiten: 
„Das  Reich  war  durch  inneren  Zwiespalt  zerrüttet"  (8)  — , 
die  auf  das  unglückselige  Recht  des  „liberum  veto"  zurück- 
zuftLhren  seien;  dieses  liberum  veto  habe  schon  Jan  Kasimir 
die  Möglichkeit  gegeben,  im  Jahre  1661  vorauszusagen,  „warum, 
von  wem  und  wie  einst  Polen  getheilt  werden  würde"  (17). 
Dieser  Gesichtspunkt  ist  selten  in  den  Broschüren  jener  Zeit 
zu  finden. 

947.  Die  Schicksale  Polens  seit  der  ersten  Theilung  1772  bis  zur 
russischen  Oberherrschaft.    Altenburg,  1831. 

Siehe  No.  944.  Der  Verfasser  dieser  Broschüre  sagt: 
„Nur  im  Zusammenhange  mit  der  früheren  Geschichte  dieses 
Landes  lässt  sich  manche  neuere  Elrscheinung  erklären, 
manches  harte  Urtheil  mildem  und  dem  gedrückten  Volke  eine 
günstige  Meinung  bei  den  Freunden  der  Menschheit  er- 
wecken" (6).  Diese  dankbare  Aufgabe  hat  dem  Verfasser  den 
Blick  nicht  getrübt,  und  er  hat  ein  ziemlich  richtiges  Bild  der 
Ursachen  des  Verfalles  Polens  gezeichnet:  „Wenig  war  zur 
Fortbildung  der  Staatsverfassung  gethan,  der  Bürgerstand  lag 
darnieder,  in  den  Händen  der  Juden  befanden  sich  Handel 
und  Künste,  der  Adel  waltete  stolz  und  herrisch  über  leib- 
eigene Knechte,  und  so  war  es  natürlich,  dass  Polen  hinter 
den  anderen  europäischen  Staaten  zurückbleiben  musste.  Zu 
politischen  Parteikämpfen  gesellten  sich  bald  religiöse,  und  die 


—     245     — 

Dissidenten  fanden  an  Katharina  11.  einen  mächtigen  Schutz 
gegen  den  harten  Druck,  der  seit  1717  auf  ihnen  lastete'^  (7). 
Der  Verfasser  ist  überzeugt,  dass  die  Polen  im  Jahre  1772 
fdr  ihre  Fehler  die  gerechte  Strafe  erlitten  haben  — :  ,,die 
erste  Theilung  strafte  sie  für  ihr  unglückliches  Beginnen". 
Zwanzig  Jahre  später,  als  die  Polen,  gestützt  auf  das  Bündniss 
mit  Pf eussen, .  die  Entfernung  der  russischen  Truppen  aus  den 
polnischen  Gebieten  gefordert  hätten,  „beugte  Katharina  ihren 
Stolz  und  gab  nach"  (7).  Die  Rolle  Preussens  wird  dagegen 
Tom  Verfasser  in  anderem  Lichte  geschildert:  „Preussen  hatte 
Truppen  ohne  Grund  und  Elriegserklärung  in  Grosspolen  ein- 
rücken, ja  selbst  Danzig  besetzen  lassen"  (12). 

948.  Mjdli  Polaka  patryoty   o  Bzadzie  z  Boku  1790.     Warszawa, 
1831. 

Siehe  No.  611. 

949.  Le  &vori,  ou  la  cour  de  Catherine  U,  com6die  en  trois  actee. 
Par  M.  Änceht    Paris,  1831. 

Zwei    Acte    dieser   Komödie    spielen   in   der  Eremitage, 

einer    im   Taurischen   Palais    bei    Potjemkin;    in    allen    drei 

Acten   kommt  Katharina  nicht   Ton   der   Scene.     Sie   erklärt 

Allen:  „Je  regois  k  Tinstant  meme  une  lettre  de  monsieur  de 

Voltaire:  croiriez-vous  que  mon  Instruction  pour  le  Code  est 

mise   ä  Tindex   et   d6fendue    en   Frange?      L'Imp6ratrice   de 

Russie  est  trop  philosophe  pour  la  cour  de  Louis  XV"  (7). 

Den  Fürsten  Potjemkin  charakterisirt  die  Kaiserin  folgender- 

maassen:  „confident  de  toutes  mes  pens6es,  ex6cuteur  habile 

et  d^vou^  de  tous  mes  projets,  il  est  le  bras  de  cet  empire, 

dont  je  suis  l'ame"  (13).     Dem  Fürsten  de  Ligne  erklärt  sie 

den    Umstand,    dass    Frankreich   die   Theilung   Polens   nicht 

hindern   könne,   folgendermassen :   „Quel    est    aujourd'hui    le 

ministre   qui    dirige   la   poHtique   de   Versailles?   un   g6n6t§l 

perp^tuellement  battu,  un  diplomate  de  boudoir,  us6  dans  de 


—     246     — 

miserables  intrigaes;  enfin  un  dnc  d'Aignillon!  .  .  .  il  laissera 
faire''  (20).  und  sich  den  Gepflogenheiten  der  Eremitage  unter- 
werfend, singt  sie: 

A  la  Yoiz  da  plaisir 

Mon  ame  est  ranim^e: 

An  diable  la  Grimme, 

Et  Grand  Türe  et  Viair  (32). 

Fürst  Potjemkin  spricht  in  seiner  Eigenschaft  als  ,,faYori 
entitre''  zu  Katharina  folgendes:  ^^il  est  des  hommes  auxquels 
on  snccede,  mais  qu'on  ne  remplace  pas^'  (11),  und  zu  sich 
selbst:  ,,8ans  que  Catherine  s'en  doute  üäut  que  mon  choix 
seul  conduise  son  imagination  ardente;  madame  de  Pompa- 
dour r6gna  jusqu'ä  sa  mort  —  ne  Toublions  pas"  (32). 

Die  folgende,  beste  Scene  ist  nach  der  Natur  ge- 
schrieben : 

„Catherine.  Continuerez-vous,  le  prince  De-Ligne,  vos 
mauvaises  plaisanteries  sur  le  canal  que  je  fais  creuser,  et  oü, 
dites-vous,  il  ne  manque  que  de  l'eau? 

De-Ligne.     Mais  jusqu'ä  ce  que  Teau  y  soit  venue  .  .  . 

Catherine.  Apprenez,  monsieur,  qu'hier  un  malheureux 
ouvrier  s'y  est  noyö. 

De-Ligne.     H  s'est  noyö?  .  .  Oh,  le  flatteur!" 

Da  diese  Komödie  während  des  polnischen  Aufstandes 
aufgeführt  wurde,  so  ist  die  Liebesintrigue  der  politischen 
untergeordnet,  und  zwar  der  Liebe  eines  Polen  für  sein 
Vaterland. 

Arsöne  Frangois  Ancelot,  1794 — 1854,  war  Mitglied  der 
französischen  Academie  und  Dramaturg  und  erwarb  sich 
einen  Namen  durch  Tragödien,  sowie  ein  Vermögen  durch 
Komödien  und  VaudeviUes.  Die  französische  Kritik  urtheilt 
über  seine  Erzeugnisse  folgendermaassen:  „ses  piöces  sont 
^^tes  d'un  style  6l6gant,  harmonieux,  et  men^es  avec  art, 
mais  elles  manquent  parfoit  de  mouvement^^ 


—     247     — 

950.  Catherine  TL,  ou  rimp^ratrice  et  le  cosaqne,  piöce  en  deux 
actes,  k  spectacle,  mS16e  de  Couplets ,  par  MM.  Iheodore  N,  et 
Simonnin.     Paris,  1831. 

Das  Sujet  dieser  Komödie  bildet  die  Liebe  des  Günstlings 
Grafen  A.  M.  Dmitrijew-Mamonow  und  des  Hoffräuleins 
Prinzessin  Schtscherbatow  (Chrapowizkij ,  291).  Die  franzö- 
sischen Dramatiker  haben  die  Prinzessin  Schtscherbatow  durch 
die  Comtesse  Bruce  ersetzt,  ohne  natürlich  zu  ahnen,  dass  sie 
in  diesem  Falle  in  ihren  Ansichten  mit  Katharina  überein- 
stimmten, die  am  23.  Juni  1789  zu  Chrapowizkij  sagte:  „il 
m'est  venue  l'id^e  du  mariage  avec  la  fiUe  du  comte  de 
Bruce",  sie  zähle  zwar  nur  dreizehn  Jahre,  „mais  eile  est 
döjä  formte,  je  sais  celä"  (ibid. ,  293).  Mamonow's  Stelle  ver- 
tritt „le  cosaque  d'Astracan,  MouravieflP*. 

951.  Catherine  n,  com6die  en  trois  actes  et  en  prose,  par  MM.  jIt- 
notäd  et  Lockroy,    Paris,  1831. 

In  dieser  Komödie  ist  Katharina  im  Sinne  der  Höflinge 
auf  die  Bühne  gebracht,  die  von  ihr  sagen:  „quand  les 
femmes  sont  sur  le  trone,  les  hommes  gouvernent^'  (32).  Sie 
selbst  spricht  von  ihrer  Thätigkeit  also:  „parmi  les  soixante- 
dix  viUes  que  j'ai  döjä.  bäties,  plusieurs  ne  sont  encore  qu'un 
poteau  oü  on  a  6crit  leur  nom  et  marquö  leur  emplacement*-' 
(27).  Ein  wenig  an  Katharina  erinnern  nur  ihre  Reden  über 
Polen:  „Si,  par  le  fait,  mes  troupes  6tablissent  en  Pologne  ma 
religion  par  la  force  des  armes,  leur  unique  but  est  d'y  combattre 
rintol^rance"  (38).  Katharina  selbst  wird  das  folgende  Ur- 
theil  über  ihre  Gesetzgebungs-Commission  in  den  Mund  ge- 
legt: „Grande  pens^e,  en  effet,  que  j'ai  laiss^e  sans  r^sultat, 
qui  s'est  r^duite  k  conserver  le  despotisme  en  ßussie,  mais 
dont  TEurope  a  6t6  la  dupe,  et  qui  est  restÄe  pour  moi  seule 
un  ouvrage  de  faste  et  d'ambition"  (33).  Neben  der  willkürlich 
erdachten  Gestalt  Katharina's  ist  auch  ein  phantastischer 
Potjemkin  auf  die  Bretter  gebracht,  die  einzigen  beiden  Per- 


—     248     — 

sonen  mit  historischen  Namen.    Die  ganze  Komödie  ist  unge- 
schickt und  talentlos  zusammengestapelt. 

952.    Ueber  die  polnische  Frage.    Paris,  1831. 
Siehe  No.  944. 

9&3.  Zbior  oorreBpondencTi  diplomatycznjch  i  akt  antentycznych 
dworöw  PeterBbarskiego,  Berliüskiego  i  WideJi8ki^;o,  tjczacjch 
si^  negocyacTi  i  nkladow  wzgl^em  podziahi  Polski  w  roka  1772. 
[Goertx.]    Warazawa,  1831. 

Dies  ist  eine  wörtliche  Uebersetzung  von  No.  898.  Der  pol- 
nische Uebersetzer  hat  auf  Grund  dieser  Documente  eine 
eigene  Einleitung,  „Wstep^^,  verfasst,  in  der  er  seinen  Stand- 
punkt dargelegt  hat;  derselbe  wird  Yollkommen  durch  das  Er- 
scheinungsjahr des  Buches  erklärt.  „Z  wszystkich  tych 
pism  okazuje  sie,  ie  pierwiastkowy  do  podziahi  Polski  plan 
wyszedt  od  Imperatorow^j  Katarzyny  II-^j"  (3),  was  man  in- 
dess  in  keiner  Weise  aus  diesen  Documenten  ersehen  kann. 
Aber  wie  die  Einleitung,  so  muss  auch  die  Uebersetzung  der 
Documente  ins  Polnische  lediglich  als  eine  Klage  der  Polen 
an  alle  Welt  über  ihr  unglückliches  Schicksal  aufgefasst 
werden,  obgleich  diese  Klage  natürlich  in  französischer  Sprache 
eine  grössere  Yerbreitunn  gefunden  hätte:  „Niechie  wiec  teraz 
cata  Europa,  niech  caly  swiat  wie  o  t6m,  co  sie  z  nami 
dziato;  i  niech  bezstronnie  os^dzi,  czyli  po  tylu  cierpieniach, 
po  tylu  nieslychanych  gwaHach  i  tyranskich  uciskach,  uzalenie 
si§  Polaköw  nie  jest  shisznym  i  usprawiedliwionym,  i  czyli 
dzisiejsza  nasza  sprawa  za  kt6r^  walczemy,  nie  jest  spraw% 
wszystkich  cywilizowanych  narodöw?" 

954.  Das  Königreich  Polen  seit  1815  nebst  Ursachen  der  jetzigen 
Eevolation.    Paris,  1881. 

Eine  wörtliche  Uebersetzung  von  No.  945. 

955*    Polens  Untergang.    Von  Fr.  v.  Baumer.    Leipzig,  1832. 
Dies  ist  ein  sehr  interessantes  Werk  —  nicht  etwa  wegen 
neuer  Thatsachen,   die   es   nicht  enthält,   noch   wegen   einer 


—     249     — 

etwaigen  originellen  Beleuchtung  der  Ereignisse,  durch  die  es 
sich  nicht  auszeichnet,  sondern  weil  es  die  Ansicht  über  die 
„Schuldigen"  an  dem  Untergange  Polens  aufgestellt  hat,  die 
seit  dem  Erscheinen  dieses  Werkes  in  der  westeuropäischen 
Litteratur  vorherrschend  geworden  ist. 

Im  Jahre  1832  hatte  der  gelehrte  und  litterarische  Ruhm 
Raumer's  seinen  Höhepunkt  erreicht:  er  war  Professor  der 
Geschichte  an  der  Berliner  Universität  und  Secretär  der 
Academie  der  Wissenschaften,  ganz  Deutschland  las  mit  Be- 
geisterung sein  bestes  Werk,  die  „Geschichte  der  Hohen- 
staufen  und  ihrer  Zeit",  und  man  hatte  noch  nicht  aufgehört, 
von  seiner  bürgerlichen  Heldenthat,  seinem  Ausscheiden  aus 
dem  Dienste  im  Censuramte,  zu  reden.  Er  hatte  damals  eben 
begonnen,  seine  „Geschichte  Europas  seit  dem  Ende  des 
15.  Jahrhunderts"  erscheinen  zu  lassen.  Im  Jahre  1830  hatte 
er  mit  der  Herausgabe  seines  „historischen  Taschenbuches" 
angefangen,  und  in  dem  Bande  desselben  für  das  Jahr  1832 
druckte  er  „eine  freimüthige  Abhandlung"  unter  dem  Titel 
„Polens  Untergang"  ab,  von  der  noch  in  demselben  Jahre 
zwei  Sonderausgaben  erforderlich  wurden,  und  die  bald  in  alle 
Sprachen,  mit  Ausnahme  der  russischen,  übersetzt  wurde. 
Die  erste  Entgegnung  auf  diese  Broschüre  „von  einem  ebenso 
geistreichen  als  gewissenhaften  Staatsmanne"  wurde  nichts- 
destoweniger von  einem  Russen  verfasst,  „von  einem  russischen 
Staatsmanne",  aber  sie  wurde  nicht  gedruckt,  weil  sie  angeb- 
lich „Nichts  als  eine  Reihe  von  Ausdrücken,  ganz  geeignet, 
einen  Namen  von  gutem  Klange  herabzuwürdigen"  enthielt 
(Binder,  Der  Untergang  des  Polnischen  Nationalstaates,  11, 
93,  IVj. 

Die  wenig  umfangreiche,  aber  lebendig,  stellenweise  sogar 
feurig  geschriebene  Broschüre  Raumer's  gründet  sich  haupt- 
sächlich auf  die  Arbeiten  von  Ferrand  (No.  912),  Oginskij  (No.  929) 
und  Sajonczek(No.  801),  wobei  die  von  diesen  mitgetheilten  That- 


—     250    — 

Sachen  einer  weiteren  Kritik  nicht  unterzogen  worden  sind. 
Die  Hauptereignisse  sind  richtig  erzählt  und  hingestellt; 
kleinere  Einzelheiten  sind  nur  zur  Ausschmückung  der  Dar- 
stellung, zur  Kennzeichnung  der  Lage  der  Dinge  oder  zur 
Charakteristik  der  Persönlichkeiten  angeführt.  Als  Novum, 
und  zwar  für  die  damalige  Zeit  als  ein  Novum  in  jeder  Be- 
ziehung, erscheint  bei  Eaumer  die  Behauptung,  dass  ßussland 
hauptsächlich  an  der  ersten  Theilung  Polens  die  Schuld  trage. 
Vor  dem  Erscheinen  der  Broschüre  Raumer's  vertheidigte  die 
Pariser  Academie  Russland  gegen  die  leidenschaftlichen  An- 
griffe Eulhifere's  (No.  876),  und  sogar  Ferrand  (No.  912)  gab  bei 
der  Frage  von  den  Theilungen  Polens  Russland  den  Vorzug  vor 
Preussen.  Raumer  ist,  soweit  uns  bekannt  ist,  der  erste  an- 
gesehene Gelehrte  und  fachmännische  Historiker,  der  in  einer 
Arbeit,  die  alle  Kennzeichen  einer  gelehrten  Untersuchung  an 
sich  trägt,  die  Hauptschuld  an  den  Theilungen  Polens  auf 
Russland  gewälzt  und  Preussen  erst  in  die  zweite  Reihe 
gestellt  hat.  Dabei  ist  es  ihm  trotzdem  nicht  gelungen,  jede 
Handlung  Preussens  zu  rechtfertigen,  oder  wenigstens  durch 
Scheingründe  zu  erklären.  Wie  dem  nun  sein  mag,  seit 
dem  Erscheinen  der  Broschüre  „Polens  Untergang"  hat  in 
Europa  der  litterarische  Feldzug  für  Polen  gegen  Russland 
begonnen. 

Ferrand  (No.  912),  von  dem  Raumer  eine  Masse  factischer 
Einzelheiten  entnommen  hat,  beschuldigt  hauptsächlich  Preussen 
als  den  Urheber  der  Theilung  Polens  (I,  88;  11,  29;  III,  252) 
und  hat  eines  seiner  Capitel  sogar  mit  der  Ueberschrift: 
„L'idöe  du  dömembrement  appartient  au  prince  Henri  de 
Prusse"  versehen.  Raumer  hat  aus  Ferrand  die  von  Rulhi^re 
(IV,  210)  mitgetheilte  Erzählung  genommen,  dass  Katharina, 
als  sie  von  der  Annexion  der  Starostei  von  Zips  durch  Oester- 
reich  gehört  hatte,  zum  Prinzen  Heinrich  von  Preussen 
gesagt  habe:  „II  semble  que  dans  cette  Pologne,  il  n'y  ait  qu'ä, 


—     251     — 

se  baisser  pour  en  'prendre".*)  Zu  diesen  Worten  Eaiharina^s 
macht  Kaamer  die  folgende  Anmerkung:  y,Es  ist  so  gleich- 
gültig wer  zu  allererst  das  Wort  Theilung  ausgesprochen, 
als  wer  in  einem  Kriege  die  erste  Flinte  losgeschossen  hat. 
Gewiss  haben  alle  drei  Mächte  Antheil  an  der  Schuld,  Russ- 
land aber  bei  weitem  den  grössten,  weil  Polen  durch  seine  Ein- 
wirkung in  der  Anarchie  verharrte,  jede  Besserung  unmöglich, 
die  Theilung  hingegen  wesentlich  herbeigeführt  ward"  (57).  So 
heisst  es  über  Russland;  über  Preussen  lautet  dasUrtheil  anders: 
„So  unbestimmt  alle  diese  Aeusserungen  auch  waren,  erschrak 
Friedrich  TL.  doch  sehr,  als  ihm  sein  Bruder  Heinrich  zuerst 
jenen  Gedanken  einer  Theilung  Polens  tiberbrachte;  denn  er 
fühlte  richtig  wie  viel  an  Recht,  Treu  und  Glauben  auf  dem 
Spiele  stand*^  (58).  Und  nun  folgt  eine  ganze  Reihe  von  Ent- 
stellungen, wobei  Friedrich  11.  einzig  und  allein  mit  dem 
Wunsche,  „seinem  zerstückten  Reiche  einen  engeren  Zusammen- 
hang zu  verschaflfen",  und  aus  Furcht,  dass  „Russland  die 
Beute  sonst  ganz  allein  davon  tragen  werde"  (58),  die  polni- 
schen Gebiete  annectirt  haben  soU.  Durch  ein  derartiges  gie- 
riges Verlangen  und  durch  eine  solche  gewissenlose  Furcht 
kann  man  schliesslich  alles  rechtfertigen;  aber  die  Deutschen 
lasen  und  wiederholten  mit  Begeisterung  derartige  Ungereimt- 
heiten ihres  berühmten  Historikers.  Gegenüber  den  „gewissen- 
losen" Handlungen  Friedrichs  11.  verhält  Raumer  sich  ungläu- 
big oder  weist  sie  einfach  zurück:  die  Nachricht  von  der  Er- 
greifung der  Polen  und  ihre  Ansiedelung  in  Preussen  „muss 
ich",  sagt  Raumer,  „nach  genaueren  Untersuchungen  für  irrig 


*)  ;,£s  scheint,  man  braucht  sich  nur  zu  bücken,  um  in  diesem 
Polen  etwas  zu  nehmen.  Wenn  Oesterreich  die  Bepublik  zu  theilen  ge- 
denkt, haben  die  übrigen  Mächte  dazu  wohl  ein  gleiches  Recht."  Der 
bis  zur  Kleinlichkeit  genaue  Raumer  giebt  in  dem  hier  gegebenen  Falle 
seine  Quelle  nicht  an ;  bei  Rulhiöre  findet  sich  nur  der  erste  Satz  dieser 
Phrase,  den  wir  im  Texte  in  französischer  Sprache  mitgetheüt  haben. 


—     252     — 

erklären"  (50),  während   dies  doch  durch?  die  Depeschen  von 
Essen  bestätigt  wird  (Herrmann,  V,  497). 

Räumer  kannte  seine  Leser  — :  er  brauchte  nur  eine 
Phrase  mit  einem  Ausfalle  gegen  ßussland  hinzustellen,  und 
er  war  überzeugt,  dass  die  Deutschen  Preussen  und  Oester- 
reich  Alles  verziehen,  wenn  sie  nur  die  Möglichkeit  hätten, 
Eussland  zu  beschuldigen.  In  Wahrheit  hat  Preussen  bei 
der  ersten  Theilung  Polens  völlig  gewissenlos  und  Oesterreich 
völlig  treulos  gehandelt,  so  dass  Katharina  schliesslich  als 
Vertheidigerin  der  Polen  erschien,  Raumer  aber  schildert  dies 
folgendermassen :  „Preussen,  dessen  Gränze  der  Netze  entlang 
ging,  verlangte  auch  das  Land,  was  dieser  Fluss  auf  der  pol- 
nischen Seite  überschwemme.  Dem  Könige,  sagte  Friedrichs 
Gesandter  in  Warschau,  gehört  das  Element  des  Wassers, 
w«nn  die  Netze  austritt,  und  eben  so  das  gewässerte  Land, 
wenn  sie  wieder  in  ihr  Bett  zurücktritt  —  wobei  man  annahm, 
dass  die  Ueberschwemmung  sich  an  einer  Stelle  zwölf  Meilen 
weit  über  Berge  erstrecken  könne !  Aehnlicherweise  verfuhren 
die  Oesterreicher.  Joseph  IL.  und  Friedrich  verboten  alle 
Auswanderungen  aus  den  gewonnenen  Landschaften,  ja  sogar 
das  Reisen  ohne  besondere  Erlaubniss;  worauf  endlich  Katha- 
rine  erklärte:  man  müsse  es  in  der  That  billig  finden,  dass 
die  Polen  klagten"  (75).  Selbst  in  dieser  Form  wäre  diese 
Mittheilung  nicht  gewissenhaft,  denn  der  Verfasser  ver- 
schweigt die  Thatsache,  dass  gerade  Katharina  ihren  neuen 
Unterthanen  eine  dreimonatliche  Frist  zur  Auswanderung  ge- 
stattete; aber  Raumer,  der  nicht  im  Stande  war,  Friedrich  11. 
weisszuwaschen,  entschloss  sich,  Katharina  noch  mehr  an- 
zuschwärzen, und  fügte  nach  dem  Worte  „Katharina"  noch 
als  seine  ureigene  Behauptung  den  Satz  ein:  „die  nach 
wie  vor  von  Petersburg  aus  das  übriggeblie- 
bene Polen  beherrschen  wollte  und  beherrschte"; 
er  wusste  eben  sehr   gut,   dass   er   durch    diese   Phrase   die 


—     253     — 

Erbitterung  des  deutschen  Lesers  von  Friedrich  auf  Katharina 
ablenkte. 

Der  preussische  König  „Friedrich  Wilhelm,   dem   russi- 
schen Siegeswagen  folgend"  (118),  begeht  eine  Reihe  von  Ver- 
brechen, aber  immer  gemeinsam  mit  Eussland.     „Ohne  alle 
Schuld,  ohne  seine  Nachbarn  gereizt  oder  beleidigt  zu  haben, 
fiel  Polen  im  Augenblicke  der  fröhlichsten  Wiedergeburt,  ein 
Opfer  der  Wortbrtichigkeit  und  Habgier  Preussens  und  Russ- 
lands" (129).     „Es  giebt  keine  Art  von  Falschheit,  Treulosig- 
keit und  Verrath,    dessen   sich  Preussen   und  Russland  nicht 
zu  Schulden   kommen   Hessen,   um  ihre  Rachsucht  und  Hab- 
sucht zu  befriedigen"  (133)  u.  s.  w..     Friedrich  Wilhelm  hatte 
mit  Polen  ein  Bündniss  geschlossen  und  dieses  Bündniss  ver- 
letzt; hier  durfte  also  unmöglich  Russland  hineinbezogen  wer- 
den, dagegen  ist  Preussen  in  dem  folgenden  Satze  wiederum 
nicht  direct  erwähnt:  „Man  suchte  ihre  (der  Polen)  Freundschaft, 
um    sie   zu  verläugnen,   machte   sich   ein   Vergnügen   daraus, 
feierlich  mit  ihnen  geschlossene  Verträge  zu  brechen,  trieb  sie 
zu  Schritten,  die  man  nachmals  verdammte"  (119).     Wo  es 
unmöglich  ist,  Preussen  zu  umgehen,  da  wird  statt  ganz  Polens 
nur  von  dem  an  Preussen  gefallenen Theil  desselben  gesprochen: 
„Südpreussen  musste  die  Preussen  und  den  König  hassen,  aus 
dessen  Wortbrüchigkeit  man   alles  Unglück   ableitete"   (139). 
Und  da,  wo  es  ganz  und  gar  nicht  geht,   die  unmenschlichen 
Befehle   des  Königs   von  Preussen   zu   verschweigen,   mildert 
Raumer  sie  durcli  folgende  Bemerkung:  „Gerechter  und  mensch- 
licher,  und  eine  glückliche  Zukunft   ankündigend,   zeigte  sich 
schon  damals  der  Kronprinz  von  Preussen"  (140). 

Gegen  Katharina  ist  Raumer  dagegen  ungeschminkt  und 
scharf  im  Ausdruck.  Im  Jahre  1771  war  in  der  russischen 
Declaration  u.  A.  über  Polen  gesagt  worden:  „Die  Anarchie 
erhebt  ihr  Haupt  aus  dem  Abgrunde  des  öffentlichen  Uebels 
und  bezeichnet  ihre  Herrschaft  mit  Mord  und  Raub";  Raumer 


—     254     — 

fügt  hinzu:  „Eine  Beschreibung,  der  zur  vollen  Wahrheit  nur 
die  zweite  Hälfte  fehlte:  dass  nämlich  die  Kaiserin  aus  des- 
potischer Habsucht  diesen  Zustand  durch  alle  ihr  zu  Gebote 
stehenden  Mittel  herbeigeflihrt  und  verschlimmert  hatte"  (97). 
Dieselbe  Beschuldigung  führt  Raumer  natürlich  auch  gegen 
Frankreich  (19)  und  gegen  Preussen  (33)  ins  Feld,  aber  nur 
vereinzelt;  die  absprechenden  Aeussenmgen  über  Russland  da- 
gegen finden  sich  fast  auf  jeder  Seite  (17,  20,  27,  29,  32, 
39,  42,  52,  71,  99,  121,  131,  135).  „Im  Jahre  1791  sagte 
Katharina,  sie  wirke  für  die  polnische  Freiheit,  während 
sie  aus  Habsucht  die  Anarchie  beförderte:  im  Jahre  1791 
nahm  sie  Glückwünsche  der  Targo witscher  dafür  an,  dass  sie 
die  ultramontanischen  Neuerungen  gehemmt  habe,  und  im 
Jahre  1792  hiessen  ihr  diese  selben  Neuerungen  jakobinisch 
und  demokratisch"  (118)! 

Raumer  schwärmt  für  die  Constitution  vom  3.  Mai  1791, 
(91,  95):  „Ein  solches  in  seiner  Art  bewundemswerthes  Werk 
verdiente  die  grösste  Dauer,  das  höchste  äusserlich  begünsti- 
gende Glück;  weshalb  doppelt  verantwortlich  sind  die  schmut- 
zigen Hände,  welche  die  reine  That  befleckten,  die  Verläum- 
der,  welche  sie  anklagten,  und  die  Frevler,  welche  sie  zer- 
störten" (97).  Und  das  schreibt  derselbe  Raumer,  der  die 
Nothwendigkeit  einer  Constitution  für  Preussen  bestritten  hatte 
(Hist.  Taschenbuch,  1830,  S.  426)! 

Da  Raum  er  seine  Broschüre  im  Jahre  1832,  also  bald 
nach  dem  Aufstande  herausgab,  als  die  polnischen  Emigranten 
Deutschland  überschwemmten,  geizte  er  auch  nicht  mit  der 
Verherrlichung  Polens  und  der  Polen  (132,  135,  142).  Inter- 
essant sind  seiue  Aeussenmgen  zur  Dissidenten-Frage  (38,  41), 
originell  seine  Charakteristiken  Stanislaus  August's  (25,  52,  103) 
und  Saldern's  (36,  61,  71),  und  sehr  treffend  ist  die  Kenn- 
zeichnung der  politischen  Lage  vor  der  ersten  Theilung  (53). 
Leider  hat  er  bei   der  Darstellung   der  zweiten   und   dritten 


—     255     — 

Theilung  die  besondere  Lage  der  Grossmächte  angesichts  der 
französischen  Eevolution  ganz  ausser  Acht  gelassen. 

Das  Buch  ist  in  schöner,  litterarisch  werthvoller  Sprache 
geschrieben,  und  die  Darstellung  stellenweise  künstlerisch  voll- 
endet. Es  ist  sehr  schade,  dass  dieses  Buch  bisher  noch 
nicht  ins  Russische  übersetzt  worden  ist  — :  es  verdient  schon 
deshalb  eine  ausführlichere  Würdigung,  weil  es  im  Laufe  eines 
Jahrzehnts  Allen  als  Handbuch  und  Leitfaden  gedient  hat,  die 
über  die  polnische  Frage  geschrieben  haben. 

Die  ganze  Broschüre  ist  in  zwei  Theile  getheilt:  im  ersten 
ist  die  Geschichte  Polens  bis  zur  ersten  Theilung  einschliess- 
lich behandelt,  wobei  der  Verfasser  sein  Elrstaunen  darüber 
ausspricht,  dass  diese  Theilung  gar  keinen  Eindruck  in  Europa 
gemacht  habe  (76),  während  Potjemkin  überzeugt  war,  dass 
auch  eine  gänzliche  Auftheilung  Polens  keinerlei  Geschrei  in 
Europa  hervorgerufen  haben  würde  (79);  der  zweite  Theil  (77) 
ist  dem  endgültigen  Untergange  Polens  gewidmet. 

956.  Auch  ein  Wort  über  Friedrich's  11  und  Friedrich  Wilhelm's  II 
Politik  in  Polens  Unfällen,  oder  Bemerkungen  über  »Polens 
Untergang«  von  Hern.  v.  Baumer.  Vom  Obersten  v,  Sehepeler, 
Aachen,  1833. 

Dieser  lange  Titel  ist  nach  einem  kurzen  „Vorwort"  durch 
den  genaueren:  „Bemerkungen  zu  dem  Buche:  »Polens  Unter- 
gänge", ersetzt  worden.  Gleich  der  Arbeit  Baumer's  (No.  955) 
sind  auch  diese  „Bemerkungen"  in  zwei  Theile  getheilt:  die 
„Erste  Abtheilung"  (1)  folgt  der  Erzählung  Raumer's  bis  zur 
ersten  Theilung  Polens  inclusive  und  schliesst  mit  einem  kurz- 
gefassten  „Beschluss"  (66);  die  „Zweite  Abtheilung"  (74)  führt 
die  Bemerkungen  bis  zu  den  letzten  Zeilen  Raumer's  fort. 

Der  Obrist  von  Sehepeler  theilt  nichts  Neues  mit,  obgleich 
die  Thätigkeit  Kostjuschko's  ihm  gut  bekannt  sein  konnte: 
„1795  kam  ein  Adjutant  Eosciusko's  nach  Göttingen^  wo  er 
sich  lange  Zeit,  und  auch  bei  mir  mehrere  Tage  heimlich  auf- 


—     256     — 

hielt  Oft  sprachen  wir  über  Polens  Schicksal"  (103).  Der 
Verfasser  beschränkt  sich  ausschliesslich  auf  Bemerkungen  zum 
Buche  Eaumer's  und  befindet  sich  hierbei  als  Kritiker  Yöllig 
unter  den  Einflüssen  Baumert;  alle  seine  ^^Bemerkungen" 
laufen  auf  das  Eine  hinaus  — :  Raumer  musste  die  ganze 
Schuld  am  Untergange  Polens  auf  Eussland  und  Katharina  11. 
wälzen  und  als  ehrlicher  Deutscher  die  Könige  Friedrich  11. 
und  Friedrich  Wilhelm  II.  vollständig  weisswaschen.  Aus 
den  „Bemerkungen"  Schepeler's  ist  bereits  zu  ersehen,  welchen 
starken  Eindruck  das  Buch  Raumer's  im  Sinne  der  Aufwerfung 
der  Ansichten  in  der  westeuropäischen  Litteratur  über  die  Be- 
ziehungen Busslands  zum  Falle  Polens  hervorgebracht  hatte. 
Gleich  Baumer  sieht  Schepeler  in  Allem  den  Wunsch 
Russlands,  ganz  Polen  zn  annectiren,  und  hierdurch  rechfertigt 
er  die  preussische  Annexion:  „Wer  die  Zeitepoche  der  ersten 
Theilung  Polens  unparteiisch  betrachtet,  muss  erkennen:  es 
war  ein  Glück,  dass  Preussen  kräftig  dastand,  damit  Polen  nicht 
gänzlich  von  Russland  verschluckt  wurde"  (77).  „Wir  können 
euch  Polen,  so  gern  wir  es  wünschten,  gegen  Russland  nicht 
unabhängig  erhalten;  deshalb  nehmen  wir  Theil  an  eurer  Ver- 
kleinerung, damit  Russland  nicht  Alles  für  sich  behalte"  (99). 

Es  giebt  nichts,  worin  Friedrich  II.  nicht  Katharina  11. 
übertreffe :  „Friedrich's  ganzes  Leben  beweist  Religions-Toleranz, 
womit  er  nicht  prahlte;  Catharina  11.  hingegen  schob  diese 
vor,  um  Willkühr  und  grenzenlose  Ehrsucht  mit  Etwas  zu 
decken,  und  um  die  Federn  der  Voltaires  erkaufen  zu  können" 
(45).  Friedrich  IL.  habe  Polen  durch  die  Theilung  beglückt  (77), 
während  Katharina  „Polen  als  ihren  alleinigen  Tummelplatz 
betrachtend  (57),  sehr  ungern  so  viel  von  Polen  abtrat,  das 
sie  für  sich  seit  ihrer  Thronbesteigung  bearbeitet  hatte" 
(99)  u.  s.  w. 

Uns  interessirt  natürlich  die  Vertheidigung  Friedrichs  II. 
gegen  die  vermeintlichen  Angriffe  Raumers  durch  den  Verfasser 


—     257     — 

nicht,  aber  zur  Charakteristik  der  deutschen  Geschichtsschrei- 
bung halten  wir  es  für  nöthig  hinzuzufügen,  dass  Baumer 
15  Jahre  später,  im  Jahre  1847,  gezwungen  wurde,  wegen 
seiner  Rede  zu  Ehren  Friedrich's  11.  aus  der  Berliner  Academie 
auszuscheiden. 

957*  Catherine  11,  par  Madame  la  duchesse  cPAhranths,  Paris,  1884. 
Laure  de  St.  Martin -Permont,  duchesse  d'Abrantes, 
1784 — 1838,  nach  dem  Manne  Mme.  Junot,  hatte  die  Möglich- 
keit, sich  mit  der  französischen  Gesellschaft  des  ersten  Kaiser- 
reichs, in  der  sie  eine  gewisse  Rolle  spielte,  gut  bekannt  zu 
machen.  Ihre  Mutter  war  bei  der  Geburt  Napoleon  Bonaparte's 
zugegen  gewesen,  der,  nachdem  er  der  Kaiser  Napoleon  I.  ge- 
worden war,  die  Familien  der  Leute  protegirte,  die  ihm  auf 
Corsica  nahe  gestanden  hatten.  Als  die  Herzogin  verwittwet 
und  verarmt  war,  nahm  sie  ihre  Zuflucht  zu  litterarischen 
Arbeiten,  schrieb  Novellen  und  Romane  und  liess  in  den 
Jahren  1831 — 1834  ihre  umfangreichen  „Mömoires  de  madame 
la  duchesse  d'Abrant^a''  in  18  Bänden  im  Druck  erscheinen. 
Diese  Memoiren  haben  ihre  Bedeutung  auch  ftlr  die  Gegen- 
wart noch  nicht  eingebüsst;  sie  wurden  vielmehr  erst  im 
Jahre  1 893  als  interessante  „Souvenirs  historiques  sur  Napolöon, 
la  r^volution,  le  directoire,  le  consulat,  Tempire  et  la  restau- 
ration"  aufs  Neue  in  10  Bänden  herausgegeben.  Die  uns 
hier  vorliegende  Broschüre  erlebte  sogar  vier  Auflagen,  und 
zwar  zwei  in  Paris  und  zwei  in  Brüssel.  Zuerst  war  sie  als 
Artikel  in  der  „Encyclop^die  des  gens  du  monde"  erschienen 
und  dann  erst  in  Gestalt  einer  Broschüre  als  Sonderausgabe 
dieses  Artikels. 

Bald  nach  dem  Tode  Paul's  I.  überschwemmten  die  Russen 
Paris;  sie  erzählten  mit  Begeisterung  von  der  „grossen  Katha- 
rina", und  die  Herzogin  zeichnete  nach  ihren  Mittheilungen 
und  Schilderungen  ihre  „Catherine"  (1,  3,  7).  Ausser  dieser 
Quelle  giebt  die  Verfasserin  in  ihren  „M^moires"   noch   eine 

BlIbasBoff,  Kstharlna  n.  17 


—     258    — 

andere,  zuverlässigere  Quelle  an:  „M.  Tabbö  Perrin,  aujourd'hui 
grand  yicaire  de  T^veque  de  Versailles,  a  6t6  pendant  plusi- 
eurs  ann6es  dans  la  maison  du  comte  Panin,  dont  il  a  61ey^ 
les  enfants.  H  a  vu  tous  les  6v6nements  de  cette  cour  bar- 
bare  et  m'en  a  racont^  des  choses  qui  paraitraient  incroyables 
sortant  d^une  autre  bouche  ...  II  m'a  racontö  sur  la  Eussie, 
la  mort  de  Paul,  celle  de  Pierre,  des  choses  du  plus  haut 
int^ret,  et  lorsqu'on  songe  qu'il  6tait  dans  la  maison  de  Panin, 
de  cet  homme  qui  a  ordonnä  de  la  destin^e  de  quatre  sou- 
verains,  et  qu'on  se  dit  que  le  narrateur,  m6rite  toute  con- 
fiance,  on  frissonne"  (I,  14).  Einen  solchen  Panin,  „qui  aurait 
ordonnö  de  la  destinöe  de  quatre  souverains",  hat  es  in  Russ- 
land niemals  gegeben.  Graf  Nikita  Panin  starb  im  Jahre  1783 
als  Hagestolz;  Perrin  konnte  also  nur  beim  Grafen  Peter 
Panin,  der  im  Jahre  1789  gestorben  ist,  als  sein  einziger 
Sohn,  Graf  Nikita  Petro witsch,  18  Jahre  zählte,  im  Dienste 
gewesen  sein.  Im  Jahre  1795  war  auch  dieser  Graf  Nikita 
bereits  verheirathet.  Wessen  Kinder  soll  also  der  Abb6  Perrin 
beim  Tode  Katharinas  II.  und  Paul  I.  erzogen  haben?  Durch 
den  Hinweis  auf  derartige  Quellen  wünschte  die  Herzogin  nur 
ihre  Entlehnungen  aus  Cast^ra,  Laveaux,  Massen  und  Anderen 
zu  maskiren.  In  dem  ganzen  Buche  findet  man  weder  neue  That- 
sachen,  noch  eine  originelle  Beleuchtung  der  bereits  bekannten, 
die  Ereignisse  und  Jahre  sind  durcheinander  gemengt,  die 
Pinge  entstellt  und  die  Personen  verzeichnet.  Man  muss  an- 
i^ehmen,  dass  die  Verfasserin  ausschliesslich  die  Absicht  ge- 
habt habe,  auf  den  Büchermarkt  eine  gangbare  Waare  zu 
werfen,  die  geeignet  gewesen  sei,  ihr  einen  grösseren  Verdienst 
^ifi  gewähren. 

.;  Im  Jahre  1835  erschien  übrigens  auch  in  Paris  eine  ano- 
i^yme  Broschüre  (No.  962),  deren  Verfasser,  J.  N.  Tolstoi,  in 
]^zug  auf  die  russische  Geschichte  eine  noch  grössere  Un- 
^ssenheit  zeigte,  als  die  Herzogin  von  Abrantes. 


—    259     — 

958.  Aus  dem  Leben  des  Freiherm  H.  L.  von  Nicolay.  Von  P.  von 
0er schau,    Hamburg,  1884. 

Andrei  Ljwowitsch  Nicolay,  1737 — 1820,  kam  im  Jahre 
1769  nach  St.  Petersburg  und  gehörte  hier  zum  Hofstaate 
Paul  Petrowitsch's,  nicht  Katharina's,  die  er  deshalb  auch  nicht 
kennen  konnte,  obgleich  er  ihr  zu  Ehren  Verse  schrieb  (26). 
Die  hier  vorliegende  kurze  Biographie  desselben  ist  sehr  inter- 
essant zusammengestellt,  ungeachtet  aller  Parteilichkeit  des 
Verfassers  für  seinen  Helden  (35).  In  der  Broschüre  finden 
sich  interessante  Züge  zur  Charakteristik  Falconet's  (28,  34), 
mit  dem  Katharina  in  directen  Beziehungen  stand.  Graf 
N!  J.  Panin  war  nach  dem  Verfasser  „ein  Mann  in  jeder  Hin- 
sicht ausgezeichnet,  nicht  nur  als  Staatsmann  und  Diplomat, 
sondern  auch  als  Mensch"  (28)  —  natürlich  nur  deshalb,  weil 
gerade  diesem  Grafen  Panin  „Nicolay  seine  Anstellung  bei  dem 
Grossfürsten  zunächst  verdankte"  (ibid.).  üeber  Katharina 
theilt  der  Verfasser  nichts  mit,  das  Beachtung  verdiente.  In 
der  russischen  historischen  Litteratur  hat  Kobeko,  55,  die  vor- 
liegende Broschüre  benutzt. 

959.  Peter  Pawlowitsch  Semennows  merkwürdige  Begebenheiten 
während  der  Begienmg  Katharina  der  Zweiten  und  der  Revo- 
lutionszeit in  Paris.  Historische  Erzählung  von  G.  F.  W.  Borck, 
2  Bde.    Berlin,  1834. 

Der  Verfasser  dieses  Werkes,  „ehemaliger  Kaiserlicher 
Russischer  Hof-Schauspieler",  erzählt  das  Schicksal  des  P.  P. 
Semjenow,  eines  Pathenkindes  des  Fürsten  Potjemkin,  bald  in 
Versen,  bald  in  Prosa.  Thatsachen  mit  Erdichtetem  ver- 
mengend, erzählt  er  fliessend  und  interessant,  aber  er  liebt 
es  leider,  den  Leser  in  das  Winterpalais,  zu  Katharina,  in  die 
Paläste  der  russischen  Grossen  u.  s.  w.  zu  führen,  wo  er,  der 
Verfasser,  offenbar  selbst  —  niemals  gewesen  ist.  Er  zeichnet 
die  Bilder  des  russischen  Alltagslebens  richtig,   aber  bei  der 

Schilderung  des  Lebens  der  höchsten  Gesellschaft  reisst  ihn 

17* 


—     260     — 

seine  Phantasie  ganz  ftLrchterlich  auf  Abwege,  von  seinen  Mit- 
theilungen über  Katharina  gar  nicht  zu  reden.  Seine  Be- 
merkung über  das  russische  Schimpfwort  ist  ganz  richtig:  ,,6ei 
allen  russischen  National-Flüchen  müssen  die  Mütter  —  sogar 
im  B'ruderstreit  —  den  grössten  Theil  der  Fluchlast  tragen'^ 
(I,  53),  bald  darauf  aber  folgt  folgender  Unsinn:  „Der  Fürst 
Potemkin  verlor  eins  seiner  Augen  im  Pistolen -Duell  mit 
seinem  Nebenbuhler,  dem  Fürsten  Alexa  Gregowitsch  Orlow, 
Admiral  der  Kaiserlich  Russischen  Flotte"  {I,  61).  Die  rein 
äusserliche  Beschreibung  Katharina' s  bei  der  Enthüllung  des 
Denkmals  Peter's  des  Grossen  ist  ein  unmöglicher  Unsinn  (1, 81), 
gleichzeitig  aber  macht  der  Verfasser  eine  vollkommen  rich- 
tige Bemerkung  über  die  Schwelgereien  bei  der  Todtenfeier 
(I,  28)  u.  s.  w. 

960.  Nouveaux  m^moires  secrets  et  inMits,  historiques^  politiques, 
anecdotiques  et  litt^raires,  du  baron  de  Grimm,  agent  k  Paris 
de  la  coor  de  Russie  et  de  Pologne,  ou  Chronique  curieuse  des 
persounages  c^l^bres  qui  ont  illustre  le  siScle  demier,  suivie 
de  la  relation  de  ses  voyages.    2  vis.    Paris,  1834. 

Siehe  No.  938. 

961.  Soavenirs  de  Madame  Vigee  Le  Brun.    2  vis.    Paris,  1835. 
Mme.  Vigöe,  die  Tochter  eines  bekannten  Künstlers,  die 

den  Bilderhändler  Lebrun  geheirathet,  aber  auch  ihren  Mädchen- 
namen beibehalten  hatte,  weshalb  sie  sich  Vig^e  Le  Brun  nannte, 
1775—1842,  war  eine  bedeutende  Porträtmalerin,  von  der  mehr 
als  600  Bildnisse  berühmter  Zeitgenossen,  darunter  54  Porträts 
russischer  hervorragender  Leute,  herrühren.  Sie  brachte  in 
Eussland  genau  sechs  Jahre*)  zu,  vom  Juli  1795  bis  zum  Juli 
1801,  wurde  in  den  besten  Häusern  Petersburgs  \ind  Moskaus 


*)  Sie  irrt  sich,  wenn  sie  in  ihren  ,,Souvenir8*^  sagt:  „dorant  les  sept 
ann^es  et  plus  qae  j'ai  pass^es  en  Russie'^  (I,  318);  denn  sie  langte  in 
Petersburg  am  14.  Juli  1795  an  (I,  307),  und  im  Juli  1801  war  sie  schon 
wieder  in  Berlin  (II,  89). 


—     261     — 

empfangen,  kannte  alle  Glieder  der  Kaiserlichen  Familie,  unter- 
hielt sich  wiederholt  mit  Katharina  und  sah  und  sprach  mit 
der  Kaiserin  noch  fünf  Tage  vor  dem  Tode  derselben.  Mme. 
Vig6e  Le  Brun  war  besonders  befreundet  mit  der  Gräfin  Na- 
talja  Iwanowna  Kurakin,  geb.  Golowin,  auf  deren  Bitte  sie 
auch  ihre  Erinnerungen  auf  Grund  „des  notes  que  j'ai  prises 
ä  diff(6rentes  ^poques  de  ma  vie"  (I,  2)  niedergsschrieben  hat. 
Diese  „Notizen"  haben  indess  ihre  „Erinnerungen",  die  später 
geschrieben  wurden,  nicht  immer  vor  bedeutenden  Schnitzern 
bewahren  können;  z.  B.  heisst  es  in  ihnen:  „le  parc  de  Czar- 
skoiesiolo,  bordö  par  la  mer"  (I,  317);  der  deutsche  Dieb,  der 
ihr  in  Petersburg  ihre  Kostbarkeiten  gestohlen  hatte,  „allait 
6tre  pendu,  selon  la  loi  du  pays"  (I,  326);  in  Petersburg  und 
Moskau  „on  ne  rencontre  jamais  un  homme  ivre,  quoique  la 
boisson  habituelle  soit  de  l'eau-de-vie  de  grain"  (I,  344);  „ä 
la  fin  du  mois  de  mai,  au  jardin  d'^t^,  les  feuilles  d'arbustes 
qui  n'^taint  encore  qu'en  bourgeons,  apr^s  que  nous  ftmes  un 
grand  tour  d*all6e,  devenaient  entierement  ^tendues"  (I,  351); 
„on  enterra  le  roi  de  Pologne  dans  le  citadelle,  prfes  de  Cathe- 
rine" (IE,  43)  u.  s.  w. 

Von  einer  berühmten  Künstlerin,  dem  Mitgliede  allermög- 
licher  Academien  in  Europa,  darunter  aller  Academien  Italiens 
(I,  229),  —  von  einer  Dame,  die  noch  dazu  sehr  schön  war 
(I,  12,  17,  24),  und  die  nach  Russland  gekommen  war,  um 
die  Porträts  der  Kaiserin,  der  Glieder  der  Kaiserlichen  Familie 
und  der  russischen  Grossen  zu  malen,  die  in  Folge  dessen 
beständig  in  der  höchsten  Gesellschaft  lebte,  kann  man  natür- 
lich Kenntnisse  über  die  Lage  des  Volkes,  über  den  Stand 
von  Handel  und  Gewerbe,  über  die  Gerichtspflege  und  über 
Heer  und  Flotte  gar  nicht  verlangen.  Dagegen  sind  in  ihren 
„Erinnerungen"  eine  Menge  von  Gerüchten  und  Klatschereien, 
von  Erzählungen  und  Urtheilen,  die  die  höhere  Gesellschaft 
während   des   Aufenthaltes   der  Verfasserin   in   Russland   be- 


—     262     — 

schäftigten,  erhalten.  Als  gute  „Physiognomikerin"  (11,  43) 
und  als  Porträtmalerin  erfasste  sie  die  Charakterzüge  ihrer 
Umgebung  sicher  und  treffend  und  gab  sie  nicht  nur  mit  dem 
Pinsel  auf  der  Leinwand,  sondern  auch  mit  der  Feder  auf  dem 
Papiere  richtig  wieder.  Sie  sah  Katharina  in  dem  letzten 
Lebensjahre  der  Kaiserin  und  hat  ihr  Aeusseres  sehr  lebendig 
geschildert  (I,  311,  337);  ihre  Zeilen  über  Elisabeth  Alexejewna 
zeichnen  deren  Aeusseres  richtiger  als  die  Berichte  vieler 
Diplomaten  (I,  310,  333,  336;  ü,  60);  ihre  Aeusserungen  über 
die  russischen  Persönlichkeiten,  deren  Bilder  sie  malte,  sind 
immer  ein  wenig  schönfärberisch,  aber  nicht  selten  äusserst 
zutreffend  (I,  193,  262,  275,  281,  313,  328,  331,  356).  Alexei 
Orlow  —  „un  homme  colossal"  —  (I,  15)  und  Mme.  Witt  mit 
ihrem  »j'ai  mal  k  mes  beaux  yeuxa  (I,  325),  die  Gestalt  Marja 
Feodorowna's  neben  Paul  I.  (IL,  36)  und  Konstantin  Pawlo- 
witsch  an  seinem  Hochzeitstage  (I,  335)  —  alle  diese  Kleinig- 
keiten veryoUständigen  das  allgemeine  Bild  mit  solchen  Zügen, 
für  deren  Ueberlieferung  wir  der  Verfasserin  dankbar  sein 
müssen.  In  den  „EJrinnerungen"  finden  sich  noch  dazu  cha- 
rakteristische Nachrichten  über  Persönlichkeiten,  die  Katharina 
kannte  und  mit  denen  sie  in  Beziehungen  stand,  z.  B.  über 
d'Alembert  (I,  32)  und  Fürst  de  Ligne  (I,  13,  55,  288,  292), 
über  Todi  (I,  61)  und  Olivarez  (I,  116),  über  Angelika  Kauf- 
mann (I,  156,  170)  und  Pius  VL  (I,  178),  über  Langeron 
(I,  277)  und  den  Prinzen  von  Nassau  (1, 277,  287),  über  Mengs 
(I,  298),  über  den  Ex-König  Ponjatowskij  (II,  39)  u.  s.  w. 

Man  kann  natürlich  den  Aeusserungen  der  Verfasserin 
über  das  russische  Volk  (T,  344  —  347)  keinen  Werth  bei- 
messen, denn  sie  hat  es  weder  gekannt,  noch  sogar  gesehen. 
Aber  an  der  Wahrheit  der  von  ihr  wiedergegebenen  Gerüchte 
darf  man  nicht  zweiieln:  „On  raconte  que  la  comtesse  de 
Bruce  lui  disait  un  jour:  »Je  remarque  que  les  favoris  de 
Votre    Majeste   sont    bien    jeunesa.    —    Je    les    veux    ainsi. 


—     263     — 

r^pondit-elle:  s'ils  ^taient  d'nn  äge  raisonnable,  on  dirait 
qn'ils  me  gouvernent^'  (11,  14).  Diese  Geschichte  ist  natürlich 
nicht  von  der  Verfasserin  erfanden  worden.  Sie  hat  auch  die 
folgende  genau  wiedergegeben:  ^^Entre  differents  traits  bizarres 
que  Ton  racontait  du  grand  duc  Constantin,  on  disait  que  le 
soir  de  ses  nöces,  au  moment  de  monter  chez  sa  femme,  11 
entra  dans  une  fureur  horrible  contre  un  soldat  de  garde  k 
la  porte,  qui  n'ex6cutait  pas  assez  strictement  sa  consigne'^ 
(11,  335).  Die  Eifersucht  Konstantins  gegen  seinen  Bruder, 
und  wie  unglücklich  „la  duchesse  Anna,  indign^e  de  ses 
soupQons'^  war,  —  das  sind  allgemein  bekannte  Dinge.  Die 
Verfasserin  hat  genau  niedergeschrieben,  was  sie  gehört  hatte; 
es  ist  jedoch  nothwendig,  die  Zuverlässigkeit  dessen  zu  prüfen, 
was  man  ihr  erzählt  hatte. 

Heute  sind  wir  im  Stande,  gerade  die  Seiten  ihrer  „Er- 
innerungen^'  zu  controliren,  die  sich  hauptsächlich  mit  Katha- 
rina beschäftigen.  Die  Verfasserin  sagt  von  den  Porträts  der 
Grossfürstinnen  Alexandra  und  Helene:  „Je  les  avait  group6es 
ensemble,  tenant  et  regardant  le  portrait  de  Timp^ratrice;  le 
costume  6tait  un  peu  grec,  mais  tr6s-simple  et  tr^s  modeste" 
(I,  330).  Fürst  Subow  theilte  ihr  jedoch  mit,  dass  gerade  das 
Kostüm  der  Kaiserin  nicht  gefalle,  und  sie  vertauschte  sofort 
die  Tunikas  mit  gewöhnlichen  langärmeligen  Kleidern,  wie  die 
Grossfürstinnen  sie  zu  tragen  pflegten.  „La  v6rit6  est  que 
rimp6ratrice  n' avait  rien  dit;  car  eile  eut  la  bont6,  de  m'en 
assurer  la  premi^re  fois  que  je  la  revis^^  Als  Paul,  als  er 
bereits  Kaiser  war,  hörte,  warum  das  Kostüm  verändert 
worden  war,  „leva  les  öpaules  en  disant:  »c'est  un  tour  que 
Ton  vous  a  jou^a.  Au  reste,  ce  ne  fut  point  le  seul,  car 
Zouboff  ne  m'aimait  pas'*  (I,  331).  Die  entscheidende  Stimme 
hat  im  gegebenen  Falle  natürlich  Katharina  selbst,  und  sie 
hat  am  8.  November  1795,  als  die  Porträts  noch  nicht  ganz 
beendet  waren,    an   Grimm   geschrieben:    „Madame  Le  Brun 


—     264     — 

commence  k  peindre  les  grandes  duchesse  Alexandrine  et 
H61fene  .  .  .  eile  vous  accroupit  ces  deux  figures-lä  sur  un 
canap^,  tord  le  cou  k  la  cadette,  leur  donue  l'air  de  deux 
moax*)  se  chauffant  au  soleil,  ou,  si  vous  voulez,  de  deux 
yilaines  petites  savoyardes  coiff^es  eu  bacchantes,  avec  des 
grappes  de  raisin,  et  les  habilles  de  tunique  gros  rouge  et 
violette;  en  un  mot,  non  seulement  la  ressemblance  est 
manqu^e,  mais  encore  les  deux  soeurs  sont  tellement  d^ügur^es 
qu'il  7  a  des  gens  qui  demandent  laquelle  est  l'aln^e,  laquelle 
est  cadette"  (Sammlung,  XXIII,  671).  Es  ist  klar,  dass 
Subow  die  Unzufriedenheit  der  Kaiserin  vollkommen  richtig 
zum  Ausdruck  gebracht  hat,  als  er  gerade  das  Kostüm  rügte; 
wenn  er  von  der  Unähnlichkeit  schwieg,  so  that  er  dies  viel- 
leicht aus  Höflichkeit.  Als  die  Porträts  völlig  fertig  waren, 
anderthalb  Monate  später,  schrieb  Katharina  am  18.  December: 
„ßien  de  plus  vilain  que  le  prötendu  portrait  d' Alexandrine 
et  H^löne  par  Mad.  Le  Brun:  se  sont  deux  siuges  accroupis 
qui  grimacent  k  cöt6  Tun  de  l'autre:  il  n'y  a  ni  noblesse,  ni 
gout,  ni  finesse,  ni  l'innocence  de  leur  äge  dans  ce  portrait, 
ni  leur  beaut^,  ni  rien,  en  v6rit6,  d'elles;  elles  ont  l'air  de  deux 
filles,  et  puis  c'est  tout"  (ibid.,  665).  Das  ist  begreiflich: 
Katharina  war  von  der  Schönheit  ihrer  Enkelinnen  so  sehr 
eingenommen,  dass  das  Porträt  ihr  um  so  weniger  gefiel,  je 
ähnlicher  es  war. 

Im  Hinblick  auf  die  Seltenheit  der  ersten  Ausgabe  der 
„Souvenirs  de  Madame  Vig6e  Le  Brun**  haben  wir  die  Hin- 
weise nach  der  allgemein  erreichbaren  Ausgabe  der  „Biblio- 
th^que  Charpentier"  gemacht,  die  einen  wörtlichen  Nachdruck 
der  ersten  Ausgabe  mit  Hinzufügung  einiger  Anmerkungen 
bildet. 


*)  Katharina  wollte  hier  wahrscheinlich  mit  französischen  Buch- 
staben ein  „Miau**  wiedergeben,  d.  h.  das  Miau  zweier  Kätzchen,  die 
sich  in  der  Sonne  sonnten. 


—     265     — 

962.  Lettre  d'un  Busse  k  un  Russe.  Simple  r^ponse  au  pamphlet 
de  Mme.  la  duchesse  d^Abrant^s  intitul^:  Catherine  11.  [J.Tolstoy.] 
Paris,  1835. 

Dies  ist  eine  Entgegnung  auf  No.  957.  Die  „Antwort"  ist 
bedeutend  unwissender  als  das  „Pamphlet".  Die  Fehler  und 
Unrichtigkeiten,  die  sich  im  Buche  der  Herzogin  von  Abrantes 
finden,  einer  Französin,  die  Eussland  gar  nicht  kannte  und 
nach  den  Mittheilungen  Anderer  schrieb,  sind  vollkommen  be- 
greiflich; die  Unkenntniss  der  russischen  Geschichte  dagegen 
beim  „  russischen  ^<  Ejritiker  der  Herzogin  ist  unverzeihlich. 
Die  vorliegende  Broschüre  zeigt  klar,  dass  das  System  des 
Verbotes,  nicht  nur  die  Fragen  der  russischen  Geschichte  zu 
Studiren,  sondern  auch  sich  für  sie  zu  interessiren,  bereits  da- 
mals angefangen  hatte,  seine  Früchte  zu  tragen:  der  Verfasser 
der  Broschüre,  Jakob  Nikolajewitsch  Tolstoi,  ein  Zögling  des 
Pagen-Corps,  in  dem  nichts  ernstlich  gelernt  wurde,  und  darauf 
Stabskapitän  der  Garde,  sowie  später  russischer  Agent  in 
Paris,  verbeugt  sich  zwar  vor  „notre  magnanime  empereur" 
(1),  ist  aber  so  unfähig,  dass  er  sogar  gegenüber  einer  Herzogin 
von  Albrantes  den  Kürzeren  zieht.  Er  ist  bis  zu  dem  Grade  un- 
wissend, dass  er  von  der  Existenz  Stepan's  des  Kleinen  keine 
blasse  Ahnung  hat  (156)  und  bei  der  Erwähnung  desselben  im 
Buche  der  Herzogin  ausruft:  „notre  historien  confond  Pou- 
gatcheff  avec  je  ne  sais  quel  moine  Stephane"  (14),  und  die 
Erzählung  der  Herzogin  über  die  Tarakanow  (224)  nennt  er 
„une  des  inventions  les  plus  läches  et  les  plus  odieuses"  (79). 
Tolstoi  weist  mit  Entsetzen  „une  union  secrete  de  Timp^ra- 
trice  Elisabeth"  zurück  (80),  über  die  heute  sogar  in  officiellen 
Werken,  die  ftlr  Lieutenants  der  Armee  bestimmt  sind  (Leer, 
VI,  370),  gesprochen  wird.  Tolstoi  nennt  das  Werk  der 
Herzogin  von  Abrantes  „une  m6chante  action  et  un  mauvais 
livre"  (5),  „un  r6cit  fantastique"  (7),  „un  pamphlet  les  plus 
obscur"  (68)  und  hält  ihr  selbst  nur  sinnlose  Phraspn  entgegen,  als 


—     266     — 

ob  zu  seiner  Zeit  ,,la  ßussie,  ä.  la  voix  du  maltre  intelligent 
et  Änergique  qui  la  gouveme,  entre  dans  la  v6ritable  civili- 
sation  des  peuples"  (1). 

963.   Die  Bolle  der  Diplomatie  bei  dem  Falle  Polens.    Von  einem 
ausgewanderten  Polen.    Leipzig,  1835. 

Die  Polen  suchten  natürlich  die  Gründe  für  den  Unter- 
gang überall,  ausser  in  Polen  und  bei  den  Polen  selbst.  Der 
polnische  Verfasser  der  vorliegenden  Broschüre  erklärt,  dass 
die  Diplomatie  an  Allem  schuld  sei.  Das  ganze  Werk  soll  als 
„Ein  belehrendes  Beispiel  für  alle  Völker"  dienen  und  ist 
„Den  Freiheitsfreunden  aller  Völker"  gewidmet.  Es  zerfällt 
in  drei  Theile:  1.  „Von  der  ersten  Einmischung  der  Fremden 
in  innere  Angelegenheiten  der  polnischen  BepubUk  bis  zu 
ihrem  Untergange"  (3).  Dieser  Theil  umfasst  die  ganze  Zeit 
der  Regierung  Katharina's  11.;  2.  „Von  dem  Untergange  der 
polnischen  Republik  bis  zur  Befreiungs-Schlacht  von  Grochow" 
(34),  und  3.  „Von  der  Befreiungs-Schlacht  bei  Grochow  bis 
zur  Umwälzung  am  15.  August"  (85).  Dazu  kommt  noch  ein 
besonderer  Artikel:  „Ueberblick  der  Ereignisse  des  15.  August" 
(138).  Als  Beilage  sind  fünf  Documente  aus  dem  „Coup 
d'oeil  sur  Tötat  politique  du  royaume  de  Pologne  sous  la 
domination  russe  pendänt  1815—1830.  Paris,  1832"  (195) 
abgedruckt. 

Uns  können  nur  die  ersten  dreissig  Seiten  interessiren. 
Sie  sind  sehr  nichtssagend  und  langweilig.  Ohne  die  Auf- 
gaben oder  die  Ziele  der  Diplomatie  zu  begreifen,  bemüht  sich 
der  Verfasser,  zu  beweisen,  dass  Stanislaus  August  ein  guter 
Mensch  gewesen  sei  (4),  dass  ihn  jedoch  seine  Leidenschaft  für 
die  Diplomatie  ins  Verderben  gestürzt  habe.  Der  Verfasser 
ist  überdies  ein  richtiger  Nichtswisser  — :  für  ihn  als  Polen 
ist  es  eine  Schande,  das  Werk  Eulhiöre's  nicht  zu  kennen  (16) 
und  allzu  naiv  zu  glauben,  dass  Polen  durch  einen  Tausch 
Warschaus  gegen  Erakau  hätte  gerettet  werden  können  (18). 


^ 


—     267     — 

Für  die  erste  Theilung  Polens  macht  er  natürlich  Katharina 
verantwortlich:  „Nachdem  die  freundnachbarliche  Beschützerin, 
die  grosse  Kaiserin  Katharina,  das  unglückliche  Polen 
durch  alle  Künste  der  Diplomatie  hatte  zu  Grunde  richten 
lassen,  verbindet  sie  sich  nun  insgeheim  mit  den  übrigen 
Nachbarn  und  bietet  ihnen  einen  Theil  der  Beute  an,  um  mit 
ihnen  über  dem  Genuss  derselben  in  keinen  Streit  zu  gerathen^' 
(16);  für  die  zweite  dagegen  Preussen:  „Das  preussische  Cabinet 
mit  seinem  Verfechter,  dem  preussischen  Gesandten  Lucchesini, 
mit  dem  der  König,  die  Regierung  und  die  Vaterlandsfreunde 
stets  ohne  Hehl  zu  Werke  gingen,  haben  die  Hauptrolle  in  dem 
weltgeschichtlichen  Schauspiele,  wodurch  Polen  zu  Grunde  ge- 
richtet wurde,  gespielt"  (24). 

Der  Verfasser  ist  in  der  Politik  das  reine  Kind.  Er 
kann  es  ganz  und  gar  nicht  begreifen,  dass,  wenn  schon  die 
„Diplomatie"  Polen  zu  Grunde  gerichtet  habe,  die  Polen 
selbst  hierbei  am  meisten  mitgeholfen  haben,  und  er  erinnert 
die  „Theilungsmächte"  hypernaiv  an  die  Verdienste  Polens: 
im  Jahre  1525  habe  Sigismund  I.  das  Fürstenthum  Branden- 
burg der  preussischen  Dynastie  verliehen,  im  Jahre  1683  habe 
Jan  Sobieskij  das  Haus  Habsburg  gerettet,  und  im  Jahre  1700 
habe  August  11.  durch  das  Bündniss  mit  Peter  I.  das  Haus 
Eomanow  vor  Karl  Xu.  gerettet  (20).  Dies  ist  ebenso  naiv, 
wie  es  naiv  ist,  in  der  Theilung  Polens  eine  Bache  Katha- 
rina'sH.  für  die  Anwesenheit  der  Polen  in  Moskau  im  Jahre 
1607  und  für  Wladislaw  Wasa  zu  erblicken  (Schepeler,  7). 
Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  der  Verfasser  die  vom 
Reichstage  von  1791  „votirten"  100,000  Mann  polnischer 
Truppen  als  wirklich  vorhanden  gewesen  annimmt  (24),  und 
dass  nicht  nur  Kostjuschko,  sondern  auch  Kasimir  Pulawskij 
(18),  bis  zum  Schuhmacher  Kilinskij  inclusive  (30)  für  ihn 
Helden  sind. 


—     268     — 

964.  La  figlia  del  generale  Omolff,  drama  storico  in  quattro  atti, 
del  pittore  Luigi  Marto,    Napoli,  1885. 

Dieses  Stück  ist  „alla  nobil  donna  contessa  SamoyloflF, 
nata  contessa  de  Phalen"  (Pahlen)  gewidmet  und  behandelt 
ausschliesslich  die  Liebesabenteuer  Hda's,  der  Tochter  eines 
Generals,  und  ihrer  Gouvernante  Arriotte,  einer  Französin 
(9).  Der  Verfasser  versichert,  dass  „questo  avvenimento 
ebbe  luogo  a  Pietroburgo  sotto  il  regno  di  Catterina  Seconda**, 
aber  es  konnte  sich  auch  nicht  in  der  Epoche  Katharina's  er- 
eignet haben  und  hat  in  jedem  Ealle  keine  Beziehung  zu 
Russland.  Alle  handelnden  Personen  sind  keine  Russen.  Der 
grösste  Effect  des  Dramas  ist  in  einem  Ukase  Katharina's  ent- 
halten (65). 

Dieses  Drama  wurde  im  Jahre  1833  in  Gegenwart  des 
Königs  aufgeführt  und  hatte  Erfolg.  Der  Verfasser  hat  später 
noch  ein  zweites  Drama  geschrieben  (No.  980)  —  mit  denselben 
unrussischen  Sitten  und  mit  demselben  Ukase  Katharina's  als 
Lösung  des  Conflicts. 

965.  Katharina  11   und   ihr  Hof.     Lustspiel  in   drei  Akten.    Nach 
dem  Französischen  von  J.  R.  Lenx-Kühne,    Mainz,  1835. 

Eine  wörtliche  Uebersetzung  von  No.  951,  wobei  nur  der 

Titel  ein  wenig  verändert  ist. 

966«   Elisabeth  Tarakanow,  oder  die  Kaisertochter.    Ein  historischer 
Boman  aus  der  neueren  Zeit,  von  W.  Lorenx.    Leipzig,  1835. 

Ein  schriftstellerisch  sehr  gut  geschriebener  Roman.    Die 

Tarakanow  wird  schon  während  ihrer  üeberfahrt  von  Palermo 

nach   Kronstadt    wahnsinnig    (177),    wo   sie   im   Jahre   1777 

während  einer  Ueberschwemmung  umkommt  (195).     Als  man 

ihren  Körper  aus  der  Kasematte  trägt,  fährt  Katharina  gerade 

vorüber  und  sieht  die  Leiche  der  Elisabeth  Tarakanow  (196). 

Die  letzten  Capitel  behandeln  das  Schicksal  des  Grafen  A.  G. 

Orlow,  der  von  Allen  verlassen  wird,  ausser  von  Gr.  N.  Teplow, 

„der  mit  Orlow  mordete  und  durch  Orlow  stieg"  (209). 


—     269     — 

967.  Pokka    odradzaj^ca    sig,    czjli    dzieje   Polski   od   roku    1795. 
Potocznie  opowiedziane  przez  J.  Lelewela,    Brnzella,  1886. 

Dies  ist  ein  politisches  Pamphlet,  dass  in  106  kurze 
Üapitel  getheilt  ist  und  hauptsächlich  das  XIX.  Jahrhundert 
behandelt.  Die  Ansicht  des  Verfassers  über  Katharina  ist 
folgendermaassen  ausgesprochen:  „Bz^d  rossijski  w  pierwszych 
momentach  rozbioru  Polski,  za  iycia  jeszcze  Katarzyny  11, 
byl  tyranski  i  barbarzynski,  wywracal  wszystko,  konfiskowal, 
szkoly  zamykal,  ludzi  na  Sibir  wysyla^,  knutowal,  unjatow  do 
disunji  gwaltem  nawracal,  katolikom  biskupstwa  przemienial:, 
fiindusze  i  koscioly  zabi^ral,  na  iadne  prawa  polskie  nie 
zwaial"  (17). 

Der  Broschüre  sind  zwei  Karten  beigelegt:  eine  Karte  der 
5  Theilungen  von  1772,  1793,  1795,  1810  und  1815,  und 
„Euchy  wojenne  w  powstaniu  narodowym  polski  1831". 

968.  Der  Courier   von  Simbirsk.     Novelle   von   Q-.  von  Heertngen, 
Frankfurt  a./M.,  1836. 

Der  Courier  von  Ssimbirsk  ist  ein  junger,  hübscher  Offi- 
zier Namens  Fedor  Wissonskij,  der  die  Nachricht  von  der 
Niederlage  Pugatschew's  bei  Zarizyno  und  von  der  Ergreifung 
Pugatschew's  selbst,  den  seine  Anhänger  den  russischen  Macht- 
habem  ausgeliefert  hätten,  der  Kaiserin  überbringt.  Bei  der 
Abreise  des  Couriers  aus  Ssimbirsk  hat  er  ein  Mädchen,  Dunja, 
mit  sich  genommen,  das  ihm,  als  er  bei  den  Pugatschewzen 
gefangen  war,  das  Leben  gerettet  hatte,  und  das  er  jetzt 
bei  der  Ergreifung  Pugatschew's,  auf  der  Strasse,  wehrlos  in 
der  Gewalt  russischer  Soldaten  wiedergefiinden.  Nachdem  der 
Courier  in  Petersburg  angelangt,  übergiebt  er  die  Depeschen 
Katharina,  Dunja  aber  bringt  er  im  Kloster  von  Smolna  unter. 
Während  dreier  Tage  ändert  sich  Alles:  Katharina  verliebt 
sich  in  den  schönen  Courier,  und  Dunja  erweist  sich  als  die 
Tochter  Pugatschew's,  der  zum  Tode  durch  den  Strang  ver- 
urtheilt  worden.     Der  Courier  jedoch  liebt  Katharina  nicht, 


—     270    — 

sondern  bleibt  Dunja  treu;  diese  aber,  die  in  Smolna  nicht 
erzogen  zu  werden  wünscht,  entflieht  aus  dem  Kloster.  Schliess- 
lich wird  der  Günstling,  der  die  Kaiserin  verschmäht  hat,  nach 
Kasanj  als  Commandeur  eines  Kegiments  mit  einer  Hol^ension 
von  20,000  Rubeln  und  mit  dem  Wunsche  fortgeschickt,  dass 
er  mit  Dunja  glücklich  werden  möge. 

Hier  ist  eine  Uebersetzung  (266)  des  Manifestes  über  die 
Verbrechen  Pugatschew's  abgedruckt  (Archiv  des  Senats,  Bd.l36, 
Bl.  350;  Mg.  Ges.-Sammlg.,  No.  14230;  Puschkin,  VI,  187; 
Sammlung,  XXVII,  8),  auch  ist  hier  die  Vermuthung  ausge- 
sprochen, dass  Pugatschew  ein  Product  der  Unzufriedenheit 
des  Volkes  und  besonders  der  „Popen"  sei,  denen  Katharina 
die  Kirchengüter  und  Einnahmen  weggenommen  habe:  „Von 
ihnen  ging  das  Gerücht  aus,  Peter  der  Dritte,  Katharinas 
unglücklicher  Gemahl,  welcher  bei  ihrer  Thronbesteigung  einen 
so  schnellen  und  räthselhaften  Tod  fand,  sei  noch  am  Leben"  (75). 
Das  Porträt  Katharina's  ist  mit  begeisterten  Farben  gemalt  (55). 
Besser  als  andere  ist  der  Obrist  Kischenskij  geschildert  (87, 
212).  Graf  N.  J.  Panin  prophezeit  seinem  Neffen  N.  P. 
Panin:  „Du  wirst  keine  grosse  Carrifere  machen  und  weder 
General  noch  Minister  werden"  (199).  VonPotjemkin  heisst  es: 
„Potemkin,  dieser  brutale  Hitzkopf,  mit  seiner  versteckten 
Herrschgier,  der  uns  bald  alle  unter  seine  Füsse  treten  würde, 
wenn  er  hier  festen  Boden  gewönne"  (201).  Der  Verfasser 
liebt  es,  mit  der  Kenntniss  der  russischen  Sprache  zu  renom- 
miren :  „pmobraschenskische,  sumanowkische  Grenadiere"  (54), 
„Dnuschick",  für  Denjschtschik  (82);  sowie  mit  der  Topographie 
Petersburgs  — :  „am  Ligaw'sche  Kanal",  in  der  „Slobode 
Ochta"  (6)  u.  s.  w. 

969.   Le  d^membrement  de  la  Pologne,  par  Fr.  Raumer.   Traduit  de 
rAllemand  par  Ch.  Forster.    Paris,  1836. 

Eine   uebersetzung  von  No.  955,  die  zuerst  im  Werke 

Forster's  „La  vieille  Pologne,  Paris,  1835,"  abgedruckt  wor^ 


—     271     — 

den  ist.  Unter  demselben  Titel  ist  diese  üebersetzung  noch 
zwei  Male  erschienen,  im  Jahre  1837  und  im  Jahre  1877. 
Derselbe  Forster  gab  auch  eine  polnische  üebersetzung  heraus: 
„Upadek  Polski,  opisany  przez  Dr.  Fr.  von  Raumer.  Ttomac- 
zenie  z  Niemieckiego  z  przedmow^  K.  Forstera.  Berlin,  1871'^ 
Diese  polnischö  Üebersetzung  bildet  den  ersten  Band  des  von 
Forster  in  Berlin  herausgegebenen  Werkes  „Teka  Narodowa"; 
im  zweiten  Bande,  der  den  Titel  „Sprawa  Polska"  fuhrt,  sind 
aus  derselben  üebersetzung  einige  Seiten  unter  der  üeber- 
schrift   „Politiczna    dojrzatosc   Polakow"   (186)   nachgedruckt. 

970.  Elisabeth  Tarakonow  eller  Keiserdattern.    Ein  historik  Roman 
fra  den  nyere  Tid  af  W.  Lorenx.    Kjöbenhavn,  1836. 

Eine  üebersetzung  von  No.  966. 

971.  Ausgang   des  Joan'schen   Zweiges   der   Romanow   und   seiner 
Freunde.     Dargestellt  durch  F.  W.  Barthold,    Leipzig,   1837. 

Der  Professor  an  der  Universität  Greifswald  Barthold 
widmete  zwei  Aufsätze  der  Nachkommenschaft  des  Zaren  Iwan 
Alexejewitsch;  der  erste  dieser  Artikel  hatte  den  Titel;  „Anna 
loannowna.  Cabinet,  Hof,  Sitte  und  gesellschaftliche  Bildung 
in  Moskau  und  St.-Petersburg"  (Histor.  Taschenbuch,  1836, 
175),  und  der  zweite,  der  als  Fortsetzung  des  ersten  Artikels 
erscheint,  den  oben  angeführten  Titel  (ibid.,  1837,  1).  Der 
Verfasser  erzählt  in  künstlerischem  Stile  und  einfach  und  klar 
die  geschichtlichen  Ereignisse',  die  er  bis  in  die  kleinsten 
Einzelheiten  nach  allen  damals  vorhandenen  Materialien  studirt 
hat.  Er  theilt  nichts  Neues  mit,  aber  er  sichtet  das  publi- 
cirte  Material  streng  kritisch,  und  da  er  eine  ernsthafte  hi- 
storische Fachbildung  besitzt,  so  widerlegt  er,  oder  richtiger 
verwirft  er  die  unsinnigen  Gerüchte,  unwahrscheinlichen  Mit- 
theilungen und  unwahren  Nachrichten  und  reinigt  auf  diese 
Weise  bedeutend  den  Weg  zu  einer  möglichst  zuverlässigen 
Vorstellung  von  den  thatsächlichen  historischen  Geschehnissen. 
Hierin  besteht  sein  Verdienst  auch  in  dem  vorliegenden  Aufsatze. 


—     272     — 

Die  ganze  Arbeit  besteht  au^  sechs  Capitebi,  und  erst 
im  letzten:  „Rückrufung  der  Verbannten  durch  Peter  III. 
Münnich  und  Biron.  Ermordung  Joans  III.  und  Ausgang  seines 
Geschlechts"  (128),  wird  Katharina  II.  erwähnt.  Der  Ver- 
fasser  behandelt  ihre  Beziehungen  zum  greisen  Münnich  (145) 
und  zu  Biron  (147),  den  „beiden  Anhängern  des  Iwan'schen 
Zweiges  des  Hauses  Romanow",  und  erzählt  ausführlich  die 
Ermordung  Iwan's  HI.  und  das  Schicksal  seiner  Verwandten. 

Bei  der  Darstellung  der  „Abgeschmacktheit  von  Schlüssel- 
burg" (Historischer  Bote,  XXXII,  265)  führt  der  Verfasser 
entschuldigend  aus:  „Gross  ist  der  Verdacht,  dass  der  Hof, 
durch  Pseudopeter  bereits  beunruhigt  (?),  auf  eine  grauenvoll 
listige  Weise  sich  dieses  lebenden  Prätendenten  entledigt  habe; 
wir  finden  aber  keine  Gründe  der  üeberzeugung  und  die  Ge- 
schichte hat  genug  verbürgte  Thatsachen,  um  Katharina  die 
Grosse  zu  entgöttem"  (149).  Nachdem  der  Verfasser  hierauf 
die  Untersuchung,  die  Verurtheilung  und  die  Hinrichtung 
Mirowitsch's  ziemlich  richtig  erzählt,  erwähnt  er,  nach  Heibig, 
die  Thatsache,  dass  Mirowitsch  von  seiner  Begnadigung  über- 
zeugt gewesen  sei,  und  schliesst  dann  folgendermassen:  „Den 
räthselhaften  Zusammenhang  weiss  der  Allmächtige  allein;  vor 
seinem  Throne  steht  Gregor]  Teplow,  ein  Russe  gemeiner 
Herkunft,  talentvoll  und  gelehrt,  einst  Hofineister  der  Kinder 
Kyrilla  Rasumowskis,  dann  Zeuge  des  Todes  Peter  III.,  zu- 
letzt Lehrer  des  Grossförsten  Paul  in  Staatsgeschäften,  der 
von  einer  leise  flüsternden  Stimme  als  Derjenige  bezeichnet 
wird,  welcher  den  kurzsichtigen,  ehrgeizigen  Ukrainer  zu  dem 
wohlberechneten  Spiele  angestiftet  habe"  (156).  Dass  dies  ein 
Märchen  sei,  haben  wir  in  unserer  „Geschichte  Katharinas 
der  Zweiten"  nachgewiesen. 

Der  Verfasser  erzählt  die  Beförderung  der  Braunschweig- 
schen  Familie  aus  Cholmogory  nach  Dänemark  ziemlich  aus- 
führlich  (159):    „Glaublich    ist,    dass    die    braunschweigische 


—     273     - 

Familie  vor  ihrer  Entlassung  aus  Kolmogori  Verzicht  auf 
die  Krone  geleistet  und  die  Kaiserin  sich  zu  einer  ansehnlichen 
Pension  verbindlich  gemacht  hatte,  unter  der  Verbindung: 
»dass  Joans  Nachkommen  ohne  Gutheissen  des  russischen 
Hofes  ihren  Aufenthalt  nicht  verändern  und  keine  fremden 
Dienste  nähmen«"  (162).  Diese  Nachricht  hat  der  Verfasser 
Büsching,  XXII,  162,  entnommen.  Brückner  meint,  dass 
„diese  Annahme  durch  keinerlei  positive  Angaben  bestätigt" 
werde  („Kaiser  Joann  Antonowitsch  und  seine  Verwandten",  54). 
Dieser  Unsinn  wird  leicht  durch  die  Beziehungen  Katharina's 
zur  Braunschweigischen  Familie  widerlegt. 

972.   Un  jour  de  massacre,  par  un  temoin  oculaire  [Ostrowski],  Paris, 
1888. 

Dieses  Poem,  das  der  Zerstörung  Pragas  durch  Ssuworow 
am  4.  November  1794  gewidmet  ist,  trägt  das  Motto  „Co 
prawda  to  nie  grzech",  aber  es  sündigt  gerade  gegen  die  Wahr- 
heit. Dieser  „temoin  oculaire"  der  Zerstörung  Pragas  sowohl, 
als  auch  die  „Documente"  über  jene  Zeit  haben  sich  mehr 
als  vierzig  Jahre  still  verhalten,  um  erst  nach  der  Katastrophe 
von  1831  als  Thema  für  ein  dichterisches  Erzeugniss  benutzt 
zu  werden,  dessen  beste  Strophe  die  folgende  ist: 

Pologne,  6  mon  pajs!  teile  ^tait  la  sentence 

Qui  devait  terminer  diz  si^cles  d'existence, 

Dix  si^cles  d'heroisme  et  d'hospitalit^, 

De  combats  pour  le  Christ  et  pour  la  Liberty  (19). 

Es  ist  ein  inhaltsleeres  Gedicht,  und  auch  die  Anmerk- 
ungen, mit  denen  es  versehen  ist,  sind  nicht  interessanter. 
Nur  die  5.  Anmerkung  verdient  Beachtung.  Ein  im  Jahre  1831 
sterbender  Freund  sagt  dem  Dichter: 

Tiens,  ouvre  cet  ^crit,  que  j*ai  pris  au  paasage: 
Catherine  k  Bepnin  —  vois  combien  ce  message 
Benferme  de  blasph^me  et  de  mots  insultants. 
Je  le  garde  sur  moi  depuis  trente-sept  ans  (9). 
BilbftBsoff,  Katharina  IL  18 


-     274     — 

In  der  Anmerkung  zu  dieser  Stelle  wird  ein  Auszug  aus 
einem  angeblich  eigenhändigen  Briefe  Katharina's  an  den 
Fürsten  N.  W.  Bepnin  angeführt,  in  dem  es  u.  A.  heisst: 
„II  vous  recommande  que  les  arm6es  se  trouvant  en  Pologne 
sous  Yos  ordres  agissent,  abstraction  faite  de  toutes  les 
illusions  d'humanitö,  avec  l'önergie  n6cessaire  pour  leur 
oter  Tavenir  tout  moyen  et  tout  espoir  de  revolte"  (26). 

Katharina  hat  nicht  selten  ziemlich  offenherzige  Briefe 
geschrieben,  aber  nur  an  Personen,  die  ihr  nahe  standen.  Zu 
diesen  zählte  Fürst  Repnin  im  Jahre  1794  nicht.  Die  Kaiserin 
verhielt  sich  zu  ihm  schon  lange  wegen  der  Nowikow'schen 
Angelegenheit  misstrauisch  (Longinow,  die  Martinisten,  148). 
Am  22.  April  benachrichtigte  sie  ihn  von  seiner  Ernennung 
zum  Oberbefehlshaber  in  Polen  durch  ein  sehr  trockenes  Re- 
script  (Sammlung,  XVI,  1).  Zu  derselben  Zeit  wurde  Rep- 
nin, wie  bekannt  ist,  nach  den  Worten  Katharina's  „mit 
Unseren  Anweisungen  zur  Vernichtung  des  in  der  Nähe  Unserer 
Truppen  ausgebrochenen  Aufstandes  und  dann  zur  weiteren 
Verwendung  Unserer  Kriegsmacht  zur  völligen  Niederwerfung 
der  Unruhen  in  dem  erwähnten  Lande"  versehen  (Archiv,  1873, 
II,  2290).  Diese  Anweisung  ist  noch  nicht  publicirt  worden, 
und  es  ist  deshalb  unmöglich  festzustellen,  in  welchen  Aus- 
drücken die  entsprechende  Stelle  in  derselben  abgefasst  ist. 

In  Bezug  auf  den  Beitritt  Stanislaus  August's  zu  der  Con- 
foderation  von  Targowitz  wird  in  der  13.  Anmerkung  erzählt, 
dass  der  französische  Resident  in  Warschau  Descorches  „a 
dit:  »Votre  roi,  en  signant  l'acte  de  la  Conf6d6ration  de  Tar- 
gowicza,  a  sign6  Tarret  de  mort  contre  mon  pauvre  roi«"  (28). 

In  der  14.  Anmerkung  wird  mitgetheilt:  „Catherine  se 
pr6parait  ä  d6jeüner  avec  ses  affidös  lorsqu'on  vint  lui  annoncer 
que  ses  ordres  avaient  6t6  si  bien  remplis  par  Souwarow. 
»Messieurs,  je  d^sire,  dit-elle,  que  mon  d^jeüner  vous  soit  aussi 
agröable  que  celui  donn6  par  Souwarow  le  4  noverabre«  (29). 


-       275     — 

In  den  späteren  Ausgaben  dieser  Dichtung  (No.  1123) 
wird  als  Verfitsser  „Christien  Ostrowski"  genannt.  Nach  dem 
Aufstande  Yon  1831  liess  er  sich  in  Paris  nieder,  wo  er 
mehrere  politische  Broschüren  herausgab  — :  y,Ecrits  et  dis- 
cours  politiques",  „Lettres  slaves'*,  „La  Pologne  r^tablie'*, 
sowie  einigiB  Poeme  — :  „Semaine  d'exil",  „Lärmes  d'exil". 

973.  Powstanie  Kosciuszki.    Pary^,  188S. 

Dies  ist  ein  Sonderabzug  aus  der  „Kroniki  Emigracii 
Polskiej"  und  nichts  Anderes,  als  eine  Analyse  des  deutschen 
Buches  „Der  Feldzug  der  Preussen  im  Jahre  1794.  Beitrag 
zur  Geschichte  des  Polnischen  Kevolutions-Krieges,  von  A.  v. 
Treskow-Berlin,  1837".  In  dem  kurzen  Vorworte  zu  der  Bro- 
schüre führt  der  Verfasser  ein  langes  Verzeichniss  der  Werke 
und  der  Handschriften  an,  die  er  benutzt  hat.  In  dieser 
Broschüre  ist  natürlich  auch  von  ßussland  die  Eede,  aber 
nur  beiläufig.  Für  uns  hat  sie  nicht  das  geringste  Interesse 
und  schwerlich  ein  grösseres  für  die  Kriegsgeschichte  jener  Zeit. 

974.  II  favorito  o  la  corte  di  Oatherina  II,  commedia  del  signor 
Äncelot,  versione  di  Gaetano  Barbieri.    Milano,  1S88. 

Eine  Uebersetzung  von  No.  949.  Ancelot  erfreute  sich  in 
Italien  grosser  Erfolge,  und  alle  seine  dramatischen  Erzeug- 
nisse sind  ins  Italienische  übersetzt  worden,  und  zwar  in  einer 
besonderen  Ausgabe:  „Teatro  del  signor  Ancelot",  wo  die  vor- 
liegende Komödie  den  5.  Band  bildet. 

975.  Beitrage  zur  neneren  Geschichte  aus  dem  britischen  und  fran- 
zösischen Beichsarchive,  von  Fr.  v.  Baumert   Leipzig,  1889. 

Die  ersten   zwei  Bände   dieses  Werkes   erschienen    1836 

und  haben  die  besonderen  Titel:  „Die  Königinnen  Elisabeth 

und  Maria  Stuart^'  und  „König  Friedrich  11  und  seine  Zeit, 

1740—1769";  die  folgenden  drei  Bände  sind  betitelt:  „Europa 

vom  Ende  des  siebenjährigen  bis  zum  Ende  des  amerikanischen 

Krieges,  1763—1783".    Der  gemeinsame  Titel  „Beiträge"  für 

18* 


—     276     — 

alle  5  Bände  bezeugt,  dass  der  Verfasser  selbst  sein  Werk 
als  „Material  für  die  neuere  Geschichte"  betrachtete.  Das 
Material  war  in  der  That  neu  und  ausserordentlich  wichtig, 
und  dieses  Werk  Kaumer's  brachte  eine  Umwälzung  in  der 
historischen  Wissenschaft  hervor. 

Dem  Verfasser  wurde  als  Erstem  der  Zutritt  in  die  eng- 
lischen Archive  in  London  und  in  die  französischen  in  Paris 
gestattet:  „Und  diese  Eröffnung  war  nicht  verbunden  mit 
hundert  argwöhnisch  beschränkenden,  Zeit  kostenden  und  Ver- 
druss  erweckenden  Vorsichtsmassregeln,  sondern  sie  war  un- 
beschränkt*' (II,  Vorrede).  Im  Londoner  Archiv  las  der  Ver- 
fasser 324  Bände  durch  „und  in  Paris  nicht  viel  weniger'* 
(in,  Vorrede),  und  zwar  enthielten  diese  Bände  die  Berichte 
der  englischen  und  französischen  Gesandten  bei  den  verschie- 
denen Höfen.  In  London  allein  las  er  u.  A.  75  Bände  Berichte 
aus  Bussland.  Das  Material,  das  Baumer  benutzt  hat,  warf 
ein  ganz  neues  Licht  auf  die  historischen  Ereignisse  und  war 
80  umfangreich,  dass  der  Verfasser  seine  Aufgabe  einschränken 
musste;  er  wählte  deshalb  die  Epoche  Friedrich's  II.  aus. 
Ueberdies  war  dieses  Material  so  wichtig,  dass  es  eine  ernst- 
hafte kritische  Bearbeitung,  die  lange  Zeit  andauerte  und 
mühsam  war,  erforderte.  Im  Hinblick  auf  diese  mehr  als 
600  Bände  Berichte  und  Relationen  konnte  der  Verfasser  nach 
seinem  eigenen  Geständnisse  „kein  vielseitiges,  kritisch  ver- 
gleichendes Werk  zu  Stande  bringen,  sondern  musste  sich 
darauf  beschränken,  aus  obigen  Folianten  das  Wichtigste  und 
Lehrreichste  auszuziehen  und  in  übersichtliche  Verbindung  zu 
bringen"  (II, Vorrede).  Von  diesem  Gesichtspunkte  aus  kann  also 
diese  Arbeit  Raumers  nicht  als  historisches  Werk,  sondern  nur 
als  Sammlung  von  Materialien  zur  Geschichte  betrachtet  werden. 
Diplomatische  Berichte  sind  ein  ausserordentlich  wichtiges, 
aber  auch  ein  ausserordentlich  eigenartiges  Material.  In 
einem  solchen  Berichte  wird  jede  Thatsache,  jedes  Ereigniss 


—     277     — 

nach  dem  Eindrucke  erzählt,  den  es  auf  den  Diplomaten  her- 
vorgebracht hat,  und  dieser  Eindruck  hängt  immer  ebensosehr 
von  der  politischen  Beziehung  der  beiden  Mächte  zu  einander, 
wie  von  der  Persönlichkeit  des  Diplomaten  ab.  Die  gegen- 
seitige Stellung  der  Mächte  in  dem  Äugenblicke  der  Abfassung 
einer  Depesche,  der  Grad,  bis  zu  welchem  das  Ziel  der  Ge- 
sandtschaft erreicht  ist,  die  Aufgaben,  die  der  Diplomat  zu 
erfüllen  hat,  seine  persönliche  Stellung  an  dem  accreditirten 
Hofe,  seine  Beziehung  zu  der  von  ihm  mitgetheilten  That- 
sache  und  seine  persönlichen  Fähigkeiten,  nicht  nur  zu  sehen 
und  zu  begreifen,  sondern  auch  das  Gesehene  wiederzugeben, 
—  alles  das  sind  die  Ausgangspunkte  für  die  Kritik  einer 
Depesche.  Raumer  wendet  eine  besondere  Aufmerksamkeit  der 
Persönlichkeit  des  Diplomaten  zu:  „Mit  dem  Wechsel  der 
Botschafter  scheint  oft  das  ganze  Reich  und  der  Hof,  wo  sie 
auftreten,  ebenfalls  verändert  zu  seyn.  Während  der  Eine 
nichts  sieht,  nichts  bemerkt,  nichts  begreift,  nichts  durchsetzt, 
und  sich  und  Andere  langweilt;  giebt  der  Zweite  die  an- 
ziehendsten Aufschlüsse,  gewinnt  Vertrauen,  beherrscht  die 
Gemüther,  stellt  das  Verwickelte  ins  klarste  Licht  und  er- 
reicht das,  was  Anderen  unmöglich  erschien"  III,  423).  Den 
Charakter  eines  Diplomaten  kann  man  nur  nach  seinen 
Thaten  studiren,  soweit  sie  sich  in  seinen  Depeschen  ausge- 
drückt finden;  um  also  zu  einer  historischen  Kritik  zu  ge- 
gelangen, ist  es  ungenügend,  nur  ,, Auszüge"  aus  den  Depeschen 
zu  haben,  es  ist  vielmehr  nothwendig,  die  Depeschen,  in  denen 
nicht  nur  Thatsachen  mitgetheilt  werden,  sondern  sich  auch 
die  Persönlichkeit  des  Mittheilenden  wiederspiegelt,  vollinhaltlich 
zu  besitzen.  An  diese  kritische  Arbeit  ist  Raumer  nicht  ein- 
mal herangetreten,  er  hat  lediglich  Auszüge  aus  Depeschen 
veröffentlicht,  um  darauf  hinzuweisen,  welch'  ein  reicher  Quell 
historischer  Nachrichten  in  den  diplomatischen  Berichten  ent- 
halten ist. 


—     278        - 

Das  Werk  ist  ohne  Hintergedanken  und  nach  Möglichkeit 
chronologisch  abgefasst:  ,, Einen  anderen  auf  diese  Gegenstände 
bezüglichen  Bericht  werde   ich  später  mittheilen,  wie  es  die 
Zeitfolge  verlangt"  (IV,   96);   bisweilen  wird  die  Mittheilung 
über   das   Eine   abgebrochen,   um   zu   dem   Anderen   überzu- 
gehen: „Es  sey  erlaubt  diese  Nachrichten  über  Hofgeschichten 
zu   unterbrechen,    um    einige   Berichte   über    die   politischen 
Verhältnisse  einzuschalten"  (V,  22);  „ich  lasse  diesen  Auszügen, 
welche  Schweden  betreflfen,  einige  andere  folgen,  welche  sich 
auf  Polen  beziehen"  (V,  52);  „ich  muss  diese  Berichte  unter- 
brechen, um  ein  paar  andere  Auszüge  einzuschieben"  (V,  362) 
u.  s.  w.;  dann  wird  wieder  auf  Früheres  zurückgegriffen:  „ich 
kehre  jedoch  zurück"  (IV,  429)  u.  s.  w.     Raumer  theilt  nicht 
einmal    die    noth wendigen   Ergänzungen,    Erläuterungen   und 
Correcturen   mit:    „Diplomatische  Berichte   bedürfen  und  er- 
lauben nicht  selten  Zusätze,  Erläuterungen  und  Berichtigungen, 
welche  aus  verschiedenen  und  mannigfaltigen  Quellen  hier  zu 
geben  über  meine  Aufgabe  und   meine  Kräfte   hinaus   geht" 
(V,  7);  selbst  allgemeine  Bemerkungen,   die  er  so  sehr  liebt, 
„will    ich    doch    aus   mehreren    Gründen    dem    Leser    über- 
lassen" (V,  413).     Wenn  sich  Depeschen  finden,  die  sich  ein- 
ander widersprechen,  druckt  Baumer  sie  der  Eeihe  nach,  die 
eine  nach  der  anderen  ab,  und  bemerkt  nur:  „dies  läugnet" 
der  und  der  (V,  444),  oder:    „um   zu  entnehmen,   ob  dieser 
englische  Bericht  keine  Uebertreibungen   enthalte,   lasse  ich 
folgenden   Auszug    aus   dem   französischen    folgen"   (V,  523), 
wobei   dem  Leser   selbst   tiberlassen   bleibt,    den   Schluss   zu 
ziehen,   und  sogar  die  einfache  Möglichkeit  zugelassen  wird, 
dass  beide  Berichte  mit  der  thatsächlichen  Lage  der  Dinge 
nicht  in  Uebereinstimmung  sind.   Da  der  Verfasser  verschiedene 
Depeschen  ausschreibt,  theilt  er  eine  Menge  sich  widersprechen- 
der Nachrichten  mit,  ohne  sich  auch  nur  Mühe  zu  geben,  sie 
in  uebereinstimmung  zu  bringen.     In  Anlass  der  Wirren  in 


—     279     - 

Polen  schreibt  der  englische  Agent  in  Warschau,  dass  Russ- 
land gar  nicht  wünsche,  diese  Wirren  beizulegen;  „es  ist  über 
allen  Zweifel  hinaus  gewiss,  dass  der  russische  Hof  nicht 
daran  denkt  irgend  einen  Schritt  für  diesen  Zweck  zu  thun" 
(IV,  259),  und  zu  derselben  Zeit  schreibt  der  englische  Agent 
aus  Petersburg;  „ich  versichere  Ihnen,  der  russische  Hof 
wünscht  aufrichtig  die  Beruhigung  Polens"  (IV,  262).  Aehn- 
liche  Widersprüche  finden  sich  nicht  nur  hinsichtlich  Buss- 
lands, sondern  auch  hinsichtlich  Preussens  und  sogar  Fried- 
rich's  n.,  „der  den  Mittelpunkt  des  Ganzen  bildet"  (II,  Vor- 
rede). So  schreibt  der  englische  Agent  aus  Petersburg  unter 
dem  3.  September  1779:  „Der  König  von  Preussen  hat,  um 
den  Bemühungen  des  oesterreichischen  Botschafters,  des  Grafen 
Cobentzel  entgegen  zu  arbeiten,  an  dem  Grafen  Görtz  einen 
sehr  geschickten  und  kunstvollen  Mann  hierher  gesandt.  Er 
verbindet  mit  vieler  Gewandtheit  ein  gutes  Aeussere  und  an- 
genehme Sitten"  (V,  403),  und  nach  einem  Monate  unter  dem 
2.  October;  „Die  Natur  und  der  Genius  des  Grafen  Görtz 
passt  nicht  zur  Gesellschaft  und  dem  Zeitvertreib  der  Eussen. 
Es  ist  nicht  wahrscheinlich  dass  er  bald  wird  beliebt  werden" 
(ibid.).  Wie  wenig  leicht  solche  Widersprüche  aufzuklären 
und  in  Einklang  zu  bringen  sind,  hat  Eaumer  selbst  am 
besten  bewiesen,  indem  er  seine  Schlussfolgerungen  aus  den 
verschiedenen  Nachrichten  über  den  Grossfürsten  Paul  Petro- 
witsch  (V,  389)  und  über  Katharina  (V,  390)  zieht.  Raumer 
gesteht  ein,  dass  er  selbst  „nicht  bewandert  genug  in  der 
russischen  Hofgeschichte"  ist  (V,  10),  und  verwendet  lange 
Erläuterungen  auf  Preussen  (IV,  431,  457;  V,  429,  431,  460, 
504),  bisweilen  sogar  auf  ein  Wort  (V,  502),  wobei  derartige 
Erläuterungen  zuweilen  gegen  sieben  Seiten  einnehmen  (V, 
312).  Wenn  der  Verfasser  diese  Erläuterungen  zur  Geschichte 
Friedrich's  11.  als  nothwendig  anerkannte,  obgleich  er  über- 
zeugt ist,   „dass  jeder  Freund   der  Geschichte   hierüber  ge- 


__     280     — 

nagend  onterrichtet  sej^^  (11,  Vorrede),  wie  kann  man  dann  es 
dem  Leser  selbst  überlassen,  sich  in  der  Masse  unrichtiger 
und  widersprachsToller  Nachrichten  zur  Geschichte  Rnsslands, 
Polens,  Schwedens  oder  der  Türkei  selbst  zurechtzufinden? 
ümsomehr,  als  der  Leser  nur  Auszüge  aus  den  Depeschen 
Tor  sich  hat  und  deshalb  der  Möglichkeit  beraubt  ist,  sich 
kritisch  mit  einer  Nachricht  zu  befassen,  welche  in  einer 
Depesche,  die  er  nicht  kennt,  mitgetheilt  ist;  in  allen  fünf 
Bänden  Baumerts  ist  nur  eine  Depesche  ToUinhaltlich  abge- 
druckt (IV,  573—581). 

Die  Wichtigkeit  der  diplomatischen  Depeschen  als  einer 
geschichtlichen  Quelle  unterliegt  keinem  Zweifel;  sie  sind  in 
Tielen  Beziehungen  wichtiger,  als  die  Memoiren  und  Ebrinne- 
rungen  der  Zeitgenossen.  Aber  ebensowenig  unterliegt  es 
einem  Zweifel,  dass  gerade  diese  Quelle  eine  ernsthafte 
kritische  Säuberung  erfordert,  ohne  welche  es  unmöglich  ist, 
sie  zu  benutzen.  Das  hat  Raumer  an  sich  selbst  erfahren: 
nach  dem  Erscheinen  des  zweiten  Bandes:  7,König  Friedrich  11. 
und  seine  Zeit'',  in  dem  eine  Beihe  you  Auszügen  aus 
Depeschen  abgedruckt  waren,  erklärten  die  Einen  den  Ver- 
fasser für  einen  „schändlichen  Verläumder''  und  yerboten  den 
Abdruck  ron  Anzeigen  über  das  Erscheinen  des  Baches  in  den 
Zeitungen;  die  Anderen  dagegen  nannten  ihn  einen  „niedrigen 
Schmeichler**  — :  „ich  sey  ein  schändlicher  Schmeichler  und 
verdiene,  gleichwie  Friedrich,  gehangen  zu  werden"  (HE,  Vor- 
rede). Dies  erklärt  sich  dadurch,  dass  Raumer  bei  der  Ver- 
öffentlichung der  Depeschen  Jedem  überliess,  aus  ihnen  das 
herauszulesen,  was  er  herauszulesen  befähigt  war.  Nur  die 
historische  Kritik  stellt  die  Bedeutung  jeder  Nachricht  in  einer 
Depesche  genau  fest  Aber  diese  Kritik  ist,  wir  wiederholen 
es,  nach  „Auszügen"  undenkbar;  Raumer  selbst  sagt:  „am 
Besten  und  Richtigsten  schliesst  man  aus  dem  Inhalte  auf 
den  Werth  der  gesandtschaftlichen  Berichte"  (DI,  Vorrede). 


—    281 

Die  Depeschen  sind  zwar  eine  wichtige  Quelle,  aber  die 
einzige  dürfen  sie  nicht  bleiben;  eine  Geschichte,  die  aus- 
schliesslich auf  Grund  diplomatischer  Depeschen  geschrieben 
wäre,  ist  undenkbar.  Der  Kreis  der  Beobachtungen  f&r  den 
Vertreter  einer  auswärtigen  Macht  ist  auf  den  Hof  und  die 
Eesidenz  beschränkt;  die  Specialmission,  die  ihm  obliegt,  und 
die  ganze  Stellung  eines  fremden  Diplomaten  beengen  seine 
Wirksamkeit  und  geben  seinen  Ansichten  eine  gewisse,  mehr 
oder  weniger  einseitige  Richtung.  Die  Hauptquelle  seiner 
Nachrichten  ist  immer  verdächtig:  es  sind  dies  im  besten 
Falle  Gerlichte,  die  in  der  Residenz  oder  bei  Hofe  umgehen, 
grösstentheils  aber  Klatschereien,  diese  oder  jene  nicht  selten 
mit  einer  speciellen  Färbung:  „Ich  erhalte  geheime  Nach- 
richt, weiss  aber  nicht,  in  wie  weit  sie  Glauben  verdient" 
(IV,  319).  In  den  Gesandtschaftsberichten  finden  sich  nicht 
selten  auch  zutreffende  Mittheilungen,  aber  auch  solche, 
„welche  schwerlich  die  volle  Wahrheit  in  sich  schliessen" 
(IV,  535).  Bisweilen  erfahren  die  Diplomaten  die  Thatsachen 
später  als  alle  Anderen:  „der  französische  Geschäftsträger  in 
Petersburg  Herr  Sabatier  erhielt  Gewissheit  über  den  Polen- 
theilungsplan  erst  den  21.ten  August  1772"  (IV,  526).  Katha- 
rina wusste  durch  Perlustration  sehr  gut,  wie  wenig  Wahrheit 
in  den  Berichten  der  diplomatischen  Agenten  stecke  (Samm- 
lung, XVII,  51,  59;  XXm,  651,  673).  Aber  jeder  Agent 
ist  bemüht,  die  Waare  von  der  guten  Seite  zu  zeigen  und 
seine  Bedeutung  in  den  Vordergrund  zu  stellen.  Ein  englischer 
Diplomat  schreibt:  „Ich  gab  an  Markoff,  der  von  Petersburg 
über  Potsdam  nach  dem  Haag  geht,  solche  Belehrung  über  den 
Charakter  und  die  Gemüthsart  des  Königs  von  Preussen,  dass 
er  auf  der  Hut  seyn  wird  gegen  dessen  einnehmendes  Wesen 
und  seine  fast  unwiderstehliche  Beredtsamkeit*'  (V,  540).  Als 
ob  Markow  in  der  Audienz  bei  Friedrich  11.  sich  nicht  nach 
den  Instructionen  des  Ministers,  sondern  nach  den  Anweisungen 


-^     282     ^  - 

des  englischen  Agenten  gerichtet  haben  würde!  Raamer  misst 
den  speciell  höfischen  Nachrichten  der  Depeschen  eine  beson- 
dere Bedeutung  zu:  „Für  viele  Aeusserungen  und  Urtheile 
grosser  Herrscher  oder  Staatsmänner  sind  die  gesandtschaft- 
lichen Berichte  oft  die  einzigen  und  ohne  Zweifel  glaubwürdigen 
Quellen"  (in,  Vorrede).  Damit  kann  man  nicht  übereinstimmen: 
die  einzigen  Quellen  sind  sie  sehr  oft,  die  glaubwürdigen  je- 
doch sehr  selten.  Es  ist  sehr  wichtig,  alle  diese  Besonderheiten 
der  Depeschen  in  Bezug  auf  die  russische  Geschichte  des  vorigen 
Jahrhunderts,  besonders  aber  desZeitaltersKatharina's  vor  Augen 
zu  haben. 

Als  Baumer  die  Depeschen  in  „Auszügen",  „in  so  mangel- 
hafter Form"  (in,  Vorrede),  herausgab,  begleitete  er  sie  nicht 
mit  Anmerkungen,  deren  allzuviel  erforderlich  gewesen  wären 
und  die  er  dem  Leser  zu  machen  anheimstellte,  sondern  mit 
allgemeinen  Betrachtungen.  Ihrer  giebt  es  ziemlich  viele  (IV, 
115,  379,  426,  443,  552,  586;  V,  454);  manches  Mal  er- 
scheinen sie  uns  ein  wenig  kindlich,  aber  sie  hatten  damals 
sogar  in  Deutschland  Bedeutung  (IV,  454).  Einige  dieser  Be- 
trachtungen beziehen  sich  speciell  auf  Russland  (IV,  55,  303); 
V,  38)  und  eine  auf  Katharina:  „Die  Schattenseiten,  die 
Schwächen  Katharinas  sind  in  den  mitgetheilten  Berichten  so 
oft  zur  Sprache  gekommen,  dass  es  Pflicht  ist,  auf  ihre  grossen 
Herrschergaben  hier  nochmals  aufmerksam  zu  machen.  Was 
man  damals  unsittlich,  romanhaft,  thöricht,  unmöglich  nannte 
(die  Vereinigung  der  meisten  slavischen  Völker  unter  Einem 
Zepter  und  die  Errichtung  eines  orientalischen  Kaiserthums), 
es  waren  grosse  Gedanken,  in  welchen  die  Zukunft  ergriffen 
und  vorgebildet  war.  Mit  einer  seltenen,  anzuerkennenden, 
zugleich  aber  furchtbaren  Consequenz  ist  Bussland  auf  dieser 
Bahn  vorgeschritten  und  hat  viele  europäische  Völker  über- 
flügelt" (V,  578). 

Die   hervorstechende  Bedeutung  Russlands   für   die   Zeit 


283     — 

von  1763  bis  1783  tritt  gegen  den  Wunsch  des  Verfassers  in 
den  Vordergrund:  statt  Friedrich's  11.  erwies  sich  als  im  Mittel- 
punkte stehende  Gestalt  filr  diese  20  Jahre  Katharina  11.,  und 
von  41  Capiteln  sind  ihr  22,  Friedrich  II.  im  Ganzen  aber 
nur  17  Capitel  gewidmet.  An  Nadirichten  über  Katharina 
finden  sich  in  den  letzten  drei  Bänden  sehr  viele,  aber  was 
sind  das  für  Nachrichten?!  Raumer  selbst  sagt:  „Meine  Auf- 
gabe war  weder  ein  Halbroman,  noch  die  vollständige  Ge- 
schichte jener  Zeit  aus  verschiedenen  Quellen  zu  schreiben, 
sondern  reine,  ächte  Denkwürdigkeiten  aus  wichtigen,  zeither 
unbekannten  Quellen  zusammenzutragen"  (III,  Vorrede).  Dabei 
hatten  natürlich  sowohl  die  Nationalität  des  Verfassers^  als 
auch  seine  politischen  Ansichten  eine  grosse  Bedeutung.  Er 
theilt  aus  den  Depeschen  nur  das  mit,  was  ihm  als  interessant 
erscheint:  „es  ist  anziehend"  (V,  386)  —  diese  Wendung  dient 
nicht  selten  als  einzigen  Grund  für  den  Auszug.  Der  Ver- 
fasser von  „Polens  Untergang"  (No.  955)  schrieb  vorzugsweise 
nur  diejenigen  Nachrichten  über  Polen  aus,  welche  seine 
Arbeit  berührten  (III,  315);  er  liess  alles  das  unbeachtet,  was 
sich  nicht  auf  die  politischen  und  höfischen  Angelegenheiten 
bezog;  er  bemerkt  zu  den  Depeschen:  „es  folgt  hierauf  die 
umständliche  Prüfung  des  Kriegs-  und  Handelssystems,  der 
Gesetzgebung  und  inneren  Verwaltung,  der  Schulen  und  Aka- 
demien" (V,  406;  vgl.  II[,  303),  aber  dies  Alles  schrieb  er 
nicht  aus.  Nichtsdestoweniger  waren  die  Nachrichten,  die  in 
den  angeführten  Auszügen  aus  den  Depeschen  enthalten  waren, 
so  neu  und  so  interessant,  sie  beleuchteten  die  Fragen  so  sehr 
von  der  Seite  her,  die  sich  hinter  den  -Coulissen  des  höfischen 
Lebens  befindet,  dass  das  Werk  gegen  den  Wunsch  seines 
Verfassers  wie  ein  Roman  gelesen  wurde. 

In  dem  vorliegenden  Werke  giebt  es  eine  Menge  von 
neuen  Nachrichten  über  die  Epoche  Katharina's  II.  und  über 
Katharina  selbst;  diese  Nachrichten  sind  nicht  immer  richtig, 


—     284    — 

aber  sie  sind  grösstentheils  neu.  Das  sind  nicht  etwa  Meinungen 
und  Ansichten  Kaumer's,  sondern  der  diplomatischen  Agenten, 
deren  Depeschen  er  als  Erster  durchgelesen  und  in  Auszügen 
der  Welt  bekannt  gegeben  hat.  Wir  führen  vor  Allem  zwei 
Briefe  Katharina's  n.  an  (II,  408,  451),  die  vollinhaltlich  mit- 
getheilt  sind,  und  viele  Hinweise  auf  Briefe,  die  von  Katharina 
geschrieben  sind  (HI,  380;  IV,  105;  V,  53,  402,  508,  553). 
Nach  Arneth:  „Joseph  11  und  Katharina  von  Bussland^^  (1, 134), 
dürften  die  Hinweise  auf  die  Briefe  Katharina's  vollkommen 
richtig  sein;  aber  der  Inhalt  der  Briefe  Joseph's  IL  ist 
nicht  genau  wiedergegeben  (Arneth,  136,  188)  — :  der  be- 
treffende Diplomat  wollte  sich  damit  brüsten,  dass  er  Briefe, 
die  er  von  Katharina  erhalten  haben  wollte,  gelesen  habe 
(V,  553,  574). 

Baumer  hat  vollkommen  Becht,  wenn  er  sagt:  „Es  ist 
eine  sehr  schwere  Aufgabe,  aus  so  ungeheuer  grossen  Massen 
das  Denkwürdigste  aufzufinden,  das  Zerstreute  anzuordnen 
und  Alles  auf  das  unerlässliche  Maass  weniger  lesbarer  Bände 
zusammenzudrängen''  (lU,  Vorrede).  Das  ist  ihm  denn  auch 
nicht  völlig  gelungen,  so  dass  es,  ungeachtet  der  ziemlich  aus- 
führlichen Inhaltsübersicht,  äusserst  schwierig  ist,  sich  in  dieser 
Masse  von  Auszügen  zu  orientiren,  in  denen  ein  und  dasselbe  Er- 
eigniss  oder  eine  und  dieselbe  Person  an  verschiedenen  Stellen 
und  sogar  in  verschiedenen  Bänden  erwähnt  sind.  So  wird 
z.  B.  über  Katharina's  Thronbesteigung  in  drei  Bänden  ge- 
sprochen (H,  510,  543;  III,  305;  IV,  183).  Und  doch  wird 
die  völlige  üntauglichkeit  der  Veröffentlichung  derartiger  Aus- 
züge, ohne  jede  kritische  Würdigung  derselben,  nur  bei  der 
Gegenüberstellung  der  verschiedenartigen  und  sich  wider- 
sprechenden Urtheile  über  ein  und  dasselbe  erst  vollkommen 
offenbar.  Zum  Beweise  dessen  geben  wir  hier  eine  Zusammen- 
stellung der  Nachrichten  in  den  hauptsächlichsten  Fragen;  es 
werden  behandelt: 


—     285     — 

Katharina:  U,  204,  295,  320,  347,  401,  419,  453,  545; 
m,  301;  IV,  183;  V,  4,  6,  9,  12,  363,  378,  399,  405,  506. 
Die  Ansicht  Banmer's  ist  in  einer  Gegenaberstellnng  Eatharina's 
and  Maria  Staart's  (11,  520;  III,  381)  ausgesprochen. 

Peter  III:   II,  296,  468. 

Panl  Petrowitsch:  H,  544;  IH,  303,  384;  IV,  185;  V,  2, 
6,  11,  16,  20,  35,  304,  351,  373,  381,  408. 

Iwan  m.:   H,  403,  452,  509,  544,  551;   HI,  303,  381. 

N.  J.  Panin:  H,  548,  m,  388,  414;  IV,  228,  299,  462, 
522;  V,  2,  6,  13,  328,  371,  401,  407. 

die  Brüder  Orlow:  H,  542;  IH,  310,  379,  384;  IV,  228; 
V,  5,  8,  9,  16,  395. 

Potjemkin:  V,  40,  347,  353,  390,  393,  397,  400,  401, 
411,  440,  564,  572. 

Polen:  H,  545;  HI,  315,  366,  378,  401;  IV,  57,  100, 
123,  180,  187,  207,  257,  280,  431,  435,  489,  521;  V,  56. 
Vgl.  Karejew,  Der  Fall  Polens,  103. 

die  Dissidenten:  H,  549;  m,  409;  IV,  50,  101,  193. 

der  Türkenkrieg:  IV,  178,  197,  283,  404;  V,  24,  33. 

die  Gesetzgebung:  IV,  91,  93,  182. 

der  Besuch  des  Prinzen  Heinrich  von  Preussen  in  Peters- 
burg: IV,  291;  V,  301;  Gustav's  m.:  V,  50,  362;  des 
preussischen  Thronfolgers:  V,  456,  463. 

die  bewaffnete  Neutralität:  V,  413,  431,  440. 

das  griechische  Project:  V,  401,  555,  569. 

die  Grossfürstinnen :  Natalja  Alexejewna  V,  304,  366,  383, 
409;  Maija  Feodorowna  V,  364,  399,  410. 

Pugatschew:  V,  47,  350. 

die  Günstlinge:  Sawadowskij  V,  356,  359;  Soritsch  V,361, 
366,  373,  376;  Korssakow  V,  375,  377. 

der  Petersburger  Hof:  IV,  225,  301;  V,  390. 

Saldem:  IV,  387,  455,  519;  V,  35;  Rumjanzow:  V,  8, 
305;  Tschemyschew:  V,  15,  348;  Teplow:  V,  408. 


—     286    — 

Aus  dieser  Zusammenstellung  ist  zu  ersehen,  ei'stens,  dass 
in  den  Depeschen  von  Personen  ebensoviel,  wenn  nicht  mehr 
die  Bede  ist,  als  von  Sachen,  und  zweitens,  dass  die  Auswahl  aus 
den  Depeschen  von  einem  Preussen  getroflfen  ist  — :  die  Zu- 
sammenkunft in  Mohilew  vom  Jahre  1 780  wird  gar  nicht  erwähnt, 
und  über  die  inneren  russischen  Fragen  wird  sehr  wenig  ge- 
sprochen, von  der  beständigen  Yertheidigung  Preussens  gegen- 
über Eussland  schon  gar  nicht  zu  reden  (lY,  431,  457;  V, 
312,  429,  431,  460,  502,  504).  lieber  die  Personen  führt  der 
Verfasser  nur  die  Urtheile  der  Diplomaten  an,  von  den  „Sachen" 
wird  am  meisten  über  Polen  gesprochen.  Um  die  Ansichten, 
die  Raumer  in  „Polens  Untergang"  (No.  955)  ausgesprochen 
hatte,  zu  bekräftigen,  leistet  er  sich  folgenden  Sophismus: 
„Weniger  kömmt  darauf  an,  wer  den  Gedanken  einer  Theil- 
ung  Polens  zuerst  hatte,  oder  ihn  aussprach,  als  wer  die  Mög- 
lichkeit einer  solchen  Theilung  herbeif&hrte"  (IV,  544);  dieser 
Sophismus  war  nöthig,  um  zu  dem  Schlüsse  zu  gelangen: 
„Diese  Schuld  trifft  vorzugsweise  Russland"  (ibid.).  Zur  voll- 
ständigen Charakteristik  des  Verfassers  nach  dieser  Richtung 
hin  führen  wir  aus  demselben  Bande  noch  seine  folgenden 
Auslassungen  an :  „Wenn  der  König  von  Preussen  sich  allerlei 
Willkür  an  den  polnischen  Gränzen  erlaubte,  so  gewährt  das 
Benehmen  der  Polen  während  des  siebenjährigen  Krieges 
manche  Entschuldigung  .  .  .  auch  ist  es  nicht  ungewöhnlich 
dass  ein  Nachbar  von  der  sich  darbietenden  Schwäche  des 
anderen  Vortheil  zieht^^  (66).  Raumer  wusste  es  sehr  gut, 
dass  Polen  ganze  Jahrhunderte  hindurch  gegen  Russland  ge- 
kämpft und  sogar  einen  Polen  auf  den  russischen  Thron  ge- 
setzt hatte.  Dieselbe  Leichtfertigkeit  ist  beim  Vergleiche 
der  Hofintriguen  in  den  Zeiten  Ludwig's  XV.  mit  denen  zur 
Zeit  Katharina' s  11.  durch  den  Verfasser  wahrzunehmen  (V,  58)* 

Da  Raumer,  angelockt  durch  die  reiche  Quelle  historischer 
Nachrichten,   die   ihm   zuerst  sich  öffiiete,   aus  ihr  unbedingt 


—     287     — 

Alles  geschöpft  hat,  was  er  fand,  so  ist  es  ganz  unmöglich, 
allen  den  Unsinn  zu  widerlegen,  der  in  den  Depeschen  der 
Gesandten  über  Bussland  mitgetheilt  ist  — :  man  müsste  da- 
rüber fünf  neue  Bände  schreiben.  Wir  wollen  deshalb  als  Bei- 
spiel nur  eine  dieser  unsinnigen  Mittheilungen  hier  wider- 
legen: 

Am  30.  August  1771  schrieb  der  englische  Agent  aus 
Petersburg:  „Das  niedere  Volk  bezweckte  nichts  Geringeres 
als  die  Kaiserinn  (weil  sie  die  Krone  nur  för  ihren  Sohn 
trage)  vom  Throne  zu  stürzen,  und  den  Grossfürsten  an  ihre 
Stelle  zu  setzen.  Sobald  man  hörte,  dieser  sey  krank  und 
schwebe  in  Gefahr,  ward  das  Volk  unruhig,  argwöhnte  er  sey 
vergiftet  und  beschuldigte  (wie  man  sagt)  sehr  hoch  gestellte 
Personen.  In  diesem  Augenblicke  fühlte  die  Kaiserinn  ausser 
den  Besorgnissen  der  Mutter,  auch  die  Gefahren,  welche  aus 
dem  Tode  des  Thronerben  hervorgehen  dürften.  Das  Volk 
würde  wüthend  gewesen  seyn.  Da  die  Krankheit,  ohne  Ge- 
fahr, länger  dauerte,  so  gab  man  vor  der  Grossfärst  sey  ein 
Staatsgefangener,  und  mehrere  Officiere  und  ünterofficiere  der 
Leibwache  klagten,  dass  sie  jedes  Tages  Aufforderungen  er- 
warteten, sich  aber  nicht  entschliessen  könnten,  wem  sie  ge- 
horchen sollten"  (IV,  402).  Eaumer  fährt  hier  offenbar  mit 
eigenen  Worten,  unter  Abkürzung  der  Depesche,  fort:  „Diese 
Gefahr  ging  glücklich  vorüber;  doch  wurden  einige  Wagen 
voll  verdächtiger  Personen  nach  Sibirien  geschickt"  (IV,  403). 
Nur  ein  Engländer  oder  überhaupt  ein  Westeuropäer,  der  mit 
dem  russischen  Leben  vollkommen  unbekannt  war,  konnte  „das 
niedere  Volk"  als  Hauptfactor  einer  revolutionären  Bewegung 
in  Bussland  hinstellen.  Der  Engländer  wusste  nicht,  dass  alle 
Umwälzungen,  die  sich  im  vorigen  Jahrhunderte  in  Bussland 
vollzogen  haben,  nicht  von  dem  einfachen  Volke,  sondern  von 
dem  Adel,  und  gerade  von  dem  Theile  desselben,  der  bei 
Hofe  Fuss  gefasst  hatte,  geplant  und  ausgeführt  worden  sind : 


—     288 

in  den  Jahren  1730,  1740,  1741  und  1762  war  das  „niedere 
Volk"  an  allen  Vorgängen  unschuldig  geblieben.  Auch  im 
Jahre  1771  wusste  das  Volk,  ebenso  wie  früher  und  später, 
durchaus  nichts  von  dem  Plane,  Katharina  die  Krone  lediglich 
als  Begentin  bis  zur  Volljährigkeit  des  Grossfiirsten  Paul 
Petrowitsch  zu  belassen;  das  „niedere  Volk"  des  englischen 
Gesandten,  d.  h.  der  Petersburger  Pöbel,  hat  an  irgend  der- 
artiges überhaupt  nicht  gedacht.  Das  Volk  Tergötterte  gerade 
damals,  im  August  1771,  Katharina  mehr,  denn  je  zuvor:  am 
5.  August  1771  wurde  der  ükas  an  den  Senat  publicirt,  der 
den  Auctionatoren  verbot,  Leute  ohne  Land  unter  dem  Hammer 
zu  verkaufen  (Archiv  d.  Senats,  Bd.  131,  Bl.  431;  Allg.  Ges.- 
Sammlung,  No.  13634;  Sammlung,  XHI,  143).  In  der  gan- 
zen Nachricht  der  englischen  Depesche  ist  nur  Eines  richtig: 
die  Mittheilung  von  der  Krankheit  des  Grossfursten  (Kobeko, 
172);  aber  gerade  im  August  1771  war  er  schon  wieder- 
hergestellt, wovon  Katharina  iViedrich  11.  in  einem  Briefe 
vom  21.  August  benachrichtigte  (Sammlung,  XX,  310).  Der 
Uebergang  vom  „niederen  Volk"  zu  den  „Officieren  der  Leib- 
wache" beweist  die  Unwissenheit  des  Verfassers  der  Depesche, 
ebenso  wie  die  Verschickung  von  „Personen  nach  Sibirien". 
Der  Gesandte  beruhigte  sich  indess  nicht  und  schrieb  nach 
einem  Jahi-e,  am  8.  August  1772,  aufs  Neue:  „Das  Ergebniss 
meiner  Nachforschungen  lässt  mich  nicht  zweifeln,  dass  ver- 
schiedene Verschwörungen  im  Gange  gewesen  sind,  und  ob- 
gleich keine  Personen  von  Stande  oder  Einfluss  als  Theil- 
nehmer  zum  Vorscheine  kamen,  glaube  ich  doch,  die  Kaiserinn 
weiss,  dass  Einige  solcher  Art  dazu  gehörten,  wenn  sie  auch, 
aus  wichtigen  Gründen,  alle  Aufklärungen  darüber  ablehnt. 
Indessen  sind  keine  Vorsichtsmassregeln  zur  Sicherung  gegen 
plötzliche  Angriffe  vernachlässigt;  es  giebt  keinen  Winkel  in 
den  Gärten  und  Umgebungen  von  Peterhof  (\^o  sie  Gefahren 
am  Meisten  ausgesetzt  ist)   der   nicht   zur  Zeit  ihres  Aufent- 


—    289     — 

haltes  mit  Schild  wachen  yersehen  wäre''  (V,  2).  Zur  Zeit 
Eatharina's  existirte  eine  Leibwache  überhaupt  nicht;  nach 
dem  Jonmal  der  Eammerfonriere  Terbrachte  Katharina  im 
Jahre  1772  den  Sommer  in  Zarskoje  Sselo;  und  endlich  — 
Katharina  hasste  nach  ihrem  eigenen  Geständnisse  Peterhof: 
,,mon  arersion  d6cid6e  pour  Peterhof^'  schrieb  sie  an  MmCr 
Bjelke  am  9.  August  1772  (Sammlung,  XTTT,  261). 

Derartiger  Abgeschmacktheiten  giebt  es  in  den  englischen 
und  französischen  Depeschen  sehr  viele;  man  kann  sie  alle 
gar  nicht  aufzählen.  Man  findet  sie  ununterbrochen,  z.  B.  die 
Nachricht  von  der  geheimen  Ehe  (V,  5),  die  Worte  Jelagin'» 
und  die  Thaten  Wassiltschikow's  (V,  10)  —  drei  sinnlose  Ge- 
schichten auf  sechs  Seiten.  Kaumer  konrte  sich  natürlich  ihrem 
Einflüsse  nicht  entziehen.  In  Bezug  auf  die  geplante  Reise 
Joseph's  n.  nach  Petersburg  sagt  er:  ,,Katharina  antwortete 
erst  beifällig,  nachdem  sie  den  König  von  Preussen  höflicher- 
weise  befragt  und  dieser  eingewilligt  hatte"  (V,  442).  Kaumer, 
der  von  der  Entrevue  in  Mohilew  nichts  wusste,  schenkte  der 
französischen  Nachricht  über  eine  solche  Abhängigkeit  Katha- 
rina's  von  Friedrich  II.  Glauben  und  wurde  bestraft:  er  selbst 
erklärt  bereits  die  Beise  der  Grafen  Ssjewemy  durch  Europa 
durch  die  Fahrt  „nach  Wien"  (V,  519).  Das  ist  indess  nicht 
verwunderlich  bei  einem  Autor,  der  sich  grösstentheils  auf 
folgende  kritische  Methode  beschränkt:  „Die  Wahrheit  der 
hier  mitgetheilten  Nachricht  möchte  ich  kaum  bezweifeln" 
(IV,  312). 

976.   Notizie  pie  regni  di  Caterina  11  e  Paolo  Primo,  accompagnate 
da  interessanti  note.    Velletri,  1839. 

Ein  Nachdruck  von  No.  909,  wobei  im  Texte  nur  solche 

Aenderungen  vorgenommen  sind,  die  durch  den  Tod  Alexan- 

der's  I.,  zu  dessen  Zeit  die  Broschüre  erschienen  war  und  der 

damals   noch   als   der  „glücklich  herrschende^'   benannt  war, 

bedingt  wurden.     Jetzt  heisst  es  von  ihm:  „non  mai  abbastanza 

Bilbassoff,  Katharina  IL  19 


—     290    — 

deplorato"  (5).  Wegen  desselben  Umstandes  ist  auch  der 
letzte  Satz  des  Originals  weggelassen  worden.  Dieser  Aus- 
gabe sind  Porträts  nicht  beigelegt. 

977.  De  corier  van  Simbirsk.  £en  verhaal  van  G.  v.  Heeringen. 
Uit  het  HoogdoitBch.    AmBterdam,  1889. 

Eine  Uebersetzung  von  No.  938. 

978*  Memoirs  of  the  princess  Daahkoto,  vnitten  by  herself,  compri- 
sing  letters  of  the  Empress  and  otfaers  correspondence.  Edited 
by  Mas.  W.  Bradford.    2  vIb.    London,  1840. 

Die  treue  Freundin  Katharina's  und  thätige  Theilnehmerin 
an  der  Umwälzung  von  1762,  die  kluge  und  energische  Fürstin 
Katharina  Romanowna  Daschkow,  1744 — 1810,  schrieb  „four 
years  before  her  death"  (Russ.  Archiv,  1881,  I,  875)  ihre 
Memoiren,  die  ein  werthvolles  Material  für  die  Geschichte  des 
Endes  des  XVIII.  Jahrhunderts  bilden.  Sie  waren  in  fran- 
zösischer Sprache  verfasst  und  wurden  in  einer  englischen 
Uebersetzung  herausgegeben,  aber  sie  spiegeln  nichtsdesto- 
weniger in  jeder  Zeile  die  russische  Frau  mit  allen  ihren 
Vorzügen  und  Schwächen  wieder. 

Die  Fürstin  Daschkow  hat  kein  Tagebuch  geführt  und 
sich  keine  Notizen  gemacht,  auch  hatte  sie  nicht  die  Absicht, 
ihre  Memoiren  zu  verfassen,  sie  hat  schliesslich  nur  den  Bitten 
der  Engländerin  „miss  Wilmot"  (Russ.  Archiv,  1880,  III,  196), 
nachgegeben,  „she  wrote  from  memory,  without  reference  to 
any  previous  notes"  (Introduction ,  XXTT).  „My  friends  and 
relations  have  for  many  years  urged  me  to  the  task  which 
you  now  require.  I  have  resisted  all  their  solicitations;  but  I 
find  myself  incapable  of  refusing  yours"  (ibid.,  XXXV).  Miss 
Wilmot,  die  sich  mit  Sir  Bradford  verheirathete,  verlebte  fünf 
Jahre  gemeinsam  mit  der  Fürstin  Daschkow,  vorzugsweise  auf 
deren  Gute  Troizkoje,  und  hielt  sie  für  eine  Frau  von  ausser- 
gewöhnlichen  Eigenschaften,  „which  distinguishes  her  from 
every   creature   I    ever  knew   or  heard   of"    (11,   341).     Die 


—     291     — 

Memoiren  der  Fürstin  Daschkow,  die  sie  ftir  Mistress  Brad- 
ford  geschrieben  hat,  mussten  diese  Meinung  der  letzteren  von 
der  ersteren  rechtfertigen  und  bestätigen. 

Diese  Memoiren,  die  in  zwei  ungleiche  Theile  zerfallen^ 
enthalten  ausser  persönlichen  und  Familien-Erinnerungen  viele 
Nachrichten  von  Wichtigkeit  für  die  Gesellschafts-  und  Reichs- 
Oeschichte.  In  dem  ersten  Theile  concentriren  sich  diese  Nach- 
richten auf  die  Umwälzung  vom  Jahre  1762  (I,  32),  im  zweiten 
Theile*)  auf  die  Leitung  der  Academie  der  Wissenschaften 
(I,  291).  Die  Memoiren  sind  mehr  als  40  Jahre  nach  der 
Umwälzung  von  1762  geschrieben;  in  ihnen  ist  die  Frische 
des  unmittelbaren  Eindrucks  verloren  gegangen,  und  die  Klar- 
heit der  Farben  ist  geschwunden;  das  Hinreissende  des  Augen- 
blicks hat  der  in  diesen  40  Jahren  gesammelten  Erfahrung 
und  der  in  dieser  Zeit  gewonnenen  kühlen  Ueberlegung  und 
rein  weltlichen  Berechnung  Platz  gemacht.  In  dem  Maasse  als 
die  lebendigen  Eindrücke  der  Thatsachen  verwischt  sind,  ist 
an  ihre  Stelle  eine  überlegende  Erklärung  der  Vorgänge  ge- 
treten, die  mit  den  Jahren  die  ganze  Umwälzung  bereits  in 
anderem  Lichte  erscheinen  liess.  Die  Fürstin  Daschkow  hat 
deshalb  diese  Vorgänge  zwar  vollkommen  aufrichtig  und  ohne 
den  Wunsch,  die  Thatsachen  zu  entstellen,  aber  dennoch  nicht  so 
dargestellt,  wie  sie  sich  im  Jahre  1762  ereignet  haben,  sondern 
so,  wie  sie  ihr  im  Jahre  1804  erschienen.  Indess,  in  den 
Memoiren  werden  trotzdem  viele  interessante  Einzelheiten  mit- 
getheilt,  die  mitunter  sehr  wichtig  für  das  Gesammtbild  der 
Umwälzung  sind.  —  Für  die  Zeit  der  Leitung  der  Academie 
der  Wissenschaften  durch  die  Fürstin  Daschkow  theilen  die 
Memoiren  vieles  Interessante  mit,  aber  noch  lange  nicht  Alles, 
was  sie  gethan  hat  und  was  von  Pekarskij  (I,  398,  560)  auf- 


*)  Die  Herausgeberin  Mrs.  Bradford  hat  die  Memoiren  anders  ein- 
getheilt,  indem  sie  die  erste  Hftlfte  des  zweiten  Theiles  dem  ersten  Theile 
hinzugefügt  hat  (Siehe  Archiv  d.  Fürsten  Woronzow,  XXT,  229.) 

19* 


—    292    — 

gezeichnet  worden  ist.  Katharina  war  mit  der  Yerwaltong 
der  Academie  durch  die  Fürstin  Daschkow  sehr  znfrieden 
(Archiv  d.  Senats,  Bd.  177,  Bl.  202).  Zur  Charakteristik  der 
Ansichten  der  Fürstin  Daschkow  über  den  Staat  und  das  Ge- 
meinwesen können  aus  ihren  Memoiren  ziemlich  bestimmte 
Urtheile  citirt  werden:  ,,It  will  appear,  that  to  sink  in  public 
estimation  is  no  less  fatal  to  the  power  of  kings  than  the 
exercise  of  the  most  capricious  tyranny;  and  hence  it  is,  that 
I  have  always  concidered  a  limited  monarchy,  where  the  so- 
vereign  is  subordinate  to  the  laws,  and  in  some  degree  amenable 
to  public  opinion,  to  be  amongst  the  wisest  of  human  insti- 
tutions''  (I,  53).  Zur  Vertheidigung  der  Leibeigenschaft  sagte 
sie  Diderod:  „U  the  soTereign  in  breaking  some  links  of  the 
chain  which  binds  the  peasantry  to  the  nobles,  were  likewise 
to  snap  some  of  those  which  render  the  nobles  subservient  to 
their  despotic  will,  I  would  joyfuUy  sign  a  contract  such  as 
this  with  my  blood"  (I,  165). 

Katharina  hielt  die  Fürstin  Daschkow  für  ihre  beste 
Freundin,  glaubte,  dass  sie  in  ganz  Eussland  keine  ergebenere 
Anhängerin  hätte  (11,  64),  und  hat  sich,  nach  den  Ausführungen 
in  den  Memoiren  zu  urtheilen  (I,  14,  111,  344,  373,  384; 
n,  41,  50),  hierin  auch  nicht  getauscht  (vgl.  No.  1090).  Die 
Fürstin  Daschkow  zeichnet  Katharina  als  Herrscherin  folgender- 
massen:  „I  really  believe  there  never  was  any  one  in  the 
World,  and  certainly  never  any  sovereign,  who  equalled  her 
in  the  magic  versality  of  her  mind,  the  exhaustless  variety  of 
her  resources,  and  above  all,  the  enchantment  of  her  manner, 
that  in  itself  could  give  a  lustre  to  the  commonest  words  and 
most  triefling  matters"  (I,  111).  Die  Fürstin  Daschkow  kannte 
auch  Peter  UI.  gut,  „whom  fortune  had  unhappily  placed  on 
a  throne"  (I,  88),  aber  sie  urtheilt  mit  Unwillen  über  die  Kata- 
strophe von  Ropscha  (I,  107),  indem  sie  auch  hier  immer 
wieder  die  Interessen  Katbarina's  im  Auge  hat.     Und  auch  da, 


—    298    — 

wo  sie  von  der  ,,Abge8chmacktheit  von  Schlüsselburg^^  spricht, 
hat  sie  Katharina  im  Auge;  ,,1  has  been  said  and  afiFected  to 
be  believed  in  several  countries  of  Europe,  that  this  whole 
affair  was  neither  more  nor  less  than  a  horrible  intrigue  on 
the  part  of  the  empress,  who  had  gained  over  MiroTitch  to 
act  the  part  he  did,  and  had  afterwards  sacrificed  him'^  (I,  189). 
In  diesem  Sinne,  mit  der  Absicht,  Katharina  zu  rühmen,  sprach 
sie  auch  im  Jahre  1808  einst  an  der  Tafel  bei  ihrem  Bruder, 
dem  Grafen  A.  ß.  Woronzow  (II,  47).  Mit  einem  Worte, 
man  findet  die  bekannten  Züge  ziir  Charakteristik  Eatharina's 
überall  in  den  Memoiren  verstreut. 

In  den  Memoiren  begegnet  man  femer  interessanten 
Einzelheiten:  über  Odar  (I,  62),  die  durch  die  Briefe  Kata- 
rina's  vollkommen  bestätigt  werden  (IE,  72,  76);  über  Michail 
Puschkin  (I,  115),  der  wegen  Fälschung  von  Creditbilleten  ver- 
schickt wurde  (Achtzehntes  Jahrhundert,  I,  69;  Sammlung, 
XTTT,  229);  über  die  Zusammenkunft  mit  Gustav  m.  in  Fried- 
richshamm (I,  331);  über  Radischtschew  (I,  359);  über„Wadim" 
(I,  361).  Zur  Kennzeichnung  der  Fürstin  Daschkow  ist  ihr 
Urtheil  über  Diderot  wichtig:  „The  sincerity  and  truth  of  his 
character,  the  brillancy  of  his  genius  attached  me  to  him  as 
long  as  he  lived,  and  makes  his  memory  very  dear  to  me 
even  at  present  moment.  The  world  has  not  sufficiently  known 
this  extraordinary  man.  Virtue  and  simplicity  reigned  in  every 
action;  and  to  be  accessory  to  the  good  of  his  fellow-creatures 
was  his  ruling  passion  and  pursuit^^  (I,  67).  Man  kann  dem 
Urtheile  der  Fürstin  über  den  (3-rafen  Wladimir  Orlow  (I,  186) 
und  über  den  polnischen  König  Stanislaus  August  (I,  201) 
vollkommen  vertrauen,  ebenso  ihren  Anstrengungen,  den  Sohn 
vor  der  verächtlichen  Bolle  eines  Günstlings  zu  bewahren 
(I,  218,  228,  341).  Aber  man  muss  doch  die  Memoiren  ver- 
ständig benutzen:  die  Verfasserin  analysirt  z.  B.  den  Inhalt 
eines  Briefes  Katharina's  (I,  252),  und  diese  Analyse  stimmt 


—     294     — 

mit  dem  Originalbriefe  (11,  82)  nicht  überein,  obgleich  sie  der 
dienstlichen  Stellung  des  Sohnes  nach  der  Rückkehr  desselben 
nach  Bassland  vollkommen  entspricht. 

Die  Fürstin  Daschkow  erwähnt  in  ihren  Memoiren  wieder- 
holt Briefe  Eatharina's  (I,  128,  252,  296,  381),  und  in  der 
vorliegenden  Ausgabe  sind  72  Briefe  Eatharina's  in  englischer 
Uebersetzung  abgedruckt  (11,  63).  In  einer  ausführlichen  Be- 
schreibung des  Manuscripts,  nach  dem  die  Uebersetzung  ange- 
fertigt ist,  werden  indess  nur  29  Briefe  erwähnt  (Buss.  Ar- 
chiv, 1881,  I,  368). 

Die  vorliegende  englische  Ausgabe  der  Memoiren  der 
Fürstin  Daschkow  ist  in  dem  Artikel  von  Schugurow:  „Miss 
Wilmot  imd  die  Fürstin  Daschkow*  ausflihrlich  besprochen 
worden  (Russ.  Archiv,  1880,  m,  160).  Das  Original,  nach 
dem  die  Uebersetzung  gemacht  ist,  hat  Fürst  Lobanow- 
Rostowskij  in  dem  Aufsatze:  „Noch  etwas  über  die  Memoiren 
der  Fürstin  Daschkow**  umständlich  beschrieben  (Russ.  Ar- 
chiv, 1881,  I,  366).  Aus  den  Angaben,  die  vom  Fürsten 
Lobanow-Rostowskij  aufgestellt  worden  sind,  hat  Schugurow 
seine  Schlüsse  in  dem  Artikel:  „Bemerkungen  über  die  eng- 
lische Uebersetzung  der  Memoiren  der  Fürstin  Daschkow"  ge- 
zogen (Russ.  Archiv,  1881,  11,  132).  Aus  allen  diesen 
Untersuchungen  geht  folgendes  hervor:  die  engtische  Ueber- 
setzung ist  nach  einer  französischen  Copie  angefertigt  worden, 
die  Miss  Wilmot  in  Troizkoje  abgeschrieben  hat  und  die  von 
der  Fürstin  Daschkow  selbst  verbessert  worden  ist;  das  Ori- 
ginal-Manuscript,  das  ganz  von  der  Hand  der  Fürstin  Dasch- 
kow geschrieben  war,  ist  in  Kronstadt  bei  einer  Zolldurch- 
suchung verbrannt  worden  (IE,  286).  Als  die  Fürstin  Daschkow 
sowohl  das  Manuscript,  als  auch  die  Copie  der  Miss  Wihnot 
nach  England  schickte,  behielt  sie  eine  zweite  Copie  für  sich, 
die  wer  weiss  von  wem  abgeschrieben  und  in  Moskau  im 
Jahre  1881  herausgegeben  worden  ist  (No.  1199).  Schugurow,  der 


—     295     — 

die  englische  Uebersetzung  nicht  mit  der  Copie  der  Miss  Wil- 
mot,  nach  der  sie  angefertigt  ist,  sondern  mit  der  Moskauer 
Copie  vergleicht,  findet  ernste  „Entstellungen"  —  es  ist  nicht 
nur  mancherlei  weggelassen,  sondern  sogar  mancherlei  auch 
hinzugefügt  —  und  legt  sie  der  englischen  Herausgeberin 
Mrs.  Bradford  zur  Last.  Indess,  diese  verschiedenen  Lesarten, 
Auslassungen  und  Zusätze  erklären  sich  aus  den  Veränderungen, 
die  von  der  Fürstin  Daschkow  selbst  im  Texte  vorgenommen 
worden  sind;  sie  hat  auch  die  zweite  Copie  gelesen  und  hat 
sie  corrigirt  und  vielleicht  Ergänzungen  oder  Verkürzungen 
gemacht. 

Als  Beilage  zur  englischen  Uebersetzung  sind  72  Briefe 
Katharina's  an  die  Fürstin  Daschkow  erschienen:  Die  ersten 
26  Briefe  sind  nummerirt  und  beziehen  sich  auf  die  Zeit  vor 
der  Umwälzung  von  1762  (11,  63);  ein  Brief  ist  vom 
22.  December  1781  datirt  (ü,  82))  und  nach  Italien  als  Ant- 
wort auf  einen  Brief  der  Fürstin  Daschkow  aus  Livorno  ge- 
sandt worden  (I,  252),  und  45  Briefe  und  Billets  stammen  aus 
der  Zeit,  als  die  Fürstin  Daschkow  der  Academie  der  Wissen- 
schaften vorstand;  von  ihnen  sind  nur  11  datirt,  während  die 
übrigen  84  keinerlei  Datum  tragen.  Diese  Briefe  sind  in  der 
„Internationalen  Bibliothek",  XIX,  Leipzig,  1876,  ins  Bussische 
übersetzt  worden  und,  weil  sowohl  die  Ausgabe  der  Mrs.  Brad- 
ford, als  auch  die  hier  erwähnte  Uebersetzung  verboten  wurden, 
Niemandem  in  Bussland  unbekannt.  Der  Fürst  Lobanow- 
Bostowskij  hat  sie  im  Original  gelesen,  aber  nicht  alle,  sondern 
nur  29. 

Die  erste  russische  Nachricht  über  diese  englische  Aus- 
gabe der  Memoiren  der  Fürstin  Daschkow  erschien  im  „Polar- 
stern", im  Jahre  1857,  wo  nach  einer  kurzen  Einleitung  über 
„Die  Fürstin  K.  B.  Daschkow"  (207)  eine  talentvolle  Nach- 
erzählung der  gesammten  „Memoiren  der  Daschkow"  abge- 
druckt wurde  (216).    In  London  aber  erschien  im  Jahre  1859 


—    296     — 

eine  vollständige  üebersetzung  der  ,,£rinnerungen  der  Fürstin 
E.  B.  Daschkow,  geschrieben  von  ihr  selbst^'  (rassisch),  die 
äusserst  nachlässig  angefertigt  ist;  eine  zweite  Ausgabe  dieser 
Uebersetzung  wurde  in  Leipzig,  s.  a.,  im  XIV.  Bande  der 
,,Intemationalen  Bibliothek^^  abgedruckt.  Die  der  englischen 
Uebersetzung  beigelegten  „Letters  trom  Bussia  in  the  years 
1805,  1806  and  1807"  (ü,  308)  sind  mit  Verkürzungen  im 
i,Bussischen  Archiv",  1873,  1828,  ins  Bussische  übersetzt 
worden. 

In  der  vorliegenden  Ausgabe  sind  beigelegt:  erstens,  ein 
„autograph  letter  of  Empress  Catherine  to  the  princess 
Dashkow"  (11,  63),  und  zweitens,  drei  Portraits  in  Kupfer- 
stich — :  der  Fürstin  Daschkow,  als  „lady  of  honour  to  Cathe- 
rine n."  (I),  der  Fürstin  Daschkow  „in  banishment"  (II)  und 
der  Kaiserin  Elisabeth,  „Empress  of  Bussia*^  (11,  201). 

Auf  diese  Ausgabe  stützt  sich  der  Aufsatz  D.  J.  Bowaiskij's: 
„Die  Fürstin  K.  B.  Daschkow",  der  in  den  „Vaterl.  Annalen", 
1859,  V,  1,  abgedruckt  ist. 

979.   Geschichte  des  Pugatschew'schen  Aufruhrs.  Ans  dem  Bassischen 
des  A.  Puschkin  von  H.  Brandeis.    Stuttgart,  1840. 

Im  December  1834  erschien  „mit  Bewilligung  der  Begie- 
rung"  die  „Geschichte  des  Pugatschew'schen  Aufstandes",  die 
A.  S.  Puschkin,  nach  den  Worten  seines  Uebersetzers,  „grossen 
Theils  aus  trüben  Quellen  geschöpft  hat:  bedenkt  man,  dass 
der  vom  Verfasser  verarbeitete  Stoff  aus  Manifesten,  XJkasen, 
Befehlen  und  Berichten  hergenommen  ist,  so  kann  der  Aus- 
druck trübe  Quellen  nicht  zu  hart,  und  meine  Kritik  nicht  un- 
gerecht scheinen,  weil  der  unschuldigste  Leser  schon  weiss,  was 
bei  solchen  Gelegenheiten  von  der  Wahrheitsliebe  der  Begie- 
rungen  zu  halten  sei"  (Vorrede).  Der  Uebersetzer  hat  im 
russischen  Original  kein  Wort  über  die  Gründe  des  „uner- 
warteten Erfolges"  Pugatschew's  gefunden  und  diesem  Mangel 
im  Vorworte  selbst  abgeholfen:    „Das  russische  Volk  befand 


—     297     — 

sich  Yon  jeher  unter  dem  Einflüsse  zweier,  sein  ganzes  Wesen 
durchdringender  G-efÜhle,  dem  nämlich  einer  unerschütterlichen, 
religiösen  Treue  gegen  seine  Monarchen  und  dem  eines  unver- 
söhnlichen, bitteren  Hasses  gegen  seine  adeligen  Herren^'  (V). 
Die  Möglichkeit,  dass  ein  Otrepjew  auftauchte,  wird  aus  dem 
ersten  Gefühle,  das  Auftreten  Pugatschew's  aus  dem  zweiten 
erklärt:  „es  war  der  Hass  des  Leibeigenen  gegen  seinen  adeligen 
Bedrücker,  es  war  die  krampihaft;e  Zuckung  eines  kräftigen, 
Yon  Wenigen  niedergetretenen  Volkes,  das  in  Pugatschew's  Er- 
scheinen nur  die  Gelegenheit  wahrnahm,  seine  schweren  Fesseln 
abzustreifen  und  seinen  Durst  nach  Bache  zu  stillen^'  (IX). 

Die  erste  Ausgabe  des  „historischen  Abrisses^^  Puschkin's 
kam  in  zwei  Bänden  heraus,  wobei  der  ganze  zweite  Theil  den 
Documenten  gewidmet  war.  Der  Uebersetzer  hat  nur  den 
ersten  Band  benutzt,  nur  die  Erzählung  des  Aufstandes,  über 
den  zweiten  aber  urtheilte  er  folgendermaassen:  „Man  kann 
keinem  Sterblichen  die  Geduld  zumuthen  Letzteren  zu  lesen,  ge- 
schweige zuübersetzen'<(XI).  Auch  die  Anmerkungen  Puschkin's 
zu  allen  acht  Gapiteln  hat  der  uebersetzer  nicht  übertragen, 
„weil  sie  nichts  weniger  als  erläuternd  und  überdies  entsetzlich 
langweilig  sind"  (XI).  Der  Uebersetzer  hat  sie  durch  für 
deutsche  Leser  nothwendigere  geographisch-statistische  Erläute- 
rungen ersetzt,  die  er  u.  A.  aus  der  „Topographisch-statistischen 
Beschreibung  des  Gouvernements  Orenburg",  I,  Debüt,  ge- 
nommen hat. 

Der  Uebersetzer,  ein  Arzt  von  Beruf,  hat  lange  in  Buss- 
land gelebt,  beherrschte  die  russische  Sprache  vollkommen  und 
hat  den  deutschen  Lesern  das  Werk  Puschkin' s  in  einer 
genauen  und  gut  geschriebenen  Uebersetzung  vermittelt. 

9$0.   H   postiglione   di   fondi,   dramma  in   quattro   atti  del  pittore 
Ludgi  Maria,    Milano,  1840. 

Bussisch  ist  in  diesem  Drama  nur  die  Zeit  der  Hand- 
lung —  „l'epoca  di  Caterina  11",  sowie  der  Ort  der  Hand- 


—     298     — 

lung  —  ,,la  scena  ä  nelle  vicinanze  di  Pietroburgo  e  propria- 
mente  nel  palazzo  di  delizia  dell'  imperatrice  denominato  lo 
Czar-Soeselo^'  (6,  51);  alles  Uebrige  ist  rein  itaUenisch,  sogar 
der  Okas  Katharina's  (69)  in'Anlass  des  gerichtlichen  Er- 
kenntnisses. Katharina  ist  als  Personification  der  Gerechtig- 
keit dargestellt  (56). 

981.  Die  neuesten  Zustände  der  Katholischen  Kirche  heider  Ritus 
in  Polen  und  Bussland  bis  auf  unsere  Tage.  Von  einem  Priester 
[Ätigtutin  Theiner],    Augsburg,  1841. 

Dies  ist  ein  sehr  wichtiges  Werk.  Wie  das  Werk 
Baamer's  (No.  955)  auf  lange  Zeit  ein  bestimmtes  ürtheil  über  die 
polnische  Frage  in  der  westeuropäischen  Litteratur  zum  herr- 
schenden gemacht  hat,  so  hat  die  yorliegende  Arbeit  dies 
ebenso  in  Bezug  auf  die  katholische  Frage  gethan.  Der  Ein- 
druck, den  dieses  Werk  erzielt  hat,  war  ein  so  entscheidender 
und  nachhaltiger,  dass  Graf  D.  Tolstoi  sogar  noch  nach 
zwanzig  Jahren,  als  er  dieselbe  Frage,  aber  von  anderen 
Gesichtspunkten  aus  behandelte  (No.  1102),  es  nicht  wagte,  das- 
selbe zu  erwähnen;  in  Bussland  aber  war  es  verboten,  von 
dem  Verfasser  sogar  in  encyklopädischen  Wörterbüchern  zu 
sprechen  (Beresin,  XIV,  492). 

Augustin  Theiner,  1804  —  1873,  war  Theologe  an  der 
Breslauer  Universität  und  hatte  in  Halle  den  Grad  eines 
Doctors  der  juristischen  Wissenschaften  erlangt.  Er  hat  Wien, 
London  und  Paris  zu  gelehrten  Zwecken  besucht.  Im  Jahre 
1833  arbeitete  er  in  Bom  im  Jesuiten-Seminar  und  wurde 
seitdem  ein  eifriger,  aber  gelehrter  Verfechter  der  päpstlichen 
Tendenzen.  Nachdem  er  im  Jahre  1859  Präfect  des  Vatica- 
nischen  Archivs  geworden  war,  gab  er  mehrere  wissenschaft- 
liche Werke  heraus,  die  ein  neues  Licht  auf  die  von  ihm  be- 
handelten Fragen  warfen,  und  darunter  auch  seine  bekannten 
„Monuments  historiques  relati&  aux  rfegnes  d' Alexis  Micha^lo- 
witsch,  Theodor  m  et  Pierre  le  Grand  de  Bussie,  Bome,  1859^', 


—    299     — 

sowie  „Vetera  monumenta  Poloniae  et  Lithuaniae  gentiumque 
finitimarum  historiam  illustrantia,  4  vi.,  Bomae,  1864'%  die 
bis  zum  Jahre  1775  geführt  sind.  Sein  älterer  Bruder  Johann 
Anton,  1799 — 1860,  gleichfalls  ein  gelehrter  katholischer 
Theologe,  wurde  im  Jahre  1845  excommunicirt. 

Augustin  Theiner  erfreute  sich  lange  des  Bufes  einer 
Autorität  in  katholischen  Fragen;  erst  im  Jahre  1869,  bei  der 
Frage  der  Concor date*).  wurde  anerkannt,  dass  Theiner  ein 
Fanatiker  sei,  der  bei  seinen  gelehrten  Arbeiten  das  unbe- 
dingte Vertrauen  nicht  verdiene,  das  er  früher  genossen  hatte. 
Als  solch'  ein  Fanatiker  erscheint  er  auch  in  dem  uns  vor- 
Uegenden  Werke. 

Als  Einleitung  dient  ein  ziemlich  umfangreicher  „Bück- 
blick auf  die  Bussische  Kirche,  und  ihre  Stellung  zum  heiligen 
Stuhl  seit  ihrer  Geburt  bis  auf  die  Kaiserin  Katharina  ü^'  (1). 
Das  Werk  selbst  zerfällt  in  drei  Theile:  1.  „Schicksale  der 
Unirten  seit  Katharina  11.  bis  auf  unsere  Zeit''  (131);  2.  „Die 
Bömisch- Katholische  Kirche  in  Bussland  und  in  Polen  seit 
Katharina  IE.  bis  auf  unsere  Tage"  (431)  und  3.  „Erziehung 
und  Unterricht  des  Bömisch-Katholischen  Klerus  in  Polen  und 
in  den  Polnisch -Bussischen  Provinzen"  (531).  Wie  in  allen 
Werken  Theiner's,  so  bilden  auch  hier  den  interessantesten 
Theil  die  Documente,  die  als  Beilage  abgedruckt  sind  — : 
1 37  Bullen,  Breves,  Promemorias,  Erlasse  und  andere  Papiere 
jeglicher  Art,  die  zum  grössten  Theile  vom  Verfasser  hier  zum 


*)  Die  umfangreiche  Arbeit:  »^L'eglise  romaine  et  le  premier  empire, 
par  M.  le  comte  d'Haassonville"  hatte  die  Lüge  der  Napoleonischen  Legende 
vernichtet,  nach  der  Napoleon  I.  als  ,3estaurator  Ecclesiae'*  erschien. 
Von  dem  Wunsche  erfiillt,  das  Prestige  seines  Oheims  wiederherzustellen, 
„erkauf te^'  Napoleon  III.  Theiner,  und  dieser  gab  seine  „Histoire  des 
deuz  concordats  en  ISOl  et  en  180S,  par  A.  Theiner''  heraus,  in  welcher 
er  dem  französischen  Imperator  Weihrauch  spendete  und  den  Grafen 
d*Haussonville  verleumdete,  was  schon  damals  aufgedeckt  wurde  (Histo- 
rische Zeitschrift,  XXV,  414). 


—     300     — 

ersten  Male  veröffentlicht  worden   sind.     Als  rother  Faden 
zieht   sich   durch   das   ganze  Werk   ein   blinder  Hass   gegen 
Eussland  wegen  seiner  Bechtgläubigkeit;  der  fanatische  Katholik 
verzeiht  den  Türken  ihren  Muhamedanismus,  aber  er  verbrennt 
die  Bussen,  weil  sie  den  Papst  nicht  als  irdischen  Gott  aner- 
kennen.  Der  katholische  Fanatismus  verblendet  den  gelehrten 
Theologen  und  Juristen  derart,  dass  er  schon  nicht  mehr  im 
Stande  ist,   originale  Actenstücke   von   gefälschten  zu  unter- 
scheiden,  und  dass  er  statt  einer  Geschichte  der  katholischen 
Kirche  in  Bussland  ein  politisches  Pamphlet  auf  die  russischen 
Herrscher   schreibt,   das,   um  die   Sprache   der   Zeitgenossen 
Kaiharina's  zu  gebrauchen,  „mit  allem  Stolze  und  mit  voll- 
endeter Bosheit  und  Grobheit*'  verfasst  ist  („Leben  Grimms", 
Moskau,    1871,   S.  20).     Er  nennt  Katharina  ein    „ruchloses 
Weib"  (161)  und  findet  „dass  keine  Herrscherin  so  sehr  die 
böse  Kunst  zu  lügen  und  zu  heucheln  verstand,  als  Katharina" 
(301);  ihre  Manifeste  sind  „Jacobinermanifeste  (181),  die  allen 
Bechten   der  Vernunft  und  Billigkeit  Hohn   sprechen"   (212) 
u.  s.  w.     Der  fanatische  Verfasser  hat  keine  Ahnung  davon, 
wie  hoch  er  Katharina  z.  B.  durch  solche  Urtheile  stellt,  wie 
die  folgenden:   „Es  hat  vielleicht  keinen  Herrscher  gegeben, 
der,  wie  Katharina,  ohne  irgend  einen  positiven  Kirchenglauben 
zu  haben,  gleichwohl  die  religiösen  Interessen  mit  einer  solchen 
kaltblütig  durchdachten  Strenge  und  Meisterschaft  zur  Seele 
seiner  Handlungen  gemacht  hat"  (147);  „es  liegt  eine  ausser- 
ordentliche Klugheit  in  dem  Verfahren  dieser  Herrscherin;  die 
Beligion  war  ihr  Mittel,  um  politische  Zwecke  zu  erreichen, 
und  sie  wusste  solches  ganz  nach  Beschaffenheit  der  Umstände 
zu  handhaben"  (158)  u.  s.  w.   Theiner  giebt  ihr  als  Herrscherin 
sogar  den  Vorzug  vor  dem  Papste  (301). 

Der  Fanatiker  erdrückt  den  Gelehrten:  Theiner  spricht 
den  Werken  Bulhiere's  (No.  876)  und  Eaumer's  (No.  955)  gleichen 
Werth  zu,  lobt  die  „Storia"  (No.  157),  ohne  zu  ahnen  (140),  dass 


—    801     — 

dies  eine  gefälschte  üebersetzung  aus  dem  Deutschen  ist,  und 
stellt  das  „Journal  historique  et  litt6raire  de  Luxembourg^' 
als  zuverlässige  Quelle  in  eine  Reihe  mit  den  päpstlichen 
Bullen  (256,  265,  269).  Eine  derartige  unwissenschaftliche 
Behandlung  der  Frage  ist  dem  Verfasser  jedoch  nicht  unge- 
straft hingegangen:  Er  fährt  eine  lange  Rede  des  Bischofs 
von  Nowgorod  Dmitrij  Ssjetschenow,  „Lieblings  der  Kaiserin, 
durch  dessen  und  des  Giftmischers  Orloff  Einfluss  sie  vor- 
züglich den  Thron  bestiegen  hatte'*  (141),  an,  weiss,  dass 
„diese  Rede  eine  ausserordentliche  Wirkung  in  allen  Ge- 
müthem  hervorgebracht  hatte**  (147),  beklagt,  dass  „der 
Redner  sich  von  seinem  Enthusiasmus  ftlr's  Vaterland  bis- 
weilen zu  weit  hinreissen  lässt,  und  nicht  selten  vom  hohen 
Kothurn  ins  Triviale  herabsteigt**  (141),  und  belehrt  die 
Bibliophilen:  „Diese  Rede  gehört  zu  den  grössten  Seltenheiten 
selbst  in  Russland  und  man  kennt  sie  heute  gar  nicht  mehr, 
da  Katharina  alle  Exemplare  später  auffangen  liess**  (140). 
Indess,  Dmitrij  Ssjetschenow  hat  etwas  Derartiges  überhaupt 
nicht  gesprochen,  und  diese  ganze  Rede  ist  nichts  weiter  als 
eine  italienische  Improvisation.  Nur  ein  Fanatiker  konnte  die 
freche  Fälschung,  die  direct  ins  Auge  springt,  nicht  merken. 
Derselben  italienischen  „Storia**  (IV,  38)  entnimmt  der  Ver- 
fjBisser  (226)  das  gefälschte  Manifest  vom  9.  Juni  1768,  durch 
welches  die  Saporoger  zur  Ermordung  der  polnischen  Schljachta, 
der  katholischen  Priester  (Ksendsen)  und  der  Juden  aufgerufen 
worden  sein  sollten  (Angeberg,  61). 

Nach  Theiner  sind  die  Polen  und  Türken  Helden,  vor 
denen  die  russischen  Feiglinge  dahinschwinden.  „Der  uner- 
schrockene Pulawski,  der  Leonidas  der  Helden  von  Bar*  (222) 
hält  eine  gefälschte  Rede  (Rulhi^re,  III,  30),  auf  welche  der 
Verfasser  seine  Schl^ssfolgerungen  gründet;  nach  „dem  glän- 
zenden Sieg  bei  Balta  und  Kochzin  (235),  erhielt  der  Sultan 
den   Titel   Hazi,   ganz   Russland    gerieth    in   Schrecken   und 


—     302     — 

Katharina  war  nahe  die  Gunst  der  Rassen  zu  verlieren^^  (236). 
Und  dieser  ganze  Unsinn  ist  von  einer  völligen  Niederlage  der 
Türken  und  Polen  begleitet,  die  selbst  „der  grosse,  tapfere 
und  besonnene  Achmet-Selim-Aga,  Befehlshaber  der  türkischen 
Truppen'^  (244)  nicht  retten  kann.  Es  versteht  sich  von  selbst, 
dass  nach  dem  Verfasser  „das  Verbrechen  der  Theilung  Polens 
allein  auf  Russland  lastet^'  (254);  dass  Eopisskij  „ein  be- 
rüchtigter griechisch-russischer  Bischof  von  Weissrussland  ist, 
der  sich  nur  auf  Schimpfen  und  Saufen  verstand^'  (2^^);  <1<^^ 
Ssestrenzewitsch,  „ein  wahres  Ungeheuer  von  Stolz  und  Hab- 
sucht und  vom  filzigsten  Geize,  alle,  auch  die  heiligsten  Rechte 
der  Kirche  aufopferte,  wenn  er  nur  seinen  Ehrgeiz  und  seine 
Habsucht  befriedigen  konnte"  (304)  u.  s.  w. 

Man  kann  nicht  umhin  zu  bedauern,  dass  in  einen  solchen 
,,phantastischen"  Rahmen  eine  Menge  sehr  werthvoller  Docu- 
mente  gestellt  ist,  ftir  deren  Veröffentlichung  die  Zeitgenossen 
dem  Verfasser  Dank  schuldig  waren. 

982.  M^moireB  d*ane  polonaise  poor  servir  k  lliiBtoire  de  la  Pologne 
depuis  1764  jxaq'k  1830,  par  Mme.  Fran^aise  Trembicka.  2  vis. 
PariB,  1841. 

Die  begabte  und  fleissige  Polin  Franziska  Trembizkaja  ist 
niemals  durch  die  politischen  Geschicke  ihres  Vaterlandes  in 
Mitleidenschaft  gezogen  worden.  Nach  dem  Aufstande  von 
1831  verliess  sie  Polen  und  lebte  in  Deutschland  und  Eng- 
land zu  der  Zeit,  als  die  polnische  Emigration  das  Interesse 
für  die  polnische  Nation  überall  wachrief.  Als  Augenzeugin 
und  Betheiligte  erzählte  sie  von  dem  Leben  in  einem  polnischen 
Dorfe  (n,  85,  113),  gab  einige  Einzelheiten  über  die  polnischen 
„Helden^^  des  Aufstandes  wieder  (11,  64,  83)  und  benutzte  ver- 
schiedene Werke  zur  Geschichte  Polens,  um  zwei  Bände 
herauszugeben,  die  jedoch  weder  „Memoiren",  noch  eigene 
Aufzeichnungen,  wie  im  Titel  angegeben  ist,  sondern  nur  eine 
historische  Compilation  über  Polen  im  Zeiträume  von  75  Jahren 


—     308     — 

enthalten,  üeber  die  Zeit  Eatharina's  11.  finden  sich  nur  vier 
Mittheilungen  nach  den  Worten  der  Väter  und  G-rossväter,  die 
damals  gelebt  (I,  58,  92,  119,  189),  aber  diese  Mittheilungen 
haben  keine  historische  Bedeutung.  Die  Compilation  ist,  schon 
dem  Aeusseren  nach,  ohne  Hintergedanken  verfasst:  ganze 
Seiten,  ganze  Capitel  sind  aus  S6gur  (I,  9,  71),  aus  Lelewel 
(I,  53,  60,  79,  81,  96,  99,  197),  aus  Bentkowskij  (I,  32),  aus 
Tschaikowskij  (I,  57),  aus  Lacretelle  (I,  65),  aus  Sajontschek 
(I,  94),  aus  Oginskij  (I,  100),  aus  Falkenstein  (93,  175,  204) 
und  aus  Anderen  ausgeschrieben.  Das  ganze  Capitel  „Insur- 
rection  du  Varsovie  en  1794"  (I,  120 — 163)  ist  den  „M6moires 
de  Eilinski*^  entnommen,  und  das  Capitel  „Eosciuszko"  (I,  203 
bis  234)  stammt  aus  dem  Werke  Falkenstein's.  Durch  seine 
Tendenz  hat  das  Werk  der  Franziska  Trembizkaja  nicht  wenig 
bei  der  Erweckung  der  Sympathie  für  das  Schicksal  der  pol- 
nischen Nation  in  der  westeuropäischen  Gesellschaft  und  bei 
der  Aufetellung  jener  „polnischen  Legende"  mitgewirkt,  die  die 
Ansichten  Westeuropas  über  ßussland  im  Laufe  yieler  Jahr- 
zehnte regulirt  hat. 

In  dem  ganzen  Werke  geschieht  keine  Erwähnung  der 
Küssen  oder  Busslands,  die  nicht  von  feindseligen  und  bos- 
haften Erklärungen  begleitet  wäre:  „on  tolere  les  Kusses  en 
Pologne,  mais  on  ne  sympathise  nuUement  avec  eux"  (23); 
„la  Russie,  plus  hal  que  Türe  et  Tartare  ne  le  furent  jamais" 
(109);  „les  Busses  contribu^rent  k  repandre  k  plaines  mains 
la  licence,  inhärente  aux  moeurs  d'un  peuple  sauvage  dont  la 
culture  n'est  qu'un  peu  de  clinquant"  (197)  u.  s.  w,  Ueber 
den  russischen  Gesandten  Stackeiberg  heisst  es:  „un  de  ces 
proconsuls  que  les  czars  ont  coutume  d'envoyer  pour  domi- 
ner  etc."  (69).  Der  Verfasser  ist  sogar  gegen  die  Polen  un- 
gerecht, aber  nicht  gegen  die  Katholiken,  sondern  z.  B.  gegen 
die  Dissidenten:  „Leurs  plaintes  6taient  d'autant  moins  fond6es 
qu'aucun  pays  de  l'Europe  n'a  manifeste  envers  les  sectaires 


—     304     — 

une  tol6rance  si  compläte'^  (53).  Es  versteht  sich  von  selbst, 
dass  das  katholische  Polen  von  Helden  wimmelt  — :  Ignatius 
Potozkij  (77),  EoUontai  (80),  Eostjuschko  (92),  ,,le  cordonnier 
Eilinski,  le  Minine  de  la  Pologne"  (118)  u.  s.  w.  Indess,  an- 
geachtet aller  Bemühungen  ist  es  der  Verfasserin  doch  nicht 
gelangen,  die  Veruriheilang  Stanislaas  Aagast's,  des  polnischen 
Königs,  za  mildem  (60,  65,  90,  100,  193,  195);  selbst  die  Er- 
zählung von  der  Gefangennahme  des  Königs  (61)  erweckt  keine 
Sympathie  für  denselben. 

Das  Unglück  Polens,  das  durch  die  Theilungen  herauf- 
beschworen wurde,  wird  zum  Theil  durch  die  inneren  Zwistig- 
keiten  erklärt  (45,  52),  wobei  der  erste  Gedanke  der  Theilung 
dem  Prinzen  Heinrich  von  Preussen  zugeschrieben  wird  (63), 
und  über  Preussen  äussert  die  Verfasserin  sich  stets  unsym- 
pathisch (97).  Da,  wo  die  Verfasserin  von  dem,  Bussland  er- 
gebenen Triumvirate  Branizkij,  Felix  Potozkij  und  Ssewerin 
Bschewusskij  spricht,  fügt  sie  hinzu:  „Catherine  fit  briller  aux 
yeux  de  Felix  Potocki  l'espoir  d'ime  couronne";  um  diese  Be- 
hauptung zu  belegen,  wird  in  einer  Anmerkung  mitgetheilt: 
„Le  g6n6ral  comte  de  Witt,  son  beau-fils,  a  entre  ses  mains 
toutes  les  lettres  de  l'imp^ratrice  k  ce  sujet^^  (88).  Katharina 
schätzte  Felix  Potozkij,  „weil  er  ein  ehrlicher  Mann  war^< 
(Sammlung,  XX VU,  479),  sie  war  auch  bereit,  ihm  das 
Commando  eines  Corps  polnischer  Truppen  zu  übertragen 
(Buss.  Archiv,  1874,  ü,  277),  aber  die  Frage  von  der  Ver- 
leihung der  polnischen  Krone  an  ihn  wird  nicht  einmal  in  dem 
intimen  Briefv^echsel  der  Kaiserin  mit  dem  Fürsten  Potjemkin 
erwähnt,  und  es  liegen  ausserdem  keinerlei  Angaben  vor,  dass 
Katharina  überhaupt  mit  Felix  Potozkij  in  Correspondenz  ge- 
standen hat. 

Die  Trembizkaja  spricht  viel  von  den  polnischen  Damen. 
Bei  der  Erzählung,  dass  die  Damen  im  Jahre  1792  den  König 
nicht  in  den  Krieg  liessen,    fügt  sie  hinzu:    „Ellles   se   sont 


—    305    — 

montr^es  bien  diff^rentes  Tann^e  1830,  tant  la  moralit^  avait 
hauss^;  mais  en  1792  leurs  larmes  etleurs  clameurs  insens^es 
yinrent  se  placer  entre  le  roi  et  im  devoir  qu'il  remplissait 
avec  röpugnance"  (91).  Der  Wunsch,  das  Polen  des  Xviil. 
Jahrhunderts  zu  erniedrigen,  um  die  Tapferkeit  und  den  Ruhm 
Polens  im  XIX.  Jahrhundert  desto  heller  erglänzen  zu  lassen, 
zieht  sich  durch  das  ganze  Werk  hin:  das  charakteristische 
„Polska  nierz^em  stoi'S  ^'  b*  jM  Pologne  existe  par  le  des- 
ordre"  (43),  „les  nobles  ligu6s  en  faveur  de  Tanarchie  si  fa- 
vorable  k  leur  despotisme  partiel"  (45)  u.  s.  w.  —  das  alles 
wird  nur  erwähnt,  um  es  den  Helden  der  Epopöe  von  1830 
gegenüberzustellen. 

„La  yigilance  de  l'envoy^  russe^^  (I,  2)  wird  ausschliesslich 
deshalb  von  der  VerfeÄserin  erwähnt,  damit  sie  sich  ein 
grösseres  Ansehen  beilegen  konnte.  Die  Trembizkaja  war  ein 
kleines  Mädchen,  als  Kostjuschko  im  Jahre  1817  starb  (I,  204), 
und  den  Aufstand  von  1830  erlebte  sie  in  der  Blüthe  ihrer 
Jahre. 

983.   Jeniska  j  Yalmore   6   la   huerfana  Kusa,   anecdota  historica. 
Por  Mr..,,  official  de  artUleria.    Barcelona,  1841. 

Der  Verfasser  dieser  Broschüre  giebt  über  seine  Quelle 

den  folgenden  Aufschluss:  „estractada  de  im  manuscritto  que 

se  encontrö  en  un  convento  de  Smolensk'^      Das   ist  nichts 

weiter,  als  ein  Herausgeberkniff,  und  die  „historische  Anecdote'^ 

selbst  ist  die  Geschichte  der  Tarakanow:  „Jeniska,  la  hija  de 

la  augusta  Isabel'  (46)  ist  „Elisabeth  Tarakanow,  Tochter  der 

Kaiserin  Elisabeth  Petrowna",  und  „Valmore,  marino  y  cor- 

sario"  (64)  ist  der  ihr  vom  Fürsten  Radziwill  bestellte  Wächter. 

Die   ganze  Erzählung   besteht   aus   einer   „Introduccion   a  la 

historia  de  Jeniska"  (3)  und  zwei  Theilen  (18,  119).     Im  ersten 

Theile  concentrirt  das  Interesse  der  Bezahlung  sich  auf  den 

Fürsten  Badziwill,  im  zweiten  auf  den  englischen  Consul  Deak; 

in  beiden  Theilen  erscheint  Graf  A.  G.  Orlow,  „gran  maestre 

BilbasBOff,  KaftuurlnAlL  20 


—    806     — 

de  ceremoma's  y  primer  chambelan'^  (50),  als  ,,traidor'^  (89), 
yytartarö  feroz^^  (128)  und  ,,p6ri£ido  Ealmuk''  (166).  Die  ganze 
Erzählung  ist  erdichtet,  eine  Ausgeburt  der  Phantasie;  die  Eede 
der  Tarakanow  (87),  das  Gespräch  Orlow's  mit  Deak  (100)  und 
der  Brief  Deak's  (140)  etc.  sind  vom  Verfasser  erfunden.  Die 
Erzählung  reicht  bis  zur  Abfahrt  des  Schiffes  aus  Livomo. 

Der  Broschüre  ist  ein  Holzschnitt  beigelegt:  Orlow  trägt 
die  Tarakanow  auf  den  Annen  fort,  um  sie  in  ein  Boot  zu 
bringen. 

984.    Denkwürdigkeiten   des   Freiherm  Achatx  Ferdinand  von  der 
Asseburg.    Berlin,  1842. 

Der  Baron  Achatz  von  Asseburg,  1721 — 1797,  begann  die 
diplomatische  Laufbahn  in  Diensten  des  Landgrafen  von  Hessen- 
Kassel;  im  Jahre  1753  trat  er  in  dänische  Dienste  und  im 
Jahre  1771  in  russische.  Als  Vertreter  Dänemarks  hatte  er  in 
Stockholm,  Berlin,  Stuttgart  und  von  1765  bis  1768  in  Peters- 
burg gelebt;  als  Vertreter  Russlands  wurde  er  1773  nach 
Begensburg  gesandt,  wo  er  auch  bis  zu  seinem  Tode  im  Jahre 
1797  verblieb,  Der  Titel  des  Buches  entspricht  nicht  dem 
Inhalte.  Asseburg  hat  nicht  seine  „Memoiren''  hinterlassen, 
sondern  nur  eine  Menge  Briefe  und  Depeschen,  aus  denen 
dann  später  eine  zusammenhängende  Erzählung  verfasst  worden 
ist:  „aus  den  in  dessen  Nachlass  gefundenen  handschriftlichen 
Papieren  bearbeitet  von  einem  ehemals  in  diplomatischen  An- 
stellungen verwendeten  Staatsmanne.''  Für  uns  ist  diese  „zu- 
sammenhängende Erzählung"  nicht  von  Wichtigkeit,  welche 
von  irgend  einem  unbekannten  „Staatsmannes'  verfasst  worden 
ist,  wohl  aber  sind  es  die  Documente,  die  ihr  zu  Grunde  ge- 
legt sind,  soweit  sie  sich  als  Bruchstücke  im  Texte  und  voll- 
inhaltlich in  den  Beilagen  vorfinden. 

Asseburg  hat  gegen  drei  Jahre  am  russischen  Hofe  zu- 
gebracht, er  hat  Katharina  auf  ihrer  Beise  nach  Jaroslawl 
und  Kostroma  begleitet  (140)  und  nicht  nur  ihre  Briefe  (274  £F.), 


—    307     — 

sondern  auch  ihre  Worte  aufbewahrt  (123,  130,  175);  er 
stand  zu  den  zeitgenössischen  Herrschern  in  Beziehungen,  so- 
wie zu  den,  Katharina  am  nächsten  stehenden  grossen  Männern 
ihrer  Zeit,  und  betheiligte  sich  an  der  Erledigung  der  hol- 
steinischen Angelegenheit  (71,  118,  124,  132),  von  der  Aus- 
wahl der  ersten  Braut  des  Grossflirsten  Paul  Petrowitsch  (244) 
gar  nicht  zu  reden;  endlich  hat  er  im  Laufe  von  mehr  als 
20  Jahren  die  Interessen  Russlands  in  Regensburg  vertreten. 
Es  ist  also  ein  reiches  Material,  das  in  seinen  Papieren  ent- 
halten ist.  Er  folgt  nicht  dem  Beispiele  Anderer  und  theilt 
keinerlei  Anecdoten  vom  russischen  Hofe  mit,  auch  behandelt 
er  nicht  die  persönlichen  Beziehungen  der  Hofleute  zu  ein- 
ander und  erwähnt  das  Privatleben  Eatharina's  nicht  mit  einem 
Worte.  Er  giebt  nur  ein  einziges  Charakterbild,  dasjenige 
Paul  Petrowitsch's  (174),  jedoch  es  ist  ausserordentlich  miss- 
lungen.  Aber  die  sachlichen  Mittheilungen  Asseburg's  sind 
im  höchsten  Grade  wichtig.  Als  Augenzeuge  berichtet  er 
über  die  Berufung  von  Deputirten  flir  die  Abfassung  des 
Projects  eines  neuen  Gesetzbuches  (168),  er  spricht  von  der 
Dissidenten-Frage  (158),  von  der  Braunschweigischen  Familie 
(170)  und  theilt  ein  „Memoire  sur  le  d6tr6nement  de  Pierre  III" 
mit  (315),  das  nach  den  Worten  des  Grafen  N.  J.  Panin 
niedergeschrieben  ist  und  ein  sehr  wichtiges  Document  bildet. 
Asseburg  befreundete  sich  mit  Panin  schon  in  Stockholm, 
wo  sie  zu  gleicher  Zeit  als  diplomatische  Agenten  thätig 
waren  und  ein  und  dasselbe  Ziel,  die  Beseitigung  der  französi- 
schen Partei  am  schwedischen  Hofe,  verfolgten.  In  den  Jahren 
1765 — 1768  begegneten  sie  sich  häufig  in  Petersburg  und  in 
Moskau.  Bei  der  Abreise  Asseburg's  aus  Moskau  im  Januar 
1768  schrieb  Panin  an  ihn:  „Soyez  persuadÄ,  mon  digne  et 
vrai  ami,  qu'on  ne  saurait  sentir  plus  que  je  ne  le  sens  notre 
Separation.  Mon  coeur  p6n6tr6  de  vos  sentiments  pour  moi, 
vous  suivra  partout,   et  l'esp^rance  qu'un  heureux  avenir  me 

20* 


—     308     — 

präsente  y  fait  ma  consolation.  Conservez  moi,  je  vous  en  con- 
jure,  Yotre  amitid,  et  ne  doutez  point  de  la  mienne^'  (278). 
Später  hat  Asseburg  wiederholt  Gelegenheit  gehabt,  sich  von 
der  Aufrichtigkeit  dieser  Worte  Panin's  zu  überzeugen.  Ihm, 
als  seinem  Freunde,  hat  Panin  und  wie  es  scheint,  wiederholt, 
die  Einzelheiten  der  Umwälzung  vom  28.  Juni  1762  er- 
zählt, und  er  hat  dies  drei,  vier  Jahre  nach  dem  Elreignisse 
gethan,  als  diese  Einzelheiten  ihm  noch  frisch  im  Gedächt- 
nisse waren.  Bei  diesen  Erzählungen  sind  die  Hauptsachen 
frkst  wörtlich  wiederholt  worden,  während  die  unbedeutenden 
Vorgänge  manchmal  bis  zum  Widerspruche  varürten,  z.  B.: 
„Mr.  de  Panin  fait  passer  un  carosse  ä  6  chevaux  de  voitu- 
riers  ä  PeterhoP'  (318),  und  einige  Zeilen  weiter  unten: 
„rimp^ratrice  partit  de  Peterhof  dans  le  carosse  que  Mme. 
Ichudin  lul  avait  envoj^'^;  der  ganze  Zug  Eatharina's  nach 
Peterhof  ist  auf  den  29.  Juni  verlegt  (321),  und  es  finden 
sich  auch  sonst  noch  andere  üngenauigkeiten.  Derartige 
Widersprüche  und  üngenauigkeiten  Asseburg,  als  dem  Ver- 
fasser der  Darstellung  nach  einem  Berichte,  auf  die  Rechnung 
zu  setzen,  ist  nicht  möglich:  er  hat  gewissenhaft  nachgeschrieben, 
was  er  hörte,  wobei  er  die  eigenen  Ergänzimgen  als  Anmerk- 
ungen unten  hinzufügte,  ohne  sie  in  den  Text  der  Erzählung 
aufzunehmen.  Es  ist  schwer,  ohne  das  Manuscript  in  Händen 
zu  haben,  zu  entscheiden,  wann  gerade  Assebui^  diese  Erzäh- 
lung Panin's  niedergeschrieben  hat:  die  Rede  geht  [über  das 
Elreigniss  von  1762,  Panin  erzählte  es  in  den  Jahren  1765 — 
1767,  in  den  „Denkwürdigkeiten^^  wird  es  unter  dem  Jahre 
1779  behandelt,  und  in  der  Aufzeichnung  selbst  findet  man 
eine  Erwähnung  des  Jahres  1796.  Bei  einer  Erwähnung 
Panin's  bemerkt  Assebui^  in  einer  Anmerkung:  „alors  grand- 
maltre  du  jeune  Grand- Duc,  plus  tard  Empereur  Paul  I" 
(316),  und  in  Bezug  auf  Passek  sagt  er  in  einer  Note:  „cor- 
don  bleu  par  l'impöratrice  Catherine  11  la  demiöre  ann^  de 


—     309     — 

8on  rftgne'^  (318.  Heute,  wo  nnr  die  gedruckte  Ausgabe  vor- 
liegty  ist  es  unmöglich,  zu  entscheiden,  ob  diese  Bemerkungen 
später  in  der  Form  von  Zusätzen,  gemacht  worden  sind,  oder  ob 
sie  gleichzeitig  mit  dem  Texte  geschrieben  wurden.  In  letzterem 
Falle  müsste  man  die  Abfassung  dieses  „Memoire  sur  le  d6t- 
rönement  de  Pierre  HI''  auf  das  Ende  des  Jahres  1796  oder  auf 
den  Anfang  des  Jahres  1797  verlegen,  als  Asseburg,  der  seit 
1792  verabschiedet  war,  den  Winter  in  Braunschweig  zubrachte 
(445).  Hier  starb  er  auch  am  17.  März  1797.  Das  „Memoire'' 
ist  im  „Russ.  Archiv",  1879,  I,  363,  in's  Russische  übersetzt. 

Die  Frage  Tom  Austausche  des  Herzogthums  Holstein- 
Gottorp  gegen  die  Grafschaften  Oldenburg  und  Delmenhorst 
(101),  bei  deren  Lösung  Assebui^  unmittelbar  betheiligt  war, 
wird  durch  seine  „Denkwürdigkeiten",  d.  h.  durch  die  in  ihnen 
mitgetheilten  Documente  (178),  bedeutend  aufgeklärt.  Die 
„Vermählungs-Angelegenheit  des  Grossfilrsten  Paul  von  Buss- 
land mit  der  Prinzessin  Wilhelmine  von  Darmstadt"  (d.  h.  mit 
Natalja  Alexejewna)  ist  sehr  ausführlich  dargestellt  (244).  Das 
Capitel  über  die  „Gesandschaft  am  Reichstage",  die  25  Jahre 
währte,  von  1773  bis  1797,  ist  wichtig  für  die  Aufklärung  der 
Frage  von  dem  Eünflusse  Russlands  auf  die  deutschen  Angelegen- 
heiten (287). 

Als  Asseburg  die  Nachricht  von  dem  Tode  Katharina' s 
erhalten  hatte,  schrieb  er  an  den  „Staatsmann",  der  seine 
„Denkwürdigkeiten"  herausgegeben  hat:  „eile  6tait  depuis 
trente  ans  ma  protectrice  et  ma  bienfaitrice,  nannte  sie  »cette 
grande  Souveraine«  und  qualificirte  siefolgendermassen:  „rome- 
ment  de  son  sifecle  et  Tobjet  de  Tadmiration  des  suivans"  (306). 

985«   La  dragonne,   com6die   en   denx   actes,   m^l^e   de  chant  par 
MM.  Dumanoir  et  H.  Le-Boux.    Paris,  1842. 

Dies  ist  keine  Ecmödie,  sondern  ein  Vaudeville  über  das 
Sujet:  „Die  Potjemkin'sche  Degenquaste"  am  Tage  der  Thron- 
besteigung,    deren     Geschichte     den    Verfassern     aus     den 


—     310     — 

y^^moires  de  S^gur^'  (II,  252)  bekannt  war.  Am  besten  ist 
das  Thema  der  yermeintlichen  Verschwörangen  and  Gefahren 
ausgearbeitet,  durch  welehe  G«  0.  Orlow  Katharina  in  Fureht 
erhielt.  Potjemkin  enthüllte  „qu'  Orloffe  continue  k  jouer  ses 
com6dies  de  complots,  qui  n'aboutissent  Jamals,  et  il  a  tou- 
jours  la  gloire  du  d6nouement,  puisqu'il  est  Tauteur  de  la 
piäce"  (22).  Potjemkin  löste  Orlow  ab,  der  sich  mit  folgender 
Sentenz  aus  der  höfischen  Philosophie  tröstete:  „AUons: 
J'aurais  dur6  deux  ans!  C'est  fort  honngte  pour  un  amant .  .  . 
c'est  Enorme  pour  un  ministre''  (25).  Auf  dem  Pariser 
Theater  des  Palais -Royal  erschien  Katharina  in  folgendem 
Kostüme:  „Habit- veste  militaire  avec  brandenbourgs  d'or  et 
revers  ouverts  sur  la  poitrine,  un  crachat  et  un  grand  cordon 
en  sautoir;  jupe  de  satin  blanc,  fagon  amazone;  chapeau  k  la 
Louis  XIV,  noir,  avec  liserö  d'or,  cocarde  et  plumes  blanches 
flottantes  et  rabattues;  6p^e  au  (M6  avec  dragonne  en  or 
melöe  d'un  peu  de  lain  verte"  (27).  Zu  Anfang  und  zum 
Schluss  der  Komödie  singt  der  Chor: 

Gloire  k  Catherine! 
Hommage  ä,  sa  beaut^! 
Que  chacun  slncline 
Devant  sa  majest^, 
De  g^nie  et  de  graces, 
Modöle  tonr-&-tour. 
Enchalnez  sur  vos  traces 
Et  la  gloire  et  ramoor. 

986.   Les  deux  impöratrices,  ou  une  petite  gnerre,  comödie  en  troie 
actes,  par  M.  Aneelot    Paris,  1842. 

Die  zwei  Kaiserinnen  sind  Katharina  U.  und  Maria 
Theresia,  als  zwei  entgegengesetzte  Frauencharaktere:  die  eine 
ist  lebenslustig  und  überreich  an  Liebe,  die  andere  dagegen 
eine  herzlose  Frömmlerin  und  trockene  Egoistin.  Maria 
Theresia  gesteht  Katharina  zu,  dass  sie  „belle  et  brillante^^ 
sei  (8),  und  macht  sich  selbst  Vorwürfe  darüber,  dass  sie  stets 


—     311     — 

,,cett6  joie,  ces  plaisirs''  vermieden  habe  (14);  Katharina  be- 
kennt spöttisch,  dass  ihr  G-atte  ,ydans  nos  henres  de  tdte  k 
tSte  m'apprenait  k  faire  rexerciee^'  (9),  nnd  ruft  ans:  ,,Comme 
fl  7  a  des  moments  oü  Ton  donnerait  tons  les  plaisirs  ponr 
le  cakne  d'nne  vie  sans  reproche^'  (17)1  Das  Thema  ist  sehr 
schwach  verarbeitet  und  von  den  „zwei  Kaiserinnen"  tritt  in 
der  Komödie  nicht  eine  als  Siegerin  hervor. 

987«  Notes  sur  ma  captivit^  k  St  P^tersbourg,  an  1794,  1795  et 
1796.  Ouvrage  in^dit  de  J.  H.  Nicfncewiex,  publik  d'aprös  le 
manoscrit  autographe  de  Taateur,  par  Tordre  du  comit^  histo- 
rique  polonais  k  Paris.    Paris,  1843. 

Der  Dramatiker  und  Dichter,  Publicist  und  Bedner,  der 
Freund  Kostjuschko's  und  Feind  Kusslands  und  besonders 
Katharina's,  Njemzewitsch,  wurde  bei  Maciejowizy  gefangen 
genommen,  womit  auch  seine  „Notes  sur  ma  captivitö"  be- 
ginnen (11).  Sie  sind  in  sechs  Theile  eingetheilt:  „Bataille 
de  Macieiowice"  (1),  „ItinÄraire  de  captifs"  (33),  „Interro- 
gatoire"  (85),  „Compagnons  de  captivitö"  (117),  „Vie  de  prison" 
(141),  „Elargissement"  (ie5> 

Njemzewitsoh  hasste  und  verachtete  die  Bussen  (35),  und 
alle  seine  Aeusserungen  über  Bussland,  „etaient^',  nach  seinen 
eigenen  Worten,  „d'une  sanglante  Ironie  et  ne  manquaient  pas 
de  seV^  (31).  Er  war  in  Bussland  im  Jahre  1786  und  be- 
suchte Kijew  und  das  Höhlenkloster  (59);  er  interpretirt  die 
russischen  Worte  und  Ausdrücke  stets  richtig  (40,  62,  63,  127, 
162),  da  er  russisch  verstand  (56);  auch  lässt  er  der  musika- 
lischen Begabung  der  Bussen  Gerechtigkeit  widerfahren:  „II 
n'y  a  peut-etre  pas  de  peuple  qui  ait  plus  de  dispositions 
pour  la  musique  et  qui  Taime  autant  que  les  Busses.  Bien 
de  plus  m61ancolique,  de  plus  touchant  que  leurs  airs  et  l'ez- 
pression  avec  laquelle  ils  les  chantent:  il  semblait  que  leur 
esclavage,  le  malheur  de  leur  condition  s'exhalaient  dans  leurs 
sons  plaintifs^'  (77).   Er  lobt  die  russische  Manier  des  Häuser- 


—     312     — 

baues:  ,,les  russes  excellent  dans  la  constniction  en  bois  — 
nulle  pari  je  n'ai  yu  des  maisons  aussi  bien  bäties^^  (64). 
Mit  Ausnahme  der  Musik,  und  hier  auch  nicht  einmal  der 
Hommusik  (46),  und  der  Holzhäuser  aber  ist  es  in  Bussland 
mit  Allem  schlimm  bestellt,  besonders  mit  den  Menschen  (12, 
19,  35). 

In  den  „ Bemerkungen^'  Njemzewitsch's  sind  nur  die 
culturgeschichtlichen  Mittheilungen  über  Alles,  was  er  ge- 
sehen und  selbst  erlebt  hat,  wichtig.  Sowohl  vor  der  Ge- 
fangenschaft (2),  als  auch  vor  der  Befireiung  (200),  begegnet 
er  tiberall  Polen,  die  das  Vaterland  verrathen  und  sich  Buss- 
land hingegeben  hatten.  Schon  auf  dem  Wege  nach  Peters- 
burg benutzt  er  die  Gelegenheit,  um  von  der  Bekanntschaft 
Basumowskij's  mit  der  GrossftLrstin  Natalja  Alexejewna  (45), 
von  Soritsch  (70)  und  Korssakow  (66),  von  Gatschino  (77)  und 
von  den  Franzosen  in  der  Provinz  und  in  den  Besidenzen  zu 
erzählen:  „La  Bussie  fourmille  de  perruquiers  et  autres  gens 
de  cette  expfece  venus  de  France,  qui  se  fönt  gouvemeurs, 
m^decins,  secr6taires,  des  premiers  maisons  de  P^tersbourg  et 
de  Moscou"  (60).  Er  hörte  von  dem  Diebstahle  der  Potjem- 
kin'schen  Brillanten  durch  die  Gräfin  Branizkij  (136),  von 
einem  Bankdiebstahle  (138)  u.  dgl.  m.,  selbst  aber  sah  er  die 
Paläste,  die  für  die  taurische  Beise  Eatharina's  gebaut  worden 
seien  (69);  er  lebte  in  einer  Kasematte  der  Peter  Pauls- 
Festung  (86,  128)  und  sah  im  Palais  die  Chevaliergardisten 
(191),  über  die  er  mehr  boshaft,  als  witzig  urtheilt;  er  war  in 
Petersburg,  als  Katharina  starb  (178,  192),  und  sah  sie  auf 
der  Todtenbahre  (196).  Man  findet  bei  ihm  wichtige  und 
interessante  Bemerkungen.  So  schreibt  er,  als  er  durch 
Weissrussland  reiste,  das  Polen  bei  der  ersten  Theilung  ent- 
rissen wurde,   folgendes*):    ,Je   dois  ici   ce   triste   aveu  ä  la 


*)  Im  polnischen  Original  (No.  1008)  ist  diese  Stelle  fort^lassen. 


—     313     — 

verit^,  que  ce  pays  m'a  paru  avoir  infinement  gagnä  depuis  le 
partage''  (71). 

Njemzewitsch  schrieb  seine  y,B^^^^^^S®^''  ^^^  Jahre 
nach  seiner  Befreiung  aus  der  Gefangenschaft,  im  Jahre  1800, 
als  er  sich  bereits  in  Amerika  befand  und  der  Kummer  über 
das  Unglück,  das  ihn  betroffen  hatte,  sich  bereits  sichtlich 
gemildert  hatte.  Er  schildert  z.  B.,  nachdem  er  die  Kasematte 
fast  vergessen  hatte,  sein  Mittagsessen  folgendermaassen : 
„notre  diner  se  composait  d'une  soupe,  d'un  bouilli,  d'une 
entr^e,  d'un  röti,  de  pätisseries,  et  d'une  bouteille  de  vin  ou  de 
porter"  (153).  Die  Nachrichten,  die  er  über  Deboli  (109), 
Bonneau  (124)  und  Kilinskij  (134)  mittheilt,  sind  sehr  inter- 
essant, diejenigen  über  die  Gefangenschaft  Kostjuschko's 
vollkommen  richtig  (158).  Nur  „Catherine  impudique"  kann 
er  auch  in  Amerika  nicht  leiden,  selbst  nach  ihrem  Tode 
nicht:  „J'en  demande  bien  pardon  auz  pröneurs  de  l'immor- 
teile  Catherine;  mais  dans  les  petites  cruaut6s  qu'elle  exer^ait 
envers  nous,  je  ne  vois  rien  de  grand,  ni  d'immortel:  c'^tait 
tout  simplement  le  d6pit  d'une  vieille  femme  aussi  vaine  que 
vindicative"  (138,  158).  Persönliche  Beleidigungen  werden 
am  meisten  empfunden  — :  als  man  sich  für  den  „Arrestanten 
Njemzewitsch"  verwandte,  „on  avait  r^pondu  que  ma  haine 
personnelle  contre  Timpdratrice,  les  discours  outrageants  que 
j'avais  prononc^s  contre  eile  ä  la  difete,  mes  propos  satiriques 
sur  le  pnnce  Potemkin  et  le  favori  d'aujourd'hui,  m^ritaient 
des  rigueurs  bien  plus  grandes  encore  que  celles  que  j'^prou- 
vais"  (143). 

Die  Beschreibung  der  Schlacht  bei  Maciejowizy  (11)  muss 
man  der  Beschreibung  des  Generals  Sajontschek  in  No.  801 
gegenüberstellen.  Hierüber  siehe  auch  No.  1008.  Sehr  treffend 
ist  das  Urtheil  über  Stanislaus  August;  „II  n'avait  ni  carac- 
tfere,  ni  courage;  plus  vain  qu'ambitieux,  il  pr6f6rait  d'etre 
lou6  par  les  voyageurs  et  les  joumalistes  que  de  laisser  un 


—     314    — 

nom  dans  Thistoire"  (100).  Die  Beschreibung  des  Jagd- 
schlosses dieses  Königs,  ^^timide  et  indolent'^,  in  Koziennice 
ist  sehr  interessant  (36).  Die  Einzelheiten  über  General  Fersen 
(20),  über  General  Chmschtschew  (35)  und  über  Major  Titow 
(68)  sind  vielleicht  richtig. 

Ueber  den  Verfassersiehe:  „Vie  de  Julien  ürsin  Niemcewicz, 
par  le  prince  Adam  Czartoriski.  Paris,  1861^'. 

988.   Memoirs  of  Pdiä  Jones,  late  rear-admiral  in  the  Bussian  Service. 
2  vis.     London,  1848. 

Ganz  zu  Anfang  des  zweiten  Türkenkrieges,  am  13.  Fe- 
bruar 1788,  schrieb  Katharina  an  den  Fürsten  Potjemkin, 
dass  sie  Paul  Jones,  der  „sehr  geeignet  ist,  beim  Feinde 
Furcht  und  Zittern  zu  vermehren'^  für  ihren  Dienst  gewonnen 
hätte  und  ihm  befehlen  würde,  „direct  zu  Ihnen  zu  fahren^' 
Hierbei  fügte  die  Kaiserin  hinzu:  „Ich  beeile  mich,  Dir  dies 
mitzutheilen ,  weil  ich  weiss,  dass  es  Dir  nicht  unangenehm 
sein  wird,  einen  Bullenbeisser  mehr  auf  dem  Schwarzen  Meere 
zu  haben"  (Sammlung,  XXVII,  474).  Eine  Woche  darauf, 
am  22.  Februar,  schrieb  sie:  „Paul  Jones  gilt  selbst  bei 
den  Engländern  als  zweiter  Seeheld,  —  Admiral  Hood  ist  der 
erste,  dieser  aber  der  zweite;  er  hat,  als  er  bei  den  Ameri- 
kanern war,  die  Engländer  viermal  geschlagen^'  (ibid.,  475). 
In  dem  Bescripte  an  den  Fürsten  Potjemkin  vom  4.  April  1788 
heisst  es:  „Den  Kapitän  unserer  Flotte  mit  dem  Range  eines 
Generalmajors  Paul  Jones  befehlen  Wir  AUergnädigst  zum 
Contre- Admiral  zu  ernennen,  sobald  er  bei  Ihnen  eintreffen 
wird"  (Ibid.,  484).  Kaum  war  Jones  in  Petersburg  angelangt, 
so  entzückte  er  Katharina  durch  seine  Lust,  nach  dem 
Schwarzen  Meere  zu  fahren;  auch  machte  er  ihr  sofort  den 
Vorschlag,  Sinope  zu  annectiren  „um  eine  Zuflucht  vor  den 
mächtigen  Stürmen  zu  haben"  (ibid.,  487).  Er  entzückte  auch 
den  Fürsten  Potjemkin  (ibid.,  491),  besonders  durch  den  Sieg 
im  Liman,  über  den  Katharina  am   21.  Juni  1788  schrieb: 


—     315     — 

yj'ai  re^u  la  nouvelle  qne  le  prince  de  Nassau  et  Paul  Joneb 
86  sont  battus  dans  le  Limaa  avec  soixante  vaisseaux  turcs, 
qu'ils  en  ont  fait  sanier  trois  et  qa'ils  ont  chass6  les  autres^' 
(ibid.,  XXTn,  451).  Aber  die  Seeleute,  unter  denen  sich  auch 
Engländer  befanden,  lehnten  sich  gegen  Jones  auf;  Katharina 
schrieb  hierüber  an  den  Fürsten  Potjemkin  am  25.  Juni  1788: 
„Dass  die  Seeleute  alle  über  Paul  Jones  wüthend  sind,  be- 
klage ich;  Gebe  G-ott,  dass  sie  aufhörten,  zu  rasen;  er  ist  uns 
nöthig^'  (ibid.,  XXVII,  501).  Es  begannen  Intriguen  und 
Verleumdungen,  und  die  Unzufriedenheit  wuchs  (ibid.,  529): 
Jones  musste  den  Dienst  in  der  Armee  des  Fürsten  Potjemkin 
quittiren*)  und  erschien  wieder  in  Petersburg,  aber  auch  dort 
verfolgten  ihn  die  Ehi^länder  nicht  weniger  als  die  Bussen,  so 
dass  Katharina  in  einem  Briefe  vom  15.  August  1792  bereits 
schreibt:  „Ce  Paul  Jones  6tait  une  bien  mauvaise  tSte'^  (ibid., 
XXm,  575). 

Der  Schottlander  Paul  Jones,  1747—1792,  der  Begründer 
der  nordamerikanischen  Flotte,  der  Schrecken  der  englischen 
Seeleute,  der  „Schaumfahrer  der  Meere'S  ^^  ^eli  der  Bomane 
yon  Gooper  und  Dumas,  bleibt  bis  heute  eine  rärthselhafte 
Persönlichkeit  für  Bussland,  dem  er  wesentlichere  Dienste  ge- 
leistet hat,  als  Viele  der  Ausländer,  die  von  Katharina  in 
russische  Dienste  aufgenommen  worden  sind.  Noch  bei  seinen 
Lebzeiten  erschienen  in  Paris  im  Jahre  1789  „M^moires  de 
Paul  Jones^S  und  ungeachtet  dessen,  dass  ihre  Unechtheit  bald 
nachgewiesen  wurde,  sind  sie  doch  im  Jahre  1830  in  Edin- 
burgh ins  Englische  übersetzt  worden.  Im  Jahi*e  1826  kam 
in  Washington  das  Werk  von  Sherbume:  „Life  of  Paul  Jones" 
heraus,  das  sich  auf  die  Nachrichten  stützte,  die  sich  im  Archiv 
des  See-Departements  in  New-York  befanden.     Endlich,  im 


*)  Siehe  „Der  Prinz  von  Nassau -Siegen  in  Enssland*'  im  „Neuen 
Worf  S  1894,  MSn,  208,  Anmerkung  1. 


—    316     — 

Jahre  1843,   erschien   aach   das  Torliegende  Werk,   das  nach 
den  Originalpapieren  Jones'  yerfasst  ist  (Pre£Efcce,  IX). 

Im  September  1787,  als  die  Nachricht  Ton  dem  Storme 
anf  dem  Schwarzen  Meere,  der  unsere  Flotte  hinw^gefegt 
hatte  (Sammig.,  XXIII,  433),  nach  Paris  gelangte,  machte 
der  Nachfolger  Franklin's  am  VersaUler  Hofe,  Jefferson,  I.  M. 
Simolin  auf  Jones  aufinerksam,  ab  anf  einen  Admiral,  der 
fähig  wäre,  Rnssland  grosse  Dienste  im  Schwarzen  Meere  zu 
erweisen  (I,  307).  In  Folge  dessen  schrieb  Simolin  an  Katharina 
„that  with  the  chief  command  of  the  fleet  and  carte  blanche 
he  would  undertake  that  in  a  year  Paul  Jones  would  make 
Constantinople  tremble^^  (I,  308).  Im  März  1788  war  Jones 
bereits  in  Kopenhagen,  wo  er  vom  Baron  Kiiidener,  dem  Ver- 
treter Russlands,  den  officiellen  Antrag  erhielt,  in  russische 
Dienste  überzugehen  (I,  319).  Am  Abend  des  23.  April  langte 
Jones  in  Petersburg  an  (11,  10)  und  wurde  am  25.  April  der 
Kaiserin  vorgestellt  (I,  327).  Fin  Jahr  später,  unter  dem 
7.  März  1789,  findet  sich  bei  Chrapowizkij  notirt:  „Sie  (die 
Kaiserin)  sagte  mir,  dass  ich  das  Journal  Paul  Jones'  auf- 
suchen sollte,  welches  denn  auch  an  ihn  geschickt  wurde''  (260); 
unter  dem  16.  October  ist  notirt:  ,;Sie  befahlen  das  Journal 
Paul  Jonas'  zu  drucken,  damit  die  Anderen  keinen  Aerger 
hätten'^  (313).  Dieses  Journal  hat  Mr.  Fton  gelesen,  der 
Secretär  der  englischen  Gesandtschaft  (No.  826).  Dieses  Jour- 
nal wird  auch  in  den  Memoiren  G-amowskij's  erwähnt  (Buss. 
Alterthum,  XVI,  414),  aber  es  ist  vollständig  erst  in  dem  vor- 
liegenden Werke  erschienen:  „Journal  of  the  Campaign  of 
the  Liman  in  1789,  drawn  up  by  Bear- Admiral  Paul  Jones, 
for  the  perusal  of  her  Imperial  Majesty  of  all  the  Russias^' 
(11,  15).  Am  Schlüsse  des  Journals  steht  das  Datum  „St.- 
Petersburgh,  29th  July  1789"  (11,  117);  zu  Anfang,  vor  dem 
Journal,  ist  abgedruckt:  ,  Jntroducüon  to  the  Journal  of  Rear- 
Admiral  Paul  Jones"  (11,  4).     Die  Herausgeber  sagen  ganz 


—    817     — 

richtig :  „To  the  historian  this  Jonmal  is  of  considerable  value. 
It  places  in  an  entirely  new  aspect  one  of  the  most  memo- 
rable  of  the  campaigns  between  Enssia  and  the  Porte,  and 
affords  a  clue,  were  that  any  longer  needet,  to  the  crooked 
and  debasing  spirit  of  intrigue  bj  which  the  domestic  policj 
of  Eussia  was  condncted,  even  under  the  anspices  of  the  great 
Catherine"  (11,  4). 

Als  Katharina  den  Fürsten  Potjemkin  von  der  Abreise 
Jones'  ans  Petersburg  benachrichtigte,  schrieb  sie  ihm,  in 
einem  Briefe  vom  27.  Mai  1788,  folgendes:  „Um  seine  gute 
Stimmung  zu  befestigen,  habe  ich  ihm  einen  Originalbrief 
Simolin's  nachgesandt,  den  ich  damals  erhalten  habe  und  in 
dem  geschrieben  stand,  wie  Du  trachtetest,  Paul  Jones  zu  ge- 
winnen, was  ihm  als  Beweis  dafiir  dienen  kann,  wie  Du  für 
ihn  geneigt  bist  und  über  ihn  denkst"  (Sammig.,  401).  Der 
Brief  £atharina's  an  Jones,  sowie  der  ihm  beigelegte  Brief  J. 
M.  Simolin's  an  den  G-rafen  Besborodko  sind  zuerst  in  dem 
vorliegenden  Werke  veröffentlicht  worden  (I,  329). 

Im  August  1789  verliess  Jones  Eussland  und  „twentj 
months  after"  (H,  2),  d.  h.  im  März  1791,  schrieb  er  an 
Jefferson,  dass  er  dem  Baron  Orimm  ein  Packet  zur  Ueber- 
lieferung  an  Katharina  übergeben  habe,  wobei  er  hinzufügte: 
„but,  though  the  baron  de  Grimm  has  undertaken  to  transmit 
to  her  Imperial  Majesty's  own  hands  mj  last  packet,  I  shall 
not  be  surprised  if  I  should  find  myself  obliged  to  withdraw 
from  the  Service  of  Eussia,  and  to  publish  my  Journal  of  the 
Campaign  I  commanded"  (11,  8).  Die  Herausgeber  [meinten, 
dass  sich  in  dem  Packet  das  Journal  Jones'  über  die  Schlacht 
im  Liman  befunden  habe,  und  sind  überzeugt,  dass  Grimm 
das  Packet  an  die  Kai8erin''nicht  gesandt  habe:  „the  G^rman 
had  too  much  tact  to  be  the  means  of  transmitting  any  thing 
disagreeable"  (ibid.).  Das  Eüne  wie  das  Andere  ist  falsch: 
aus  einem  Briefe  Grimm's  an  Katharina  vom  15.  März  1791 


—     818     — 

geht  unzweifelhaft  hervor,  dass  Grimm  der  Kaiserin  ein  Packet 
von  Jones  übersandt  hat,  und  dass  in  diesem  Packete  sich 
durchaus  nicht  das  Journal  über  die  Schlacht  im  Liman  be- 
funden hat:  .,le  paquet  renferme  un  projet  ou  un  plan,  qu'il 
croit  d'une  grande  importance  au  cas  que  la  guerre  düt  con- 
tinuer,  importance  qui  angmenterait  si  la  cour  de  Londres 
s'abandonnait  au  point  d!j  prendre  une  part  active^'  (Sammig., 
XXXIII,  328). 

Aus  der  Correspondenz  Jones',  die  in  dem  vorliegenden 
Werke  abgedruckt  ist,  führen  wir  hier  an:  zwei  Briefe  an  die 
Kaiserin  Katharina,  vom  17.  Mai  1789  (11,  163)  und  vom 
25.  Februar  1791  (11,  231),  einen  Brief  an  den  Fürsten  Po- 
tjemkin,  vom  13.  April  1789  (U,  150),  einige  Briefe  an  den 
Grafen  Besborodko  (11,  172,  174,  176)  und  einen  Brief  an 
Baron  Krüdener  (11,  213). 

Die  uns  hier  vorliegende  Ausgabe  des  Werkes  ist  sehr 
ungenügend.  Man  kann  den  Herausgebern  das  Fehlen  eines 
Inhaltsverzeichnisses  nachsehen,  aber  das  System,  Documente 
nicht  vollinhaltlich  und  gesondert  herauszugeben,  sondern  als 
Einschiebsel  in  ihre  eigene  Erzählung,  beraubt  den  Leser  der 
Möglichkeit,  den  Verfasser  kritisch  zu  behandeln  und  sich  eine 
richtige  Vorstellung  von  seiner  Persönlichkeit  zu  machen.  In 
russischer  Sprache  ist  uns  zur  Sache  nur  der  Aufsatz  von 
N.  Bojew,  „Paul  Jones.  Eine  Erzählung  aus  der  Geschichte 
des  XVin.  Jahrhunderts",  bekannt  (Russ.  Bote,  CXXXVI,  5). 

989.   Histoire  de  Joseph  n,  Empereur  d'Allemagne.   Par  M.  ÖamiUe 
Paganel.    Paris,  1848. 

Der  Verfasser  dieser  Schrift  hatte  als  „D6put6  et  con- 
seiUer  d'6tat"  die  Möglichkeit,  die  Archive  zu  benutzen,  und 
seine  Arbeit  hat  einen  besonderen  Werth  dadurch  erhalten, 
dass  ihr  „25  piäces  justificatives''  beigelegt  sind.  Gerade  des- 
halb wird  in  der  historischen  Litteratur  jener  Zeit  das  vor- 


—    319     — 

liegende  Werk  oft  erwähnt;  heute  hat  es  jegliche  Bedeutung 
verloren. 

Als  Anstifter  und  Schuldige  der  ersten  Theilung  Polens 
bezeichnet  der  Verfasser  Joseph  IL  und  Friedrich  II..  Nach 
seiner  Meinung  wurde  der  Gedanke  der  Theilung  in  Neustadt, 
bei  der  Entrevue,  ausgesprochen:  „hk,  devant  une  carte  de  la 
Pologne,  on  arreta  les  bases  de  Todieux  partage.  D6jä.,  sous 
pr^texte  d'organiser  un  cordon  sanitaire^  grande  ressource 
pour  de  pareilles  iniquit^s,  des  troupes  autrichiennes  et  prussi- 
ennes  s'^taient  6tablies  sur  cette  terre  condamn^e.  Les  spo- 
liateurs  6taient  pr§ts  k  fondre  sur  leur  proie^'  (281).  In  dem- 
selben Anlasse  finden  sich  hinsichtlich  Eatharina's  zwei  Unge- 
nauigkeiten  auf  einer  Seite:  in  Folge  der  Annexion  der 
Starostei  Zips  durch  die  Oesterreicher  „Catherine  s'ötait  ein- 
parke d'une  autre  partie  de  la  Pologne"  (283)  und  „le  prince 
Henri  conclut,  k  P^tersbourg,  un  projet  de  partage"  (ibid.). 
Der  Verfasser  spricht  von  der  Zusammenkunft  in  Mohilew  im 
Jahre  1780  (315),  von  der  taurischen  Reise  (383)  und  vom 
zweiten  Türkenkriege  (399).  „Jamais  TAutriche  n'eüt  consenti 
k  la  destruction  de  F Empire  Ottoman.  Ce  qui  a  pu  tromper, 
c'est  la  condescendance  de  Joseph  pour  la  Russie,  mais  en  ne 
s'opposant  point  k  la  conquete  de  la  Crim^e,  Joseph  ne  son- 
geait  qu'ä.  enlever  au  roi  de  Prusse  l'alliance  des  Russes,  qui 
avaient  fait  öchouer  ses  projets  sur  la  Bavi^re"  (317).  In 
Fragen,  die  sich  nicht  auf  die  Thätigkeit  Joseph's  II.  beziehen, 
begegnet  man  Nachrichten,  die  rein  erdacht  sind.  In  Bezug 
auf  den  schwedischen  Krieg  heisst  es  z.  B.:  ,, Saint  P6ters- 
bourg  trembla;  les  jeunes  princes  de  la  famille  imp^rale  furent 
envoy6s  k  Moscou"  (411).  Ungeachtet  dessen,  dass  der  Ver- 
fiasser  ein  Anhänger  Preussens  ist  (378),  wird  das  Verhalten 
Preussens  gegenüber  Polen  im  Jahre  1791  richtig  gekenn- 
zeichnet (425);  es  wird  sogar  der  Ausspruch  Hertzberg's  vom 
Jahre  1794  angeführt. 


—     320    —  .  \ 

Aus  den  „pi^ces  justificatives"  hatten  fftr  uns  die  „In- 
structions de  M.  de  Vergennes  ä  M.  de  S6gur^^  früher  eine 
grosse  Bedeutung;  heute  ist  nachgewiesen  worden,  dass  diese 
Instructionen  weder  vollständig  noch  genau  angef&hrt  gewesen 
sind  (Bambaud,  11,  389). 

990.   Diaries   and   Correspondence   of  James  Harris ,  first   earl   o£ 
Malmesburj.    Edited  hy  bis  grandson.    4  yIb.    London,  1844. 

Jakob  Harris,  1746—1820,  der  seit  1770  Mitglied  des 
Parlaments  war  und  1784  Baron  Malmesbury  und  Viscount 
Fitzharris  wurde,  hat  sein  ganzes  Leben  dem  diplomatischen 
Dienste  gewidmet.  Er  war  Vertreter  Englands  in  Madrid, 
Berlin,  Petersburg,  im  Haag  und  in  Paris.  Am  russischen 
Hofe  hat  er  f&nf  Jahre,  vom  Januar  1778  bis  zum  Septem- 
ber 1783,  verlebt.  Seine  Gattin,  eine  Tochter  des  Sir  Georges 
Gornwales,  zählte  16  Jahre,  als  er  nach  Petersburg  kam 
(Sanunlung,  XXIII,  81).  Katharina  war  sehr  leutselig  gegen 
ihn,  spielte  mit  ihm  Karten  (ibid.,  123),  nahm  ihn  auf  ihren 
Reisen  mit  (ibid.,  170),  unterhielt  sich  oft  mit  ihm  und 
urtheilte  über  ihn  nach  seiner  Abreise  folgendermassen:  „le 
Chevalier  Harris  avait  plus  d'esprit  que  le  marquis  de  Y^rac, 
qui  n'en  a  point  du  tout;  mais  Harris  est  un  brouillon  et  un 
intrigant,  et  puis  c'est  tout"  (ibid.,  431).  Die  Kaiserin  erwähnt 
Harris  in  ihren  Briefen  an  Potjemkin  (Sammlung,  XXVII,  185) 
und  an  S.  R.  Woronzow  (Arch.  des  Fürsten  Woronzow,  XTV, 
262;  XXVin,  82).  Die  Briefe  und  Berichte  Harris'  aus 
Russland  sind  im  1.  Bande  seiner  „Diaries  and  correspondence" 
herausgegeben,  aber  nicht  vollständig:  Grimblot  ftLhrt  in  seinem 
Werke:  „La  cour  de  la  Russie  il  y  a  cent  ans"  Briefe  von 
Harris  an,  z.  B.  vom  19.  März  und  5.  April  1782  (375), 
die  in  der  englischen  Ausgabe  nicht  enthalten  sind.  Eüne 
russische  üebersetzimg  seiner  Berichte  und  Briefe  ist  im 
„Russ.  Archiv",  1866,  S.  584;  1874,  I,  1465;  H,  143  iff.,  ab- 
gedruckt. 


—     321     — 

Die  Berichte  Harris'  aas  Petersburg  sind  voller  Interesse. 
Ein   gebildeter  Mann   und  ernster  Beobachter,  kam  er  schon 
als   erfahrener  Staatsmann   nach  Kussland   mit   der  Absicht, 
ein  genau  vorgestecktes  Ziel  zu  erreichen  —  den  Abschluss 
eines  englisch-russischen  Bündnisses  (185,  144, 166, 234, 242 ff.); 
schon  unterwegs  sieht  er  Alles,  bemerkt  Alles  und  berichtet 
über  alles  Gesehene  in  den  Briefen  an  seine  Freunde  und  in 
den  Relationen  an  das  Ministerium.     Der  erste  Eindruck,  den 
der  Hof  und  die  Kaiserin  auf  ihn  machten,  war  sehr  günstig: 
„Prepared  even  as  I  was  for  the  magnificence  and  parade  of 
this  court,   yet  it  exceeds  in  everything  my  ideas  —  so  this 
is  joined  the  most  perfect  order  and  decorum.     The  Empress 
herseif  unites,  in  the  most  wonderful  manner,   the  talents  of 
putting  those  she  honours  with  her  conversation  at  their  ease 
and  of  keeping  up  her  own  dignity.     Her  character  extends 
throughout  her   whole   administration;    and   although   she   is 
rigidly  obeyed,   yet  she  has  introduced  a  lenity  in  the  mode 
of  govemment  to  which,   tili  her  reign,   this  country  was  a 
stranger^'   (139).     Katharina   als   Kaiserin   hat   er   folgender- 
maassen    gezeichnet:    „In    an   absolute   monarchy   everything 
depends   on   the   disposition   and  character  of  the  sovereign. 
Her  Majesty  has  a  masculine  force  of  mind,  obstinacy  in  ad- 
hering  to  a  plan,  and  intrepidity  in  the  execution  of  it;   but 
she  wants  the  more  manly  virtues  of  deliberation,  forbearance 
in  prosperity,  and  accuracy  of  judgment,  while  she  possesses, 
in  a  high  degree,  the  weaknesses  vulgarly  attributed  to  her 
sex  —  love  of  flattery,  and  its  inseparable  companion,  vanity; 
an  inattention  to  unpleasant  but  salutary  advice;   and  a  pro- 
pensity  to  voluptuousness ,  which  leads  her  to  excesses  that 
would  debase  a  female  character  in  any  sphere  of  life"  (176). 
Eine  Unterredung,   die   er  mit  Katharina  am  Dienstag,    den 
8.  December  1780  hatte  und  die  von  ihm  mit  stenographischer 
Genauigkeit  wiedergegeben  ist,   charakterisirt  Katharina  aus- 

BilbasBoff,  Katharina  n.  21 


—     322     — 

gezeichnet  —  sie  nocli  mehr,  ak  ihn  (304).  Die  Bemerkungen 
des  Engländers  über  die  „bewaffnete  Neutralität"  sind  äusserst 
interessant  (245,  257,  266,  352,  420);  die  Einzelheiten  über  die 
Abreise  der  Grafen  Ssjewemy  (393,  400)  und  speciell  über 
Paul  Petrowitsch  (181,  196,  202),  über  das  griechische  Pro- 
ject  (203,  204),  über  die  Gräfin  Bruce  (195),  über  die 
Entrevue  von  Mohilew  (270,  280)  und  über  die  Influenza 
(419)  sind  ausserordentlich  interessant  und  lehrreich.  Harris 
war  mit  N.  J.  Panin,  den  Orlow's,  Besborodko,  besonders 
aber  mit  Potjemkin  gut  bekannt  (184,  214,  237,  282,  381, 
408);  er  sah  und  kannte  Soritsch  (149,  170)  und  Korssakow 
(173).  Er  theilt  über  diese  Persönlichkeiten  interessante 
Einzelheiten  mit,  die  ihre  Bedeutung  haben,  aber  es  kann  doch 
nicht  alles  von  ihm  hierüber  Mitgetheilte  als  unbedingt  richtig 
anerkannt  werden.  So  ist  z.  B.  das  Gespräch  Eatharina's  mit 
A.  G.  Orlow  in  Bezug  auf  Potjemkin  (184)  offenbar  nach  Ge- 
rüchten wiedergegeben  und  verdient  deshalb  nicht  das  ge- 
ringste Vertrauen,  obgleich  es  so  interessant  ist,  dass  Grimblot 
(332)  und  das  „ßuss.  Archiv"  es  wiederholen,  letzteres  sogar 
zwei  Male,  in  einer  Uebersetzung  (1866,  S.  597)  und  als 
Referat  (1874,  I,  1505). 

In  den  Depeschen  Harris'  werden  die  amerikanischen 
Angelegenheiten  oft  erwähnt,  weil  er  gerade  in  der  Zeit  nach 
ßussland  kam,  als  die  Unabhängigkeit  der  Kolonien  anerkannt 
wurde  (157).  Er  giebt  Nachrichten  über  die  Amerikaner  (137), 
besonders  über  Sayre  (283)  und  Dana  (506),  wodurch  u.  A. 
gleichfalls  die  Un Vollständigkeit  der  Ausgabe  bewiesen  wird: 
da,  wo  er  nämlich  von  Dana  spricht,  ftlgt  er  hinzu:  „whom 
I  have  frequentley  mentioned  in  my  letters",  während  derselbe 
in  der  vorliegenden  englischen  Ausgabe  der  Depeschen  nur  im 
Ganzen  ein  Mal  erwähnt  wird. 

Was  die  Depeschen  anbelangt,  die  von  Harris  nicht  aus 
Petersburg  abgesandt  sind  (183 — 528),  so  finden  sich  viele  für 


323       - 

uns  interessante  Nachrichten  in  seinen  Berichten  aus  Warschau 
und  Berlin,  die  gleichfalls  im  ersten  Bande  abgedruckt  sind. 

Als  der  Engländer  aus  Preussen  in  polnisches  Gebiet  ge- 
laugte, notirte  er  in  seinem  Tagebuche:  „I  confess  that  I 
found  the  air  of  a  republic  refreshing,  after  having  passed  so 
long  a  time  in  such  a  despotic  country"  (9).  Er  theilt  für 
uns  interessante  Einzelheiten  über  die  polnischen  Bauern  (10), 
und  über  den  Reichstag  von  1767 — 68  mit  (10,  18),  wobei  er 
das  gerechte  Vorgehen  der  russischen  Regierung  in  der 
Dissidenten-Frage  anerkennt  (11);  ferner  führt  er  Beispiele  an, 
die  beweisen,  dass  Repnin  in  Warschau  mächtiger  war,  als 
der  König,  aber  Harris  fligt  hinzu:  „The  prince  Repnin  is  a 
worthj  mau,  Tcry  feeling  and  humane,  of  great  natural  parts 
and  very  agreable.  The  power  that  of  a  sudden  feil  into  bis 
hands  was  capable  of  turning  the  head  of  a  much  greater  man. 
He  has,  in  all  these  transaction,  behaved  with  great  desinterested- 
ness,  and  has  even  avoided  many  occassions  of  enriching 
himself"  (16).  Harris  theilt  weiter  interessante  Züge  vom 
Könige  Stanislaus  August  mit  (17),  sowie  vom  Fürsten 
Radziwill,  „l'äme  damn6e"  Katharina's  (21),  von  Branizkij 
(25)  und  von  Tschartoryshskij  (27).  Auf  die  Declaration  über 
die  erste  Theilung  Polens  antwortete  Lord  SuflFoIk:  „Le  Roi 
veut  bien  supposer  que  les  trois  Cours  sont  convaincues  de 
la  justice  de  leurs  pr^tentions  respectives,  quoique  Sa  Majest^ 
n'est  pas  inform6e  des  motifs  de  leur  conduite"  (78),  und 
dies,  obgleich  sowohl  der  König,  als  auch  der  Lord  gegen 
diesen  Act  waren. 

Aus  Berlin  theilt  Harris  u.  A.  die  Ansicht  Friedrich's  II. 

über  die  Lage  Katharina's  zu  Anfang  des  Jdhres  1775,  bald 

nach  dem  Frieden  von   Kutschuk-Kainardshi,   mit:  „He  con- 

siders  the  Situation  of  the  Czarina  as  very  precarious,  as  well 

from   the   character   of  her   subjects,    as    from   the   restless, 

authoritative  temper  of  the  present  dictator  (prince  Orlow)  of 

21* 


324 

that  Oourt*^  (103).  Ferner  berichtet  er  über  den  Empiang 
Orlow's  in  Berlin  und  Potsdam  (108).  Aber  es  ist  schwer, 
daran  zu  glauben,  dass  Orlow  in  Petersburg  Harris  die  Reden 
gehalten  hat,  die  dieser  in  der  Depesche  vom  11.  Mai  1778 
mittheilt  (166). 

Harris  sah  den  Grossfllrsten  Paul  Petrowitsch  zum  ersten 
Male  in  Berlin,  wohin  derselbe  im  Jahre  1776  reiste,  um  mit 
seiner  Braut,  der  Prinzessin  von  Württemberg,  zusammenzu- 
treffen. „The  Grand  Duke's  conduct  here  has  by  no  means 
reconciled  to  him  the  good-will  either  of  the  people  or  nobi- 
lity.  He  received  all  the  acts  of  homage  they  did  him  as  of 
they  wore  bis  due,  and,  at  bis  levee,  took  not  the  smallest 
pains  to  be  affable"  (131)-  Bei  Gelegenheit  der  Festlich- 
koiton  zu  Ehren  dos  russischen  Thronerben  erzählt  Harris 
eine  amüsante  Anecdote:  „Paul  Petrowitz  were  names,  written 
on  every  triumphal  arch.  «That  must  be  wrong»,  says  a 
mayor  of  a  bourg  in  Pomerania,  «the  Grand  Duke  is  cer- 
t^inly  a  genileman;  put  Paul  von  Petrofdt^»  (132).  Aus  den 
Borliner  Depeschen  Harris'  sind  ftir  uns  auch  die  Bemerkungen 
über  Finnland  (76),  über  Danzig  (88)  und  über  die  Juden 
in  den  polnischen  l*>werbungen  Preussens  (91)  von  Interesse. 

Zur  Zeit  der  Anwesenheit  Harris'  in  Petersburg  wurde 
die  IWlaration  über  die  ^»bewaffnete  Neutralität-'  publicirt, 
abor  ^e  wird  in  seinen  Depeschen  und  in  seinem  Tagebuche 
soUower  erwähnt,  als  man  hätte  erwarten  können  J-  298,  351, 
409:  lY,  50V  Es  giebt  auch  noch  andere  Anzeichen,  ausser 
dt^r  oWu  Äiigt^filhrten  Ausl^issung  von  Depeschen  in  den  ame- 
rikanischen Angelegenheiten,  die  den  Verdachl  rechtfertigen, 
d:is$  die  e:'^.oieI>  Oorresp^nidenx  Harns'  nicht  vollständig 
hemusje^reVeu  wv^rvlen  ist*  Wir  müssen  iudess  bezeugen,  dass 
seine  Acusserutt^^n  uher  KAth:irina  vorig  genAu  verv&ndicht 
wv^Tvieu  s::uu  w;r  h.^Ku  sie  alle  im  Lo::v:v  !ier  ArvrhiT  controlirt. 
l\ese  Aeu^j^ruii^a  siuvl  ^er^ii.Ur.uh    L  101,  2^.:^  4Ä  43SV 


—     825     — 

aber  das  lässt  sich  leicht  aus  dem  Eindrucke  des  Augenblicks 
und   aus   dem   Grade   des   Erfolges   seiner   Mission   erklären. 

In  den  übrigen  drei  Bänden  der  „Diaries  and  Corre- 
spondence^^  stösst  man  nur  selten  auf  Nachrichten  über 
russische  Angelegenheiten.  Diese  Nachrichten  sind  leicht  an 
der  Hand  des  Anzeigers  aufzusuchen,  der  dem  vierten  Bande 
beigelegt  ist  und  in  dem  nur  ein  russischer  Name  —  „Mouschin- 
Pouschkin"  (I,  136)  —  ausgelassen  ist;  und  diese  Auslassung 
kann  dem  Anzeiger  zum  Lobe  angerechnet  werden. 

Das  vorliegende  Werk  erfreut  sich  grosser  Beachtung  in 
West-Europa,  und  bis  heute  ist  nicht  ein  Werk,  das  das 
Ende  des  XVIII.  Jahrhunderts  behandelt,  erschienen,  ohne 
dass  sich  in  ihm  nicht  Citate  aus  den  Briefen  und  Depeschen 
des  Diplomaten  Harris  vorgefunden  hätten.  Bedauerlicher- 
weise ist  dieses  Werk  noch  nicht  einer  ernsthaften  Kritik 
unterzogen  worden.  Artikel  in  der  Art,  wie  „Correspondance 
diplomatique  du  comte  de  Malmesbury,  par  John  Lemoine*^ 
(Revue  des  deux  Mondes,  1846,  III,  243)  oder  „Souvenir  d'un 
diplomate  anglais,  par  Casimir  Perrier"  (ibid.,  1863,  XL VII, 
844)  theilen  aus  dem  Werke  Harris'  nur  die  Nachrichten  mit, 
die  für  die  französischen  Leser  Interesse  haben.  Ebenso  ist 
der  Aufsatz  „Lord  Malmesbury  über  Russland  zur  Zeit  der 
Regierung  Eatharina's  11.^^  (russisch)  nichts  weiter,  als  eine 
Uebersetzung  der  flir  russische  Leser  interessanten  Mitthei- 
lungen Harris',  wobei  noch  dazu  Bakunin  sich  als  „Geschäfts- 
agent" (Prikaschtschik)  des  Grafen  Panin  erweist  (Russ. 
Archiv,  1874,  I,  1512). 

991.  M^moires  posthumes  du  feld-mar^cbal  comte  de  Siedingk,  re- 
dig^s  suT  des  lettres,  d^p^ches  et  antres  pi^ces  autbentiques 
laiss^es  k  sa  famille,  par  le  g^n^ral  comte  de  BjÖrnsljema. 
2  vis.     Paris,  1844. 

Der  Baron  und  spätere  Graf  Kurt  Stedingk,  1746—1839, 
hat   gar   keine  Memoiren   hinterlassen,   sondern   ein   ziemlich 


—     326     — 

umfangreiches  Privatarchiv,  das  nicht  nur  aus  den  Briefen, 
Berichten  und  Depeschen,  die  er  im  Laufe  seiner  vieljährigen 
und  verschiedenartigen  Thätigkeit  abgesandt  hat,  sondern 
auch  aus  den  Kescripten,  Briefen  und  ofBciellen  Papieren  be- 
steht, die  er  erhalten  hat.  Der  Gatte  der  zweiten  Tochter 
Stedingk's,  General  Bjömstjerna,  der  schwedischer  Gesandter 
in  London  war,  entschloss  sich,  dieses  Archiv  seines  Schwieger- 
vaters herauszugeben,  aber  er  hat  diese  Aufgabe  ausser- 
ordentlich ungeschickt  ausgeführt:  anstatt  das  Archiv  in 
seinem  vollen  Bestände  herauszugeben  und  die  Papiere,  wo 
dies  erforderlich  war,  mit  Anmerkungen  zu  versehen,  schrieb 
General  Bjömstjerna  selbst  die  „M^moires  posthumes^'  seines 
Schwiegervaters  und  stellte  die  Briefe  Stedingk's,  sowie  seine 
Depeschen  und  andere  Papiere,  die  er  aus  irgend  einem 
Grunde  für  interessant  hielt,  als  Einschiebsel  in  diese  Memoiren 
hinein.  In  Folge  dieses  Systems  der  Herausgabe  sind  bei 
weitem  nicht  alle  Papiere  erschienen.  So  schreibt  z.  B. 
Gustav  IIL  an  Stedingk  aus  Gothenburg  am  19.  December  1788: 
„Je  regois  k  Tinstant  vötre  lettre  du  28  octobre"  (I,  139), 
dieser  Brief  aber  ist  nicht  abgedruckt.  Stedingk  war  schwe- 
discher Gesandter  in  Petersburg  vom  September  1790  bis 
zum  Tode  Eatharina's,  aus  der  ganzen  Zeit  dieses  sechs- 
jährigen Aufenthaltes  aber  sind  von  General  Bjömstjerna  nur 
drei  Depeschen  Stedingk's  aus  Petersburg,  vom  22.  und 
23.  September  und  vom  6.  December  1790,  herausgegeben 
worden  (1, 289, 308, 312).  Zur  Zeit  Stedingk's  wurde  das  russisch- 
schwedische Bündniss  abgeschlossen  (No.  1121),  Gustav  III. 
wurde  ermordet,  sein  Sohn  kam  nach  Petersburg,  es  erfolgte 
die  Brautwerbung  Gustav's  IV.  um  die  Grossfürstin  Alexandra 
Pawlowna,  Katharina  IL  starb  —  und  über  alle  diese  Ereignisse 
findet  sich  weder  in  den  Briefen,  noch  in  den  Depeschen 
Stedingk's  auch  nur  ein  Wort!  Es  ist  klar,  dass  der  General 
und  Herausgeber  die  Mittheilungen  Stedingk's  bezüglich  dieser 


—    327     — 

Eireignisse  nicht  f&r  interessant  gehalten  hat!  Doch  damit 
noch  nicht  genug:  bei  der  Herausgabe  der  Briefe  Gustav's  III. 
an  den  Orafen  Stedingk,  mehr  als  50  Jahre  später,  nachdem 
sie  geschrieben  waren,  verbarg  der  Herausgeber  die  Eigen- 
namen unter  Puncten,  besonders  wenn  der  König  sich  über 
irgend  einen  General  absprechend  äussert  (I,  117,  125,  200)! 
Ein  derartiges  System  der  Herausgabe  von  Archiven  ist  längst 
von  Allen  als  völlig  unbrauchbar  erklärt  und  einzig  und  allein 
unlängst  in  der  russischen  Litteratur  von  Brückner  bei  der 
Herausgabe  des  Archivs  des  Grafen  N.  J.  Panin  wiederholt 
worden  (Historischer  Bote,  XXXV,  645).  Dank  dieser  sinn- 
losen Methode  der  Herausgabe  ist  es  nothwendig,  in  dem 
vorliegenden  Werke  die  Ansichten  und  Aeusserungen  Gustav'sIII. 
und  des  Grafen  Stedingk,  die  ein  grosses  Interesse  besitzen, 
von  den  Meinungen  des  Herausgebers,  die  gar  keine  Bedeutung 
haben  und  wer  weiss  worauf  begründet  sind,  zu  unterscheiden  - 
(Joum.  d.  Min.  d.  Volksaufklärung,  1869,  Februar,  320).  und 
Dank  dem  Umstände,  dass  der  Herausgeber  ein  General  war, 
bieten  die  vorliegenden  Memoiren  für  die  ganze  Epoche 
Katharina's  nur  Material  in  Bezug  auf  den  russisch-schwedischen 
Krieg  von  1788  bis  1790. 

Bei  der  Leetüre  des  Briefwechsels  Stedingk's  mit  Gustav  III. 
während  des  schwedisch-russischen  Krieges  springt  ein  ziemlich 
unsympathischer  Zug  ins  Auge  — :  sie  täuschen  ersichtlich 
einer  den  anderen.  Der  König  benachrichtigt  Stedingk  von 
der  Niederlage  der  Schweden  bei  Swensksund  am  13.  (24.) 
August  1789  wie  von  einer  flir  die  Schweden  glücklich  ver- 
laufenen Angelegenheit  (I,  213),  und  erst  zwei  Monate  später 
erwähnt  er  „cette  malheureuse  bataille  du  24  Aoüt"  (I,  223); 
und  Stedingk  meldet  dem  Könige,  dass  er  am  30.  September 
1789  die  Heeresabtheilung  ßimskij-Korssakow's  geschlagen 
habe  (I,  221)  in  Ausdrücken,  die  direct  durch  die  erfolgreiche 
Bewegung  des  Generals  Lewaschow,  zu  dessen  Corps  die  Ab- 


—     328    — 

theilung  Bimskij-Korssakow's  gehörte,  übeHohrt  werden. 
Solcher  täuschenden  Nachrichten  giebt  es  vide  (I,  225,  226, 
249,  265,  266,  269),  und  die  Specialisten  werden  ihrer  wahr- 
scheinlich noch  mehr  bemerken,  als  wir.  Der  zweite  Zog,  der 
Beiden  gemeinsam  ist,  ist  die  sentimentale  Eb-wahnnng  der 
französischen  Angelegenheiten,  inmitten  der  kriegerischen 
Operationen,  die  bekanntlich  nicht  immer  glücklich  verliefen: 
Stedingk  seufzt  in  Savolax  über  Paris  (I,  134)  und  Gustav  lU. 
schliesst  seine  Mittheilung  über  die  Niederlage  der  Schweden 
bei  Svensksund  mit  der  Frage:  „Que  dites  vous  des  troubles 
affireux  de  la  France?'^  (I,  214)  u.  s.  w. 

Stedingk  hasste  als  Schwede  die  Bussen.  Schon  lange 
vor  dem  Kriege  schrieb  er  Gustav  lU.  aus  Paris,  am  6. 
Oktober  1788,  mit  ersichtlichem  Vergnügen,  dass  auf  den  fran- 
zösischen Manövern  „on  nous  ä  montr^  une  grande  pr6f(6rence 
sur  M.  le  prince  Dolgorucki  et  un  autre  officier  russe*),  qui 
^taient  aussi  au  camp''  (I,  24).  Während  des  Krieges  heisst 
es  natürlich  schon  „les  maudits  Moscovites''  (I,  243),  und  der 
Schwede  opfert  sogar  seine  geliebten  Franzosen:  „qu'on  anglise 
les  fran^ais,  j'y  consens,  pourvu  qu'on  ne  noos  russifie  point'' 
(I,  153).  Bei  einer  solchen  Stellungnahme  des  Verfassers  gegen 
Bussland  hat  das  Lob,  das  er  dem  russischen  Heere  spendet, 
gewiss  seinen  Werth:  „Finfanterie  russe  est  süperbe"  (I,  84); 
„aucun  Soldat  de  l'univers,  si  ce  n'est  le  soldat  russe,  n'en- 
durerait  tant  de  maux  avec  patience"  (I,  67).  Dem  Verfasser 
kann  man  vollkommen  glauben,  wenn  er  mittheilt,  dass  „le 
peuple  en  Finlande  est  plus  Busse  que  Suedois*'  (I,  93),  dass 
„les  r^giments  finlandais  ne  sont  pas  bien  disposös  pour  la 
guerre"  (I,  109,  112,  156).  Im  schwedischen  Kriege  fehlte  es 
an   Offizieren  (I,   100,    169,    170,    175,    176),   und   es   wurde 


*)  Brückner   hat   diese  Stelle  unrichtig  übersetzt  und  ein  falsches 
Citat  gemacht  (Journal  d.  Min.  d.  Volksauf klrg.,  1869,  Februar,  301). 


329      - 

grosser  Mangel  an  Eavallerie  empfunden  (I,  184,  197).  Das 
hat  der  Verfasser  selbst  gesehen  und  erfahren.  Aber  als  er 
sich  in  Savolax,  umringt  von  russischen  Heeresabtheilungen, 
befand,  konnte  er  nicht  wissen  was  in  Bussland  geschah;  des- 
halb phantasirt  er  in  seinen  Briefen  an  den  König,  wenn  er 
demselben  schreibt:  „J'ai  envoy6  un  espion  jusqu'ä  cinq  lieues 
de  P^tersbourg,  qui  est  revenu  avant  hier  (14.  März  1789). 
Beaucoup  de  recrues  qu'on  a  fait  venir  du  fond  de  la  Bussie 
en  Finlande,  ont  p6ri  de  froid  et  de  misere,  d'autres  qu'on  a 
enrol^s  de  gr6  et  de  force  en  Finlande  ont  ou  d^sert^,  ou 
remplissent  les  hopitaux  de  P^tersbourg  ou  de  Wiborg"  (I,  160). 
Ebenso  wenig  richtige  Nachrichten  theilt  auch  der  König 
Stedingk  mit  (I.  173,  235),  obgleich  er  selbst  ihm  misstraut: 
,je  crois  vos  nouvelles  de  Bussie  un  peu  exag^r^es  (I,  136), 
was  Stedingk  natürlich  dem  Könige  nicht  zu  schreiben  wagte, 
obgleich  er  dazu  volles  Becht  gehabt  hätte.  Der  König  durfte 
sich  mehr  Lüge  und  Täuschung  erlauben^  als  der  Unterthan. 
So  musste  z.  B.  der  in  der  Bucht  von  Wyborg  eingeschlossene 
König  sogar  den  Grafen  Ssaltykow  um  die  üebersendung  seiner 
Briefe  bitten,  aber  als  er  hiervon  Stedingk  Mittheilung  machte, 
fügte  er  gleichzeitig  hinzu:  „Finqui^tude  terrible  que  je 
donne  aux  ennemis  sur  les  cötes,  les  obligera  ä  se  retirer 
vers  la  capitale"  (I,  269). 

Der  gekrönte  „Aufschneider'^  hat  auch  den  Krieg  selbst 
mit  einer  Täuschung*)  begonnen,  als  er  vor  der  Kriegserklär- 
ung den  Masken-Uelterfall  bei  Pumala  inscenirte  (I,  101,  114, 
146,  149).  Es  ist  deshalb  nicht  verwunderlich,  dass  die  Fin- 
länder  gegen  einen  solchen  Krieg  protestirten  und  den  Bund 
von  Anjala  schlössen  (I,  112,  118,  125,  127,  129,  133,  142, 
150,  201,  261,  308).     Genau  so  prahlte  der  König  auch  mit 


*)  Brückner  fährt  die  Bemerkang  des  Herausgebers  (I,  101)  an, 
aber  druckt  eine  sinnlose  französische  Phrase  ab,  eine  ganze  Zeile  aas- 
lassend (Journal  d.  Min.  d.  Volksaafkhrg.,  1869,  März,  114). 


—     380     — 

dem  ,,Siege''  bei  Hogland  am  29.  Juni  1788,  aber  Stedingk 
nannte  die  Rassen  nach  diesem  „Siege''  ^^maltres  de  la  mer^' 
(I,  112,  114,  119).  Der  Charakter  dieser  beiden  schwedischen 
Briefischreiber  leuchtet  am  hellsten  aus  den  Plänen  hervor, 
welche  beide  betreflFs  des  Krieges  mit  Russland  entworfen 
hatten  (I,  93,  97,  104,  231,  264,  273)  und  welche  einen  dritten 
Schweden,  den  Herausgeber,  getäuscht  haben;  denn  dieser 
letztere  ist  überzeugt,  dass  es  Gustav  III.  sehr  leicht  gewesen 
wäre,  „se  rendre  maltre  de  S.  Petersbourg  et  d'y  dicter  la 
paix  ä  Timpöratrice"  (I,  77), 

uns  interessiren  die  Nachrichten  über  Nyslott  (I,  87,  106, 
108,  128),  über  den  Russen  Günzel  (I,  113,  123),  über  das 
Project  Sprengtportens  (I,  123),  über  Jägerhom  und  Hastfehr 
(I,  145,  149,  201)  und  über  das  Friedensbedürfniss  Gustav's  III. 
(I,  188,  273,  295),  das  am  besten  bewiesen  wird  zuerst  durch 
die  Versicherung,  „que  je  ne  la  ferai  que  de  concert  avec 
mes  alüÄs",  und  dann  durch  die  Unterhandlungen  von  Wärälä 
die  sogar  ohne  Vermittler  gefuhrt  wurden,  von  den  Verbün- 
deten gar  nicht  erst  zu  reden. 

Stedingk,  der  zum  Gesandten  in  Petersburg  ernannt  wurde, 
äussert  sich  folgendermaassen  über  den  russischen  Hof:  „Votre 
Majest^  veut  me  transporter  ä  la  cour  de  cette  Czarine  süperbe, 
qui  se  repalt  de  guerres,  de  faste  et  d'adulations,  k  cette  cour 
ou  Ton  trouve  tout,  exceptö  ce  qui  rend  la  vie  heureuse"  (I, 
282).  Als  ob  die  Höfe  Ludwig's  XVI.  und  Gustav's  III.,  die 
beide  ermordet  wurden,  in  dieser  Beziehung  besser  gewesen 
wären,  als  der  Hof  Katharina's!  Interessant  sind  die  Urtheile 
Stedingk's  über  Numsen  (I,  290,  302),  über  Graf  Ssaltykow 
(291,  301),  über  den  Prinzen  von  Nassau  (292,  302,  317),  über 
Ostermann  (297),  über  den  Fürsten  Subow  (305)  über  den 
Grafen  Besborodko  (305,  306)  und  über  Graf  Pahlen  (I,  307). 
Seine  Urtheile  über  Katharina  (I,  298,  306),  wobei  der  Heraus- 
geber von  sich  aus  noch  hinzufügt:  „une  bonhomie  allemande^' 


—    381     — 

(n,  1),  über  Paul  Petrowitsch  und  über  M^rja  Feodorowna 
(I,  303)  sind  vollkommen  werthlos.  Der  Verfasser  spricht  von 
Igelstrom  (I,  309,  314)  und  erwähnt  dabei  ,,une  grande  lettre 
de  la  main  propre  de  l'imp^ratrice  qu'elle  venait  de  lui  ^crire'S 
vom  11.  September  1790;  dieser  Brief  ist  noch  nicht  publicirt, 
aber  an  dieser  Nachricht  ist  im  Hinblick  auf  den,  in  den 
Motiven  identischen  Brief  in  der  „Sammlung  etc.^',  XXIII, 
494,  nicht  zu  zweifeln. 

Wir  wollen  hier  als  reinen  Unsinn  aus  einem  Briefe  vom 
10.  December  1789  die  folgende  Stelle  anführen:  „La  grande 
duchesse  attire  sur  eile  les  regards  du  public  et  se  vait  appel6e 
k  la  succession  par  les  voeux  secrets  de  l'arm^e  et  des  grands 
de  Tempire"  (I,  226);  ferner  aus  einer  Depesche  vom  23.  Sep- 
tember 1790  die  Stelle:  „Fimp^ratrice  s'est  vue  r^duite  k  fair 
mourir  Ivan"  (I,  310);  von  den  „iswoischiki  russes  k  P6ters- 
bourg  qui  nourissent  leurs  chevaux  avec  du  bl6"  (I,  237),  von 
dem  durch  die  Türken  erschlagenen  Ssuworow  (I,  311)  u.  dgl.  m. 
wollen  wir  schon  gar  nicht  reden.  Als  sehr  wichtige  Nach- 
richt endlich  wollen  wir  hier  noch  Gustav's  III.  Ansichten 
über  den  Einfall  der  Dänen  anführen:  „Pinvasion  des  Danois 
n'a  servi  qu'ä,  reveiller  Tesprit  national  et  k  me  procurer  des 
troupes  que  le  pays  m'a  fournies"  (I,  135). 

Die  Daten  darf  man  nur  mit  Vorsicht  benutzen.  So 
müssten  z.  B.  der  Brief  vom  „28  juillet  1789"  (I,  195)  vom 
22.  Juli,  der  Brief  vom  „7  mars  1790"  (I,  257)  vom  1.  Mai, 
nicht  einmal  vom  7.  dieses  Monats,  u.  s.  w.  datirt  sein. 

992.   Der  Untergang  des  PolniBchen  Nationalstaates.  Von  W.  Binder. 
2  Bde.    Stuttgart,  1844. 

Der   Doctor   der  Philosophie  Wilhelm  Binder  ist  in  der 

deutschen   historischen  Litteratur  ausschliesslich   durch  seine 

Schriften  über  Eussland  bekannt:  „Peter  der  Grosse  und  seine 

Zeit",  „der  Krieg  gegen  Russland  in  den  Jahren  1853 — 56" 

und  das   obenangeführte  Werk   über  Polen,   in   dem  so  viel 


—     832     — 

über  Russland  gesprochen  wird.  Es  ist  dies  eines  der  wenigen 
Werke,  die  von  der  durcli  Räumer  angewiesenen  Richtung 
abweichen:  „Es  ist  nun  einmal  etwas  Schönes  und  Erhabenes, 
für  Polen  zu  schwärmen  —  sagen  die  Tonangeber  von  heute  — 
man  sollte  aus  diesem  süssen  Traume  nicht  in  die  rauhe 
Wirklichkeit  hineinziehen.  Mag  dem  immerhin  so  sein,  aber 
ich  gehöre  nicht  zu  den  Helden  der  Ideenwelt  .  .  •  Ich  weiss 
wohl,  dass  es  in  Deutschland  nicht  zu  dem  beliebten  Tone 
gehört,  den  Interessen  einer  Macht  (Russland)  das  Wort  zu 
reden,  die  man  anfeindet,  weil  man  sie  beneidet"  (Vorwort). 

Nachdem  der  Verfasser  Polen  nach  seinen  Volksstämmen 
und  nach  seiner  geographischen  Lage  geschildert,  kommt  der 
Verfasser  zum  Schlüsse,  dass  Polen,  seitdem  Russland  sich  zu 
einem  Staatswesen  gebildet,  als  Staat  nur  im  Bunde  mit  Russ- 
land hätte  existiren  können  (I,  100).  In  dem  letzten  Theile: 
„Pragmatische  üebersicht  der  Geschichte  Polens",  der  in 
21  Capitel  zerfällt,  folgt  der  Verfasser  beständig  der  feind- 
seligen Stellungnahme  Polens  zu  seinem  östlichen  Nachbar, 
der  allein  mit  ihm  nach  der  Rasse  verwandt  sei.  Vier  Capitel 
behandeln  Katharina  II.  und  unterliegen  hier  unserer  Durch- 
sicht: XVn.  „Polens  erste  Todeszuckungen,  1764—1772"  (II, 
80);  XVni.  „Erste  Theilung  Polens,  1772—1792"  (103); 
XIX.  „Polens  zweite  Theilung,  1793"  (136)  und  XX.  „Polens 
Aufstand  und  dritte  Theilung,  1794—1795"  (150). 

Der  Verfasser  benutzt  Rulhiäre,  Ferrand,  Oginskij  und 
Raumer  und  tadelt  die  schlechte  Handlungsweise  Saldern's, 
Igelstrom's  und  Sievers',  aber  er  verheimlicht  auch  nicht  das 
Verhalten  der  Polen  und  die  schlechten  Seiten  ihres  staatlichen 
und  bürgerlichen  Lebens.  „Wir  wollen  zwar  nicht  alle  ein- 
zelnen Schritte  der  russischen  Politik  billigen,  allein,  wir  vin- 
diciren  Russland  allein  das  Recht,  über  Polen,  welches  nicht 
selbständig  zu  bleiben  vermochte,  seine  Hand  auszustrecken" 
(II,  87).     Dieser  principielle   Standpunct  des   Verfassers   hat 


333 

ihm  ein  volles  Recht  gegeben,  von  seiner  Arbeit  zu  sagen: 
„Der  Gesichtspunkt,  von  welchem  aus  ein  mehrfach  schon  be- 
handeltes Thema  hier  wiederholt  besprochen  wird,  ist  fast 
durchaus  neu"  (Vorwort).  In  der  That,  er  vertheidigt  weder, 
noch  rechtfertigt  er  Russland  quand  meme,  sondern  er  stellt 
einen  möglichst  gerechten,  d.  h.  einen  fiir  die  damalige  Zeit 
in  Deutschland  völlig  neuen  Standpunkt  fest.  So  bemerkt  er 
z.  B.  da,  wo  er  von  den  Greueln  spricht,  die  die  Confoderation 
von  Bar  gezeitigt  hatte,  folgendes:  „Viele  und  grosse  Gräuel 
wurden  bei  dieser  Gelegenheit  verübt,  aber  man  vergesse  auch 
bei  deren  Au£zählung  den  wichtigsten  Umstand  nicht,  dass  des 
polnischen  Königs  eigene  Autorität  den  Russen  dabei  zur  Seite 
stand"  (II,  100).  Eine  solche  „Vertheidigung"  Russlands 
findet  sich  nicht  selten  (102,  110,  150,  158). 

Ausser  diesem,  in  der  That  fiir  die  damalige  Zeit  neuen 
Zuge  bietet  das  ganze  Werk  nichts,  was  durchgelesen  zu 
werden  verdiente. 

993«    Catherine  II,  trag^die  cn  cinq  actes,  par  M.  Hippolyte  Ramond. 
Paris,  1844. 

Diese  Tragödie  wurde  auf  der  Bühne  des  Th6ätre  Frangais 
aufgeführt  und  hatte  nur  Erfolg,  weil  Mlle.  Rachel  mit  ihrem 
Spiele  die  Mängel  des  Stückes  verdeckte,  das  auf  einer  histo- 
rischen Lüge  und  auf  einep  psychologischen  Abgeschmacktheit 
aufgebaut  war.  Katharina  habe  den  Plan  gehabt,  Iwan  III. 
zu  heirathen  und  ihn  so  aus  der  Festung  Schlüsselburg  auf 
den  Thron  aller  Reussen  zu  erheben,  jedoch  nur  unter  der 
unerlässlichen  Bedingung, 'dass  er  sie  als  Weib  lieb  gewönne. 
Sie  erniedrigt  sich  vor  ihm,  erscheint  bei  ihm  unter  fremdem 
Namen  und  erhält  auf  ihre  Liebeserklärung  die  folgenden 
Repliken  als  Antwort: 

Qaand  voit-on  la  victime  6pouser  le  boarreau? 
Ai-je  cri6  vers  vous  du  fond  de  mon  tombeau? 
Catherine!  .  .  En  mes  voeux  t'ai  je  jamais« nomm^e? 
Je  me  dötesterais  8i  je  t'avais  aim^e. 


-     334       - 

AprÖB  avoir  pase^  par  la  honte  et  le  sang, 

Apr^s  avoir  broy6  Pierre  troia  en  passant, 

Apr^  s^etre  ^nivr^e  aux  plus  basses  d^liccs, 

Maitresse  des  brigands  qu'elle  avait  pour  complices, 

II  ^tait  digne  encor  de  Catherine  deux 

De  tromper  Tavenir  sur  son  pass6  hideux, 

Et,  dans  son  vain  d^sir  de  toute  fausse  gloire, 

De  me  voler  mon  nom  pour  mentir  k  Thistoire  . . .  (27). 

und  das  hört  im  5.  Acte  dieselbe  Katharina  ruhig  an,  die  im 

1.  Acte  den  Grafen  Panin  wegen  des  Vorschlages,  den  Thron 

ihrem  Sohne  Paul  Petrowitsch  abzutreten,   folgendermaassen 

abfertigt: 

Comte,  c^est  trop  d'esprit  pour  prScher  une  faute. 
«Tai  la  raison  trop  droite,  et  j'ai  Täme  trop  haute 
Pour  ne  pas  entrevoir,  sous  ce  stjle  appr6t6, 
Que  ce  qu'on  me  proprose  est  une  l&chet^. 
Gerte,  une  lachet^;  car,  monsieur,  c'en  est  une 
Que  manquer  de  parole  k  sa  propre  fortnne, 
Et  sur  le  moindre  bruit  qui  commence  k  grogner, 
Abdiqner  un  pouvoir  qu'on  ne  seit  pas  garder. 
J'ai  Tamour  de  la  gloire,  et  j'en  ai  le  courage. 
Qu'il  tonne,  et  je  serais  faire  tete  k  Torage; 
Et  dussent  vos  conseils  me  manquer  aujourd*hui, 
Je  ne  rendrai  qv^k  Dieu  ce  que  je  tiens  de  lui  (7). 

Auf  die  Vorwürfe  Iwan's  III.  wegen  ihrer  Thronbesteigung 
erwidert  Katharina  u.  A.  folgendes: 

Daus  votre  cachot,  vos  geoliers,  je  crois, 

Ne  vous  auront  pas  dit  ce  qu'6tait  Pierre  trois. 

Mais  c^^tait  Tunion  repoussante,  infernale, 

De  la  laideur  physique  k  la  laideur  morale; 

Stupide,  violent,  plein  de  vices  honteux, 

Faible  autant  que  brutal,  lache  autant  que  hideux  (23). 

Die  Charaktere  Orlow's,  Panin's,  Bestushew-Kjumin's  und 
Miro  witsch' s  sind  durchweg  entstellt,  und  zur  Krönung  des 
Ganzen  ist  Berednikow  durch  den  Baron  de  Sombreuil  er- 
setzt, einen  „Frangais  exil6,  gouverneur  de  la  prison  de 
Schlusselbourg". 


-    335     — 

994«  Meine  Gefangenschaft  zu  St.-Petersburg  in  den  Jahren  1794, 
1795  und  1796.  Nachgelassenes  Werk  von  Julian  TJrsin  Niem- 
cxetüiUch,    Deutsch  von  Dr.  L.  Eichler.     Leipzig,  1844. 

Eine  TJebersetzung  von  No.  987. 

995«  Migor  MasaorCs  Geheime  Denkwürdigkeiten  über  Russland. 
2  Bde.    Constanz,  1844. 

Siehe  No.  859. 

996«  Notes  of  mj  captivity  in  Russia  in  the  years  1794,  1795  and 
1796,  by  J.  H.  Niemcewicx.  Translated  from  the  original  by 
Alexander  Laski.    Edinburgh,  1844. 

Eine  üebersetzung  von  No.  987. 

997.  Chut!  ou  un  Polonais  k  la  cour  de  Catherine  II,  par  M.  E.  Seribe. 
Berlin,  1844. 

Wie  alle  Vaudevilles,  so  ist  auch  dieses  auf  einem  Miss- 
verständnisse  aufgebaut.  Ein  junger,  schöner  Pole,  der  in  die 
Gräfin  Branizkij,  die  Nichte  Potjemkin's,  verliebt  ist,  ist  zu 
Fuss  nach  Petersburg  gekommen  und  hat  dort  aller  Welt  seine 
Leidenschaft  ausgeplaudert.  Die  Gerüchte  hiervon  sind  bis  an 
den  Hof  gedrungen,  und  der  Pole  hat  ein  Stelldichein  mit 
einer  schönen  Unbekannten,  für  welches  jedoch  völliges  Still- 
schweigen ausbedungen  und  bei  welchem  nur  das  Wort  „Chut!" 
zu  hören  war.  In  Folge  dieses  Stelldicheins  werden  die  Ver- 
wandten des  Polen  in  den  Grafenstand  erhoben,  der  Pole 
erhält  10,000  Seelen  in  Kleinrussland  und  Potjemkin  bekommt 
den  Befehl,  ihn  Katharina  vorzustellen.  Um  diesen  Neben- 
buhler zu  beseitigen,  verheirathet  Potjemkin  ihn  mit  der 
Gräfin  Branizkij.  In  der  Komödie  selbst  wird  der  Name 
Katharina's  nicht  ein  Mal  erwähnt. 

998.  La  RuBBie  et  les  j^suites  de  1772  k  1820,  d'apr^s  des  docu- 
ments  la  plupart  in^dits.    Par  Henri  Lutteroth.    Paris,  1845. 

Der  Verfasser  dieser  Broschüre  verheimlicht  es  nicht,  dass 
er  eine  Tendenzschrift  habe  verfassen  wollen.     Er  sagt:   ,,0n 


336     - 

n'ose  pas  gaere,  en  Russie,  Clever  la  Yoix,  meme  pour  ap- 
prouver  les  actes  de  rautorit6"  (59),  gleichzeitig  aber  führt  er 
aus  den  russischen  Archiyen  Auszüge  aus  Documenten  y,d'un 
accös  tres  difficile"  an  (110).  Die  Broschüre  besteht  aus 
sechszehn  kleinen  Capiteln,  wobei  nur  das  erste  der  Epoche 
Eatharina's  gewidmet  ist,  während  die  übrigen  die  Zeit 
Alexander's  I.  behandeln.  Für  uns  ist  in  der  Broschüre 
durchaus  nichts  Neues  oder  Interessantes.  Sie  wurde  sofort 
in  die  deutsche  Sprache  übersetzt  — :  ^^B^ssland  und  die 
Jesuiten  von  1772  bis  1820.  Von  H.  Lutteroth.  Stuttgart, 
1846'^  —  und  erst  zwölf  Jahre  später  auch  ins  Englische 
übertragen:  ,,Bussia  and  the  jesuits,  from  1772  to  1820, 
principally  from  unpublished  documents.     London,  1858". 

999.   Markvärdigheter  röraQde  Syeriges  FörhäHanden  1788—1794,  af 
J.  C.  Bar f od.     Stockholm,  1846. 

Diese  Ausgabe  der  Memoiren  und  Briefe  Barfod's,  des 
Secretärs  Gustav's  III.,  ist  nach  einer  genauen  Copie  von  dem 
Manuscript,  das  im  Archiv  zu  Stockholm  aufbewahrt  wird, 
veranstaltet  worden.  Die  nahen  Beziehungen  Barfod's  zum 
Adjutanten  des  Königs  Johann  Ehrenström,  zum  Major  Möller- 
swärd,  zum  Commandanten  von  Malmo  Mörner,  zum  Geistlichen 
Klark  und  zu  anderen  Persönlichkeiten  gaben  ihm  die  Mög- 
lichkeit, vieles  über  den  russisch-schwedischen  Krieg  zu  wissen. 
Einige  Nachrichten  konnte  er  auch  von  seinem  Bruder,  dem 
Lieutenant  Georg  Barfod,  erhalten.  Die  eigentlichen  Memoiren 
behandeln  ausschliesslich  den  „Kriget  med  Bussland^S  umfassen 
nur  das  Jahr  1788  und  bestehen  aus  drei  Theilen:  „1.  „TiU- 
rustningame  och  begynnelsen,  intill  sjoslaget  vid  Hogland"  (1), 
2.  „Händelserna  i  Sverige  fiän  kriget  begynnelse  tili  slutet  af 
är  1788'^  (72)  und  3.  „Anteckningar  om  deltagame  i  Anjala- 
Förbundet"  (131).  An  Briefen  sind  im  Ganzen  21  vorhanden, 
vom  14.  August  bis  zum  4.  November  1794  (145),  und  auch  sie 
sind  hauptsächlich  dem  russisch-schwedischen  Kriege  gewidmet. 


—     337      - 

Die  Aeusserungen  Barfod's  über  Katharina  (122),  den 
Fürsten  Potjemkin  (41,  171)  und  den  Prinzen  von  Nassau  (186) 
bieten  kein  Interesse  dar;  viel  wichtiger  sind  fttr  uns  die 
Nachrichten  über  Jägerhom  (133)  und  Sprengtporten  (4),  die 
„om  Finlands  sjelfständigket^'  träumten  und  Katharina  bekannt 
waren  (Russ.  Archiv,  1872,  2087;  1873,  2274  flf.;  Sammlung, 
XV,  151;  XXVn,  515;  XLH,  337  Russ.  Alterthum,  XVI, 
579;  Lin,  565,  571;  LIV,  48,  49).  Besonders  interessant  ist 
die  Charakteristik  Sprengtporten's,  der  gleich  einem  reissenden 
Strome,  welcher  Alles  auf  seinem  Laufe  niederreisst,  nur  Kronen 
stürzen  und  die  gesellschaftliche  Ordnung  zerstören  konnte: 
„Det  är  en  strid  ötröm,  som  öfversvämmar  allt,  förstör  allt, 
skapad  att  störta  throner  och  lösa  samfundband.  J  Rom  hade 
han  varit  en  Marius,  i  Sverige  blir  han  endast  en  PatkuU". 
Die  Einzelheiten,  die  vom  Verfasser  über  Hastfehr  mitgetheilt 
werden  (siehe  nach  dem  „Namen-Register"),  sind  sehr  wichtig 
für  das  Verständniss  der  von  uns  herausgegebenen  Rescripte 
Katharina's  an  den  Grafen  W,  P.  Mussin-Puschkin  (Russ. 
Alterthum,  LIV,  49,  53,  57). 

1000.   Eoli^taj  w  rewolucyi  Eo6ciaszkow^j.    Leszno,  1846. 

Kollontai  ist  eine  hervorragende  Gestalt  in  der  Geschichte 
der  letzten  Jahre  der  Retsche  Pospolita,  werth,  in  eine  Reihe 
mit  Kostjuschko  gestellt  zu  werden.  Wenn  Kostjuschko  die 
Revolution  „gemacht"  hat,  so  hat  Kollontai  sie  durch  seine 
Reformen  in  der  Volkserziehung  und  durch  seine  Arbeiten  im 
Vierjährigen  Reichstage  vorbereitet.  Er  ist  flir  uns  eine  um 
so  interessantere  Persönlichkeit,  als  er  stets  der  Feind  Russ- 
lands, der  Russen  und  besonders  Eatharina's  war. 

Die  anonyme  Broschüre:  „Kollontai  während  der  Revo- 
lution Kostjuschko's",  verfolgt  einen  originellen  Zweck  — :  sie 
versucht  um  jeden  Preis,  Kollontai  und  seine  Thätigkeit  in  den 
letzten  Tagen  seines  Aufenthaltes  in  Warschau   als  Mitglied 

Bilbassoff,  Katharina  n.  22 


—     338    — 

des  Obersten  Käthes  anzuschwärzen!  Am  24.  Mai  1794  kam 
KoUontai  nach  Warschau,  und  bald  darauf  wurden  die  Sitz- 
ungen des  Rathes  eröfi&iet.  Der  Verfasser  erhebt  hauptsächlich 
wegen  der  Sitzung  vom  28.  Juni  Anklage  wider  KoUontai  (46); 
am  6.  November  flüchtete  KoUontai  bereits  wieder  aus 
Warschau. 

Der  Verfasser  bemüht  sich  nachzuweisen,  aber  vergebens, 
dass  die  allgemeine  Meinung  unrecht  hätte,  wann  sie  annähme, 
„Kott^taj  byJ  czlowiek,  ludu  obrofica  i  przyjaciel  prawjego"(39). 
U.  A.  rechnet  er  KoUontai  dessen  Bemerkung  über  die  Hin- 
richtung durch  den  Strang  vor  seinen  Fenstern  als  Schuld  an : 
„Jak  mogliscie  sif  wa^yc  stawiac  szubienice  przed  mojemi 
oknami;  a  nie  wiecie  to,  ie  ja  hjiem  i  jestem  zawsze  waszym 
obrofic^  i  przyjacielem  ludu?"  (48). 

Kostomarow  nimmt  nach  polnischen  Historikern*)  an,  dass 
der  Verfasser  der  Broschüre  das  Mitglied  des  Vierjährigen 
Reichstages  Linowskij  gewesen  sei  (I,  VII),  der  als  Ersatzmit- 
glied auch  im  Obersten  Rathe  fungirte.  In  der  Broschüre  ist 
nichts  Interessantes  für  die  Geschichte  der  Regierungszeit 
Katharina's  zu  finden,  aber  man  muss  sie  doch  im  Auge  be- 
halten: KoUontai  „hasste"  Katharina,  und  zur  Würdigung 
seiner  Wirksamkeit  und  seiner  Anschauungen  ist  es  uns  wich- 
tig zu  wissen,  dass  selbst  ein  persönlicher  Feind  KoUontai's 
nichts  Ernsthaftes  zur  Verunglimpfung  desselben  anzuführen 
vermochte. 

1001.   Powstanie  T.  Koäciuszki  z  pism  antentycznych  sekretnych  dot^d 
drukiem  nieogloszonych  wydane.    Poznali,  1846. 

Im  April  1794  ergriff  der  polnische  Aufstand  fast  gleich- 
zeitig  aUe   Länder   der   Retsche   PospoUta.     Damals   wurden 


♦)  In  der  Broschüre  „Powstanie  Koöciuszko*'  (No.  973)  wird  ein 
„List  do  przyjaciela  odkrywaj|6y  wszystkie  czynnosci  Kol:l:|taja  w  ciagu 
Insnrrekcii.  Pisany,  1795.  (P.  Linowskiego)'*  erwähnt  Acht  Jahre  später 
ist  diese  Handschrift  in  der  vorliegenden  Broschüre  herausgegeben  worden. 


—     339     — 

von  den  Polen  nicht  nur  alle  Posten,  alle  Couriere,  sondern 
auch  viele  Archive,  so  z.  B.  in  Erakau,  Warschau  und  Wilna, 
sowie  in  den  Orten,  an  denen  sich  die  Armeestäbe  der  Russen 
und  Preussen  befanden,  aufgehoben.  Fünfzig  Jahre  später 
wurden  mehr  als  50  Documente,  die  auf  diese  Weise  in  den 
Besitz  der  Polen  gelangt  waren,  von  diesen  herausgegeben. 
Diese  Documente  beziehen  sich  hauptsächlich  auf  den  Krieg 
von  1794;  es  sind  Circuläre  und  private  Verfügungen,  Be- 
fehle u.  8.  w.  Am  meisten  interessirt  uns  eine  Beilage  zu  dem 
Berichte  Igelstrom's  an  die  Kaiserin  vom  5.  April  1794,  d.  h. 
am  Vorabende  des  Warschauer  Aufstandes:  hier  werden  aus- 
fuhrliche Nachrichten  über  die  Vertheilung  und  Anzahl  der 
russischen  Truppen  in  Polen  mitgetheilt  (15).  Alle  diese  Do- 
cumente sind  in  polnischer  Uebersetzung  und  vollinhaltlich 
herausgegeben;  nur  ein  Papier  ist  verkürzt:  „List  tenniejest 
calkowicie  ttomaczony,  lecz  pierwsze  dwa  punkta,  jako  nie 
tycz^ce  sie  interessow  polskich  s^  opuszczone"  (124).  Hier 
sind  u.  A.  abgedruckt:  acht  Documente  des  Barons  Igelstrom 
(1,  4,  11,  24,  150,  164,  170,  172),  fünf  des  Fürsten  Zizianow 
(68,  62,  73,  100,  107),  sechs  T.  J.  Tutolmin's  (76,  94,  96,  97, 
101,  104)  und  zwei  des  preussischen  Gesandten  in  St.  Peters- 
burg (112,  127),  natürlich  mit  Auslassung  dfer  chififrirten  Stellen: 
„reszta  tego  listu  pisana  jest  liczbami^'  (113),  femer  einige 
Briefe  von  Second-Majoren,  darunter  einer  des  Prinzen  Fried- 
rich von  Holstein,  Generalmajors  in  preussischen  Diensten  (106), 
vier  Universale  und  Briefe  Kostjuschko's  (84,  87,  88,  91)  und 
drei  Documente  ohne  Unterschrift  (131,  133,  142). 

Diese  Ausgabe  ist  sehr  wichtig  für  die  Kriegsgeschichte. 
Es  versteht  sich  jedoch  von  selbst,  dass  sowohl  die  Echtheit 
der  Documente,  als  auch  die  Genauigkeit  der  Uebersetzung 
noch  der  Prüfung  unterliegen.  Leider  |ist  die  Ausgabe  sehr 
nachlässig  hergestellt:  sie  hat  nicht  einmal  ein  Inhaltsverzeich- 
niss   und    weist   eine   Masse   Druckfehler   auf.     In   einzelnen 

22* 


—     340        - 

Fällen  ist  angegeben,  auf  welche  Weise  das  betr.  Document 
erlangt  wurde  — :  „prz^te  na  Zmudzi  przez  körnende  szefa 
Niesiolowskiego"  (1,  7,  24),  d.  h.  des  Chefs  des  Infanterie- 
Regiments  No.  8  (87);  „znaleziona  przy  tym  iydzie,  ktöry  jest 
zlapanym  w  powiecie  Nowogrodzkim"  (68);  „znaleziony  w 
szasie  rewizyi  Petersburgskidj  poszty"  (112);  „znaleziony  w 
szazie  rewizyi  poczty  zabranej  na morzu Baltyckiem'^  (127)  u. s.w. 
Ohne  Angabe,  wann  und  auf  welche  Weise  das  Document 
erbeutet  worden,  ist  das  allerinteressanteste  geblieben:  „Stan 
terasniejszy  sily  Bossyjskiej  na  morzu  Czamem  i  Azowskiem, 
tudziei  w  znakomitych  osadach  swieio  w  onych  stronach  zalo- 
4onych"  (176).  Diese  Documente  waren  als  Manuscripte 
Michail  Oginskij  bekannt,  der  in  seinen  „Memoi^es^'  (No.  929) 
russische  Papiere  erwähnt,  „qui  fut  interceptös  par  les  Polo- 
nais^'  (1,  372);  er  führt  sogar  Auszüge  aus  dem  Berichte  des 
Barons  Igelstrom  vom  5.  April  1794  an. 

1002.   Voltaire  et  la  Pologne,  par  Romain- Comut    Paris,  1846. 

Romain  Comut,  „avocat  du  barreau  de  Paris",  stellte  sich 
die  Aufgabe,  „rappeler  comment  s'est  accompli  le  premier 
attentat  contre  Tind^pendance  de  la  nation  Polonaise  et  contre 
rintögritö  de  son  territoire;  comment  ce  grand  crime  fut  accu- 
eilli  et  jug6  pour  TEurope  d'alors,  et  de  quelle  manifere  les 
philosophes  du  temps,  repr^sentants  de  Topinion  publique,  y 
intervinrent"  (7).  Die  ganze  Broschüre  besteht  aus  folgenden 
vier  Capiteln: 

1.  „Historique  du  premier  partage  de  la  Pologne"  (9). 
Es  sind  dies  feurig  geschriebene  Zeilen  gegen  die  europäischen 
Mächte,  die  die  erste  Theilung  Polens  zugelassen  haben.  Der 
Verfiasser  führt  als  „le  pr61ude  du  dömembrement  de  la  Po- 
logne" einen  geheimen  Artikel  des  russisch-preussischen  Ver- 
trages an,  verschweigt  aber,  von  wem  und  wann  dieser  Ver- 
trag   abgeschlossen    worden    (13).      Er    schiebt    alle    Schuld 


—     341     — 

Katharina  in  die  Schuhe  und  schliesst  nach  Anführung  des 
Artikels:  „Voilä  le  crime!  le  voilä,,  öcrit,  positif,  officiel!"  (14). 
Man  muss  indess  bemerken,  dass  der  vom  Verfasser  mitge- 
theilte  Artikel  der  „Articulus  secretus  III"  des  Bündniss- 
vertrages zwischen  Russland  und  Preussen  ist,  der  am  8.  Juni 
1762  von  Peter  III.  und  Friedrich  IL  abgeschlossen,  aber 
nicht  ratificirt  worden  ist;  zwei  Jahre  später  hat  Katharina 
diesen  Artikel  im  Vertrage  vom  31.  März  1764  nur  wieder- 
holt (Martens,  V,  405;  VI,  22). 

2.  „Voltaire  et  Fr6d6ric"  (30).  Hier  werden  Citate  aus 
dem  Briefwechsel  beider  Männer  angeführt,  wobei  die  folgende 
Stelle  aus  einem  Briefe  Voltaire's  vom  18.  November  1772 
der  Beurtheilung  unterzogen  wird:  „On  prÄtend  que  c'est  vous,. 
Sire,  qui  avez  imaginö  le  partage  de  la  Pologne  —  et  je  le 
crois,  parce  qu'il  y  a  la  du  genie."  Der  Verfasser  hält  Fried- 
rich n.  für  den  Hauptschuldigen  der  Theilung  (57). 

3.  „Voltaire  et  Catherine"  (60).  In  diesem  Theile  beweist 
der  Verfasser,  der  Voltaire  ganz  und  gar  nicht  begriffen  hat, 
dass  derselbe  ein  schlechter  Patriot  gewesen  sei;  sogar  der 
witzigste  und  geistreichste  Brief  vom  7.  August  1771  wird  einer 
Verurtheilung  unterzogen,  besonders  wegen  der  Phrase:  „notre 
flotte  se  pr^pare  ä  voguer  de  Paris  ä  St.  Cloud"  (66).  Ka- 
tharina beklagte  sich  gegenüber  Voltaire  über  die  französischen 
Officiere  im  Haufen  der  Confoderirten  und  über  die  französi- 
schen Ingenieure  in  Konstantinopel;  Voltaire  konnte  sich  dem 
gegenüber  nur  durch  Scherze  aus  der  Affäre  ziehen,  und  da- 
für erhielt  er  von  dem  Verfasser  und  Advocaten  den  Vorwurf 
des  mangelnden  Patrotismus.  Besonders  regen  den  Verfasser 
zwei  Stellen  aus  den  Briefen  Voltaire's  an  Katharina  auf;  am 
6.  Juli  1776  schreibt  er:  „J'ai  un  petit  d6mon  familier  qui 
m'a  dit  tout  bas  k  Toreille  qu'en  humiliant  d'une  main  For- 
gueil  Ottoman,  vous  pacifierez  le  Pologne  de  Tautre"  (75),  und 
am  18.  October  1771 :  ,je  ne  suis  point  fran^ais;  je  suis  suisse. 


—     342     — 

et  si  j'ötais  plus  jeune,  je  me  ferais  russe"  (76).  Der  Ver- 
fasser nimmt  alle  Scherze  und  Liebenswürdigkeiten  Voltaire's 
für  Ernst  an,  er  begreift  nicht,  dass  Voltaire  zuerst  Mensch 
und  dann  erst  Franzose  war,  und  schliesst  deshalb  dieses 
Capitel  mit  der  Erklärung:  „Voltaire  me  parait  un  pauvre 
homme^  le  demier  des  hommes<<  (83). 

4.  „Voltaire  et  d'Alembert"  (84).  Dieses  Capitel  inte- 
ressirt  uns  nur  wegen  der  Frage  von  den  französischen  Of&- 
cieren,  die  bei  Erakau  gefangen  genommen  worden  waren. 
Die  Antwort  Eatharina's  auf  die  Bitte  d'Alembert's  hat  der 
Verfasser  nicht  gelesen  —  ,Je  n'ai  pu  retrouTer  ce  billet,  il 
n'existe  pas  dans  la  correspondance^'  (86).  Diese  Antwort  ist 
in  der  „Sammlung  etc.",  XIII,  279,  abgedruckt.  Ueber  die- 
selbe Frage  siehe  auch  den  „Hist.  Boten",  XVI,  297.  Das 
Grundmotiv  dieses  Capitels,  dass  d'Alembert  allein  sich  für 
die  gefangenen  Franzosen  verwandt  habe,  Voltaire  dagegen 
gegen  sie  gewesen  sei,  ist  auch  nicht  richtig.  Voltaire  hat  schon 
früher  als  d'Alembert  in  dieser  Frage  seine  Dienste  angeboten; 
siehe  6d.  Beuchot,  LXVII,  6347,  6349,  6359. 

Diesen  vier  Capiteln  sind  zum  Schlüsse  eine  „Conclusion", 
die  eine  Seite  einnimmt,  und  eine  „Sentence",  die  sechs  Zeilen 
zählt,  hinzugefügt.  Das  allgemeine  Motiv  der  Broschüre  ist 
aus  der  folgenden  Erklärung  des  Verfassers  ersichtlich:  „Je 
dÄpose  ce  petit  livre  sur  le  tombeau  de  la  Pologne,  comme 
une  oflErande  expiatoire,  et  comme  une  esp6rance  de  mon  coeur, 
que  je  prie  Dieu  de  b6nir"  (8). 

1003.   Katarzyna  Wielka.    Obraz  historjczny.    Paiyi,  1846. 

Dies  ist  ein  Drama  in  fünf  Acten,  das  ausschliesslich 
der  Thronbesteigung  Katharina's  gewidmet  ist.  Die  Acte 
sind  folgendermaassen  angeordnet:  Der  erste  Act  behandelt 
„Piotr  III"  (1),  der  zweite  „Ariow"  (33),  der  dritte  „Zo^a 
Daszkow"  (71),   der  vierte   „Marszaiek  Muenich"   (122)   und 


—     343     — 

der  fünfte  „Katarzyna  Wielka  (173).  Dieses  Drama  ist  nicht 
für  die  Auflführung  auf  der  Bühne  geschrieben;  der  Verfasser 
hat  es  auch  nur  als  ,, historische  Scenen^'  bezeichnet.  Katharina 
ist  eigentlich  nur  der  fünfte  Act  gewidmet,  und  in  ihm  sind 
nur  die  folgenden  Worte  Eatharina's  charakteristisch:  ,,Sama 
jedna  panujf  teraz  nad  ogromnym  Panstwem,  sama  wladam  i 
kroluj^  tutaj;  pot^^n^  i  wielk^  teraz,  moin^  jestem  i  bogat^,  a 
jednak  szcz^sliwa  nie  jestem"  (112). 

1004.  Denkwürdigkeiten  und  geheime  Geschichten  des  Petersburger 
Hofes.    Leipzig,  1846. 

Dies  ist  eine  flüchtige  üebersicht  des  Petersburger  Hofes 
und  seiner  Geschichte  in  anderthalb  Jahrhunderten,  von  1700 
bis  1845,  von  Peter  I.  bis  Nikolai  I.  Die  Erzählung  zerfallt 
in  23  Gapitel,  von  denen  7  Katharina  U.  als  Kaiserin  und  3 
als  Grossflirstin  gewidmet  sind.  Dies  ist  eine  streng  prag- 
matische Darstellung,  ohne  jede  Erörterung  und  Schlussfolge- 
rung, wobei  die  Mittheilungen  Masson's,  Cast6ra's,  Helbig's 
und  Anderer  zu  einem  Gemälde  zusammengestellt  sind.  Wenn 
der  Verfasser  auch  „Duclos,  M^moires  secrets  sur  la  France" 
citirt  (161),  so  geschieht  das  nur,  um  die  Blicke  abzulenken. 
Völlig  unsinnige  Nachrichten  finden  sich  beim  Verfasser  nur 
wenige  (117,  167,  270),  neue  aber  gar  nicht,  wenn  man  das 
Gerücht  von  der  Flucht  Wlassjew's  und  Tschekin's  nach  Kopen- 
hagen nicht  mitzählen  will  (264).  Katharina  ist  ziemlich 
oberflächlich  gezeichnet  (91  ff.),  Peter  III.  dagegen  viel  genauer 
(93,  161  ff.). 

1005.  Polska.     Ogolny   zaryz  przyczyn  wzrostu  i  upadku  dawnego 
paüstwa  Polskiego,  skredlil  0.  Zebrotoski.    P&ryiy  1847. 

Dies  ist  eine  prachtToU  ausgestattete  Monographie  über 

die  Ursachen  des  Wachsens  und  des  Verfalles  des  ehemaligen 

polnischen  Königreiches,  die  dem  Fürsten  W.  Tschartoryshskij 

gewidmet  ist.    Inhaltlich  ist  es  eine  leere,  stellenweise  sogar 

unsinnige   „Skizze'^    ^^   i^   ^^^^    ungleiche    Theile    zerfällt: 


344 

1.  „Obraz  ogolny  Panstwa  Polskiego"  (9),  das  drei  Para- 
graphen oder  Capitel  enthält,  und  2.  ,,Rozbi6r  przyczyn  jego 
wzrostu  i  upadku"  (23),  die  ans  sieben  Paragraphen  besteht 

Der  Verfasser  beurtheilt  als  Pole  den  staatlichen  Zu- 
schnitt Polens  recht  gesund.  Bei  der  Daratellung  der  Be- 
deutung des  „liberum  veto"  und  der  Conföderationen  bemerkt 
er:  „Pytam  teraz  kaidego  przy  zdrowych  zmyslach,  kaidego, 
kogo  namietnosc  nie  unosi,  czy  z  takiemi  zasadami  porz^dkowosci, 
Polska  mogla  sie  ostac?  Interes  jednostkowy  kaidego  szlachcica 
przemagaj^c,  interes  ogolny  narodu  musiaJ  byc  sthiczionym" 
(41).  Als  Katholik  schildert  der  Verfasser  den  Verfall  der 
polnischen  Sprache  unter  dem  Einflüsse  der  Jesuiten  folgender- 
maassen:  „Jtjzyk  polski  pod  ich  kierownictwem  psowac  sie 
pocz^l^,  bo  ci  poslannicy  misticyzmu  rzymskiego  potrafili  wmöwic 
bogobojnym  Ojcom  naszyra ,  zc  Rzym  i  jezyk  jego  jest  jedyn^ 
doskonalosci^  na  ziemi"  (44);  zur  Verbesserung  der  verderbten 
Sprache  habe  es  eines  halben  Jahrhunderts  bedurft  — :  die 
ganze  „panowanie  Stanislawa  Augusta,  czas  potrzebny  na 
oczyszczenie  j^zyka"  (40). 

Der  Monographie  ist  eine  schöne  Karte  beigelegt,  die 
,,Polske  w  naturalnych  granicach"  darstellt,  sowie  eine  ver- 
schiedenfarbige „Ogolny  widok  dziejöw  panstwa  Polskiego,  i 
ludöw  ktöre  jego  panowaniu  ulegly". 

1006.   Catherine  II   et   ses   filles  d'honneur.    Boman   historique   par 
M.  E.  Niboyet.    Paris,  1847. 

Dieser  Roman   hat  mehrere  Auflagen   erlebt  und  ist  in 

viele    Sprachen   übersetzt   worden.     Nach  ihm  hat  man  „les 

moeurs  et  les  habitudes  intimes"  der  russischen  Gesellschaft 

aus  den  Zeiten  Katharina's  studirt.     Der  Verfasser  hat  den 

Roman  mit   russischen   Worten   übersäet,    die   immer   richtig 

transponirt  und  immer  genau  erklärt  sind,  was  den  Werih  des 

Buches,    als   eines   treuen   Gemäldes    des   russischen   Lebens 

jener  Zeit,  bedeutend  erhöht  hat. 


345       - 

In  diesem  „historischen  Romane"  sind  drei  geschichtliche 
Thatsachen  in  Eins  verflochten,  die  unter  sich  nicht  den  ge- 
ringsten Zusammenhang  haben,  —  das  Schicksal  der  Tara- 
kanow,  die  Ehe  Dmitrijew-Mamonow's  und  der  Aufenthalt 
Cagliostro's  in  Petersburg.  Es  ist  nicht  verwunderlich,  dass 
es  dem  Verfasser  nicht  gelungen  ist,  die  Zeit  der  Handlung, 
die  ein  halbes  Jahr  dauert,  einheitlich  festzuhalten:  nachdem 
zu  Anfang  das  Jahr  1767  genau  festgesetzt  ist,  erwähnt  der 
Verfasser  ein  Ereigniss  aus  dem  Jahre  1775  (60)  und  endlich 
sogar  eines  aus  dem  Jahre  1791  (250);  in  Wirklichkeit  be- 
fand die  Tarakanow  sich  während  sechs  Monate  des  Jahres 
1775  in  der  Peter  Paul's-Festuug,  Cagliostro  war  im  Jahre 
1779  in  Petersburg,  und  die  Hochzeit  Dmitrijew-Mamonow's 
fand  im  Jahre  1789  statt;  diese  Ereignisse  umfassen  also 
einen  Zeitraum  von  vierzehn  Jahren.  Die  Tarakanow  nimmt 
in  dem  Romane  die  erste  Stelle  ein,  und  ihre  Geschichte  ist 
völlig  phantastisch  erzählt  (60,  74,  92,  126,  213,  253,  326, 
380,  395,  437);  es  wird  sogar  ein  Aufstand  zu  ihren  Gunsten 
erfanden,  wobei  Katharina  selbst  die  Truppen  gegen  die  Auf- 
rührer fahrt  (376,  408).  Die  Thätigkeit  Cagliostro's  ist  nach 
der  Schablone  erzählt:  er  taucht  tiberall  auf  und  verschwindet 
dann  wieder  auf  unbekannten  Wegen,  er  weiss  Alles  und 
vollfahrt  alle  möglichen  Wunder,  obgleich  er  indess  die  Tara- 
kanow nicht  retten  konnte.  Der  Hauptschauplatz  seiner 
Thätigkeit  ist  der  Hof  —  in  der  Eremitage,  in  Gegenwart 
Katharina's,  ja  sogar  mit  ihrer  Zustimmung,  während  doch 
Cagliostro,  wie  bekannt  ist,  zu  Hofe  gar  nicht  zugelassen 
wurde  und  Katharina  ihn  gar  nicht  gesehen  hat.  Am  rich- 
tigsten, obgleich  auch  hier  äusserst  willkürlich,  hat  der  Ver- 
fasser die  Episode  der  Heirath  Mamonow's  mit  der  Prinzessin 
Schtscherbatow  benutzt;  hierbei  ist  die  Tochter  Bruce's 
historisch  unrichtig,  aber  för  den  Roman  sehr  wirksam  in  die 
Handlung  eingeflochten;  Katharina  selbst  hatte  sie  anfänglich 


—     346     — 

im  Verdachte  (Chrapowizkij,  293),  obgleich  sie  damals  erst 
dreizehn  Jahre  alt  war  (45).  Dazu  wird  im  Roman  nicht  nur 
Lanskoi  (72),  sondern  sogar  Subow  (431)  erwähnt. 

Katharina  ist  in  diesem  Romane  nicht  wiederzuerkennen. 
An  einer  Stelle  erwähnt  sie  Voltaire,  d'Alembert  und  Diderot 
und  fugt  hinzu:  ,Je  n'aime  pas  les philosophes,  qui  instruisent  le 
peuple;  j'^tudie  la  philosophie  comme  les  chimistes  etudient  les 
poisons  —  pour  les  6viter"  (48).  Sie  muss  von  der  Fürstin  Dasch- 
kow  folgende  Rede  anhören:  „Voici  cinq  ans  que  vous  rögner  mal- 
gr6  les  s^ditions,  malgr^  les  troubles  que  suscitent  dans  Tempire 
vos  ennemis.  Le  clergö  n'a  pu  Vous  croire  franchement  devote, 
les  Partisans  de  Pierre  III  n'ont  pas  oubliö  que  ce  prince  est 
mort  par  la  corde,  le  poison  et  Tassassinat.  Ce  crime  qu'on 
vous  impute  et  dont  Orloflf  fut  le  principal  auteur,  le  peuple 
le  d6plore,  car  le  peuple  est  toujours  du  parti  des  victimes" 
(20).  Im  Romane  kommen  in  der  That  eine  Masse  russischer 
Worte  vor  — :  „schastny  pristav"  (11),  „boudotschnik"  (73), 
„swaka"  (85),  „matouchka"  (88),  „korouschka"  (98),  „ponamar" 
(99),  „razboinik"  (211,  261),  „christos  voski-es"  (365,  372) 
u.  s.  w.  —  aber  sie  sind  alle  von  russischen  Bekannten  des 
Verfassers  geliehen  („pr6face",  V)  und  verhindern  diesen  nicht, 
in  Kabaks  (Kneipen)  Kwas  verkaufen  zu  lassen!  Im  ganzen 
Romane  glänzt  die  „couleur  local"  durch  völlige  Abwesenheit. 

1007.   Die   GefaDgenen   der   Czaarin     Lustspiel   in   zwei   Aufzügen. 
Von  W.  Friedrich,    Hamburg,  1847. 

Die    Handlung    dieses    Stückes    spielt    in     der    Festung 

Schlüsselburg.     Der  Prinz  von  Kurland  ist  aus  der  Festung 

eine  Stunde  vor  der  Ankunft  der  Kaiserin  entflohen;  Alexei 

Rasumowskij,  der  Gefahi*te  des  Prinzen  in  der  Gefangenschaft, 

nimmt  seine  Stelle  ein.   Diese  Täuschung  wird  bald  entdeckt, 

aber  die  Kaiserin  verzeiht  Allen.   Nach  diesem  Stücke  könnte 

unter  der  „Kaiserin"  ebensowohl  Katharina  If.,  wie  auch  nicht 

Katharina  II.  zu  verstehen  sein. 


—     347     — 

1008«   Pami^tniki  czasöw  moich.    Dzielo  posmiertue  Juliana  Ursina 
Niemcewicxa.    ParyÄ,  1848. 

Es  sind  dies  ausfuhrliche  Memoiren,  die  mehr  als  siebenzig 
Jahre  umfassen,  von  1758,  dem  Geburtjahi'e  des  Verfassers, 
bis  1829.  Njemzewitsch  starb  im  Jahre  1841,  und  seine 
Memoiren  wurden  von  seinem  Neflfen,  Karl  Njemzewitsch, 
herausgegeben.  Der  Herausgeber  giebt  nicht  an,  wann  und 
wie  diese  Memoiren  seines  Oheims  geschrieben  sind,  er  erklärt 
nur  den  Beweggrund,  der  ihn  zu  ihrer  Herausgabe  veranlasst 
hat:  „powinnismy  przedewszystki6m  poznac  siebie  samych, 
ocenic  i  zbadac  nasz^  history^,  a  tak  uzbrojeni,  rozwijaj^c 
post^p  cywilizacyi  na  gruncie  polskim,  niewpadniemy  jui  w  te 
same  bl^dy,  ktöre  nam  za  ostatniego  powstania  bron  z  r^ku 
wytr^cily"  (VI).  Der  Verfasser  der  Memoiren  selbst  sagt: 
„nie  trzeba  szukac  w  zapisywaniach  moich  ni  porz^dku  materyi 
ci^glego,  ni  dat  zupelnych^',  und  f&gt  hinzu:  „pisz^  jak  mi 
wspomnienia  przychodz^  na  pami^c'^  (8).  Aus  der  Darstellung 
ist  zu  ersehen,  dass  die  Aufzeichnungen  nach  dem  Wiener 
Congresse  begonnen  worden  sind:  zu  Anfang  der  Memoiren 
sagt  der  Verfasser  bei  Aufzählung  der  Theilnehmer  an  den 
wissenschaftlich-litterarischen  Gastmählern  Stanislaus  August's 
folgendes :  „portrety  ich  zachowane  byJy  w  pokojach  zamkowych, 
pozostafy  tam  one  ai  do  sprzedania  ruchomosci  Stanislawa 
Augusta  w  1815  roku"  (45);  früher  stösst  man  auf  die  Elr- 
wähnung  der  Jahre  1794  (34,  39)  und  1812  (35).  Auf  diese 
Weise  sind  die  Zeiten  Katharina's  11.,  sowie  die  Angelegen- 
heiten, bei  deren  Entwickelung  sie  betheiligt  gewesen  ist, 
hier  vierzig,  mindestens  aber  zwanzig  Jahre  später  geschildert 
worden,  und  zwar  sind  sie  nach  dem  eigenen  Geständnisse 
des  Verfassers  aus  dem  Gedächtnisse  und  ohne  zeitgenössische 
Aufzeichnungen,  die  der  Verfasser  nicht  gemacht  hat,  ge- 
schildert worden. 

Diese  Memoiren  lesen  sich  sehr  interessant  und  zeichnen 


-      348     — 

(las  pohlische  Leben  jener  Zeit  in  lebhaften  Farben.  Im 
Jahre  1776,  als  der  Verfasser  achtzehn  Jahre  alt  war,  be- 
endete er  den  Cursus  im  Kadettencorps  (51);  über  die  Ver- 
gangenheit vermochte  er  damals  nur  nach  Gerüchten  zu 
sprechen,  wobei  ihm  nur  hin  und  wieder  das  einfiel,  was  am 
meisten  Eindruck  auf  ihn  gemacht  hatte.  In  Anlass  der 
Wahl  des  Grafen  Ponjatowskij  zum  Könige  schildert  er  fol- 
gende Familienscene:  „Jak  tylko  ojciec  möj  wszedl  do  pokoju 
rzekl  wesoto,  mamy  nakoniec  kröla  Piasta.  Co  to  jest  krol 
Piast,  zapytalem;  jest  to  moje  dziecie,  rzekl  ojciec,  krol  z 
naszego  narodu  wybrany,  polak,  ktöry  z  nami  mieszkac  bedzie, 
ktory  nas  zrozumie  i  my  jego  rozumiec  bedziemy.  Niewiem, 
przerwata  babka  moja,  czy  nam  z  tem  lepi^j  bedzie  —  Wo4 
bedzie  pana  Poniatowskiego  Stolnika  Litewskiego,  jako  kröla 
powaial,  beda  wielcy  panowie  nasi  jeidic  na  nim,  jak  wrony 
na  baranach"  (11).  Das  ist  nicht  erdacht,  das  ist  wirklich 
gehört  worden,  ebenso  wie  das  Volkslied  vom  Verfasser  that- 
sächlich  gesungen  worden  ist,  das  in  Anlass  der  Conföderation 
von  Bar  entstanden  war  und  mit  folgenden  Worten   begacnn: 

Lutiy,  Kalwiny 
Bezboine  syny, 
Z  ojczyzny  matki 
Chc^  szarpa^  platki. 

Erst  mit  dem  Jahre  1776  beginnt  in  den  Memoiren  die 
Erzählung  des  Selbsterlebten,  und  erst  mit  dem  Jahre  1794 
die  Schilderung  der  Zeit,  die  uns  hier  angeht.  Der  Theil  der 
Memoiren,  der  von  der  Schlacht  bei  Maciejowizy  bis  zum 
Tode  Katharina's  handelt  (224—291),  ist  von  uns  schon  bei 
Besprechung  eines  anderen  Werkes  (No.  987),  das  fast  un- 
mittelbar nach  den  Ereignissen  dieser  Jahre  verfasst  worden 
ist,  betrachtet  worden. 

Es  ist  bemerkenswerth,  dass  Njemzewitsch  auch  in  seinen 
Memoiren  das  Verhalten  Katharina's  nach  der  ersten  Theilung 
lobt  (41);  das  ist  ein  Anzeichen  bedeutender  Gewissenhaftigkeit; 


-       349     — 

aber  noch  bemerkenswerther  ist  seine  StellungnaLme  zu 
Potjemkin  (79,  157):  „smierc  jego  byla  mo4e  strat^  dla  Polski" 
(80).  Sehr  interessant  ist  die  Geschichte  der  Griechin 
Mme.  Witte  (77),  wenn  sie  auch  vielleicht  nicht  ganz  genau 
wiedergegeben  ist  (Russ.  Alterthum,  LXXTTI,  42);  interessant 
sind  ferner  einige  Einzelheiten  über  die  taurische  Reise 
Eatharina's  (121)  und  m.  Ä. 

Obgleich  Njemzewitsch  schon  in  seiner  Kindheit  mit  den 
Russen  bekannt  geworden  war  (18),  spricht  er  natürlich  in 
seinen  Memoiren  vorzugsweise  von  den  Polen,  und  gerade  in 
dieser  Beziehung  sind  sie  besonders  interessant  für  den  Ge- 
schichtsschreiber Katharina's:  in  den  Memoiren  Njemzewitsch's 
sind  viele  Züge  enthalten,  die  geeignet  sind,  die  Beziehungen 
Eatharina's  zu  einem  gewissen  Theile  der  polnischen  Magnaten 
zu  erklären. 

1009.   Anjala-Förbundet.   Bidrag  tili  dess  historia.   Efter  enskilta  och 
offentliga  handliDgar,  af  Maunu  Malmanen.    Stockholm,  1848. 

Dies  ist  die  erste  wissenschaftliche  Untersuchung  über  den 
Bund  von  Anjala,  den  die  finnischen  und  schwedischen  Truppen 
im  Jahre  1788  geschlossen  haben.  Der  Verfasser  hat  bisher 
nicht  herausgegebene  Documente  benutzt  und  erwähnt  u.  A. 
einen  Brief  Katharina's  an  Sprengtporten  (53,  61),  „hosten  1788", 
der  im  Archive  des  Generalstabs  in  Petersburg  aufbewahrt 
wird.  Dieser  Brief  ist  auch  bis  heute  noch  nicht  veröffentlicht 
worden,  aber  Katharina  erwähnt  ihn  in  einer  Zuschrift  an 
T.  J.  Tutolmin  (Russ.  Archiv,  1873,  2283).  Man  darf  an- 
nehmen, dass  auch  das  Citat  aus  der  Antwort  Eatharina's  vom 
9.  August  1788  (57)  richtig  ist.  Dem  Verfasser  ist  gleichfalls 
bekannt,  „pä  kejserliga  bibliotheket  i  St-Petersburg  förvaradt 
manuskript  med  titel  »Memoires  pour  servir  k  Thistoire  de  la 
guerre,  qui  amena  la  revolution  1789  en  Sufede«"  (104). 

Ausser  einer  kurzen  Einleitung,  in  der  die  Ereignisse 
„frän  statshvälfningen  den  19  Aug.  1772  tili  utbrottet  af  1788 


—     350     — 

ärs  Krig"  in  knapper  Darstellung  behandelt  werden,  zerfltllt 
die  ganze  Untersuchung  in  zwei  Theile:  .^Sjelfständighets-Par- 
tiet"  (31)  und  „Anjala-Förbundet"  (65).  Der  Verfasser  führt, 
sogar  in  schwedischer  üebersetzung,  die  Ansicht  Klick's  an, 
dass  ,,Finlands  sjelfständighet  förut  af  Eyssland  erbjuden'*  (40), 
aber  er  schreibt  eine  grössere  Bedeutung  in  dieser  Beziehung 
dem  „Valhalla-orden"  zu,  den  er  für  den  Hauptträger  der 
separatistischen  Ideen  in  Finnland  hält,  indem  er  bemerkt: 
„nägre  deltagare  i  Anjala-Förbundet  äfven  embetsmän  i  Val- 
halla-orden"  (47).  Den  eigentlichen  Bund  von  Anjala  erklärt 
der  Verfasser  aus  zwei  Gründen:  erstens,  „Krigets  foretagande 
tvärtemot  regeringsformens  48  §''  und  zweitens,  „missvächt 
och  hungernöd  i  Finland",  wobei  es  soweit  kam,  dass  —  wie 
Stedingk  dem  Könige  schrieb  —  „la  faim  öte  au  peuple  les 
forces  et  le  courage  —  notre  recrue  et  plus  Busse  que  Suödois" 
(M6m.  de  Sted.,  I,  93).  Der  Verfasser  legt  ausführlich  „brist 
p&  proviant,  beklädnad  och  penningar"  (83)  dar. 

Für  uns  haben  die  Mittheilungen  über  die  Beziehungen 
Jägerhom's  zu  Katharina,  über  seine  Reise  nach  Petersburg, 
besonders  aber  über  „Jägerhoms  underhandling  i  Petersburg 
och  äterkomst"  (63)  das  meiste  Interesse.  Alles  dies  ist  aus- 
führlich, u.  A.  auch  auf  Grund  der  vorliegenden  Untersuchung, 
in  dem  sehr  umfangreichen  Aufsatze  Brückner's:  „Der  Bund 
von  Anjala",  im  „Journal  d.  Min.  d.  Volksaufklrg.",  CXXXVII, 
679,  dargelegt.  Vgl.  auch  desselben  Verfassers  „Der  Anjala- 
bund  in  Finnland,  1788",  abgedr.  in  der  „Baltischen  Monats- 
schrift«, XIX,  309. 

1010«   La  pologne.    Trilogie  politique.    Berlin  1848. 

Diese  politische  Trilogie  besteht  natürlich  aus  drei  Theilen: 
„le  partage",  „l'expiation**  und  „la  d^livrance".  Der  Verfasser 
hat  keinen  dieser  drei  Theile  völlig  ausarbeiten  können  und 
nur  ein  kurzes  Scenarium  des  ersten  Theiles  geboten,  der  aus 


—    351     — 

fünf  Acten  besteht:  „Catherine*'  (1),  „Frödöric-le-Grand"  (24), 
„Marie-Th6r6se"  (28),  „Le  divan"  (39)  und  „Praga,  4  Novembre 
1794"  (53).  Das  Jahr  1795,  das  oft  erwähnt  wird,  ist  ein 
oflfenbarer  Druckfehler  für  1794.  „Ce  ne  sont  aprfes  tout  que 
des  scänes  d^tach^es,  que  je  brüle  d'ölaborer  un  jour,  de 
porter  peut-ötre  jusqu'ä,  Tunitfi  du  drame",  sagt  der  Verfasser 
im  Vorworte,  aber  das  Drama  selbst  hat  er  doch  nicht  ge- 
schrieben. Die  ersten  vier  Acte  sind  ausschliesslich  der  ersten 
Theilung  Polens  gewidmet,  wobei  die  Handlung  des  am  meisten 
ausgearbeiteten  ersten  Actes  im  Saale  „du  chäteau  imperial 
de  St.  Pötersbourg"  vor  sich  geht.  Ssoltyk,  das  Haupt  der 
polnischen  Deputation,  petitionirt  um  die  Vereinigung  Polens 
mit  Russland:  „Veuillez,  nous  vous  en  conjurons,  nous  ras- 
sembler  entierement  sous  les  ailes  de  votre  puissance.  Pro- 
noncez  et  nous  vous  ob^irons  et  nous  vous  reconnaitrons  comme 
notre  souveraine  maltresse,  pour  que  dösormais  nous  ne  soyons 
plus  contraints  de  souffrir  que  les  puissances  ^trangäres  du 
dehors  et  nos  divisions  personnelles  au-dedans  d^chirent  notre 
belle  patrie"  (5).  Nach  Ssoltyk  erscheint  Prinz  Heinrich  von 
Preussen,  der  die  Theilung  Polens  vorschlägt,  wobei  Katharina 
„s'approche  d'une  carte  appendue  k  une  partie  saillante  de  la 
muraille,  trempe  l'index  dans  Tencrier  et  trace  la  ligne  de 
dömarcation  de  la  Prusse  pour  le  premier  partage  de  la  Po- 
logne"  (20).  In  diesem  Falle  folgt  Katharina  den  Anweisungen 
des  Testamentes  Peter's  des  Grossen  und  erklärt  ihr  Vorhaben 
folgendermaassen:  „Si  j'acceptais  le  pays  tout  entier,  ce  serait 
pour  le  partager  plus  tard.  Non,  la  Russie  partage  maintenant 
pour  ressaisir  le  tout  un  jour.  Pierre  Ta  dit  dans  son  test- 
ament,  Catherina  Farrete  aprfes  lui"  (23).  Ueber  dasselbe 
Thema  sind  die  politischen  Gespräche  verfasst,  die  „dans  le 
chäteau  de  Sanssouci",  „dans  le  chäteau  imperial  de  Vienne" 
und  in  Konstantinopel  im  Divan  stattfinden,  wobei  der  Ver- 
fasser eine  völlige  ünkenntniss  der  Hofetiquette  und  der  Ge- 


—     352       - 

pflogenheiten  diplomatischer  Unterhaltungen  offenbart.  Der 
letzte  Act  ist  ein  poetisches  Gremälde:  Ssuworow  stürmt  Praga; 
eine  reiche  Polin  verbrennt  sterbend  alle  Documente  über 
ihren  Landbesitz  und  ihre  Reichthümer  und  übergiebt  ihrer 
Tochter  ein  Papier  —  die  Prophezeihung,  dass  der  Rächer 
Polens  erscheinen  und  dass  Polen  wiedererstehen  werde 

1011.  Polen ;  historisch,  geographisch,  statistisch.  Mit  fönf  chemi- 
typirten  Karten  über  die  Theilungen  Polen's  von  1772  bis  jetzt 
Leipzig,  1848. 

Dies  ist  eine  kurze  Broschüre,  die  „für  Zeitungsleser" 
bestimmt  war.  Gut  erdacht,  ist  sie  jedoch  leider  schlecht 
ausgeführt  worden:  auf  den  Karten  sind  die  Grenzen  unrichtig 
bezeichnet,  so  dass  z.  B.  Polen  nach  der  dritten  Theilung  ein 
bedeutend  grösseres  Territorium  an  Flächeninhalt  aufweist, 
als  nach  der  zweiten  Theilung  (11).  Diese  Broschüre  bezieht  sich 
auf  die  Bewegung,  die  durch  die  Proclamation  der  Franzö- 
sischen Republik  im  Jahre  1848  hervorgerufen  wurde,  und  in 
ihr  ist  von  den  Theilungen  Polens  zur  Zeit  Eatharina's  nur 
beiläufig  die  Rede. 

1012.  The  cossacks  of  the  Ukraine  comprising  biographical  notices 
of  the  most  celebrated  cossacks  chiefs  or  attamans,  by  count 
Henry  Krasinski.    London,  1848. 

Der  Verfasser  dieser  Schrift,  der  mehr  Patriot,  als  Histor- 
iker ist,  schreibt  auch  über  die  Kosaken  nur,  um  seine  Grund- 
überzeugung zu  beweisen:  „the  denationalizing  of  Poland  for 
many  reasons  is  impossible,  and  if  Russia  will  not  give  up 
Poland  voluntarily,  that  kingdom  will  be  wrested  from  here 
sooner  or  later*'  (IX).  In  dem  vorliegendem  Werke  wird  das 
Leben  von  sechs  Kosaken  erzählt:  Chmeljnizkij ,  Sheljesnjak 
und  Gonta,  die  Polen  in  Aufruhr  versetzt  haben,  und  Stenjka 
Rasin,  Maseppa  und  Pugatschew,  die  Russland  bedrohten. 
Aber  hier  sind  auch  noch  zwei  Gapitel  enthalten,  die  nichts 
Gemeinsames  weder    mit   dem  Kosakenthume,   noch   mit   der 


—     353     — 

Ukraine  haben:  „Princess  Tarakanoff"  (163—177,  notes  283 
bis  285)  und  „Catherine  11  and  her  favourites"  (178—185). 
Diese  beiden  Capitel  und  die  „Rebellion  of  Pugatchef''  (186 
bis  223,  notes  285 — 288)  allein  können  uns  hier  interessiren. 
In  allen  diesen  drei  Capiteln  theilt  der  Verfasser  natürlich 
nichts  Neues  mit;  aber  auch  seine  Nacherzählung  dessen,  was 
AUen  bekannt  ist,  hat  gar  keine  Bedeutung  und  verdient  nicht 
die  geringste  Beachtung.  So  wird  z.  B.  die  sinnlose  Geschichte 
von  der  körperlichen  Züchtigung  der  Mamonow  nur  aufgetischt, 
um  daran  folgende  Moral  zu  knüpfen:  „Such  a  barbarous 
violation  of  domestic  privacy  could  only  happen  in  Bussia, 
and  gives  some  idea  of  the  manner  in  which  that  country  is 
governed"  (184).  Der  Verfasser  behauptet,  dass  er  bei  der 
Darstellung  des  Pugatschew'schen  Aufstandes  die  Angaben 
eines  der  Theünehmer^  einer  Person,  die  Pugatschew  nahege- 
standen, benutzt  habe:  „I  gattered  many  things  from  a  friend 
of  Suchodolski,  who  retumed  to  Russian  Poland  and  who 
used  to  relate  many  interesting  anecdotes  of  Pugatchef  ^  (223), 
in  seiner  Ezählung  aber  ist  nichts  Neues  zu  finden  und  selbst 
das  blödsinnige  Gerücht,  dass  Katharina  Pugatschew  besucht 
habe  —  „the  Empress  visited  him  secretly  in  disguise,  atten- 
ded  by  her  lover"  (220)  — ,  ist  ganz  und  gar  nicht  neu. 

Am  Ende  jeden  Gapitels  giebt  der  Verfasser  die  Quellen 
an,  aus  denen  er  die  Nachrichten  für  seine  Erzählung  ge- 
schöpft hat. 

1013.    Prinzessin  Tartaroff,  oder  die  Tochter  einer  Kaiserin.    Histo- 
rischer Roman  von  L.  Mühlbaeh,    2  Bde.    Berlin,  1848. 

Natalie  Tartaroff,  die  Heldin  dieses  „historischen  Romans'^ 

ist  Elisabeth   Tarakanow.     Die   historischen  Nachrichten  hat 

die  Verfasserin  aus  Levecque  (No.  415),  Chappe  d'Auteroche 

(No.  106)  und  Schlosser,  „Geschichte  des  achtzehnten  Jahrhun«> 

derts^'  (I,  215),  geschöpft.    Bei  den  ersten  Beiden  ist  der  Name 

der  Tarakanow  nicht  einmal  erwähnt,  und  die  Verfasserin  hat 

BilbaBBoff,  Katharina  n.  23 


—     354     — 

auch  den  ganzen  ersten  Band  gar  nicht  ihr  gewidmet:  hier 
werden  Natalja  Dolgorukow  (3),  Graf  Mftnnich  (8),  Graf  Oster- 
mann (21)  und  die  Geschichte  Rasslands  bis  zum  Tode  der 
Kaiserin  Elisabeth  Petrowna  (252)  einschliesslich  behandelt. 
Der  eigentliche  Roman  beginnt  erst  mit  dem  zweiten  Bande 
und  hat  nicht  den  geringsten  Anspruch  darauf,  ein  ,,historischer^' 
genannt  zu  werden :  in  ihm  ist  Alles  phantastisch,  Alles  beruht 
auf  Erfindung  —  bis  zum  Tode  der  Tarakanow  auf  dem  Platze 
durch  die  Hand  des  Henkers  (313). 

Louise  Mühlbach  ist  ein  Pseudonym  für  Klara  Mundt, 
die  Gattin  des  Schriftsteller  Theodor  Mundt.  Selbst  die 
Deutschen  sind  über  die  Masse  der  von  ihr  verfassten  Romane 
und  Erzählungen  erstaunt  und  gestehen  ihren  belletristischen 
Schöpfungen  mehr  Phantasie  als  Talent  zu,  wobei  ,,ihre  Phan- 
tasie wild  und  regellos  das  künstlerische  Mass  und  die  ethischen 
Schranken  überschritt". 

1014.   Sarmatische  Lebensbilder.    Novellen  aus  Russlands  und  Polens 
Geschichte.    Von  W.  Schuhe,    Magdeburg,  1848. 

Aus  den  sieben  Erzählungen  in  diesem  Buche  ist  nur 
eine  Katharina  gewidmet:  „Alexandra  Paulowna  oder  die  Liebe 
einer  Grossfürstin"  (69).  In  dieser  Erzählung  wird  die  Ge- 
schichte der  Brautwerbung  des  schwedischen  Königs  Gustav  IV. 
Adolph  um  die  russische  Grossfürstin  Alexandra  Pawlowna 
wohlwollend  und  durchaus  nicht  künstlerisch  erzählt:  der 
Bräutigam  ist  der  Gipfel  der  Vollkommenheit  (74),  und  die 
Braut  ist  dies  nicht  minder  (75);  sie  lieben  einander  leiden- 
schaftlich (82),  aber  die  Heirath  kam  nicht  zu  Stande,  und 
zwar  aus  dem  Grunde,  „dass  in  den  höchsten  wie  in  den 
niedrigsten  Kreisen  von  je  her  bis  zur  Stunde  nicht  immer 
des  Herzens  Wunsch  auch  des  Schicksals  und  der  Politik 
Stimme  war"  (93).  Das  ist  blos  abgeschmackt;  aber  die 
Schilderung  des  Petersburger  Patriarchen  zur  Zeit  Katharina's 
(85)  ist  schon  ganz  und  gar  nicht  schön. 


355 


1015.  Le  csar  Cornelius,  com^die-vaudeville  en  deux  actes,  par  BtfM. 
Melesviüe  et  Cartnottche.    Paris,  1848. 

Dieses  Yaudeville  ist  für  das  Theater  des  Palais  Boyal 
über  das  Sujet:  ,,die  Heirathsgedanken  des  Grafen  Orlow'^ 
geschrieben.  Hier  wird  eine  Trauungs-Ceremonie,  die  von 
Katharina  inscenirt  worden,  in  der  Hofkirche  mit  einer  unbe- 
kannten Braut  (29),  einer  „demoiseile  d'honneur",  die  einen 
vierjährigen  Sohn  von  einem  unbekannten  Vater  hat  (50),  vor- 
geführt, wobei  Katharina  singt: 

Mon  fier  tyran  est  confonda, 

Sa  disgräce  s'appr^te  .  .  . 
D'Orloff  j'ai  fait  courber  la  töte  . . . 

II  voit  qu'il  est  perdu. 

1016.  üeber  die  Theilungen  Polens.    Stettin,  1849. 

Dies  ist  eine  kriegerische  Broschüre,  die  durch  die  Be- 
wegung, die  wir  in  No.  1011  erwähnt  haben,  hervorgerufen 
ist.  In  ihr  werden  die  Theilungen  aus  der  Zeit  Katharina's 
kurz,  aber  in  starken  Ausdrücken  erwähnt:  „Zwar  gestattet 
das  Völkerrecht  Länder  zu  erobern ,  aber  die  Theilungen  Polens 
sind  keine  Eroberungen,  sie  sind  ein  Baub  und  noch  mehr 
wie  dies,  sie  sind  ein  Mord,  ja  sogar  ein  Meuchelmord.  Man 
hat  versucht  eine  Nation  meuchlings  zu  ermorden"  (5). 

1017  •   Co  sig  stalo  w  Polsce  od  pierwszego  j^j  rozbioru  az  do  koüca 
wojen  za  cesarza  Napoleana.    Poznaü,  1850. 

Eine  kurze  Broschüre,  die  70  Erzählungen  vom  Ruhme 
Polens  und  von  polnischen  Helden  enthält.  Dieses  Sammel- 
werkchen ist  eine  jener  Broschüren,  durch  welche  in  der  pol- 
nischen Gesellschaft  die  HofiFhungen  auf  die  Wiedergeburt 
Polens  „von  Meer  zu  Meer"  rege  gehalten  worden  sind.  Die 
letzte  Erzählung:  „0  zgonie  niektörych  cnotliwych  Pol&kow", 
giebt  Nachrichten  vom  Tode  Kollontai's,  Kostjuschko's  Ealin- 

skij's   und  Dombrowskij's.     Das   Volk   hat   in   der  Nähe   von 

23* 


—     356     — 

Erakau  einen  ganzen  Hügel  zum  Gedächtnisse  Kostjuschko's 
aufgeschüttet,  „aby  wzrastaj^ce  dzieci  patrz^c  na  t^  mogil^, 
uczyly  8i§  czesci  dla  cnot  i  wielki^j  milosci  Ojczyzny  Kosciuzki" 
(142).  Es  versteht  sich  von  selbst,  dass  zur  grösseren  Ver- 
herrlichung der  Polen  die  Herabsetzung  ihrer  Nachbarn  er- 
forderlich war;  aber  es  ist  doch  bemerkenswerth,  dass  auch 
im  Jahre  1850  der  grössere  Theil  der  Schuld  an  allem  Un- 
glücke Polens  auf  Preussen  gehäuft  worden  ist,  und  dass  dieses 
Land  unter  den  drei  bösen  Nachbarn  stets  in  erster  Reihe 
steht.  „Drug^  s^siedk^  byla  carowa  moskiewska,  z  urodzenia 
Niemka.  üboga  z  rodzicöw  i  przez  chciwo^c  poszla  za  cara 
moskiewskiego,  ktorego  w  pare  lat  post^pnie  kaza^a  udusic  i 
sama  pot^m  rz^dzila.  Byla  to  niewiasta  okrutna,  wszeteczna, 
a  nadewszystko  chciwa^'  (2).  Die  Anhänger  Russlands  unter 
den  Polen  werden  mit  nicht  weniger  deutlichen  Farben  gemalt: 
„Co  zas  Branicki,  ten  byi  cale  iycie  lotr  nad  Jotrami,  kon- 
federatöw  Barskich  gorzdj  mordowa^^  nii  sami  Moskale,  brat 
zawsze  od  Moskwy  pieni^dze  za  zdrade  Polski,  tak  si^  zmosk- 
wicii,  4e  nawet  4on§  sobie  wziqi  z  tego  narodu"  (17). 

In  derartigen  Broschüren  wird  natürlich  eine  wirksame 
Darstellung  jeglicher  historischen  Wahrheit  vorgezogen.  Die 
Gefangennahme  Kostjuschko's  wird  so  wiedergegeben,  als  ob  der 
Verfasser  Augenzeuge  derselben  gewesen  wäre  (77),  und  der 
Tod  Potozkij's  wird  folgendermaassen  erzählt:  „Szczesny  Potocki 
nigdzie  smiru  znalesc  nie  mög^,  dostal  t^i  mankolii,  z  ktör6j 
umar^,  a  powiadaj^,  ii  mu  to  zt^d  przyszto,  ie  raz  z  daleka 
uslysza},  jak  Lud  ruski  w  jego  wlasn^j  wsi  Spiewak  piosneczk^, 
ktöra  sie  zaczynala: 

Panie  Potocki  Wojewodzki  synn 
ToLptzedskeü  nam  Litwu,  Ukraino. 

Dorozumial  sie,  io  napisem  na  jego  grobie  b^dzie  »Zdrajca 
Ojczyznyo"  (85). 


—     357     — 

1018.  Histoiya  Jana  Eiliüskiego,  szewca,  radzcj  miasta  Warszawy, 
pnikownika  najjasniejsz^y  Rzpltej  Polski^j,  dowödzcy  20  pulku 
piecbotj  za  czasöw  Eodciuszki,  napisana  przez  niego  samego. 
Poznan,  1850. 

Dies  ist  ein  Nachdruck  von  No.  939,  wobei  nur  die  Reihen- 
folge der  Artikel  abgeändert  ist,  und  zwar  ziemlich  ungeschickt: 
das  Buch  beginnt  mit  der  Erzählung  der  Gefangenschaft 
Kilinskij's  in  Preussen,  wobei  die  Capitel  nicht  bezeichnet 
sind;  dann  folgen  die  Artikel  „Powtöma  niewola"  (31),  „In- 
kwizycye"  (41),  „Poczatek  zamyshi"  (69)  und  „Thimaczenie  sie 
Zakrzewskiego"  (HO).  Die  Unterredung  Paul's  I.  mit  Ko- 
stjuschko  ist  nicht  nachgedruckt.  Der  Ausgabe  ist  ein  ßildniss 
Jan  Eilinskij's  beigegeben. 

1019.  Svenska  örlogsminnen,  samlade  af  H.  0.  M-^.  Kriget  1788. 
Stockholm,  1851. 

Der  Titel  dieser  Schrift  ist  nicht  vollkommen  genau:  das 
sind  nicht  Eriegs-Erinnerungen  überhaupt,  sondern  ausschliess- 
lich Erinnerungen  an  den  Seekrieg,  und  zwar  acht  kürzere 
Bemerkungen  über  die  Bewegung  der  schwedischen  Flotte  im 
Jahre  1788.  Für  uns  sind  nur  die  Bemerkungen  über  die 
Eroberung  des  „Wladislaw"  (39)  und  die  Erwähnung  Greigh's 
(45)  von  Interesse.  Der  Herausgeber  erklärt:  ,.Des8a  Örlogs- 
minnen äro  samlade  ur  enskilda  anteckningar  och  ämnade  alt 
förvara  ett  och  annat  drag,  som  äfven  nägon  gäng  kan  för 
historien  vara  icke  uton  betydelse.  Skulle  de,  för  minnen 
frän  de  foljande  krigsären,  kunna  förvärfva  forfattaren  ytter- 
ligare  meddelanden  af  detaljer,  ville  han  gerna,  tacksam  derför, 
begagna  dem<<  (59).  Ungeachtet  dieser  Erklärung  sind  die 
Erinnerungen  über  die  folgenden  Jahre  des  schwedischen 
Krieges  nicht  erschienen. 

1020«  Eede  zur  Feier  der  Enthüllung  des  Monuments  Ihrer  Majestät 
der  hocbseligen  Kaiserin  Catharina  II  in  der  Saratowscben 
Colonie  Catharinenstadt,  gebalten  vom  V.  von  Snarski.  lüga, 
1852. 


-     358    - 

Durch  einen  Ukas  vom  22.  Juli  1763  wurde  die  Vor- 
mundschafts-Eanzelei  für  ausländische  Kolonisten  errichtet 
(Archiv  des  Senats,  Bd.  107,  Bl.  170;  Allg.  Ges.-Sammlg., 
No.  11879);  an  demselben  Tage  wurden  durch  ein  besonderes 
Manifest  den  Kolonisten  gewisse  Rechte  verliehen  (Allg.  Ges.- 
Sammlg.,  No.  11880);  am  28.  März  1764  wurde  den  Kolo- 
nisten  das  Land  zwischen  Ssaratow  und  Astrachanj  zugetheUt 
(ibid.,  No.  12109),  und  am  25.  Juni  1764  wurde  die  erste 
Kolonie  im  Gouvernement  Ssaratow  gegründet,  die  zu  Ehren 
der  Kaiserin  den  Namen  Jekaterinenstadt  erhielt  Zur  Elr- 
innerung  an  dieses  Ereigniss  errichteten  die  Kolonisten  Katha- 
rina II.  ein  Denkmal,  dessen  Enthüllung  in  einer  flir  Bussland 
schweren  Zeit  —  am  25.  Juni  1852  —  erfolgte.  Der  Decan  der 
römisch-katholischen  Diöcese,  Snarskij,  hielt  dabei,  mit  dem 
Segen  des  Bischofs  von  Cherson,  Ferdinand  Kahn,  versehen, 
eine  Rede,  in  der  er  natürlich  mehr  vom  Kaiser  Nikolai  I. 
und  von  den  obrigkeitlichen  Gewalten,  als  von  Katharina  sprach. 

1021.   Fürsten.    Boman  af  C.  F.  Ridderstad.   2  Dln.   LinkSping,  1852. 

Die  schwedische  belletristische  Litteratur  besitzt  kein 
anderes  Erzeugniss,  das  für  uns  so  interessant  wäre,  wie  der 
vorliegende  Roman,  der  die  Frage  von  dem  missglückten 
Heirathsplane  zwischen  Gustav  IV.  und  der  Grossfiirstin 
Alexandra  Pawlowna  behandelt.  Als  rother  Faden  zieht  sich 
durch  das  ganze  Werk  der  Gedanke,  dass  dieses  Ehebündniss  als 
Anfang  der  Unterwerfung  Schwedens  unter  die  russische  Herr- 
schaft, gemäss  dem  Vermächtnisse  Peter's  des  Grossen,  dienen 
sollte:  „Catharina,  sjelfva  verket  fuUbordarinnan  af  Peter  den 
I's  päbörjade  verk,  trodde  nu  stunden  vara  inne,  att  frän 
samma  thron,  som  hau  sä  ärorikt  häfdat,  lägga  grundstenen 
tili  det  framtida  välde  öfver  Sverige,  hvars  nödvändighet  f5r 
Rysslands  enhet  och  iure  styrka  han  forutsagt"  (II,  360). 
Katharina   nennt   diesen   Ehecontract   nicht  anders,    als  „ett 


—     359     — 

äktenskapskontract  emellan  Bjssland  och  Sverige^^  (ibid.,  362) 
Nach  der  Ansicht  Markow's  verbürge  der  Erfolg  in  Polen  auch 
den  Erfolg  in  Schweden:  ,,Det  är  naturligt,  Ers  Majestät;  pä 
sädant  satt  sknlle  det,  ja,  mäste  det  luckas  er  att  spänna 
Sverige  —  liksom  ni  redan  gjort  med  Polen  —  framför  er 
triumfvaga"  (I,  433).  In  dem  Romane  ist  die  Bedeutung  der 
Bärchenfrage  für  Gustav  IV.  sehr  reliefartig  gezeichnet  (11, 
310),  und  die  Weigerung  Gustav's,  den  Contract  zu  unter- 
zeichnen, ist  durch  folgende  Bedingung  erklärt:  „Prinsessan 
skalle  ega  rättighet  att  frit  utöfva  sin  trosbekännelse,  tili  följe 
hvaraf  ett  Grekiskt  kapell  skulle  inrättas  pä  slottet  i  Stock- 
holm och  Grekiska  prester  der  tillsättas  ifrän  Petersburg" 
(II,  390).  Sehr  wahr  ist  der  Charakter  Gustav's  durch  den 
schwedischen  Verfasser  gezeichnet  worden:  „Gustav  IV  Adolf 
fÖrblef  genom  heia  sitt  liftemligen  oföränderlig.  Hvad  hau 
var  som  pojke,  var  han  som  yngling:  grubblande,  högtidlig, 
envis,  häftig'*  (11,  230).  Sehr  gut  ist  dem  Verfasser  auch 
eine  Skizze  Katharina's  gelungen,  die  mit  den  folgenden 
Strichen  schliesst:  „Hennes  bana  är  icke  en  utveckling  af 
moraliska  motiver,  utan  blott  en  kedja  of  äregirighetens 
och  sjelftillfredsställelsens  behof:  den  har  ocksä  ledt  icke  tili 
iure,  utan  blott  tili  en  jttre  politisk  sterbet;  icke  tili  enstod 
af  Ijus  i  natten,  utan  tili  en  molnstod  om  dagen;  icke  tili 
en  stjerna,  som  leder  folken  tili  frälsarens  krubba,  utan  tili 
en  landsväg,  som  leder  tili  ett  Golgatha.  Samtiden  mä  böj 
a  knä;  efterverlden  skall  döma"  (I,  320—321). 

Der  Verfasser  hat  sich  mit  der  eigentlichen  Brautwerbung 
des  Königs  nicht  begnügt  und  in  sie  eine  Menge  nebensäch- 
licher Intriguen  hineingeflochten :  hier  kommt  auch  Elisabeth 
Tarakanow  vor,  die  durch  ein  Wunder  gerettet  worden  ist, 
um  Katharina  weisszuwaschen,  mit  der  Anmerkung  „historisk 
sann"  (I,  268,  436;  11,  422);  hier  spielen  auch  die  nach 
Sibirien  verschickten  Polen  eine  Bolle,  und  zwar  in  Gestalt 


-       360 

des  Fürsten  Baschanowskij ,  der  dem  Romane  den  Titel  ge- 
geben hat;  hier  giebt  es  eine  Intrigue  des  dummen  Subow 
und  des  spitzbübischen  Markow  gegen  das  schwedische  Bünd- 
niss;  hier  spielen  Äraktschejew  und  die  Wahrsager,  Protassow 
und  Masken,  Armfeit,  Verhaftungen,  Ermordungen  und  endlich 
die  geheime  Polizei  mit  dem  Grafen  Orlow  an  der  Spitze, 
einem  entfernten  Verwandten  des  Fürsten  Gregorij  und  des 
Grafen  Alexei  Orlow  (I,  99)  eine  Bolle.  Das  ist  einfach  ein 
Fehler:  der  Verfasser  sagt,  dass  dieser  Orlow  „grefve,  öfver- 
hofmarskalk,  verklig  Eammarherre,  chef  for  den  hemligen 
polisen<<  war  (I,  100),  aber  der  wirkliche  Eammerherr  und 
Oberhofmarschall  Gregorij  Nikitowitsch  Orlow  war  weder  Graf, 
noch  Chef  der  geheimen  Polizei,  noch  ein  Verwandter  der 
Grafen  Orlow.  Er  spielte  jedoch  eine  Rolle  bei  dem  Besuche 
Gustav's  IV.  in  Petersburg,  und  zwar  als  Oberhofmarschall, 
und  ihm  trug  Katharina  auf,  den  Hofdamen  zu  erklären,  „dass 
sie  in  Anlass  der  hiesigen  Anwesenheit  des  Königs  von 
Schweden  weder  Chemisen,  noch  Foureaus,  noch  andere 
Deshabill6s,  ausser  dem  griechischen  Kleide  anziehen  dürfen^' 
(Sammlung,  XLII,  266). 

Der  Verfasser  war  in  Petersburg  —  er  suchte  Gold- 
fische in  den  Teichen  des  Taurischen  Palais,  fand  aber  keine 
(I,  397);  er  stellt  sich  an,  als  ob  er  die  russische  Sprache 
verstände  (I,  429 ;  II,  308),  und  begreift  das  russische  Leben, 
sogar  das  Hofleben  ganz  und  gar  nicht  (I,  299,  313);  aber 
die  Schweden  des  vorigen  Jahrhunderts  zeichnet  er  sehr 
richtig  und  hat  sich  in  seinen  Romanen,  die  ihm  einen 
Namen  in  der  schwedischen  Litteratur  verschafft  haben,  mit 
ihnen  viel  beschäftigt.  Seine  Gedichte  und  Dramen  sind  ver- 
gessen, aber  seine  Romane,  besonders  der  hier  vorliegende, 
erscheinen  bis  heute. 

1022.    La  tour  de  Dago.     Par  A.  de  Oondreeourt     2  v.     Bruxelles, 
1852. 


—     361     — 

Als  Sujet  für  diesen  Roman  diente  die  legendenhafte  Elr- 
zählung  vom  Baron  Ungern-Sternberg,  der,  nachdem  er  alle 
möglichen  Enttäuschungen  im  Leben  erfahren,  ein  Misanthrop 
wird  und  sich  an  den  Menschen  durch  Piraterie  rächt  und  die 
Schiffe  plündert,  die,  durch  einen  falschen  Leuchtthurm  her- 
angelockt, an  der  Insel  Dago  zerschellen.  Die  Handlung  des 
Romans  ist  in  das  Jahr  1777  verlegt  und  spielt  im  ersten 
Bande  in  Petersburg,  im  zweiten  in  Versailles,  im  dritten  auf 
der  Insel  Oesel. 

Ungern -Stemberg  begegnet  der  „Braunschweig'schen 
Familie"  in  Sibirien  (I,  53),  aber  nur  deshalb,  weil  Cholmo- 
gory  im  Gouvernement  Tobolsk  liegt  (I,  93).  Katharina  ist 
als  ein  ödes,  launenhaftes  und  rachsüchtiges  Weib  geschildert: 
Graf  Dernizij  wird  dafür  nach  Sibirien  verschickt,  dass  er 
„un  peu  16g6rement  de  la  beautö  de  Timpöratrice"  gesprochen 
hat  (I,  48);  „cette  femme  hautaine  ne  r^sistait  ä  aucun  de  ses 
caprices  et  chez  eUe  la  fantaisie  ne  voyait  d'obstacles  ni  dans 
la  morale,  ni  dans  le  ridicule"  (I,  91);  der  Verfasser  nennt  sie 
eine  „grande  com6dienne"  (I,  101)  und  schwärzt  sie  in  jeder 
Weise  an  (I,  106;  II,  24).  Der  Verfasser  lässt  Peter  IIL  in 
Schlüsselburg  sterben  (I,  116),  nennt  Ssaltykow  „Oltikoff" 
(I,  101,  119)  u.  s.  w. 

1023.    M^moires   de   la   baronne   d' Oberkirch  y   publica  par  le  comte 
L.  de  Montbrison.    2  vis.    Paris,  1853. 

Henriette  Louise  d' Oberkirch,  1754 — 1803,  eine  geborene 

Gräfin  Waldner,  lebte  seit  dem  Jahre   1769  in  Freundschaft 

mit  der  Prinzessin  Dorothea  von  Württemberg,  die  im  Jahre 

1776  sich  mit  dem  Grossflirsten  Paul  Petro witsch  vermählte. 

Im  Jahre  1782   begleitete  sie  die  Grafen  Ssjewemy  auf  ihrer 

Reise  durch  Frankreich,  Belgien  und  Holland  und  correspon- 

dirte    bis    an    ihr    Lebensende   mit    der   Grossfürstin    Marja 

Feodorowna.     Während   der  Beise    führte    sie    „un   Journal 

exact  et  d^taillö",  und  verfasste  später,  im  Jahre  1789,  auf 


—     362     — 

Grund  desselben  ihre  Memoiren,  wobei  sie  diese  letzteren  mit 
den  Aufzeichnungen  vereinigte,  welche  sie  in  den  Jahren  1784 
und  1786,  während  eines  Aufenthaltes  in  Paris  am  Hofe  der 
Herzogin  von  Bourbon,  niedergeschrieben  hatte.  Die  revo- 
lutionäre Bewegung,  von  der  Frankreich  ergriffen  wurde,  be- 
sonders aber  die  Einnahme  der  Bastille,  veranlasste  sie,  sich 
dem  weltlichen  Leben  zu  entziehen,  und  sie  beschäftigte  sich 
in  ihrer  Heimath,  im  Elsass,  mit  der  Abfassung  ihrer 
Memoiren,  deren  erster  Theil  in  demselben  Jahre  beendet 
ward  und  den  sie  später  auch  nicht  mehr  veränderte.  Als  die 
Prinzessin  Dorothea  sich  nach  Petersburg  begab,  sprach  ihre 
Mutter  die  Befürchtung  aus:  „il  arrive  souvent  des  malheurs 
aux  czars,  et  qui  sait  le  sort  que  le  ciel  röserve  k  ma  pauvre 
fiUe^';  die  Verfasserin  der  Memoiren  fügt  hinzu:  „Elle  s'est 
heureusement  tromp^e;  son  instinct  matemel  est  en  d^faut 
jusqu'ici"  (I,  80). 

Die  lebendigen,  interessanten  Memoiren  der  Frau  v. 
Oberkirch  sind  ausserordentlich  wichtig  für  die  Charakteristik 
Marja  Feodorowna's;  in  ihnen  finden  sich  auch  interessante 
Nachrichten  über  Paul  Petrowitsch.  In  beiden  Fällen  ent- 
behren natürlich  die  persönlichen  Urtheile  der  Verfasserin 
einer  besonderen  Bedeutung.  Von  Katharina  (I,  234,  251; 
II,  5,  161,  170)  und  von  den  russischen  Männern  ihrer  Zeit 
spricht  sie  wenig  und  ausschliesslich  nach  den  Worten 
Dritter,  nicht  selten  ihrer  Freundin  Marja  Feodorowna,  und 
in  diesem  letzteren  Falle  haben  ihre  Bemerkungen  nur  als 
Echo  der  Gatschinoer  Meinungen  ein  Interesse.  In  dieser  Be- 
ziehung ist  das  ürtheil  über  den  ükas  an  den  Adel  inter- 
essant: „L4mp6ratrice  Catherine  rendit  k  cette  6poque  un 
ukase  fort  extraordinaire.  H  divise  en  six  classes  Tordre  de 
la  noblesse,  et  les  deux  premiöres  renferment  les  nobles  par 
diplömes,  c'est-ä-dire  les  nouveaux,  tandisque  la  noblesse  an- 
cienne   se    trouve    rel6gu6e    dans    la    sixiöme.     Quelque   peu 


—     363     — 

illustre  que  soit  rancienne  noblesse  de  Bussie,  c'est  renyerser 
toutes  les  id^es  re^ues,  et  recommencer  Thistoire  de  l'empire 
sur  nouveaux  frais''  (II,  161).  Derselben  Herkunft  sind  die 
Nachrichten  über  die  Gräfin  Bruce  und  Eorssakow  (I,  284) 
und  über  den  Tod  des  Fürsten  Orlow,  ,,que  poursuivait 
Tombre  sanglante  de  Pierre  III  et  dont  le  cerveau  malade 
par  suite  de  ses  remords  a  rendu  la  fin  a&euse''  (II,  7)  u.  s.  w. 
Von  staatlichen  Angelegenheiten  und  politischen  Fragen  ist  in 
den  Memoiren  nicht  die  Bede,  und  wenn  hierauf  bezügliche 
Bemerkungen  zufällig  vorkommen,  so  sind  sie  stets  sinnlos,  so 
über  Polen  (I,  78),  über  den  schwedischen  Krieg  (11,  327) 
u.  s.  w.  Aber  in  den  Memoiren  sind  viele  kleine  Mittheilungen 
über  Personen  und  Vorkommnisse,  die  Katharina  interessirten, 
verzeichnet,  so  über  die  Sängerin  Todi  (I,  61;  II,  377),  über 
Aerostaten  (EL,  135),  über  Seimira  (EL,  171),  über  Kingston 
(11,  266,  277)  u.  A.  Zur  Charakteristik  der  Verfasserin  ist 
das  Urtheii  über  den  Fürsten  J.  S.  Barjatinskij  von  Interesse: 
„Le  prince  Baradinsky  6tait,  comme  presque  tous  les  Busses 
de  la  cour  de  Catherine,  un  homme  fort  distingu6;  il  avait 
les  meilleures  maniöres  et  rien  du  Sarmate  et  du  Goth,  je 
vous  en  r^ponds^'  (I,  179).  Hier  sind  fast  alle  Ausländer  er- 
wähnt, die  in  Bussland  gewesen  sind  und  die  Katharina  be- 
kannt waren  — :  der  Fürst  de  Ligne  und  Cagliostro,  de  la 
Bivi^re  und  Lafermier,  der  Prinz  Heinrich  von  Preussen, 
Schomberg,  der  Gomte  de  Haga,  Laharpe,  Joseph  11.  u.  A.  m. 
Diese  Memoiren  der  Baronin  Oberkirch  erlebten  mehrere 
Auflagen,  von  denen  die  letzte  im  Jahre  1869  erschien;  sie 
ist  die  einzige,  die  vom  Herausgeber  mit  Anmerkungen  ver- 
sehen ist;  sie  ist  von  uns  benutzt  worden.  Wie  die  vorher- 
gehenden Ausgaben,  ist  auch  diese  letzte  dem  Kaiser  Nikolai  1. 
gewidmet,  wodurch  die  vorhandenen  Auslassungen  an  einigen 
Stellen,  die  mit  Puncten  bezeichnet  sind,  erklärt  werden  (I, 
115).   In  den  Anmerkungen  finden  sich  bisweilen  sehr  charak- 


—     364     — 

teristische  Notizen,  z.  B.:  ,,11  y  a  une  particularit^  originale, 
quoique  parfaitement  certaine,  que  madame  d'Oberkirch  a  pu 
ignorer  ou  plutöt  qu'elle  a  vonlu  passer  sous  silence;  c'est 
que  les  filles  du  duc  Fr6d6ric-Eug6ne  n'^taient  jusqu'i  leur 
mariage  61ev6s  dans  aucune  communion  particulifere  —  on  se 
contenait  de  leur  donner  des  notions  gönörales  de  religion 
chr6tienne|  et  leur  mariage  arretö,  on  d^cidait  alors  leur 
^ducation  religieuse  dans  le  sens  de  la  religion  de  leur  futur 
6poux"  (I,  84). 

1024.   Geschiebte  des  Rassischen  Staats,  von  E.  Herrtnann,  VII  Bde. 
Hamburg,  1853. 

Diese  erste  und  vollständigste  „Geschichte  des  Bussischen 
Staates^'  erschien  in  der  deutschen  Sammlung  von  „G-eschichten 
der  europäischen  Staaten",  die  von  A.  Heeren  und  F.  Ukert 
herausgegeben  worden  ist.  Sie  kam  in  eineinen  Bänden,  nach 
Maassgabe  ihrer  Fertigstellung,  im  Laufe  von  34  Jahren,  von 
1832  bis  1866,  heraus;  im  Jahre  1866  erschien  der  siebente 
und  letzte  Band.  Sie  ist  von  zwei  Historikern  verfasst  worden : 
die  ersten  zwei  Bände,  die  in  den  Jahren  1832  und  1839  er- 
schienen, sind  von  Strahl,  die  letzten  fünf  von  Herrmann  ver- 
fasst worden.  In  dem  ganzen  Werke  spiegeln  sich  natürlich 
sowohl  die  Jahre  des  Erscheinens,  als  auch  die  Eigenart  der 
Verfasser  wieder. 

Der  Nachfolger  Strahl's,  welcher  letztere  die  russische 
Geschichte  nur  bis  zum  Anfange  des  XVI.  Jahrhunderts  ge- 
führt hat,  Herrmann,  hat  im  Vorworte  zum  dritten  Bande 
seine  tendenziöse  Parteinahme  direct  und  ziemlich  offenherzig 
ausgesprochen.  Nach  ihm  hat  Bussland  Alles  den  Deutschen 
zu  verdanken,  „denn  vor  Allem  sind  es  die  Deutschen,  durch 
deren  Bildung  und  Kenntnisse  Bussland  sich  zu  dem  Bange 
einer  europäischen  Grossmacht  erhoben  und  seine  Grenzen  bis 
in  die  cultivirteren  Länder  des  Westens  und  einen  guten 
Theil  des  asiatischen  Ostens  vorgestreckt  hat''  (V),     Die  alt- 


—     365 

rassischen  Zustände,  die  Verhältnisse  vor  Peter  dem  Grossen, 
taugten  zu  gamichts.  Die  deutschen  ffistoriker  können  ,,als 
unbetheiligte  Fremde,  als  aussen  Stehende,  dazu  etwas  bei* 
tragen,  den  modernen  Russen,  welchen  das  Wohl  ihrer  Nation 
wahrhaft  am  Herzen  liegt,  durch  einen  Spiegel  ihrer  Ver- 
gangenheit in  Erinnerung  zu  bringen,  dass  der  Keim  des 
Fortschrittes  ihrer  nationalen  Bildung  nicht  in  dem  alten 
Bojarenthum  liegt,  und  überhaupt  nicht  innerhalb  der  Grenzen 
einer  beschränkten  Nationalität,  auch  nicht  in  der  formellen 
Einheit  einer  erstarrten  Kirche,  und  am  wenigsten  in  der 
Politik  einer  gewaltsamen  Russificirung"  (VI).  B^larer  kann, 
so  scheint  es  uns,  die  politische  Tendenz  des  Verfassers  gar- 
nicht  ausgesprochen  werden:  er  schreibt  nicht  eine  Geschichte 
Russlands,  sondern  eine  auf  historische  Thatsachen  begründete 
Belehrung  der  Russen  darüber,  dass  sie  alles  Russische  ver- 
achten und  die  Deutschen,  denen  sie  Alles  verdanken,  ver- 
ehren müssten.  Anstandshalber  verspricht  der  Verfasser 
natürlich,  „weder  schwarz  zu  sehen,  noch  weiss  zu  brennen"; 
aber  es  ist  von  vornherein  auch  nicht  daran  zu  zweifeln,  dass 
er  seine  Tendenz  in  vollem  Maasse  verwirklichen  und  emsig 
bemüht  sein  werde,  unsere  russischen  Thatsachen  auf  seine 
preussischen  Ideen  aufzureihen;  im  Jahre  1874  hat  sogar 
unsere  Academie  der  Wissenschaften  seine  Definition  der 
Hauptaufgabe  der  historischen  Wissenschaft  —  „ars  historica 
in  arctissima  ideae  factique  conjunctione  sita  est"  —  mit 
Dankbarkeit  entgegengenommen  („lieber  die  fünfzehnte  Ver- 
gebung der  Prämien  des  Grafen  Uwarow"). 

In  der  Geschichte  Russlands  von  Herrmann  interessirt 
uns  natürlich  hier  nur  die  Epoche  Katharina's,  welche  die 
„herrschende  Note"  in  dem  ganzen  Werke  bildet.  Peter  d. 
Grossen  ist  nur  ein  Theil  des  IV.  Bandes  (30 — 467)  gewidmet, 
wogegen  Herrmann  sich  mit  Katharina  11.  am  Ende  des 
V.  Bandes  (281—714),  im  ganzen   VI.  Bande  (596)  und  im 


366 

grössten  Theile  des  VII.  (Ergänzung8-)Bande8  (1 — 591),  im 
Ganzen  also  auf  1620  Seiten  beschäftigt.  Er  hat  ihr  also 
viermal  so  viel  Raum,  als  der  Epoche  Peters  d.  Grossen  ge- 
widmet. Dieser  Mangel  in  dem  Gesammtplane  der  „Geschichte 
des  Bussischen  Staates^'  ist  wahrscheinlich  dadurch  zu  erklären, 
dass  die  zweite  Hälfte  des  XVIII.  Jahrhunderts,  die  Zeit  Fried- 
rich's  IL  und  Eatharina's  II.,  die  Lieblingsbeschäftigung  des 
Verfassers  gebildet  hat,  der  er  seine  meiste  Zeit  widmete. 

Die  Geschichte  Eatharina's  IL  war  in  der  Darstellung 
Eerrmann's  ein  wichtiges  Novum  nicht  nur  für  Bussland,  wo 
die  Zeit  Eatharina's  bis  heute  eine  verbotene  Epoche  ist, 
sondern  auch  für  Europa,  wo  sie  als  erste  vollständige  Ge- 
schichte der  grossen  Eatbarina,  die  auf  dem  breiten  Studium 
archivalischen  Materials  beruhte,  erschien.  Der  Verfasser 
hatte  die  diplomatischen  Depeschen  vorzugsweise  der  sächsischen, 
preussischen  und  englischen  Besidenten  in  Petersburg  und 
Warschau  benutzt,  sowie  persönlich  in  den  Archiven  von 
Dresden,  Berlin  und  London  ganze  Bände  allermöglicher  Be- 
richte durchgelesen  und  die  nothwendigen  Auszüge  gemacht*). 
Hier  las  das  europäische  Publicum  zum  ersten  Male  eine 
ausführliche  Geschichte,  in  der  fast  jedes  Wort  durch  ein 
Gitat  aus  einem  zeitgenössischen  Documente  belegt  war;  es 
schien,  als  ob  nicht  der  Verfasser  die  Personen  charakterisirte 
und  die  Ereignisse  schilderte,  sondern  als  ob  die  Zeitgenossen 
selbst,  die  zum  grössten  Theile  die  Geschichte  gemacht  hatten, 
aus  den  Gräbern  erstanden  wären  und  Alles  bezeugten,  was 
sie  gewirkt,  gesehen  und  gehört  hatten.     Die  Darstellung  er- 


*)  Im  Jahre  1887  kaufte  der  Bedacteur  des  ,,BassiBchen  Altertbums", 
M.  J.  Ssemewsky,  von  der  Wittwe  Hemnann's  alle  archivalischen  Ans- 
zfige  desselben,  die  sich  auf  die  GTeschichte  Russlands  bezogen,  und  stellte 
sie  uns  zur  VerfElgung.  Auf  diese  Weise  haben  wir  die  Möglichkeit  ge- 
habt, uns  mit  den  vorbereitenden  Arbeiten  Herrmann's  für  seine  „Q«- 
schichte  des  Russischen  Staates'^  bekannt  zu  machen. 


-      367       - 

hielt  hierdurch  ein  lebendiges  Gepräge  und  machte  einen  starken 
Eindruck,  besonders  in  Bussland,  wo  das  Werk  Herrmann's 
noch  dazu  verboten  wurde.  Gerade  deshalb  wurde  es  bei  uns 
gierig  gelesen  und  auf  Treu  und  Glauben  hingenommen.  Und 
eine  Prüfung  war  ja  auch  unmöglich:  die  rusischen  Archive 
waren  alle  verschlossen,  und  die  Benutzung  der  ausländischen 
Archive  konnte  keinen  Zweck  mehr  haben.  Herrmann  galt 
bei  uns  für  einen  derartigen  Kenner  der  russischen  Geschichte, 
dass  unsere  Academie  der  Wissenschaften  ihn  aufforderte,  eine 
Kritik  über  das  Werk  N.  J.  Kostomarow's:  „Die  letzten  Jahre 
der  Retsche  Pospolita",  zu  schreiben:  sie  hielt  ihn  für  einen 
„erfahrenen  Kritiker",  der  fähig  sei,  „auf  dem  Standpunkte 
der  zeitgenössischen  Wissenschaft"  zu  stehen.  Und  die 
Russische  Historische  Gesellschaft  übertrug  ihm  die  Herausgabe 
von  Documenten  aus  dem  Berliner  Archive  und  druckte  sein 
Vorwort,  als  wichtige  Abhandlung,  sowohl  in  deutscher  als  auch 
in  russischer  Sprache  mit  Ehrfurcht  ab  (Sammlung,  III,  817). 
„Der  deutsche  Geschichtsschreiber  Russlands"  (Ikonnikow, 
Bibliographie,  356)  wird  bis  heute  als  Autorität  anerkannt, 
besonders  flir  die  russische  Geschichte  des  XVIII.  Jahrhunderts. 
Sein  Werk  wurde  übrigens,  weil  es  verboten  war,  keiner  ernsten 
Kritik  unterzogen.  Im  Jahre  1874  sprach  es  zwar  D.  J.  Ilo- 
waiskij  aus,  dass  Herrmann  „sich  als  Historiker  durch  den 
Mangel  an  litterarisohen  und  kritischen  Talenten  aus- 
zeichne", und  dass  seine  russische  Geschichte  „in  schwer- 
fälliger und  nachlässiger  Sprache  geschrieben  sei  und  weder 
Tiefe  der  Anschauungen,  noch  das  Vermögen,  ihre  mitunter 
sehr  trüben  Quellen  nach  ihrem  Werthe  zu  schätzen,  offenbare" 
(Russ.  Alterthum,  IX,  794);  aber  diese  Hinweise,  die  aus  rein 
persönlichen  Motiven  ausgesprochen  und  durch  nichts  bekräftigt 
waren,  konnten  die  Autorität  Herrmann's  nicht  erschüttern: 
Er  schreibt  der  Academie  der  Wissenschaften  eine  Kritik 
über  das  Werk  Kostomarow's,   das  hauptsächlich  nach  pol- 


—     368     - 

nischen  Quellen  verfksst  war,  ohne  die  polnische  Sprache  zu 
kennen,  und  —  die  Academie  verwendet  diese  Kritik  als 
Grundlage  fiir  ihr  Urtheil;  er  verunstaltet  die  Depeschen  des 
Berliner  Archivs,  und  die  Russische  Historische  Gesellschaft 
druckt  das  ab,  was  Hemnann  ihr  zuzusenden  beliebte!*) 

Die  Geschichte  Katharina's  II.  ist  von  Herrmann  nur  bis 
Anfang  1792  fortgeführt  und  nach  einem  ganz  besonderen, 
eigenartigen  Plane  verfasst  worden,  der  die  Richtung  und  die 
Tendenz  des  Verfassers  vollkommen  offenkundig  darthut.  Die 
ganze  Geschichte  von  1762  bis  1791  ist  in  11  Theile  getheilt^ 
wobei  jeder  Theil  wiederum  in  einige  Capitel  zerfallt  Die 
ersten  vier  Theile  sind  im  Y.  Baude  enthalten  und  die  übrigen 
sieben  im  VI.  Bande.  Eine  ausführliche  Zusammenstellung 
dieser  Theile   und   Capitel   ist  uns   sehr  interessant: 

Erster  Theil:  „Die  Regierung  der  Kaiserin  Katharina  11  von 
ihrer  Thronbesteigung  bis  zur  Krönung  des  Königs  von  Polen, 
Stanislaus  August  Poniatowski,  Juli  1762"  (V,  308—380);  er 
zerfällt  in   drei   Capitel:    1.    „Katharina's   Charakter"   (308), 

2.  „Katharina's  Verhalten  im  Inneren  ihres  Reiches"  (320)  und 

3.  „Kurland  und  Polen  bis  zur  Krönung  Stanislaus  Angust'8"(344), 


*)  Da  wir  in  denflelben  Archiven  gearbeitet  haben,  die  auch  Herr- 
mann benutzt  hat,  sind  wir  wiederholt  in  der  Lage  gewesen,  uns  zu 
überzeugen,  dass  er  bei  der  Lectfire  diplomatischer  Papiere  für  seine 
russische  Geschichte  immer  nur  Deutschland,  nicht  aber  Russland  im 
Auge  gehabt  hat.  So  ist  z.  B.  eine  Depesche  Sohns'  vom  17./28.  April 
1764  (Berliner  Archiv,  P.  S.  &  la  döpSche  No.  123,  en  chiffires)  von  ihm 
nicht  ganz  abgeschrieben  worden,  und  er  hat  an  die  Russische  Historische 
Gesellschaft  nur  den  Schluss  derselben  gesandt  (Sammlung,  XXII,  247); 
indess,  gerade  der  Anfang  der  Depesche  ist  ausserordentlich  wichtig, 
aber  er  behandelt  eine  rein  innere  Frage,  „die  Hetman-Angelegenheit", 
und  den  Augenblick,  als  „der  Name  der  Hetmane  auf  ewig  erlosch" 
(Russ.  Archiv,  1863,  184,  527).  Diesen  Anfang  der  Depesche  haben  wir 
im  2.  Bande  unserer  „Geschichte  Katharina's  der  Zweiten*'  herausgegeben. 
Derartiger  Beispiele  giebt  es  bedauerlicherweise  nicht  wenig,  und  in 
dieser  Beziehung  kann  der  ,,Sammlung  etc."  nicht  Vertrauen  geschenkt 
werden. 


—     369     — 

Zweiter  Theil:  „Russische  Herrschaft  in  Polen  von  der 
Krönung  Stanislaus  August's  bis  zum  Vollzug  der  ersten 
Theilung,  December  1764  bis  April  1775"  (380—555);  er  be- 
steht  aus  folgenden  vier  Capiteln:  1.  „Polen  unter  der  Ge- 
sandtschaft Repnin's"  (380),  2.  „Polen  von  der  Abberufung 
Repnin's  bis  zur  Abberufung  Wolkonski's"  (461),  3.  „Polen 
unter  Saldem's  Gesandtschaft"  (489)  und  4.  „Verhandlungen 
der  drei  Mächte  über  die  Theilung  Polens"  (519). 

Dritter  Theil:  „Der  türkische  Krieg,  1768—1774"  (597 
bis  646);  er  ist  nicht  in  Capitel  getheilt,  aber  alle  fünf  Feld- 
züge werden  einzeln  dargestellt. 

Vierter  Theü:  „Innere  Vorgänge,  1765—1775",  (647  bis 
691);  hier  ist  die  Aufmerksamkeit  hauptsächlich  auf  „Das 
Ende  Joan's  VI,  Juli  1764"  (647)  gerichtet. 

Fünfter  Theil:  „Beziehungen  Busslands  zum  bairischen 
Elrbfolgekrieg  und  zu  den  deutschen  Grossmächten"  (VI,  1  — 35). 

Sechster  Theil:  er  führt  keine  besondere  Benennung 
(36 — 103)  und  besteht  aus  folgenden  vier  Capiteln:  1.  „Die 
Eroberung  der  Krim"  (36)  2.  „Der  Kaukasus.  Persien  und 
Georgien"  (69),  3.  „EJngland  und  die  bewaffnete  Seeneutralität" 
(82)  und  4.  „Der  deutsche  Fürstenbund"  (91). 

Siebenter  Theil:  „Polen  seit  dem  Theilungsreichstag  bis 
zum  constituirenden  Reichstag  vom  Jahre  1788"  (104 — 146); 
er  ist  nicht  in  Capitel  eingetheilt. 

Achter  Theil:  er  führt  keine  besondere  Benennung  (147 
bis  277)  und  zerfallt  in  folgende  sechs  Capitel:  1.  „Russich- 
österreichisch-türkische  Kriegsangelegenheiten  bis  zum  Jahre 
1788"  (147),  2.  „Der  russisch-schwedische  Krieg  im  Jahre 
1788"  (180),  3.  „Preussen's  Politik  nach  dem  Tode  Friedrich's 
des  Grossen"  (199),  4.  „Polen  vor  dem  constituirenden  Reichs- 
tag im  Jahre  1788  und  während  desselben  bis  zum  Congress 
in  Reichenbach"  (213),  5.  „Der  türkische  Krieg  im  Jahre  1789" 
(255),  und  6.  „Der  schwedische  Krieg  im  Jahre  1789"  (268). 

BilbasBoff,  Katharina  n.  24 


—     370 

Neunter  Theil:  er  hat  keine  besondere  Benennung  (278 
bis  325)  und  besteht  aus  zwei  Theilen:  1.  y,Der  reichenbacher 
Congress"  (278)  und  2.  „Schweden  bis  zum  Frieden  von 
Werelä"  (314). 

Zehnter  Theil:  „Polen  vom  reichenbacher  Congress  bis 
zum  Frieden  von  Jassy"  (326—387),  ohne  Eintheilung  in 
Capital,  und 

Eilfter  Theil:  „Die  Politik  der  grossen  Höfe  im  Jahre  1791" 
(388 — 448),  gleichfalls  ohne  Eintheilung  in  Gapitel. 

Aus  dieser  Inhaltsübersicht  ergeben  sich  folgende  Schluss- 
folgerungen: Die  Geschichte  Russlands  während  der  Regierungs- 
zeit Eatharina's  11.  nimmt  800  Seiten  ein;  von  diesen  sind 
Polen  315,  den  europäischen  Staaten,  vornehmlich  Preussen 
und  Oesterreich,  210,  den  beiden  Türkenkriegen  und  dem  einen 
Kriege  mit  Schweden  200  Seiten  gewidmet;  es  entfallen  also 
auf  Russland  allein  nur  —  75  Seiten!  Das  ist  keine  Geschichte 
Russlands,  sondern  eine  Darstellung  der  historischen  Ereignisse 
an  der  Ostgrenze  Europas,  eine  „osteuropäische  Geschichte" 
(II,  Vorrede),  und  zwar  eine  Darstellung  hauptsächlich  solcher 
Ereignisse,  an  denen  diese  oder  jene  westeuropäische  Macht  be- 
theiligt gewesen  ist.  Dieselbe  Richtung  kann  man  auch  in  der 
Darstellung  jedes  einzelnen  Theiles  verfolgen;  so  hatte  z.  B.  von 
den  beiden  Türkenkriegen  der  erste  unvergleichlich  mehr  Be- 
deutung für  Russland,  als  der  zweite,  und  Herrmann  selbst 
misst  dem  Frieden  von  Eutschuk-Eainardshi  (V,  646),  obgleich 
derselbe  nach  seiner  Meinung  ein  „verhängnissvoller''  gewesen 
(VI,  2),  eine  ungeheuere  Bedeutung  bei;  trotzdem  aber  stellt 
er  den  ersten  Türkenkrieg  unvergleichlich  kürzer  dar:  er  be- 
handelt ihn  auf  im  Ganzen  40  Seiten,  während  bei  der  Er- 
zählung des  zweiten  Krieges  allein  auf  die  Jahre  1788  und 
1789  bereits  43  Seiten  entfallen,  und  zwar  einzig  und  allein 
deshalb,  weil  an  diesem  zweiten  Türkenkriege  auch  Oesterreich 
theilnahm.     Genau  so  charakteristisch  ist  die  Behandlung,  die 


—    371     — 

der  Verfasser  den  rein  inneren  russischen  Fragen  angedeihen 
lässt:  der  Commission  zur  Abfassung  des  Projects  eines  Neuen 
Gesetzbuches  und  der  „Verordnung"  sind  ebensoviel  Seiten 
—  4  Seiten  (V,  660 — 664)  —  gewidmet,  wie  der  berüchtigten 
Intrigue  der  Ugrjumow  (VI,  137—141)  gegen  den  polnischen 
König  (Russ.  Alterthum,  XI,  558);  die  Säcularisation  wird 
kaum  erwähnt  (V,  328),  von  dem  Erlasse  über  die  Gubernien 
ist  überhaupt  nicht  die  Rede,  und  den  ausländischen  Kolonisten 
sind  drei  Seiten  zugestanden  (V,  332 — 335),  wobei  der  Ver- 
fasser die  ausserordentliche  Armuth  der  Deutschen  verschweigt, 
von  denen  „Hunderte  und  Tausende  nach  Russland  strömten", 
und  sich  beeilt,  als  Hauptverdienst  der  Kolonisten  „die  Ver- 
breitung des  KartoflFelbaus"  herauszustreichen  (V,  335).  Im 
Vorwort  zum  VI.  Bande  der  „Geschichte  des  Russischen 
Staates"  wird  direct  gesagt:  „Das  vorliegende  Buch  enthält 
aus  dem  Gesichtspunkt  der  auswärtigen  Machtbeziehungen 
Russlands  siebenzehn  Jahre  europäischer  Geschichte". 

Solchergestalt  ist  der  Plan  der  „Geschichte  des  Russischen 
Staates"  von  Herrmann;  noch  interessanter  sind  die  allgemeinen 
Gesichtspunkte  und  Urtheile  desselben,  in  denen  sich  die 
Grundtendenz  des  Verfassers  oflFenbart. 

Herrmann  schrieb  nicht  nur  eine  Russische  Geschichte, 
sondern  er  schrieb  sie  auch  zu  dem  Zwecke,  um  den  Russen 
Vernunft  beizubringen.  Das  russische  Volk  sei  ein  rohes 
Volk  (III,  713;  V,  315),  es  sei  unsittlich  (V,  336)  und  verstehe 
die  Freiheit  nicht  (III,  712)  —  kurz  „eine  Nation,  die  mit 
orientalisch-slavischer  Naturanlage  einer  anderen  Verfassung 
als  der  despotischen  nicht  fähig  ist".  Der  Verfasser  variirt 
diesen  letzteren  Satz  in  verschiedener  Weise  und  kehrt  mehrere 
Male  zum  Beweise  zurück,  dass  in  Russland  eine  andere  Re- 
gierungsform, als  die  despotische,  gar  nicht  möglich  sei  (III, 
712;  V,  312,  314  flF.).  Herrmann  begreift  das  üebel  des 
Despotismus  sehr  gut  — :  „in  einer  auf  Gewalt  begründeten 

24» 


—     372     — 

Herrschaft  sind  so  wenig  auf  dem  Throne  wie  in  der  Hütte 
die  Ruhe  und  der  Friede  der  Gerechtigkeit  zu  finden"  (V,  647); 
er  lasse  alle  Grausamkeiten  zu,  ,,so  lange  und  so  oft  in  einem 
Staate  die  dämonischen,  der  sittlichen  und  intellektuellen  Be- 
stimmung des  Menschen  spottenden  Mächte  die  Oberhand 
haben"  (V,  655).  Der  Verfasser  weiss,  dass  der  Despotismus 
auf  der  Willkür,  dem  Haupthemmschuh  der  geistigen  und 
wirthschaftlichen  Entwickelung,  begründet  ist ;  er  ist  also  selbst 
gegen  den  Despotismus,  aber  er  empfiehlt  ihn  ßussland  an- 
gelegentlichst: „Mit  unseren  Begriffen  von  Recht  und  Ge- 
rechtigkeit fällt  es  uns  schwer  die  despotischen  Regierungs- 
form der  Russen  gut  zu  heissen,  und  dennoch  können  wir 
nicht  sagen,  dass  sie  nicht  dem  Genius  der  russischen  Nation 
angemessen  sei"  (in,  713);  „die  russische  Nation  bedurfte  im 
eigentlichsten  Sinne  der  Selbstherrschaft  des  Monarchen"  (IV, 
218;)  „Russland  befand  sich  noch  immer  in  der  Verfassung 
einer  unvermeidlichen  Despotie"  (V,  312).  Eine  derartige 
Ansicht  zu  widerlegen  ist  unmöglich.  Da  Herrmann  die  Russen 
für  eine  niedere  Nation  hält,  so  definirt  er  das  historische 
Schicksal  Russlands  folgendermaassen:  „Es  giebt  der  Völker 
viele,  die,  nicht  im  Stande,  aus  ihrer  beschränkten  Natonali- 
tät  und  Sprache  heraus  sich  zu  einem  geläuterten  Welt-  und 
Gottbewusstsein  zu  erheben,  im  Lauf  der  Zeiten  sämmtlich 
in  den  Völkern,  welche  die  Träger  der  Urideen  der  Mensch- 
heit geworden  sind,  aufgingen,  von  ihnen  unterjocht  und  unter 
ihnen  verschwunden  sind,  und  auch  die  Nation  der  Russen 
sträubt  sich  hartnäckig,  dem  Geist  der  Wahrheit  und  Erkennt- 
niss,  dem  Geiste  selbst  über  ihre  roh  sinnliche  Natur  die 
Herrschaft  einzuräumen,  aber  dennoch  ist  sie,  sollen  wir  sagen 
durch  die  Gunst  oder  Ungunst?  ihres  heimathlichen  Bodens 
geschützt,  von  den  gebildeteren  Völkern  des  Westens  nicht 
bleibend  unterjocht  und  nicht  zerstückelt  worden,  vielmehr  hat 
sie,  wiewohl  selbst  der  Bildung  widerstrebend,  indem  sie  die 


—     373     — 

Erfahrungen  nnd  Kenntnisse  des  Auslandes,  Yomehmlich  der 
Deutschen,  benutzte,  und  sie  in  ihren  Dienst  nahm,  über  die 
ihr  an    politischer   Gewandtheit  untergeordneten   Völker   des 
Ostens  ein  grosses  Weltreich  auszubreiten  unternommen'^  (DI, 
713).     Alle   Ekfolge  hat  Russland  den  Deutschen,   in  jedem 
Falle  aber  Nichtrussen  zu  verdanken:  „Wie  Peter  I.  hauptsäch- 
lich auf  die  Mitwirkung  auserwählter  Ausländer  sich  stützte,  so 
musste  auch  Katharina  II.  noch  bei  den  bedeutendsten  von  ihr  aus- 
gehenden Unternehmungen  wesentlich  den  Beistand  dienstbarer 
Ausländer  oder  eingeborener  Nichtrussen  in  Anspruch  nehmen" 
(V,  313).   Für  den  „deutschen  Geschichtsschreiber  ßusslands" 
sind  Eayserling,  Stackeiberg  und  Sievers  natürlich  wichtiger  als 
Rumjanzow,  Potjemkin  und  Ssuworow;  aber  die  Gerechtigkeit 
erfordert,  darauf  hinzuweisen,  dass  Hermann  den  „Ausländer^' 
Saldem  nach  Gebühr  als  Henker  gewürdigt  hat  (V,  387, 495). 
Eine  allgemeine  Charakteristik  Eatharina's  giebt  der  Ver- 
fasser nicht,  und  das  Capitel  „Katharina's  Charakter^'  (308) 
ist    ihren    ersten    Schritten    zur    Thronbesteigung    gewidmet. 
Urtheile  über  die  Persönlichkeit  der  Kaiserin  sind  im  ganzen 
Werke  verstreut  (V,  242,  281,  308,  314,  340,  652,  657,  664); 
wenn  man  sie  sammelt  und   zusammenstellt,   so   erhält   man 
ein  ausserordentlich  dunkeles  Bild.     In  ßussland  darf  es  nichts 
Gutes  geben:  Katharina,  die  „kluge''  Deutsche,  hat  sich,  nach- 
dem sie  Kaiserin  von  ßussland  geworden,  beinahe  in  ein  un- 
geheuer verwandelt!  „Das  Gesetz  ihrer  Moral  war  kein  anderes, 
als  das,  was  sie  wollte,  so  anzugreifen,   dass  sie  es  erreichte. 
Der  Zweck  ihrer  Absichten  rechtfertigte  in  ihren  Augen  die 
Mittel.     Zum  Herrschen   war  sie   geboren"   (308).     „Für  sie 
gab  es  kein  Laster  und  kein  Verbrechen,  das  sie  nicht  ihrer 
Herrschsucht  dienstbar  machte"    (281).     „Ihr  unternehmender 
Charakter  bekam  schon  früh  jene  Falschheit  und  Unwahrheit, 
die  statt  des  Wesens  der  Dinge  den  Cultus  des  Scheins  zum 
Idol   macht"  (656).      „Der   alte   Spruch:   vulgus   vult   decipi, 


—     374     — 

ergo  decipiatur,  schien  für  sie  erfunden  zu  sein"  (657),  u.  s.  w. 
Wir  wollen  nur  ein  Beispiel  dafiir  anführen,  wie  der  Verfasser 
jeden  Schritt  Katharina's  schwarz  färbt;  im  Jahre  1787  „liess 
Katharina  grossmüthig  den  Bewohnern  des  schwedischen  Fin- 
lands  zur  Linderung  der  Hungersnoth  aus  den  wiborgischen 
Getreidemagazinen  bedeutende  Unterstützungen  zukommen", 
und  sogar  diese  „hochherzige"  Handlung  wird  von  Herrmann 
nur  zum  Beweise  dafür  angeführt,  dass  Katharina  „nicht  säumte, 
selbst  das  gemeine  Volk  durch  Wohlthaten  zu  bestechen" 
(VI,  186).  Mit  dem  Wunsche,  Katharina  als  „Ungeheuer"  dar- 
zustellen, wiederholt  der  Verfasser  wissentlich  lügenhafte  Nach- 
richten: er  erzählt,  Katharina  habe  am  6.  Juli  1762  „Gesell- 
schaft bei  sich  gehabt  und  war  in  Erzählung  einer  unterhalten- 
den Anekdote  begriffen",  als  Alexei  Orlow  aus  Ropscha  heran- 
gesprengt kam;  sie  hörte  die  Nachricht  vom  Tode  Peter*s  III.  an 
und  entschloss  sich,  diese  Nachricht  bis  zum  Morgen  zu  verheim- 
lichen; „hierauf  kehrte  Katharina  zu  der  Gesellschaft  zurück 
und  fuhr  im  Erzählen  ihrer  Geschichte  mit  Gleichgültigkeit 
da  fort,  wo  sie  beim  Herausgehen  stehen  geblieben  war"  (V, 
806).  In  dem  gegebenen  Falle  misstraut  Herrmann  sogar 
Friedrich  II.,  der  schrieb:  „rimperatrice  apprit  ce  fait  avec 
un  d^sespoir  qui  n'6tait  pas  feint"  (Oeuvres  posthumes,  X, 
806),  und  zieht  es  vor,  die  Worte  Helbig's  (Biographie,  11, 
170)  zu  wiederholen,  der  gar  keine  Möglichkeit  hatte,  der- 
artige Einzelheiten  zu  wissen,  was  einem  fachmännischen  Histo- 
riker bekannt  sein  musste.  Heibig  wusste  nicht  einmal,  wer 
mit  dieser  Nachricht  aus  Ropscha  angekommen  war!  Herr- 
mann glaubt  jeden  Unsinn,  der  Katharina  anschwärzen  kann: 
in  einem  Briefe  an  Ssuworow  vom  30.  Juni  1762  befiehlt 
Katharina,  Peter  III.  Alles  zu  schicken,  was  er  sich  erbitten 
sollte  (Sammig.,  VII,  107),  aber  Herrmann  sagt,  wieder  nach 
Heibig:  „mit  brutaler  Härte  und  mit  Spott  schlug  man  sein 
Gesuch  ab"  (V,  302). 


—     375     — 

Alle  derartigen  Abgeschmacktheiten  aufzuzählen,  ist  un- 
möglich — :  es  giebt  ihrer  allzu  viele.  Wir  machen  nur  als 
Beispiel  auf  das  Gapitel  y,Das  Ende  Joan*s  VI/'  aufmerksam, 
wo  auf  sechs  Seiten  (V,  648 — 654)  eine  ganze  Reihe  un- 
sinniger Nachrichten  aus  Quellen  zusammengestellt  sind,  die 
kein  Vertrauen  verdienen.  Dies  erklärt  sich  hauptsächlich 
durch  das  System,  nach  welchem  der  Verfasser  seine  Quellen 
benutzt  und  das  ihn  der  Möglichkeit  beraubt  hat,  die  strengen 
Gepflogenheiten  der  historischen  Kritik  in  erforderlichem 
Maasse  anzuwenden.  Wegen  der  Wichtigkeit  dieser  Beschul- 
digung, besonders  aber  weil  man  dieses  System  auf  russischen 
Boden  verpflanzt  hat,  halten  wir  es  für  geboten,  eine  genaue 
Begründung  dieses  unseres  Urtheils  zu  geben: 

Bereits  die  im  Jahre  1836  erschienenen  beiden  ersten 
Bände  von  ßaumer*s:  „Beiträgen  zur  neueren  Geschichte'^ 
(No.  975)  hatten  wegen  ihrer  „Aus  dem  Britischen  Museum 
und  Reichsarchiv''  geschöpften  Nachrichten  die  Aufmerksamkeit 
auf  sich  gelenkt;  der  erste  Band  machte  keinen  besonderen 
Eindruck,  da  er  „den  Königinnen  Elisabeth  und  Maria 
Stuart"  gewidmet  war,  aber  der  zweite  Band  —  „Friedrich  IL 
und  seine  Zeit"  —  wurde  in  ganz  Deutschland  mit  Begeisterung 
gelesen;  drei  Jahre  später,  1839,  kamen  drei  neue  Bände 
dieser  „Beiträge"  heraus,  die  die  „Geschichte  Europa's  vom 
Ende  des  Siebenjährigen  bis  zum  Ende  des  Amerikanischen 
Krieges  (1763—1783)"  behandelten  und  „nach  den  Quellen 
im  britischen  und  französischen  Reichsarchive"  bearbeitet 
waren.  Diese  drei  Bände  verbreiteten  ein  neues  Licht  über 
die  den  Deutschen  Iheuere  Epoche  Friedrich's  H.,  als  ob  sie 
einen  neuen  Quell  historischer  Kenntnisse  erschlossen  hätten. 
Man  begann  dem  Studium  diplomatischer  Depeschen  in  den 
Archiven  besondere  Aufmerksamkeit  zuzuwenden.  Gerade  da- 
mals, im  Jahre  1839,  ging  die  Abfassung  der  „Geschichte  des 
Russischen   Staates"    von   Strahl    auf  Herrmann    über,    und 


—     376     — 

dieser  wandte  sich  der  Leetüre  von  Depeschen  in  den  Archiven 
zu.  Er  las  sie  gewissenhaft  und  schrieb  sich  Alles,  was  er  zu 
verwenden  gedachte,  ab  —  zuweilen  in  der  Sprache  des 
Originals,  öfter  in  deutscher  Uebertragung;  aber  niemals  hat 
er  die  ganze  Depesche  vollinhaltlich  abgeschrieben,  er  schied 
vielmehr  alles  das  aus,  was  er  f&r  die  Eingebung  eines  augen- 
blicklichen Eindruckes  hielt  oder  was  er  als  „persönliche 
Kleinigkeiten'^  erkannt  zu  haben  glaubte.  So  las  er  über  die 
Epoche  Katharina's  alle  Bände  der  Berichte  Sacken's,  Goltz's, 
Harris',  Withworth's  und  Fitz-Herbert's  aus  Petersburg  und 
Essen' s,  Hailes',  Goltz's  und  Patz's  aus  Warschau  durch,  ohne 
die  Berichte  aus  Berlin,  Wien  und  Stockholm  mit  zu  zählen; 
dabei  arbeitete  er  jahrelang  in  den  Archiven  von  Dresden, 
Berlin  und  London,  und  nahm  ganze  Bände  von  Auszügen 
mit  nach  Hause.  Indess,  bei  der  Benutzung  einer  Depesche 
muss  man  nicht  nur  die  gegenseitigen  Beziehungen  der  beiden 
in  Frage  kommenden  Staaten,  sondern  auch  die  persönliche 
Stellung  des  Diplomaten  am  Hofe  und  seine  Stellungnahme  zu 
der  in  der  Depesche  berührten  Frage  in  Betracht  ziehen. 
Als  Hemnann  daran  ging,  eine  Geschichte  des  Russischen 
Staates  nicht  nach  den  Depeschen,  sondern  nur  nach  Aus- 
zügen aus  denselben,  die  von  „persönlichen  Kleinigkeiten''  ge- 
säubert waren,  zu  schreiben,  war  er  der  Möglichkeit  beraubt, 
jede  Mittheilung  kritisch  zu  behandeln  — :  er  liess  sich  nur 
durch  die  Angabe  der  ofQciellen  Beziehung  des  Verfassers  der 
Depesche,  als  Vertreters  einer  bestimmten  Grossmacht,  zum 
russischen  Hofe  leiten.  Durch  das  System  der  „Auszüge"  hat 
Herrmann  die  Anwendbarkeit  der  historischen  Kritik  an  eine 
so  wichtige,  aber  gefährliche  Quelle,  wie  die  diplomatischen 
Depeschen  es  sind,  bedeutend  eingeschränkt.  Allem,  das  er 
ausgeschrieben  hat,  vertraut  er  bedingungslos  und  benutzt 
seine  Auszüge  kühn,  auch  wenn  sie  den  Grundsätzen,  die  er 
ftusgesprocben  hat,  widersprochen  hab^n  würden.    Sacken  be- 


—     377     — 

richtet  z.  B.  aus  Petersburg  am  5.  Juli  1764:  „Wenn  die 
Jugend  und  die  Leute  mittleren  Alters  eine  republikanische 
Begierung  oder  eine  wenigstens  monarchische  einzuführen 
¥ruuschen,  so  sind  dagegen  die  Alten,  welche  die  bedeutendsten 
Stellen  im  Staate  bekleiden,  so  sehr  für  den  Despotismus  ein- 
genommen, dass  sie  glauben,  dieses  weite  Reich  müsse  zer- 
fallen, sobald  seine  gegenwärtige  ßegierungsform  so  weit  ver- 
ändert würde,  dass  sie  sich  der  schwedischen,  englischen  oder 
polnischen  annäherte.  Die  Kaiserin  versteht  es,  von  einer 
solchen  Gesinnung  für  ihre  Sicherheit  und  für  das  Erreichen 
ihrer  Absichten  allen  möglichen  Vortheil  zu  ziehen'*  (V,  566). 
Das  ist  der  Ansicht  Herrmann's  direct  entgegengesetzt,  dass 
das  russische  Volk  „das  Streben  und  den  inneren  Drang 
nicht  kennt,  das  Gesetz  der  Freiheit  selbst  zu  finden'^  (11, 
712),  und  dass  die  Preussen  Friedrich's  11.  mehr  als  ihre 
russischen  Zeitgenossen  zu  einer  vernünftigen  Begierungsform 
gestrebt  hätten  (V,  312).  Nichtsdestoweniger  verschweigt 
Herrmann  die  Bestrebungen,  den  Despotismus  zu  beseitigen, 
und  zieht  die  nachfolgende  Schlusstolgerung:  „Katharina  be- 
obachtete die  Politik,  die  jugendlichere  Keckheit  der  Jüngeren 
durch  den  bedächtigeren  Egoismus  älterer  Männer  im  Zaume 
zu  halten"  (V,  339).  In  Wirklichkeit  ist  der  angeführte  Aus- 
zug im  Munde  Sacken' s,  der  die  englische  Begierungsform  mit 
der  schwedischen  und  polnischen  verwechselt,  nichts  weiter 
als  eine  leere  Phrase,  die  genau  so  auf  Sachsen  und  Preussen, 
wie  auf  Bussland,  und  nicht  bloss  im  Jahre  1764,  angewandt 
werden  könnte.  Wenn  Herrmann  Auszüge  aus  den  Depeschen 
gemacht  hatte,  so  glaubte  er  bedingungslos  Alles,  was  der 
Diplomat  mittheilte,  und  er  konnte  ihm  auch  gar  nicht  miss- 
trauen, da  ihm  die  Umstände  unbekannt  waren,  unter  welchen 
die  Nachricht  geschrieben  worden,  und  er  sich  selbst  der 
Mittel  beraubt  hatte,  derartige  Mittheilungen  kritisch  zu 
untersuchen.     Hatte   N.  J.  Panin   den  Diplomaten   zur  Con- 


—     378     — 

ferenz  empfangen,  and  hatte  Katbarina  ihm  ein  freundliches 
Wort  bei  der  Hofcour  gesagt  —  so  ward  die  Depesche  in 
rosigem  Lichte  gehalten;  hatte  aber  A.  J.  Ostermann  den 
Diplomaten  nicht  zum  Diner  eingeladen,  und  hatte  Katharina 
ihm  lange  keine  Audienz  gewährt  —  so  ward  Alles  grau  in 
grau  gemalt.  Und  gerade  diese  „persönlichen  Kleinigkeiten" 
sind  bei  den  Auszügen  in  Wegfall  gekommen.  Selbst  die 
Auswahl  der  Auszüge  ist  mit  Rücksicht  auf  den  Zweck  und  die 
Stimmung  der  Person  geschehen,  die  den  Auszug  macht;  so  hat 
Herrmann  z.  B.  aus  einer  Depesche  des  Grafen  Solms  die 
Nachrichten  über  die  „Hetman- Angelegenheit",  wie  wir  oben 
bereits  angegeben  haben,  nicht  ausgeschrieben.  Und  dieses 
unwissenschaftliche  , ^System  der  Auszüge"  hat  neuerdings 
unsere  Rassische  Historische  Gesellschaft  sich  angeeignet,  in- 
dem sie  Depeschen  im  Auszuge  abdruckt,  so  dass  ein  ernster 
Gelehrter  ihnen  kein  Vertrauen  schenken  kann  und  sich  ver- 
pflichtet fühlen  muss,  sich  wie  früher  an  die  Archive  selbst 
zu  wenden  —  sowohl  wegen  der  Kritik  der  Depeschen  selbst, 
als  auch  zur  ControUe,  ob  nicht  irgend  etwas  Wichtiges,  wie 
die  „Hetman-Angelegenheit*',  weggelassen  sei.  Die  Historische 
Gesellschaft,  die  grosse  Mittel  auf  eine  Uebersetzung,  die 
Niemand  braucht,  und  auf  deren  Dracklegung  verwendet,  hat 
sich  natürlich  nicht  durch  materielle  Berechnungen  leiten 
lassen,  als  sie  das  System  der  Auszüge  und  Ausschreibungen 
statt  des  Abdrucks  vollständiger  Documente  in  Anwendung 
gebracht  hat;  ihre  Mitglieder  und  Mitarbeiter  erkennen  ein- 
fach die  Bedingungen  einer  gelehrten  historischen  Arbeit 
nicht  an. 

Das  vorzugsweise  auf  diplomatische  Depeschen  basirte 
Werk  Herrmann's  hatte  viele  neue  Ansichten  und  neue 
Einzelheiten  gebracht,  aber  eine  „Geschichte  des  Russischen 
Staates"  während  der  Regierung  Katharina's  II.  hat  es  uns 
nicht  geschenkt.     Nach  dem  vom  Verfasser  ausfuhrlich  darge- 


—     379     — 

legten  Plane  hat  er  dies  auch  gurnicht  beabsichtigt.  Soweit 
wenigstens  die  Zeit  Katharina's  in  Frage  kommt,  hat  Herr- 
mann sich  nicht  einmal  Mühe  gegeben,  sich  mit  der  Litteratur 
der  Frage  bekannt  zu  machen.  Er  führt  z.  B.  Urtheile  über 
die  russische  Armee  aus  Depeschen  von  Heibig  und  Keller 
an  (VI,  155,  157),  aber  das  Werk  von  Snell:  „Briefe  über  das 
russische  Kriegswesen"  (No.  595),  das  in  Leipzig  im  Jahre 
1790  erschienen  ist,  ist  ihm  gar  nicht  bekannt.  Er  erzählt 
die  taurische  Reise  nach  den  Depeschen  Sacken's  (VI,  149), 
der  an  der  Beise  nicht  Theil  nahm,  und  kennt  nicht  eine 
einzige  der  von  uns  in  dieser  Uebersicht  der  Quellen  zur  Ge- 
schichte Katharina's  angeführten  Eeisebeschreibungen  (No.  824) 
u.  s.  w.  Es  versteht  sich  freilich  von  selbst,  dass  das  Ge- 
mälde, für  welches  die  Farben  aus  den  Depeschen  der  Resi- 
denten genommen  sind,  ausserordentlich  düster  erscheint;  und 
da  Herrmann  wahrscheinlich  dieses  Colorit  nicht  verderben 
wollte,  hat  er  aus  anderen  Quellen  nur  die  düsteren  Töne 
ausgewählt.  Er  weiss  es  sehr  gut,  dass  Dohm  (No.  905)  nie- 
mals in  Russland  gewesen  ist,  dass  er  Russland  nicht  kannte 
und  Katharina  hasste;  nichtsdestoweniger  aber  zeichnet  Herr- 
mann das  Russiand  vom  Jahre  1780  gerade  nach  Dohm 
(I,  421):  „Der  Zustand  der  Armee  hatte  seit  dem  letzten 
Türkenkrieg  unter  der  eben  so  sorglosen  als  despotischen 
Leitung  des  Fürsten  Potemkin  sich  um  nichts  verbessert. 
Die  grenzenlose  Verschwendung  des  Hofes  machte  alle  Ord- 
nung in  den  Finanzen  unmöglich.  Bei  schimmernder  Pracht 
fehlte  oft  in  den  Kassen  das  Geld  zu  den  dringendsten  Be- 
dürfnissen. Die  ungeheuere  moralische  Verderbtheit  Der- 
jenigen, welchen  die  meiste  Gewalt  anvertraut  war,  liess  keine 
wahre  Fürsorge  fiir  das  Wohl  der  ünterthanen  zu.  An  red- 
lichen Eifer  und  an  Gewissenhaftigkeit  in  der  Verwaltung  der 
Geschäfte,  an  gute  Rechtspflege,  an  nachhaltige  Förderung 
von  Fleiss  und  Wohlstand  war  nicht  zu  denken.   Jeder  suchte 


—     380    — 

nur  durch  Unterdrückung  derer,  die  unter  ihm  waren,  die 
Mittel  zu  erwerben,  um  die  geneigt  zu  machen,  die  über  ihm 
standen"  (VI,  29). 

Besonders  ausführlich,  Yomehmlich  nach  den  Depeschen 
Essen's,  sind  die  polnischen  Angelegenheiten  behandelt  (Beer, 
I,  lY).  Bei  der  Behandlung  der  polnischen  Frage  war  der 
Verfasser  auf's  Aeusserste  beengt:  gleichzeitig  und  gemeinsam 
mit  Bussland  traten  hier  zwei  deutsche  Mächte,  Oesterreich 
und  Preussen,  in  Action.  Bussland  ist  natürlich  der  schuldige 
Theil  (V,  356,  360,  361,  383,  463),  aber  wie  durfte  man  es 
anklagen,  da  auch  Preussen  an  derselben  Schuld  betheiligt  war?! 
Daher  kommt  in  diesem  Abschnitte  die  unklare  und  unent- 
schiedene Sprache  (V,  320),  sowie  der  rein  äsopische  Stil,  in 
dem  sogar  „das  Naturgesetz  der  Staatenphysiologie"  (V,  357) 
eine  Bolle  spielt:  „Es  ist  viel  leichter,  eine  solche  Politik 
schlechtweg  zu  verdammen,  als  zu  sagen,  ob  es  denn  auch 
wohl  nach  dem  natürlichen  Lauf  menschlicher  Dinge,  nach 
dem  auch  den  einzelnen  Staaten  so  gut  wie  dem  einzelnen 
Menschen  vorgezeichneten  Lebensgesetz  und  nach  der  beson- 
deren Beschaffenheit  der  Verhältnisse,  in  denen  damals  Polen 
den  übrigen  europäischen  Staaten  gegenüber  sich  befand, 
anders  hätte  kommen  können"  (V,  356).  Die  Willkür  Preussens 
und  Oesterreichs  wird  durch  folgendes  staatlich -politische 
Eäsonnement  erklärt:  „Nur  in  den  seltensten  Fällen  werden 
Staaten,  die  so  tief  gesunken  sind,  dass  sie  ihre  äussere  Un- 
abhängigkeit nicht  mehr  der  eigenen  Tüchtigkeit,  sondern  im 
wesentlichen  nur  den  schwankenden  Bücksichten  ihrer  mäch- 
tigeren Nachbarn  verdanken,  sich  lange  in  ihrem  so  eben  noch 
geduldeten  Bestand  erhalten  können.  Vielmehr  werden  die 
Staaten,  welche  das  nächste  Interesse  haben,  einen  andern 
hülflosen  Staat  nicht  die  Beute  eines  dritten  werden  zu  lassen, 
den  Kraftaufwand,  ihn  zu  erhalten  und  zu  schützen,  nur  so 
lange   tragen   wollen,   als  er  die  Hoffnung  giebt,   sich  selbst 


—     381     — 

wiederherzustellen;  sie  werden  ihn  aufgeben  und  einen  Ver- 
gleich mit  seinen  Gegnern  eingehen,  sobald  diese  Hoffnung 
sich  als  trügerisch  erweist;  sie  werden  nicht  leicht  auf  die 
Dauer  der  verführerischen  Gelegenheit  zur  eigenen  Machtver- 
grösserung  zu  widerstehn  vermögen"  (VI,  2).  Der  Verfasser 
gesteht  dabei  zu,  „dass  keine  andere  unter  allen  christlichen 
und  zu  den  civilisirten  gerechneten  Nationen  ihr  eigenes  Un- 
glück in  so  reichem  Maasse  selbst  verschuldet  hat,  als  eben 
die  polnische"  (V,  357),  und  dass  die  polnischen  Magnaten 
„durch  ihre  Selbstsucht,  ihr  sittenloses  Leben  und  ihre  despo- 
tische Willkür  die  Hauptschuld  an  dem  Unglück  und  dem 
Untergang  ihres  Vaterlandes  trugen"  (V,  501).  Obgleich  der 
VerfEksser  unter  dem  Namen  der  Dissidenten  nur  die  „nicht 
unirten  Unterthanen  griechischer  Religion"  (V,  383)  versteht, 
giebt  er  doch  zu,  dass  die  Dissidenten  „ein  natürliches  Recht 
hatten  ihre  politische  Gleichstellung  mit  den  Katholiken  zu 
verlangen"  (V,  411).  Von  allen  polnischen  Fragen  ist  vom 
Verfasser  die  Frage  von  der  Constitution  des  3.  Mai  1791 
am  nachlässigsten  bearbeitet  worden,  wobei  Russland  kaam 
erwähnt  wird  (VI,  385).  Die  Charakteristik  Stanislaus  August's 
als  Königs  von  Polen  und  seine  Beziehungen  zu  Katharina 
sind  vom  Verfasser  sehr  ausführlich  und  ziemlich  gerecht  dar- 
gestellt (V,  399,  420,  429,  471,  491,  527). 

In  den  türkischen  Angelegenheiten  hat  Herrmann  den 
Sinn  der  beiden  russisch-türkischen  Kriege  gar  nicht  begriffen, 
obgleich  er  die  Bedeutung  des  Friedens  von  Kutschuk-Kai- 
nardshi  richtig  gewürdigt  hat:  „Die  Bedingungen  des  Friedens 
von  Kainardsche  sind  die  Breschen  im  morschen  Mauerwerk 
des  ottomanischen  Staatenbaues,  durch  die  Russland  sich  den 
Eingang  zu  seiner  stetigen  Schrittes  vordrängenden,  erst  mittel- 
baren und  jetzt,  nach  Verlauf  von  fast  drei  Vierteljahrhun- 
derten immer  unmittelbarer  werdenden  Herrschaft  im  Innern 
dieses  nur  noch  durch  den  Neid  und  die  Eifersucht  der  euro- 


—     382     — 

päischen  Diplomatie  sein  Leben  fristenden  Reiches  eroberte" 
(V;  646).  Herrmann  hat  überhaupt  die  ^^orientalischen  Pläne" 
Katharina's  nicht  verstanden  (VI,  56,  66)  und  da,  wo  er  von 
der  Krim  spricht,  ganz  umsonst  den  Tataren  9  Seiten  (VI, 
40 — 49)  aus  Peyssonel:  „Trait6  sur  le  commerce  de  la  mer 
noire",  gewidmet.  Nach  der  Meinung  des  Verfassers  hatte 
Katharina  keine  Mittel  fiir  den  zweiten  Türkenkrieg;  „allein 
Katharina  und  Potemkin  vertrauten  auf  ihr  gutes  Glück,  weil 
sie  wussten,  dass  sie  es  mit  keinem  anderen  Feind  zu  thun 
hatten,  als  mit  dem  Türken;  beide  vertrauten  auf  ihr  gutes 
Glück,  weil  sie  die  eigenen  ünterthanen,  die  der  Günstling 
mit  seiner  Gebieterin  beherrschte,  so  wenig  wie  den  Feind  zu 
schonen  entschlossen  waren"  (VI,  164).  Herrmann  hielt  es 
sogar  nicht  für  nöthig,  den  zweiten  Türkenkrieg  zu  schildern, 
und  fand,  dass  es  wichtiger  wäre,  die  „durch  diesen  Krieg  ver- 
änderten Beziehungen  der  übrigen  europäischen  Staaten  zu 
Russland"  zu  erklären  (VI,  171). 

Den  Beziehungen  Russlands  zu  den  europäischen  Staaten, 
besonders  zu  den  deutschen,  ist  vom  Verfasser  eine  grosse  Be- 
deutung beigelegt.  Als  Vorwand  hierfür  dienen  die  bayrische 
Erbfolge- Frage  (VI,  5,  18),  der  Aufenthalt  des  Prinzen  von 
Preussen  in  Petersburg  (32),  die  „bewaflFnete  Neutralität"  (87) 
und  der  „Deutsche  Fürstenbund"  (90).  Bei  der  Behandlung 
aller  dieser  Fragen  erscheint  Herrmann  als  eifriger  Preusse. 
Hier  ist  sein  Urtheil  über  Joseph  II. :  „Sein  Hauptfehler  war, 
dass  er  nie  zu  beurtheilen  verstand,  was  wirklich  zu  erreichen 
möglich  sei,  und  so  bewirkte  er  denn  im  Reiche  im  Grunde 
nichts,  als  dass  in  kurzem  alle  Reichsstände,  denen  das  öster- 
reichische Wesen  zuwider  war,  die  eine  österreichische  Herr- 
schaft in  Deutschland  nicht  dulden  wollten,  in  ihm,  dem 
Kaiser,  den  ärgsten  Reichsfeind,  den  gefährlichsten  Verfolger 
und  Verächter  ihrer  Sonderrechte  zu  erblicken  glaubten"  (VI,  4). 
Herrmann   verheimlicht   es   nicht,    dass   gerade   Friedrich  II. 


—     383     — 

durch  seine  „bedenklichen  Bathschläge^'  (VI,  22)  Bussland 
einen  gewissen  Einfluss  auf  die  deutschen  Angelegenheiten 
eingeräumt  habe,  und  widerspricht  sich  selbst,  wenn  er  ver- 
sichert, dass  Friedrich  nach  der  ersten  Theilung  Polens  be- 
strebt gewesen  sei,  „Russlands  weiterem  Vordringen  und  der 
wirklichen  Vermehrung  seiner  Macht  einen  Biegel  vorzu- 
schieben" (VI,  27).  Herrmann  ist  so  sehr  Preusse,  dass  er 
sich  ganz  naiv  über  den  Misserfolg  des  Prinzen  von  Preussen 
in  Petersburg  wundert  (VI,  32).  Bei  der  Schilderung  des 
schwedischen  Krieges  beschuldigt  der  Verfasser  Katharina 
ganz  entschieden  der  Anstiftung  des  Bundes  von  Anjala  (VI, 
190,  195),  aber  Beweise  für  diese  seine  Anschuldigung  bringt 
er  nicht  bei.  Ebenso  beweislos  ist  „die  Herstellung  eines 
griechischen  Kaiserreiches^'  als  „Lieblingsplan"  Katharina's 
erwähnt  (VI,  32);  über  Kurland  bringt  Herrmann  kaum  einige 
Zeüen  (V,  344). 

Am  allerschwächsten  sind  die  inneren  Angelegenheiten 
Busslands  dargestellt,  die  dem  Verfasser  offenbar  vollkommen 
unverständlich  geblieben  sind.  In  der  Erzählung  der  Thron- 
besteigung ist  der  Fürstin  Daschkow  eine  allzu  grosse  Bolle 
zuertheilt  (V,  281,  285,  292);  bei  Peter  III.  ist  seine  „narren- 
hafte  Vorliebe  für  Alles,  was  preussisch  war",  annotirt  (V, 
242),  auch  ist  sein  Hauptfehler  richtig  angegeben  (V,  260); 
die  Schulen  (V,  330),  der  „Geheime  Staatsrath"  (V,  337)  wer- 
den kaum  erwähnt.  Der  Aufstand  Pugatschew's  wird  kurz 
erzählt,  aber  der  leitende  Gedanke  desselben  ist  richtig  er- 
fasst,  wenn  auch  in  unrussischer  Art  und  Weise  zum  Ausdruck 
gebracht  worden:  „Diese  Bevolution  war  der  Bückschlag  der 
üeberspannung,  die  Katharina's  Buhmsucht  ihren  erschöpften 
Völkern  zugemuthet  hatte,  sie  war  zugleich  die  Antwort  auf 
die  unerfüllten  Hoffnungen,  die  ihr  grosssprecherischer  Libe- 
ralismus in  dem  Stand  der  Leibeigenen  hervorgerufen  hatte" 
(V,   658).     Mit   der  Berufung   der  Commission  zur  Abfassung 


—     384     — 

des  Projects  eines  neuen  Gesetzbuches  hat  Katharina,  nach 
der  Ansicht  Herrmann's,  ^^eine  Comodie  in  grossem  Stil  auf- 
führen wollen,  um  zu  zeigen,  wie  sehr  sie  sich  bemühe,  ihre 
Unterthanen  glücklich  zu  machen,  und  der  bewunderungs- 
süchtigen Welt  Sand  in  die  Augen  zu  streuen''  (V,  663). 
Einige  Abgeschmacktheiten  sind  von  Herrmann  nur  deshalb 
nacherzählt  worden,  weil  er  den  diplomatischen  Depeschen 
und  den  Zeitungsgerüchten  allzu  sehr  vertraute  und  aus  Un- 
kenntniss  Busslands  nicht  im  Stande  war,  falsche  Nachrichten 
von  solchen,  die  wenigstens  wahrscheinlich  sein  konnten,  zu 
unterscheiden.  So  hat  z.  B.  bei  ihm  während  der  Thron- 
besteigung Katharina  bei  Vorstellung  der  Geistlichkeit  „zum 
Zeichen  ihrer  Huld  und  Verehrung  die  Angesehendsten  auf 
die  Stirn  geküssf'  (V,  302);  bei  der  Krönung  „empfing  das 
Volk  den  jungen  Grossftirsten,  wo  es  ihn  erblickte,  mit  lautem 
Freudenruf,  und  zog  sich  zurück,  wenn  die  Kaiserin  nahte'' 
(V,  327);  der  französische  Gesandte  Baron  de  Breteuil  verliess 
Petersburg  „kurz  vor  dem  Ausbruche  der  Thronrevolution, 
weil  er  zu  der  bei  derselben  ihm  angemutheten  Mitwirkung 
ohne  die  besondere  Genehmigung  seines  Hofes  sich  nicht  her- 
beilassen wollte"  (V,  343);  im  Jahre  1772  „hatte  mit  dem 
Verfall  der  politischen  Unabhängigkeit  Polens  die  Sittenlosig- 
keit,  der  Mangel  an  Ehrgefühl  und  Ehrlichkeit  auf  entsetz- 
liche Weise  überhand  genommen"  (V,  541).  Im  Jahre  1764  hat 
Katharina  „kurz  vor  ihrer  Abreise  nach  Livland"  (V,  648) 
keinerlei  Ukas  über  Iwan  III.  unterzeichnet  (Gastöra,  11,  82) 
—  das  hätte  Herrmann  aus  den  Berichten  Sacken's  wissen 
müssen,  wenn  er  aus  der  Depesche  desselben  vom  14.  August 
1764  folgende  Stelle  ausgeschrieben  hätte:  „L'Imp^ratrice  a 
d^clar^e  vendredi  demier  en  plein  s6nat,  qu'Elle  n'avait  fait 
que  confirm^e  simpliment  les  ordres  donn6s  sous  le  rfegne  pr6- 
c6dent  aux  officiers  auxquels  la  garde  de  ce  prince  avait  6t6 
confi^e"   (Dresdner   Archiv,    1773,   sol.   I,   No.   67).     Solcher 


-     385     — 

Fehler,  die  nur  durch  das  sinnlose  System  der  Auszüge  aus 
Depeschen  erklärt  werden  können,  finden  sich  sehr  viele. 

Der  Verfasser  liebt  die  russischen  Männer  jener  Zeit  nicht, 
besonders  aber  liebt  er  Potjemkin  nicht,  dem  er  alle  nur 
möglichen  Mängel  zuschreibt  (V,  674;  VI,  157,  159,  162  ff.); 
schlechter  als  Hemnann,  der  „deutsche  Geschichtsschreiber 
Busslands'',  hat  Potjemkin  nur  der  „russische  Deutsche'' 
Brückner  in  seinem  Werke:  „Potjemkin."  St.  Petersburg, 
1891,  geschildert.  Aber  Herrmann  kennt  die  russischen 
Männer  auch  nicht:  „Setchin"  (V,  241)  d.  h.  Dmitrij 
Ssjetschenow  wird  als  „einer  der  eifrigsten  der  Wühler"  (V, 
283)  gekennzeichnet,  was  Hemnann  aus  einer  Depesche  über- 
setzt hat,  in  der  es  heisst:  „trfes  grand  ouvrier";  Katharina 
Iwanowna  Schargorodskaja  nennt  er  „Tscherekowskoja"  (V, 
284),  Jakow  Iwanowitsch  Bulgakow  heisst  bei  ihm  „Buliakow" 
(V,  477),  den  Obrist  Arbusow  nennt  er  „Albusinof"  (V,  499) 
u.  s.  w.  Wenn  russische  Männer,  wie  N.  W.  Repnin  (V,  445), 
zu  nichts  taugen,  so  glänzen  dagegen  Deutsche  in  russischen 
Diensten,  wie  Asseburg  (VI,  22,  23)  oder  Nesselrode  (VI,  24), 
durch  alle  nur  möglichen  Vorzüge.  Nur  von  einem  einzigen 
Bussen  spricht  der  Verfasser  nichts  Schlechtes,  von  A.  A. 
Tschesmenskij ,  als  derselbe  vom  Second-Bittmeister  nach 
Anciennität  zum  Obristen  befördert  wird  (Sammig.,  XLII,  274), 
aber  bei  derselben  Gelegenheit  setzt  er  alle  Bussen  herab 
und  streicht  die  Deutschen  heraus:  „üeberhaupt  zeigten  die 
geborenen  Bussen  keine  Neigung  zum  Dienst  auf  der  See,  und 
ausser  dem  Herrn  Tschesmenski,  einem  natürlichen  Sohn  des 
Grafen  Alexei  Orlow,  erboten  sich  nur  noch  sehr  wenige,  sich 
als  Offiziere  der  Landtruppen  einzuschiffen,  fast  alle  übrigen 
waren  Livländer  oder  Ausländer"  (VI,  159). 

Dem  Verfasser  verdanken  wir  die  Veröffentlichung  von 
sechs  Briefen  Eatharina's,  die  er  in  den  Archiven  aufgestöbert 
hat  (VI,  461;  VU,  123,  125,  361,  445,  537). 

BilbEBBoff.  Katharina  H.  25 


—     886     — 

Bei  der  Leetüre  der  Geschichte  Herrmann's  bringt  die 
unaufhörlich  wiederholte  Beschuldigung  Eatharina's  der  politi- 
schen y,Habgier<<  und  ^^Habsucht''  einen  ausserordentlich  un- 
angenehmen Eindruck  hervor;  man  könnte  glauben,  dass 
Katharina  sich  in  der  That  durch  diesen  wenig  anziehenden 
Charakterzug  von  ihren  gekrönten  Brüdern  unterschieden  habe. 
Um  die  Gewissenhaftigkeit  des  ,,deutschen  Geschichtsschreibers 
Busslands''  in  dieser  Beziehung  festzustellen,  möchten  wir  ihn 
an  die  Erwerbungen  Friedrich's  11,  erinnern.  Häusser  sagt 
in  seiner  ,,Deutschen  Geschichte'',  dass  während  der  Regier* 
ung  des  grossen  Friedrich  ,,aus  einem  Lande  von  2300  Qua- 
dratmeilen mit  2  Millionen  und  einigen  Hunderttausend  Ein- 
wohnern Preussen  ein  Staat  yon  3600  Quadratmeilen  mit  6 
Millionen  Einwohnern  geworden  war"  (I,  191).  Das  war  in 
der  That  ein  „habgieriger  König",  wie  Elisabeth  Petrowna, 
nach  Herrmann  die  „unwürdige  Elisabeth"  (V,  243),  Friedrich  11. 
genannt  hat. 

D.  J.  Jlowaiskij  hat  ganz  richtig  bemerkt,  dass  die  Ge- 
schichte Herrmann's  in  „schwerfäUiger  und  nachlässiger  Sprache" 
geschrieben  sei.  Der  Verfasser  zeichnet  sich  keineswegs  durch 
einen  schönen  Stil  aus  und  noch  weniger  durch  eine  künst- 
lerische Darstellung:  als  Liebhaber  eingeschachtelter  Sätze, 
dehnt  er  seine  Perioden  bis  ins  unendliche  aus.  Bei  ihm 
finden  sich  Perioden  bis  zu  22  Druckzeilen  (V,  315);  bisweilen 
ist  auf  einer  ganzen  ^eite  nur  ein  Punkt  zu  finden  (V,  655). 

Der  siebente  oder  richtiger  „Ergänzungs"-Band  ist  voll- 
ständig mit  „diplomatischen  Correspondenzen  aus  der  Revo- 
lutionszeit, 1791^1797"  angefüllt,  üeber  diesen  Band  hat 
D.  J.  Bowaiskij  zwei  Male  geschrieben:  „Der  Ergänzungsband 
zur  Russischen  Geschichte  Herrmann's",  im  „Russ.  Boten", 
LXXn,  297,  und  „Aus  der  diplomatischen  Correspondenz  des 
XVni.  Jahrhunderts",  im  „Russ.  Archiv",  1868,  822.  Was 
ist  das  fürein„Ergänzungs"-Band?  Was  soll  er  denn  ergänzen? 


-      387     - 

Im  Jahre  1889  übernahm  Herrmann  die  Forsetzung  des 
Strahl'schen  Werkes:  ,,Die  Geschichte  des  Russischen  Staats'', 
das  beim  zweiten  Bande  stehen  geblieben  war;  er  gab  im 
Jahre  1846  den  dritten,  im  Jahre  1849  den  vierten,  im  Jahre 
1853  den  fünften  und  im  Jahre  1860  den  sechsten  Band 
heraus,  in  dem  die  Geschichte  Eatharina's  bis  zum  Jahre  1791 
geführt  ist.  Im  Jahre  1866  erschien  dann  noch  der  „Er- 
gänzungs''-Band,  der  Auszüge  aus  426  Depeschen,  Bescripten 
und  Briefen  aus  der  Zeit  von  1791  bis  1797  enthält;  diese 
Auszüge  hat  Herrmann  in  den  Archiven  zu  Berlin,  Dresden 
und  London  im  Laufe  von  sechs  Jahren,  1860 — 1866,  gemacht. 
Nicht  nur  in  diesen  sechs,  sondern  auch  in  den  darauffolgenden 
zwanzig  Jahren,  bis  zu  seinem  Tode,  hat  Herrmann  dieses 
Material  weder  zu  verarbeiten,  noch  aus  ihm  ein  abge- 
schlossenes und  übersichtliches  Bild  zu  schaffen  vermocht, 
welches  die  Regierung  Katharina's  in  den  letzten  fünf  Jahren 
ihres  Lebens  dargestellt  hätte.  Aus  diesen  Bruchstücken  von 
Depeschen  und  Briefen,  die  die  widerspruchvollsten  Ansichten 
und  nicht  selten  direct  entgegengesetzte  Meinungen  enthalten, 
ist  es  unmöglich,  einen  Gesammteindruck  oder  eine  geschlossene 
und  geordnete  Vorstellung  zu  erhalten;  davon  gar  nicht  zu 
reden,  dass  diese  Auszüge  offenbar  zu  einem  bestimmten 
Zwecke  gemacht  sind  und  schon  deshalb  in  keiner  Weise  als 
zuverlässiges  Material  für  eine  historische  Arbeit  dienen  können. 
Nach  diesem  „Ergänzungs^'-Bande  kann  man  am  besten  die 
Untauglichkeit  derartiger  Auszüge  beurtheilen — :  sie  vermochte 
nicht  einmal  Herrmann  selbst,  der  doch  diese  Auszüge  ge- 
macht hatte,  zu  benutzen! 

1025.   Die    grosse   Landgräfin.      Bild    einer    dentschen   Fürstin    des 
XVIII.  Jahrhunderts.     Von  Ph.  Bopp,    Leipzig,  1863. 

Die  „Grosse  Landgräfin"  war  nach  dem  ürtheile  Goethe's 

die  Landgräfin  Caroline  von  Hessen,  die  Mutter  der  Prinzessin 

Wilhelmine,  der  ersten  Gemahlin  des  Grossfürsten  Paul  Petro- 

25* 


—     388     — 

witsch,  Grossfurstin  Natalja  Alexejewna.  Ueber  ihren  inter- 
essanten Briefwechsel  siehe  No.  1178.  Ohne  mit  der  Persön- 
lichkeit Caroline's  bekannt  zu  sein,  bleiben  viele  Briefe  sowohl 
Eatharina's  selbst  (Achtzehntes  Jahrh.,  I,  96;  Russ.  Archiv, 
1878,  I,  886  ff.),  als  auch  anderer  Persönlichkeiten  am  Hofe 
unverständlich. 

Der  Aufsatz  Bopp's  ist  ein  Panegyrikon  auf  Caroline. 
In  ihm  sind  die  Einzelheiten  der  Unterhandlungen  über  die 
Ehe  besonders  interessant,  wobei  der  Verfasser  die  diplo- 
matischen Papiere  des  Grafen  Solms,  preussischen  Gesandten 
in  Petersburg,  und  die  Correspondenz  Asseburg's  mit  der 
Landgräfin  benutzte.  Diese  letztere  Correspondenz  ist  bis  zu 
einem  gewissen  Grade  chiffrirt  geführt  worden:  unter  „libraire" 
ist  Katharina  zu  verstehen,  unter  „associö  de  libraire''  Fried- 
rich n.,  unter  „la  souscription  d'un  ouvrage  k  publier"  die 
Ehe,  unter  „les  volumes  de  cet  ouvrage"  die  Töchter  der 
Landgräfin  (562).  Der  Verfasser  definirt  den  Unterschied 
zwischen  Katharina  und  CaroUne  folgendermaassen:  „Auf  der 
einen  Seite  die  Beherrscherin  eines  Reichs,  welches  einen 
grossen  Theil  der  Erdkugel  bedeckte,  auf  der  anderen  eine 
Fürstin,  welche  einem  der  kleinsten  Staaten,  nur  einem  Punkt 
auf  dem  Erdglobus,  angehörte,  die  aber,  wie  Wieland  einmal 
wünschte,  zur  »Königin  von  Europa«  erhoben  zu  werden  ver- 
diente; auf  der  einen  Seite  ein  sittenloses  Weib,  auf  der  andern 
eine  sittenreine  hohe  Frau,  die  zu  bedenken  hatte  und  gewiss 
bedachte,  an  welchem  Hof  sie  erschienen  sei"  (566).  In  Be- 
zug auf  die  letzten  Worte  vergl.  das  „Russ.  Archiv",  1878, 
I,  192.  Der  Verfasser  zählt  die  reichen  Geschenke  auf,  mit 
denen  Katharina  ihren  Gästen  das  Geleit  gab,  und  fügt 
hinzu:  „Den  Schatz  von  Lehren  und  Rathschlägen,  womit 
die  Mutter  der  jungen  Grossfürstin  die  Tochter  ausstattete, 
hat  Niemand  geprüft"  (568).  [Historisches  Taschenbuch, 
1853,  533.] 


—     389    — 

1026.  Der  FOrst.     Ein    historischer  Boman   von   C.  F.  Ridderstad. 
6  Thle.    Leipzig,  1853. 

jjAus  dem  Schwedischen  (No.  1021)  yon  Hanns  Wachen- 

husen^'.     Dies  ist  keine  E2inzelausgabe,  sondern  sie  gehört  in 

den  Bestand  des  ^^Belletristischen  Lese-Gabinet  der  neuesten 

und   besten    Romane    aller  Nationen    in    sorgfältigen   Ueber- 

setzungen^^ 

1027.  Le   nozze   di   Comelio.     Commedia  in   dae  atti,   dei  signori 
Melesville  e  Öarmouöhe.    Firenze,  1858. 

Eine  üebersetzung  von  No.  1015. 

1028.  Der  Thurm   von  Dago.     Von  A.  r.  Gondrecourt     Uebersetzt 
von  J.  A.  Streitfeld.     5  Thle.     Leipzig,  1858. 

Eine  Üebersetzung  von  No.  1022.    Diese  Ausgabe  bildet 

die  261. — 265.  Lieferung   des    ^^Belletristischen  Lese-Cabinet 

der    besten  Romane    aller   Nationen    in    sorgfältigen    Ueber- 

setzungen,  herausg.  von  H.  Meynert^'. 

1029.  Gustaf  IV  Adolfs  märkvärdiga  firieri  tili  lyska  storfQrstinnan 
Alexandra.    Stockholm,  1854. 

Diese  Broschüre  bildet  die  No.  23  einer  Serie  von  Yolks- 
schriffcen  und  ist  mit  einem  Holzschnittbildchen  geschmückt: 
an  Katharina' s  Busen,  die  in  einem  Lehnsessel  sitzt,  weint  die 
Grossfürstin  Alexandra  Pawlowna;  vor  ihnen  steht  Gustav  lY. 
hoch  aufgerichtet;  die  Unterschrift  lautet:  ,,Gustav  IV.  Adolf 
ger  Alexandra  korgen'^  Alle  diese  Personen  sind  vollkommen 
phantastisch  abgebildet.  Die  Erzählung  ist  nicht  minder 
phantastisch:  der  Streit  Gustav's  mit  Katharina  darüber,  wen 
von  ihnen  die  Minister  mehr  betrügen  (9),  und  der  ganze  Ver- 
lauf der  Brautwerbung  sind  ganz  im  Geiste  der  Yolkslectüre 
erzählt. 

1030«   Catherine  11  ou  la  Bussie  au  XVIII  si^cle.    Seines  historiqnes. 
Par  MoU-GmÜlhomme,    Paris,  1854. 

Alle  schreiben  über  Bussland,  und  Viele  schreiben  über 

Katharina:  „Les  historiens,   les  moralistes,   les  diplomates  se 


—     390     — 

sont  mis  k  loeuvre  et  leur  trayail  se  continue  actiyement  sous 
nos  jeux.  Pourquoi  les  romanciers  n'auraient-ils  pas  aussi 
leur  tour?"  (11).  Hierin  sind  alle  Ansprüche  des  Verfassers 
auf  den  Beruf,  eine  Geschichte  ,,Eatharina's  II.  oder  Buss- 
lands im  XYin.  Jahrhundert''  zu  schreiben ,  enthalten.  Er 
kennt  weder  Bussland  noch  Katharina,  und  er  kennt  sie  so 
wenig,  dass  er  sein  Werk  sogar  unrichtig  betitelt  hat:  in  dem- 
selben ist  weder  Bussland,  noch  Katharina  zu  fuiden,  und  es 
sind  durchaus  nicht  „historische  Scenen",  —  das  Ganze  ist 
vielmehr  ein  Boman,  der  die  letzten  Tage  der  Begieruug 
Peter^s  III.  behandeln  soll.  Irgend  ein  Monsieur  Saint-Germain 
Leduc,  der  an  Gelehrsamkeit  dem  Bomanschriftsteller  gleich- 
kommt, hat  diesen,  den  Verfasser,  mit  einigen  historischen 
Namen  und  Thatsachen  und  sein  Erzeugniss  mit  vier  Anmerk- 
ungen versehen,  die  seine  Unwissenheit  bekunden.  Ais  Er- 
gebniss  des  Zusammenwirkens  Beider  ist  das  vorliegende  Buch 
erschienen,  das  nach  Ansicht  des  Verfassers  sehr  nützlich  ist, 
eine  „piöce  ä  consulter",  weil  in  ihm  „rhistoire  absorbe  le 
roman''.  Dem  kann  man  natürlich  nicht  zustimmen.  Der 
Verfasser  ist  so  unwissend,  das  er  „Bopscha"  in  „Mopsa"  ver- 
ballhornt (223),  dass  er  die  heimlichen  Verschwörer  sich  auf 
dem  Platze  vor  der  Kasan' sehen  Kathedrale  versammeln  lässt 
(115),  dass  er  den  Fürsten  Daschkow  zum  Feinde  Katharina's 
macht  (287)  u.  s.  w.. 

1031.   Die  Türken  in  Petersburg,  oder  wie  Katharina  Frieden  schliesst 
Lustspiel  in  fünf  Acten,  von  H.  Henrich,    Heidelberg,  1854. 

Als  der  „Orientalische  £j:ieg'<  in  hellen  Flammen  stand, 

erschien  die  Komödie:   „Die  Türken  in  Petersburg  oder  wie 

Katharina  Frieden  schliesst"   auf  der  Bühne,  —  eine  Hans- 

wurstiade,  die,  was  das  Schlimmste  ist,  langweilig  und  ohne 

Ende  war:  sie  hatte  fünf  Acte!     Der  beim  Sturme  auf  Ismail 

gefangen  genommene   Schalicha   Pascha   entflieht  und   taucht 

unter  dem  Namen  eines  italienischen  Porträtmalers  in  Peters- 


-     391     - 

bürg  auf,  wo  Eatharina,  die  Fürstin  Daschkow  und  deren 
Stubenmädchen  sich  in  ihn  verlieben.  In  dieses  Stuben- 
mädchen sind  wiederum  der  türkische  Pascha  und  der  Gross- 
fiirst  Alexander  verliebt.  Katharina  geht  aus  diesem  Wirr- 
warr ganz  messbudenmässig  hervor:  ein  verliebtes  Stelldichein 
mit  dem  Italiener  modelt  sie  zu  einer  Erklärung  des  Friedens 
an  den  Türken  um.  Als  Katharina  zum  Stelldichein  erscheint, 
spricht  sie  zum  Parterre:  „Ich  habe  viel  geliebt,  zum  Theil 
unwürdige  Menschen,  ich  gebe  es  zu;  Potemkin  und  Lanskoy 
standen  mir  am  nächsten.  Der  eine  war  stark,  er  hat  mich 
verstanden;  der  andere  war  schön,  er  hat  mich  geliebt.  Beide 
sind  todt.  0,  dass  der  eine  Mensch  lebte,  der  beides  ver- 
eint —  Kraft  und  Schönheit,  verstehen  und  lieben"  (107). 
Als  solcher  Mann  erweist  sich  der  Türke.  Der  englische 
Botschafter  hat  übrigens  die  Zuschauer  bereits  darauf  vorbe- 
reitet, dass  „Katharina  eine  grosse  Sünderin  sei''  (35),  und 
Katharina  selbst  belehrt  den  Befehlshaber  der  russischen 
Polizei,  dass  die  russischen  Zeitungen  nur  herausgegeben 
würden,  um  die  Leser  zu  täuschen  (39,  40).  Sie  versichert 
auch  ihrem  ältesten  Enkel,  dass  er  und  nicht  Paul  Petrowitsch 
ihr  auf  dem  Throne  folgen  werde  (16,  26). 

In  dieser  Komödie  wird  das  Drama  „Wadim"  von 
Knjashnin,  der  hier  den  Namen  „Kniärdschin"  fährt,  oft  er- 
wähnt (2,  3,  58,  68,  85,  121);  dieses  Drama  erschien  bekannt- 
lich gerade  im  Jahre  1793  im  Drucke,  und  in  dieses  Jahr  ist 
auch  die  Handlung  der  vorliegenden  Komödie  verlegt,  wobei 
aus  „Wadim"  die  Stellen  angeführt  werden,  die  Katharina  am 
meisten  erregt  hatten  (122).  Gleichzeitig  aber  lässt  der  Ver- 
fasser auch  Potjemkin  im  Jahre  1793  sterben  (40)  u.  s.  w. 

1032.   Memoirs  of  the  coart  and  reign  of  Catherine  the  Second,  em- 
press  of  BuBsia,  by  8.  M.  Smiicker.    New- York,  1855. 

Dies  ist  eine  ziemlich  ausfuhrliche,  geschickt  zusammen- 
gestellte   und    gut    geschriebene   Geschichte   Katharina's   der 


—     392      - 

Zweiten.  ,  Jt  liad  been  easy  for  the  author  to  introdnce  mach 
gross  and  indelicate  scandal,  such  as  is  to  ben  found  in  some 
French  works  upon  the  subject;  bat  as  this  work  pretends  to 
be  an  authentic  and  reliable  history,  such  details  were  necessarily 
excladed"  (VI).  Von  den  letzteren  sind  indess  noch  viele  in 
dem  V^erke  Smucker's  verblieben,  obgleich  er  am  die 
Sittlichkeit  des  Lesers  sehr  bemüht  ist:  ,,Her  history  is 
highly  instractive  in  one  sense,  while  it  is  eqaally  dangeroas 
in  another.  It  is  instractive,  becaase  the  theme,  the  heroine, 
was  a  women  of  extraordinary  genius;  an  historic  meteor,  the 
splendoar  of  whose  glittering  transit  across  the  political 
heavens  strack  every  beholder  with  awe  and  wonder.  No  one 
can  perase  that  portion  of  her  life  withoat  instraction,  pleasare 
and  profit.  On  the  other  band,  this  empress  was  beyond  all 
qaestion,  one  of  the  most  corrapt,  sensaal  and  licentioas  of 
women"  (VII). 

Zar  Grandlage  seiner  Erzählang  hat  der  Verfasser  die 
von  Masson  gesammelten  Nachrichten  (No.  481)  gelegt,  aaf  den 
er  sich  bisweilen  aach  bezieht  (49,  140,  158),  sowie  die 
„Memoirs  aathentic  of  Catherine  II,  London,  1797",  die  er 
nicht  erwähnt.  Er  ist  indess  aach  mit  den  Memoiren  S6gar's 
(116,  202,  209)  und  mit  den  Werken  de  Ligne's  (186)  and 
Cast^ra's  (132)  bekannt.  Die  Anordnung  und  Vertheilung 
dieses  Materials  muss  als  sehr  gelungen  bezeichnet  werden, 
und  der  Verfasser  schildert  in  den  neunzehn  Capiteln  des 
Buches  die  ganze  Wirksamkeit  Eatharina's  und  giebt  ein 
ziemlich  vollständiges  Bild  ihrer  Epoche.  Nur  in  Bezug  auf 
Potjemkin  kann  man  mit  dem  Verfasser  nicht  übereinstimmen; 
er  nennt  ihn  immer  „Potempkin"  (150,  182,  197,  221)  und 
misst  ihm  eine  allzu  grosse  Bedeutung  bei:  „the  administration 
of  Catherine  11  may  justly  be  termed  the  reign  of  Catherine 
and  Potempkin"  (209).  Der  Verfasser  wiederholt,  als  Amerikaner, 
mit  Begeisterung  das  Urtheil  Katharina's  über  den  Republika- 


—    893     — 

nismos  Laharpe's  (178),  schreibt  die  Theilong  Polens,  ,,this 
memorable  robbery^'  (85),  ausschiesslich  dem  Ehrgeize  Eatha- 
rina's  zu  (271),  bewundert  die  Umwälzung  von  1762  —  „this 
wonderful  revolution  accomplished  in  one  daj,  and  as  yet, 
without  shedding  a  droop  of  blood,  seems  rather  a  tale  of 
romance,  than  the  narration  of  sober  history"  (60)  —  und  ist 
von  dem  griechischen  Project  entzückt  (198,  255,  266).  Der 
Verfasser  war  ein  gebildeter  und  sehr  talentvoller  Mann  und 
beherrschte  die  lateinische  Sprache  vollkommen  (74,  184). 
Die  Schilderung  des  Hofes  Katharina's  ist  sprachlich  wunder- 
schön verfasst  (144 — 146),  obgleich  man  auch  auf  einen  der- 
artigen Unsinn  stösst,  wie:  „the  chevalrous  and  daring 
Alexius  Orlof,  whose  vigorous  arm  had  destroyed  the  perilous 
conspiracy  of  Pugatschef^^  (l^^)*  ^^  würdigt  Katharina 
folgendermaassen:  „After  calmly  surveying  all  her  merits  and 
her  demerits,  and  taking  into  impartial  view  the  peculiar  cir- 
cumstances  of  peril,  of  temptation  and  of  difficulty  by  which 
she  was  surrounded,  we  think  that  the  most  rigid  censor  of 
human  conduct,  and  of  human  weakness,  must  freely  ascribe 
to  her  every  dement  of  female  greatness,  excepting  female 
virtue"  (272). 

In  einer  Beilage  werden  ganz  zufällig  neun  Documente 
und  der  unvermeidliche  „Catalogue  of  Catherine's  presents  of 
her  üavourites'*  (884)  mitgetheilt. 

1033.   Histoire  de  la  Bussie,  par  A.  de  Lamartine,   2  vis.   Paris,  1855. 

Lamartine,  1790—1869,  war  ein  Dichter  und  Denker  und 
bemühte  sich  ein  Politiker  und  Historiker  zu  sein.  Heute  ge- 
stehen selbst  die  Franzosen,  die  ihm  einen  bedeutenden  Theil 
des  Ruhmes  der  französischen  Litteratur  verdanken,  zu,  dass 
seine  historischen  Werke  „rinsuffisance  d'6tudes<*  bekunden, 
und  sie  beurtheilen  das  vorliegende  Werk  folgendermaassen: 
„La    d6cr^pitude    de    Thistorien    apparalt    pleinement    dans 


—     394     — 

THistoire  de  la  Bussie,  qui  ne  fut  guere  publice  que 
comme  prime  du  cConstitutionnel»;  eile  6tait,  des  son  appa- 
rition,  ce  qu'on  appelle  en  argot  de  librairie,  du  rossignoP' 
(Larousse,  X,  103). 

Von  den  zehn  Capiteln  der  beiden  Bände  sind  Katha- 
rina n.  zwei  gewidmet  (I,  333;  11,  1),  auch  ist  Ton  ihr  in 
dem  einen  Capitel,  das  sich  mit  Peter  IQ.  befetöst  (I,  233), 
die  Bede.  Der  Verfasser  kennt  weder  Bussland,  noch  Katha- 
rina; er  ist  sogar  mit  den  französischen  Werken  nicht  be- 
kannt, welche  Nachrichten  über  Katharina  enthalten.  Ssergei 
Ssoltykow  nennt  er  „le  prince  Alexis"  (I,  244);  Bestushew- 
Bjumin  lässt  er  an  der  Thronumwälzung  von  1762  Theil 
nehmen  (I,  255)  und  einige  Seiten  weiter  aus  der  Verbannung 
zurückkehren  (I,  345);  aber  den  meisten  Unsinn  theilt  er  über 
Iwan  in.  mit  (I,  246,  338,  353).  Bisweilen  ist  es  sogar 
schwer,  festzustellen,  woher  der  Verfasser  seine  abgeschmackten 
Nachrichten  geschöpft  hat,  z.  B.  seine  Mittheilung  über  den 
Brief  Katharina's  an  Peter  HI.  (I,  234);  bisweilen  wiederum 
wird  eine  richtige  Nachricht  in  unrichtiger  Form  wiederge- 
geben, z.  B.  die  Nachricht  über  die  Gährung  in  Petersburg, 
zur  Zeit  der  Krönung  Katharina's:  „On  y  r^pandait  un  mani- 
feste authentique,  mais  non  encore  publik,  quoique  sign^,  de 
l'infortunö  Pierre  III  contre  sa  femme.  Dans  ce  manifeste, 
le  mari  outrag6  et  le  souverain  affrontö  articulait  tous  les 
crimes  de  son  6pouse,  et  d^clarait  que  le  grand-duc,  son 
enfant  pr6sum6  et  Thöritier  illögitime  du  trone,  n'^tait  pas  le 
fils  de  l'empereur,  mais  le  fruit  d'un  commerce  criniinel 
entre  l'imp^ratrice  et  Soltikof'  (I,  337).  Dasselbe  muss  man 
in  Bezug  auf  das  „Manifest^'  Bestushew-Bjumin's  über  die 
Wahl  des  Gemahls  sagen  (I,  344).  Nicht  selten  aber  ver- 
wandelt der  Historiker  sich  in  den  Poeten  und  erfindet 
Scenen,  die  niemals  stattgefunden  haben,  z.  B.  bei  der  Dar- 
stellung  des  Todes  Katharina^s   (11,  59).     Sehr   oft  begegnet 


-     395     — 

man  leeren  Phrasen,  die  vielleicht  in  stilistischer  Beziehung 
sehr  schön  sein  mögen,  die  aber  mit  der  historischen  Wahr- 
heit nichts  gemein  haben.  So  z.  B.  die  Phrase  über  den 
Despotismus:  ,,le  despotisme,  quand  parhasard  il  est  ^clair4, 
peut  devenir  un  y^hicule  de  civilisation"  (I,  838),  oder  über 
Katharina:  „une  passion  criminelle  avait  61ey^  Catherine  sur 
le  tröne;  c'ötait  k  Tamour  dödaigneux  de  la  d^grader"  (II,  17). 
Unter  diesen  Phrasen  finden  sich  stellenweise  auch  recht  ge- 
lungene, wie  z.  B.  die  folgende  Charakteristik  Katharina's: 
„com6dienne  souvent,  tragödienne  quelquefois,  actrice  toujour, 
mais  grande  actrice^'  (II,  62),  oder  die  Bemerkung  über 
Potjemkin:  „FAntoine  de  la  Clöopätre  russe"  (I,  396).  Es  ver- 
steht sich  von  selbst,  dass  man  von  dem  Poeten  Lamartine 
weder  Folgerichtigkeit  in  den  Ansichten,  noch  Logik  in  den 
Urtheilen  erwarten  darf.  In  der  Kammer  griflfen  Thiers  und 
Guizot  Lamartine  wegen  seines  Vorschlages,  die  Türken  aus 
Europa  zu  vertreiben,  an,  und  derselbe  Lamartine  klagt 
Katharina   wegen   der  Kriege   mit   den   Türken   an   (I,  374; 

n,  41)! 

Als  „Buch  für  leichte  Leetüre"  hat  die  „Histoire  de  la 
Eussie"  Erfolg  gehabt:  bereits  im  selben  Jahre  1855  erschien 
eine  zweite,  compactere  Ausgabe  in  einem  Bande. 

1034.  Freymüthige  Betrachtangen  über  Wachathum,  Grösse,  Verfall 
und  Untergang  des  Polnischen  Beiches.  Meist  nach  polnischen 
Schriftstellern,  von  Th.  WienkowsH.    Berlin,  1855. 

Dieses  Buch  machte  bei  seinem  Erscheinen  keinen  Ein- 
druck und  ist  heute  von  Allen  vergessen,  und  zwar  deshalb, 
weil  es  mit  den  allgemein  giltigen  Ansichten  über  die  pol* 
nische  Frage  nicht  übereinstimmt.  Der  Verfasser  ist  ein 
germanisirter  Pole,  Namens  Wi^kowski.  Die  Ursache  alles 
Unglücks  in  Polen  sieht  er  in  den  Polen  selbst  (21,  25,  32, 
166,  177),  wohingegen  er  die  Preussen  wegen  der  Theilungen 
Polens  rechtfertigt  (18,    28,   155,   166,   169,    180,    182)  und 


—    396    — 

Bussland  y  besonders  wegen  der  Einverleibung  der  pobiischen 
Lande,  kräftig  weissbrennt  (32, 151, 152, 158, 169, 170, 180, 181). 
Katharina  erwähnt  er  nur  ein  Mal,  in  Anlass  der  Beseitigung 
der  Constitution  vom  3.  Mai  1791,  und  zwar  in  folgenden 
Ausdrücken:  „Dass  die  talentvolle,  ehrgeizige  Kaiserin  Kathe- 
rine  11.  dies  nicht  benutzen  sollte,  wäre  fast  gegen  die  mensch- 
liche Natur  gewesen"  (10). 

Nachdem  der  Verfasser  im  Vorwort  erklärt,  dass  er  kein 
Schriftsteller  sei  und  das  zeitgenössische  Polen  mit  den  Augen 
des  Polen  Njemoiowskij,  der  gesagt  habe,  „E^  Polen  giebt 
es  so  wenig  Rettung,  wie  von  einer  unheilbaren  Schwindsucht: 
es  stirbt  an  der  Zwietracht",  ansehe,  stellt  er  in  der  Einleitung 
seinen  Standpunkt  gegenüber  Polen  und  den  Polen  des  XVIII. 
Jahrhunderts  fest.  Ihn  überrascht  es  vor  Allem,  dass  Polen, 
ein  grosses  und  fruchtbares  Land  mit  einer  Bevölkerung  von 
15  Millionen,  von  der  Erde  weggetilgt  werden  konnte:  „ein 
solches  Volk  zu  unterjochen  ist  nur  dann  möglich,  wenn  es 
sich  selber  aufgiebt"  (7);  er  betrachtet  die  Königsgewalt,  die 
Reichstage  und  Conföderationen,  sowie  die  Schljachta  und  kann 
den  Cement  nicht  finden,  der  die  Polen  zu  einem  staatlichen 
Ganzen  zusammenhalten  könnte.  In  Polen  habe  es  kein 
europäisches  Volk  gegeben:  „Die  Masse  des  Volkes  gelangte, 
aus  Mangel  natürlicher  und  gesetzmässiger  Freiheit  und  eines 
kräftigen,  aufgeklärten  und  gewerbthätigen  Bürgerthums,  kaum 
zum  ABC  europäischer  Kultui-,  kaum  bis  zur  Ordnung  ein- 
seitiger Priester-  und  Adelsherrschaft,  d.  h.  zum  politischen 
Blödsinn"  (6).  Alle  polnischen  Magnaten,  mit  Ausnahme  der 
Samoiskij  (11),  hätten  nur  das  Volk  exploitirt,  um  das  Leben 
zu  gemessen  und  den  König  zu  ärgern.  Sie  hätten  mit  ihrem 
Patriotismus  nur  geprahlt,  aber  die  Heimath   nicht  geliebt*); 


*)  „So  viel  der  Pole  von  Vaterlandsliebe  spricht,  so  liebt  er  so  gut, 
wie  schlechte  Fürsten,  doch  nur  sich  selbst"  (166). 


-       897     - 

den  Schutz  und  die  Vertheidigung  derselben  hätten  sie  Anderen, 
Europa,  überlassen,  ohne  begreifen  zu  wollen,  dass  es  „für 
ein  Volk  kein  gefährlicheres  Experiment  giebt,  als  sich  von 
einem  andern  helfen  lassen,  seine  Unabhängigkeit  zu  erkämpfen'^ 
(89).  Die  Polen  seien  eben  zu  Grunde  gegangen,  weil  sie 
immer  hofften,  dass  Europa  sie  gegen  die  Bussen  vertheidigen 
würde:  „Das  Polnische  Volk  glaubte  immer,  Europa  müsse 
Heere  zur  Eh*haltung  der  polnischen  Weisheit  aufbieten,  um 
Europa  vor  der  Barbarei  der  Bussen  zu  schützen,  welche 
letztere  doch  jedes  Talent  von  jeder  Glaubensform  aufnehmen 
und  dadurch  allein  schon  den  Beweis  liefern,  dass  sie  in  der 
Givilisation  unendlich  höher  standen,  als  die  sich  damit  so 
einseitig  brüstenden  fanatischen  Polen,  die  nur  ihre  bisherige 
Zügellosigkeit  und  religiöse  Barbarei  mit  dem  schönen  Bilde 
der  Freiheit  illustriren  möchten"  (145,  149).  „Aber  sich  von 
Fremden  vertheidigen  zu  lassen,  um  unterdess  zu  Hause  vom 
Schweisse  der  Bauern  lustig  sich  mästen  lassen  zu  können, 
macht  kein  freies  Vaterland"  (152).  Die  Polen  hätten  immer, 
im  XVIII.  und  im  XIX.  Jahrhundert,  sich  gegen  einander 
„verbissen",  intriguirt  und  sich  gezankt:  „Dass  das  Erbübel 
der  Zwietracht  und  leichtsinniger  Genusssucht  auch  durch  die 
unglücklichen  Katastrophen  von  1772  bis  1775  sich  nicht 
gemindert  hat,  beweiset,  dass  sie  in  dem  Aufstande  von  1831 
in  zehn  Monaten  acht  Begierungshäupter  und  in  den  elenden 
Ephemeriden  von  Erakau  sogar  in  zwei  Tagen  drei  Diktatoren 
hatten"  (25).  Wer  sei  also  schuld  am  Untergange  Polens? 
„Die  Frage  kann  man  nicht  anders  beantworten,  als  Polen 
hauptsächlich  selbst  schon  aus  dem  Grunde,  weil  echter 
Bürgersinn  in  demElima  polnischer  Nationalität,  zwischen  einem 
zügellosen  Adel,  blindgläubiger,  fanatischer  Geistlichkeit  und 
durch  lange  Unterdrückung  halb  thierisch  gewordener  Bauern 
immer  nur  eine  exotische  Pflanze  blieb,  also  nie  recht  gedeihen 
konnte"  (177). 


398     — 

Ihre  Nachbarn  hätten  die  Polen  immer  nur  gereizt.  Im 
Siebenjährigen  Kriege  hätten  die  polnischen  Magnaten  die 
preussischen  Grenzen  gebrandschatzt  und  den  Eussen  erlaubt, 
ihre  Magazine  in  Polen  zu  bauen  (18,  31);  konnten  die  Polen 
also  auf  preussische  Hilfe  hoffen?  „Polen  gross,  heisst 
Preussen  klein  machen^'  (17^)-  Bussland  hätte  einige  Jahr- 
hunderte unter  dem  Mongolenjoche  gelitten  (25)  und  sei  doch 
nicht  untergegangen;  im  XVII.  Jahrhundert  hätten  die  Polen 
Bussland  in  Aufruhr  versetzt,  Moskau  belagert  und  Zaren  aus 
ihren  Häusern  auf  den  russischen  Thron  gesetzt  (96);  sie  hätten 
somit,  wie  es  schiene,  keine  gute  Meinung  von  sich  bei  den 
Bussen  verdient:  „Der  Kampf  zwischen  Bussland  und  Polen 
nahm  nur  den  Ausgang,  wie  ihn  Einigkeit,  Kraft  und  Ordnung 
der  Selbstherrscher,  gegen  Zwietracht,  Gesetzlosigkeit  und 
Anarchie  immer  hervorbringen  werden"  (32).  Es  sei  begreif- 
lich, dass  Preussen  und  Russland  gegen  diesen  ihren  unruhigen 
Nachbarn  waren:  „Dass  die  Nachbarn  endlich  Veranlassung 
nahmen,  sich  nach  Jahrhunderte  langer  Anreizung  dazu,  von 
ihrer  ungeregelten,  feuergefährlichen  Nachbarschaft  zu  befreien, 
war  nur  der  natürliche  Lauf  menschlichen  Treibens".*) 

Der  Verfasser  ist  flir  Preussen,  aber  gegen  Bussland.  Er 
verbreitet  sich  sehr  ausführlich  über  die  erste  Theilung  Polens, 
„weil  es  viele  Politiker  giebt,  welche  der  Welt  die  Verläum- 
dung  einreden  möchten,  der  erste  Anstoss  zur  Theilung  Polens 
sei  von  Preussen  ausgegangen"  (155).  Indessen  sei  doch  an 
dieser  ersten  Theilung,  wenn  nicht  der  Papst  (154),  so  doch 
Kaunitz  (155)  schuld.  Bei  der  zweiten  Theilung  „musste 
Preussen,  gegen  seine  Neigung,  Parthei  für  Bussland  nehmen" 


*)  Im  Hinblick  auf  die  Zeit  des  Erscheinens  des  Buches  fügt  der 
Verfiisser  hinzu:  „Ob  das  vortheilhaft  für  sie  selbst  und  für  die  Welt 
ist,  mag  Gott  oder  die  Zukunft  entscheiden,  menschliche  Vernunft  ver- 
mag es  noch  nicht,  das  hängt  vielleicht  sogar  mit  von  Sebastopols  oder 
Kronstadts  Eroberung  ab'^  (160). 


—     399     — 

(169),  bei  der  dritten  aber  „hatte  Preussen  allein  einen  natür- 
lichen, ja  nothwendigen  Drang  nach  Erwerbung  von  polnisch 
Preussen  und  Grosspolen,  weil  es  sich  dadurch  nur  so  noth- 
wendig  ausrundete  und  stärkte,  wie  es  die  unglückliche  Lage 
seiner  getrennten  Provinzen  vemunft-gebieterisch  forderte"  (1 82). 
Oanz  anders  verhalte  es  sich  mit  Bussland  — :  es  habe  die 
polnischen  Gebiete  nicht  nur  ohne  Nothwendigkeit,  sondern 
auch  sich  selbst  zum  Schaden  an  sich  gebracht:  „Betrachtet 
man  die  Erwerbungen  der  drei  theilenden  Mächte  genauer,  so 
ergiebt  sich,  dass  Bussland  nur  aus  Eroberungssucht  handelte 
(180).  Diese  übergrossen  Gränzen,  die  es  bloss  aus  Hochmuth 
der  Tamerlane  und  Dschingiskhane  erstrebte,  und  die  es  schon 
jetzt  nicht  regieren  kann,  ohne  durch  die  ihm  nothwendige 
Defraudation,  sein  ungeheures  Gebiet  in  die  gottloseste  Sklaven- 
höhle zu  verwandeln,  werden  es  eher  schwächen  als  stärken 
(181).  Busslands  Streben  nach  Verbindung  mit  dem  schwarzen 
Meere,  östlich  der  Dnieper,  war  rationelle,  natürliche  Politik, 
aber  bis  über  die  Weichsel  und  ganz  Polen  nur  ein  so  kost- 
barer üebermuth,  wie  er  sein  würde,  wenn  sie  den  Sund  und 
die  Strasse  von  Gibraltar  für  ihre  natürliche  Gi-änzen  halten 
wollten"  (182).  Nur  als  Theilnehmer  der  anderen  Mächte  wird 
auch  Bussland  gerechtfertigt:  „Bussland,  Oesterreich  und 
Preussen  handelten  dabei  nur  so,  wie  alle  Nachbarn  aus- 
gearteter Völker  gehandelt  haben  und  gelegentlich  immer 
wieder  handeln  werden,  so  lange  die  Menschen  nur  Menschen 
und  keine  leidenschaftslosen  Engel  sind"  (177).  Die  polnische 
Politik  Busslands  wird  einmal  sogar  gelobt,  aber  man  höre 
nur,  wie:  „Das  Meisterstück  der  Politik  Busslands  und  das 
grösste  Unglück  für  Polen  aber  bestand  darin,  dass  es  Preussen 
und  Oesterreich  mit  an  der  Theilung  vortheilen  liess"  (170). 

Auch  die  russische  Knute  wird  vom  Verfasser  nicht  ver- 
gessen. Er  spricht  von  der  Zeit,  die  der  ersten  Theilung 
Polens  vorhergegangen,  und  sagt:  „Wahrlich,  mit  dem  grössten 


—     400     — 

Rechte  darf  man  hi^  fragen:  wo  residirte  denn  damals  die 
B^enmg  Polens?  Die  sicherste  Antwort  wird  sein,  in  der 
russischen  Knnte^'  (1^^)-  Nach  der  ersten  Theilnng  sei  es  in 
Polen  stiller  geworden  „ans  i^ircht  vor  Sibirien,  den  Eosacken 
nnd  der  Ennte^'  (158).  Ausserdem  findet  man  auch  noch  ,,die 
mssische  unersättliche  Herrschsucht^'  (1^^)  ^  &•  ^-  ^^  ürtheile 
des  Verfassers  über  Stanislaus  August  (144,  167),  über  die 
Dissidenten  (146, 151,  159),  über  Maria  Theresia  (154)  und  über 
die  Beformen  des  Vierjährigen  Reichstages  (159)  sind  interessant 
Nach  der  „Vorrede^'  und  „Elinleitung^'  ist  ein  „Kurzer 
Inbegriff  der  Geschichte  des  polnischen  Reichs^'  (34)  abgedruckt, 
der  in  einige  Capitel  zerfällt  und  die  Uebersicht  bis  zum  Jahre 
1855  fortf&hrt.  Am  Schlüsse  des  Buches  ist  ein  „Alphabetisch 
geordnetes  Namenverzeichniss  aller  Derjenigen,  die  sich  in  der 
Geschichte  von  Polen  auf  irgend  eine  Art  bemerkbar  gemacht 
haben'<  (245)  beigelegt. 

1035.  Der  Kampf  um  das  Schwarze  Meer.  HiBtorische  Darstelliiiigen 
aiLB  der  Geschichte  Rosslands.  Von  Th.  Mundt.  Braonschweig, 
1885. 

Theodor  Mundt,  1808—1861,  der  Liebling  Scbelling's,  ein 
begabter  Vertreter  des  „Jungen  Deutschland",  war  Gelehrter, 
Schriftsteller  und  Publicist  in  einer  Person  und  hat  sich  einen 
Namen  in  der  deutschen  Litteratur  gemacht.  Die  politischen 
Verfolgungen,  denen  er  unterworfen  war,  und  seine  publici- 
stische  Wirksamkeit  spiegeln  sich  in  allen  seinen  Erzeugnissen 
wieder.  Seine  Romane  werden  auch  heute  noch  gelesen,  ob- 
gleich die  deutsche  Kritik  über  sie  folgendermaassen  urtheilt: 
„In  allen  seinen  Romanen  herrscht  die  Reflexion  Tor,  doch 
fehlt  dabei  der  schlagende,  durchgreifende  Gedanke,  die  Pointe 
in  Stil,  Einfällen,  Charakteren;  es  findet  sich  viel  Brillantes 
Geistreiches  aber  auch  viel  Groteskes,  Unwahres"  (Brockhaus, 
X,  479).  Das  ist  auch  auf  das  vorliegende  Werk  vollkommen 
anwendbar. 


—    401     — 

Der  Titel  desselben  entspricht  nicht  dem  Inhalte:  der 
Kampf  nm  den  Besitz  des  Schwarzen  Meeres  ist  hier  auf  die 
Zeiten  Katharina's  beschränkt,  wobei  mit  dieser  speciellen 
Frage  noch  eine  Reihe  nebensächlicher  Angelegenheiten  ver- 
bunden sind,  wie:  „Katharina  und  ihre  Günstlinge"  (18), 
„Potemkin"  (34),  „Einfluss  Voltaire's  auf  das  orientalische 
Weltproject  ßusslands"  (50),  „Kaiser  Joseph  in  Petersburg" 
(133),  „Ein  Besuch  des  Prinzen  von  Preussen  am  russischen 
Hofe"  (161),  „Die  Triumphreise  nach  Tauris"  (223)  u.  dgl.  m. 
Hier  wird  femer  von  den  Bildhauerarbeiten  Palconet's  in 
Petersburg  (90),  von  der  Pockenimpfung  (101),  ja  sogar  von 
den  Nichten  Potjemkin's  (169)  gesprochen.  Der  Verfasser  stellt 
Katharina  hoch  und  zeichnet  ihr  Porträt  folgendermaassen: 
*  „Ihre  Stirn  hatte  eine  leuchtende  Majestät  und  Klarheit,  und 
in  den  tiefliegenden  blauen  Augen,  die  von  schwarzen  Augen- 
brauen auf  eine  pikante  Weise  überschattet  wurden,  spielte 
zuweilen  ein  sanftes  und  anmuthiges  Lächeln,  das  die  zartesten 
Empfindungen  anzeigte.  Die  Adlernase  würde  dem  Gesicht 
einen  noch  mächtiger  wirkenden  Ausdruck  gegeben  haben,  wenn 
sie  nicht  an  der  Wurzel  eine  gewisse  verhängnissvolle  Falte 
gezeigt  hätte,  durch  welche  die  ganze  Phisiognomie  auf  eine 
fast  unheimliche  Weise  charakterisirt  wurde"  (37). 

Die  erste  Theilung  Polens  ist  ausschliesslich  dem  russisch- 
preussischen  Einverständnisse  zugeschrieben  (42) ;  das  Testament 
Peters  des  Grossen  wird  für  ein  historisches  Document  erklärt 
(91)  u.  s.  w.  Was  speciell  die  Frage  vom  Schwarzen  Meere 
anbelangt,  so  ist  sie  sorgfältig  und  bis  in  die  kleinsten  Einzel- 
heiten untersucht  —  sogar  bis  zur  Heilung  der  Füsse  Katha- 
rina's  durch  Schwarzmeer- Wasser  (321). 

Das  Erscheinungsjahr  dieses  Buches  bezeugt,  das  es  mit 
einer  vorhergefassten  Absicht  geschrieben  worden  ist;  deshalb 
wird  in  ihm  Kussland  auch  als  „un  colosse  aut  pieds  d'argile" 
(102)   dargestellt.     In   demselben  Jahre  ^  1855  liess  der  Ver- 

BilbaiBoff,  Katharina  IL  26 


—     402     — 

fiasser  noch  ein  anderes  Werk  (No.  1037)  erscheinen,  das  sich 
wenn  auch  nicht  direct  auf  Katharina,  so  doch  auf  ihre  Zeit 
bezieht 

1036.   The  Ml  of  Poland  in  1794.    An  historical  tragic  drama  in  four 
acta.    By  a  patriot    London,  1S55. 

Die  y,Crimean  Expeditione^  ist  nach  der  Meinung  des  pol- 
nischen Patrioten,  der  das  vorliegende  Stück  verfasst  hat,  zu 
keinem  anderen  Zwecke  geplant  gewesen,  als  zur  Wieder- 
herstellung Polens  und  zur  Restauration  Ungarns.  Da  dieser 
Zweck  von  Anderen  verdunkelt  worden  war,  schrieb  der  Ver- 
fasser ein  Drama,  um  Europa  aufzuwecken.  „As  a  medium 
in  hands  of  the  public,  the  drama  may  be  made  an  instru- 
ment  for  arousing  the  dormant  patriotism  and  sympathy  of 
Western  Europe  on  behalf  of  unhappy  Poland"  (LXXVll). 
In  einem  sehr  weitläufigen  Vorworte  erzählt  „a  Polish  patriot'' 
die  russisch-polnischen  Beziehungen  von  1695  bis  1855  und 
schliesst  es  mit  phantastischen  „Bules  for  the  formation  of  a 
national  Constitution'^,  die  „by  the  Bussian  despof'  entworfen 
worden  seien  (LXX). 

Die  Hauptperson  in  der  Handlung  ist  natürlich  Kostjuschko, 
der  in  den  ersten  drei  Acten  nur  Beden  an  die  Truppen  hält 
(20,  45,  48)  und  der  Katharina  also  empfohlen  wird: 

My  name  *s  a  tempest,  and  my  heart  a  fire; 
My  element  the  etonny  track  of  war  (60). 

Katharina  setzt  der  Fürstin  Ljubomirskij  die  Gründe  der 
Theilungen  Polens  folgendermaassen  auseinander: 

The  cause  of  that  dismemberment,  thou  know  'st, 

Embraced  a  train  of  most  efficient  reasons. 

Partly  from  ancient  title  —  and  in  part 

To  put  the  cause  of  revolution  down  — 

Necessity,  with  ancient  rights,  combin^d 

To  circamscribe  thy  nation  in  due  bouuds  (52). 

Als  Katharina  naiv  bemerkt,  dass 


—     403     — 

Poland  breathes 
As  much  the  air  of  freedom  as  oorselves  (53), 

antwortete  ihr  die  Fürstin  sehr  richtig: 

Bat  all  are  slaves;  whereas  bj  natare  's  laws 
Fair  libierty  *s  the  birthright  of  mankind. 

Auf  der  Bühue  erscheinen  Ssuworow  und  Fersen,  Sievers 
und  Igelstrom,  Kostjuschko  und  EoUontai,  Dsjalinskij  und  Mada- 
linskij,  femer  russische,  preussische  und  polnische  Truppen;  die 
Handlung  spielt  auf  dem  Kriegsschauplätze,  trotzdem  aber  giebt 
es  im  Stücke  nicht  eine  lebendige  Scene,  nicht  ein  aufrichtiges 
und  zündendes  Wort,  nicht  einen  historisch  richtigen  Charakter. 
Im  vierten  Acte  verwandelt  die  Tragödie  sich,  dank  „the  vision 
scene^S  ^^^  nsich  Shakespeare  verfasst  ist,  zeitweilig  in  eine 
Feerie. 

1037.  Krim-Giraiy  ein  BuDdesgenosse  Friedrichs  des  Grossen.  Ein 
Vorspiel  der  Russisch -Türkischen  Kämpfe.  Von  Th.  Mtmdt, 
Berlin,  1855. 

Der  Krimkrieg  von  1852 — 55  rief  eine  Reihe  von  Bro- 
schüren über  die  Frage  vom  Schwarzen  Meere  und  von  der 
Krim  hervor.  In  der  Zahl  derselben  erschien  auch  die  vor- 
liegende Broschüre,  die  den  Leser  hundert  Jahre  zurück  in  die 
Zeiten  Katharina's  II.  und  Friedrich's  IL  versetzt,  wofür  der 
Verfasser  sich  auch  entschuldigt:  „Möchte  diesen  rückbeschau- 
lichen Geschichtsbildern  ihr  thatsächliches  Interesse  und  ihr 
Hereinragen  in  die  Kämpfe  der  Gegenwart  bei  dem  geneigten 
Leser  zugutkommen'^ 

Die  ganze  Erzählung  beruht  in  der  Hauptsache  auf  den 
Memoiren  Tott's  (No  441),  wobei  der  Verfasser  indess  auch 
die  „Nachrichten  über  die  Gesandtschaftsreise  des  Lieute- 
nants von  der  Golz  zu  dem  Tatar-Khan",  die  in  den  „Denk- 
würdigkeiten für  die  Kriegskunst  und  Kriegsgeschichte,  Berlin 
1819"  abgedruckt  waren,  benutzt.  Der  ganze  erste  Theil  der 
Broschüre    —    „Friedrich    der   Grosse    und    der    Khan    der 

26* 


—    404    — 

Krim"  (3)  —  ist  eine  Nacherzählung  des  Gesandtschafts- 
berichtes von  der  Golz's,  der  den  Auftrag  hatte,  die  Krim'schen 
Tataren  zuerst  gegen  Bussland  und  dann,  nach  der  Thron- 
besteigung Peter's  III.,  gegen  Oesterreich  in  Bewegung  zu 
setzen  (106).  Im  zweiten  Theile  —  „Der  Kampf  gegen  Buss- 
land" (133)  —  sind  der  Einfall  der  Krim'schen  Tataren  in 
Neuserbien  und  der  Tod  Krim-Girai's,  beides  nach  Tott,  er- 
zählt. Zum  Amüsement  der  Leser  „frischt"  der  Verfasser 
seine  Erzählung  nicht  selten  durch  Erinnerungen  auf,  wie  z.  B. 
an  den  „verhängnissvoU  gewordenen  Paletot  des  Fürsten 
Menschikow"  (149)  u.  s.  w. 

1088.   Le  dessous  des  cartes,  comädie-vaudeyille  en  trois  actes,  par 
MM.  Dumanoir  et  de  Bteville.    Paris,  1855. 

Dies  ist  mehr  ein  Yaudeville,  als  eine  Komödie,  und  zwar 
ein  lebendig  und  lustig  geschriebenes  Yaudeville  auf  das  Thema 
der  Brautwerbung  des  schwedischen  Königs  Gustav's  IV.  um 
die  Grossfürstin  Alexandra  Pawlowna.  Der  Bräutigam  ist 
schier  von  Sinnen  aus  Liebe  für  die  Braut  und  sagt  zu  Katha- 
rina im  zweiten  Acte:  „Entre  la  princesse  Alexandra  et  moi, 
c'est  dösormais  ä  la  vie  et  ä  la  mort!  Si  vous  me  refusiez 
sa  main,  je  ferais  la  guerre  k  la  Bussie"  (33).  Im  dritten 
Acte  aber,  nachdem  er  das  schriftliche  Jawort  der  Braut  er- 
halten, sagt  er  sich  von  ihr  los,  weil  er  ihre  Handschrift  auf 
einem  Coeur-Ass  erkennt,  durch  welches  dem  Prinzen  von 
Oldenburg  ein  Bendezvous  bestimmt  wird  (43).  „Le  dessous 
des  cartes"  trägt  an  Allem  die  Schuld,  Katharina  aber  gleicht 
Alles  wieder  aus,  und  Alexandra  Pawlowna  heirathet  den 
Prinzen  von  Oldenburg. 

Dieses  Vaudeville  hatte  Erfolg  und  wurde  sogar  mit  kleinen 
Abänderungen  in's  Italienische  übersetzt:  „D  roverscio  delle 
carte.  Comedia  in  tre  atti,  dei  signori  Dumanoir  e  de  Bi^ville. 
Versione  libera  di  Luigi  Salag6.     Milano.     1857." 


—    405     — 

1089.  La  prison  de  SchlnsBelboiirg,  par  Georges  Faih.  Paris,  1855 
Der  Verfasser  hat  wohlweislich  verschwiegen,  dass  dies 
ein  Roman  sein  soll.  Ausser  zwei  Theilen  giebt  es  hier  auch 
einen  Prolog,  wobei  in  jedem  Theile  Schlüsselburg  die  bekannte 
Rolle  spielt:  im  Prolog  schickt  Elisabeth  Petrowna  den  jungen 
Iwan  hierher,  im  ersten  Theile  besucht  ihn  hier  Peter  IIL, 
und  im  zweiten  Theile  wird  er  hier  von  Wlassjew  getödtet, 
der  ihn  vor  Mirowitsch  „retten  will".  Der  Roman  beruht  auf 
der  Liebe  der  Tochter  Barednikow's,  natürlich  eines  „Grafen", 
zu  Iwan.  Zur  Illustration  des  Ganzen  sind  die  Beziehungen 
Kaiser  Peter's  IIL  zu  Elisabeth  Woronzow  und  alle  Einzel- 
heiten der  Umwälzung  von  1762  in  die  Erzählung  hinein- 
geflochten. Dem  Verfasser  sind  sowohl  die  Geschichte  jener 
Zeit,  als  auch  die  handelnden  Personen  und  Russland  über- 
haupt vollkommen  unbekannt;  er  kennt  nur  zwei  Schimpf- 
worte (59,  100),  „qui  ne  sont  pas  susceptible  d'interpr6tation 
en  fran^ais". 

1040.  Busslands  Einfluss  auf,  und  Beziehungen  zu  Deutschland,  vom 
Beginne  der  Alleinregierung  Peters  I.  bis  zum  Tode  Nikolaus  I. 
(1689—1855).  Von  S.  Sugenheim.  2  Bde.  Frankfurt  am  Main, 
1856. 

Von  den  17  Capiteln,  in  welche  die  zwei  Bände  dieses 
Werkes  zerfallen,  sind  der  Zeit  Eatharina's  drei  gewidmet: 
das  letzte  Capital  des  ersten  Bandes  und  die  ersten  beiden 
des  zweiten,  wobei  dem  Frieden  von  Teschen  im  Jahre  1779 
drei  Seiten  zuertheilt  sind,  obgleich  diese  Frage,  im  Einblick 
auf  die  Aufgabe  des  Verfassers,  als  die  hauptsächlichste  von 
allen  Fragen  jener  Zeit  erscheint.  Nicht  umsonst  hat  Asseburg 
in  einer  Depesche  vom  2.  März  1780  geschrieben:  „Au  moyen 
de  cette  garantie,  la  Bussie  entrera,  pour  autant  qu'elle  vou- 
dra,  dans  les  affaires  de  cet  empire"  (295).  Die  Bedeutung 
dieses  Vertrages  begreift  auch  der  Verfasser:  „Diese  Erhebung 
Busslands  zu  einer  seit  mehr  als  zwei  Menschenaltern  erstrebten 


—     406     — 

so  bedenklichen  Stellung  war  fftr  Deutschland  unstreitig  ein 
weit  grösseres  Unglück,  als  wenn  das  ganze  damalige  Baiern 
Habsburgs  Beute  geworden  wäre"  (II,  25).  Aus  diesem  Bei- 
spiele ist  bereits  zu  ersehen,  dass  der  Verfasser  mit  wenig 
Ernst  an  seine  Aufgabe  herangetreten  ist.  Statt  der  Beurtheil- 
ung  der  wichtigen  Frage  von  den  Beziehungen  Kusslands  zu 
Deutschland  hat  der  Verfasser  es  vorgezogen,  sich  mit  der 
Mittheilung  pamphletartiger  Nachrichten  und  publicistischer 
Combinationen  zu  befassen. 

Der  Verfasser  ist  ein  verzweifelter  Bussenhasser,  der  für 
das  Wort  „ßussland"  den  Ausdruck  „Knutenstaat"  gebraucht 
(I,  263;  n,  22,  passim)  und  in  der  Kaiserin  Elisabeth 
Petrowna  „eine  thierischste  aller  Messalinen"  sieht  (I,  246). 
Von  diesem  Standpunkte  aus  erörtert  er  die  ganze  russische 
Geschichte  und  erklärt,  dass  die  „missgestaltete  Entwickelung" 
der  Bussen  von  zwei  Ursachen  abhänge:  erstens,  von  der 
byzantinischen  Bechtgläubigkeit,  „dem  byzantinischen  Hof- 
christenthum,  dem  alle  ethischen,  alle  geistigen  Elemente  ab- 
gingen, das  aller  erziehenden,  aller  veredelnden  Fermente  ent- 
behrte", und  zweitens  von  der  „fast  dritthalbhundertj ährigen 
Unterjochung  durch  die  Mongolen"  (I,  2).  Die  Bussen  hätten 
das  Mongolenjoch  abgeschüttelt,  aber  von  der  Bechtgläubigkeit 
hätten  sie  sich  nicht  losgesagt;  folglich  könnten  sie  niemals 
eine  Culturnation  sein.  Um  dies  zu  beweisen,  hat  der  Ver- 
fasser es  für  unerlässlich  gehalten,  „in  dem  Schmutz  der 
russischen  Hofgeschichten  des  vorigen  Jahrhunderts  zu  wühlen, 
um  die  böse  Welt  mit  Scandal  zu  ergötzen"  (II,  424).  Der 
Verfasser  macht  mit  Katharina  natürlich  keine  Ausnahme  und 
verfolgt  sie  vom  Tage  ihrer  Geburt  an.  Er  nennt  Friedrich  11. 
den  „Incognito -Vater  Katharina's  11."  (II,  45).  Der  Fürst  de 
Ligne  erzählt,  dass  Friedrich  IL  ihm  im  Jahre  1770  gesagt 
habe:  „Je  crois  qu'il  faut  quelquefois  croiser  les  races  en 
empire ;  j'aime  les  enfants  de  Tamour  —  voyez  le  maröchal 


—     407     — 

de  Saxe,  et  mon  Anhalt,  c'est  un  homme,  rempli  de  talent'^ 
(De  Ligne,  15).  Sagenheim  zieht  hieraus  den  ganz  falschen 
Schluss,  dass  der  Graf  von  Anhalt  ein  unehelicher  Sohn  des 
Königs  von  Preussen  gewesen  sei  (11,  Vorrede,  V).  Aber 
diese  Schlussfolgerung  hat  er  nöthig,  und  zwar  zu  folgender 
Gombination:  Katharina  habe  für  ihren  Bruder,  den  Fürsten 
Friedrich  August  von  Zerbst  nichts  gethan,  ja  ihn  nicht  ein- 
mal zu  sich  nach  Petersburg  eingeladen,  während  sie  den 
Grafen  von  Anhalt  mit  Gnadenbezeugungen  geradezu  über- 
schüttet habe  — :  „da  wird  man  wohl  nicht  länger  bezweifeln 
dürfen,  dass  nicht  jener  Fürst  von  Zerbst,  sondern  dass  dieser 
Graf  von  Anhalt  der  Bruder  Katharinen's,  dass  letztere  die 
natürliche  Tochter  Friedrich' s  des  Grossen  gewesen,  der  seine 
Vorliebe  fftr  aussereheliche  Sprösslinge,  deren  er  eine  ganz 
hübsche  Anzahl  hatte,  mit  dem  Hinweis  auf  seine  Anhaltinerin 
begreiflicher  Weise  nicht  motiviren  konnte"  (I,  329;  II,  Vor- 
rede, VII).  Da  er  nicht  weiss,  wodurch  er  das  Verhalten 
Katharina's  gegenüber  Friedrich  II.  in  den  ersten  Tagen  nach 
der  Thronbesteigung  erklären  soll,  verkündet  der  Verfasser 
mit  fetter  Schrift,  dass  „die  Beherrscherin  des  Knutenstaates 
nicht,  wie  alle  Welt  und  sie  selbst  glaubte,  die  Tochter  des 
Fürsten  Christian -August  von  Anhalt -Zerbst,  sondern  eine 
natürliche  Tochter  Friedrich's  des  Grossen  war" 
(I,  332).     Hierüber  siehe  No.  1260. 

Der  Verfasser  theilt  jeden  Unsinn  über  Katharina  und 
den  Petersburger  Hof  mit,  wo  und  von  wem  er  auch  gedruckt 
sein  mag  — :  über  die  Palais-Säle  (11,  137),  über  die  Mission 
Dufour's  (II,  39),  über  das  Opium  (11,  43)  u.  dgl.  m.  Wie 
das  Werk  Sugenheim's  nicht  werth  ist,  durchgelesen  zu  werden, 
so  verdienen  auch  die  von  ihm  aufgespeicherten  Abgeschmackt- 
heiten keine  Widerlegung.  Man  muss  indess  auch  gegen 
Sugenheim  gerecht  sein:  er  documentirt  in  den  zwei  Bänden 
dieses  Werkes  eine  überraschende  Belesenheit;  er  kennt  alle 


—     408     — 

Memoiren,  er  hat  alle  Depeschen  und  Berichte  gelesen  nnd 
sich  mit  der  gesammten  Litteratur  der  Frage  bekannt  gemacht. 
Aber  er  ist  niemals  ein  Historiker  gewesen  und  hat  von  der 
historischen  Kritik  nicht  den  geringsten  Begriff  — :  er  glaubt 
Alles,  was  geschrieben,  und  noch  mehr,  was  gedruckt  ist. 
Sybel  charakterisirt  den  Verfasser  folgendermaassen:  „Sugen- 
heim  —  ein  Historiker,  der  nach  sittlicher  Entrüstung  über 
das  verderbte  Treiben  der  politischen  Welt  mit  unermüdlichem 
Eäfer  die  Beispiele  dieser  Nichtswürdigkeit  aus  allen  Winkeln 
zusammensuchte''  (Hist.  Zeitschr.,  LXX,  236). 

1041.   Le  prexnier  partage  de  la  Pologne,  par  £.  Labofdaye.  Paris,  1856. 

Der  Verfasser,  ein  talentvoller  Publicist,  benutzte  den 
Erimkrieg,  um  das  Publicum  in  einer  Beihe  von  Feuilletons 
an  „ce  crime  royal  qui  n'est  pas  encore  expi6"  (Prefac4)  zu  er- 
innern, und  bewarf  bei  dieser  Erinnerung  Eussland,  die 
Bussen  und  Katharina  mit  Schmutz,  was  damals  in  Mode  war. 
Der  Verfasser  verwandte  hierzu  den  damals  soeben  erst  er- 
schienenen fünften  Band  der  „Geschichte  des  Bussischen 
Staates"  von  Herrmann,  der  die  Zeit  von  dreissig  Jahren,  von 
der  Thronbesteigung  Elisabeth  Petrowna's  bis  zum  Frieden 
von  Kutschuck  Kainardshi,  umfasst.  Diese  Feuilletons  wurden 
dann  vom  Verfasser  in  den  „Etudes  contemporaines  sur 
l'AUemagne  et  les  pays  slaves",  die  auch  wir  benutzt  haben, 
herausgegeben. 

Der  Verfasser,  der  keine  neuen  Thatsachen  mittheilt, 
sondern  Alles  den  Werken  von  Herrmann,  Eaumer,  Flassan 
und  Saint-Pris  entnimmt,  bat  sich  nicht  einmal  bemüht,  die 
bereits  bekannten  Thatsachen  in  ein  neues  Licht  zu  rücken. 
Elr  wollte  nur  „comparer  k  ce  qui  se  passe  sous  nos  yeux  ce 
qui  s'est  passö  il  y  a  quatre-vingt  ans  et  demander  k  Thistoire 
d'6clairer  Tavenir"  (4).  Eine  schöne  Phrase,  aber  eine  uner- 
füllbare Aufgabe:  an  der  Hand  des  Krimkrieges  sollte  die  Zu- 


__    409    — 

kunft  Polens,  das  keine  Gegenwart  mehr  hatte,  bestimmt 
werden!  Der  Verfasser  bemerkt  treffend  und  wiederholt,  dass 
die  Anarchie  Polen  verdorben  habe  —  „Fanarchie,  la  Ifepre  de 
la  Pologne  (47,  74,  81);  ce  peuple  brave  et  g6n6reux  6tait 
condamn6  ä  p^rir  empoisonn^  par  l'anarchie^'  (85)  —  aber 
diese  richtige  Bemerkung  hat  auf  die  Urtheile  des  Verfassers 
über  die  polnischen  Angelegenheiten  keinen  Einfluss  gehabt. 
Dieses  Polen,  das  von  der  Anarchie  zerfressen  ist,  erscheint 
beim  Verfasser  als  eine  Stütze  Eoropa's:  „Avec  son  peuple 
de  soldats,  la  Pologne  4tait  une  barriere  contre  Tambition  des 
czars:  eile  contenait  la  Turquie  mena^ante,  eile  protögeait  la 
Turquie  en  danger;  eile  6tait  la  defense  de  la  Sufede;  eile 
couvrait  la  Prusse,  la  Saxe  et  TAutriche"  (86).  Der  Lands- 
mann des  Verfassers  Dumouriez  hat  in  seinen  „M^moires^' 
(1.  I,  eh.  8),  dieses  „peuple  de  soldats ^%  das  Bussland,  die 
Türkei,  Schweden  u.  A.  im  Schach  halte,  folgendermaassen 
gekennzeichnet:  „pas  une  place,  pas  une  piece  d'artillerie,  pas 
un  homme  d'infanterie^'  (74). 

Die  erste  Theilung  Polens  schreibt  der  Verfasser  aus- 
schliesslich Friedrich  11.  zu  (56,  65,  86),  aber  er  übergeht  auch 
Katharina  11.  nicht:  „si  Fr^d^ric  a  6t6  le  grand  coupable, 
Catherine  a  4t6  sa  complice^.  Da  er  kein  Specialist  ist, 
sieht  er  auch  in  der  ersten  Theilung  Polens  eine  der  Bedin- 
gungen „du  testament  de  Pierre  le  Grand''  (42).  Er  schont 
weder  Katharina  (19,  84),  noch  Bepnin  (42),  noch  sogar  die 
russische  Armee  (52),  welche  damals  glanzende  Siege  erfocht. 

Dem  Verfasser  kann  man  nur  Eünes  als  Verdienst  an- 
rechnen: er  hat  die  Documente  benutzt,  die  von  Lord  Mahon 
in  serner  „History  of  England''  (69,  71)  herausgegeben  worden 
sind  und  die  sogar  Herrmann  übersehen  hat  Zur  Zahl  der 
gelungenen  Urtheile  muss  man  die  Charakteristik  Tott's^  des 
firanzösischen  Agenten  in  Konstantinopel,  rechnen:  „Tott,  ce 
flongrois  un  peu  gascon  etc."  (53). 


__     410     — 

1042.  Vie  et  aventares  du  comte  Manrice-AiigiiBte  Beniowski,  resumees 
d'apr^  8C8  memoires  par  N.  A.  Kfubalski),    Tonn,  1856. 

Der  polnische  Emigrant  Eubalskij  hat  eine  ganze  Reihe 
von  Abhandlangen  über  Polen  heransgegeben  — :  ^^Les  poissances 
europ6ennes  ont-elles  droit  et  intäret  d'interrenir  dans  les 
affaires  de  la  Pologne?'^  Besangen,  1832;  „Snr  les  cr^ances 
reclam^es  de  la  France  par  la  Bassie  an  nom  da  royaame  de 
Pologne",  Paris,  1835;  „M^moires  sar  Fexpedition  des  r6fugi6s 
polonais  en  Suisse  et  en  Savoie",  Paris,  1836,  a.  a.  m.  Er 
hat  femer  einige  Werke  über  Bassland  erscheinen  lassen:  ge- 
meinsam mit  C.  Moreaa,  „Statistiqae  physique  et  description 
de  Tempire  de  Eussie",  Paris,  1838;  „La  cour  de  Borne  et 
Celle  de  St.-Petersbourg",  Paris,  1842;  „Voyage  en  Sib^rie", 
Toars,  1853,  n.  a.  m.  Hierdurch  erklärt  es  sich  wahrschein- 
lich, dass  die  Herausgeber  der  „Biblioth^que  des  Cooles  chre- 
tiennes"  ihn  beauftragten,  die  Abenteuer  ßenjowskij's  nach- 
zuerzählen, aber  das  hat  diese  Ausgabe  keineswegs  von  geo- 
graphischen und  anderen  Fehlern  befreit,  die  hier  wörtlich 
aus  No.  659  herübergenommen  worden  sind. 

Dieser  Ausgabe  ist  ein  Holzschnitt  beigelegt,  der  den 
Moment  darstellt,  als  „cinq  de  mes  compagnons  parurent  et 
desarmferent  Thetman*'  (162). 

1043.  Katharina  II,  die  Semiramis  des  Nordens.   Historischer  Roman 
von  Fr.  Lubojatxky,    8  Bde.    Leipzig,  1856. 

Dies  ist  ein  sehr  interessanter  Roman,  dem  die  Aufzeich* 
nungen  „einer  polnischen  Familie"  zu  Grande  gelegt  sind. 
Er  zerfällt  in  drei  Theile:  1.  „Polen  vor  der  zweiten  Theilung", 
2.  „Semiramis**  und  3.  „Des  weissen  Adlers  Untergang". 
Jeder  Theil  umfasst  einen  besonderen  Band.  Das  Interesse 
concentrirt  sich  auf  das  Schicksal  einer  polnischen  Familie, 
die  wegen  der  politischen  Umwälzungen  jeder  Art  Ton  Zu- 
fällen ausgesetzt  ist.  Aber  beiläufig  werden,  besonders  im 
zweiten  Bande,  auch  allgemeine  Interessen  berührt,  wobei  in- 


—     411     — 

dess  der  Verrath  einzelner  polnischer  Magnaten  an  der  Sache 
Polens  in  den  Vordergrund  gerückt  ist.  Am  schwächsten  sind 
im  Roman  die  russischen  Männer  und  die  russischen  Angele- 
genheiten charakterisirt,  wobei  der  Verfasser  z.  B.  sagt,  dass 
Schkurin  ein  „Estopkin  oder  Ofenheizer"  war  (II,  136),  den 
Grafen  Bobrinskij  „Basil  Gregorowitsch"  nennt  (II,  237)  u.  s.  w. 
Katharina  ist  in  ziemlich  sympathischen  Zügen  gezeichnet: 
„Katharina  setzte  das  Werk  Peter's  des  Grossen,  ßussland  zu 
civilisiren,  obwohl  in  ganz  anderer  Beziehung  fort.  Während 
er  durch  Gewaltthat  sein  Volk  zwang,  sich  der  Veredelung 
fähig  zu  machen,  erreichte  sie  dasselbe  Ziel,  indem  sie  die 
Leidenscliaften  des  Stolzes,  der  Ehrsucht  und  die  Eitelkeit  der 
russischen  Grossen  durch  ihr  eigenes  Beispiel  in  so  hohem 
Grade  anzuregen  verstand,  dass  die  Verfeinerung  der  Sitten 
schnell  um  sich  griff  und  ihren  Hof  zu  einer  Art  Wunderhof 
umwandelte**  (II,  61).  Wie  es  im  Romane  üblich,  ist  hier 
nicht  selten  das  Mögliche  mit  dem  Unwahrscheinlichen  ver- 
knüpft. So  wird  z.  B.  erzählt,  dass  der  Vater  der  Subow's, 
ein  Senator,  „ein  prächtiges  Geschäft  macht,  indem  er  alle 
alten  Processe  für  ein  Spottgeld  kauft  und  sie  dann  vom 
Senate  zu  seinen  Gunsten  entscheiden  lässt'*,  und  dass  er  zu 
gleicher  Zeit  „den  Plan  nährt,  König  von  Polen  zu  werden" 
(II,  104). 

1044.  La  guerra  sul  mar  Nero,  ossia  Caterina  II  di  Russia  e  la  sua 
Corte.     Schizzi  storici  di  Theodoro  Mundt.    Torino,  1S56. 

„Traduzione  dal  tedesco  (No.  1035)  di  P.  Peverelli". 

1045.  Ein  russischer  Staatsmann.  Des  Grafen  Jakob  Johann  Sievers 
Denkwürdigkeiten  zur  Geschichte  Russlands.  Von  K.  L.  Blum. 
4  Bde.    Leipzig,  1857. 

Von  allen  Eathgebem  und  Mitarbeitern  Katharina's  hat 

nur  Jakob  Jephimowitsch  Sievers  einen  Biographen  gefunden, 

der  sein  Leben  und  Wirken  vollständig  und  umsichtig  erforscht 

hat.     Die  Rede    Eambach's    (No.   895)    war    nur    ein    theil- 


—     412    — 

nehmendes  Wort  an  dem  noch  frischen  Grabe,  das  Werk 
Blom's  dagegen  ist  eine  ernsthafte  historische  üntersnchungy 
ein  werihvoUes  Werk  sowohl  fiir  die  Geschichte  Katharina's, 
als  auch  besonders  ihrer  Zeit.  Wenn  wir  daran  denken,  dass 
Blum  seine  Arbeit  vor  40  Jahren  hat  erscheinen  lassen,  so 
glauben  wir  ihm  gern  seine  Erklärung:  „die  Arbeit  war  eine 
unermessliche"  (IV,  Vorrede);  und  wir  erkennen  an,  dass  seine 
Untersuchung  das  Muster  einer  biographischen  Arbeit  für  die 
damalige  Zeit  war.  Sie  besteht  aus  zwölf  Capiteln,  die  auf 
vier  Bände  vertheilt  sind,  und  zerfällt,  als  Ganzes  genommen, 
in  zwei  ungleiche  Theile:  der  grössere  und  wichtigste  besteht 
aus  vorzugsweise  eigenhändigen  Original-Aufzeichnungen,  Be- 
richten und  Briefen  Sievers',  ofQcieUen  und  privaten  Charakters, 
sowie  aus  Briefen  Katharina's  an  ihn  und  endlich  aus  Briefen 
der  Gemahlin  Sievers',  die  als  „Mittheilungen"  oder  „Nach- 
richten aus  Petersburg"  bezeichnet  sind  (II,  20,  133,  243); 
der  kleinere  Theil  enthält  Erläuterungen,  Erörterungen, 
Charakteristiken,  Meinungen  und  Ansichten  des  Verfassers  und 
ist  ganz  unter  dem  Drucke  der  tendenziösen  und,  wie  wir 
hoffen,  unrichtigen  Ueberzeugung  geschrieben,  dass  „der  Slave, 
ob  er's  eingestehe  oder  nicht,  den  Deutschen  hasst"  (ibid.). 

Zwei  Male  hat  Sievers  eine  hervorragende  Bolle  gespielt, 
und  seine  Mittheilungen  aus  dieser  Zeit  enthalten  ein  be- 
sonderes Interesse:  das  erste  Mal  von  1764  bis  1781;  er  be- 
kleidete in  diesem  Zeiträume  von  17  Jahren  einen  Ver- 
waltungsposten, zuerst  als  Gouverneur  von  Nowgorod  und  dann 
als  Statthalter  von  Twer  und  Nowgorod;  das  zweite  Mal,  von 
1791  bis  1793,  also  im  Laufe  zweier  Jahre,  versah  er  den 
diplomatischen  Posten  eines  ausserordentlichen  und  bevoll- 
mächtigten Gesandten  in  Warschau  beim  Könige  und  bei  der 
Betscbe  Pospolita  von  Polen.  In  diesen  19  Jahren  hat  Sievers 
beständig  mit  Katharina  im  Briefwechsel  gestanden,  er  erhielt 
von  ihr  gegen  500  Eescripte,  Briefe  und  Billets  (IV,  650)  und 


—    413    — 

übersandte  ihr  eine  Menge  von  Berichten,  Projecten  und  Vor- 
schlägen, die  zuerst  von  Blum  veröffentlicht  worden  sind.  Be- 
sonders interessant  ist  Sievers'  administrative  Wirksamkeit. 

Bald  nach  seiner  Ernennung  zum  Chef  des  Gouvernements 
Nowgorod,  das  damals  acht  heutige  Gouvernements  umfasste, 
überreichte  er  der  Kaiserin  einen  umfangreichen  Bericht  über 
die  Bedürfnisse  des  Gouvernements  (I,  159),  wobei  er  eine  be- 
sondere Aufmerksamkeit  auf  die  Wasser -Verbindungen,  die 
ihn  immer  beschäftigten,  verwandte  (I,  897;  II,  10,  216,  385, 
397,  438);  und  im  Laufe  der  19  Jahre  seiner  amtlichen 
Wirksamkeit  hat  er  nicht  aufgehört,  Katharina  eine  ganze 
Beihe  von  Beformen  in  allen  möglichen  Fragen  der  inneren 
Verwaltung  vorzuschlagen  — :  über  den  Schiffsbau  (I,  165; 
n,  86,  89),  über  die  Eecruten-Aushebung  (I,  286,  393;  11,  181), 
über  die  Erhaltung  der  Wälder  (II,  212),  über  eine  Assignaten- 
Bank  (I,  273),  über  die  Lage  der  Bauern  (I,  207),  über  die 
Gefängnisse  (11,  322),  über  Seuchen-Quarantänen  (I,  306,  314, 
324,  333,  344)  u.  s.  w..  Ausser  der  allgemeinen,  „General"- 
Instruction  (Russ.  Archiv,  1863,  431)  hatte  Katharina  Sievers 
noch  eine  besondere,  „geheime  Instruction'^  gegeben  (I,  173), 
und  „die  geheime  Instruction  war"  —  nach  den  Worten 
Sievers'  —  „bei  weitem  ausführlicher  als  die  Generalinstruction" 
(ibid.,  172).  Sievers  mass  der  Gesetzgebungs-Commission  eine 
grosse  Bedeutung  bei,  er  correspondirte  hierüber  mit  Katharina 
und  bedauerte  ungemein,  dass  der  Krieg  die  Arbeiten  der 
Commission  unterbrach  (I,  237,  258,  260,  269).  Als  Sievers  die 
„Verordnung"  erhielt,  schrieb  er  an  Katharina:  „Ich  habe  jenes 
Buch  erhalten,  welches  künftige  Jahrhunderte  Russlands  goldene 
Bulle  nennen  werden"  (I,  266).  Er  arbeitete  eifrig  an  der  Ab- 
fassung der  „Verfügungen  über  die  Verwaltung  der  Gubemien" 
mit  (Archiv  d.  Senats,  Bd.  138,  Bl.  300;  Allg.  Ge8.-Sammlg., 
No.  14392),  so  dass  der  Verfasser  fast  geneigt  ist,  Sievers  für 
den  Schöpfer  dieser  Angelegenheit  zu  halten  (11,  66,  85,  89, 


—     414     — 

115,  174,  207).  Der  Verfasser  hat  übrigens  diese  Angelegen- 
heit richtig  geschätzt:  „Damit  that  das  Russische  Beich  den 
ersten  eigentlichen  Schritt  ins  civilisirte  Staatensystem.  Die 
Verfassung  war  aus  den  deutschen  Provinzen  Russlands  ge- 
schöpft, aber  zugleich  mit  so  nachdenklichem  Blick  Rücksicht 
genommen  auf  die  russischen  Verhältnisse,  dass  wir  begreifen, 
wie  ein  lauter  Jubelruf  durch  das  ganze  Reich  ihr  entgegen- 
scholl. Es  schien,  als  würde  dasselbe  jetzt  auf  feste  Gesetze 
gegründet,  der  Willkühr  endlich  gewehrt"  (II,  112).  Sievers 
hat  als  Erster  diese  neue  Gouvernements- Verfassung  eingeführt 
und  sandte  Katharina  die  „Tagebücher"  der  Wahlen  in  Twer, 
Nowgorod  undPskow  (II,  118,  185,  195,  229).  In  diese  Zeit 
fallen  auch  seine  Bemühungen  um  eine  Reform  des  Senats, 
die  nicht  von  Erfolg  gekrönt  waren  (II,  141,  223).  Sehr 
interessant  sind  die  Bemerkungen  Sievers'  während  seiner 
wiederholten  Reisen  durch  die  Gouvernements,  die  in  der 
Rubrik  „Sievers'  Rundreise"  abgedruckt  sind  (I,  215,  241, 
387;  II,  202,  309);  in  ihnen  wird  das  innere  Russland,  das 
uns  so  wenig  bekannt  ist,  lebendig  geschildert.  Bei  diesen 
Rundreisen  sah  er  den  Grafen  A.  A.  Bestushew-Rjumin 
(I,  219),  der  vom  Vater  ins  Kloster  gesteckt  worden  war 
(Sammig.,  X,  59,  60,  61,  88;  Russ.  Archiv,  1869,  201),  ferner 
sah  er  ,,das  wunderthätige  Bild,  welches  keine  merklichen 
Wunder  mehr  thut"  (1, 242)  und  viele  andere  wunderbare  Dinge. 
Die  diplomatische  Wirksamkeit  Sievers'  in  Warschau  und 
Grodno  ist  weniger  interessant.  Seine  Betheiligung  an  der 
zweiten  Theilung  Polens  (HI,  39,  82,  153,  191). ist  mehr  oder 
weniger  bekannt.  In  dem  Werke  Blum's  finden  sich  auch 
Striche  zu  einem  Porträt  Stanislaus  August's  (III,  52,  56,  68, 
240,  277).  Der  Verfasser  vertheidigt  die  „polnischen  Ange- 
legenheiten" seines  Helden  folgendermaassen:  „Man  sagt,  Sievers 
hätte  eher  abtreten  sollen,  als  sich  zu  Maassregeln  hergeben, 
die  sein  Innerstes  anwiderten.     Wer  das  verlangte,  würde  be- 


—    415     — 

weisen,  dass  er  den  Unterschied  eines  despotisch  und  eines 
frei  regierten  Volkes  nicht  kennt.  Ein  freies  Volk  verlangt 
mit  Recht,  dass  die  Lenker  seiner  Geschicke  Eath  und  Ent- 
schluss  aus  den  Bedürfnissen  und  dem  Drang  der  gesammten 
Nation  schöpfen.  Ein  Despot  dagegen  übt  Willkühr  und  ver- 
folgt Sonderinteressen,  denen  am  wenigsten  entgegentreten 
darf,  wer  ihm  am  nächsten  steht"  (III,  275).  Hier  finden  sich 
endlich  interessante  Nachrichten  über  Kurland  (III,  27,  217, 
253,  447;  IV,  58,  180),  Charakteristiken  Beauscamp's  (III,  67; 
IV,  138),  Berichte  über  die  Händel  in  Grodno  (III,  121,  194), 
sowie  ein  interessanter  Brief  M.  L.  Kutusow's  (III,  426). 

Zwei  Male  wurde  der  Staatsdienst  Sievers'  unterbrochen, 
und  jedes  Mal  hat  er  beim  Fortgehen  die  Geschäfte  mit  Liebe 
seinem  Nachfolger  übergeben:  als  er  von  seinem, Verwaltungs- 
posten schied,  hat  er  ein  „Testament  au  comte  Bruce  1782 
en  quittant  les  Communications  des  eaux"  hinterlassen  (II,  438), 
und  als  er  von  seinem  diplomatischen  Posten  zurücktrat,  ver- 
fasste  er  eine  interessante  „Denkschrift  an  Igelström"  (IV,  16), 
in  der  er  die  handelnden  Personen  charakterisirte. 

Aus  der  Masse  von  Documenten,  die  von  Blum  heraus- 
gegeben worden  sind,  interessiren  uns  am  meisten  die  Briefe 
Katharina's.  Als  Sievers  1808  starb,  verbrannte  er  kurz  vor 
seinem  Tode  300 — 400  Briefe  der  Kaiserin,  indem  er  erklärte: 
„Ich  war's  dem  Andenken  meiner  Kaiserin  schuldig"  (IV,  650). 
Nichtsdestoweniger  hat  Blum  noch  61  Briefe  Katharina's  publi- 
cirt:  35  im  Original,  als  Beilage,*)  und  26  in  einer  deutschen 
Uebersetzung,  im  Texte.  Der  interessanteste  Brief  ist  —  ein 
Zettelchen  mit  wenigen  Worten:  „Le  zfele  a  dict6  votre  P.S.; 
je  Tai  brül6"  (11,  548).  Dieses  P.S.  ist  in  einem  Briefe  vom 
22.  Januar  1776   enthalten   und   lautete:    „Was   ich   Ew.  K. 


*)  Hier  sind  die  „Briefe  Katharina's  11.  an  Graf  J.  J.  Sievers"  ent- 
nommen, die  im  Buss.  Archiv,  1870,  1422,  abgedruckt  worden,  wobei  die 
Briefe  aus  dem  Texte  weggelassen  worden  sind. 


—     416     — 

Majestät  jetzt  sage,  wird  Ihnen  zum  neuen  Beweise  meiner 
Gefühle  für  Ihre  geheiligte  Person  dienen.  Auch  sind  Sie's 
allein,  zu  der  ich  zu  sprechen  wage.  Die  Moskauer  Gerüchte, 
welche  sich  bis  hierher  verbreiten,  geben  die  Stelle  des  Günst- 
lings  einem  andern  glücklichen  Sterblichen,  und  behaupten, 
Herr  Graf  Potemkin  werde,  seine  Gleichgültigkeit  und  den 
Mangel  an  Fähigkeit  zu  verbergen,  mit  Reichthümem  über- 
häuft, seine  Gouvernements  bereisen,  und  nur  im  Mönchskleid 
wiederkehren,  das  ihm,  sagt  man  in  Moskau,  weniger  anstehe 
ab  das  blaue  Band.  Diess  sagt  jene  Stadt,  die  er  so  innig 
liebt.  Der  Wunsch  der  guten  Unterthanen,  und  deren  giebt's 
eine  hübsche  Zahl,  geht  dahin,  der  Nachfolger  des  Günstlings 
möge  keinen  Wirkungskreis  angewiesen  erhalten,  als  den  glück- 
lichen, seiner  liebenswürdigen  Wohlthäterin  zu  gefallen  — 
auch  ist  dies  der  Wunsch  eines  Mannes,  der  den  Namen 
Katharina  auf  Marmor,  Jaspis  und  Granit  wird  eingraben 
lassen^  ^  (U,  128).  Man  musste  ein  grosses  Vertrauen  bei  der 
Kaiserin  gemessen,  um  solche  Sachen  an  Katharina  zu  schreiben! 
Sievers  liebte  Potjemkin  nicht,  und  auch  Blum  liebte  ihn  nicht 
(11,  20,  52,  59,  79,  171,  302),  und  es  scheint,  dass  Sievers 
auf  Betreiben  Potjemkin's  im  Jahre  1781  von  seinem  Statt- 
halterposten entfernt  worden  ist;  er  wurde  erst  nach  dem  Tode 
Potjemkin's  aufs  Neue  berufen.  Der  Brief,  der  sich  auf  Ssergei 
Puschkin  bezieht  (11,  550),  ist  nicht  richtig  datirt:  er  stammt 
vom  6.  Februar  1772,  aber  nicht  1777  (Achtzehntes  Jahr- 
hundert, I,  390;  Sammlung,  XTTT,  219).  Der  Brief  an  Pohl- 
mann vom  26.  August  1788  (II,  502)  ist  in  den  „Briefen 
Katharina's  der  Grossen  an  E.  W.  von  Pohlmann",  die  dem 
Archive  der  Frau  v.  Pohlmann,  geb.  von  Bremen,  entnommen 
sind,  nicht  enthalten  (Buss.  Archiv,  1888,  I,  1). 

In  der  Biographie  Sievers'  wird  natürlich  viel  von  Katha- 
rina gesprochen  (I,  136,  140,  150,  154,  183,  281,  282;  11,  4, 
53,  59,  79,  171,  302;  HL,  338;  IV,  58,  268),  wobei  sie  U.A. 


—    417     — 

als  „eine  Deutsche"  gelobt  wird  (I,  135);  nach  ihrem  Tode 
wird  das  ürtheil  über  sie  in  einer  Weise  zusammengefasst, 
der  man  nicht  umhin  zustimmen  kann:  ,,Eatharina  war  jedoch 
eine  grosse  Frau,  oder  vielmehr  Herrscherin;  vielleicht  die 
grösste  unter  allen  Frauen ,  die  je  ein  Diadem  geschmückt'' 
(IV,  266).  „Mit  Katharina  erhob  sich  die  ganze  Wucht  euro- 
päischer Bildung  zum  erstenmal  auf  den  russischen  Thron'' 
(IV,  269).  „Man  darf  sagen  Peter  der  Grosse  brachte  Russ- 
land die  Verheissung;  Katharina  11  die  Erfüllung"  (ibid.). 

Je  höher  wir  das  Werk  Blum's  stellen,  desto  unangenehmer 
ist  es  für  uns,  seine  Fehler  anzustreichen,  die  durch  ein  über- 
flüssiges Vertrauen  zu  Gerüchten  hervorgerufen  worden  sind. 
Zu  der  livländischen  Reise  der  Kaiserin  bemerkt  er:  „die  böse 
Zunge  der  Welt  liess  sie  reisen,  um  noch  einmal  einem  früheren 
Liebhaber  zu  begegnen,  besonders  aber  den  Gräueln  aus  dem 
Wege  zu  gehen,  die  den  jungen  Iwan  m.  in  Schlüsselburg  er- 
warteten" (I,  153).  Er  wiederholt  „das  dunkle  Gerücht",  dass 
„Browne  den  Kaiser  Peter  HI.  der  nicht  umgekommen  sei, 
viele  Jahre  in  geheimem  Gewahrsam  gehabt  habe"  (II,  458; 
in,  16).  Er  glaubt  an  das  Märchen  vom  Senator  Jelagin, 
das  von  Durand  in  die  Welt  gesetzt  worden  ist  (I,  283).  Was 
seine  Uebersetzungen  anbelangt,  so  haben  wir  nur  eine  TJn- 
genauigkeit  bemerkt:  „le  plus  sot  de  tout"  (11,  547)  ist  durch 
„das  allererste  von  allen"  (11,  89)  wiedergegeben. 

In  der  russischen  Litteratur  hat  D.  J.  Ilowaiskij  das  Werk 
Blum's  in  zwei  Aufsätzen  exploitirt:  „Das  Gouvernement 
Nowgorod  vor  100  Jahren"  (Buss.  Bote,  1868,  XII,  479),  wo- 
bei  sogar  der  Name  Blum's  nicht  erwähnt  ist,  und  „Graf 
Jakob  Sievers"  (ibid.,  1865,  I,  Isqq.),  wo  das  Werk  Blum's 
russisch  nacherzählt  ist  Das  vierbändige  Werk  des  Deutschen 
Blum,  das  der  Biographie  nur  einer  Person  gewidmet  ist,  — 
ein  Werk,  das  nach  bisher  nicht  erschienenen  Documenten 
verfasst    war,    konnte    natürlich    dem     französirten    Polen 

Bilbassoff,  Katharina  n.  27 


—     418     — 

Walischewskij  nicht  gefallen,  der  auf  Grand  von  Mittheilungen 
Anderer  in  einem  einzigen  Bande  (No.  1270)  die  Biographien 
von  einem  ganzen  Hundert  von  Politikern  dargeboten  hat. 
Deshalb  urtheilt  er,  wie  folgt,  über  das  vorliegende  Werk: 
„C'est  un  monument  curieux  de  la  sereine  et  pour  ainsi  dire 
extatique  inconscience  avec  laquelle  un  Allemand  est 
susceptible  de  parier  des  hommes  et  des  choses  de  TAUe- 
magne"  (41). 

1046.   Gustav  m  und  die  politischen  Parteien  Schwedens  im  18.  Jahr- 
hundert    Von  Ernst  Herrmann.    Leipzig,  1857. 

Diese  Abhandlung  zerfallt  in  zwei  Theile:  1.  „Schweden 
in  der  sogenannten  Freiheitszeit"  (1856,  849  —  476)  und 
2.  „Die  politischen  Katastrophen  unter  Gustav  HI."  (1857, 
861 — 581).  Diese  Abhandlung  ist  hauptsächlich  deshalb  inter- 
essant, weil  sie  auf  archivalischen  Documenten  beruht,  die 
noch  nicht  veröffentlicht  waren.  Ausserdem  hat  der  Verfasser 
als  Erster  das  Werk  von  Geijer,  „Teckning  of  Sveriges 
tillständ  och  af  de  fomämsde  handlande  personer  under  tiden 
frän  konung  Carl  XII' s  död  tili  konung  Gustav  III's  anträde 
of  regeringen",  Stockholm,  1839,  benutzt.  Herrmann  filhrt 
aus  dem  Londoner  Archiv  ganze  Depeschen  der  englischen 
Gesandten  Kane  (U,  422,  442)  und  Listen  (II,  450,  496,  508, 
525)  an.  Aus  seinen  archivalischen  Mittheilungen  sind  für 
uns  besonders  wichtig:  erstens,  zwei  Briefe  Katharina's  11.  an 
Gustav  in.,  vom  18.  (29.)  September  1791  (11,  499)  und  vom 
25.  November  (6.  December)  1791  (II,  502),  und  zweitens, 
die  Erzählung  eines  Augenzeugen,  des  Majors  Gazales,  über 
die  Seeschlacht  vom  28.  Juni  1790,  aus  dem  Berliner  General- 
stabs-Archiv  (IE,  477).  Diese  Barzahlung  ist  in's  Russische 
tibersetzt  worden  (Journal  d.  Min.  der  Volksaufklärg.,  1869, 
JuU,  84). 

Um  den  Charakter  Gustav's  III.  zu  definiren,  vergleicht 
der  Verfasser  ihn  mit  Joseph  11.   und    mit  Katharina:   „er 


—     419     — 

huldigte y  wie  Katharina  11.,  dem  Cultus  des  Scheins,  ohne, 
wie  sie,  über  eine  an  überzeugungslosen  Gehorsam  gewohnte, 
dem  blossen  Schein  folgende  Nation  zu  gebieten;  er  war,  wie 
sie,  ein  leichtfertiger  Jünger  der  oberflächlichen  Lehren 
Voltaire's,  aber  er  verstand  es  nicht,  wie  sie,  die  Eitelkeit 
und  Genusssucht  mit  einem  beharrlich  grossen  Zielen  nach- 
strebenden Ehrgeiz  zu  verbinden"  (I,  352).  Gustav  III.  seien 
alle  Mittel  recht  gewesen  —  „erlaubte  und  unerlaubte,  ver- 
steckte und  offene"  (II,  427);  „es  fehlte  ihm  an  besonnener 
üeberlegung,  wie  an  strategischer  Einsicht"  (II,  475),  nichts- 
destoweniger aber  „sollte  nur  Das  gelten,  was  er  wollte,  weil 
er,  der  König,  es  war,  der  es  wollte"  (11,  494);  „er  schlug 
den  sittlichen  Werth  des  Menschen  nur  zu  gering  an"  (11, 
505).  Katharina  11.  habe  Gharlatane,  wie  Cagliostro,  gehasst 
(Marcard,  358;  Smirdin,  HI,  453;  Sammig.,  XXITI,  211  flf.); 
„es  fehlt  nicht  an  Andeutungen,  dass  auch  Gustav  III.  mit 
Cagliostro  in  Verbindung  zu  kommen  gesucht  habe,  und  mit 
anderen  Betrügern  gleichen  Gelichters  stand  er  zeitweise  im 
vertraulichsten  Verkehr"  (IE,  380).  Der  Verfasser  sagt  selbst, 
dass  Gustav  Gelegenheit  gesucht  habe,  „der  Welt  als  Kriegs- 
held sich  zu  zeigen"  (11,  383,  386,  388),  und  zeichnet  die 
Beziehungen  Busslands  zu  Schweden  als  solche,  die  zum 
Kriege  herausforderten  (11,  361,  362,  383,  389).  Die  eigent- 
lichen Kriegsereignisse  behandelt  der  Verfasser  nicht,  wohl  aber 
das  Ergebniss  der  Kriegsthatsachen,  und  dies  mit  der  ihm 
eigenen  Missgunst  gegen  die  Bussen.  Die  Schlacht  vom 
17.  Juli  1788  ist  einfach  gewissenlos  dargestellt:  zuerst  die 
Behauptung,  „dass  zur  See  die  Schance  zu  Gunsten  Schwe- 
dens sein  möchte"  (11,  411);  dann  die  Erklärung,  dass  „es  am 
17.  Juli  zu  keiner  Entscheidung  kam",  und  dass  die  schwe- 
dische Flotte  nach  Sweaborg  absegelte,  „wo  sie  aus  Mangel 
an  Munition  bis  Ende  October  bleiben  musste"  (II,  414); 
endlich    das   Zugeständniss ,   dass   die   schwedische   Flotte  in 

27* 


—     420     — 

Sweaborg  ^^von  einer  überlegenen  rassischen  Flotte  bloldrt 
wird"  (n,  425).  Und  doch  erkennt  der  Verfesser  an:  ,,noch 
nie  ist  ein  Krieg  leichtsinniger  unternommen  worden"  (ü,  402) ; 
er  theilt  mit,  dass  die  schwedischen  Soldaten  hungerten  (ü, 
415,  417);  und  gesteht,  dass  der  Krieg  Gnstay's  IQ.  gegen 
Bnssland  erfolglos  gef&hrt  worden  sei  (II,  494). 

Der  Verfesser  fährt  schone  Worte  Gnstav's  HL  zu 
Gunsten  der  Pressfreiheit  an:  „Durch  die  Pressfreiheit  erfahre 
der  König  die  Wahrheit,  die  man  so  geflissentlich,  oft  nur 
allzu  künstlich  ihm  verheimliche  etc."  (II,  365).  Interessant 
ist  eine  Aeusserung  des  Grafen  Creutz:  „Russland  ist  ge- 
wohnt seine  Verbündeten  als  Vasallen  zu  behandeln  und 
Könige  als  Statthalter,  die  mit  passivem  Gehorsam  seine 
souveitoen  Befehle  entgegenzunehmen  haben"  (IE,  388).  Der 
Verfasser  vergleicht  den  schwedischen  Beichsrath  mit  dem 
russischen  Senate:  „Der  Beichsrath  sank  allmälig  zu  einer 
völlig  bedeutungslosen  Behörde  herab,  in  welche  der  König, 
gerade  so  wie  es  schon  damals  bei  dem  Senat  des  russischen 
Kaiserreichs  üblich  war,  vorzugsweise  als  Mitglieder  gern  die- 
jenigen Männer  von  Bang  und  guter  Herkunft  aufnahm,  denen 
er  eine  durchgreifende  Thätigkeit  nicht  mehr  anvertrauen 
wollte"  (n,  381).  Er  erwähnt  femer  die  Zusammenkunft 
Gustav's  m.  mit  Katharina  (II,  382,  385),  den  Brief  Katha- 
rina's  an  Gustav  (IE,  386),  den  Grafen  Ostermann  (I,  438, 
447)  und  Sprengtportcn  (11,  399).  [Hisix)risches  Taschenbuch, 
1856,  349;  1857,  359]. 

1047.   BoBsiflche  Hofgeschichten.    Von  Katharina  n  bis  Nicolaos  I. 
Von  H.  E.  B.  Belani,    3  Bde.    Leipzig,  1857. 

Karl  Ludwig  Häberlein,    1784 — 1858,   ein   Sohn   des   zu 

seiner  Zeit  bekannten  Professors  des  Staatsrechts  Häberlein, 

eines  Theilnehmers  an  dem  Bastadter  Congress  und  Verfassers 

einer    „Algemeinen   Weltgeschichte"   (12   Bde.,    1773),   sowie 

einer  „Neuesten  Deutschen  Reichsgeschichte"  (21  Bde.,  1786), 


—    421     — 

studirte  die  Rechte,  war  im  Amte  und  wurde  im  44.  Lebens- 
jahre eines  Criminalverbrechens  angeklagt  und  in's  Gefängniss 
geworfen.  Er  hatte  den  berühmten  Namen  seines  Vaters  so 
sehr  beÜeckt,  dass  er  zu  Pseudonymen  ^riff  und  seine  Novellen 
und  Romane  unter  den  Namen  ,,Melindor<%  ,,Niemand<S  ^^^ 
häufigsten  aber  ,,H.  E.  R.  Belani'^  erscheinen  liess.  Da  er 
die  Feder  in  der  Gewalt  hatte,  schrieb  er  eine  Menge  Romane 
und  unter  ihnen  auch  ,,Russische  Hofgeschichten^'  in  zwei 
Abtheilungen.  Die  erste  Abtheilung  kam  im  Jahre  1856 
unter  dem  Titel:  „Von  Peter  dem  Grossen  bis  auf  die  neuere 
Zeit.  Ein  historischer  Novellenkreis^^  in  drei  Bänden  heraus, 
wobei  im  dritten  Bande  das  Leben  Katharina's  bis  zu  ihrer 
Thronbesteigung  erzählt  ward.  Die  zweite  Abtheilung  bildete 
das  hier  vorliegende  Werk.  Der  Vater  des  Verfassers, 
1756 — 1808,  ein  Zeitgenosse  Katharina's,  der  dem  Herzoge 
von  Braunschweig  nahe  stand,  viele  im  Auslande  thätige 
Russen  kannte  und  mit  Deutschen,  die  in  russischen  Diensten 
standen,  Briefe  wechselte,  hätte,  so  schien  es  uns,  dem  Sohne 
seine  und  der  Zeitgenossen  Ansichten  über  Katharina  mit- 
theilen können;  aber  wir  haben  uns  geirrt:  dieser  Roman 
Belani's  ist  nach  der  hergebrachten  Schablone  aller  historischen 
Romane  bis  Walischewskij  (No.  1261)  inclusive  verfasst. 

Von  den  drei  Bänden  des  Romans  sind  speciell  Katharina 
die  ersten  anderthalb  gewidmet,  wobei  ihr  Roman  in  drei 
Theile  getheilt  ist:  „Die  Gebrüder  Orloff"  (I,  9),  „Potemkin" 
(I,  243;  n,  3)  und  „Nach  Potemkin's  Tode"  (H,  125).  Der 
Verfasser  stellt  Katharina  sehr  hoch:  „Katharinens  Herrschaft 
für  die  heutige  Gestaltung  und  Politik  Europa's  war  von 
höchster  Bedeutung.  Da  sie  aber  Selbstherrscherin  dieses 
Reiches  und  eine  Frau  von  seltener  Geisteskraft,  dabei  aber 
von  grossen  menschlichen  Fehlem  war,  so  darf  man  sie  als 
die  Trägerin  ihrer  Politik  und  als  eine  der  Säulen  der  Welt- 
geschichte betrachten"  (I.  2).   Im  Romane  selbst  aber  spiegelt 


—     422     — 

sich  diese  Ansicht  des  Verfassers  durchaus  nicht  wieder,  er 
schliesst  vielmehr  sein  Werk  mit  der  folgenden  Charakteristik 
Eatharina's:  ,,Dass  besoldete  Federn  eines  Voltaire  und  anderer 
officieller  Schmeichler  sie  in  den  Himmel  erhoben,  dass  die 
Ghronique  scandaleuse,  welche  meistens  in  französischen 
Memoiren  vertreten  war,  sie  tief  erniedrigte  und  kein  gutes 
Haar  an  ihr  liess,  darf  nicht  verwundem.  Geschichtsschreiber, 
je  nach  ihrem  Standpunkte,  sprachen  ihr  den  Titel  Katharina 
die  Grosse  zu,  indem  sie  nur  pragmatische  Geschichte 
schrieben  und,  blind  filr  das  Privatleben  der  Kaiserin,  allein 
in  der  Vergrösserung  Russlands  ihre  Grösse  erkannten  und 
nicht  einmal  tiefer  blickten  in  den  Zustand  des  russischen 
Reiches,  wie  er  sich  unter  einer  so  schamlosen  Günstlings- 
herrschaft, die  nur  in  jenem  Jahrhundert  der  Sittenlosigkeit 
an  den  galanten  Höfen  Europa's  und  unter  einem  so  frivolen, 
barbarischen  Volke,  wie  damals  Russland  darbot,  eine  Mög- 
lichkeit war"  (II,  169). 

1048.   Memoiren  der  Fürstin  Daschkoff.    Zur  Geschichte  der  Kaiserin 
Katharina  ü.    2  Bde.    Hamburg,  1857. 

Dies  ist  eine  wörtliche  üebersetzung  von  No.  978,  aber 
in  einer  anderweitigen  Anordnung  der  einzelnen  Theile.  Ebenso 
willkürlich,  wie  die  englische  Uebersetzerin  der  Memoiren  der 
Fürstin  E.  R.  Daschkow  die  Erzählung  in  Capitel  eingetheilt 
hatte,  wobei  sie  in  den  ersten  Theil  25  und  in  den  zweiten  nur 
4  Capitel  stellte  und  ihnen  eine  Masse  verschiedener  Briefe 
beifügte,  hat  auch  der  deutsche  üebersetzer  im  ersten  Theile 
nur  17  Capitel  herausgegeben,  denen  „als  Anhang^^  (I,  299) 
die  firiefe  Eatharina's  11.  an  die  Fürstin  Daschkow  und  an 
Mme.  Lewschin  beigefügt  sind,  und  in  den  zweiten  Theil  die 
übrigen  12  Capitel  gestellt,  denen  wiederum  als  „Anhang" 
(11,  185)  der  Rest  der  Briefe  aus  dem  2.  Bande  der  englischen 
Ausgabe  beigegeben  ist.  üeberdies  hat  der  deutsche  üeber- 
setzer  in  Gestalt   einer  „Einleitung"    eine  üebersetzung   der 


—     428     — 

Abhandlung  ,,Für8tin  Katharina  Eomanowna  Daschkow'^  aus 
dem  „Polarstern"  für  das  Jahr  1857  (207)  in  das  Werk  hinein- 
genommen. Die  Uebersetzung  ist  ziemlich  genau,  bisweilen 
sogar  zu  genau.  So  ist  z.  B.  die  „Italienische  Stadt  Livomo" 
(I,  252)  die  englische  Stadt  „Leghorn",  (I,  279)  geblieben. 
Mitunter  erlaubt  der  üebersetzer  sich  auch  willkürliche  Ein- 
schiebsel, die  den  Sinn  des  Textes  entstellen:  so  hat  er  z.  B. 
die  Einleitung  nicht  verstanden  und  zu  Menschikow  und  Biron, 
Münnich  und  den  Dolgorukij  auch  Orlow  und  Potjemkin  hin- 
zugesetzt (XVI).  Die  einzige  Anmerkung  in  der  Einleitung  — 
ein  Citat  aus  Koschichin  zur  Charakteristik  des  Bojaren-ßathes 
—  hat  der  Üebersetzer  weggelassen,  weil  er  offenbar  nicht 
vnisste,  was  der  „Bojaren-Bath"  war;  andererseits  hat  er  zu 
dem  „westphälischen  Baron  Haxthausen"  von  sich  aus  die 
Anmerkung:  „Ein  bekannter  Schriftsteller  eines  Werkes  über 
Russland",  hinzugefügt  (XI).  Bei  der  Uebersetzung  der  Mit- 
theilung von  der  bekannten  Unterredung  Alexander's  I.  mit 
Napoleon  I.  hat  der  üebersetzer  ziemlich  glücklich  „Tilsit" 
durch  „Erfurt"  ersetzt. 

1049.  Der  rassische  Hof  von  Peter  I  bis  auf  Nicolaos  I  und  einer 
Einleitung:  Rassland  vor  Peter  dem  Ersten.  Von  M.  J.  van 
Grusenstolpe.    9  Bde.    Hambarg,  1857. 

Dies  ist  eine  tendenziöse  Ausarbeitung  von  No.  1004  auf 
breiterer  Grundlage.  Eigentlich  nur  für  seine  Tendenz  be- 
durfte der  Verfasser  auch  der  im  Titel  angegebenen  Einleitung, 
„da  wir  es  uns  zur  Aufgabe  gestellt  haben,  es  nachzuweisen, 
dass  die  russische  Eroberungspolitik  sich  nicht  nur  von  Peter 
dem  Grossen  herschreibt,  sondern  gleichzeitig  eins  der  staat- 
lichen Grundelemente  dieses  Reiches  ausmacht,  welches  unab- 
hängig von  dem  Willen  des  Monarchen  zu  einer  historischen 
Nothwendigkeit  für  dasselbe  geworden  ist"  (Einleitung).  Von 
den  neun  Bänden  sind  zwei,  der  zweite  und  der  dritte,  Katha- 
rina gewidmet.    Dieses  Werk  erschien  im  Laufe  von  5  Jahren, 


—     424     — 

von  1855  bis  1860^  und  Bussland  ist  in  allen  Bänden  unter 
dem  Einflüsse  des  Erimkrieges  als  ,,der  Schrecken  Europas^' 
hingestellt  (ibid.).  Auf  dem  Titelblatte  findet  sich  der  Zusatz: 
,,Deutsche  Originalausgabe^',  und  zwar  deshalb,  weil  der 
schwedische  Verfasser  zu  gleicher  Zeit,  aber  ohne  seinen 
Automamen,  in  vier  Bänden  eine  schwedische  Ausgabe  des- 
selben Werkes  erscheinen  liess:  „Byska  hofVet  frän  Peter  I 
tili  Nicolaus  I,  jemte  inledning:  Byssland  före  Peter  L'S 
Stockholm. 

Der  Verfasser  kennt  weder  Bussland,  noch  die  Bussen 
und  begegnet  ihnen  mit  Hass.  Er  übertreibt  die  schlechten 
Seiten  des  russischen  Lebens  und  übersetzt  z.  B.  „Polizei- 
soldaten'' durch  das  Wort  „Bazboiniks'*  (I,  834)  und  verurtheilt 
die  Bussen  zu  ewiger  Sclaverei  (11,  110).  Er  theilt  femer 
jeden  Unsinn  mit  (U,  75,  83,  121,  126,  127,  136,  138  ff.), 
nur  um  die  Bussen  und  besonders  Katharina  herabzusetzen. 
Die  zahllosen  Beden  der  handelnden  Personen  (II,  14,  20,  89, 
101,  109,  114  ff.)  bezeugen,  dass  der  Verfasser  diese  Personen 
nicht  verstanden  hat.  Seine  Urtheile  zeichnen  sich  entweder 
durch  Naivetät  aus,  z.  B.:  „Die  Geschichte  der  allemeuesten 
Zeit  beweist  es,  dass  Bussland,  wie  es  sich  auch  selbst  als 
der  Heerd  der  conservativen  Ideen  darstellt,  sich  dennoch  im 
Nothfalle,  zur  Erreichung  seines  Zweckes,  vorgeblicher  liberaler 
Mittel  bedient"  (II,  133),  oder  durch  ünkenntniss,  z.  B.:  „der 
Tod  des  Czaren  Iwan  erzeugte  den  aUgemeinen  Glauben,  dass 
dies  auch  noch  nicht  die  letzte  gewaltihätige  Handlung  sein 
würde,    die    sich    Katharina    zu    erlauben    wagen    möchte" 

(n,  149). 

Dieses  Werk  hatte  keinen  Erfolg;  es  wurde  nicht  einmal 
ins  Französische  übersetzt,  und  nur  in  jüngster  Zeit  hat 
Walischewskij  (No.  1270)  es  benutzt,  ohne  indess  Crusenstolpe 
in  der  Zahl  der  „auteurs  consult6s"  (600)  aufzuführen. 


—    425    — 

1050«  Le  prince,  roman  historique,  traduit  du  SuMe  de  Rtdderstad, 
2  V.    Paris,  1857. 

Eine  Uebersetzung  von  No.  1021. 

1051.  La  cour  de  la  Russie  il  y  a  cent  ans.  1725—1783.  Extraits 
des.  d6p§ches  des  ambassadeurs  anglais  et  fran^s.  Par 
[M.  Qrimblot.]    Berlin,  1858. 

Dies  ist  eine  Nachahmung  des  Werkes  von  Eaumer, 
(No.  975),  welche  von  einem  Menschen  verfasst  ist,  der  nicht 
die  Kenntnisse  desselben  besass.  Entsprechend  seinem  persön- 
lichen Geschmack  hat  der  Herausgeber  aus  den  Depeschen 
vorzugsweise  die  Thatsachen  intimen  Charakters  herausge- 
schrieben: muss  er  mitunter  auch  über  ernste  Angelegenheiten 
reden,  so  bedauert  er  dies  und  beeilt  sich,  zu  seinem  Lieb- 
lingsthema zurückzukehren:  „il  est  temps  de  reprendre  la 
chronique  scandaleuse  de  la  cour"  (325).  Der  Herausgeber 
besitzt  nicht  die  geringste  kritische  Fähigkeit  und  schreibt 
nicht  selten  neben  einander  zwei  sich  wiedersprechende  Nach- 
richten aus,  ohne  einer  derselben  den  Vorzug  zu  geben:  „Tout 
au  contraire  de  M.  Gunning,  Tenvoye  de  France,  M.  Sabatier, 
s'exprimait  ainsi  .  .  ."  (273).  Der  Herausgeber  erklärt  nicht, 
in  wie  weit  man  den  von  ihm  mitgetheilten  Nachrichten  trauen 
darf;  ja  er  führt  nicht  einmal  Hinweise  an,  nach  denen  man 
sich  über  die  Fähigkeit  des  einen  oder  des  anderen  diplo- 
matischen Agenten,  sich  eine  zuverlässige  Quelle  für  die  von 
ihnen  mitgetheilten  Nachrichten  zu  verschaffen,  ein  Urtheil 
bilden  könnte,  und  nur  an  einer  Stelle  definirt  er  die  gegen- 
seitige Beziehung  des  französischen  und  des  englischen  Agenten 
folgendermaassen:  „Mr.  B6renger  ne  se  croyait  pas  tenu  k 
tant  de  reserve  que  Mr.  Keith"  (218).  Offenbare,  ins  Auge 
springende  und  schon  längst  widerlegte  Ungereimtheiten  in  den 
Mittheilungen  derartiger  Agenten  (216,  228,  241,  243,  255  ff.) 
werden  hier,  sogar  ohne  jegliche  Anmerkungen,  wiederholt, 
und  da  sie  aus  den  Depeschen  der  Vertreter  zweier  Höfe,  des 


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französischen  und  des  englischen,  zusammengetragen  sind,  so 
bringen  sie  schon  allein  durch  die  Masse  ^^skandalöser^'  Nach- 
richten Eindruck  hervor.  Dieses  Werk  bietet  ein  reiches 
Material  für  Romane  und  Novellen,  Komödien  und  Yaudevilles, 
das  denn  auch  die  Dramaturgen  und  Belletristen  nicht  unbe- 
nutzt gelassen  haben. 

In  dem  Buche  findet  sich  weder  ein  Vorwort,  das  den 
Plan  der  Herausgabe  erklärt,  noch  ein  Inhaltsverzeidmiss. 
Es  besteht  aus  15  Capiteln,  von  denen  die  ersten  ftiiif  die 
Zeit  vom  Tode  Peter's  des  Grossen  bis  zur  Thronbesteigung 
Elisabeth  Petrowna's  behandeln.  Der  Name  Eatharina's  wird 
zuerst  auf  S.  113  erwähnt,  und  erst  von  S.  200  ab  wird  sie 
der  Mittelpunkt  der  Darstellung.  Sehr  wichtig  sind  zwei 
Briefe  Katharina's  (155,  170),  die  hier  zum  ersten  Male  ver- 
öflFentlicht  worden  sind;  ein  dritter,  an  Ponjatowskij  (102),  ist 
nur  ein  Nachdruck.  Als  Beilage  sind  abgedruckt:  1.  „Ektraits 
du  Journal  de  Villars"  (383),  2.  „Extrait  des  M6moires  de 
Duclos"  (390)  und  3.  „Notices  sur  les  envoyös,  ministres  et 
ambassadeurs  de  France  prfes  la  cour  de  Eussie".  Hier  w